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Grundprinzipien wirtschaftlichen und sozialen Handelns

 

 

 

 Gliederung:

 

    1. Einführung

    2. Ökonomisches Prinzip

    3. Arbeitsteilung

    4. Produktionsumwege

    5. Tausch    

    6. Wettbewerb

    7. Countervailing power

    8. Drohung

    9. Das Prinzip freier Entscheidungen

  10. Haftungsprinzip und Kapitalgesellschaft

  11.Versicherungs- versus Versorgungsprinzip

  12. Die Spekulation

  13. Verteilungsprinzipien

  14. Solidaritäts-  und Subsidiaritätsprinzip

 

 

Kapitel 2: Das Ökonomische Prinzip

 

 

 

Gliederung:

 

1. Das Problem

2. Das Streben nach Gewinnmaximum

3. Das Streben nach Nutzenmaximierung

 

 

1. Das Problem

 

Wir beginnen unsere Analyse der wirtschaftlichen Prinzipien mit dem ökonomischen Prinzip. Wie wohl kein anderes Prinzip im Rahmen der wirtschaftswissenschaftlichen Analyse hat dieses erste Prinzip eine umfassende Bedeutung erlangt. Wenn man will, kann man im ökonomischen Prinzip die Aufgabe eines wirtschaftlichen Gesellschaftssystem schlechthin sehen. Und diese Aufgabe besteht schlicht und einfach darin, die Knappheit zu bewältigen.

 

Wir haben davon auszugehen, dass der größte Teil unserer Bedürfnisse zu ihrer Befriedigung materieller Ressourcen bedarf und dass der Vorrat an materiellen Ressourcen nicht ausreicht, alle unsere Bedürfnisse zu befriedigen, wir sprechen hierbei von Knappheit.

 

Allerdings geht das wirtschaftliche Grundproblem weit über die Aufgabe hinaus, unsere Bedürfnisse zu befriedigen. Natürlich ist es richtig, dass alle Menschen von Natur aus Bedürfnisse haben, welche – wie die Instinkte und Triebe aller Lebewesen – ohne Zutun des Menschen entstehen und die ihren Sinn darin finden, dass die Bedürfnisse sicherstellen, dass der Mensch auch all die materiellen Güter erhält, welche er zum physischen Überleben benötigt.

 

Es wäre jedoch falsch, wollte man davon ausgehen, dass wirtschaftliches Handeln nur aufgrund menschlicher Bedürfnisse notwendig wird und dass deshalb allein die Bedürfnisse und ihre Befriedigung Gegenstand wirtschaftswissenschaftlicher Analysen sind. Vor allem Joseph Alois Schumpeter hat darauf aufmerksam gemacht, dass es zwar richtig ist, dass die Klassiker der Wirtschaftstheorie in der Tat die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse in den Mittelpunkt ihrer Analysen gestellt haben und dass ein Teil dieser Klassiker im Sinne des Hedonismus das oberste Ziel aller ökonomischen Aktivitäten darin sah, für die größte Zahl der Menschen die höchstmögliche Bedürfnisbefriedigung und damit Lust herbeizuführen.

 

Trotzdem könne man nicht davon sprechen, dass sich ökonomische Analysen auf die mit der Lustbefriedigung verbundenen Tätigkeiten beschränken, die Klassiker wären zwar zu einem großen Teil in der Tat Anhänger des Hedonismus und des Utilitarismus gewesen, sie hätten ihre Analysen im Gewande des Utilitarismus (der Lehre vom Nutzen der Menschen) vorgetragen, hätten jedoch an keiner Stelle die Wirtschaftslehre an den Utilitarismus verraten.

 

Im Grunde gehe es in jeder Wirtschaftstheorie darum, dass Menschen Ziele verfolgen und dass zur Realisierung dieser Ziele materielle Güter benötigt werden, welche als knapp zu gelten haben. Diese Ziele können, müssen aber nicht darin bestehen, menschliche Bedürfnisse zu befriedigen, der Mensch kann im Grunde genommen die unterschiedlichsten Ziele verfolgen und ein Teil dieser Ziele hat nichts mit der Bedürfnisbefriedigung zu tun.

 

Die Erreichung dieser Ziele kann wie bei der Bedürfnisbefriedigung in der Tat darin liegen, dass Voraussetzungen geschaffen werden, welche zum Überleben der Menschen unerlässlich sind, es kann sich aber auch um vergeistigte Ziele handeln, die nichts mit unserem Alltagsleben zu tun haben, die sich wie z. B. religiöse Ziele sogar im Grunde mit dem möglichen Leben nach dem Tode befassen.

 

Hierbei ist es von entscheidender Bedeutung, dass der moralische Wert eines Zieles in keinster Weise mit der Frage zu tun hat, ob und in welchem Umfang zur Realisierung dieser Ziele materielle und knappe Ressourcen benötigt werden. Es gibt moralisch sehr hoch stehende Ziele, welche nur mit Einsatz materieller Güter realisiert werden können. Nehmen wir den Fall, dass wir das Ziel verfolgen, den Menschen, welche durch Naturkatastrophen um ihr Hab und Gut gebracht wurden und nun in größter Not leben müssen, tatkräftig zu helfen. Es besteht kein Zweifel, dass es sich hierbei um Ziele handelt, welche auf der einen Seite moralisch sehr hoch eingeschätzt werden, die christlichen Religionen – aber nicht nur sie – sehen in der Nächstenliebe im Sinne einer Hilfe aller Notleidenden die eigentliche dem Menschen aufgetragene Aufgabe.

 

Auf der anderen Seite ist es jedoch auch klar, dass diese Hilfe sogar einen sehr hohen Einsatz an materiellen Gütern erfordert, diesen Menschen kann nur dadurch geholfen werden, dass ihnen unter anderem (neben Trost) Nahrung, Kleidung und Wohnung gewährt werden muss. Und da diese materiellen Güter zumeist knapp sind, also die Spendengelder kaum ausreichen, um auch nur die gröbsten Mängel zu beheben bzw. zu mildern, bedarf es gerade zur Realisierung dieser moralisch sehr hoch stehenden Zielsetzung aller Anstrengungen, um mit den wenig vorhandenen materiellen Mitteln ein Maximum an Hilfe  zu erreichen.

 

Nehmen wir als Gegenbeispiel einen Arbeitnehmer, welcher in dem Betrieb, in welchem er beschäftigt ist, einen Arbeitskollegen schikaniert, wo er nur kann, er demütigt ihn, macht in vor seinen Kollegen lächerlich, er mobbt ihn, wie man heute diese Verhaltensweisen nennt. Für dieses Mobbing braucht der Mobbende keinerlei materiellen Güter. Trotzdem, obwohl also zur Ausführung dieser moralisch verwerflichen Ziele keinerlei materielle Güter benötigt werden, wird dadurch dieses Handlung im moralischen Sinne um nichts besser.

 

Genauso wie gilt, dass die moralische Bewertung eines Zieles völlig unabhängig von der Frage zu entscheiden ist, ob und wie viel materielle Güter zur Erreichung dieses Zieles benötigt werden, genauso ist jedoch der Wert eines Zieles auch nicht davon abhängig, wie knapp die Güter sind, welche zur Zielrealisierung benötigt werden und wie viel Güter wir zur Realisierung dieser Ziele benötigen. Die Hilfe für Notleidenden gilt auch dann als besonders wertvoll, wenn besonders viele knappe Güter benötigt werden. Mit der Knappheit steigt weder der Wert des Zieles noch sinkt der Wert bei zunehmender Knappheit.

 

Die Tatsache also, dass zur Realisierung bestimmter Ziele materielle und knappe Ressourcen benötigt werden, macht es nun notwendig, zwischen den verschiedenen Zielen eine Rangordnung aufzustellen. Es leuchtet ohne Weiteres ein, dass irrational gehandelt würde, wenn zunächst die im moralischen Sinne weniger wertvollen Ziele angegangen würden und dass dann – eben wegen der Knappheit der benötigten materiellen Ressourcen – gerade die wichtigeren Ziele gar nicht realisiert werden könnten.

 

Die Knappheit macht es also notwendig, dass man sich als erstes über den Wert der einzelnen Ziele und damit über eine Rangordnung der Wichtigkeit der Ziele klar wird. Rational handelt man also dann, wenn man die einzelnen Ziele bewertet, sodass man erkennen kann, welche Ziele so wichtig sind, dass sie auf jeden Fall realisiert werden müssen und welche anderen Ziele zur Not, wenn die materiellen Ressourcen nicht ausreichen, auch hintangestellt werden können.

 

Bestünde allerdings die Knappheitsbewältigung allein in der Aufstellung einer Rangskala der einzelnen Ziele, so könnte man in diesem Zusammenhang gerade noch nicht von einem wirtschaftswissenschaftlichen Problem sprechen. Die der Wirtschaftswissenschaft zur Verfügung stehenden Methoden sind nämlich gar nicht geeignet, diese Rangordnung zu vollziehen. Es ist stets das kulturelle System, das als Weltbild über die Wertigkeit der Ziele entscheidet und als Erziehungsinstitution bemüht ist, diese deklarierten Ziele den Auszubildenden zu verinnerlichen.

 

Zwar mag es richtig sein, dass auch der Wirtschaftswissenschaftler durchaus in der Lage ist, darauf hinzuweisen, dass z. B. eine Inflation die Schuldner begünstigt und die Gläubiger benachteiligt. Diese Bewertung des Zieles einer Inflationsbekämpfung ist aber immer abhängig davon, dass diese Begünstigungen oder Benachteiligungen einzelner Gruppen als solche einen ganz bestimmten Wert oder auch Unwert einnehmen. Wenn der Wirtschaftswissenschaftler von der Annahme ausgeht, dass diese Benachteiligungen der einen und diese Begünstigungen der anderen unerwünscht sind, dann kann er aufgrund dieser Annahmen den Schluss ziehen, dass diese ungewollten Wirkungen vermieden werden könnten, wenn man gar keine Inflation zuließe. Diese Annahmen unterstellt, kann man also völlig korrekt sagen, dass eine Inflationsbekämpfung erwünscht ist.

 

Aber trotzdem liegt die eigentliche Bewertung des Zieles der Inflationsbekämpfung nicht beim Wirtschaftswissenschaftler. Er beschränkt sich in Wirklichkeit auf einen Sachzusammenhang. Die Aussage: ‚Zur Vermeidung der Benachteiligung der Gläubiger bedarf es einer Inflationsbekämpfung‘ ist in Wirklichkeit eine soziotechnische Umformulierung der eindeutig nicht bewertenden, sondern sachlichen Feststellung: Inflationserscheinungen haben (unter bestimmten Bedingungen) einen materiellen Verlust der Gläubiger zur Folge. Die Bewertung dieser Benachteiligung ist hingegen nicht Sache des Wissenschaftlers. Auch dann, wenn ein Wissenschaftler als normaler Bürger der Auffassung wäre, dass in dieser Benachteiligung der Gläubiger sogar ein Vorteil liege, bleibt die eigentliche Aussage über den Wirkungszusammenhang zwischen Inflation und Wohlfahrt der Gläubiger bestehen.

 

Wenn trotzdem das Problem der Knappheitsbewältigung das zentrale Problem jeder Wirtschaftswissenschaft bleibt, so liegt das daran, dass mit der Bewertung der einzelnen Ziele und der Beachtung dieser Rangskala bei der Realisierung der einzelnen Ziele das Knappheitsproblem noch nicht gelöst ist. Ein wirtschaftliches Problem entsteht dadurch, dass im Allgemeinen ein Ziel auf unterschiedliche Weise und auch mit unterschiedlichen Ressourcen erreicht werden kann und dass mit ein- und derselben Ressource zumeist auch unterschiedliche Güter produziert und damit Bedürfnisse und Ziele angegangen werden können.

 

Wirtschaftliche Güter können z. B. arbeitsintensiv, also mit relativ viel Arbeitsaufwand und zugleich wenig Kapitalgüter produziert werden oder mit aufwendigen Maschinen und damit kapitalintensiv hergestellt werden, wobei es möglich ist, Arbeit zu einem großen Teil durch Kapital zu substituieren.

 

In ähnlichem Sinne wird bei nahezu allen Produktionen Arbeit benötigt und dies bedeutet, dass der Produktionsfaktor Arbeit – und gleiches gilt auch für die beiden anderen Produktionsfaktoren Natur und Kapital –  in recht unterschiedlichen Verwendungsarten eingesetzt werden kann.

 

Entscheidend ist nun, dass sich diese unterschiedlichen Methoden sehr wohl darin unterscheiden, wie effizient der Einsatz der materiellen Ressourcen ist. Wir können somit sehr wohl dadurch, dass wir die Effizienz dieser einzelnen Verwendungsarten miteinander auf ihre Produktivität hin überprüfen, aus einem bestehenden Bestand an materiellen Ressourcen ein Zuwachs an Gütern und damit auch einen Zuwachs bei der Realisierung unserer Ziele erreichen.

 

Wir kommen somit zu dem Ergebnis, dass es auf der einen Seite die Knappheit ist, welche wirtschaftliches Handeln notwendig macht. Ohne Knappheit bedarf es keiner wirtschaftlichen Aktivität. Auf der anderen Seite macht der Umstand der mehrfachen Verwendbarkeit der Ressourcen und der weitere Tatbestand, dass sich diese Methoden in ihrer Effizienz unterscheiden, überhaupt möglich und sinnvoll, wirtschaftlich aktiv zu werden.

 

Stellen wir uns demgegenüber ein Modell vor, in dem die Technik immer nur eine einzige Methode kennt, um ein bestimmtes Gut zu produzieren, indem also von vornherein feststeht, welches Gut und in welcher Menge mit einer bestimmten Ressource hergestellt werden kann. Und nehmen wir weiterhin an, es stehe auch fest, welche Arten und Mengen an Ressourcen zur Realisierung eines bestimmten Bedürfnisses (Zieles) benötigt werden. In diesem Falle wäre außer der Aufstellung einer Rangskala der Ziele keine weitere wirtschaftliche Aktivität notwendig oder auch nur sinnvoll. Jede Minute, die wir mit der Frage verbringen würden, auf welche Weise wir mit unseren Ressourcen umgehen, wäre Vergeudung und würde uns im Rahmen der Knappheitsbewältigung keinen Schritt weiter bringen.

 

Das ökonomische Prinzip besteht nun eben gerade darin, dass man von einer bestimmten Anzahl von Bedürfnissen und Zielen auf der einen Seite und bestimmten Ressourcen und vorgegebenen Techniken zur Produktion der einzelnen Güter auf der anderen Seite ausgeht und überprüft, mit welchen Ressourcen ein bestimmtes Ziel bestmöglich erreicht werden kann bzw. welche Ziele mit einer vorgegebenen Ressource ein Maximum an Zielbefriedigung bringen können.

 

Dies bedeutet aber gleichzeitig, dass Wirtschaften im Grunde ein Problem des Denkens darstellt. Wir sind zwar gewohnt, gerade die Herstellung von Produkten als das wirtschaftliche Problem anzusehen. Und daran ist sicherlich so viel richtig, dass dann, wenn die fertigen Güter wie in einem Schlaraffenland oder auch im Paradies auf den Bäumen wachsen würden und wir (außer dem Pflücken dieser Früchte) keinerlei Tätigkeit bedürften, um diese Güter zu konsumieren, wir auch keines Wirtschaftens – also außer dem eigentlichen Konsumieren dieser Güter keines Wirtschaftens – bedürften.

 

Aber die Produktion als solche ist ein rein technisches und gerade nicht ein wirtschaftliches Problem sui generis. Wirtschaften bedeutet nicht primär, aus Rohstoffen ein fertiges Produkt herzustellen, sondern all die Überlegungen zu vollziehen, die notwendig sind, um festzustellen, auf welchem Wege denn die einzelnen Ziele realisiert werden können oder anders formuliert, wie wir den Nutzen (unsere Wohlfahrt) maximieren können. Diese Maximierung ist notwendig, weil die materiellen Ressourcen knapp sind und sie ist möglich, da eine Vielzahl von Produktionstechniken bekannt ist.

 

Das ökonomische Prinzip ist somit einfach die Regel, welche festlegt, dass man unter der Vielzahl der technisch möglichen Verwendungsarten diejenige aussucht, welche ein Maximum an Wohlfahrt (Nutzen bzw. den maximalen Zielerreichungsgrad) ermöglicht. Und dieses ökonomische Prinzip erfordert, dass wir uns erstens der Ziele bewusst werden, welche wir anstreben und uns auch die unterschiedliche Dringlichkeit dieser Ziele vor Augen führen, dass wir uns  zweitens einen Überblick verschaffen, welche Techniken denn bekannt sind, um diese Güter zu produzieren und damit unsere Ziele und Bedürfnisse zu befriedigen. Und wir müssen drittens diese einzelnen Möglichkeiten daraufhin überprüfen, welche dieser Alternativen den höchstmöglichen Nutzen (bzw. den höchstmöglichen Zielerreichungsgrad) erwarten lassen.

 

Und da das gleiche Ziel zumeist mit unterschiedlichen Techniken angegangen werden kann und gleichzeitig unterschiedliche Ressourcen unterschiedlichen Verwendungen zugeführt werden können, gibt es stets zwei Wege, wie man das ökonomische Prinzip anwenden kann. Auf der einen Seite besagt das ökonomische Prinzip, dass wir ein vorgegebenes Ziel (eine bestimmte erwünschte Güterart und Gütermenge) mit einem Minimum an knappen Ressourcen verfolgen sollen, auf der anderen Seite besagt dieses Prinzip aber auch, dass wir mit einem gegebenen Bestand an knappen Ressourcen ein Maximum an Zielen (Gütern) erreichen sollen.

 

Beide Anwendungsfälle des ökonomischen Prinzips lassen sich in der einen Forderung zusammenfassen, das Spannungsverhältnis zwischen Ziel und Mittel bzw. zwischen Kosten und Ertrag zu optimieren und wenn wir dieses Spannungsverhältnis in einem Bruch mit dem Ertrag (Output) im Zähler und mit den Kosten (Input) im Nenner einfangen, besteht das ökonomische Prinzip darin, diesen Quotienten zu maximieren.

 

Wenn wir aber das ökonomische Prinzip in diesem weiten Sinne verstehen und nicht nur auf die Befriedigung materieller Bedürfnisse beschränken, fällt das ökonomische Prinzip mit der Verwirklichung des Rationalprinzips weitgehend zusammen. Danach sind Menschen immer aufgefordert, rational zu handeln und dies bedeutet, dass wir uns stets in unserm Handeln bewusst werden, welche Ziele wir denn verfolgen, welche Mittel uns zur Verfügung stehen, um diese Ziele zu realisieren und mit welcher dieser Alternativen der Erfolg am ehesten gesichert wird. Es wird also ganz einfach die Forderung erhoben, zuerst zu denken und dann erst zu handeln.

 

Entscheidend für beide Prinzipien (ökonomisches Prinzip, Rationalprinzip) ist nun, dass keinesfalls von vornherein feststeht, worin denn im Einzelfall die bestmögliche Methode besteht, ein vorgegebenes Ziel bestmöglich zu erreichen. Wirtschaftliches Handlen hat es fast immer mit Unsicherheit zu tun. Wir haben Vermutungen darüber, welcher Weg unsere Ziele am besten garantiert, wir können uns aber nie vollständig klar sein, ob unsere Erwartungen auch zutreffen.

 

Was bedeutet nun diese Unsicherheit für die Verwirklichung des ökonomischen Prinzips? Der Ertrag, der mit dem Einsatz materieller Ressourcen erreicht werden soll, ist nicht sicher, es muss auch damit gerechnet werden, dass mit der zur Diskussion stehenden Maßnahme in diesem konkreten Einzelfall überhaupt kein Ertrag erzielt wird, vor allem, dass wir uns im Umfang dieses möglichen Ertrages irren.

 

Wie können wir nun diese Unsicherheit bei der Anwendung des ökonomischen Prinzips berücksichtigen? Wir unterscheiden zwischen dem tatsächlich zu erwartenden Ertrag, dessen Größe allerdings immer erst im Nachhinein (ex post) festgestellt werden kann und dem erwarteten Ertrag, so wie wir ihn tatsächlich erwarten. Der erwartete Ertrag unterscheidet sich vom tatsächlichen Ertrag darin, dass wir von der Größe ausgehen, welche wir bei vollem Erfolg erwarten können und diesen Betrag dann mit der Wahrscheinlichkeit gewichten (multiplizieren), mit der unsrer Meinung nach der Erfolg eintreten wird.

 

Wenn wir z. B. damit rechnen, dass eine bestimmte Handlung nur mit 40% Wahrscheinlichkeit zum Erfolg führt, müssten wir den maximal erwarteten Ertrag mit 0,4 multiplizieren und erhielten auf diese Weise den Wahrscheinlichkeitswert. Ein maximal erwarteter Ertrag von 100 müsste dann also mit 40 angesetzt werden.

 

Nun ist die Angabe darüber, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein Ergebnis erwartet wird, selbst keine sichere Größe. Wir unterscheiden deshalb in der Theorie zwischen einer objektiven und einer subjektiven Wahrscheinlichkeit. Wenn wir die subjektive Wahrscheinlichkeit ansprechen, dann fragen wir, mit welcher Wahrscheinlichkeit der jeweils Handelnde rechnet, unabhängig davon, wie realistisch die Einschätzungen dieser Person sind.

 

Von objektiver Wahrscheinlichkeit wird hingegen nur dann gesprochen, wenn wir uns bemühen, die tatsächlich eingetretene Wahrscheinlichkeit zu bestimmen. Da jedoch diese Größe immer erst ex post, also nach der eigentlichen Entscheidung bekannt ist, fragt man zur Bestimmung der objektiven Wahrscheinlichkeit oftmals auch nach der Größe, welche aufgrund des objektiv vorgegebenen Wissens bereits bekannt ist oder zumindest erkannt werden könnte.

 

Auch beim Handelnden muss davon ausgegangen werden, dass er über mehr oder weniger großes Wissen darüber verfügt, wie oft ein bestimmtes, erwartetes Ereignis eintritt. Das Rationalprinzip verlangt nun, dass man nur dann von einer Anwendung des ökonomischen Prinzips sprechen kann, wenn sich der Handelnde vor seiner Entscheidung das ihm mögliche Wissen aneignet. Das ökonomische Prinzip wird also verletzt, wenn er sich nicht vor seiner Entscheidung das Wissen aneignet, das er überhaupt in der Lage ist, sich anzueignen. Wer also vollkommen unüberlegt in dieser Frage der Unsicherheit Entscheidungen fällt, hat das ökonomische Prinzip sicherlich missachtet.

 

Allerdings kann man nicht immer dann, wenn ein Handelnder nicht alles Wissen, über das die Menschheit verfügt, für seine Entscheidung heranzieht, bereits von irrationaler Handlung sprechen. Er sollte alles Wissen, das für ihn erreichbar ist, für seine Entscheidung heranziehen, es ist aber davon auszugehen, dass der Einzelne durchaus nicht alles objektiv Bekannte bereits kennen kann. Dies gilt vor allem auch deshalb, weil sehr oft die Notwendigkeit besteht, bei erkannter Gefahr sekundenschnell zu entscheiden und gar keine Zeit bleibt, alle denkmöglichen Alternativen durchzuspielen.

 

Wenn jemand z. B. mit großer Geschwindigkeit ein Auto fährt und er vor sich eine Schafsherde sieht, die ihm den Weg versperrt, so muss er sich in Sekundenschnelle darüber klar werden, ob er gegen einen Baum fährt und damit sich höchstwahrscheinlich selbst umbringt, ob er ohne Vorwarnung so stark bremst, dass notwendiger Weise der hinter ihm fahrende Fahrer auf ihn auffährt und dass er unter Umständen wiederum dazu beiträgt, dass dieser Fahrer umkommt. Er könnte schließlich auch einfach in die Schafsherde hineinfahren und damit unter den Schafen ein Blutbad anrichten. In diesem konstruierten Fall bleibt keine Zeit, diese drei Alternativen auf ihre Erwünschtheit hin in allen Einzelheiten zu durchdenken. Man könnte deshalb auch nicht von einem irrationalen (unökonomischen) Handeln sprechen, wenn er nach allgemeiner Überzeugung nicht die Alternative wählen würde, welche sich im Nachhinein als die Richtige erweisen wird.

 

Weiterhin gilt es zu bedenken, dass das Einholen des für eine rationale Entscheidung notwendigen Wissens für den Entscheidenden selbst wiederum mit Kosten verbunden ist. Es muss durchaus bisweilen damit gerechnet werden, dass diese so entstehenden Kosten in der Aneignung des für die Entscheidung notwendigen Wissens in keinem vernünftigen Verhältnis zu dem zu erwarteten Ertrag stehen und dass es deshalb selbst unökonomisch wäre, wollte man trotzdem diese Aufklärung auch dann durchführen, wenn von vornherein feststeht, dass die Kosten den Ertrag übersteigen. Etwas auf den ersten Blick irrationales Verhalten, kann sich also durchaus im Nachhinein als durchaus ökonomisch erweisen.

 

 

2. Das Streben nach Gewinnmaximum

 

Wir wollen im Folgenden zeigen, welche Rolle und Ausgestaltung das ökonomische Prinzip in Unternehmungen einnimmt. Hier äußert sich das ökonomische Prinzip in einem Verhalten der Unternehmer, das alle Entscheidungen daran ausrichtet, den Gewinn zu maximieren. 

 

Unter Gewinn verstehen wir die Differenz zwischen den Verkaufserlösen und den gesamten bei der Produktion und beim Vertrieb der einzelnen Produkte anfallenden Kosten. Wenn wir nun die Marktform der vollständigen Konkurrenz auf allen Märkten unterstellen, entspricht der Verkaufserlös gerade dem Produkt aus Verkaufspreis (p) und verkaufter Gütermenge (x). Die Höhe der Gesamtkosten setzt sich zunächst aus den fixen Kosten und den variablen Kosten zusammen. Unter fixen Kosten versteht man die Abschreibungen für Gebäude und Maschinen, deren Höhe unabhängig davon ist, ob und in welcher Menge produziert wird. Die variablen Kosten setzen sich demgegenüber aus den Kosten zum Erwerb der einzelnen Produktionsfaktoren zusammen, sie entsprechen jeweils dem Produkt aus Entlohnungssatz eines Produktionsfaktors multipliziert mit dem Faktorkoeffizient, der angibt, wie viel Faktoreinheiten jeweils zur Herstellung einer Gutseinheit benötigt werden. Die auf Arbeit entfallenden Kosten wären z. B. gleich dem Produkt aus Lohnsatz (l) mal dem Arbeitskoeffizienten (a/x) mal der Verkaufsgütermenge (x). Es gilt also für die Arbeitskosten KA  die Formel:

KA = l * (a/x) * x

 

Und die gesamten variablen Kosten (KV)  entsprechen dann der Summe der Kosten für die einzelnen Faktoren (KA, KK):

KV = KA + KK

 

Eine Unternehmung hat nun ihren Gewinn genau dann maximiert, wenn eine Ausweitung oder auch Reduzierung der bisherigen Ausbringungsmenge keine Zunahme in der Gewinnsumme hervorruft. Gehen wir hierzu von einer bestimmten Verkaufsmenge (x1) aus. Der Unternehmer überlege es sich, ob er seinen Gewinn steigern könne, wenn er die Produktion um eine Einheit steigern würde. In diesem Falle könnte er für die zusätzlich abgesetzte Gütereinheit gerade den Preis als Erlöszuwachs (den sogenannten Grenzerlös) vereinnahmen. Gleichzeitig müsste er aber auch für die Produktion dieser zusätzlichen Gütereinheit höhere variable Kosten entsprechend der oben aufgeführten Formel aufwenden. Dieser Kostenzuwachs wird als Grenzkosten bezeichnet. Es ist klar: Eine Gewinnsteigerung ist genau dann zu erwarten, wenn der Grenzerlös (der Preis) höher ausfällt als die Grenzkosten.

 

Wir können nun davon ausgehen, dass nicht nur die absoluten Kosten, sondern auch die Kostenzuwächse (die Grenzkosten) mit wachsender Produktion zumindest von einer bestimmten kritischen Gütermenge an zunehmen. Wenn wir nun unterstellen, dass bei einer geringen Produktion (aufgrund der Knappheit dieses Gutes) der Preis über den Grenzkosten liegt, wird eine Zunahme der Produktionsmenge zunächst zu einer Gewinnsteigerung führen, die jedoch wegen Anstiegs der Grenzkosten bei gleichbleibendem Güterpreis immer geringer ausfällt, bis sich dann schließlich Preis und Grenzkosten entsprechen. Von diesem Punkt ab, führt sowohl eine Ausweitung als auch eine Reduzierung der Produktion zu einer Verringerung der Gewinnsumme. Dies bedeutet jedoch, dass der Unternehmer genau bei der Gütermenge seinen Gewinn maximiert, bei der Grenzkosten und Verkaufspreis zusammenfallen.

 

Nun haben wird diese Schlussfolgerung unter der vereinfachenden Annahme gezogen, dass auf allen relevanten Märkten die Marktform der vollständigen Konkurrenz vorherrscht. Dies entspricht nicht immer der Wirklichkeit. Wenn wir diese Annahme aufheben, also auch oligopolistische oder monopolistische Marktformen unterstellen, wird diese Formel etwas komplizierter. 

 

Im Hinblick auf den Verkaufserlös müssen wir nun Folgendes berücksichtigen: Wenn ein Monopolist eine Gütereinheit mehr verkauft, erzielt er zwar genauso wie der Unternehmer unter Wettbewerbsbedingungen den Preis für das zusätzlich verkaufte Gut als zusätzlichen Verkaufserlös. Gleichzeitig kann er jedoch im Gegensatz zur Marktform der vollständigen Konkurrenz das vermehrte Angebot nur mit einem etwas verringerten Preis absetzen, der Monopolist steht im allgemeinen einer negativ geneigten Preis-Absatzkurve (Nachfragekurve) gegenüber. Wir müssen also vom Gesamterlös das Produkt aus bisheriger Verkaufsmenge multipliziert mit dem Preisabschlag aufgrund des vermehrten Umsatzes abziehen. Der Grenzerlös des Monopolisten ist deshalb stets geringer als der Preis.

 

Wenn nun auch auf den Faktormärkten (Arbeitsmärkten usw.) monopolistische Verhältnisse im Sinne eines Nachfragemonopols vorherrschen, sind die Ausgabenzuwächse größer als die auch unter den Bedingungen des vollständigen Wettbewerbs  anfallenden Grenzkosten. Der Monopolist hat bei der Ausweitung der Produktion um eine Einheit nicht nur höhere Kosten, da er eine zuständige Arbeitsstunde bezahlen muss, sondern zusätzlich weitere Ausgabensteigerungen, da aufgrund der vermehrten Nachfrage nach Arbeitsleistungen für jede Arbeitseinheit nun ein Lohnzuschlag zu zahlen ist. (Die Arbeitsangebotskurve hat normaler Weise einen steigenden Verlauf.) Anstelle der Grenzkosten treten also die Grenzausgaben. Eine Gewinnmaximierung ist also nun im allgemeinen Fall dann erreicht, wenn die Grenzausgaben den Grenzerlösen entsprechen.

 

Nun wird vor allem in den sogenannten verhaltenstheoretischen Ansätzen gegen diese klassische Gewinnmaximierungsthese der Vorwurf erhoben, dass in der Realität oftmals nicht die Frage das Verhalten der Unternehmer bestimme, ob eine Alternative den höchstmöglichen Gewinn erbringt, dass vielmehr der Informationsstand und auch persönliche Präferenzen den Ausschlag für eine unternehmerische Entscheidung gegeben haben.

 

Diese Kritik ist nicht überzeugend. Sie verkennt die Rolle, die einer Aussage über wirtschaftliche Zusammenhänge im Rahmen der Wirtschaftstheorie zukommt. Im Grunde wird hier fälschlicher Weise ein mechanistisches Wissenschaftsbild unterstellt. Es wird im Rahmen der Wirtschafts­theorie nicht der Anspruch erhoben, dass eine Gesetzmäßigkeit in jedem einzelnen Fall eintreten wird, es handelt sich vielmehr in diesen Wissensgebieten immer nur um statistische Gesetz­mäßigkeiten, welche nur für den größten Teil der Betroffenen zutrifft und welche nur eine Tendenz zum Ausdruck bringt.

 

Wir sind im Bereich der Wirtschaftstheorie nicht in der Lage, Gesetzmäßigkeiten von der Art zu beweisen, dass eine unbekannte Größe x allein von einer anderen Größe y abhängt und dass deshalb immer dann, wenn sich die Größe y ändert, auch mit Sicherheit eine entsprechende Änderung in der Variablen x erwartet werden kann. In Wirklichkeit sind alle wirtschaftlich relevanten Variablen x von einer Vielzahl von andern Variablen abhängig: y1 …. yn. Da es keinen Weg gibt, zu bestimmen, ob uns wirklich alle diese Einflussgrößen y1 …. yn bekannt sind, können wir auch nicht mit Sicherheit sagen, ob denn eine Veränderung in Größe yx zu einer Veränderung in der Größe x führt.

 

Diese Unsicherheit wird dadurch noch wesentlich größer, dass wir in keiner stationären Gesellschaft leben, in der die einzelnen Daten des Wirtschaftens (y1 …. yn) unverändert bleiben. Vielmehr leben wir in einer dynamischen Gesellschaft, in der permanent die grundlegenden Daten des Gesellschaftssystems selbst verändert werden. Dies bedeutet aber, dass uns nicht nur unbekannt ist, ob wir alle bisher gültigen Datengrößen kennen, sondern dass darüber hinaus immer wieder neue Bestimmungsgrößen yo....ys auftreten, welche uns immer erst nach gewisser Zeit (zumeist rein zufällig) bekannt werden.

 

Es kommt auch nicht darauf an, ob einzelne Unternehmerpersönlichkeiten empirisch nachge­wiesen wurden, welche offensichtlich allen ihren Entscheidungen ein Gewinnmaximierungskalkül zugrunde legen. Es wird im Rahmen der neoklassischen Theorie nicht behauptet, dass restlos alle Unternehmer ein bestimmtes Verhalten, also z. B. ein Gewinn maximierendes Verhalten zum Ausdruck bringen, es wird nur davon ausgegangen, dass eine Vielzahl von Unternehmungen dieser Verhaltensmaxime folgen. Eine Aussage im Sinne einer All-Aussage (alle Unternehmer legen ein ganz bestimmtes Verhalten an den Tag) ist auch nicht notwendig, da die erhofften oder bisweilen auch befürchteten Auswirkungen auch dann auftreten, wenn einzelne Unternehmer sich anders als die meisten Unternehmer verhalten.

 

Da wir in einer Marktwirtschaft leben, können wir davon ausgehen, dass auch All-Aussagen gar nicht benötigt werden. Tritt also aufgrund einer Datenänderung (z. B. einer Änderung des technischen Wissens) ein Marktungleichgewicht auf, so sorgen die Marktkräfte ohne jegliches politisches Eingreifen automatisch dafür, dass Kräfte entfaltet werden, aufgrund derer die Ungleichgewichte abgebaut werden. Dieser Prozess tritt bereits ein, wenn mehrere Unterneh­mungen ihrem Gewinntrieb folgen.

 

Wie viel Unternehmer in dieser Weise agieren, entscheidet allenfalls darüber, wie schnell dieser Anpassungsprozess fortschreitet und wann deshalb das Marktungleichgewicht abgebaut ist. Es stört überhaupt nicht, wenn einzelne Unternehmer ein ganz anderes Verhalten äußern, es sei denn, eine große Zahl von Unternehmern würde z. B. bei einem Anstieg der Gewinne so reagieren, dass im Endergebnis ihr Gewinn aufgrund ihres Verhaltens vermindert würde, eine Annahme, welche sicherlich unrealistisch wäre.

 

Hätten wir allerdings eine staatliche Planwirtschaft, so könnte nur ein exakter Erfolg sichergestellt werden, wenn wir z. B. wüssten, um wie viel das Staatsdefizit erhöht werden muss, damit die prognostizierte Arbeitslosigkeit beseitigt werden kann. Hier würde ein ungefähres Wissen über die wirtschaftlichen Zusammenhänge keine Lösung der vorwiegenden Probleme (in unserem Falle der Arbeitslosigkeit) bringen.

 

Mit Recht hat jedoch Friedrich von Hayek in diesem Zusammenhange von einer Anmaßung von Wissen gesprochen. Das zur Lösung der anstehenden Probleme im Rahmen einer staatlichen Planwirtschaft notwendige Wissen setzt voraus, dass exakt angegeben werden kann, mit wie viel Prozent Arbeitslosigkeit gerechnet wird und wie groß der Rückgang in der Arbeitslosigkeit sein wird, wenn das Defizit des Staatshaushaltes um sagen wir 1 Million € vergrößert wird. Gerade weil wir dieses Wissen noch nicht einmal ansatzweise besitzen, ist eine staatliche Planwirtschaft dem autonom wirkenden Marktmechanismus stets unterlegen.

 

Die Wirtschaftstheorie geht von der empirisch überprüfbaren These aus, dass es sich Unternehmer nur dann leisten können, Entscheidungen zu treffen, welche einen suboptimalen Gewinn versprechen, wenn sie sich in einer monopolartigen Marktform befinden. Die wirtschafts­theo­retische Aussage der Gewinnmaximierung ist immer nur gültig, sofern Unternehmungen starker Konkurrenz ausgesetzt sind. Besteht jedoch starker Wettbewerb, sieht sich der Unternehmer veranlasst, jede mögliche Kostensenkung in Anspruch zu nehmen, da er sonst stets Gefahr läuft, Kunden an die Konkurrenz zu verlieren und langfristig aus dem Markt ganz auszuscheiden.

 

Dies bedeutet, dass die Gewinnmaximierungshypothese der neoklassischen Theorie niemals eine Aussage darüber machen will, von welchen letztlichen Motiven sich ein Unternehmer leiten lässt. In der Tat lässt sich empirisch nachweisen, dass gerade die großen Pioniere unter den Unternehmungen der Frühphase der Industrialisierung von dem Gedanken besessen waren, einer bestimmten Erfin­dung gegen alle Widerstände zum Durchbruch zu verhelfen. Solche starken Motive finden sich bei der Erfindung der Glühbirne, des Webstuhls, der Dampfkraft, des Elektromotors und des Computers, um nur einige wenige Beispiele zu erwähnen, bei denen wohl kaum davon gesprochen werden kann, dass sich die Unternehmer von Gewinnsucht und Habgier leiten gelassen haben.

 

Aber diese These soll mit der Gewinnmaximierungsannahme der neoklassischen Theorie auch gar nicht behauptet werden. Die Wirtschaftstheorie kümmert sich nicht um die letzten Motive, welche bestimmte Persönlichkeiten bewegt haben, eine Unternehmung zu gründen. Es geht der Wirtschaftstheorie vielmehr allein darum, zu klären, inwieweit das faktische Verhalten der Unternehmer in Abhängigkeit von Anreizen bestimmt wird, welche von unserem Wirtschaftssystem der Marktwirtschaft ausgehen.

 

Eines der wichtigsten Merkmale einer funktionierenden Marktwirtschaft ist der Wettbewerb der Unternehmer untereinander. Nur einem intensiven Wettbewerb ist es zu verdanken, dass im Grundsatz diejenigen Güter produziert werden, welche von den privaten Haushalten nachgefragt werden. Der Wettbewerb zwingt die Unternehmer, stets nach neuen Kostensenkungen oder auch Qualitätsverbesserungen Ausschau zu halten und diese dann auch durchzuführen und die hierbei erzielten Gewinnsteigerungen auf lange Sicht in Form von Preissenkungen an die Verbraucher weiter zugeben. Würden sie nicht alle Gewinnchancen ausnutzen, so liefen sie Gefahr, dass andere Unternehmungen sehr wohl diese Kostensenkungen ausnutzen, hierauf in der Lage wären, ihre Preise zu senken und dass damit letzten Endes ihre bisherigen Kunden zu diesen Konkurrenten überliefen.

 

Deshalb gilt die These, dass Unternehmungen ihre Entscheidungen vorwiegend gewinnorientiert fällen, in erster Linie für Unternehmer, welche in starkem Wettbewerb untereinander stehen. Für einen Monopolisten ist die Gewinnorientierung nur eine unter mehreren denkbaren Verhaltensformen. Ein Monopolist könnte es sich durchaus leisten, von diesem Prinzip abzuweichen, ohne dass deshalb seine wirtschaftliche Existenz sofort aufs Spiel gesetzt würde.

 

Nun wäre es allerdings auch falsch, wenn man aus diesen Überlegungen den Schluss ziehen würde, dass wir in der Realität vorwiegend monopolistische und oligopolistische Marktformen vorfänden und dass aus diesen Gründen nur ausnahmsweise von einer Gewinnorientierung ausgegangen werden könnte. Ein starker Druck auf die Unternehmer, jede mögliche Gewinnsteigerung auszunutzen, um nicht Gefahr zu laufen, wirtschaftlich unterzugehen, geht von jeder Art Wettbewerb, auch vom oligopolistischen Wettbewerb aus. In einer Art Wettbewerb stehen jedoch zumeist auch Unternehmer, welche für eine einzelne Güterart ein Monopol aufweisen, da im Grunde genommen jeder Anbieter Gefahr läuft, dass sich die Konsumenten einem anderen Gut zuwenden. Im Grunde konkurrieren alle Unternehmer um dasselbe Einkommen der Bevölkerung.

 

Für diese These eines Gewinnmaximierungsverhalten ist es auch nicht notwendig zu unterstellen, jeder Unternehmer verfüge über eine vollkommene Information und strebe für jede einzelne Periode, also kurzfristig, einen maximalen Gewinn an. Die Erkenntnisse z. B. der verhaltens­theoretischen Standorttheorie, dass hoher persönlicher Kenntnisstand mit der Güte des Standorts stark korreliere sowie die weitere Schlussfolgerung, dass sich nur auf lange Sicht die gewinn­orientierte Standortwahl durchsetze, steht durchaus in Übereinstimmung mit der richtig verstandenen neoklassischen Unternehmungstheorie.

 

Nehmen wir den Fall einer Investitionsentscheidung, bei welcher über die Anschaffung von Grundstücken, Gebäuden und Maschinen entschieden wird. Aufgrund einer zumeist langen Nutzungsdauer gelten diese Entscheidungen für viele Jahre, ja sogar Jahrzehnte. Nahezu jede Investitionsentscheidung zeichnet sich dadurch aus, dass in den ersten Jahren nur Kosten anfallen und deshalb kurzfristig notwendiger Weise Verluste erzielt werden. Erst nach Ablauf vieler Jahre, wenn die Produktionsstätte ihren Betrieb aufnehmen kann, übersteigen die Erträge die laufenden Kosten und wird die Gesamtinvestition zu einer gewinnbringenden Anlage. Der kurzfristige Gewinn eines Jahres steht bei solchen Entscheidungen überhaupt nicht zur Diskussion.

 

Auch im Hinblick auf die Gewinnmaximierungshypothese gilt das, was wir bereits über das ökonomische Prinzip im Allgemeinen gesagt haben. Nahezu jede unternehmerische Entscheidung wird unter Ungewissheit gefällt. Bei dieser Art Entscheidung kommt es jedoch nicht auf den tatsächlich zu erwartenden Gewinn, sondern darauf an, welchen Erwartungswert diese Investition hat. Der Erwartungswert einer Investition entspricht dem Produkt aus erwartetem Gewinn Gerw mal Eintrittswahrscheinlichkeit EW.

 

Unterstellen wir als Beispiel den Fall, dass aus der letzten Bundestagswahl von 2013 eine Rot-rot-grüne Regierung hervorgegangen wäre und dass diese Regierung eine beachtliche Steigerung der Steuersätze für höhere Einkommensgruppen beschlossen hätte. In diesem Falle wäre das Steuergefälle zwischen Deutschland und den anderen Mitgliedsstaaten der Europäischen Union sicherlich stark angestiegen und dies wiederum hätte es für viele Unternehmungen vorteilhaft sein lassen, ihren Standort hier in der BRD aufzugeben und in andere Mitgliedsländer der EU zu wechseln.

 

Wenn nun trotz dieser veränderten Situation ein Großteil der Unternehmungen ihren Standort in der BRD beibehalten hätte, kann daraus keinesfalls der Schluss gezogen werden, die Unternehmungen würden ihre Standortentscheidungen nicht rational im Sinne einer Gewinn­maximierung fällen. Wir haben oben darauf hingewiesen, dass nicht die tatsächlich erwarteten Gewinnzunahmen, sondern der Wahrscheinlichkeitswert einer Gewinnzunahme für die Entschei­dung im Hinblick auf einen möglichen Standortwechsel verantwortlich ist. Die Eintrittswahr­scheinlichkeit wird jedoch wesentlich davon bestimmt, welche Erwartungen die Unternehmer in der Frage haben, wie sich die politischen Verhältnisse in der BRD in den nächsten Jahren tatsächlich entwickeln werden.

 

Nehmen wir einmal an, dass Meinungsumfragen ergeben hätten, dass bei den nächsten Wahlen wiederum die CDU zusammen mit der FDP als Wahlsieger hervorginge und dass diese Parteien bereits angekündigt hätten, dass sie bei einer Wiederwahl die letzte Steuererhöhung der Rot-rot-grünen Regierung rückgängig machen würden. In diesem Falle wäre ein Standortwechsel hin zu den Ländern mit geringeren Steuersätzen langfristig sogar Gewinn mindernd und die Entschei­dung zugunsten keines Standortwechsels entspräche durchaus einem Gewinnmaximierungs­­kalkül. Eine Gewinnsteigerung wäre ja in diesem Falle nur für wenige Jahre wahrscheinlich, auf lange Sicht würde ein Standort in Deutschland nach wie vor als gewinnsteigernd angesehen werden und der Erwartungswert eines Standortwechsels wäre wesentlich geringer als der kurzfristig tatsächlich erwartete Gewinnzuwachs bei einem Standortwechsel.

 

Die These von der Gewinnmaximierungsmaxime begegnet in der Öffentlichkeit einem weiteren Missverständnis. Es wird so getan, als ob im Rahmen der neoklassischen Theorie in einem wertfreien Raum diskutiert würde, als wollte man behaupten, dass den Unternehmern jedes noch so amoralische Mittel recht sei, um eine Gewinnsteigerung zu erzielen. Wenn also ein Unternehmer aufgrund eines Mordes oder eines Diebstahles oder auch nur aufgrund von Betrug und Täuschung seinen Gewinn steigern könne, wäre er auch zu diesen Akten bereit.

 

Demgegenüber muss festgestellt werden, dass jedes gesellschaftliche und damit auch wirtschaft­liche Verhalten stets innerhalb einer Ordnung erfolgt, wobei diese Ordnung die Werte bestimmt, welche angestrebt und erhalten bleiben sollen und gleichzeitig diejenigen Handlungen, welche diese Werte gefährden, verbietet und mit Strafen verfolgt. Das Handeln innerhalb einer solchen Werteordnung wird gerade auch vom Neoliberalismus der Freiburger Schule unterstrichen, diese Weiterentwicklung des liberalen Gedankens wird von Walter Eucken, den Begründer der Freiburger Schule als Ordoliberalismus (Ordnungsliberalismus) bezeichnet.

 

Es gilt also als selbstverständlich, dass jeder Unternehmer gehalten ist, Gesetz und Sitte einzuhalten, wobei es natürlich in der Realität auch Unternehmer gibt, die diese Gesetze missachten, genauso wie es in jeder anderen Bevölkerungsgruppe Menschen gibt, welche die Gesetze nicht einhalten. Da in unserer Gesellschaft vor allem Sachkompetenz und Erfolg darüber entscheiden, wer innerhalb der Gesellschaftsordnung aufsteigt, kann auch gar nicht davon ausgegangen werden, dass in bestimmten Gesellschaftsgruppen in besonders starkem oder auch besonders schwachem Maße Gesetze übertreten werden. Schon gar nicht ist es Absicht der Wirtschaftstheorie, eine Übertretung von Normen als wünschenswert oder auch nur harmlos hinzustellen.

 

Allerdings geht die neoklassische Theorie von der Überzeugung aus, dass auch dann, wenn jede konkrete Wirtschaftsordnung bestimmte Verhaltensweisen als unerwünscht deklariert, trotzdem stets eine Vielzahl von moralisch neutralen Alternativen übrig bleibt, zwischen denen ein Unternehmer frei wählen kann. Ob ein Unternehmer etwa Nahrungsmittel oder Kleider produziert oder sich für eine bestimmte Technik entscheidet, ist im moralischen Sinne zumeist unerheblich.

 

Wir müssen uns nun darüber klar sein, dass das allgemeine Verhalten der Wirtschaftssubjekte und damit auch das der Unternehmer stets geprägt wird durch das jeweils vorherrschende kulturelle System. Dass wir mit Recht davon ausgehen können, dass die Unternehmer vorwiegend rationale Entscheidungen treffen, liegt vor allem darin, dass die westlichen Industrienationen seit dem 18. Jahrhundert von der Aufklärung geprägt wurden. Mit der Aufklärung begann der Versuch, sich von den Zwängen, welche das vorwiegend christlich geprägte Weltbild lange Zeit prägte, zu befreien. Die Aufklärer waren davon überzeugt, dass allein der Mensch das Maß aller Dinge sei und deshalb auch berechtigt und in der Lage sei, selbstherrlich die Ziele allen Handelns festzulegen. In diesem Zusammenhang galt das rationale Verhalten als oberste, weil allein erfolgreiche Verhaltensmaxime.

 

Obwohl sich also die Aufklärung gegen eine Vorherrschaft der christlichen Kirche gewandt hatte, spielten bei der Festigung des Rationalprinzips doch wiederum ganz bestimmte religiöse Wurzeln eine wesentliche Rolle. Max Weber hat in seinen religionssoziologischen Arbeiten aufgezeigt, dass der von Calvin geprägte Protestantismus einen wesentlichen Anteil am Entstehen eines Gewinn­maximierungskalkül einnimmt. Der unternehmerische Erfolg wird danach von den Unterneh­mern als Indiz dafür gewertet, dass Gott sein Handeln billigt und gerade aufgrund einer solchen Gesinnung war der einzelne Unternehmer darum bemüht, jede mögliche Gewinnchance auszunutzen, um so nicht nur wirtschaftlich zu überleben, sondern gleichzeitig vor den Mitmenschen, aber auch vor seinem eigenen Gewissen als von Gott gerechtfertigt angesehen zu werden.

 

Gerade aufgrund dieses Zusammenhanges zwischen religiöser Überzeugung und wirtschaft­lichem Verhalten müssen wir davon ausgehen, dass ein durchgehend rationales Handeln keinesfalls von selbst auch in den nicht christlich geprägten Staaten des Islams und des Buddhismus vorherrscht. Die These vom rationalen Handeln gilt deshalb zunächst nur für das christlich geprägte Abendland (Europa und Nordamerika) und nur weitere Untersuchungen können aufzeigen, inwieweit rationale Handlungsweisen auch in nicht christlich geprägten Ländern Eingang finden. Die These von der Gewinnmaximierung wurde also zunächst nur für unseren eigenen Kulturkreis aufgestellt.

 

 

3. Das Streben nach Nutzenmaximierung

 

Wir wollen nun abschließend die Frage untersuchen, was denn das ökonomische Prinzip für die Konsumenten bedeutet. Hier geht die Wirtschaftstheorie im Allgemeinen davon aus, dass sich die privaten Haushalte bei ihren Konsumentscheidungen vom Prinzip der Nutzenmaximierung leiten lassen, das im sogenannten zweiten Gossen’schen Gesetz seinen Niederschlag gefunden hat. 

 

Während das erste nach H. Gossen benannte Gesetz die Abhängigkeit der Nutzenvorstellungen vom Umfang der Konsummenge beschreibt und insoweit eine Hypothese über menschliches Verhalten darstellt, geht es beim zweiten Gossen’schen Gesetz um eine Maximierungsregel. Sie gibt an, wie sich der einzelne Konsument verhalten sollte, um seinen Nutzen zu maximieren. Es wird hier also nicht unbedingt behauptet, dass sich der Konsument immer oder auch nur in der Mehrzahl der Fällen nutzenmaximierend verhält, sondern es wird nur festgestellt, dass er sich nach dieser Regel verhalten müsste, wenn er das Ziel verfolgt, seinen Nutzen zu maximieren.

 

Nun gilt es allerdings zu berücksichtigen, dass ein Großteil der Klassiker und vor allem auch Neoklassiker in der Tat unterstellt haben, dass sich die Menschen im Allgemeinen auch in dieser Weise tatsächlich verhalten, also ihren Nutzen zu maximieren versuchen. Es ist jedoch äußerst schwierig, eine solche weitergehende Hypothese zu beweisen. Denn entweder versteht man die These von der Nutzenmaximierung im Sinne des Hedonismus, wonach die Menschen dazu neigen, stets lustbetont und unlustvermeidend zu handeln.

 

Eine solche enge Interpretation der These von der Nutzenmaximierung wird jedoch keineswegs von der Mehrheit der Wissenschaftler geteilt. Sie dürfte auch kaum empirisch belegt werden können. Oder aber man weitet bewusst diesen Begriff aus und summiert darunter jeden Versuch, beliebige Zielsetzungen so anzugehen, dass im Endergebnis ein höchstmöglicher Zielerreichungsgrad erreicht wird. Ein solches Verhalten lässt sich zwar durchaus oftmals empirisch feststellen, der Begriff der Nutzenmaximierung wird hier aber so ausgeweitet, dass er fast zur Leerformel wird.

 

Eine Leerformel liegt immer dann vor, wenn keine der denkmöglichen Alternativen ausgeschlossen werden kann und wenn diese Aussage deshalb und zwar aus logischen Gründen  immer gültig ist. Der empirische Wahrheitsgehalt einer Hypothese ist demgegenüber umso größer, je mehr denkmögliche Alternativen als faktisch nichtmöglich ausgeschlossen werden.

 

Bringen wir ein Beispiel dafür, dass der Begriff der Nutzenmaximierung oftmals so ausgeweitet wird, dass sich unter diesem Begriff keine echte empirisch gehaltvolle Hypothese verbirgt. Nehmen wir an, wir beobachten eine Person, welche einen 500 €-Geldschein aus ihrem Portemonnaie nimmt und diesen vor aller Augen mit Hilfe eines Feuerzeugs verbrennt. Dies stellt sicherlich eine Verhaltensweise dar, welche nach allgemeinem Verständnis als irrational und unökonomisch gehalten wird und welche deshalb der Zielsetzung einer Nutzen­maximierung augenscheinlich widerspricht. Mit 500 € hätten sicherlich manch nutzenstiftende Güter oder auch Dienstleistungen erworben werden können und in diesem Falle wäre deshalb wohl der Gesamtnutzen dieser Person höher ausgefallen.

 

Aber selbst ein solches Verhalten kann man – wenn man will – immer noch als nutzenmaximierend ansehen, wenn man einen möglichst weiten Begriff der Nutzenmaximierung wählt. So könnte man z. B. darauf hinweisen, dass derjenige, welcher eine solch für uns offensichtlich irrationale Tat vollbringt, immer noch seinen Nutzen vergrößert und damit maximiert, da er eben eine so große Freude an dieser Tat und vor allem an der Zurschaustellung dieser Aktion hat, dass diese ihm mehr Wert ist und ihm damit größeren Nutzen stiftet, als dann, wenn er für diese Geldsumme bestimmte Waren erworben hätte.

 

Hier wird der Begriff der Nutzenmaximierung in der Tat zur nichtssagenden Leerformel. Man bemüht sich gar nicht darum, festzulegen, unter welchen Voraussetzungen ein Nutzen maximierendes Verhalten vorliegt und vor allem unter welchen Voraussetzungen gegen diese Regel verstoßen wird. Man verweist darauf, dass gerade deshalb, weil man ein solches Verhalten empirisch beobachten kann, die beobachtete Person durch ihre Handlung zum Ausdruck bringt, dass sie auf diesem Wege einen Nutzengewinn erzielt und dass diese Handlung unter allen, dieser Person bekannten Alternativen auch diejenige ist, welche ihr den größten Nutzen bringt.

 

Hier wird stillschweigend unterstellt, dass sich jeder Mensch bei all seinen Handlungen nutzenmaximierend verhält, dass ein nicht Nutzen maximierendes Verhalten gar nicht denkbar sei. Wenn man von Nutzen­maximierung spricht, will man hier gar keine empirisch gehaltvolle Aussage über das Verhalten der Menschen machen, welche auch falsch sein könnte; man benützt hier vielmehr diese Formel dazu, um aufzuzeigen, welche Aktionen notwendig sind, um Ziele zu erreichen, die sich ein Mensch gesetzt hat.

 

Versuchen wir das Nutzenmaximierungsverhalten der privaten Haushalte mit dem Streben der Unternehmer nach möglichst hohen Gewinnen zu vergleichen. Die These von der Gewinnmaximierung mag vielleicht genauso fragwürdig sein wie die These der Nutzenmaximierung, wenn wir wirklich behaupten wollten, restlos alle Unternehmer verhalten sich gewinnmaximierend. Trotzdem lässt sich die These der Gewinnmaximierung so deuten, dass sie durchaus zu einer realistischen Hypothese wird, dann nämlich, wenn wir intensiven Wettbewerb unterstellen, vom dem starke Anreize ausgehen, jeden möglichen Gewinn mitzunehmen, um im Konkurrenzkampf überhaupt überleben zu können. Hier sind es also die Anreize, die von einem funktionierenden Markt ausgehen, welche zur Folge haben, dass sich eine Vielzahl von Unternehmern genauso verhält, wie von dieser These behauptet wird.

 

Es ist jedoch nicht möglich, auch im Hinblick auf die These von der Nutzenmaximierung von ähnlichen Anreizen des Marktes auszugehen, welche dann mehr oder weniger auch eine Maximierung des Nutzens in aller Regel herbeiführen würden. Wenn z. B. ein Konsument in starkem Maße altruistische Zielsetzungen verfolgt, so wird er trotzdem nicht als Konsument aus dem Markt gedrängt, wenn er nicht bereit ist, diese altruistischen Zielsetzungen aufzugeben und nicht seinen Nutzen im Sinne eines ausschließlichen Eigeninteresses zu suchen. Wenn seine wirtschaftlichen Aktivitäten dazu geführt haben, ein hohes Einkommen zu erzielen, so gibt dieses hohe Einkommen eben diesem Konsumenten durchaus auch die Möglichkeit, seine altruistischen Zielsetzungen zu verwirklichen.

 

Wenn diese Person wirklich davon überzeugt ist, dass das Verwirklichen altruistischer Zielsetzungen ihm eine größere Befriedigung bringt als dann, wenn er im Sinne des Hedonismus seine Lust zu vergrößern sucht, so wird ihn auch das Verhalten anderer Konsumenten, die dieses Altruismus nicht teilen, nicht zwingen, von diesen altruistischen Zielsetzungen abzurücken. Mit andern Worten: Vom Markt gehen auf eine Nutzen­maximierung im Sinne eines egoistischen Verhaltens keine vergleichbaren Anreize aus, welche wir für ein Verhalten nach der Gewinn­maximierungsmaxime durchaus beobachten können.

 

Was besagt nun das zweite Gossen’sche Gesetz? Solange der Grenznutzen des Einkommens – also der Nutzenzuwachs, den ein Konsument erzielt, wenn er eine Einkommenssteigerung von einer Währungseinheit erzielt und dieses Zusatzeinkommen für den Ankauf von Konsumgütern verwendet – nicht bei allen Verwendungsarten gleichgroß ist, solange kann ein Nutzenzuwachs erzielt werden und zwar dadurch, dass man Einkommensteile von denjenigen Verwendungen abzieht, bei denen der Grenznutzen geringer ist und diese Einkommensteile denjenigen Verwendungen zuführt, bei denen der Grenznutzen noch höher liegt. Denn ex definitione ist der Nutzenentgang bei den Verwendungsarten mit geringerem Grenznutzen geringer als der Nutzenzuwachs bei den Verwendungen mit höherem Grenznutzen. Per Saldo steigt also der Nutzen bei einer solchen Umstruktuierung des gekauften Warenbündels.

 

Umgekehrt gilt, dass ein Haushalt, bei dem der Grenznutzen des Einkommens bei allen Verwendungsarten gleich groß ist, durch Veränderungen in der Verwendung kein weiterer Nutzenzuwachs erzielt werden kann. Es ist also unter diesen Bedingungen (gleicher Grenznutzen in allen Verwendungen des Einkommens) das Nutzenmaximum erreicht. Jede Änderung würde zu einer Verminderung des Gesamtnutzens führen.

 

Da wir aufgrund des ersten Gossen’schen Gesetzes davon ausgehen können, dass der Grenznutzen bei denjenigen Verwendungen, welche nun vermehrt konsumiert werden, sinkt und dass umgekehrt der Grenznutzen bei denjenigen Verwendungen, welche nun vermindert konsumiert werden, steigt, findet also von zwei Seiten aus eine Annäherung der Grenznutzen der einzelnen Verwendungsarten statt mit der Folge, dass über kurz oder lang durch diese Umstruktuierung ein Zustand erreicht wird, bei dem die Grenznutzen des Einkommens in allen Verwendungen gleich groß sind.

 

Von dieser Grundaussage ist auch nicht sehr viel verloren, wenn wir berücksichtigen, dass in der Realität natürlich die Gütermengen nicht unendlich klein unterteilt werden können. Wir sprechen in diesem Falle einfach davon, dass ein Maximum an Nutzen dann erzielt ist, wenn die Grenznutzen in allen Verwendungen annähernd gleich sind und durch weitere Substitutionen nicht mehr einander angenähert werden können.