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Grundzüge der politischen Ökonomie

 

 

  Gliederung:

 

  1. Einführung

  2. repräsentative Demokratie

  3. Bürokratie

  4. Verbände

  5. Direkte Demokratie

  6. Diktatur

  7. Recht

  8. Haushalt

  9. Familie

 

 

 

Kapitel 8: Haushalt (Fortsetzung)

 

 

Gliederung:

 

1. Das Problem

2. Die Grenznutzengesetze

3. Das Indifferenzkurvensystem

4. Die Produktion von Nutzen im Haushalt

 

 

 

3. Das Indifferenzkurvensystem

 

Wir wollen uns im Folgenden den Arbeiten von Vilfredo Pareto zuwenden, allerdings uns auf die nutzen­theoretischen Überlegungen Paretos beschränken. Pareto hatte bekanntlich gegen die Grenznutzenbe­trachtung der Wiener Schule eingewandt, dass Nutzeneinheiten nur ordinal, nicht aber kardinal gemessen werden könnten.

 

Von einem nur ordinalen Nutzenmaßstab sprechen wir immer dann, wenn zwar angegeben werden kann, dass der Nutzen zweier Güter A und B entweder als gleichhoch eingestuft werden kann oder der Nutzen des einen Gutes A eindeutig höher oder auch geringer ist als der Nutzen des Gutes B. Ein kardinaler Nutzenmaßstab liegt hingegen dann vor, wenn man darüber hinaus angeben kann, um das Wievielfache der Nutzen des Gutes A größer oder auch kleiner ist als der Nutzen des Gutes B. Bei der Möglichkeit eines kardinalen Nutzenmaßstabes könnte man z. B. feststellen, dass das Gut A dreimal so hohen Nutzen stiftet als das Gut B, während bei Beschränkung auf einen ordinalen Maßstab nur davon gesprochen werden könnte, dass das Gut A einen höheren Nutzen gewährt als Gut B.

 

Wenn wir Vilfredo Pareto folgen, sind die Annahmen der Grenznutzenbetrachtung falsch. Wir haben im vorhergehenden Abschnitt gesehen, dass mit einer Nutzen- und Grenznutzenfunktion gerechnet wird, wobei auf der Abszisse die Menge des Gutes abgetragen wird und auf der Ordinate der Gesamtnutzen oder der Grenznutzen abgelesen werden kann, der bei alternativen Gütermengen erzielt wird. Wenn wir nun davon ausgehen, dass ein Punkt D, der doppelt so weit vom Koordinatenursprung entfernt ist als ein Punkt C, auch zum Ausdruck bringt, dass der Nutzen im Punkt D deshalb auch doppelt so hoch ist wie der Nutzen im Punkt C, dann wenden wir in der Tat einen kardinalen Maßstab an.

 

Die These von Pareto, Nutzeneinheiten seien nur ordinal, aber nicht kardinal messbar, wird zwar nicht von allen Ökonomen akzeptiert, berühmte Wirtschaftstheoretiker wie A. P. Lerner oder Jan Tinbergen gingen nach wie vor von der festen Überzeugung aus, dass Nutzeneinheiten sehr wohl kardinal gemessen werden können. Sie haben auch gewisse Methoden entwickelt, auf welchem Wege es möglich sei, Nutzen kardinal zu messen. Die überwiegende Mehrzahl der Ökonomen, vor allem die Wissenschaftler, welche sich mit wohlfahrtstheoretischen Themen beschäftigen, haben aber die Position Paretos übernommen, es wird auch in diesem Zusammenhang die moderne Wohlfahrtstheorie ganz allgemein als paretianische Wohlfahrtstheorie bezeichnet.

 

Von diesem Diktum ist nun vor allem das erste Gossen’sche Gesetz betroffen. Man kann zwar im Rahmen des ersten Gossen’schen Gesetzes immer noch sinnvoller Weise davon sprechen, dass ein vermehrter Konsum eines Gutes dazu führt, dass der Grenznutzen sinkt. Wir können sogar bei dem üblichen Diagramm zur Darstellung des Nutzenverlaufs bleiben und in dieses Diagramm eine Gesamtnutzen- sowie Grenznutzen­kurve einzeichnen. Die Aussage einer solchen Kurve beschränkt sich dann allerdings auf die Feststellung, dass zwei Punkte, welche einen unterschiedlichen Abstand zum Koordinatenursprung haben, zwar ein unterschied­liches Nutzenniveau aufweisen, dass weiterhin der Punkt, welcher weiter vom Koordinatenursprung entfernt ist, auch einen höheren Nutzen signalisiert, wobei aber unklar bleibt, wie stark diese Unterschiede im Einzelnen sind.

 

Vilfredo Pareto hat weiterhin die These vertreten, dass Nutzeneinheiten auch nicht interpersonell miteinander verglichen werden können. Nutzen sei eine subjektive Größe, es sei nur möglich, dass ein Individuum den Nutzen verschiedener Güter, die es selbst konsumiert, miteinander vergleichen kann. Es sei aber nicht möglich, Nutzenvorstellungen verschiedener Personen unmittelbar miteinander zu vergleichen.

 

Dies war in der Tat ein tödlicher Schlag gegenüber der älteren Wohlfahrtstheorie, welche unter anderem nachweisen wollte, dass der Abbau einer Einkommensdifferenzierung die Wohlfahrt der gesamten Gesellschaft erhöhe. Begründet wurde diese These damit, dass der Reiche, dessen Einkommen zusätzlich mit einer Geldeinheit besteuert werde, wegen des Gesetzes vom abnehmenden Grenznutzen des Einkommens eine geringere Nutzeneinbuße erleide als der Arme, dem diese Geldbeträge zugeführt werden und der hierdurch eine Nutzensteigerung erfahre. Eine Umverteilung von Reich zu Arm sei solange für die gesamte Gesellschaft Nutzen steigernd, solange eine Differenzierung der Einkommen bestehe.

 

Wir wollen uns an dieser Stelle nicht mit der Vielzahl fragwürdiger Annahmen befassen, die getroffen werden müssen, um zu diesem Schluss zu gelangen. An dieser Stelle genügt der Hinweis der paretianischen Wohlfahrtstheorie, dass dieser Schluss schon deshalb hinfällig ist, da es nach Meinung von Pareto keine Möglichkeit gibt, die Nutzenveränderungen der Reichen und Armen miteinander zu vergleichen.

 

Um sich dennoch – ohne Anwendung eines kardinalen Nutzenmaßstabes – mit dem Einfluss der Nutzenvorstellungen auf die Nachfrage der Haushalte nach Konsumgütern beschäftigen zu können, führt Pareto ein System von Indifferenzkurven ein, das die Bedarfsstruktur einer Person (eines Haushaltes) widerspiegelt. Wir wollen dieses System an dieser Stelle vorstellen, wobei ich mich allerdings der Darstellung von Edgeworth bediene, der dieses Instrument übernommen und vervollkommnet hat und dessen Darstellung von den meisten heute gebräuchlichen Lehrbüchern übernommen wurde.

 

Wir wollen von einem Diagramm ausgehen, auf dessen Achsen die Mengen zweier Konsumgüter x1 und x2 abgetragen werden. Diese Begrenzung auf zwei Konsumgüter dient allein der vereinfachten Darstellung. In Wirklichkeit haben wir immer davon auszugehen, dass ein Haushalt mit seinem Einkommen eine Vielzahl von Konsumgütern nachfragt. Wenn man jedoch die graphische Darstellung anwenden will, lassen sich nur zwei Güter zur gleichen Zeit betrachten, äußerstenfalls könnte man in einem dreidimensionalen Raum drei Güterarten unterscheiden, müsste allerdings hier bereits in Kauf nehmen, dass diese Darstellung die Vorstellungskraft vieler Leser bereits übersteigt. Theoretisch ist es natürlich durchaus denkbar, bei Beschränkung auf eine analytische Analyse jede endliche Zahl von Gütern in einem n-dimensionalen Gebilde abzubilden. Wir wollen uns hier auf einen zweidimensionalen Raum beschränken und damit die höchstmögliche Verständlichkeit der Vorstellungen Paretos sicherstellen.

 

Wir betrachten nun einen beliebigen Punkt U1 innerhalb dieses Diagramms. Diesem Punkt U1 ist eine bestimmte Gütermenge des Gutes X1 und zwar X11 sowie des Gutes X2 und zwar X21 zugeordnet. Wenn also unser Individuum den Punkt U1 wählt, kann er von Gut X1 die Menge X11 und von Gut X2 die Menge X21  konsumieren. Er erreicht auf diese Weise ein bestimmtes dem Punkt U1 zugeordnetes Nutzenniveau, das von Pareto als Ophelimitätsgrad bezeichnet wird, um sich gegenüber dem Sprachgebrauch der Grenznutzen­schule abzugrenzen. Es spricht jedoch nichts dagegen, nach wie vor von einem Nutzenniveau zu sprechen und wir wollen deshalb diesen Sprachgebrauch der Grenznutzenschule beibehalten.

 

 

 

Nun machen wir uns die Erkenntnis zu eigen, unsere Bedarfsstruktur lasse es durchaus zu, dass ein Individuum die zu konsumierenden Gütern in einem anderen als bisher unterstellten Verhältnis konsumieren kann. Wir sprechen hier von der Möglichkeit der Substitution. Wir können von dem einen Gut X1 eine Einheit abziehen; wir erfahren hierdurch entsprechend dem Gesetz vom abnehmenden Grenznutzen einen Nutzenverlust. Wir können nun diesen Nutzenverlust dadurch wiederum kompensieren, dass wir von dem anderen Gut X2 mehr konsumieren. Wir sprechen hierbei davon, dass wir das Gut X1 (das verringerte Gut) durch das Gut X2 (das vermehrte Gut) substituieren.

 

Wir wollen nun unterstellen, dass unser Individuum so viel von Gut X2 mehr konsumiert, dass es gerade wiederum auf ein Nutzenniveau gelangt, das dem Ausgangspunkt U1 entspricht. Wir verbinden beide Punkte miteinander. In gleicher Weise fahren wir fort, Gut X1 durch Gut X2 zu ersetzen und jeweils die neu entstandenen Punkte miteinander zu verbinden. Wir erhalten auf diese Weise eine Indifferenzkurve mit dem Nutzenniveau U1, die dadurch charakterisiert ist, dass alle Kombinationen (Punkte), welche auf dieser Kurve liegen, ein gleichhohes Nutzenniveau, eben U1 ermöglichen.

 

 

Eine der wichtigsten Grundaussagen der subjektiven Werttheorie in der Fassung Paretos besteht nun darin, dass diese Indifferenzkurve eine konvexe Krümmung (bezogen auf den Koordinatenursprung) aufweist. Was bedeutet dies materiell? Fahren wir mit der Substitution des einen Gutes X1 durch das jeweils andere Gut X2 fort, so müssen wir immer mehr Einheiten des Gutes X2 hinzufügen, um gerade den Nutzenverlust einer Einheit des Gutes X1 auszugleichen.

 

Gehen wir von einer Differenzenbetrachtung (es wird immer eine Einheit des Gutes X1 abgezogen) zu einer Differenzialbetrachtung über (die jeweils abgezogenen Mengen des Gutes X1 werden immer kleiner bis zur unendlich kleinen Menge), so können wir an die Indifferenzkurve eine Tangente anlegen. Der Winkel dieser Tangente entspricht hierbei dem Differenzialquotienten dX1/dX2. Wenn wir nun mit der Substitution fortfahren, so wirkt sich die konvexe Krümmung der Indifferenzkurve so aus, dass die Grenzrate der Substitution (der Tangentenwinkel) immer mehr abnimmt. Vilfredo Pareto spricht in diesem Zusammen­hang vom Gesetz der abnehmenden Grenzrate der Substitution.

 

 

 

Es lässt sich nun leicht zeigen, dass sich dieses Gesetz der abnehmenden Grenzrate der Substitution aus dem Gesetz vom abnehmenden Grenznutzen ableiten lässt, also auf die gleiche Gesetzmäßigkeit rekurriert. Wenn wir nämlich von Gut X1 eine Einheit wegnehmen, so führt dies entsprechend dem Gesetz vom abnehmenden Grenznutzen zu einem Anstieg des Grenznutzens. Wenn wir nun gleichzeitig so viele Einheiten von X2 hinzufügen, bis das bisherige Nutzenniveau wiederum erreicht wird, dann findet wiederum aufgrund des Gesetzes vom abnehmenden Grenznutzen ein Nutzenverlust pro Gutseinheit statt. Da der Substitutions­vorgang die Veränderungen in beiden Güterarten miteinander verbindet, muss notwendiger Weise von Gut X2 immer mehr konsumiert werden und zwar deshalb, weil mit fortschreitender Substitution einmal der Nutzenentgang bei Gut X1 immer größer und zum andern der Nutzengewinn einer Einheit bei Gut X2 immer kleiner wird.

 

Wir fahren in unserer Analyse fort, indem wir ausgehend von Punkt U1 von Gut X1 eine Einheit zusätzlich konsumieren. Da wir davon ausgehen, dass jede Zunahme im Konsum eines Gutes eine gewisse Nutzensteigerung hervorruft, bedeutet diese Änderung im Konsum, dass der neue Punkt U2 ein im Vergleich zum Ausgangspunkt höheres Nutzenniveau U2 zum Ausdruck bringt. Von diesem Punkt ausgehend können wir wiederum durch Substitution andere Kombinationen beider Güter (also Punkte) suchen, welche die Eigenschaft besitzen, dass sie alle ein gleiches Nutzenniveau garantieren. Wenn wir diese Punkte miteinander verbinden, erhalten wir eine zweite Indifferenzkurve U2 entsprechend, wobei sich diese zweite Kurve von der ersten dadurch unterscheidet, dass jeder Punkt der neuen Kurve ein höheres Nutzenniveau als die Punkte auf der ursprünglich entwickelten Indifferenzkurve aufweist. Um wie viel höher dieses zweite Nutzenniveau als das erste ist, kann allerdings nicht gesagt werden.

 

Wir können nun mit diesem Verfahren fortfahren und jedem beliebigen Punkt innerhalb unseres Diagramms eine Indifferenzkurve zuordnen. Wir erhalten auf diese Weise eine dichte Schar von Indifferenzkurven, das heißt, dass durch jeden beliebigen Punkt des Diagramms eine solche Indifferenzkurve geht. Da wir unterstellen wollen, dass von jedem Nutzenniveau aus Substitutionsvorgänge möglich sind und dass auch auf jedem Nutzenniveau das Gesetz von der abnehmenden Grenzrate der Substitution gilt, weisen alle so entstehenden Indifferenzkurven eine konvexe Krümmung in Richtung Koordinatenursprung auf.

 

Aus logischen Gründen können sich die Indifferenzkurven nicht schneiden. Ein Schnittpunkt würde nämlich bedeuten, dass ein und dieselbe Güterkombination zur gleichen Zeit zwei unterschiedliche Nutzenniveaus hervorrufe, was widersprüchlich wäre.

 

 

 

 

 

Wir wollen uns nun in einem weiteren Schritt mit der Frage befassen, wie die im 2. Gossen’schen Gesetz formulierten Aussagen verändert werden müssen, wenn wir mit Pareto nur von einem ordinalen Nutzenmaßstab ausgehen. Wir erinnern uns aus dem vorhergehenden Kapitel: Wenn wir vom ersten Gossen’schen Gesetz sprechen, handelt es sich um die Frage, von welchen Bestimmungsgründen die Höhe des Nutzens bzw. des Grenznutzen abhängt. Bei dem  zweiten Gossen’schen Gesetz wird hingegen eine Gleichgewichts­bedingung formuliert, man erwartet eine Antwort auf die Frage, unter welchen Bedingungen ein Haushalt seinen Nutzen maximiert.

 

Hierbei wird bei der Formulierung des zweiten Gossen’schen Gesetzes von einem gegebenen Einkommen und einer beliebigen Aufteilung des Einkommens auf die einzelnen Konsumgüter ausgegangen und überprüft, ob eine Veränderung in der Verteilung der ausgewählten Gütermengen zu einer Nutzensteigerung führt. Nach Gossen sind erst dann alle Möglichkeiten einer Nutzensteigerung über eine Änderung in der Zusammensetzung des konsumierten Güterbündels ausgeschöpft, wenn der Grenznutzen des Einkommens (also der letzten Einkommenseinheit) bei allen Verwendungen gleich hoch ist.

 

Diese Frage kann im Rahmen des von Pareto gewählten Ansatzes nur beantwortet werden, wenn wir neben dem Einkommen auch die Konsumgüterpreise kennen. Denn wenn ich von dem Gut X1 eine Einheit weniger konsumiere, weiß ich erst dann, wie viel Einkommen ich hierdurch einspare, wenn ich den Preis des Gutes 1 kenne und umgekehrt gilt auch, dass ich erst dann weiß, wie viele Einheiten von dem anderen Gut X2  ich von dem eingesparten Einkommen zusätzlich kaufen kann, wenn ich auch den Preis von Gut X2 kenne.

 

Mit Hilfe des vorgegebenen Einkommens und der ebenfalls als vorgegeben und konstant unterstellten Preise für Gut X1  und Gut X2 lässt sich nun eine sogenannte Bilanzgerade (oder wie sie bisweilen auch genannt wird eine Einkommens- oder auch Konsumlinie) konstruieren. Wir gehen hierzu von unserem obigen Diagramm aus, berücksichtigen jedoch zunächst aus Vereinfachungsgründen nur eine einzige Indifferenz­kurve.

 

Gehen wir von zwei Extremfällen aus: Der untersuchte Haushalt könnte sein gesamtes Einkommen e lediglich für den Ankauf des Gutes X1 ausgeben. Er könnte dann genau e/p1 Einheiten von Gut X1 kaufen. Wenn z. B. das Einkommen 100 Geldeinheiten (GE ) betrage und der Preis für eine Einheit des Gutes X1  bei 5 liege, so könnte der Haushalt 100/5 = 20 Gütereinheiten von Gut X1 erwerben, da ja offensichtlich der Wert des Einkommens gerade dem Wert der gekauften Güter entspricht: 

 

e = X1 * p1  è   X1 = e/p1   

 

 

 

Unser Haushalt könnte jedoch sein Einkommen auch allein für den Ankauf des Gutes X2 verwenden und könnte dann insgesamt e/p2 Einheiten dieses Gutes erwerben. Wiederum gilt ja die Gleichung:

 

e = X2 * p2  è   X2 = e/p2

 

 

Nun müssen wir in der Realität davon ausgehen, dass ein Haushalt in aller Regel beide (alle zur Verfügung stehenden) Güter erwirbt, dass es nur um die Frage geht, welcher Teil des Einkommens für das Gut X1 und welcher verbleibende Teil für das Gut X2 ausgegeben wird. Wir können nun davon ausgehen, dass das Austauschverhältnis durch die vorgegebenen und konstant bleibenden Preise bestimmt wird und deshalb ebenfalls konstant bleibt.

 

(e/p1)/ (e/p2) = p2/p1

 

 

Dies bedeutet jedoch, dass alle faktisch möglichen Kombinationen der beiden Güter unter der Annahme eines konstanten Einkommens sowie gleichbleibender Preise notwendiger Weise auf einer Geraden liegen müssen. Wenn wir aber von einer Geraden zwei Punkte kennen (in unserem Falle die beiden Extrempunkte e/p2  bzw. e/p1), dann können wir diese beiden Punkte miteinander verbinden und erhalten auf diese Weise die Bilanzgerade, welche uns darüber unterrichtet, welche Güterkombinationen überhaupt faktisch möglich sind.

 

 

 

Diese Bilanzgerade berührt nun auf jeden Fall eine Indifferenzkurve. Da wir gezeigt haben, dass durch jeden Punkt des Diagramms eine (und nur eine) Indifferenzkurve verläuft, ist auch sicher gestellt, dass es stets einen und nur einen Punkt auf der Bilanzgeraden gibt, welcher eine Indifferenzkurve tangiert. Diesem Tangentenpunkt entspricht dann auch ein ganz bestimmtes Nutzenniveau.

 

Wir können nun zeigen, dass dieser Tangentialpunkt notwendiger Weise das höchstmögliche Nutzenniveau anzeigt. Hierzu gehen wir nun wiederum zu einem Diagramm über, in dem mehrere Indifferenzkurven eingezeichnet werden:

 

 

 

Überprüfen wir nun anhand dieser Graphik, ob der Tangentialpunkt einer Indifferenzkurve mit der Bilanzgeraden – wie behauptet – das höchstmögliche Nutzenniveau garantiert. Diesem Tangentialpunkt entspricht in unserer Graphik der Punkt P1. Ein eindeutig höheres Nutzenniveau hätte Punkt P2 garantiert, da er ja auf einer Indifferenzkurve liegt, welche vom Koordinatenursprung weiter entfernt ist als die Indifferenzkurve, welche die Bilanzgerade tangiert. Da aber kein Punkt dieser Indifferenzkurve mit der Bilanzgeraden zusammenfällt, gibt es auch für den Haushalt keine Möglichkeit, unter den gegebenen Umständen dieses höhere Nutzenniveau zu erreichen.

 

Punkt P3 und Punkt P4 hingegen liegen auf der Bilanzgerade, können also unter den gegebenen Umständen sehr wohl realisiert werden, sie schneiden jedoch eine Indifferenzkurve, welche näher am Koordina­tenursprung liegt als die Indifferenzkurve mit dem Tangentialpunkt und somit ein geringeres Nutzenniveau als im Ausgangspunkt P1 garantiert. Damit ist erwiesen, dass ein Haushalt genau dann seinen Nutzen maximiert, wenn er die dem Tangentialpunkt entsprechende Güterkombination wählt.

 

Die Feststellung, dass ein Haushalt genau dann und nur dann seinen Nutzen maximiert, wenn er eine Güterkombination wählt, bei der die Bilanzgerade eine Indifferenzkurve tangiert, entspricht also vollkommen dem zweiten Gossen’schen Gesetz. Nach diesem Gesetz wird eine Nutzenmaximierung dann erreicht, wenn der Grenznutzen der Einkommen in allen Verwendungsarten gleich hoch ist. Dieser Forderung entspricht nun bei Pareto die Feststellung, dass die Grenzrate der Substitution dem Winkel der Bilanzgeraden entsprechen muss.

 

Die Grenzrate der Substitution bringt jedoch zum Ausdruck, welches subjektive Austauschverhältnis ein Haushalt bei einer Substitution wählt. Das Preisverhältnis hingegen gibt an, zu welchen objektiven Verhältnissen auf dem Markt Güter getauscht werden. Dies bedeutet: Eine Nutzenmaximierung erfolgt genau dann, wenn sich die subjektiven und objektiven Austauschverhältnisse entsprechen. Die subjektiven Austauschverhältnisse werden durch die Grenzrate der Substitution, die objektiven Tauschverhältnisse jedoch durch das Verhältnis der Preise zueinander bestimmt.

 

 

4. Die Produktion von Nutzen im Haushalt

 

Der eigentliche Beitrag Gary Beckers zur wirtschaftlichen Haushaltstheorie besteht nun darin, dass er auch den Haushalt als eine Art von Produktionsstätte ansieht. Folgt man der hierarchischen Gliederung der Produktionsstufen von der Gewinnung der Rohstoffe bis zur Produktion des Endproduktes einschließlich der Aktivitäten des Handels, dann erfüllt der Haushalt die Funktion der letzten konsumnahen Produktionsstufe.

 

Diese letzte Produktionsstätte: ‚Haushalt‘ produziert in Wirklichkeit gar nicht ein materielles Gut im traditionellen Sinne, sondern eine Art immaterielles Nutzengut, das den Zielvorstellungen des Konsumenten entspricht. Zur Produktion dieses Nutzengutes benötigt der Haushalt wie jedes andere Unternehmen Rohstoffe oder Halbfabrikate, nur dass wir gewohnt sind, diese materiellen Güter als Konsumgüter zu bezeichnen, sie werden jedoch im Haushalt weiter verarbeitet und zur Herstellung dieses Endproduktes (Nutzengutes) verfügt der Haushalt auch über reales Kapital, das in Form einer Produktionsstätte: der Wohnung und einer Vielzahl von Anlagen wie Herd, Waschmaschine, Geschirrtrockner, Eisschrank oder auch Bad oder Dusche besteht.

 

Natürlich ist es richtig, dass man auch schon vor Becker davon Kenntnis nahm, dass im Haushalt bisweilen auch produziert wird, z. B. dann, wenn die Hausfrau oder der Hausmann ein Mittagessen kocht. Diese Erkenntnis gab jedoch keinen Anlass, die primäre Aufgabe des Haushaltes eben doch im Konsum der Endprodukte zu sehen, man war eben der Meinung, dass im Haushalt auch einige wenige Handlungen stattfinden, die man mit Hilfe der Unternehmungstheorie als Produktionen bezeichnen und damit auch erklären kann, trotzdem besteht im Sinne der traditionellen Haushaltstheorie bis hin zum paretianischen Indifferenzkurvensystem primär die Aufgabe des Haushaltes in seiner Eigenschaft als Konsument.

 

Eine gewisse Annäherung an die Becker’sche Sicht fand allerdings auch schon früher dadurch statt, dass man das System der Indifferenzkurven nicht nur auf die Frage beschränkte, wie ein Haushalt das zur Verfügung stehende Einkommen auf den Kauf einzelner Konsumgüter aufteilt, man übertrug schon sehr früh dieses Denkinstrument auch auf die Frage, wie ein Haushalt die zur Verfügung stehende Zeit auf Erwerbszeit und Freizeit aufteilt sowie wie derselbe Haushalt auch darüber entscheidet, wie das privat verfügbare Einkommen zwischen dem Ankauf von Konsumgütern und Ersparnis aufgeteilt wird.

 

Beide Entscheidungen haben gemeinsam, dass hier Aktionen erfolgen, welche dazu führen, dass der Haushalt in den kommenden Perioden über materielle Ressourcen verfügt. Wenn man will kann man hier davon sprechen, dass der Haushalt sich hier als Produzent der materiellen Ressourcen: Arbeitskraft und Kapital betätigt.

 

Auch Gary Becker wird andererseits einräumen, dass der Haushalt nicht nur eine Produktionsstätte darstellt, sondern dass durchaus auch bisweilen die vom Markt bezogenen Konsumgüter unmittelbar konsumiert werden, ohne jegliche produktive Aktivitäten wie z. B. den Verzehr eines rohen Apfels. Der Unterschied zwischen der traditionellen Haushaltstheorie und der Becker’schen Sichtweise besteht dann einfach darin, dass das Hauptgewicht eines Haushaltes nicht im eigentlichen Konsum, sondern in der Produktion der Nutzengüter besteht. Die typische Handlungsweise eines Becker’schen Haushaltes besteht nun eben nicht darin, dass man in der meisten zur Verfügung stehenden Zeit fröhlich in einem Paradies herumwandelt und ab und zu sich der Früchte der Bäume bedient, sondern dass man in harter Arbeit die erworbenen Konsumgüter zur letzten Konsumreife bringt.

 

Rein äußerlich gesehen ändert sich bei Übernahme der Becker’schen Sichtweise gar nicht soviel. Die Entwicklung der neoklassischen Unternehmungstheorie hat ja dazu geführt, dass auch hier das Instrument der Indifferenzkurven auf die unternehmerischen Entscheidungen angewandt wurde. Genauso wie innerhalb der Haushaltstheorie das Konzept des Grenznutzens zugunsten des Konzepts der Grenzrate der Substitution ersetzt wurde, ersetzte man im Bereich der Unternehmungstheorie die Denkinstrumente des Grenzertrags durch das Konzept der Isoquante und das Denkinstrument der Kostenfunktion durch die Konstruktion von Isokostenlinien. Der Tangentenpunkt einer Isokostenlinie an eine Isoquante gibt dann an, bei welchem Einsatzverhältnis der einzelnen Produktionsfaktoren die Unternehmung ihre Kosten im Hinblick auf eine bestimmte Produktmenge minimiert.

 

Für diese Übernahme des Indifferenzkurvensystems innerhalb der Unternehmungstheorie bestand eigentlich keine Notwendigkeit. Für die Haushaltstheorie war die Ersetzung der Grenznutzenkurven durch Indifferenzkurven notwendig, wenn man mit Pareto leugnete, dass sich Nutzeneinheiten kardinal messen lassen. Bei den Grenzerträgen einer Unternehmung hingegen handelt es sich ja um objektive Größen, die sich kardinal messen lassen und exakt bestimmte Einheitsgrößen aufweisen.

 

Wenn wir aber nun mit Gary Becker auch den Haushalt als eine Art Produktionsstätte verstehen, können wir wiederum nicht auf das ältere Grenznutzenkonzept zurückgreifen, da ja das zu produzierende Gut eines Haushaltes, das Nutzengut eine rein subjektive Größe darstellt, die sich zumindest nach Auffassung der meisten Wohlfahrtstheoretiker eben nicht kardinal messen lässt. Hier bedarf es also zur Analyse der Haushaltsentscheidungen des Konzepts der Indifferenzkurven.

 

In der Tat wird nun bei Becker die Datengrenze der Haushaltstheorie um eine oder auch mehrere Stufen hinausverlagert in einen Bereich, der traditionell von nichtwirtschaftswissenschaftlichen Disziplinen wie die Psychologie untersucht wird. Die Konsumgüter, welche der Haushalt einkauft, sind also nicht die eigentlichen Endprodukte, nach denen die Haushaltsmitglieder ein Bedürfnis aufweisen. Und wenn sich nun im Laufe der Zeit ein Haushalt dafür entscheidet, andere Güter als bisher nachzufragen, liegt die eigentliche Ursache dieses Wandels nicht unbedingt darin, dass sich der letztliche Bedarf der Individuen verändert hat.

 

Wenn wir heute nicht zu Fuß oder mit einem Pferdewagen, sondern mit Hilfe eines Flugzeugs  größere Reisen unternehmen, so liegt dies primär nicht darin, dass wir plötzlich den Wunsch zu fliegen entdeckt haben. Uns wie die Vögel in den Himmel zu erheben ist ein ganz alter Wunschtraum der Menschheit. Dass wir trotzdem lange Zeit keine reale Nachfrage nach Flügen ausgeübt haben, lag einfach daran, dass die Menschen keine Vorstellung darüber besaßen, wie sich auch Menschen in die Lüfte erheben können. Es ist die Änderung im technischen Wissen gewesen, welche es möglich machte, nun auch per Flugzeug sich von Ort zu Ort zu bewegen.

 

Bringen wir ein zweites Beispiel. Ludwig der XIV., der Sonnenkönig Frankreichs im 17. Jahrhundert verfügte über einen immensen Reichtum und konnte sich sicherlich alles leisten, was zu der damaligen Zeit produzierbar war. Er konnte aber im Hinblick auf die sanitären Anlagen (z. B. Wc’s und Bäder mit fließendem Wasser) noch nicht einmal davon träumen, die entsprechenden Bedürfnisse in einem Umfang zu befriedigen, die sich heutzutage 80 - 90 Prozent der Bevölkerung leisten können. Wiederum gilt, dass hier nicht eigentlich eine Revolution im Bedarf der Individuen, sondern im technischen Wissen über die Möglichkeiten, bestimmte schon immer vorhandene Bedürfnisse zu befriedigen, stattgefunden hat.

 

Wir haben also davon auszugehen, dass zwar nicht in jedem Einzelfalle, aber doch überwiegend Änderungen in der Nachfrage der Haushalte auf Änderungen in der angewandten Technik zurückgeführt werden können. Wenn wir die Handlungen eines typischen Haushaltes der modernen Zeit mit denen aus dem Altertum und Mittelalter vergleichen, so stellen wir in der Tat eine Revolution in den Aktivitäten der Haushaltsmitglieder fest. Während früher alle Nutzengüter mit Hand hergestellt werden mussten, sind es heute fast nur noch Entscheidungen, welche von den Haushaltsmitgliedern getroffen werden müssen, während die eigentliche Arbeit von Maschinen und Geräten übernommen wird.

 

Früher musste mühsam Heizmaterial wie Holz oder Kohle herangetragen und für per Hand zugerichtet werden, um schließlich im Ofen oder Herd ein Feuer zu entzünden, um damit die Räume zu beheizen oder die Nahrungsmittel zu kochen. Früher musste – um ein zweites Beispiel zu bringen – die schmutzige Wäsche an einen naheliegenden Fluss gebracht werden und dann wiederum durch Scheuern mit Hand und einfachsten Hilfsmitteln (einem Seifenersatz) die Wäsche zu reinigen. Heutzutage verfügt fast jeder Haushalt über eine eigene Waschmaschine, die einzige Arbeit, die noch in diesem Zusammenhange per Menschenhand verrichtet werden muss, besteht darin, die schmutzige Wäsche in die Wäschetrommel zu legen, das Wachpulver in eine hierfür vorgesehene Kammer zu bringen und die gewünschte Temperatur einzustellen und die Waschmaschine anzumachen.

 

Nach wie vor wird auch in dieser modernen Haushaltstheorie von der Gültigkeit des ersten Gossen’schen Gesetzes bzw. seiner paretianischen Entsprechung, des Gesetzes von der abnehmenden Grenzrate der Substitution ausgegangen. Aber vielleicht ist es hier zweckmäßig, dass man sich daran erinnert, dass in der Produktionstheorie vor der Unterstellung einer Cobb-Douglas-Produktionsfunktion mit sogenannten klassischen Ertragsfunktionen gearbeitet wurde.

 

Während bei Annahme einer Cobb-Douglas-Produktionsfunktion davon ausgegangen wird, dass der Grenzertrag eines Produktionsfaktors von Anbeginn an mit wachsender Produktion zurückgeht, wird im Rahmen der klassischen Produktionsfunktion davon ausgegangen, dass zunächst bei vermehrtem Einsatz eines Faktors der Grenzertrag dieses Faktors ansteigt, dass er bei einer bestimmten Produktionsmenge sein Maximum erreicht, um dann bei weiterem vermehrten Faktoreinsatz zu einer Reduzierung des Grenzertrages zu führen entsprechend dem Gesetz vom abnehmenden Grenzertrag.

 

Erklärt wird dieser klassische Verlauf einer Grenzertragsfunktion damit, dass es in Abhängigkeit der angewandten Technik ein optimales Einsatzverhältnis gibt. In dem Maße, in dem dieses optimale Einsatzverhältnis noch nicht erreicht ist, führt der vermehrte Faktoreinsatz des noch nicht optimal eingesetzten Faktors zu einem Anstieg des Grenzertrages, während umgekehrt, dann wenn ein Faktor über dieses optimale Verhältnis hinaus bei Konstanz der anderen Faktoren vermehrt eingesetzt wird, der Grenzertrag zurückgeht. In dieser Gesetzmäßigkeit liegt es dann auch begründet, dass bei Vermehrung aller eingesetzten Faktoren und Konstanz des Einsatzverhältnisses der Grenzertrag (das sogenannte Grenzniveauprodukt) konstant bleibt.

 

Wir haben nun zwei unterschiedliche Fälle zu unterscheiden. Bei einem Teil der Nutzengüter geht es in erster Linie darum, Mangelzustände auszugleichen. Man hat Hunger, weil der Körper nicht über die lebenswichtigen organischen Bausteine verfügt und das Essen erfüllt die Funktion, diesen Mangelzustand auszugleichen. Oder man hat Durst, weil der Körper über zu wenig Wasser verfügt, hier wird durch das Trinken dem Körper das notwendige Wasser zugeführt.

 

Bei dieser Art von Nutzengütern, deren Hauptaufgabe dazu dient, Mangelzustände zu beheben, dürften Produktionsfunktionen in Art der Cobb-Douglas-Funktionen vorliegen. Der menschliche Körper benötigt eine bestimmte Menge an organischen Bausteinen und in dem Maße, wie Nahrung dem Körper zugeführt wird, nimmt der Grenznutzen ab. Das erste Glas Wasser mag den Durstigen vor dem Verdursten, also das Leben retten und hat somit einen extrem hohen Nutzenzuwachs. Ein oder zwei weitere Gläser Wasser werden zwar immer noch als angenehm empfunden, der Nutzenzuwachs ist jedoch bereits sehr viel geringer. Trinkt ein Mensch immer weiter, so erfährt der Mensch ab einem bestimmten Glas Wasser nicht nur keinen weiteren Nutzenzuwachs, sondern es tritt bei irgend einem weiteren Glas sogar Übelkeit, also ein Missnutzen auf.

 

Bei anderen Nutzengütern können wir jedoch mit einem klassischen Verlauf der Ertrags- bzw. Nutzenzuwächse rechnen. Dies gilt vor allem für viele kulturelle Nutzengüter. Nehmen wir an, dass ein Individuum ein klassisches Musikstück von Beethoven anhört oder eine klassische Tragödie von Sophokles anschaut. Hier kann sehr wohl damit gerechnet werden, dass der Nutzenzuwachs bei dem zweiten oder vielleicht auch noch dem dritten Stück zu einer Steigerung des Nutzenzuwachses führt und zwar deshalb, weil beim ersten Anhören (bzw. Betrachten) noch nicht alle Feinheiten erkannt wurden, die erst bei mehrmaliger Wiederholung überhaupt erst wahrgenommen werden. Aber auch hier gilt, dass bei wiederholtem Genuss dieser Güter von einer bestimmten Anzahl von Wiederholungen der Nutzenzuwachs zurückgeht. Der Aussagegehalt eines kulturellen Gutes ist stets begrenzt und wenn einmal alle Facetten eines Stückes erkannt sind, wird man auch keinen weiteren Nutzen daraus ziehen können, dass man sich dieses Stück nochmals zu Gemüte führt.

 

Wir hatten bei der Analyse der Täter gezeigt, dass ein wesentlicher Beitrag der Politökonomik darin besteht, dass auch der Kriminelle in Alternativen denkt. Für einen Dieb z. B. stehe nicht von vornherein fest, dass er sein Ziel nur über einen Diebstahl erreichen kann. Das wahre Ziel des Diebes ist eben nicht der Diebstahl, sondern die materielle Bereicherung, diese könnte er aber sehr wohl auch auf andere Weise, auch durch legale Handlungen erreichen. Es ist vielmehr primär der Umstand, dass für den Dieb der Diebstahl die Alternative darstellt, mit dem er sein Ziel am besten erreichen kann.

 

Diese Betrachtungsweise lässt sich nun auch auf eine politikökonomische Haushaltstheorie übertragen. Auch hier gilt nämlich, dass die Mitglieder eines privaten Haushaltes vor Alternativen stehen, zwischen denen ausgewählt werden muss und der Kranz der möglichen Alternativen beschränkt sich keinesfalls darauf, dass die Haushaltsmitglieder unterschiedliche Nutzengüter produzieren können. Bei sehr vielen Handlungsfeldern des Haushaltes könnten die Haushaltsmitglieder nämlich ihr Ziel nicht nur dadurch erreichen, dass sie die Endprodukte in eigner Regie produzieren, sie könnten diese Dienstleistungen sehr oft vielmehr auch auf dem Markt bei den normalen Produzenten einkaufen. So steht z. B. eine Hausfrau (oder auch ein Hausmann) vor der Alternative ein Mittagsessen nicht selbst zu kochen, sondern die Mahlzeit in einem Restaurant einzunehmen.

 

Der Beitrag der Becker’schen Haushaltstheorie besteht in diesem Zusammenhang wiederum darin, der Frage nachzugehen, an welchen Bestimmungsfaktoren es denn liegt, wie sich die Haushalte in dieser Frage entscheiden. Und wenn wir davon ausgehen, dass heutzutage der größte Teil der Frauen einer erwerbswirtschaftlichen Tätigkeit nachgeht, so hat diese Entscheidung unmittelbare Folgen auch für die Tatsache, dass heutzutage ein Teil der früher üblichen innerhauswirtschaftlichen Verrichtungen nun außerhalb des Haushalts auf dem Markt nachgefragt werden.

 

Auch hier lassen sich dann, wenn bestimmte Entwicklungen gesamtwirtschaftlich als unerwünscht angesehen werden, Korrekturen am Ergebnis dadurch anbringen, dass der Staat im Rahmen seiner Wirtschaftspolitik die Anreize so verändert, dass die erwünschten Ziele besser erreicht werden können.

 

Worin bestehen denn nun die Ziele, welche von den Haushaltsmitgliedern mit der Produktion von Nutzengütern letztendlich angestrebt werden? Im Grunde unterscheidet sich die moderne Haushaltstheorie gar nicht entscheidend von den Grundüberzeugungen der traditionellen Haushaltstheorie. Diese wurde von den frühen Klassikern der Wirtschaftstheorie oftmals im Sinne eines Hedonismus vorgetragen. Danach wird davon ausgegangen, dass die Individuen bei all ihren  Entscheidungen ihre Lust zu maximieren und Leid zu minimieren suchen und es wird darüber hinaus ein solches Verhalten als strebenswert angesehen.

 

Bereits Schumpeter hat mit Nachdruck darauf hingewiesen, dass die traditionelle Theorie zwar oftmals im Gewande des Hedonismus vorgetragen wurde, dass aber der eigentliche Beitrag der Wirtschaftstheorie zur Verhaltensforschung darin liege, dass die Individuen als Konsumenten die unterschiedlichsten Ziele verfolgen, Ziele, welche dem menschlichen Überleben dienen, weiterhin Ziele, welche höchsten moralischen Ansprüchen wie z. B. der Altruismus genügen, oder aber auch amoralisch verwerfliche Ziele, die der Schädigung der Mitmenschen dienen. Die Botschaft der Wirtschaftstheorie bestehe vielmehr darin, dass die Individuen bei ihren Entscheidungen im Haushalt rational vorgehen, also stets bemüht sind, aus dem stets zu geringen Bestand an materiellen Ressourcen so viel Zielbefriedigung wie nur möglich zu erreichen.

 

Diese Grundüberzeugung hat sich auch in der modernen Haushaltstheorie nicht gewandelt. Auch hier gilt, dass genauso wie für Unternehmer auch die Haushaltsmitglieder ihre Entscheidungen rational treffen, sich also vor ihrem Handeln Gedanken darüber machen, mit welchen Alternativen sie ihre Ziele bestmöglich erreichen können.

 

Der wichtigste Grund dafür, dass man von dieser Rationalitätsannahme ausgeht, besteht darin, dass die dem Haushalt im Allgemeinen zur Verfügung stehenden materiellen Ressourcen nicht ausreichen, um alle Ziele zu realisieren und dass aus diesem Grunde wegen der Knappheit der materiellen Mittel der einzelne unter starkem Druck steht, sich stets rational zu verhalten.

 

Ähnlich wie bei der Diskussion über das Verhalten der anderen Agenten gesellschaftlicher Systeme ist es Aufgabe der Theorie zu überprüfen, inwieweit denn diese strikte Rationalitätsannahme mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Und genauso, wie wir in den vorhergehenden Abschnitten wiederholt darauf hinweisen mussten, dass in der Realität das tatsächliche Verhalten der einzelnen Individuen oftmals als irrational bezeichnet werden muss, gilt auch für das spezielle Verhalten im privaten Haushalt, dass keinesfalls immer rational gehandelt wird.

 

Solange das privat verfügbare Einkommen einzelner Individuen nicht wesentlich über dem Existenzminium liegt, dürfte in der Tat der Zwang, bei allen Konsumentscheidungen so rational wie immer möglich vorzugehen, so stark sein, dass hier in der Tat fast alle Entscheidungen als rational eingestuft werden können.

 

Diese Schlussfolgerungen gelten jedoch nicht mehr, je weiter sich das tatsächliche Einkommen über das Existenzminimum erhebt. Während wir für Unternehmer, welche einem harten Wettbewerb ausgesetzt sind, unterstellen können, dass von den Marktbedingungen starke Anreize ausgehen, welche auf ein rationales Handeln in dem Sinne hinwirken, möglichst jeden Gewinn mitzunehmen, fehlen diese Anreize für Konsumenten, welche über ein Einkommen verfügen, das deutlich über dem Existenzminimum liegt.

 

Da auch für diese Gruppe von Einkommensempfängern nach wie vor davon ausgegangen werden muss, dass Knappheit herrscht, dass also das tatsächlich zur Verfügung stehende Einkommen nicht ausreicht, um alle angestrebten Ziele zu realisieren, kann natürlich die Rationalitätsannahme als normatives Postulat angesehen werden, das den Konsumenten zeigt, auf welchem Wege sie mehr Ziele als bisher erreichen können. Und eine solche normative Betrachtung mag sogar aus moralischer Sicht durchaus erwünscht sein. Wenn die einzelnen Individuen zur Realisierung ihres Eigeninteresses wesentlich weniger Einkommen als bisher benötigen, dann dürfte auch die Möglichkeit und Bereitschaft für altruistisches Handeln größer werden.