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Grundzüge der politischen Ökonomie

 

 

  Gliederung:

 

  1. Einführung

  2. repräsentative Demokratie

  3. Bürokratie

  4. Verbände

  5. Direkte Demokratie

  6. Diktatur

  7. Recht

  8. Haushalt

  9. Familie

 

 

 

Kapitel 8: Haushalt

 

 

Gliederung:

 

1. Das Problem

2. Die Grenznutzengesetze

3. Das Indifferenzkurvensystem

4. Die Produktion von Nutzen im Haushalt

 

 

1. Das Problem

 

Wir wollen uns in diesem und dem nächsten Kapitel dem Verhalten der privaten Haushalte und der Familien zuwenden. Damit unterscheidet sich der Untersuchungsgegenstand gegenüber den bisher behandelten Kapiteln dieser Vorlesung in zweierlei Hinsicht. Auf der einen Seite galt das eigentliche Interesse unserer Analyse jeweils dem Gesamtsystem. Wir haben zwar auch danach gefragt, wie sich einzelne Individuen verhalten, so etwa wenn wir in dem Kapitel über die repräsentativen Demokratie die These aufgestellt haben, dass Politiker genauso so wie Unternehmer primär von ihrem Eigeninteresse geleitet werden oder wenn wir in dem letzten Kapitel über die Rechtsordnung von der Hypothese ausgingen, dass das Verhalten der Verbrecher durchaus als Ergebnis rationeller Überlegungen zu verstehen ist.

 

Trotzdem ging es in den bisherigen Analysen in keinem Fall um eine Verhaltensforschung der betreffenden Individuen sui generis, im Mittelpunkt der Betrachtungen stand immer die Frage nach den Aufgaben des gesellschaftlichen Gesamtsystems, die Analyse des Verhaltens Einzelner war nur notwendig, um das Zusammenwirken der gesellschaftlichen Prozesse besser zu verstehen. Hierbei ging es fast immer um die Frage, warum man denn damit rechnen könne, dass die Ziele der Allgemeinheit auch dann befriedigend erfüllt werden können, wenn sich die Gruppe der agierenden Personen doch bei ihren Handlungen vorwiegend von ihrem Eigenwohl leiten lässt.

 

In diesem Kapitel steht aber gerade nicht die Aufgabe im Mittelpunkt, das Verhalten der privaten Haushalte primär unter dem Blickwinkel zu untersuchen, inwieweit die Gewinnmaximierung der Unternehmer und die Maximierung des Eigennutzes der Konsumenten letztlich doch zu einer Realisierung der allgemeinen Wohlfahrt führt, es ist vielmehr das Verhalten der Mitglieder privater Haushalte selbst, das unsere Analyse bestimmt.

 

Das Thema der Kanalisierung der einzelwirtschaftlichen Handlungen auf die gesamte Volkswirtschaft ist ja bereits das eigentliche Thema der Volkswirtschaftslehre, so wie es seit Adam Smith, dem Begründer der modernen Nationalökonomie im ausgehenden 18. Jahrhundert gelehrt wurde. Adam Smith sprach von einer unsichtbaren Hand, welche die privaten Handlungen so zusammenführt, dass trotz Eigennutzstrebens des Einzelnen doch erreicht wird, dass in einer Marktwirtschaft – allerdings nur unter bestimmten Voraussetzungen  – eine Ausrichtung der Produktion am Bedarf der Endverbraucher erfolgt.

 

Es bedarf also zur Analyse des Verhaltens der Mitglieder privater Haushalte gar nicht einer Übertragung wirtschaftswissenschaftlicher Betrachtungsweisen auf dieses Studienobjekt, diese Analyse ist selbst Teil der Wirtschaftstheorie im engeren Sinne.

 

Damit haben wir bereits auf einen zweiten Unterschied gegenüber den vorhergehenden Kapiteln aufmerksam gemacht. Für dieses Kapitel 8 gilt nämlich nicht nur, dass im Gegensatz zu der bisherigen Fokussierung auf Makroebene die Mikroebene nun Gegenstand der weiteren Analysen sein soll, sondern es wird darüber hinaus ein Teilausschnitt untersucht, der auch nach bisherigem Verständnis Teil des wirtschaftlichen Gesamtsystems ist und deshalb bereits im Zentrum bisheriger wirtschaftstheoretischer Untersuchungen steht. Die politökonomische Betrachtung tritt hier gar nicht an die Stelle bisher anders motivierter Analysen, sie ist vielmehr hier identisch mit der Fragestellung der Nationalökonomie.

 

Aber warum behandlen wir dann dieses Kapitel über die privaten Haushalte im Rahmen der Politökonomik, wo es uns doch in dieser Vorlesung primär darum geht, Betrachtungsweisen, welche für die Analyse wirtschaftlichen Verhaltens entwickelt wurden, nun auch auf Gesellschaftsbereiche anzuwenden, die gerade nicht nach üblichem Verständnis dem wirtschaftlichen Subsystem zugerechnet werden?

 

Gary Becker, dessen haushaltstheoretischen Untersuchungen in diesem Kapitel im Zentrum unserer Analysen stehen, gehört zu der Gruppe von Ökonomen, welche im Sinne der Politökonomie wirtschaftswissenschaftliche Betrachtungsweisen auf nichtwirtschaftliche Gesellschaftssystem anwendet. So hat sich Becker unter anderem mit dem Verhalten von Verbrechern befasst, Familiengründung, Scheidung und Geburtenverhalten analysiert und auch mit der Erziehung der Kinder näher auseinandergesetzt, alles Themen, welche nach üblichem Verständnis Gegenstand politökonomischer Analysen darstellen. Nur seine Theorie der privaten Haushalte scheint auf den ersten Blick aus diesem Rahmen zu fallen und eine rein wirtschaftstheoretische Arbeit zu sein. ‚Scheint‘, wir werden nämlich sehen, dass auch diese Arbeiten sehr wohl in den Problemkreis politökonomischer Analysen fallen.

 

Um dies zu verstehen, müssen wir etwas ausholen und uns nach der traditionellen Abgrenzung der Wirtschaftstheorie gegenüber nichtwirtschaftswissenschaftlichen Disziplinen fragen. Ausgangspunkt sei hierbei die Lehre des wirtschaftlichen Datenkranzes bei Walter Eucken. Nach Eucken ist es Aufgabe jeder Wirtschaftstheorie, wirtschaftliche Problemgrößen auf wirtschaftliche Daten zurückzuführen. Thema einer wirtschaftstheoretischen Analyse der privaten Haushalte ist somit die Erklärung der Nachfrage der Konsumenten nach Konsumgütern, wobei dieses Verhalten in einer Nachfragefunktion dargerstellt wird, welche angibt, welche Nachfrage die Konsumenten nach einzelnen Konsumgütern in Abhängigkeit von den Preisen ausüben, welche die Konsumenten beim Kauf dieser Güter an die Produzenten (Händler) zu entrichten haben. Problemgröße ist also der Verlauf der Nachfrage nach Konsumgüter.

 

Der Verlauf der Nachfragekurve wird nun im Rahmen der Wirtschaftstheorie auf die Bedarfsstruktur und das Einkommen der Konsumenten zurückgeführt. Vor allem die Bedarfsstruktur stellt hierbei zunächst für den einzelnen Haushalt, dann aber auch für die Haushaltstheorie ein vorgegebenes Datum dar. Aus der Sicht des Haushaltes ist die Bedarfsstruktur vorgegeben, sie bestimmt das Nachfrageverhalten, kann jedoch für den Haushalt zumindest in der anstehenden Periode (also kurzfristig) nicht verändert werden.

 

Aus der Sicht der Wirtschaftstheorie stellt hingegen die Bedarfsstruktur insofern ein Datum dar, als die Wirtschaftstheorie selbst den geäußerten Bedarf nicht weiter hinterfragt, also auch wiederum als gegeben bzw. als eine Größe betrachtet, deren Gestalt nicht weiter untersucht werden kann. Natürlich mag zugegeben werden, dass auch die Bedarfsstruktur wissenschaftlich weiter untersucht werden kann, aber nicht im Rahmen der Wirtschaftswissenschaft, diese Zusammenhänge werden von einer anderen Wissensdisziplin, in unserem Falle der Bedarfsstruktur von der Psychologie hinterfragt. Der Datenkranz Walter Euckens weist somit mit anderen Worten auf die Grenze zwischen den einzelnen Wissensdisziplinen hin.

 

Das Einkommen eines Haushaltes, das zweite Datum der Haushaltstheorie, ist allerdings nur für die Haushaltstheorie im engeren Sinne ein wissenschaftliches Datum, aus der Sicht der gesamten Wirtschaftstheorie wird das Einkommen selbst wiederum als Problemgröße der Märkte für Produktionsfaktoren behandelt.

 

Nun hat Hans Albert diese methodische Vorgehensweise neoklassischer Theorien gebrandmarkt, er sprach vom Modellplatonismus der Neoklassik. Die neoklassische Theorie ergehe sich in leerformelhaften Ableitungen, sie versuche die wirtschaftlichen Problemgrößen allein durch logische Ableitungen aus vorgegebenen Daten abzuleiten und ihre Kernsätze bereits dann als erwiesen hinzustellen, wenn die Schlussfolgerungen widerspruchsfrei aus den vorgegebenen Verhaltensprämissen abgeleitet werden könnten. In Wirklichkeit gehe es aber darum, anhand empirischer Untersuchungen nachzuweisen, dass die Hypothesen über das wirtschaftliche Verhalten der Wirklichkeit entsprechen. Logische Ableitungen aus vorgegebenen Hypothesen seien Leerformeln, ihr Informationsgehalt sei gleich null, da alle Informationen bereits in den Hypothesen begründet liegen, die selbst gar nicht auf ihre Gültigkeit hin überprüft werden.

 

Die Schwierigkeit bei einer solchen Arbeitsteilung zwischen den Wissensdisziplinen besteht darin, dass die eigentlichen wissenschaftlichen Fragen sehr leicht ausgeklammert werden. Bezogen auf die wirtschaftstheoretische Haushaltstheorie wird das zu erklärende Nachfrageverhalten auf die Bedarfsstruktur zurückgeführt, die Erklärung der Bedarfsstruktur aber einer Nachbardisziplin übertragen. Versucht man jedoch bei dieser Nachbardisziplin, also in unserem Falle bei der Psychologie eine Antwort auf die zentrale Frage nach den Bestimmungsgründen der Bedarfsstruktur zu finden, so wird man mit ganz wenigen Ausnahmen nicht fündig. Die Psychologie versteht sich ja nicht als Hilfsdisziplin der Wirtschaftstheorie, sondern definiert autonom ihre Problemgrößen, die sich eben nicht um die Frage der Erklärung einer Nachfragekurve drehen.

 

Diese von Walter Eucken mit der Definition des Datenkranzes vorgeschlagene Arbeitsteilung zwischen den einzelnen Wissensdisziplinen ist somit sehr ineffizient. Es wäre sehr viel erfolgsversprechender, wenn sich jede empirische Wissenschaft darum bemühen würde, ihre Problemgrößen soweit zurückzuverfolgen, dass die zugrunde gelegten Verhaltenshypothesen ebenfalls Gegenstand eigener empirischer Untersuchungen sind. Empirisch nachgewiesene Hypothesen über die Bestimmungsgründe der zentralen wirtschaftstheoretischen Problemgrößen (Menge und Preis knapper Güter) lassen sich nur dann bestätigen, wenn auch die eigentlichen Bestimmungsgründe dieser Problemgrößen selbst von der Wirtschaftstheorie untersucht werden.

 

Und in diesem Zusammenhang kommen nun die Analysen Gary Beckers über die privaten Haushalte ins Spiel. Becker hat sich nicht wie die traditionelle wirtschaftstheoretische Haushaltstheorie darauf beschränkt, die Bedarfsstruktur als wissenschaftliches Datum hinzunehmen, er hat vielmehr den Datenkranz der Haushaltstheorie auf die Erklärung der Bedarfsstruktur ausgedehnt und zwar dadurch, dass er auch auf die Erklärung der Bedarfsstruktur Betrachtungsweisen anwandte, die bisher anderen Wissensdisziplinen zufiel. Insofern lässt sich auch die von Becker initiierte Haushaltstheorie der Politökonomik zurechnen.

 

Auch schon vor Beckers Analysen finden sich vor allem im Rahmen der historischen Schule und des in Amerika verbreiteten Institutionalismus Bemühungen, das Verhalten der Konsumenten empirisch zu überprüfen und einzelne empirisch gehaltvolle Hypothesen über das Konsumverhalten zu formulieren. Sie beschränken sich jedoch im Wesentlichen auf die Darstellung einzelner Verhaltensweisen, ohne dass wie bei Becker diese Forschungen in einen systematischen Erklärungszusammenhang gestellt werden.

 

Um die Bedeutung dieser politökonomischen Analysen der privaten Haushalte zu verstehen, ist es allerdings notwendig, dass wir uns etwas ausführlicher mit den Hypothesen der neoklassischen Haushaltstheorie über die Bedarfsstruktur beschäftigen. Die ‚Story‘ um die Theorie der Haushalte beginnt schon sehr früh bei Heinrich Gossen und bei der Formulierung der beiden sogenannten Gossen’schen Gesetze. Wir werden zeigen, dass eigentlich bereits Gossen diese Eucken’sche Begrenzung verlassen hat und mit der Formulierung des ersten Gossen’schen Gesetzes diese Grenze zur Psychologie überschritten hat.

 

Wir werden deshalb unsere Analyse in diesem Kapitel in drei Schritten vollziehen. Wir beginnen in einem ersten Schritt mit der Darstellung der beiden Gossen’schen Gesetze, welche im Mittelpunkt der Wiener Schule einer Hauptrichtung der Neoklassik stand. Wir werden dann in einem zweiten Schritt zeigen, wie im Rahmen der Paretianischen Analyse (einem Hauptvertreter der Lausanner Schule, ebenfalls einer Hauptrichtung der Neoklassik) diese Hypothesen des Nachfrageverhaltens in ein System von Indifferenzkurven überführt wurde und insofern auch Gültigkeit behält, wenn man mit Pareto davon ausgeht, dass sich Nutzengrößen überhaupt nicht wie bisher unterstellt kardinal messen lassen.

 

Diese beiden Schritte stellen dann die Voraussetzung dar, um in einem dritten Schritt aufzuzeigen, inwieweit die Haushaltstheorie Beckers zu einem besseren empirisch abgesicherten Wissen über das wirtschaftliche Verhalten der privaten Haushalte geführt hat. Wir werden uns hierbei auf die einschlägigen Kapitel in der von mir hier im Internet veröffentlichten Vorlesung über die Geschichte volkswirtschaftlicher Lehrmeinungen stützen.

 

 

2. Die Grenznutzengesetze

 

Zu den wichtigsten Theoremen der Grenznutzenschule zählen die beiden sogenannten Gossen’schen Gesetze. Wie der Name bereits andeutet, sind diese Gesetzmäßigkeiten bereits etwa 20 Jahre vor Beginn der neoklassischen Renaissance von Hermann Heinrich Gossen entwickelt worden. Hermann Heinrich Gossen lebte von 1810 bis 1858 und hatte diese Zusammenhänge bereits 1854 in seiner Arbeit: ‚The Development of the Laws of Exchange among Men and of the Consequent Rules of Human Action’ beschrieben.

 

Das erste Gossen’sche Gesetz besagt in seiner ursprünglichen Form, dass der Nutzen, den man aus dem Konsum eines Gutes zieht, mit wachsendem Konsum steigt, dass aber der Zuwachs an Nutzen, der als Grenznutzen bezeichnet wird, mit jeder zusätzlichen Konsumeinheit abnimmt.

 

Wir können diese Gesetzmäßigkeit in einem Diagramm darstellen, auf dessen Ordinate der Gesamtnutzen aus dem Konsum eines einzelnen Gutes und auf dessen Abszisse die jeweilige Gütereinheit abgetragen wird:

 

 

 

 

 

Aus dieser Funktion können wir dann den Verlauf des Grenznutzens der jeweils letzten konsumierten Gütereinheit ableiten, indem wir auf der Ordinate den Grenznutzen sowie auf der Abszisse die Gütereinheit abtragen:

 

 

 

 

 

 

Betrachten wir diese Funktionen etwas genauer: Im Koordinatenursprung (also im Nullpunkt) ist der Gesamtnutzen gleich null, der Grenznutzen nicht definiert. Bei der Konsummenge 1 entspricht der Ordinatenwert sowohl des Gesamtnutzens als auch des Grenznutzens gerade dem Nutzenwert der ersten konsumierten Gütereinheit.

 

Im weiteren Verlauf steigt der Gesamtnutzen, bzw. sinkt der Grenznutzen, allerdings mit immer geringer werdenden Werten. Für die Frage, wie sich diese Funktionen weiterentwickeln, sind drei Varianten denkbar. Erstens wäre es möglich, dass bei jeder weiteren Konsumgütereinheit der Nutzen – wenn auch immer geringer – steigt, die Gesamtnutzenkurve nähert sich hier asymptotisch dem Sättigungspunkt, der aber bei endlichen Werten niemals erreicht wird.

 

 

 

 

Bei einer zweiten Variante, erreicht die Gesamtnutzenfunktion den Sättigungspunkt, steigt dann jedoch bei einem weiteren Güterzuwachs nicht mehr weiter, die Kurve verläuft somit von diesem Punkt an parallel zur Abszisse. Die Grenznutzenkurve hingegen schneidet die Abszisse, ohne dass sie jedoch im negativen Bereich fortgesetzt wird:

 

 

 

 

 

Bei einer letzten Variante schließlich erreichen die Nutzenfunktionen ebenfalls den Sättigungspunkt; bei einer weiteren Zunahme der Konsumgütermenge hingegen tritt eine Nutzenminderung ein, die Gesamtnutzenkurve erhält einen fallenden Verlauf, während die Grenznutzenkurve in das negative Feld überwechselt: Dies bedeutet, dass vom Schnittpunkt der Grenznutzenkurve mit der Abszissenachse an jede weitere Konsumeinheit einen negativen Nutzen (Missnutzen oder Schaden) hervorruft.

 

 

 

 

 

Sicherlich stellen Variante eins und zwei Extremfälle dar, welche in der Realität nur in den seltensten Fällen anzutreffen sind. Die Regel dürfte bei Variante drei liegen, bei der von einer kritischen Menge an der Nutzenzuwachs negativ wird, also von einem positiven Nutzen in einen negativen Schaden überwechselt.

 

Nehmen wir als Beispiel eine Person, die am Verdursten ist und nun mehrere Gläser Wasser trinkt. Das erste Glas Wasser bringt dem Verdurstenden einen extrem hohen Nutzen, verhindert es doch, dass diese Person verdurstet und stirbt. Das zweite und vielleicht dritte Glas steigert vielleicht noch das Wohlbefinden. Trinkt jedoch diese Person weitere Gläser Wasser, so erreicht sie bald einen Punkt, bei dem sich Unwohlbefinden (Ekel) einstellt und der Nutzen sogar vielleicht in einen Schaden übergeht.

 

Innerhalb der Unternehmungstheorie wird zwischen partiellem Grenzprodukt und Grenzniveauprodukt unterschieden. Während sich das partielle Grenzprodukt lediglich auf die Veränderung in einem einzigen Produktionsfaktor (bei Konstanz der übrigen Produktionsfaktoren) bezieht, spricht man vom Grenzniveauprodukt dann, wenn alle Produktionsfaktoren proportional verändert werden. Es liegt nahe zu fragen, ob nicht auch in der Haushaltstheorie ähnliche Phänomene auftreten, ob man also nicht auch zwischen einem partiellen Grenznutzen und einem Grenzniveaunutzen sprechen kann, wobei sich beide Kurvenverläufe in der Haushaltstheorie nicht auf den Einsatz von Produktionsfaktoren, sondern auf einzelne Konsumgüter bzw. auf das gesamte Einkommen beziehen.

 

Ein solcher Bezug findet dann statt, wenn man den Nutzenverlauf nicht in Abhängigkeit des Konsums einzelner Güter verfolgt, sondern fragt, wie sich der Nutzen eines Haushaltes verändert, wenn sich das privat verfügbare Einkommen dieses Haushaltes verändert.

 

Auch hier wird im Allgemeinen davon ausgegangen, dass eine Zunahme des Einkommens (also eine Zunahme der zur Verfügung stehenden Konsumsumme) zu einer Nutzensteigerung führt, dass aber bei kontinuierlicher Zunahme des Einkommens der Nutzenzuwachs der zuletzt hinzugekommenen Einkommenseinheit abnimmt:

 

 

 

 

 

Auch beim Grenznutzenverlauf bezogen auf das Einkommen können wir die oben unterschiedenen drei Varianten beobachten: Der Grenznutzenverlauf kann sich erstens asymptotisch der Abszisse nähern, er kann die Abszisse schneiden und dann der Abszisse folgen oder schließlich in den negativen Bereich hineinreichen. Weiter unten werden wir allerdings sehen, dass die dritte Variante hier vermutlich nur sehr selten zu erwarten ist, wahrscheinlicher ist die erste Variante, wonach jede Einkommenssteigerung einen gewissen Zusatznutzen bringt.

 

Fahren wir mit den Parallelen zur Unternehmungstheorie fort. Bei der Diskussion der Cobb-Douglas-Produktionsfunktion geht man davon aus, dass hier nur für die partiellen Grenzerträge das Gesetz vom abnehmenden Ertragszuwachs gültig ist, dass aber das Grenzniveauprodukt als konstant zu gelten hat. Auch hier gibt es so etwas wie ein optimales Einsatzverhältnis der Produktionsfaktoren und jedes Abweichen von diesem Verhältnis hat sinkende Ertragszuwächse zur Folge.

 

Können wir auch im Bereich der Grenznutzentheorie damit rechnen, dass zwar die partiellen Grenznutzen bei vermehrtem Konsum eines Gutes abnehmen, dass aber der Grenznutzen des Einkommens als konstant zu gelten hat? Auch hier gingen wir ja davon aus, dass es bei komplementären Konsumgütern durchaus ein optimales Einsatzverhältnis gibt.

 

Trotzdem ist es unwahrscheinlich, dass bei Einkommenssteigerungen und bei Beibehaltung der Struktur der konsumierten Güter mit einem konstanten Grenzniveaunutzen gerechnet werden kann. Zwar gibt es sehr wohl gute Gründe, dass der Grenznutzen des Einkommens konstant ist, diese Tatsache hängt jedoch nicht damit zusammen, dass die Konsumstruktur konstant bleibt.

 

Bringen wir das Beispiel von Brot und Butter als Brotaufstrich. Obwohl es sicherlich richtig ist, dass es so etwas wie eine optimale Zusammensetzung dieses aus Brot und Butter bestehenden Güterbündels gibt, kann daraus nicht geschlossen werden, dass eine bloße Vermehrung dieses Güterbündels unbegrenzt Nutzenzuwächse bringt. Ganz im Gegenteil würde gerade dann, wenn eine Person immer mehr mit Butter bestrichene Brote essen würde, sehr bald eine Sättigung eintreten und dies bedeutet, dass der Grenznutzen dieses Güterbündels von einer bestimmten Menge an sinkt.

 

Der Grund hierfür liegt darin, dass der menschliche Körper so gebaut ist, dass er nicht unbegrenzte Gütermengen konsumieren kann, dies gilt nicht nur für Nahrungsmittel, sondern aus den verschiedensten Gründen wohl für die meisten denkbaren Güter. Äußert sich die Wohlstandssteigerung allein darin, dass von denselben Gütern nur einfach mehr Mengen konsumiert werden, stößt der Mensch an die Grenzen der Aufnahmefähigkeit, Unbehagen und Langeweile stellen sich ein, welche abnehmende Grenznutzen herbeiführen.

 

Trotzdem mag es richtig sein, dass trotz eines vermehrten Einkommens bei richtigem Konsumverhalten der Nutzenzuwachs nicht abnimmt. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass immer wieder neuartige Güter konsumiert werden, welche sich in der Qualität von den bisher konsumierten Gütern unterscheiden. Und in der Erfindung neuartiger Konsumgüter hat sich der Mensch als unermüdlich gezeigt. Zwar sind im Laufe der Lehrgeschichte immer wieder Persönlichkeiten aufgetaucht, die prophezeit hatten, dass sehr bald mit einer Sättigung gerechnet werden müsse, dass aus diesem Grunde der Konsum nicht mit dem Einkommen ansteige und dass deshalb aus Gründen einer zu geringen Konsumnachfrage letztlich Massenarbeitslosigkeit zu erwarten sei.

 

Diese düsteren Prophezeiungen sind bisher nicht eingetreten. Wie Alois Schumpeter gezeigt hat, sind diese Prophezeiungen immer wieder durch den Gang der Geschichte widerlegt worden, weil es diesen Propheten an Phantasie mangelte, sich vorzustellen, dass der menschliche Bedarf im Grunde nahezu unersättlich ist.

 

Befassen wir uns nun mit dem sogenannten zweiten Gossen’schen Gesetz. Während das erste Gesetz die Abhängigkeit der Nutzenvorstellungen vom Umfang der Konsummenge beschreibt und insoweit eine Hypothese über menschliches Verhalten darstellt, geht es beim zweiten Gossen’schen Gesetz um eine Maximierungsregel. Sie gibt an, wie sich der einzelne Konsument verhalten sollte, um seinen Nutzen zu maximieren. Es wird hier also nicht behauptet, dass der Konsument immer oder auch nur in der Mehrzahl der Fälle sich nutzenmaximierend verhält, sondern nur festgestellt, dass er sich nach dieser Regel verhalten muss, wenn er seinen Nutzen maximieren möchte.

 

Was besagt nun das zweite Gossen’sche Gesetz? Solange der Grenznutzen des Einkommens nicht bei allen Verwendungsarten gleichgroß ist, solange kann ein Nutzenzuwachs erzielt werden und zwar dadurch, dass man Einkommensteile von denjenigen Verwendungen abzieht, bei denen der Grenznutzen geringer ist und diese Einkommensteile denjenigen Verwendungen zuführt, bei denen der Grenznutzen noch höher liegt. Denn ex definitione ist der Nutzenentgang bei den Verwendungsarten mit geringerem Grenznutzen geringer als der Nutzenzuwachs bei den Verwendungen mit höherem Grenznutzen. Per Saldo steigt also der Nutzen bei einer solchen Umstruktuierung.

 

Umgekehrt gilt, dass ein Haushalt, bei dem der Grenznutzen des Einkommens bei allen Verwendungsarten gleich groß ist, durch Veränderungen in der Verwendung kein weiterer Nutzenzuwachs erzielt werden kann. Es ist also unter diesen Bedingungen (gleicher Grenznutzen in allen Verwendungen des Einkommens) das Nutzenmaximum erreicht. Jede Änderung würde zu einer Verminderung des Gesamtnutzens führen.

 

Da wir aufgrund des ersten Gossen’schen Gesetzes davon ausgehen können, dass der Grenznutzen bei denjenigen Verwendungen, welche nun vermehrt konsumiert werden, sinkt und dass umgekehrt der Grenznutzen bei denjenigen Verwendungen, welche nun vermindert konsumiert werden, steigt, findet also von zwei Seiten aus eine Annäherung der Grenznutzen der einzelnen Verwendungsarten statt mit der Folge, dass über kurz oder lang durch diese Umstruktuierung ein Zustand erreicht wird, bei dem die Grenznutzen des Einkommens in allen Verwendungen gleich groß sind. Diese Grundaussage bleibt auch dann wahr, wenn wir berücksichtigen, dass in der Realität natürlich die Gütermengen nicht unendlich klein unterteilt werden können. Wir sprechen in diesem Falle einfach davon, dass ein Maximum an Nutzen dann erzielt ist, wenn die Grenznutzen in allen Verwendungen annähernd gleich sind und durch weitere Substitutionen nicht mehr angenähert werden können.   

 

Fortsetzung!