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Grundzüge der politischen Ökonomie

 

 

Gliederung:

 

  1. Einführung

  2. repräsentative Demokratie

  3. Bürokratie

  4. Verbände

  5. Direkte Demokratie

  6. Diktatur

  7. Recht

  8. Haushalt

  9. Familie

  Anhang: Terrorismus

 

 

 

Kapitel 9: Familie (Fortsetzung)

 

 

Gliederung:

 

1. Problem

2. Gesellschaftliche Rahmenordnung der Familie

3. Gründung und Beendigung der Familie

4. Arbeitsteilung in der Familie

5. Bildung als Human capital

6. Geburten

7. Erziehung

8. Vererbung

 

 

 

5. Bildung als Human capital

 

Wir wollen uns in diesem Abschnitt mit der Bildung befassen. Hierbei unterscheiden wir zwischen Bildung im engeren Sinne und der Ausbildung. Der Begriff Bildung im weiteren Sinne fasst beide Begriffe zusammen. Wenn wir von Bildung im engeren Sinne sprechen, denken wir an die Wissensaneignung um ihrer selbst willen, wir betrachten hier Bildung als Konsumgut. Von Ausbildung wird hingegen immer dann gesprochen, wenn es um die Verbesserung der Qualität des Produktionsfaktors Arbeit geht, hier wird also die Bildung in seiner Eigenschaft als Produktionsfaktor betrachtet.

 

Gary S. Becker und Henry Schultz sprechen im Zusammenhang mit der Ausbildung auch von human capital, also vom Kapitaleinsatz in den Menschen. Wir erinnern uns, dass Gary S. Becker auch den privaten Haushalt als Produktionsstätte verstanden hat. Genauso wie Unternehmungen materielle Güter produzieren, genauso kann man den privaten Haushalt als Produktionsstätte von Nutzengütern verstehen.

 

Wie jede Unternehmung benötigt auch der Haushalt als Produktionsstätte nicht nur der Arbeitskraft, sondern auch der Kapitalgüter. Diese lassen sich nun in sachliche Kapitalgüter und in human capital einteilen. Ein sachliches Kapitalgut eines privaten Haushaltes bestünde z. B. in einem Kochherd oder in einer Waschmaschine, während dann, wenn ein Individuum zur Qualifizierung seiner beruflichen Tätigkeit weiterbildende Schulen aufsucht, von human capital gesprochen wird.

 

Diese Ausbildungsbemühungen können rein theoretisch zur Qualifizierung der innerhäuslichen, aber auch der erwerbswirtschaftlich eingesetzten Arbeit dienen. Eine Ausbildung durch ein hauswirtschaftliches Studium kann sowohl dazu dienen, eine spezielle Berufslaufbahn zu ergreifen, aber natürlich auch dazu, effizienter im eigenen privaten Haushalt zu agieren.

 

Wir sind in diesem Kapitel vorwiegend an Ausbildungsaktivitäten zur beruflichen Qualifizierung interessiert. Wir verstehen hier also die Familie als Produktionsstätte von human capital, das dann nach vollendeter Qualifizierung auf dem Markt als Produktionsfaktor angeboten wird. Hierin liegt es auch begründet, warum wir den human capital Ansatz nicht bereits im vorhergehenden Kapitel über den privaten Haushalt als Produktionsstätte behandelt haben.

 

Rein theoretisch könnte das human capital im privaten Haushalt selbst erzeugt werden. Wegen der Kompliziertheit des beruflichen Wissens erfolgt jedoch de facto die berufliche Ausbildung fast ausschließlich von außerfamiliären Einrichtungen (Schulen). Es sind aber die Familienmitglieder, welche diese Leistungen nachfragen.

 

Entscheidungen über eine Ausbildung kann sich weiterhin auf die Ausbildung der Ehegatten, als auch der Kinder beziehen. Aus Zweckmäßigkeitsgründen wollen wir uns hier in diesem Abschnitt  auf die Ausbildung der Ehegatten beziehen und das Problem einer Ausbildung der Kinder in dem Abschnitt über die Erziehung behandeln.

 

Die Nachfrage nach Kapital stellt nun einen Produktionsumweg dar. Eine Produktionsstätte verfügt über einen bestimmten Bestand an knappen Ressourcen. Diese Ressourcen können auf der einer Seite zur Produktion von Endprodukten eingesetzt werden. Sie können aber auch im Rahmen eines Produktionsumweges zur Produktion von Kapitalgütern verwandt werden, mit deren Hilfe dann in späteren Perioden zusammen mit den sonstigen Ressourcen Endprodukte produziert werden.

 

Ein solcher Produktionsumweg wirkt im Allgemeinen produktivitätssteigernd und wird auch nur deshalb durchgeführt. Die Vertreter der Grenznutzenschule erläuterten diesen Effekt der Produktivitätssteigerung am Beispiel von Robinson. Robinson Crusoe stellt in dem 1719 veröffentlichten Roman von Daniel Defoe einen Schiffsbrüchigen dar, welcher auf eine einsame Insel verschlagen wurde. Anfangs ernährte er sich dadurch, dass er mit seinen bloßen Händen Fische fing. Später teilte er seine Zeit auf in den Fischfang und in die Anfertigung eines Netzes. Er schränkte also zunächst seinen Konsum an Fischen ein, um Zeit zur Anfertigung eines Netzes zu erzielen. Die Anfertigung dieses Netzes dauerte mehrere Tage und Wochen, sodass er also in den Perioden der Anfertigung des Netzes von der Produktion dieses Netzes keinen zusätzlichen Nutzen erzielte.

 

Trotzdem war dieser Produktionsumweg effizient, da Robinson nach Beendigung der Anfertigung dieses Netzes mit Hilfe des Netzes ein Vielfaches des bisherigen Fischfanges erreichte. Der Produktionsumweg hat sich also gelohnt. In gleichem Maße kann auch der Produktionsumweg einer Ausbildung produktivitätssteigernd wirken. Während der Ausbildungszeit ist der normale Einkommenserwerb eingeschränkt. Der Auszubildende erfährt deshalb zunächst während der Ausbildungszeit Nutzenentgänge. Sobald jedoch die Ausbildung beendet ist, kann sich der Ausgebildete auf eine Arbeitsstelle bewerben, die ihm ein höheres laufendes Einkommen ermöglicht. Diese Investition in human capital hat sich also gelohnt. Insgesamt ist der Gesamtnutzen über die Zeit hinweg angestiegen.

 

Befassen wir uns etwas ausführlicher mit dieser Investition. Wie jede Investition bezieht sich der Investitionsvorgang auch bei der Bildung von human capital auf mehrere Perioden. Die ersten Perioden sind dadurch ausgezeichnet, dass zunächst nur Kosten entstehen. Nach Fertigstellung der Ausbildung entstehen dann Erträge. Allerdings können in diesen Phasen auch zusätzliche Kosten anfallen. So ist eine Ausbildung nie zu Ende, da zur Bewältigung der beruflichen Aktivitäten immer wieder neues Wissen erforderlich wird. Also bedarf es auch in der Zukunft einer Fortbildung, die selbst wiederum gewisse Kosten verursacht.

 

Fragen wir uns nun, worin denn die spezifischen Kosten und Erträge im Zusammenhang mit der Ausbildung bestehen. Wenn sich ein Ehepartner zu einer Ausbildung entschließt, entstehen ihm Kosten dadurch, dass er unter Umständen Studiengebühren entrichten muss und dass er weiterhin Lehrmittel anschaffen muss. Neben diesen realen Kosten entstehen ihm aber auch sogenannte Opportunitätskosten insofern, als er während seines Studiums nicht oder nur eingeschränkt einer erwerbswirtschaftlichen Arbeit nachgehen kann. Er hat also aufgrund seiner Entscheidung zum Studium Einkommensausfälle.

 

Die Erträge dieser Investition bestehen in erster Linie darin, dass der Ausgebildete nach Abschluss des Studiums auch höher bezahlte Arbeiten aufnehmen kann. Gewisse Vorteile können sich indirekt aus dem Studium daraus ergeben, dass er während seines Studiums gewisse Beziehungen geknüpft hatte, aufgrund derer er besser bezahlte Jobs erlangen kann. Auch immaterielle Vorteile können sich aufgrund dieser Beziehungen dadurch ergeben, dass er Zugang zu exklusiven Klubs erlangt.

 

Nun müssen wir uns im Klaren sein, dass es sich bei den Kosten wie den Erträgen, welche erst in den zukünftigen Perioden anfallen, um Größen handelt, deren Umfang keinesfalls bekannt ist. Aufgrund der bisherigen Erfahrungen können zwar gewisse Werte erwartet werden, es ist aber unsicher, ob diese Werte tatsächlich eintreten werden. Es handelt sich also immer nur um erwartete Größen, wobei die Wahrscheinlichkeit mit der ein bestimmter Wert erwartet werden kann, um so geringer ausfällt, je weiter die Periode in der Zukunft liegt, in der diese Größen erwartet werden.

 

Welchen Wert nehmen jedoch nun Kosten oder Erträge ein, welche nur mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit eintreten? Im Rahmen der Wahrscheinlichkeitstheorie wird ein wahrscheinlicher Wert dadurch berechnet, dass die erwartete Variable jeweils mit der Eintrittswahrscheinlichkeit gewichtet wird und diese Gewichtung erfolgt einfach durch Multiplikation der erwarteten Größe mit der Eintrittswahrscheinlichkeit. Wenn also für die nächste Periode ein Ertrag von 100 Geldeinheiten erwartet wird und wenn mit einer  Eintrittswahrscheinlichkeit von 25% gerechnet wird ist der Wert dieses erwarteten Ertrages 100 * 25/100 = 25. Es ist mit anderen Worten damit zu rechnen, dass nur jeder vierte Fall zum Erfolg führt und dass deshalb der Wert dieses Ertrages auch nur mit einem Viertel der Erwartungsgröße berücksichtigt werden kann.

 

Bei diesen Überlegungen unterstellen wir allerdings, dass es sich bei dieser Investition um eine immer wiederkehrende Aktivität handelt. Wenn ich z. B. 100 mal eine Investition tätige und der wahrscheinliche Wert dieser Investition 100 beträgt, aber dieser Wert nur mit einer Wahrscheinlichkeit von 25% tatsächlich eintritt, so habe ich im Durchschnitt dieser 100 Fälle in der Tat pro Fall gerade einen Ertrag von 25 erzielt.

 

Haben wir allerdings davon auszugehen, dass diese Investition nur einmal stattfindet, besagt dieser wahrscheinliche Wert nicht sehr viel. Ich muss damit rechnen, dass diese Investition zu keinem Erfolg führt oder dass der Erfolg 100%ig eintritt. Die Schwierigkeit bei einer Investition in human capital liegt nun darin, dass in aller Regel die Auszubildenden gerade ein einziges Studium durchführen, sie sammeln ja Studiengänge nicht wie Abziehbilder. Insofern bringt die Gewichtung der mit einer Ausbildung verbundenen Kosten und Erträgen mit den Eintrittswahrscheinlichkeiten auch keine ausreichende Information für eine rationale Entscheidung.

 

Zugunsten einer solchen Vorgehensweise (Gewichtung der Variablen mit den Wahrscheinlichkeiten) spricht allenfalls die Tatsache, dass wie bereits erwähnt, ein Studium eigentlich nie beendet ist, dass wegen permanenter Änderungen in den wirtschaftlichen Daten eine permanente Fortbildung notwendig ist. Wenn somit auch der Einzelne nur einen Studiengang  (oder ganz wenige Studiengänge) absolviert, so steht er doch permanent vor der Entscheidung, sich in diesem Studiengang weiterzubilden, sodass also davon gesprochen werden kann, dass es sich auch bei Investitionen in human capital um wiederkehrende Entscheidungen handelt, für die die obige Wahrscheinlichkeitsrechnung durchaus angewandt werden kann.

 

Wie ermitteln wir nun den Gesamtwert einer Investition? Wir müssen in irgendeiner Weise die einzelnen Kosten und Erträge der einzelnen Perioden zusammenzählen um schließlich festzustellen, ob sich die Investition in dem Sinne lohnt, dass ein positiver Saldo erzielt wird. Hierfür dürfen wir jedoch nicht einfach die Werte der einzelnen Perioden addieren (oder auch bei negativen Größen subtrahieren). Das hieße Äpfel und Birnen zusammenzuzählen. In Wirklichkeit sind nämlich auch gleiche Werte in jeder Periode trotzdem nicht gleich.

 

Dies erkennt man sehr leicht, wenn man sich Folgendes überlegt. Wenn ich für die nächste Periode Kosten von 100 € erwarte, so benötige ich heute hierfür einen etwas geringeren Betrag. Da ich diesen Wert erst in der nächsten Periode benötige, kann ich den hierfür zurückgelegen Geldbetrag zinsbringend bei der Bank anlegen. Bei einem Zins von 10% und einem nächstes Jahr benötigten Betrag von 100 € reicht es aus, dass ich in der heutigen Periode 91 € anlege, um dann in der nächsten Periode 91 plus Zinsen von 9 €, also 100 € zur Verfügung zu haben.

 

Diese Überlegungen zeigen, dass man die Werte von einer Periode zu einer anderen dadurch errechnen kann, dass man die jeweiligen Zinsbeträge (bei einer Verlagerung in die Zukunft) dazu- oder (bei einer Verlagerung in die Gegenwart) abzieht. Man bezieht also den Gesamtwert einer Investition auf eine bestimmte Periode, zweckmäßig ist es hierbei die gegenwärtige Periode zu wählen und den Gegenwartswert dieser Investition zu bestimmen. Dieser Gegenwartswert errechnet sich somit durch Ab- und Aufdiskontierung der zukünftigen Erträge und Kosten auf die gegenwärtige Periode.

 

Wenn wir nun diesen Saldowert auf das eingebrachte Kapital beziehen, spricht man von der internen Verzinsung des eingebrachten Kapitals. So könnte man davon sprechen, dass der Einsatz von einem Anfangskapital von 1000 € einen internen Zinsfuß von 10% erreicht hat, wenn der positive saldierte Betrag gerade 100 beträgt. Nun handelt es sich bei einer Investition in human capital weniger darum, dass ein Anfangskapital (ein anfänglicher Geldbetrag) investiert wird, sondern, dass die Zeit, über die der Investierende verfügt, für die Ausbildung eingesetzt wird. Und der durch Ausbildung erzielte Einkommensgewinn ist zu vergleichen mit den Einkommensverlusten, welche während des Studiums hingenommen werden müssen.

 

Gefragt wird also danach, ob die saldierten Gegenwartswerte der Einkommenssteigerungen die ebenfalls saldierten Gegenwartswerte der Einkommensverluste übersteigen. Wenn man will, kann man auch hier von einer internen Verzinsung sprechen. Genauso wie das angelegte Sachkapital einen bestimmten Zins bringt, wird bei dem Einsatz der Arbeitskraft für eine Ausbildung die Entlohnung der bisherigen Arbeit mit der Entlohnung der zukünftigen verglichen. In beiden Fällen (bei einem Sachkapital wie bei einem human capital) werden die Entlohungssätze eines Produktionsfaktors (der Zins beziehungsweise der Lohnsatz) miteinander verglichen.

 

 

6. Geburten

 

Bis weit in die Neuzeit war der Wille zum Kind wohl kaum Gegenstand einer rationalen Entscheidung. Wenn man einmal von der Beachtung der Monatsregel absieht, ergab sich aus dem geschlechtlichen Verkehr die Geburt eines oder mehrerer Kinder mehr zufällig. Seit der Einführung technischer Hilfsmittel wie Kondome sowie medikamentöser Mittel wie die Pille konnte weitgehend – wenn auch nicht hundertprozentig sicher – ausgeschlossen werden, dass ein Geschlechtsverkehr ungewollt zu der Geburt von Kindern führt.

 

Damit war aber auch der Wunsch zum Kind weitgehend zu einem Gegenstand rationaler Entscheidung geworden. Zwar war diese Entscheidung nach wie vor mit gewissen Risiken verbunden, da nach wie vor nicht jeder geschlechtliche Verkehr zur Empfängnis führt und da bisweilen trotz Einnahme der Pille oder anderer Verhütungsmittel trotzdem eine Empfängnis stattfindet; aber für fast jede andere rationale Entscheidung gilt ja ebenfalls, dass die Kosten und Erträge nicht mit Sicherheit eintreten.

 

Deshalb können wir auch für die Planung von Kindern seitens der Eltern genauso wie für die anderen familiären Entscheidungen von der Annahme ausgehen, dass in einer rationalen Entscheidung die wahrscheinlichen Kosten und Erträge der einzelnen möglichen Alternativen miteinander verglichen werden und dass dann die Entscheidung mit dem höchsten Zielerreichungsgrad zum Zuge kommt.

 

Als mögliche Alternativen stehen zur Diskussion, überhaupt auf Kinder zu verzichten, weiterhin –  falls ein Kinderwunsch besteht – zu welchem Zeitpunkt man die Geburt von Kindern wünscht und wie viele Kinder man zeugen und gebären möchte, schließlich entsteht für den Fall, dass dann, wenn der Mann nicht zeugungsfähig oder die Frau nicht gebärfähig ist, die Frage, ob unter Umständen ein Kind adoptiert werden soll.

 

Ganz generell ist davon auszugehen, dass das ‚Kinder bekommen‘ mit zahlreichen materiellen Kosten und immateriellen Entbehrungen verbunden ist. Eine Frau muss während der Schwangerschaft auf den Genuss mancher Genussmittel verzichten, die Geburt ist auch heute noch trotz Vorbereitungstechniken zumeist für die gebärende Frau mit starken Schmerzen verbunden. Weiterhin bringen vor allem die ersten Jahren nach der Geburt viele Einschränkungen und Belastungen mit sich.

 

Natürlich erfahren die Eltern zusammen mit ihren Kindern auch sehr viele Freuden, vor allem wenn sie sehen, wie sich ihre Kinder positiv entwickeln. Trotzdem dürften zumindest in den ersten Jahren der Erziehung Kinder per Saldo eher Mühen als Freuden mit sich bringen. Ganz generell haben sich im Verlaufe der historischen Entwicklung Kinder von einem Ertragsfaktor zu einem Kostenfaktor entwickelt. Im Mittelalter und in der beginnenden Neuzeit waren Kinder ein Garant dafür, dass die Eltern im Alter, in dem sie nicht mehr erwerbsfähig sind, von ihren Kindern miternährt wurden. In den modernen Industriegesellschaften fällt diese Funktion weitgehend weg. Auf der einen Seite übernehmen die Sozialversicherungssysteme den materiellen Schutz der Rentner, sodass es also einer Mitversorgung der Alten durch ihre Kinder nicht mehr bedarf.

 

Auf der anderen Seite bringt es der Beruf mit sich, dass ein Großteil der Kinder schon deshalb ihre elterliche Wohnung verlassen müssen, da sie ihr Beruf in entfernte Gemeinden und Länder führt. Auch trägt der Umstand, dass sich Sitten und Gebräuche immer schneller ändern, dazu bei, dass sich Eltern- und Kindergeneration immer weniger verstehen, sodass die Kinder schon aus diesen Gründen ihre elterliche Wohnung verlassen und eine eigene Wohnung einrichten oder dass die Eltern in ein Altersheim übersiedeln.

 

Zum Kostenfaktor führt das ‚Kinderhaben‘ vor allem deshalb, weil die berufliche Ausbildung der Kinder oftmals mit erheblichen finanziellen Kosten verbunden ist – und dies gilt vor allem, wenn die Kinder die weiterführenden Schulen und Hochschulen besuchen – Kosten, welche auf der einen Seite in Studiengebühren und Lernmittel bestehen und welche auf der anderen Seite darin bestehen, dass die Kinder sehr viel später ins Berufsleben eintreten und deshalb auch nicht zur finanziellen Unterstützung der Eltern beitragen können, obwohl sie oftmals die elterliche Wohnung nach wie vor beziehen.

 

Der Wille zum Kind hängt deshalb vor allem auch davon ab, ob ein Teil der Kosten und Beeinträchtigungen im Zusammenhang mit der Erziehung der Kinder vom Staat oder auch von den Unternehmungen übernommen wird. In diesem Zusammenhang ist vor allem der Versuch zu berücksichtigen, die Eltern zu einer größeren Bereitschaft zu führen, Kinder zu bekommen, in dem der Staat ein Kindergeld gewährt oder aber einen Teil der familiären Kosten an der Einkommenssteuer absetzen lässt. Auf diese Weise lassen sich in der Tat die mit der Kindererziehung zusammenhängenden Kosten der Eltern reduzieren und damit auch der Nettoertrag steigern.

 

Trotzdem lässt sich ein strikter Zusammenhang zwischen der Gewährung eines Kindergeldes und der Zunahme der Geburtenrate empirisch nicht nachweisen. Während auf der einen Seite Frankreich mit einer finanziellen Unterstützung kinderreicher Familien lange Zeit mit Erfolg die Geburtenrate steigern konnte, sind in der Bundesrepublik Deutschland die Geburtenraten schon seit langer Zeit rückläufig, obwohl ein Kindergeld bereits in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts eingeführt wurde und obwohl wiederholt der Geldbetrag nicht nur aufgestockt wurde, sondern auch auf alle Kinder auch auf das erste Kind ausgedehnt wurde.

 

Erklären lässt sich dieser Misserfolg zum Teil damit, dass ein Kindergeld vermutlich erst ab einer kritischen Höhe zu einer wesentlichen Entlastung von Familien führt und deshalb erst von dieser Größe an überhaupt die Geburtenrate ansteigen wird. Weiterhin gilt es zu berücksichtigen, dass eine finanzielle Unterstützung kinderreichen Familien allein nur die mit der Kindererziehung verbundenen Kosten reduziert.

 

Wenn hingegen durch Errichtung von ausreichenden Kindertagesstätten sowie Ganztagsschulen sichergestellt ist, dass die Eltern auch mit Kindern in der Lage sind, erwerbswirtschaftlich tätig zu sein, wird dies auch dann die Bereitschaft zum Kind vergrößern, wenn bisher die geringen Geburtenraten vorwiegend damit erklärt werden müssen, dass die Eltern auf jeden Fall eine erwerbswirtschaftliche Tätigkeit anstreben und dies bisher vor allem daran scheiterte, dass Eltern keine Möglichkeit fanden, bei Vorhandensein von Kindern beide Partner einer Erwerbstätigkeit nachzugehen.

 

Anstelle einer staatlichen Hilfe können natürlich auch Maßnahmen der Unternehmungen die Bereitschaft zum Kind fördern, in dem z. B. Kinder während der Erwerbszeit der Eltern in unternehmungseigenen Kinderbetreuungsstätten untergebracht werden können oder aber auch Arbeitsplätze angeboten werden, bei denen der eine Ehepartner seine berufliche Arbeit zuhause verrichten kann oder schließlich eine flexible Arbeitszeitregelung vorgesehen wird, die es den berufstätigen Eltern erlaubt, ihre eigenen Kinder zeitweise zu betreuen.

 

Für die Frage, wieweit die Geburtenraten durch materielle Hilfen des Staates beeinflusst werden können, ist ebenfalls die langfristige historische Entwicklung der Geburtenrate von Bedeutung. Historisch gesehen führte die Industrialisierung zunächst zu einem enormen Anstieg in den Geburtenraten, der vor allem damit erklärt werden konnte, dass die im Mittelalter geltenden familiären Bindungen mit der Wanderung zu den Städten aufgegeben wurden. Es folgte dann eine Phase des starken Rückgangs der Geburtenraten, die vor allem mit Entwicklungen der Verhütungsmittel, mit dem weiteren Umstand, dass das Kind zu einem Kostenfaktor wurde und schließlich auch mit der generell eintretenden moralischen Aufweichung erklärt werden kann.

 

In – wirtschaftlich gesehen – besonders hoch entwickelten Staaten wie den USA zeigt sich jedoch ein erneuter Trend zur Steigerung der Geburtenrate. Man erklärt diesen erneuten Umschwung damit, dass auf der einen Seite das Pro-Kopf-Einkommen der USA-Bürger in der Zwischenzeit so stark angestiegen ist, dass auch die hohen Kosten der Erziehung zu keiner nennenswerten Beeinträchtigung des Konsumstandards führen und dass auf der anderen Seite eine Familie soziales Ansehen dadurch gewinnen kann, dass ihre Kinder hoch angesehene Eliteschulen besuchen konnten. Diese Entwicklung zeigt, dass auch ein generelles wirtschaftliches Wachstum sowie eine Änderung in den gesellschaftlichen Werten durchaus zu einer Steigerung der Geburtenrate führen kann.

 

 

7. Erziehung

 

Auch im Zusammenhang mit der Erziehungsaufgabe stehen die Ehepartner vor einer Reihe von Entscheidungen. Als erstes gilt es zu erklären, wem denn diese Erziehungsausgaben übertragen werden sollen. Prinzipiell wäre es möglich, dass diese Aufgaben allein von den Eltern selbst übernommen werden, wobei in diesem Falle weiter zu klären ist, ob der Vater oder die Mutter diese Aufgabe übernimmt, bzw. wie sie sich in diese Aufgaben teilen. Eine zweite Möglichkeit besteht grundsätzlich darin, dass einem eigens hierzu angestellten Lehrer (Lehrerin) diese Aufgabe vielleicht auch nur teilweise übertragen wird. Als letzte Alternative besteht die Möglichkeit, dass Erziehungsaufgaben an außerfamiliäre Einrichtungen, vor allem an Schulen übergeben werden.

 

Bereits in dieser ersten Entscheidung ist seit dem Mittelalter ein wesentlicher Wandel eingetreten. Im Mittelalter wurde die gesamte Erziehungsaufgabe von den Eltern übernommen, soweit die Ehepartner der Schicht der Bauern oder Handwerkern angehörten, während die Adligen und die reicheren Bürger sich einen Erzieher leisten konnten, welcher dann den größten Teil der Erziehungsaufgabe erbringen konnte.

 

Eine Vielzahl von Gründen brachte es mit sich, dass immer größere Teile der Erziehungsaufgabe an außerfamiliäre Einrichtungen übertragen werden mussten. Als erstes sind die gesellschaftlichen Beziehungen so komplex geworden, sodass dass notwendige Wissen und die zu erlernenden Fertigkeiten nur noch von Fachkräften vermittelt werden können, die ihrerseits in einem mehrere Jahre dauernden Studium dieses Wissen erlernen müssen. Diese Zunahme des Schwierigkeitsgrades des zu vermittelnden Lernstoffes gilt insbesondere (wenn auch nicht nur) für die berufliche Ausbildung.

 

Im mittelalterlichen Betrieb (Bauernhof oder Handwerkerstelle) waren noch die Eltern (vorwiegend der Vater) in der Lage, den eigenen Kindern die wenigen Handgriffe und das wenige Wissen zu vermitteln, das für die Ausführung der Produktion notwendig war und das sich auch gegenüber der Elterngeneration der Eltern kaum verändert hatte. Im industriellen Betrieb ist nicht nur die Komplexität der anzuwendenden Technik angestiegen, es kommt noch hinzu, dass die Kinder keineswegs mehr wie selbstverständlich den Beruf ihres Vaters (ihrer Mutter) übernehmen oder den elterlichen Betrieb übernehmen, sodass auch schon aus diesen Gründen die Eltern gar nicht mehr über das Wissen verfügen, das ihre Kinder zur Ausführung ihres Berufes benötigen.

 

So ist ers zu erklären, dass die Vermittlung der beruflichen Kenntnisse und Fähigkeiten heute von gesellschaftlichen, außerfamiliären Institutionen übernommen wird, dass die Eltern auch verpflichtet sind, ihre Kinder auf die Schulen zu schicken, sodass dieser Aufgabenbereich nahezu 100% für alle Bevölkerungsschichten der Familie entzogen ist. Allenfalls haben die Eltern die Möglichkeit, zu entscheiden, auf welchen Schultyp (staatliche oder private Schulen oder auch Internate) ihre Kinder gegeben werden sollen.

 

In den Bereich innerfamiliärer Erziehung fällt deshalb heutzutage fast nur noch die vorschulische Erziehung. Auch für diesen Bereich lässt sich feststellen, dass in immer stärkerem Maße Aufgaben der Erziehung und Beaufsichtigung an außerfamiliäre Einrichtungen wie Kindertagesstätten und Ganztagsschule übertragen werden. Der Grund hierfür liegt auf der einen Seite darin, dass die Entscheidung beider Elternteile, einer erwerbswirtschaftlichen Beschäftigung nachzugehen, in der Regel notwendigerweise zur Folge hat, dass die Kinder während der Erwerbszeit ihrer Eltern in außerfamiliäre Einrichtungen gegeben werden müssen.

 

Nur in den Fällen, in denen sich die Eltern die Beschäftigung von Hausangestellten für diese Aufgaben finanziell leisten können oder die Unternehmungen bereits Beschäftigungsmöglichkeiten anbieten, die auch zuhause wahrgenommen werden können, haben die Eltern überhaupt die Möglichkeit, die Erziehungsaufgaben auch während der Erwerbszeit wahrzunehmen. Es verbleibt jedoch immerhin die Aufgabe, die Kinder während der Freizeit (Abends, an Sonn- und Feiertagen und im Urlaub) nachwievor zu erziehen, wobei auch hier die Frage entsteht, ob auch ein Teil  dieser restlichen Zeit an außerfamiliäre Einrichtungen übertragen wird.

 

Es gibt noch einen zweiten Grund dafür, dass die Erziehung der Kleinkinder in den letzten Jahren vermehrt außerfamiliären Einrichtungen (Kindertagesstätten) übertragen wurde. Die Erziehungswissenschaft hat darauf aufmerksam gemacht, dass die Grundlagen für Lernfähigkeit und Lernwilligkeit bereits im dritten und vierten Lebensjahr gelegt werden. Ab dieser Zeit beginnen die Kleinkinder, über alles, was in ihr Blickfeld gerät, Fragen nach dem ‚Warum‘ und ‚Wozu‘  zustellen.

 

Es hängt nun von der Reaktion der Erwachsenen ab, wie sie auf diese Fragen reagieren, ob sie bereit sind, auf diese Fragen einzugehen und sie in einer Weise zu beantworten, dass sie auch von den fragenden Kindern verstanden werden. Nur dann, wenn die Fragen der Kinder ausreichend beantwortet werden, entsteht im Kind auch eine Bereitschaft zum Lernen, die auch dann anhält, wenn das Lernen selbst wiederum zunächst mit zahlreichen Unannehmlichkeiten verbunden ist. Gerade weil viele Eltern in der Erfüllung dieser Aufgaben überfordert sind, entstand die Forderung, Jugendliche bereits im Kleinkindalter von geschulten Fachkräften erziehen zu lassen.

 

Wenn man nun davon ausgeht, dass stets die Alternative gewählt werden sollte, die dem zu erziehenden Kind am besten nützt, sollte diese Entscheidung stets danach gefällt werden, wer (die Eltern oder außerfamiliäre Einrichtungen) die besseren Voraussetzungen zur Erziehung der Kinder mitbringt. Zugunsten einer außerfamiliären Erziehung spricht der Umstand, dass in außerfamiliären Einrichtungen geschulte Fachkräfte eingesetzt werden können, welche sowohl im Hinblick auf das erforderliche theoretische Wissen wie auch im Hinblick auf die erlernenden Fähigkeiten den in der Regel ungeschulten Eltern überlegen sind.

 

Bei dieser Entscheidung gilt es jedoch drei weitere Kriterien zu berücksichtigen. Die Erziehung von Kindern ist – um in der Sprache der Wirtschaftswissenschaft zu sprechen – eher eine Frage der Handarbeit als der ‚Massenproduktion‘. Die Aufgabe der Erziehung erfordert ein Eingehen auf jedes einzelne zu erziehende Kind, da jedes Kind auch unterschiedliche Neigungen und Begabungen mitbringt. Handarbeit setzt jedoch eine relativ kleine Institution voraus, Massenproduktion findet hingegen in Großbetrieben statt. Entscheidend ist hierbei der Umstand, dass in den außerfamiliären Einrichtungen der größte Teil der aufzubringenden Kosten Fixkosten darstellen. Fixkosten zeichnen sich dadurch aus, dass sie anfallen, ob nur wenige Leistungen oder viele Leistungen erbracht werden. In diesem Sinne entstehen in einer Kindertagesstätte vorwiegend nur Fixkosten wie etwa das Anmieten oder Kaufen der Gebäude und des Grundstückes und gewisser Geräte sowie die Anstellung von Fachpersonal.

 

Die Berechnung der Stückkosten also in unserem Falle der Gebühren, welche von den Familien oder aber auch vom Staat zu übernehmen sind, führt nun im Falle von Fixkosten dazu, dass sie bei geringem Leistungsumfang extrem hoch sind und erst dadurch eine akzeptable Höhe annehmen, wenn entsprechend viele Leistungen erbracht werden. Die Anstellung von hoch bezahlten Fachkräften lohnt sich eben erst ab einer bestimmten Mindestgröße. In dieser Hinsicht ist die Familie, vor allem die heutige Kleinfamilie einer außerfamiliären Erziehungsanstalt eindeutig überlegen.

 

Eine Überlegenheit der Familie bei diesen speziellen Erziehungsaufgaben ergibt sich noch aus einem zweiten Grund. Wir haben bereits gesehen, dass gerade die Erziehung von Kleinkindern einen enormen persönlichen Einsatz verlangt. Gerade in den ersten Lebensjahren neigt sich das Verhältnis zwischen den Freuden und den Unannehmlichkeiten im Zusammenhang mit der Erziehung eher in Richtung Lasten der Unannehmlichkeiten. Es würde die Fähigkeit einer geschulten Fachkraft, welche eine Vielzahl von Kindern betreuen muss, eindeutig übersteigen, würde man von ihr verlangen, dass sie zu jedem einzelnen Kind ein Vertrauensverhältnis aufbaut, das auch nur annähernd an die persönliche Bindung der Eltern gegenüber ihren Kindern heranreicht. Es ist die Blutsverwandtschaft, die Tatsache, dass man für das eigene Kind tätig wird, welche Eltern sehr oft zu aufopfernden Handlungen veranlasst.

 

Drittens müssen wir bedenken, dass in allen größeren Einrichtungen neben einem formellen Regelwerk immer auch informelle Bindungen, Gruppierungen und Zwänge entstehen, welche gerade deshalb, weil sie nicht von den Führungskräften der Einrichtung kontrolliert werden können, auch schädlichen Einfluss ausüben können. Das Entstehen informeller Gruppierungen findet sich vor allem dort, wo die Kinder und Jugendlichen ganztätig betreut werden, so vor allem in Internaten.

 

Wenn also auch gewichtige Gründe nach wie vor dafür sprechen, dass die Erziehung von Kleinkindern schwergewichtig von den eigenen Eltern übernommen werden sollte, gilt es doch zu bedenken, dass dies nur eine Beurteilung darstellt, die für den Regelfall, für den Durchschnitt der anstehenden Erziehungsaufgaben gelten kann. Stets muss damit gerechnet werden, dass einzelne Eltern entweder gar nicht willens sind, sich aufopfernd für ihre Kinder einzusetzen, die auch im Umgang mit ihren Kindern nur ihr eigenes Wohl im Auge haben oder aber einfach intellektuell in der Erziehungsaufgabe überfordert sind. In diesen Fällen muss es sehr wohl die Möglichkeit geben, dass von Staatswegen außerfamiliäre Institutionen mit der Erziehung einzelner Kinder betraut werden, notfalls auch gegen den Willen der Eltern.

 

Von einigen Politikern wird nun die Forderung erhoben, dass gerade wegen dieser Überlegenheit einer innerfamiliären Erziehung der Kleinkinder von Seiten des Staates finanzielle Anreize gegeben werden, um mehr Eltern zu bewegen, die Erziehung ihren Kleinkinder selbst zu übernehmen. Es ist jedoch fraglich, ob eine solche Regelung einen nennenswerten Einfluss auf das Verhalten der Eltern ausüben kann. Der Grund dafür, dass Eltern ihre Kinder nicht selbst ganztätig erziehen wollen, liegt in aller erster Linie darin, dass beide Eltern erwerbstätig sein wollen.

 

Verzichtet ein Teil der Eltern auf dieses Ziel, so erleidet er einen starken Einkommensverlust, der bis etwa der Hälfte des gesamten Familieneinkommens betragen kann. Man wird nur dann, wenn die staatliche Subvention weitgehend diesen Einkommensverlust ausgleicht, damit rechnen können, dass sich ein Großteil der Eltern aufgrund des Betreuungsgeldes dazu entschließt, dass der eine der Ehepartner deshalb auf eine erwerbswirtschaftliche Tätigkeit verzichtet. Es ist jedoch vollkommen ausgeschlossen, dass ein staatliches Betreuungsgeld auch nur annähernd an diesen Einkommensverlust herankommen kann.

 

Größerer Einfluss auf die hier anstehende Entscheidung der Eltern dürften Maßnahmen gewinnen, die darin bestehen, dass einem größeren Teil der Arbeitnehmer die Möglichkeit eröffnet, die betrieblichen Aufgaben auch innerhalb des privaten Haushaltes durchzuführen. Hier ist eher damit zu rechnen, dass Familien die Betreuung ihrer Kleinkinder selbst übernehmen, da ihnen die Möglichkeit eröffnet wird, der beruflichen Arbeit auch in der eigenen Wohnung nachzugehen, die es dann auch erlaubt, während der Arbeit die eigenen Kinder zu beaufsichtigen.

 

Eine ähnliche positive Wirkung könnte auch von den unternehmerischen Versuchen ausgehen, Teilzeitarbeit bis herauf zu den Führungskräften anzubieten. In diesem Falle würde die zeitweise Übernahme familiärer Aufgaben nicht gleichzeitig bedeuten, dass damit ein beruflicher Aufstieg von vornherein verbaut ist, wenn man vorübergehend Erziehungsaufgaben in der Familie übernimmt und deshalb sich im Betrieb freistellen lässt.

 

Wenden wir uns nun den Zielen der Erziehung zu. Im Grunde geht es im Rahmen der Erziehung darum, den zu Erziehenden zu einem freien Bürger unserer Gesellschaft zu erziehen, der auf der einen Seite seine Rechte wahrzunehmen versteht, der aber auch bereit ist, seinen Pflichten nachzukommen und die Rechte der Mitbürger zu respektieren. Worin die Rechte und Pflichten bestehen, ist vor allem in der Verfassung und in den Gesetzen niedergelegt. Allerdings räumt die Verfassung der freiheitlichen und rechtsstaatlichen Demokratien den einzelnen Bürgern auch einen weiten Handlungsspielraum ein, so ist dem Einzelnen vor allem eine Religionsfreiheit für ihre Kinder gewährt.

 

Dies bedeutet, dass sich auch die Eltern in der Erziehung ihrer Kinder an den selbst gewählten religiösen Leitbildern orientieren können. Zwar liegt hier keine Selbstbestimmung im engeren Sinne des Wortes vor, die Eltern entscheiden ja hier für ihre Kinder. Die Schlussfolgerung jedoch, die Wahl der Religionszugehörigkeit auf die Zeit zu verschieben, in der der Heranwachsende das Erwachsenenalter erreicht hat und deshalb selbst bestimmen kann, welchem Bekenntnis er sich anschließen will, wäre genauso falsch, wie man die Wissensaneignung ganz generell auf die Zeit verschieben wollte, wenn der einzelne bereits erwachsen ist und selbst entscheiden kann, welchen Beruf er ergreifen möchte. In beiden Fällen ist die Lernfähigkeit und die Bereitschaft zu einer moralischen Grundhaltung wesentlich davon abhängig, dass in den ersten Lebensjahren die Grundposition zum späteren Lernen gelegt werden muss. Dies gilt nicht nur für die Aneignung von Faktenwissen, sondern auch von dem Wissen über letztliche Werte.

 

Kommen wir nun zu der Frage, welche Methoden der Erziehung denn den Eheleuten gegebenenfalls zur Verfügung stehen. Nicht nur für die Erziehung der Eltern, sondern ganz generell gibt es im Wesentlichen nur zwei Methoden, Wissensstoffe sich anzueignen. Der Lernende bzw. der zu Erziehende kann entweder dadurch lernen, dass er das Verhalten anderer nachahmt oder dass er in einem Prozess des ‚Error and Trial‘ durch Beobachten, Nachdenken und Ausprobieren schließlich zu neuen Erkenntnissen gelangt.

 

Die Begrenzung auf diese beiden Methoden gilt sowohl für das Erlernen von theoretischem Wissen oder praktischen Fähigkeiten als auch für das Aneignen von Faktenwissen (explikative Aussagen) und Wertvorstellungen (normativen Aussagen). Im Hinblick auf die Kindererziehung seitens der Eltern bedeutet dies: Die Eltern haben eine Vorbildfunktion, die Kinder werden die Wertvorstellungen nur dann übernehmen, wenn sich auch die Eltern an diese Normen halten, genauso wie sie es für die Kinder erwarten.

 

Die error and trial - Methode hingegen setzt eine bestimmte Fähigkeit der Erkennung voraus und kann deshalb erst ab einem bestimmten Alter von den Kindern angewandt werden. Dies bedeutet, dass die Eltern im Wesentlichen nur dadurch ihre Kinder in deren ersten Lebensjahren zum Lernen bestimmter Verhaltensweisen bewegen können, dass sie diese Verhaltensweisen selbst anwenden und darauf hoffen, dass die Kinder sie imitieren und so diese Verhaltensweisen übernehmen.

 

Die eigentliche Erziehung setzt jedoch auf Einsicht, dass das zu lernende Verhaltensmuster die richtige Antwort auf bestimmte Aktionen darstellt. Sobald sich diese Einsicht beim Kind einstellt, beginnt der eigentliche Lernprozess der Kinder. Sie stellen Beobachtungen über Zusammenhänge an, ziehen Schlussfolgerungen und versuchen durch Ausprobieren neuer Konstellationen ihr Wissen zu erweitern. Die Aufgabe der Eltern in dieser Lernphase besteht dann darin, diese Beobachtungen zu unterstützen, sie auf gewisse Zusammenhänge aufmerksam zu machen und immer dann, wenn die Gefahr besteht, dass die Kinder falsche Schlussfolgerungen aus ihren Beobachtungen ziehen, diese durch gemeinsames Überlegen auf die richtigen Schlussfolgerungen hinführen. Diese Überlegungen dürfen aber das Kind nie überfordern, sie müssen also in einer Kind gerechten, also vom Kind zu verstehenden Form vorgetragen werden.

 

Auch in dieser fortgeschrittenen Phase bedarf es jedoch nach wie vor der Vorbildfunktion der Eltern. Wie sollen denn die Kinder eine bestimmte zu lernende Regel akzeptieren und verinnerlichen, wenn sich gerade ihre Eltern, die erste und zunächst einzige Autorität, anders verhält als von den Kindern erwartet? Halten sich die Eltern selbst nicht an die von ihnen aufgestellte Norm, so lernen die Kinder, dass es offensichtlich zwei Arten von Recht gibt oder das das gelernte Recht nicht für alle gilt und sie werden versuchen, dem Vorbild der Eltern nachzueifern und möglichst bald zu der Gruppe zu zählen, die Normen erteilt, ohne sich selbst an diese Normen zu halten.

 

Zu den Zielen der Erziehung zählt unter anderem auch die Frustrationsbewältigung. Wir können nicht damit rechnen, dass wir ein Leben lang all unsere Bedürfnisse befriedigen und alle unsere Ziele realisieren können. Immer wieder erleiden wir Enttäuschungen und Entbehrungen. Es gehört zu den Aufgaben der Eltern, dass sie ihre Kinder auf solche Situationen der Frustration vorbereiten und ihnen zeigen, wie man mit Frustrationen, die wohl fast jeden von uns irgend einmal treffen wird, umzugehen hat und wie man den hierdurch entstehenden Schaden so weit wie möglich abwenden kann.

 

Frustrationen gefährden den Einzelnen, der sie erfährt, aber auch die gesamte Gesellschaft. Erfährt der Einzelne Entbehrungen, so stellen sich bei demjenigen, der diese Frustration erduldet,  nicht nur Enttäuschung und Unlust ein, weil seine Erwartungen nicht eingetreten sind. Es entsteht sehr oft Wut, welche den Einzelnen zu unüberlegten und damit irrationalen Handlungen veranlasst, die die persönliche Wohlfahrt der Betroffenen um ein weiteres beschneidet.

 

Wer sich nicht beherrschen kann, büßt oftmals auch das Ansehen in der Gesellschaft ein, wenn er sich zu Handlungen und Äußerungen hinreißen lässt, welche nicht dem allgemeinen Verhaltenskodex unserer Gesellschaft entspricht. Auch die seelische Gesundheit kann gefährdet sein, wenn der Einzelne nicht gelernt hat, wie man mit Frustrationen umgeht. Im Extremfall besteht sogar vereinzelt die Gefahr, dass sich der einzelne aufgrund immer wieder kehrenden Frustrationen aus der Gesellschaft zurückzieht, in Art einer Regression jeden Kontakt mit der Umwelt abbricht und gerade auf diese Weise sich wiederum schädigt. Unsere Gesellschaft baut nämlich auf Arbeitsteilung auf und unseren relativ hohen materiellen Wohlstand konnten wir nur dadurch erreichen, dass unsere Produktion arbeitsteilig erfolgt.

 

Es ist aber nicht nur der persönliche Schaden, den diejenigen erfahren, welche nicht in der Lage sind, die Vielzahl von Entbehrungen und Enttäuschungen ohne großen Schaden zu überstehen. Hat nämlich der Einzelne nicht gelernt, mit Frustrationen umzugehen, reagiert er zumeist mit Aggressionen. Die Aggression ist quasi die natürliche Reaktion auf Entbehrungen jeglicher Art.

 

Dieser Zusammenhang hat der heutige Mensch von seinen Vorfahren in der menschlichen Frühzeit geerbt. Nur durch aggressives Verhalten konnte er überleben. In der Zwischenzeit hat der Mensch gelernt, sich im Alltag friedlich zu verhalten, auch ist es im gelungen, die materiellen Ressourcen so zu vermehren, dass ein friedliches Miteinander durchaus möglich ist und die Mehrheit der Menschen ist auch bereit, sich bei der Aneignung dieser Ressourcen an bestimmte Regeln zu halten, welche ein friedliches Zusammenleben ermöglichen.

 

Allerdings gibt es auch heute noch in beachtlichem Maße Gewalt, sowohl in der privaten Sphäre des Einzelnen als auch in den Beziehungen der Staatengemeinschaften. Der einzelne muss in seinem Privatleben vor Anfeindungen durch eine staatliche Gewalt geschützt werden und die Gefahr, dass feindliche Regierungen angreifen, ist keinesfalls gebannt. Der Mensch bedarf deshalb  vereinzelt in Art einer Verteidigungsbereitschaft auch heute noch der Aggression, um die Anfeindungen der Anderen mit Erfolg abzuwehren.

 

Ursache dieser Gewalt und der sie auslösenden Frustration ist in aller erster Linie die Knappheit der materiellen Ressourcen, auch dann, wenn es der Menschheit gelungen ist, diese materiellen Ressourcen in starkem Maße auszuweiten. Der Grund dafür, dass es trotz Vermehrung der knappen Güter trotzdem nicht gelungen ist, die Knappheit zu überwinden, liegt vor allem darin, dass mit dem Gütervorrat auch unser Bedarf an materiellen Gütern fast genauso stark gewachsen ist. Knappheit drückt sich nämlich in dem Spannungsverhältnis zwischen Ressourcenvorrat und Bedarf aus und kann nur dadurch verringert werden, dass wir auf der einen Seite die knappen Güter so effizient wie möglich einsetzen und dass wir auf der anderen Seite uns nicht nur um eine Ausweitung der Ressourcen bemühen, sondern gleichzeitig uns dafür einsetzen, unseren Bedarf zu befriedigen. Zufriedenheit hat es damit zu tun, dass wir lernen, unsere Bedürfnisse auf das Machbare zu beschränken.

 

Auf jeden Fall haben wir auch heute noch davon auszugehen, dass die Masse der Bürger Einschränkungen und Entbehrungen im Alltagsleben immer wieder erfährt und dass sich im Zuge dieser Enttäuschungen Frustrationen einstellen. Aufgabe der Erziehung ist es, mit diesen alltäglich zu erwartenden Frustrationen fertig zu werden. Zwar hat es den Anschein, dass die Heranwachsenden der Superreichen in Überfluss leben und dass sie deshalb mit keinen knappheitsbedingten Entbehrungen zu rechnen haben.

 

Aber erstens ist die Zahl solcher Superreichen extrem gering und zweitens gibt es außer Knappheit an materiellen Gütern genügend andere Enttäuschungen, von denen selbst die Superreichen betroffen sind. Der Einzelne kann aufgrund von Krankheiten geschwächt werden, kann gerade deshalb weil er reich ist, von andern bestohlen, angegriffen oder gekidnappt werden und vor allem stehen auch oder gerade die Reichen in einem sehr starken Wettbewerb mit anderen, welche ihnen ihren Reichtum streitig machen, ein Wettbewerb, der keinesfalls immer mit fairen Mitteln geführt wird.

 

Da also im Grunde jeder damit rechnen muss, dass er während seines Lebens immer wieder Enttäuschungen erleben muss und dass er auch an diesen Enttäuschungen scheitern kann, ist es sicherlich eine der wichtigsten Aufgaben, dass die Eltern ihre Kindern auf diese Situationen vorbereiten und ihnen zeigen, wie man mit diesen Frustrationen fertig werden kann, ohne selbst großen Schaden zu nehmen oder anderen Schaden zuzufügen.

 

Es gibt nun eine ganze Reihe von Möglichkeiten mit Frustrationen fertig zu werden, ohne dass man gegen die Mitmenschen aggressiv auftritt. Diese Möglichkeiten beginnen damit, dass man dann, wenn man von einem Mitmenschen Schaden erfahren hat, sich zunächst, solange die Wut anhält und Gefahr besteht, dass man diese Wut an anderen, vielleicht sogar an Unbeteiligten und Unschuldigen auslässt, zurückzieht, vielleicht auch an den Übeltäter einen geharnischten Brief schreibt mit Beschimpfungen jeder Art, diesen Brief aber niemals abschickt.

 

Auf diese Weise kann man seine Wut abreagieren, die dann auch in aller Regel verraucht. Eine solche Handlungsweise hat den großen Vorteil, dass man nicht unbesonnen, also irrational handelt und aufgrund dieser Gemütsbewegung Alternativen wählt, welche dem Eigeninteresse schaden. Diese Handlungsweise trägt auch dazu bei, dass man gerade dadurch, dass man seine Enttäuschung in Worte fasst, vielleicht darüber klar wird, dass der zugefügte Schaden sich in Grenzen hält, die Gefahr irrationaler Handlungen ist dann gerade deshalb zurückgegangen, weil die Wut nicht mehr eine namenslose und deshalb gefährliche Emotion darstellt.

 

Aber selbst dann, wenn man sich dazu hinreißen lässt, den Angreifer in den übelsten Worten zu beschimpfen, der hierdurch angerichtete Schaden ist solange wesentlich geringer, solange es bei verbalen Injurien bleibt und keine Taten gegen Dritte ausgeführt werden, die auf jeden Fall einen dauerhaften, zumeist nicht wieder gut zu machenden Schaden verursachen. Für verbale Beleidigungen gibt es fast immer die Möglichkeit, sich später zu entschuldigen. Und gerade weil auch der so verbal Beleidigte oftmals vor ähnlichen Situationen mit ähnlichen Reaktionen steht, ist er auch zumeist bereit, diese Entschuldigungen zu akzeptieren.

 

Den Schaden aufgrund von Aggressionen lässt sich weiterhin dadurch vermeiden, dass man den Aggressionstrieb umzulenken, zu sublimieren versucht. Eine Umlenkung findet z. B. statt, wenn man in sportlichen Betätigungen seine Wut zu überwinden sucht, wenn man mit seinem Gegner einen sportlichen Wettbewerb austrägt, bei dem sich die Partner an Spielregeln der Fairness halten. Auch kann man Berufe ergreifen wie z. B. Polizist oder Soldat werden, in dem ein gewisses aggressives Verhalten oftmals notwendig wird, aber im Auftrag der Gemeinschaft und zur Abwendung größeren Schadens eingesetzt wird.

 

Frustrationsbewältigung liegt auch darin, dass man sich nach erlebter Frustration darüber klar wird, worin denn die Ursachen dieser Enttäuschung gelegen haben und auf welchem Wege in Zukunft die Wahrscheinlichkeit zukünftiger Frustrationen vermindert werden kann. Soweit die Frustration ihre Ursache in einer Knappheit hat, also dadurch entstanden ist, dass nicht alle Ziele mangels fehlender Ressourcen erreicht werden konnten, gibt es stets zwei mögliche Strategien. Man kann entweder den Versuch unternehmen, seine Einkommensquellen zu vergrößern oder aber seinen Bedarf und seine Zielsetzungen den Gegebenheiten anzupassen, in Wirklichkeit dürfte es zweckmäßig sein, beide Strategien gleichzeitig einzusetzen.

 

Worin besteht nun die erzieherische Aufgabe der Eltern im Zusammenhang mit der Frustrationsbewältigung? Bisweilen begegnet man der Vorstellung, es komme in erster Linie darauf an, ihren Kindern möglichst viele Situationen herbeizuführen, in denen die Kinder Entsagung üben müssen. Die Kinder müssten lernen, mit Enttäuschungen zu leben und sie lernen dieses Ziel am besten dadurch, dass die Eltern immer wieder ihren Kindern die Verwirklichung ihrer Wünsche vorenthalten.

 

Ein solcher Weg ist aus mehreren Gründen falsch. Erstens besteht die eigentliche Aufgabe der Frustrationsbewältigung nicht in erster Linie darin, dass Situationen mit Enttäuschungen herbeigeführt werden. Beschränkt sich der Beitrag der Eltern darauf, Entbehrungen künstlich herbeizuführen, wird dieser Vorgang in aller Regel Aggressionen hervorrufen. Der eigentliche Auftrag der Eltern besteht in diesem Zusammenhange gerade darin zu zeigen, auf welche Weise Enttäuschungen ohne größeren Schaden bewältigt werden können.

 

Zweitens haben wir gesehen: Für fast alle Familien gilt, dass sie ohnehin einer Vielzahl von Enttäuschungen und Entbehrungen ausgesetzt sind, dies gilt sogar für die Familien der Superreichen, welche normaler Weise keine materielle Not erleiden müssen. Es ist nicht notwendig, künstlich Frustrationen auszulösen, jede Familie steht wiederholt vor der Situation, mit Enttäuschungen fertig zu werden.

 

Drittens besteht die große Gefahr, dass von den Eltern künstlich gesetzte Frustrationen ganz im Gegenteil Schaden anrichten. Die Kinder haben ein gesundes Gespür dafür, ob sich Frustrationen aus der Situation ergeben oder von den Eltern künstlich herbeigeführt wurden. Sind die Kinder davon überzeugt, dass die Eltern Frustrationen bewusst ohne äußeren Zwang künstlich herbeiführen, so lernen die Kinder in allererster Linie, dass man zur Erhaltung des eigenen Vorteils den Mitmenschen Schaden zufügen (Frustrationen auslösen) kann und dass man sich darum bemühen sollte, später im Erwachsenenalter möglichst zu der Gruppe zu zählen, die Frustrationen austeilt und nicht einstecken muss. Auch gilt es zu bedenken, dass nicht verarbeitete Frustrationen leicht dazu führen, dass die hierbei entstehende Wut an unbeteiligten Dritten abreagiert wird. Man spricht hierbei vom Verhalten eines Fahrradfahrers: Man buckelt nach oben und tritt mit den Füßen nach unten.

 

Im Grunde gelten auch für die spezielle Erziehungsaufgabe der Frustrationsbewältigung die gleichen beiden Grundsätze der allgemeinen Erziehung: die Eltern erziehen auf der einen Seite dadurch, dass sie selbst den Kindern vorleben, wie man sich bei Auftreten von Frustrationen zu verhalten hat. Sobald das Kind rationalen Überlegungen zugänglich ist, kommt es auf der anderen Seite darauf an, den Kindern aufzuzeigen, auf welche Ursachen diese Frustrationen zurückgeführt werden können und gemeinsam mit den Kindern überlegen, auf welchem Wege dazu beigetragen werden kann, dass in Zukunft die Gefahr weiterer Frustrationen verringert wird.

 

 

8. Vererbung

 

Als letztes wollen wir in diesem Kapitel die Entscheidungen zur Vererbung von Vermögen an die Kinder  und an den Ehegarten besprechen. Durch die Vererbung wird das Vermögen eines Verstorbenen an die Erben übertragen. In der Öffentlichkeit wird oftmals der Eindruck erweckt, als würde die heutige Generation aufgrund der hohen Staatsverschuldung die Interessen der nachfolgenden Generation vernachlässigen. Dieser Eindruck entspricht nur sehr oberflächlich der Wirklichkeit. Auf der einen Seite gab es nämlich keine Generation vor der heutigen, welche in so starkem Maße Vermögen aufgehäuft und an ihre Kinder vererbt hat. In früheren Generationen konnte es sich nur die relativ kleine Zahl von Familien der höheren Einkommensklassen überhaupt leisten, nennenswertes Vermögen an ihre Nachkommen zu vererben. Heute kann auch die mittlere Einkommensklasse durchaus nennenswerte Vermögenssummen an ihre Kinder weitergeben. Auch fällt auf, dass im Durchschnitt fast alle Familien für ihre Kinder immer höhere Beträge, einschließlich eines Taschengeldes ausgeben.

 

Auf der anderen Seite ist auch die Feststellung, dass durch die hohe Staatsverschuldung die zukünftige Generationen belastet werden, nicht ganz korrekt. Es gibt in der Tat eine Art der Staatsverschuldung, welche die zukünftigen Generationen belastet. Aber es ist weniger die Staatsverschuldung als solche, welche darüber entscheidet, in welchem Maße die zukünftigen Generationen belastet werden. Ob über eine Staatsverschuldung eine zukünftige Belastung eintritt, hängt vielmehr entscheidend von der Verwendung der durch Kredite erworbenen Staatseinnahmen ab. Eine zukünftige Belastung ist in erster Line dann zu erwarten, wenn der Staat konsumtive Ausgaben mit Krediten finanziert. Wird nämlich Kapital von einer bisherigen investiven Anlage in ein konsumtive Verwendung umgelenkt, so wird die Produktionskapazität vermindert, was sich unmittelbar darin äußert, dass in der zukünftigen Periode weniger produziert werden kann.

 

Versucht der Staat hingegen Kredite für einen Ausbau der Produktionsanlagen zu verwenden, dann kommt die heutige Verschuldung der zukünftigen Generation zugute, da in diesem Falle in der zukünftigen Periode die Produktion gegenüber heute gesteigert werden kann. Wenn der Staat z. B. einen Teil der Bildungsausgaben defizitär finanzieren würde, so wäre die hierdurch erzeugte Staatsverschuldung nicht eine Belastung, sondern sogar eine Begünstigung der zukünftigen Generation, gleichzeitig könnten die Bildungsinvestitionen so eingesetzt werden, dass dieser vermehrte Zuwachs vor allem auch den Empfängern geringeren Einkommens zugute käme.

 

Der Vererbung kommt im Rahmen der Gesellschaftspolitik eine zweifache Funktion zu. Die Vererbung kann auf der einen Seite den Familienerhalt, auf der anderen Seite das wirtschaftliche Wachstum fördern. Gerade in einer Zeit, in der die Familie gegenüber früheren Zeiten eine Funktion nach der anderen verloren hat und durch Scheidungen und Beschränkung auf Kleinstfamilien geschwächt ist, gleichzeitig trotzdem eine existenzielle Bedeutung zum Erhalt einer Volksgemeinschaft hat, bedarf es gesellschaftlicher Anreize zum Erhalt der Familie.

 

Der Bestand der Familie wird durch die Einrichtung der Vererbung dadurch stabilisiert, dass die Kinder einen Anreiz erhalten, auch in den Jahren, in denen sie das Kindesalter überschritten haben, die Kontakte zu ihren Eltern aufrechtzuerhalten und dann, wenn die Eltern der Hilfe seitens ihrer Kinder bedürfen, diese auch erwarten können. Das wirtschaftliche Wachstum wird durch die Institution der Vererbung selbst wiederum gefördert, da die Eltern – soweit sie Selbstständig sind –  an einem Erhalt, am Ausbau und an einer Nachhaltigkeit der elterlichen Betriebe interessiert sind und alles dafür tun, um den Kindern eines Tages einen funktionsfähigen  und stabilen Betrieb zu übergeben.

 

Jedes Elternpaar, das Vermögen an ihre Kinder weitervererben möchte, muss zunächst einmal sparen. Im Hinblick auf die Verwendung des privat verfügbaren Einkommens einschließlich des bereits bestehenden Vermögens können die Ehepartner einen Teil dieser Ressourcen für den Konsum verwenden. Diese Teile werden somit in dieser Periode verbraucht und können deshalb auch nicht in die Zukunft transferiert werden. Wird der Konsum hierbei aus dem laufenden Einkommen finanziert, wird lediglich verhindert, dass das bestehende Vermögen nicht vergrößert wird.

 

Werden jedoch die Konsumgüter aus dem bestehenden Vermögen bestritten, tragen die Ehepartner dazu bei, dass das Vermögen reduziert wird und dass deshalb weniger knappe Ressourcen der zukünftigen Generation zur Verfügung stehen. Haben die Ehepartner überhaupt noch kein Vermögen, so könnte trotzdem der augenblickliche Konsum dadurch gesteigert werden, dass die Ehepartner einen Kredit aufnehmen und sich auf diese Weise verschulden, was einem negativen Vermögen gleichkommt. Im Allgemeinen erhalten die Ehepartner nur dann von den Banken einen Kredit, wenn sie über gewisse Sicherheiten verfügen.

 

Betrachten wir nun den Fall, dass die Ehepartner einen Teil ihres privat verfügbaren Einkommens sparen und damit für die Zukunft Vermögen bilden. Auch hier gibt es eine ganze Reihe möglicher Ziele. Erstens können die Ehepartner beabsichtigen, in Zukunft eine größere Anschaffung zu tätigen, wobei die benötigte Kaufsumme die Möglichkeit übersteigt, diesen Kauf aus dem zukünftigen, laufenden Einkommen zu finanzieren.

 

Zweitens müssen die Eheleute vielleicht damit rechnen, dass in entfernter Zukunft die Erwerbsmöglichkeiten schwinden, dass sie eines Tages altersbedingt aus dem Erwerbsleben ausscheiden und dann über keine regulären Erwerbseinnahmen mehr verfügen. Die heutige Vermögensbildung dient also hier dazu, in zukünftigen Perioden über zusätzliche Einnahmequellen zu verfügen. Diese Einnahmequellen können darin bestehen, dass das erwerbsmäßig angelegte Vermögen einen Zinsertrag bringt oder aber auch, dass das Vermögen in Zukunft wiederum aufgelöst wird.

 

Drittens können die Ehepartner die Absicht verfolgen, durch heutiges Sparen ein Sicherheitspolster für die Zukunft anzulegen. Sowohl der zukünftige Verlauf des Einkommens wie auch des Bedarfs ist keinesfalls eindeutig gegeben, stets muss damit gerechnet werden, dass aufgrund unterschiedlichster Ursachen vorübergehend z. B. aufgrund von Krankheit oder Unfall oder unfreiwilliger Arbeitslosigkeit das verfügbare Einkommen zurückgeht oder aber, dass aus den gleichen Gründen ein zusätzlicher Bedarf entsteht. So entstehen z. B. im Zusammenhang mit der Heilung einer Krankheit zusätzliche Kosten, welche nicht alle hundertprozentig von den Krankenkassen bezahlt werden. Oder aber ein Arbeitsloser hat im Zusammenhang mit der Suche einer neuen Arbeitsstelle zusätzliche Kosten ( z. B. bei einem Vorstellungsgespräch) aufzubringen.

 

Viertens schließlich dient der heutige Aufbau eines Vermögens dazu, dieses Vermögen an die Kinder weiterzuvererben.

 

Fragen wir uns nun, welche Arten der Vermögensbildung zur Realisierung dieser vier Sparziele zur Verfügung stehen. Ersparnisse können erstens in Form von Sparbüchern bei Banken und Sparkassen angelegt werden, wobei hier nochmals unterschieden werden kann nach der Verfügbarkeit der Sparanlagen, es gibt Sparbücher, bei denen die gesparten Geldbeträge jederzeit abgerufen werden können, bei andern Sparbüchern besteht eine Kündigungsfrist z. B. von einem Jahr, sodass diese Sparanlage auch nicht dazu dienen kann, einen plötzlich auftretenden und sofort verfügbaren Geldbedarf abzudecken.

 

Ersparnisse lassen sich zweitens in Sachanlagen anlegen. So können die Ersparnisse bei den Selbstständigen dazu dienen, die Produktionsanlagen der eigenen Unternehmung aufzustocken oder aber auch Immobilien zu kaufen, welche entweder für den Eigenbedarf verwandt werden oder dem Haushalt zusätzliche Mieteinnahmen bringen.

 

Ersparnisse können drittens in Wertpapieren angelegt werden, wobei hier wiederum zwischen Aktien einzelner Unternehmungen, Aktienfonds, vollhaftender Beteiligung an einer Unternehmung sowie festverzinslichen Wertpapieren unterschieden wird. Die Aktienfonds unterscheiden sich von der Kapitalanlage in Aktien einer einzelnen Unternehmung dadurch, dass ein überbetrieblicher Fonds verschiedene Aktien aufkauft und dann Anteilsscheine auf dieses angesammelte Vermögen verkauft. In ähnlicher Weise könnte auch eine Einzelperson, wenn sie über ein sehr großes Vermögen verfügt, dafür Sorge tragen, dass Aktien recht unterschiedlicher Unternehmungen aufgekauft werden, sodass sich in dem Portefeuille dieser Person eine breite Streuung von Aktien unterschiedlichster Branchen befinden. Ein Aktienfonds hat den Vorteil, dass auch Kleinanleger in die Lage versetzt werden, ihre Kapitalanlage zu streuen.

 

Wählt ein Kapitalgeber die Form der unmittelbaren Beteiligung an einer Unternehmung, so unterscheidet sich diese Form der Kapitalanlage vom Aktienkauf vor allem dadurch, dass der Aktionär im Konkursfalle nur mit seinem Aktienpaket haftet, während derjenige, der die Form der unmittelbaren Unternehmungsbeteiligung gewählt hat, mit seinem vollen Vermögen haftet. Als Gegenleistung werden diesem Kapitalgeber oftmals auch gewisse Mitbestimmungsrechte an wichtigen Entscheidungen der Unternehmung eingeräumt.

 

Nun einige Worte zu festverzinslichen Wertpapieren. Während sowohl die Aktien wie auch die Anteilsscheine an Aktienfonds zwar jederzeit verkauft werden können, aber auch auf unbestimmte Zeit (sofern die Unternehmung nicht Konkurs geht) im Portefeuille der Kapitalanleger bleiben können, haben die festverzinslichen Wertpapiere eine feste Laufzeit. Sie werden nach Ablauf dieser Frist (zumeist nach etwa 8 Jahren) gegen Erstattung des kreditierten Geldbetrages zurückgenommen.

 

Vor Ablauf dieser Frist können festverzinsliche Wertpapiere jederzeit an der Börse verkauft werden, es muss jedoch hierbei wie beim Aktienverkauf damit gerechnet werden, dass sich in der Zwischenzeit der Kurs dieser Wertpapiere gegenüber dem ursprünglichen Kaufsdatum verändert hat. Ist der Kurs gesunken erleidet der Verkäufer einen Vermögensverlust, ist jedoch der Kurs gestiegen, erzielt der Verkäufer sogar einen Gewinn. Im Gegensatz hierzu werden de festverzinslichen Wertpapiere beim Verfallsdatum genau zu dem Kurs zurückgegeben, zu dem dieses Wertpapier ursprünglich gekauft wurde.

 

Der Hauptunterschied zwischen diesen einzelnen Anlageformen besteht in dem Risiko, das der Käufer dieser Anlagen erfährt. Das Risiko kann darin bestehen, dass er die Anlage zu einem geringeren Wert wieder verkaufen kann als er sie ursprünglich kaufte, bis hin zu einem totalen Verlust bei Konkurs der Unternehmungen. Bei der unmittelbaren Unternehmungsbeteiligung kann der mögliche Verlust sogar die spezielle Kapitalanlage übersteigen und im Prinzip sich auf das gesamte sonstige Vermögen beziehen.

 

Das geringste Risiko besteht bei den Sparbüchern. Hier hat der Gesetzgeber vorgesehen, dass selbst dann, wenn die Bank, bei der eine Person ein Sparbuch angelegt hat, Konkurs geht, der Sparer voll entschädigt wird, dass also das Risiko auf null zugeht. Auch das Risiko festverzinslicher Wertpapiere ist begrenzt. Kann der Besitzer eines festverzinslichen Wertpapieres mit dem Einlösen dieses Wertpapieres bis zum Verfallsdatum warten, erleidet er keinerlei Verluste. Nur deshalb, weil er unter Umständen diese Wertpapiere vorzeitig an der Börse  mit einem Kursverlust verkaufen muss und natürlich die Unternehmung (oder der Staat?) zahlungsunfähig wird, entsteht hier ein gewisses, zumeist aber sehr geringes Risiko.

 

Das Risiko beim Kauf von Anteilsscheinen auf Aktienfonds ist schon größer, obwohl dadurch, dass der Fonds den Aktienbesitz stark streut, die Gefahr von Verlusten geringer ist. Es werden nicht alle Unternehmungen zur gleichen Zeit Verluste erleiden, sodass die Verluste bei einigen Aktien durch überdurchschnittliche Gewinne bei anderen Aktien ausgeglichen werden können. Aber es gibt nicht nur strukturelle Krisen, von denen immer nur einzelne Branchen betroffen sind, sondern es gibt auch konjunkturelle Krisen, von denen nahezu alle Branchen befallen werden.

 

Insoweit führt ein Konjunktureinbruch in aller Regel zu einem Verlust. Aber auch hier gilt es daran zu erinnern, dass diese Verluste nur dann realisiert werden, wenn ein Besitzer von Aktienfonds sich zu einem Verkauf dieser Wertpapiere im Konjunkturabschwung veranlasst sieht. Werden diese Papiere hingegen überhaupt nicht oder erst im nachfolgenden Konjunkturaufschwung verkauft, kommt es auch im Zusammenhang mi Konjunkturkrisen zu keinen nennenswerten langfristigen Verlusten.

 

Dem unterschiedlichen Risiko entspricht auch ein unterschiedlicher Zinsertrag. Sparbücher und der Besitz von festverzinslichen Wertpapieren führt auf lange Sicht nur zu einem Zinsertrag, der der Inflationsrate entspricht. Mit dem Zins wird somit hier nur der Verlust ausgeglichen, den der einzelne Sparer dadurch erleidet, dass der Wert von Geldvermögen aufgrund der jährlich stattfindenden Preissteigerungen verringert wird. Wer hingegen mit der Kapitalanlage Wertpapiere mit hohem Risiko kauft, erhält im Zins einen Gewinn, der damit gerechtfertigt wird, dass bei Eintritt des Risikos Verluste hingenommen werden. Dies setzt natürlich die Gültigkeit des Haftungsprinzips voraus. Danach gibt es keinerlei Rechtfertigung dafür, dass Kapitalgeber zwar die Zinsen einstreichen, wenn die Kapitalanlage zum Erfolg führt, dass aber im Falle des Risikoeintritts der Staat die Verluste ersetzt.

 

Je nach Anlageform eignen sich auch die verschiedenen Alternativen in unterschiedlichem Maße dafür, für den eigenen zukünftigen Bedarf oder zur Vererbung des Vermögens an die nachfolgende Generation zu sparen. Soll sichergestellt werden, dass das angesammelte Vermögen nur für den eigenen Bedarf reserviert werden soll, wählt man am zweckmäßigsten die Anlageform einer Lebensversicherung.

 

Diese Anlageform sichert dem Sparer die größtmögliche Effizienz. Auch dann, wenn er sehr viel länger leben kann als erwartet, erhält er auf diese Weise bis zu seinem Tod einen festgesetzten, jährlichen Ertrag. Die Versicherungen sind zu dieser Anlageform in der Lage, weil sie mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung ihrer Kunden rechnen können. Auch dann, wenn im Einzelfall ein Versicherter sehr viel länger lebt und deshalb mehr Geldbeträge erhält als er eingezahlt hat, kann die Versicherung davon ausgehen, dass solche Fälle dadurch ausgeglichen werden, dass es andere Versicherte gibt, welche vorzeitig sterben. Natürlich muss auch hier durch eine Rückversicherung Vorsorge getroffen sein, dass im Konkursfall einer Versicherung ein Fonds oder eine Rückversicherungsunternehmung die Auszahlung der geschuldeten Beträge garantiert.

 

Anderseits können die Eltern auf einfache Weise sicherstellen, dass ein bestimmtes angespartes Vermögen auch den Kindern im Erbfalle zur Verfügung steht. Sie müssen nur bereit sein, diese Vermögensteile nicht für den eigenen Bedarf aufzulösen und darüber hinaus das Vermögen in einer weitgehend risikoarmen Kapitalform anzulegen.

 

In aller Regel werden jedoch Anlageformen gewählt, die beiden Zielsetzungen dienen, welche also auf der einen Seite ihrer eigenen Sicherheit dienen und die gleichzeitig zu einem gewissen, aber nicht von vornherein festgelegten Anteil den Kindern vererbt werden. Vorrang hat hier die Absicherung gegenüber dem eigenen Risiko. Tritt unerwartet ein hoher Bedarf auf oder versiegen die Einkommensteile aus nicht erwarteten Gründen, so dient das angesammelte Vermögen dem eigenen Bedarf. In dem Maße, wie diese befürchteten Risiken jedoch nicht eintreten, verbleibt eine Vermögensmasse für die Kinder.

 

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In der nächste Woche folgt als Anhang zu dieser Vorlesung ein Kapitel über den Terrorismus.