Startseite

 

Grundprinzipien wirtschaftlichen und sozialen Handelns

 

 

 

 Gliederung:

 

    1. Einführung

    2. Ökonomisches Prinzip

    3. Arbeitsteilung

    4. Produktionsumwege

    5. Tausch    

    6. Wettbewerb

    7. Countervailing power

    8. Drohung

    9. Das Prinzip freier Entscheidungen

  10. Haftungsprinzip und Kapitalgesellschaft

  11.Versicherungs- versus Versorgung

  12. Die Spekulation

  13. Verteilungsprinzipien

  14. Solidaritäts-  und Subsidiaritätsprinzip

 

 

Kapitel 4: Produktionsumwege

 

 

 

Gliederung:

 

1. Das Problem

2. Produktionsumwege als spezielle Arbeitsteilung

3. Das Robinson-Beispiel

4. Die Lehre aus der Robinsonade für die heutige Gesellschaft

5. Kapital versus Kapitalgut

6. Die Bedeutung der Unsicherheit

7. Voraussetzungen für erfolgreiche Produktionsumwege

 

 

 

1. Das Problem

 

Wir wollen uns in diesem Kapitel mit den Produktionsumwegen befassen, welchen in unserem modernen Wirtschaftssystem eine große Bedeutung zukommt. Unter Produktionsumwegen wird hierbei die Tatsache verstanden, dass die vorhandenen Arbeitskräfte zunächst nicht dafür eingesetzt werden, dass sofort und unmittelbar das Konsumgut produziert wird, das eigentlich letztendlich produziert werden soll. Vielmehr stellen wir fest, dass zunächst ganz andere Güter hergestellt werden, mit deren Hilfe dann in einem zweiten Schritt die Konsumgüter produziert werden, nach denen der eigentliche Bedarf besteht.

 

So ist es heutzutage üblich, dass bei den meisten Produktionen die Arbeit durch Maschinen unterstützt wird und dass die Arbeit schon lange nicht mehr mit Hilfe der bloßen Hände sowie einiger weniger Werkzeuge, welche schon sehr früh zur Produktion eingesetzt wurden, verrichtet wird.

 

Im vorhergehenden Kapitel hatten wir uns mit der Arbeitsteilung befasst, aufgrund derer sich die einzelnen Produzenten und Arbeitnehmer spezialisieren konnten und auf diesem Wege enorme Produktivitätssteigerungen erzielt werden konnten. Wir brachten das von Adam Smith, dem Begründer der modernen Wirtschaftstheorie, beschriebene Beispiel, wonach ein Arbeitnehmer zunächst ohne Arbeitsteilung pro Tag vielleicht eine, aber sicherlich nicht mehr als 20 Nadeln anfertigen könne. Wenn nun in der gleichen Fabrik zehn Arbeiter beschäftigt würden und die Gesamtaufgabe der Produktion von Nadeln in unterschiedliche Schritte zerlegt werde, sodass der eine den Draht ziehe, ein zweiter den Draht schneide, ein dritter die Spitzen schärfe usw., könnte die tägliche Gesamtproduktion vielleicht auf 48 000 Nadeln gesteigert werden.

 

Wie bereits im vorhergehenden Abschnitt angedeutet, ist die Arbeitsteilung keineswegs der einzige Tatbestand, welcher dazu beigetragen hat, die Produktivität zu steigern und auf diesem Wege enorme Wachstumsschübe zu verursachen. Auch die sogenannten Produktionsumwege stellen ein Mittel dar, die Effizienz und Produktivität der Arbeit entscheidend zu steigern. Mit der Frage, wie wir uns diese Effizienzsteigerung vorzustellen haben und unter welchen Voraussetzungen denn eine Produktivitätssteigerung auf diesem Wege zu erwarten ist, wollen wir uns in diesem Kapitel befassen.

 

 

2. Produktionsumwege als spezielle Arbeitsteilung

 

Wenn man will, stellt der Produktionsumweg selbst eine Art Arbeitsteilung statt. Wenn wir nämlich davon ausgehen, dass in grauen Vorzeiten die produktive Arbeit nahezu ohne Kapitalgüter und nur mit einigen wenigen Werkzeugen verrichtet wurde, so können wir davon sprechen, dass hier fast die gesamte produktive Tätigkeit durch Einsatz des Produktionsfaktors Arbeit erfolgte. Man hatte die Rohstoffe mit wenigen Werkzeugen zu Tage gefördert und die Produktion der Konsumgüter erfolgte weitgehend dadurch, dass mit Hilfe von Werkzeugen der Rohstoff von Hand bearbeitet wurde.

 

Die Tatsache nun, dass ab einer bestimmten wirtschaftlichen Entwicklung, vor allem seit der Industrialisierung, in großem Stile Maschinen und andere Kapitalgüter eingesetzt wurden, kann nun als Versuch verstanden werden, einen Teil der Arbeit Kapitalgütern zu übertragen und dass dann auf diesem Wege, durch diese Art Arbeitsteilung, wiederum die Produktivität des einzelnen Arbeitnehmers gesteigert werden konnte. Genauso wie Adam Smith in seinem Nadelbeispiel gezeigt hat, dass ein Arbeitnehmer die Anzahl der Nadeln, welche er an einem Tag herstellen kann, von 10 auf mehrere Tausend steigern konnte, genauso könnten wir aufzeigen, dass auch ein Arbeitnehmer, welcher bisher die Produkte von Hand, nur unter Einsatz einiger weniger Werkzeuge, hergestellt hatte, nun mit Hilfe von Maschinen (also Kapitalgütern) wiederum mehrere Tausend Produkte anfertigen kann.

 

Genauso, wie Adam Smith mit Hilfe seines Nadelbeispiels auf die Tatsache aufmerksam gemacht hat, dass sich die Produktivität durch Arbeitsteilung entscheidend steigern lässt, haben Böhm-Bawerk und Carl Menger durch ihr Robinson-Beispiel auf die produktivitätssteigernde Wirkung der Produktionsumwege hingewiesen.

 

Böhm-Bawerk hatte im Rahmen seiner Kapital- bzw. Zinstheorie das Gesetz von der Minderschätzung zukünftiger Bedürfnisse entwickelt. Hierbei stellte sich Böhm-Bawerk die Frage, worin die Ursachen dafür liegen, dass für Kredite ein Zins entrichtet wird und die weitere Frage, von welchen Determinanten die Höhe des Zinssatzes im Einzelnen abhängt.

 

Für Böhm-Bawerk sind drei Faktoren dafür verantwortlich, dass für Kredite ein Preis, der Zins, zu entrichten ist. Erstens weichen im Allgemeinen Bedarf und Deckung in Gegenwart und Zukunft voneinander ab, sodass es eines Agio bedarf, um diese Differenz zwischen Gegenwarts- und Zukunftsbedürfnisse im Bedarf und in der Deckung auszugleichen.

 

Zweitens vertritt Böhm-Bawerk die Auffassung, dass die Menschen ganz allgemein und systematisch die Zukunftsbedürfnisse unterschätzen. Diese Hypothese ging dann als Gesetz von der Minder­schätzung zukünftiger Bedürfnisse in die wirtschaftswissenschaftliche Literatur ein, wir wollen uns mit dieser These hier nicht weiter beschäftigen. 

 

Drittens seien die Gegenwartsgüter besser in der Lage, die heutigen Bedürfnisse zu befriedigen, während die Zukunftsgüter erst mit der Zeit heranreifen würden, um dann genauso wie die heutigen Gegenwartsgüter die Bedürfnisse in zukünftigen Perioden befriedigen zu können.

 

Nur das dritte Argument interessiert in unserem Zusammenhang. Im Mittelpunkt dieses dritten Argumentes steht die These, dass die Produktivität und Effizienz der Produktion entscheidend dadurch gesteigert werden konnte, dass die Menschen Produktionsumwege beschritten, also einen Teil der heutigen wirtschaftlichen Aktivität nicht der unmittelbaren Produktion der heute konsumierbaren Güter widmeten, sondern der Erstellung von Produktionsmittel, welche selbst wiederum die wirtschaftenden Personen in die Lage versetzen, in Zukunft aus den gegebenen Ressourcen insgesamt mehr Güter zu produzieren.

 

 

3. Das Robinson-Beispiel

 

Diese These von den Produktionsumwegen wird üblicherweise anhand des Fischfangs (des Robinson-Beispiels) erläutert. Robinson Crusoe wurde nach einem Roman von Daniel Defoe aufgrund eines Schiffbruchs auf eine einsame, unbevölkerte Insel verschlagen. Zunächst fing er die Fische, welche er zu seiner Ernährung benötigte, mit bloßen Händen.

 

Eines Tages kam er dann auf die Idee, zunächst Netze zu flechten, mit deren Hilfe dann in zukünftigen Perioden der Fischfang gesteigert werden konnte. Hier wurde also ein Produktionsumweg eingeschlagen. Solange ein Teil der Arbeitskraft dafür verwandt wurde, Netze herzustellen, ging der Umfang der gefangenen Fische zurück. Sobald aber die Netze fertig waren, also ausgereift und im Fischfang eingesetzt wurden, stieg der Umfang der eingefangenen Fische stark an.

 

Diese Robinson-Geschichte ist eine der wenigen, wirklich geglückten Erzählungen, anhand derer die in der Wirklichkeit stattfindenden hoch komplexen und für den wirtschaftswissenschaftlichen Laien kaum einsehbaren Zusammenhänge einer modernen Marktwirtschaft trotzdem verständlich dargestellt werden. Es ist ein sehr einfaches, für jeden unmittelbar einsehbares Ereignis, das trotzdem die wesentlichen Züge des Tatbestandes eines Produktionsumweges erkennen lässt.

 

 

4. Die Lehre aus der Robinsonade für die heutige Gesellschaft

 

Die produktive Tätigkeit lässt sich nun in mehrere Ordnungsstufen einteilen. An letzter Stelle steht die Stufe der Produktion von Konsumgütern, welche als solche unmittelbar konsumiert werden können. An nächster Stelle stehen dann die Produktionsmittel (z. B. Anlagen, Netze im Fischerbeispiel), welche zur Produktion der Konsumgüter benötigt werden. An dritter Stelle stehen die Produktionsmittel, welche zur Produktion dieser Anlagen etc. dienen. Die letzte Ordnungsstufe bezieht sich auf die Förderung der Rohstoffe, die zur Produktion eingesetzt werden sowie auf Einrichtungen und Maßnahmen zur Förderung und Erhaltung der Arbeitskraft.

 

Die Arbeitnehmer fragen nun die Konsumgüter (Gegenwartsgüter) nach und bieten dafür ihre Arbeitskraft als Zukunftsgut an, die auf der letzten Ordnungsstufe steht. Der Zinssatz stellt sich hierbei so ein, dass bei bestehendem Lohn der Bestand an Gegenwartsgüter ausreicht, um alle Arbeitnehmer zu bezahlen. Dieser Bestand an Gegenwartsgüter ist umso geringer, je mehr Produktionsumwege beschritten werden.

 

Der Zinssatz ergibt sich hierbei aus dem Tausch von Gegenwarts- und Zukunftsgüter, er ist ein Teil des Preises, der für die Gegenwartsgüter gezahlt werden muss.

 

Betrachten wir ein Beispiel: Wir nehmen an, dass in einer Unternehmung A recht arbeitsintensiv produziert werde, dass 10 Arbeitnehmer  insgesamt 100 Stunden – bereits umgerechnet in normierte Arbeitsstunden  – arbeiteten und dass die Zeit der Produktion vom Beginn an bis zum Ende gerade nur eine Periode betrage. Der Unternehmer ist gezwungen, vor Beginn der Produktion einen Kredit aufzunehmen, der gerade ausreicht, die Arbeitnehmer auszuzahlen. Wir haben nämlich davon auszugehen, dass die Arbeitnehmer unmittelbar bezahlt werden müssen, dass aber der Verkaufserlös erst später erfolgt. Der Einfachheit halber wollen wir unterstellen, dass neben Arbeitskosten keine weiteren Kosten entstehen, dass also z. B. Rohstoffe verarbeitet werden, welche schon im Besitz des Unternehmers sind.

 

Wir gehen nun von einer zweiten Unternehmung B aus, die im Gegensatz zu Unternehmung A sehr kapitalintensiv produziere, wobei wir hier wiederum unterstellen wollen, dass die bei der Produktion benötigten Rohstoffe bereits im Besitz dieser Unternehmung sind, weiterhin sei der Einfachheit halber unterstellt, dass die für die Produktion des Endproduktes benötigten Maschinen in dieser Unternehmung selbst erstellt werden. Wiederum würden 10 Arbeitnehmer mit insgesamt 100 normierten Arbeitsstunden beschäftigt.

 

Die Produktion des Endproduktes benötige nun für den Gesamtprozess der Produktion zwei Perioden, wobei in der ersten Periode zunächst nur die benötigte Maschine hergestellt werde, mit deren Hilfe dann in der zweiten Periode das Endprodukt produziert würde. Der Produktionsumweg umfasse also bei Unternehmung B zwei Perioden, bei Unternehmung A hingegen nur eine Periode.

 

Diese Annahmen haben nun zur Folge, dass Unternehmung A einen Kredit benötigt, der ausreicht, um die Arbeitnehmer insgesamt 100 Stunden arbeiten zu lassen und sie sofort zu entlohnen. Da der Zinssatz bei 3% liege, würden auf die Arbeitskosten 3% der Arbeitskosten als Zinskosten auf die gesamte Kostensumme aufgeschlagen.

 

Unternehmung B hingegen benötigt einen Kredit, welcher ausreicht, die beschäftigten Arbeitnehmer zwei Perioden lang zu beschäftigen. Bei gleichem Zinssatz bedeutet dies, dass auf die Arbeitskosten Zinskosten aufgeschlagen werden müssen, welche nicht 3%, sondern 6% der Arbeitskostensumme (unter Vernachlässigung der Zinseszinsen) ausmachen. 

 

Damit ist gezeigt, dass die Wertsummen beider Produkte durch die Berücksichtigung der Kapitalkosten nicht nur in ihrem absoluten Niveau erhöht werden, sondern dass sich auch die Wertrelationen verändern. Damit ist erwiesen, dass bei Berücksichtigung unterschiedlich langer Produktionsperioden die Wertrelationen zwischen zweier Gütern nicht nur von der Anzahl der notwendigen und normierten Arbeitsstunden, sondern darüber hinaus auch von der Höhe der Kapitalkosten bestimmt werden. Der Versuch David Ricardos, im Rahmen seiner Werttheorie die Anzahl der Arten von Produktionsfaktoren auf eins (nämlich auf die Arbeit als einzigen, wertbestimmenden Produktionsfaktor) zu reduzieren, ist somit gescheitert.

 

In viel größerem Maße gilt, dass die Investitionen, welche die Unternehmungen zur Aufrechterhaltung der Produktionsanlagen durchführen müssen, mit Risiken verbunden sind. Investitionen sind volkswirtschaftlich gesehen dadurch gekennzeichnet, dass Produktionsumwege eingeschlagen werden. Bevor überhaupt mit der Produktion der eigentlichen Endprodukte begonnen wird, müssen die knappen Produktionsfaktoren dafür eingesetzt werden, dass Maschinen und andere Produktionsanlagen wie z. B. Gebäude oder Maschinen hergestellt werden. Dieser Prozess der Produktionsumwege zieht sich zumeist über mehrere Jahre hin und dies bedeutet, dass die bei der Produktion auftretenden Risiken um ein Vielfaches ansteigen werden. Dies gilt bereits für die verschiedenen Störungen in der Produktion, welche nun in der Zeit der Produktionsumwege auftreten können.

 

Die Gefahr, dass die Endverbraucher gar nicht mehr an den produzierten Waren interessiert sind, wenn schließlich nach Fertigstellung der Investitionsgüter die Endprodukte produziert werden können, steigt in dem Maße, in dem sich dieser Prozess der Produktionsumwege in die Länge hinzieht. Die Unternehmungen, welche eine Ausweitung der Produktion von Konsumgütern planen, müssen sehr viel früher die hierzu benötigten Maschinen in Auftrag geben. Aus den gleichen Gründen wird auch die Gefahr, dass bisherige Kunden zu Konkurrenten überlaufen, um so größer, je länger der Prozess der Produktionsumwege dauert.

 

Besonders hohe Risiken sind schließlich dann zu erwarten, wenn Innovationen geplant werden, wenn also neue Techniken zur Herstellung der bisher produzierten Güter oder auch die Produktion ganz neuer, bisher unbekannter Güter zur Diskussion stehen. Hier muss davon ausgegangen werden, dass zunächst eine Vielzahl von Laboruntersuchungen durchgeführt werden muss, dass die einzelnen Techniken erprobt werden müssen, um festzustellen, ob diese neuen Techniken überhaupt zum erwünschten Erfolg führen und weiterhin, ob die neuen Produkte von den Konsumenten angenommen werden.

 

Mit anderen Worten: Die Produktion kann nur aufrechterhalten und das Wachstum ermöglicht werden, wenn eine große Bereitschaft besteht, Kapital für riskante Operationen zur Verfügung zu stellen. Nun haben wir davon auszugehen, dass die große Mehrheit der Bevölkerung eher risikoscheu ist. Zu einem größeren Risiko bereit ist immer nur eine Minderheit der Bevölkerung. Auch ist die Mehrheit der Bevölkerung auch gar nicht in der Lage, größere Risiken zu übernehmen. Die unternehmerischen Risiken können nur von denjenigen Bürgern übernommen werden, welche über ein großes Vermögen verfügen. Denn nur dann sind sie in der Lage, auch größere Verluste zu tragen, ohne gleich Konkurs zu gehen.

 

 

6. Kapital versus Kapitalgut

 

Wie bereits erwähnt, findet hier also eine Art Arbeitsteilung zwischen Arbeit und Kapital statt. Auf den ersten Blick hat es den Anschein, als bestünde das für die Produktion aufzubringende Kapital in den Kapitalgütern, also z. B. in den Maschinen, welche im Produktionsprozess eingesetzt werden. Die Herstellung der einzelnen Waren erfolgt hier also nicht mehr dadurch, dass die Arbeitnehmer den Rohstoff mit bloßen Händen (vielleicht unter Einsatz von einzelnen Werkzeugen) bearbeiten. Ein Teil der notwendigen technischen Arbeitsschritte werden nun von den Maschinen, also von den Kapitalgütern erfüllt.

 

In unserem Robinson-Beispiel hatte Robinson zunächst die für seine Ernährung notwendigen Fische mit der bloßen Hand gefischt, später konnte er den täglichen Fang dadurch wesentlich steigern, dass er mit dem zuvor selbst angefertigten Netz die Fische fing. Das Kapitalgut, das Robinson einsetzte, war also das Netz, vergleichbar mit den Maschinen, welche in der modernen Produktion eingesetzt werden.

 

Aber das Kapitalgut, also das Netz in der Robinson-Erzählung, ist nicht das hier zum Einsatz kommende Kapital. Von Kapital sprechen wir immer dann, wenn ein Produktionsfaktor, also ein Inputfaktor angesprochen wird. Das Kapitalgut, das Netz Robinsons, die diversen Maschinen in der Produktion von heute, stellen hingegen ein Gut dar, also einen Outputfaktor. Das Kapitalgut ist das Ergebnis produktiver Tätigkeit, das durch Einsatz des Produktionsfaktors Kapital am Ende eines Teilabschnitts des Produktionsprozesses entsteht und in diesem Sinne bei allen Unterschieden zwischen Konsumgütern und Produktionsgütern trotzdem ein Gut bleibt. Der einzige Unterschied zwischen den Konsum- und den Produktionsgütern liegt darin, dass ein Konsumgut – wie bereits weiter oben gezeigt – am Ende des Produktionsergebnis steht, während jedes Kapitalgut irgendwo in der Mitte des Produktionsvorgangs angesiedelt ist.

 

Wollte man das Kapitalgut selbst als Kapital verstehen, bliebe unklar, wieso denn für dieses Gut ein Zins gezahlt wird, der allein den Kapitalgebern, also den wirtschaftenden Personen zufällt, welche den Produktionsfaktor Kapital zur Verfügung stellen. Bei einer solchen Deutung des Kapitals als Kapitalgut bliebe vollkommen unverständlich, weshalb denn dieser Ertrag lediglich den Anbietern von Kapital zufließt, obwohl doch die Arbeitnehmer genauso wie bei der Herstellung von Konsumgütern am Zustandekommen dieses Gutes beteiligt waren.

 

Wie wir gesehen haben, ging es jedoch Böhm-Bawerk um eine Erklärung und wohl auch Rechtfertigung des Umstandes, dass ohne Arbeitseinsatz ein Zins ausgezahlt wird. Wollten wir also im Kapitalgut selbst den Produktionsfaktor Kapital sehen, wäre das eigentliche Anliegen Böhm-Bawerks mit den bisherigen Ausführungen noch nicht ausreichend beantwortet.

 

Worin besteht aber nun der Faktor Kapital in Wirklichkeit? Betrachten wir nochmals die Robinsonade. Damit Robinson das Netz (das Kapitalgut) produzieren konnte, musste er einen Teil seiner bisherigen Tätigkeit, des Fangen von Fischen mit der bloßen Hand aufgeben, um überhaupt das Netz (das Kapitalgut) herstellen zu können. Das setzt aber voraus, dass Robinson entweder beim Fischefangen mit der bloßen Hand bereits so produktiv war, dass er an einem Tag mehr Fische fangen konnte, als er für das Überleben benötigt oder dass er unter Umständen wegen dieses Überflusses in der Vergangenheit einige Fische zurücklegen konnte.

 

Da er aber auf der Insel keine Möglichkeit hatte, Fische längere Zeit zu lagern, fällt diese zweite Möglichkeit für ihn ohnehin weg. Auch die weitere Möglichkeit, dass eine zweite Person Robinson während der Zeit, in der er das Netz flechtet und deshalb vorübergehend keine oder zu wenig Fische fangen kann, Nahrung verschafft, ist in dieser Erzählung ausgeschlossen, da er ja als einziger Schiffbrüchiger an die Insel gespült wurde. Auch Freitag, der ihm eines Tages begegnet, könnte ihm in dieser Aufgabe nicht helfen, da er selbst über keine freien Mittel verfügt. 

 

Nun ist die Robinsonade ja auch nur eine Art Gleichnis, es soll mit einfachen Mitteln, die jeder     auch der wirtschaftswissenschaftlich Unkundige – ohne weiteres verstehen kann, den eigentlichen Zusammenhang bei einem Produktionsumweg einsichtig machen. Der Inhalt eines Gleichnisses entspricht jedoch niemals in allen Einzelheiten der Wirklichkeit, die es mit Hilfe des Gleichnisses zu erklären gilt. Nur ein einzelnes, hervorgehobenes Moment findet sowohl im Gleichnis wie auch in der zu erklärenden Wirklichkeit eine vollständige Entsprechung.

 

In der Wirklichkeit, die es mit diesem Gleichnis zu erklären gilt, sind die Ausgangsbedingungen wesentlich günstiger. Wir können hier davon ausgehen, dass die produktive Tätigkeit einiger Menschen bereits so weit entwickelt ist, dass diese mehr produzieren, als sie für ihr Existenzminimum benötigen und gerade deshalb die Möglichkeit haben, einen Teil ihrer Einkünfte zu sparen. Vor allem aber gibt es in unserer realen Welt eine Vielzahl von wirtschaftenden Menschen, sodass selbst dann, wenn ein einzelner nur so wenig arbeiten kann, dass er die gesamten Früchte seiner Arbeit für sein tägliches Leben benötigt und deshalb keinen Konsumverzicht leisten kann, immer noch die Möglichkeit besteht, dass ihm ein zweites Individuum diese zur Anfertigung des Kapitalgutes benötigten Mittel zur Verfügung stellen könnte. Drittens schließlich wären auch die Möglichkeiten, die in der Vergangenheit produzierten und gesparten Güter zu lagern, aufgrund der fortgeschrittenen Technik wesentlich günstiger als bei Robinson.

 

Unsere heutige Situation im Zusammenhang mit Produktionsumwegen ist dadurch ausgezeichnet, dass auf der einen Seite die meisten Arbeitnehmer nicht über die materiellen Ressourcen verfügen, welche es ihnen gestatten würden, auch mehrere Perioden, in denen nur Maschinen produziert werden und in denen deshalb auch noch keine Verkaufserlöse anfallen, ohne Lohneinkommen auszukommen. Gleichzeitig gibt es jedoch andere Individuen, welche über Ersparnisse aus der Vergangenheit verfügen und deshalb in der Lage sind, diese Ersparnisse den Produzenten zur Verfügung zu stellen und dadurch überhaupt erst die Möglichkeit schaffen, dass die Arbeitnehmer bereits in der ersten Produktionsperiode für ihre Arbeit ausbezahlt werden können, obwohl die Unternehmer wegen der eingeschlagenen Produktionsumwege in diesem Zeitpunkt noch gar keine Verkaufserlöse erzielen konnten.

 

Und dies bedeutet, dass letzten Endes aufgrund des Umstandes, dass irgend jemand zuvor einen Teil seines Einkommens gespart und somit Konsumverzicht geleistet hat, überhaupt erst die Möglichkeit geschaffen wurde, Produktionsumwege einzuleiten. Dies gilt gleichermaßen für Robinson in unserer Erzählung wie auch für die komplexe moderne Marktwirtschaft. Der Unterschied zwischen der Robinsonade und der heutigen realen Wirklichkeit besteht dann eben nur darin, dass Robinson nicht auf Dritte zurückgreifen konnte und von ihnen diese Ressourcen ausleihen konnte.

 

Diese Ersparnisse sind also das eigentliche Kapital, das Produktionsumwege überhaupt erst möglich macht. Und diese Notwendigkeit, über Kapital zu verfügen, um Produktionsumwege einzuleiten, macht es dann auch verständlich, dass für dieses knappe Gut auch ein Preis, eben der Zins, gezahlt wird.

 

Karl Marx und die Kommunisten versuchten, diesen Zusammenhang ins Lächerliche zu ziehen, in dem sie bezweifelten, dass ein Millionär mit diesem Konsumverzicht ein großes Opfer bringen musste, das es im Zins zu entgelten gilt. Diese Kritik geht jedoch am eigentlichen Problem vorbei. Es ist ja nicht – wie Karl Marx anzudeuten versuchte –, das Arbeitsleid, das ein Arbeitnehmer durch seine Arbeit erfährt, das den Wert eines Gutes bestimmt. Ein Arbeitnehmer mag noch so viel Arbeitsleid bei der Anfertigung eines Gutes erfahren haben, wenn nach diesem Gut kein Bedarf besteht, wenn mit Hilfe dieses Gutes also bei niemand eine Wohlfahrtssteigerung herbeigeführt werden kann, hat dieses Gut auch keinen Wert. Ein Gut erreicht nur dadurch überhaupt einen Wert, dass es irgendeinem Menschen Nutzen verschafft und knapp ist. Dadurch, dass aufgrund dieses Konsumverzichtes überhaupt erst die Produktion von Konsumgütern aufgenommen werden konnte, entstand letzten Endes Nutzen.

 

Die Arbeitsleistung ist zwar im Allgemeinen eine Voraussetzung dafür, dass Güter produziert werden konnten. Trotzdem handelt es sich hierbei um eine Voraussetzung, welche zur allgemeinen Wohlfahrt nicht ausreicht, noch nicht einmal in jedem Falle notwendig ist.

 

Das Arbeitsleid reicht nicht aus, um Wert zu erzeugen. Wenn ein Arbeitnehmer ein Gut erstellt, das niemanden nützt, ist auch kein wirtschaftlicher Wert entstanden. Das Arbeitsleid ist aber auch nicht notwendig, um Wert zu erzeugen. Wenn nämlich jemand ein Gut zur Verfügung stellt, dann spielt es für die entstandene Wohlfahrt keine Rolle, ob derjenige, der das Gut zur Verfügung gestellt hat, für dieses Gut Arbeitsleid erfahren hat oder ob er ohne eigene Leistung dieses Gut anbieten konnte. Wichtig ist in diesem Zusammenhang nur, dass dieses Gut knapp ist und dass die Knappheit größer wäre, wenn der Betreffende dieses Gut nicht angeboten hätte.

 

In gleicher Weise ist der Zins auch nicht in erster Linie ein Entgelt für den Nutzenentgang, den der Einzelne dadurch erfährt, dass er Teile seines Einkommens spart und damit Konsumverzicht übt. Einen Wert erhält eine Ersparnis nur dadurch, dass sie erlaubt, Produktionsumwege einzuleiten und dadurch dazu beiträgt, dass mit der gegebenen Arbeitskraft mehr Güter als bisher produziert werden können. Auch hier gilt, dass dieser Konsumverzicht nur dadurch einen Wert erhält, dass Knappheit reduziert wurde.

 

Und in diesem Zusammenhang kommt dann auch das von Böhm-Bawerk formulierte Gesetz der generellen Minderschätzung zukünftiger Bedürfnisse ins Spiel. Wenn es richtig ist, dass die Konsumenten ganz allgemein zukünftige Bedürfnisse unterschätzen, dann bedarf es eben eines besonderen Anreizes (des Zinses), um diese Minderschätzung auszugleichen und die Konsumenten zu veranlassen, trotz Minderschätzung der zukünftigen Bedürfnisse Teile des Einkommens für die zukünftigen Perioden zurückzulegen. Und wenn wir zusätzlich berücksichtigen, dass ja die Zurverfügungstellung von Kapital dazu dient, Produktionsumwege einzuleiten und damit die Produktivität zu steigern, haben die Produzenten auch die Möglichkeit, aus diesem zusätzlichen Erlös die Anbieter von Kapital mit der Gewährung eines Zinses zu entlohnen.

 

 

7. Die Bedeutung der Unsicherheit

 

Mit dem Hinweis auf die Minderschätzung zukünftiger Bedürfnisse sowie dem hierdurch erzielten zusätzlichen Ertrag ist jedoch die eigentliche Rolle des Kapitals für das Einschlagen von Produktionsumwegen noch nicht voll erkannt. Es ist die Unsicherheit, die beim Einschlagen von Produktionsumwegen entsteht, welche letzten Endes überhaupt erst die Entstehung eines Zinsgewinnes erklärt.

 

Wenn nämlich das Einschlagen eines Produktionsumweges ohne jegliche Unsicherheit möglich wäre, würde sich in einer freien Marktwirtschaft der Zinssatz auf die erwartete allgemeine Preissteigerung einstellen. Der Zins wäre dann nur eine notwendige Kompensation für den Verlust, den ein Sparer dadurch erleidet, dass der Kapitalgeber nach Rückzahlung des Kredites aufgrund der eingetretenen Preissteigerungen mit der ausgeliehenen Geldsumme weniger Waren erwerben kann als in dem Zeitpunkt, in dem er den Kredit gewährt hat. Sein Realeinkommen würde sich deshalb in diesem Falle aufgrund der Zinseinnahmen überhaupt nicht erhöhen. Er würde nur für den erlittenen realen Verlust mit dem Zins entschädigt.

 

Langfristig entspricht deshalb der Zins in einer funktionierenden Marktwirtschaft für Sparkonten und für festverzinsliche Wertpapiere der Inflationsrate. Das Risiko, das jemand eingeht, der seine Ersparnisse auf Sparkonten bei der Bank einzahlt, ist denkbar gering. Aufgrund der gesetzlich verordneten Reservefonds erleidet der Sparer in diesem Falle noch nicht einmal Verluste, wenn die Bank, bei welcher ein Sparer seine Ersparnisse angelegt hat, Konkurs ging. Das Risiko festverzinslicher Wertpapiere ist demgegenüber deshalb gering, da ja diese Wertpapiere nach Ablauf einer festgelegten Frist zum Nennwert ausgezahlt werden. Nur dann, wenn der Kapitalanleger vor Ablauf dieser Frist seine Wertpapiere verkauft, geht er das Risiko eines Kursverlustes ein.

 

Nur der Teil der Zinsen, der die Inflationsrate übersteigt, stellt somit überhaupt ein reales Einkommen dar. Und diese Differenz zwischen Zinshöhe und Inflationsrate hängt nun entscheidend von der Höhe des Risikos ab, das der Kapitalgeber eingeht. Allgemein gilt, je höher das Risiko ist, um so höher ist auch die Zinsdifferenz zur Inflationsrate.

 

Ein Risiko einzugehen, stellt jedoch selbst wiederum ein knappes Gut dar. Mit dieser Zinsdifferenz, dem realen Zinssatz wird wiederum nicht primär eine Entlohnung für die möglichen Verluste gewährt. Es ist vielmehr wiederum die Knappheit, die darüber entscheidet, wie hoch sich der Zinssatz einstellt. Die möglichen Verluste mögen noch so hoch sein, wenn keine Knappheit an Risikokapital bestünde, würde auch kein Realzins ausgezahlt. Natürlich gilt auch, dass die Bereitschaft Risiken einzugehen, selbst wiederum mit der Höhe des Realzinses ansteigt.

 

Inwieweit ist nun das Einschlagen eines Produktionsumweges mit Unsicherheit verbunden? Beginnen wir zunächst mit Robinson, auch hier müssen wir davon ausgehen, dass für Robinson die Herstellung eines Netzes nicht ohne Risiken zu bewältigen ist. Robinson war sicherlich bevor er auf die einsame Insel verschlagen wurde, kein Fischer von Beruf, sodass er vermutlich auch nicht über die Kenntnisse zur Anfertigung eines Netzes verfügte. Es bestand also die Gefahr, dass er das Netz nicht auf Anhieb anfertigen konnte.

 

Weiterhin müssen wir mit der Möglichkeit rechnen, dass es unter Umständen schwierig war, auf der Insel Material zu finden, das für die Anfertigung eines Netzes geeignet war. Er musste also unter Umständen sehr lange suchen, bevor er einen hierfür geeigneten Rohstoff vorfand. Vielleicht war dieser Rohstoff auch so brüchig, dass das Netz schon sehr bald nach Gebrauch, riss. Es könnte ja auch sein, dass es gerade um die Insel herum sehr wenige Fische gab, z. B. deshalb, weil große Raubfische in dieser Gegend zuhause waren, welche die kleineren Fische vertrieben. In diesem Falle wäre der Ertrag eines täglichen Fischfanges aufgrund des Netzes auch nicht entscheidend angestiegen.

 

Wenn wir uns nun der Frage zuwenden, wie es denn in der heutigen Wirklichkeit mit den Risiken steht, welche es im Zusammenhang mit einem Produktionsumweg zu bewältigen gilt, müssen wir  mit einem viel größeren Umfang an Unsicherheit rechnen.

 

Gehen wir z. B. davon aus, dass der Produktionsumweg die Menge an Waren, welche mit den vorhandenen Arbeitskräften zusätzlich hergestellt werden können, vergrößert. Es muss mit der Möglichkeit gerechnet werden, dass sich der Produzent in der Annahme getäuscht hat, dass er diese zusätzlichen Waren ohne große Schwierigkeiten absetzen kann.

 

Entweder hat ein Produzent nicht genügend Aufklärung betrieben, bevor er mit dem Produktionsumweg begonnen hat, oder die Bedürfnisse der Kunden haben sich in der Zwischenzeit anderen Waren zugewandt oder schließlich haben andere Produzenten ebenfalls neue – die Produktivität steigernde – Techniken eingeführt und einigen von ihnen ist es gelungen, sogar noch mehr Kosten einzusparen, sodass diese Unternehmer die Waren noch biliger anbieten können, was zur Folge hat, dass Kunden zu den Konkurrenten abwandern. Auch im Verlaufe des Produktionsprozesses kann es schließlich zu nicht erwarteten Unfällen kommen, diese Gefahr ist dann besonders groß, wenn neue Techniken eingeführt werden sollen.

 

Es leuchtet nun ohne Weiteres ein, dass die mit der Kreditvergabe verbundene Unsicherheit in dem Maße zunimmt, in dem die Zeit des Produktionsumweges ansteigt. Je länger der Zeitraum ist, bis ein Kredit aus den Erlösen der Endprodukte zurückgezahlt werden kann, um so größer ist die Gefahr, dass die potentiellen Kunden ihre Bedürfnisse ändern, dass neue Konkurrenten in den Markt eindringen oder dass im Produktionsprozess nicht vorhergesehene Unfälle auftreten. Wenn wir z. B. damit rechnen müssen, dass die Gefahr eines Unfalles im Produktionsprozess 10% beträgt, dann müssen wir davon ausgehen, dass innerhalb von 10 Perioden ein solcher Unfall eintritt. Und wenn wir weiterhin den Produktionsprozess als eine Abfolge vieler hundert mal wiederkehrender Perioden verstehen, könen wir fast mit Sicherheit davon ausgehen, dass sich jedes 10. Mal ein solcher Unfall ereignet.

 

Alles in allem wird davon ausgegangen werden müssen, dass nahezu jede grundlegende Erneuerung, welche im Zusammenhang mit Produktionsumwege begonnen wird, mit sehr hohen Risiken verbunden ist. Treten jedoch im Zusammenhang mit Produktionsumwegen hohe Risiken auf, so verändern sich die Umstände, welche mit dem Angebot an Kapital verbunden sind, für den Kapitalgeber gravierend. Er muss nun nicht nur befürchten, dass wegen eines Ansteigens des allgemeinen Preisniveaus der reale Wert der ausgeliehenen Geldmenge zurückgeht, er muss nun auch befürchten, dass er wegen dieser Risiken vielleicht sein gesamtes ausgeliehene Geld verliert.

 

In einem solchen Falle scheint es gerechtfertigt zu sein, dass für die Kreditgabe ein Preis, eben ein Realzins, verlangt wird. Aber auch hier liegt die Rechtfertigung eines Zinses oberhalb der Inflationsrate weniger darin, dass der Kreditgeber aufgrund der Übernahme dieser Risiken eine Entlohnung verdient hat. Viel wichtiger ist vielmehr, dass gerade dadurch, dass ein Realzins für unsichere Kredite gewährt wird, die Knappheit vermindert wird und dass aufgrund dieser Verminderung die Wohlfahrt der Konsumenten gesteigert werden kann. Es ist der Zins bzw. die Zinssteigerung, welche einen  Anreiz setzt, bei Knappheit das Angebot zu erhöhen und damit letzten Endes die Knappheit zu vermindern. In dieser Wohlfahrtssteigerung liegt die eigentliche Rechtfertigung für die Bezahlung eines Zinses.

 

 

7. Voraussetzungen für erfolgreiche Produktionsumwege

 

Damit aber nun von einer befriedigenden Ordnung des Kapitalmarktes gesprochen werden kann, müssen einige Voraussetzungen erfüllt sein. Es hat vor allem das Haftungsprinzip zu gelten, wonach zwar jeder, der ein Risiko eingeht, auch berechtigt ist, den Ertrag zu vereinnahmen, wenn diese Investition zu dem erwarteten Erfolg führt, dass er aber dann, wenn diese Investition fehlschlug, auch für die vollen Schäden haftet. Es hat ihn ja niemand  gezwungen, dieses Risiko einzugehen.

 

Walter Eucken sah in der Verwirklichung dieses Haftungsprinzips ein konstituierendes Prinzip einer jeden Marktwirtschaft. Wenn – wie es in der Vergangenheit bisweilen der Fall war – der Kapitalgeber zwar die Früchte einer Investition einstreicht, es ihm aber gelingt, mögliche Verluste auf die Allgemeinheit abzuwälzen, wird jede Rechtfertigung einer Gewährung von Zinsen in Frage gestellt.

 

Man könnte nun die Frage stellen, ob nicht gerade wegen dieser Gefahren ein sozialistisches Wirtschaftssystem nicht einer marktwirtschaftlichen Ordnung vorzuziehen sei, dass also das gesamte Erwerbsvermögen verstaatlicht werde und der Staat als alleiniger Kreditgeber fungiere und die Gesamtheit der mit dem Produktionsprozess  verbundenen Risiken übernehme.

 

Ein solcher Vorschlag übersieht, dass die von einem politischen System ausgehenden Anreize eine befriedigende Lösung verhindern. Bei einer politischen Lösung der Kreditvergabe erhält der Politiker oder Beamte, der im Auftrag des Staates Risiken eingeht, weder eine materielle Vergütung dafür, dass er eine erfolgreiche Investition durchgeführt hat, noch hat er materielle Verluste zu erleiden, falls die Investition fehlgeschlagen hat. Ein solches Anreizsystem verleidet jedoch dazu, auch ausgesprochen riskante und gewagte Investitionen durchzuführen, kann doch der Beamte oder Politiker mögliche Verluste an die Bevölkerung weitergeben.

 

Ein verantwortungsvolles Handeln setzt vielmehr voraus, dass dort, wo die Risiken überschaubar sind, auch die Bereitschaft besteht, solche Investitionen zu wagen. Ein Unternehmer, welchem die potentiellen Erträge eines solchen Handelns zumindest zum Teil zugute kommen, wird viel eher bereit sein, solche überschaubaren Risiken zu wagen, als ein Beamter, der keinen materiellen Gewinn aus einer gelungenen Investition zieht.

 

Umgekehrt gilt aber auch, dass ein Unternehmer vor einer sehr risikoreichen Investition, bei der mit großer Wahrscheinlichkeit mit einem Verlust gerechnet werden muss, zurückschreckt, weil er die sehr wahrscheinlichen Verluste selbst tragen muss, während ein Politiker oder Beamter, gerade deshalb, weil er nicht für potentielle Verluste selbst aufkommen muss, viel eher zu einem waghalsigen, nicht zu verantwortenden Handeln bereit ist. Falls der Staat das Haftungsprinzip garantiert, wird man alles in allem davon ausgehen können, dass eine Kreditvergabe in privaten Händen gerade dem Allgemeinwohl sehr viel besser dient als ein staatliches Kreditvergabemonopol.

 

Nun könnte man einwenden, dass aber in diesem Falle der Staat zumindest für eine breite Streuung der Vermögen sorgen müsse, sodass auf diesem Wege auch die Zinserträge weitgehend der gesamten Bevölkerung zugute kämen.

 

Eine solche Schlussfolgerung übersieht, dass bei einer breiten Streuung der Vermögen die Gefahr besteht, dass es wegen zu großer Risikoscheue an Bereitschaft zum Risiko mangelt. Die Bereitschaft zum Risiko hängt nämlich entscheidend von der Höhe des Vermögens ab, über das der potentielle Kapitalgeber verfügt. Erfahrungsgemäß steigt die Bereitschaft, Risiken auf sich zunehmen, mit der Höhe des Vermögens. Dafür gibt es auch gute Gründe.

 

Wer nur über ein kleines Vermögen verfügt, wird bei einer Fehlinvestition sein gesamtes Vermögen verlieren und gerade deshalb, darauf verzichten, Risiken einzugehen. Ein Kapitalgeber, der über ein sehr großes Vermögen verfügt, kann mögliche Verluste sehr viel besser verkraften. Er verliert dann, wenn eine bestimmte Investition fehlschlägt, nicht sein gesamtes Vermögen. Der Vermögende kann im Allgemeinen davon ausgehen, dass einer verlustreichen Investition eine oder mehrere gewinnbringende Investitionen gegenüberstehen, sodass auch dann, wenn fast jede Investition mit gewissen Risiken verbunden ist, trotzdem bei einer ausreichenden Streuung per Saldo mit einem Gewinn gerechnet werden kann, auch dann, wenn stets einige Investitionen fehlschlagen.