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Die schönsten Erzählungen der Bibel

 

 

 

Gliederung:

 

 

 

 

  1. Einführung

  2. Schöpfungsbericht

  3. Sündenfall

  4. Kain und Abel

  5. Die Arche Noah

  6. Abraham hadert mit Gott

  7. Isaaks Opferung

  8. Verkauf des Erstgeburtsrechts an Jakob

  9. Josef und seine Brüder

10. David gegen Goliath

11. David und die Frau des Hethiters

12. Esthers Rettung der Juden

13. Josef in Ägypten

14. Moses vor dem Pharao

15. Hiobs Leid und Gottvertrauen

16. Die Verleugnung Petrus

17. Der Verrat Judas

18. Der barmherzige Samariter

19. Die Hochzeit zu Kanaan

20. Die Tempelreinigung

21. Das Gleichnis vom verlorenen Sohn

22. Jesus und die Ehebrecherin

23. Jesus am Ölberg

24. Der ungläubige Thomas

 

 

 

Kapitel 16: Die Verleugnung des Petrus

 

 

 

Gliederung:

 

1. Problem

2. Der Text

3. Petrus Berufung

4. Die Vorankündigung der Verleugnung

5. Die Verleugnung

6. Petrus Reue

 

 

1. Problem

 

In diesem Kapitel wird über eine Verfehlung des Petrus erzählt. Petrus war nicht ein irgend beliebiger Jude und Anhänger Christus, er zählte nicht nur zu den auserwählten zwölf Apostel, nein Jesus hatte ihn zu seinem Stellvertreter ernannt, welcher nach seinem Verlassen dieser Erde die Jüngergemeinde weiterführen sollte.

 

Und ausgerechnet dieser Mann hatte – so berichten die Evangelien – Jesus verleugnet, als Jesus verhaftet wurde und zu Kaiphas, dem damaligen Hohenpriester, abgeführt wurde.

 

Auch hier erfahren wir wieder über Ereignisse, welche in der Heilgen Schrift immer wieder thematisiert werden. Die Menschen sind schwach, sie sündigen immer wieder und dies gilt nicht nur für das einfache Volk, sondern eben auch und in besonderem Maße für diejenigen, welche Gott auserwählt hatte, in seinem Auftrag die Glaubenswahrheiten zu verkünden.

 

Allerdings ist die Schwäche der Menschen in moralischer Hinsicht immer nur die eine Seite dieser Botschaft. Die andere, vielleicht noch sehr viel wichtigere Seite besteht darin, dass Gott diesen Menschen verzeiht, sofern sie ihre Sünde ehrlich bereuen und zur Umkehr bereit sind. Dieses Vergeben gilt aber nicht nur ein einziges Mal. Auf der weltlichen Bühne wird auch die Forderung erhoben und auch sehr oft praktiziert, dass jeder nach einer Verfehlung eine zweite Chance verdient habe. Aber damit ist im weltlichen Bereich im Allgemeinen genug.

 

Wer immer wieder rückfällig wird, darf nicht mehr antreten und sich für Führungsaufgaben bewerben, er wird für Dauer aus dem gemeinsamen Leben ausgeschlossen. Es ist noch nicht einmal so, dass er nun einfach die im Gesetz für sein Vergehen vorgesehene Strafe abzusitzen hat, nein, der Tatbestand allein, dass er in der Vergangenheit schon einmal straffällig geworden war, ist Grund genug, dem Rückfälligen eine besonders harte Strafe zuzuerkennen.

 

Ganz anderes erfahren wir aus den Evangelien. Dort wird uns nämlich berichtet, dass Gott immer wieder verzeiht und dass auch wir Menschen aufgefordert sind, denen immer wieder zu verzeihen, welche uns Schaden verursacht haben. Es war ausgerechnet Petrus, der – wie es das Matthäusevangelium in Kapitel 18, 21-22 berichtet – Jesus danach frug, wie oft sollen wir denn unseren Mitmenschen vergeben:

 

‚Da trat Petrus zu ihm und fragte: Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er sich gegen mich versündigt? Siebenmal? Jesus sagte zu ihm: Nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal.‘  

 

Und diese Feststellung will natürlich nicht heißen, dass wir nach dem siebenundsiebzigsten Mal nicht mehr vergeben sollen, sondern diese Zahl wird hier symbolisch gebraucht, um möglichst eingängig zu ermahnen, den Mitmenschen immer wieder zu vergeben, vorausgesetzt, dass diese ihre Tat bereuen.

 

Und im Vaterunser erfahren wir auch, warum wir unseren Mitmenschen verzeihen sollen. Wir werden im Matthäusevangelium Kapitel 6,12 aufgefordert, zunächst unseren Mitmenschen zu verzeihen, damit auch wir von Gott Verzeihung erwarten können: ‚Und erlass uns unsere Schulden, wie auch wir sie unseren Schuldnern erlassen haben‘. Und im 7. Kapitel, Vers 12 wird dieser Grundsatz in der sogenannten goldenen Regel verallgemeinert: ‚Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen! Darin besteht das Gesetz und die Propheten.‘

 

Es entspricht also einem Grundgedanken im Alten wie auch im Neuen Testament, dass die Menschen auf der einen Seite Sünder sind und dies gilt für alle, also auch für diejenigen, welche Gott auserwählt hat, dass aber Gott auf der anderen Seite allen Menschen verzeiht, wenn sie ihre Sünden bereuen und zur Umkehr bereit sind und wenn auch sie ihren Schuldigern vergeben.

 

Trotzdem könnte man aber eigentlich erwarten, dass Gott bzw. Jesus denjenigen die Führung des Gottes Volkes bzw. der christlichen Gemeinde überträgt, welche am meisten den Geboten Gottes gefolgt sind und welche sich am wenigsten gegen die Gebote Gottes aufgelehnt haben. In diese Vorstellung passt wenig die Tatsache, dass Petrus Jesus drei mal (!) verleugnet und trotzdem an die Spitze der christlichen Gemeinde von Jesus berufen wird. Wie ist dieser Widerspruch zu erklären und aufzulösen?

 

Nun liegt ja die Berufung des Petrus zum Nachfolger Jesu zeitlich vor der Verleugnung und man könnte deshalb vermuten, dass eben Jesus in Unkenntnis dieses Sachverhaltes Petrus zu seinem Stellvertreter ernannt hat. Dies würde jedoch in Widerspruch stehen zu der Überzeugung, dass Gott allwissend ist und in die Herzen der Menschen schauen kann und dass Jesus als Sohn Gottes deshalb auch schon bei der Berufung des Petrus gewusst hatte, dass Petrus ihn später einmal dreimal verleugnen wird. Schließlich geht der christliche Glaube davon aus, dass Jesus zwar in vollem Wortsinne Mensch war, dass er aber zur gleichen Zeit göttlichen Ursprungs ist, dass durch Jesus es Gott selbst war, der den Menschen in Gestalt eines Menschen begegnete.

 

Und gerade über dieses vorherige Wissen unterrichten uns die Evangelien. Denn in der Szene am Ölberg kurz vor der Jesu Verhaftung erwähnte Jesus bereits Petrus gegenüber, dass dieser ihn drei Mal verleugnen werde. Wir können also keinesfalls die vorherige Berufung des Petrus zum Nachfolger Jesu damit erklären, dass Jesus im Zeitpunkt der Berufung noch nichts über dieses unwürdige Verhalten des Petrus gewusst habe. Wir können sicher sein: Jesus hat Petrus in voller Kenntnis dieser Schwächen dieses Apostels zu seinem Nachfolger bestellt.

 

Also können wir auch davon ausgehen, dass Gott auch diejenigen an die Spitze der Religionsgemeinschaft beruft, welche trotzdem wie alle Menschen immer wieder gegen die Gebote Gottes verstoßen. Wichtig ist allein, ob diese Menschen ihre Schuld einsehen, sie bereuen und zur Umkehr bereit sind.

 

Und aus dieser Sicht muss die Einschätzung des Apostels Petrus ganz anders ausfallen. Schließlich hat Petrus nach Jesu Tod und Himmelfahrt nicht nur den christlichen Glauben gegen seine Widersacher verteidigt und verbreitet, sondern war schließlich sogar bereit, für diesen Glauben genauso wie Jesu am Kreuze zu sterben.

 

Nun könnte man vielleicht einwenden, dass die Verleugnung Jesu durch Petrus kein so schwerwiegendes Vergehen gewesen sei, da ja Jesus bereits verhaftet gewesen war, als Petrus ihn im Vorhof des Kaiphas verleugnete und dass der Tod Jesu bereits für den Hohepriester und für die Mitglieder des Hohen Rates beschlossene Sache war. Aber nehmen wir das Beispiel des Paulus, der neben Petrus im Allgemeinen als Fürst der Apostel bezeichnet wird und neben Petrus eine entscheidende Rolle in der Verbreitung des christlichen Glaubens einnahm.

 

Paulus war zunächst kein Jünger Jesu wie Petrus, hatte sogar die Anhänger Jesu nach dessen Tod blutig verfolgt. Trotzdem hatte Jesus Paulus dazu ausgewählt, mit den anderen Aposteln zusammen den christlichen Glauben zu verteidigen. Hier war die anfängliche Schuld des Paulus sicherlich sehr viel größer als die Verfehlung Petrus im Zusammenhang mit der Verleugnung Jesu und trotzdem hatte Jesus Paulus dafür vorgesehen, die christliche Gemeinde zu führen. Wir müssen also davon ausgehen, dass anfängliche Verfehlungen eines Menschen Gott nicht davon abhalten lässt, diesem eine führende Rolle in der Verbreitung des Glaubens zu übertragen. Wichtiger als die Vergangenheit eines Menschen ist die Frage, ob dieser Mensch in Zukunft willens ist, die Sache Gottes zu seiner eigenen zu machen. Und dies war sicherlich nicht nur bei Petrus, sondern auch bei Paulus der Fall.

 

 

2. Der Text

 

Im Lukasevangelium Kapitel 22, 54-62 lesen wir:

 

54 ‚Darauf nahmen sie ihn (gemeint ist Jesus) fest, führten ihn ab und brachten ihn in das Haus des Hohenpriesters. Petrus folgte von weitem.

55 Mitten im Hof hatte man ein Feuer angezündet und Petrus setzte sich zu den Leuten, die dort beieinandersaßen.

56 Eine Magd sah ihn am Feuer sitzen, schaute ihn genau an und sagte: Der war auch mit ihm zusammen.

57 Petrus aber leugnete es und sagte: Frau, ich kenne ihn nicht.

58 Kurz danach sah ihn ein anderer und bemerkte: Du gehörst auch zu ihnen. Petrus aber sagte: Nein, Mensch, ich nicht!

59 Etwa eine Stunde später behauptete wieder einer: Wahrhaftig, der war auch mit ihm zusammen; er ist doch auch ein Galiläer.

60 Petrus aber erwiderte: Mensch, ich weiß nicht, wovon du sprichst. Im gleichen Augenblick, noch während er redete, krähte ein Hahn.

61 Da wandte sich der Herr um und blickte Petrus an. Und Petrus erinnerte sich an das, was der Herr zu ihm gesagt hatte: Ehe heute der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.

62 Und er ging hinaus und weinte bitterlich‘.

 

Dass Petrus Jesu nach dessen Verhaftung am Ölberg auf dem Weg zum Hohenpriester Kaiphas folgte, findet sich bei allen vier Evangelien. Bei Markus und nach ihm auch bei Matthäus findet sich jedoch kein Hinweis über die daran anschließende Verleugnung Jesu durch Petrus. Es wird bei Markus nur erwähnt, dass er dort (im Vorhof des Hohenpriesters)  bei den Dienern saß und sich am Feuer wärmte.

 

Ähnlich finden wir auch bei Matthäus keinen Hinweis auf die Verleugnung. Er ist nur insoweit genauer als Markus, dessen Evangelium Matthäus als Vorlage diente, dass sich bei Kaiphas die Schriftgelehrten und die Ältesten versammelt hatten, schließlich hatte der Ältestenrat darüber zu entscheiden, was mit Jesus geschehen sollte. So erfahren wir bei Matthäus, dass Petrus die Absicht verfolgte, im Vorhof des Kaiphas zu sehen, wie alles ausgehen würde.

 

Außer im Lukasevangelium finden sich also nur noch bei Johannes weitere Hinweise auf die Vorgänge um die Verleugnung. Im Johannesevangelium Kapitel 18 erfahren wir:

 

15 ‚Simon Petrus und ein anderer Jünger folgten Jesus. Dieser Jünger war mit dem Hohenpriester bekannt und ging mit Jesus in den Hof des hohepriesterlichen Palastes.

16 Petrus aber blieb draußen am Tor stehen. Da kam der andere Jünger, der Bekannte des Hohenpriesters, heraus; er sprach mit der Pförtnerin und führte Petrus hinein.

17 Da sagte die Pförtnerin zu Petrus: Bist du nicht auch einer von den Jüngern dieses Menschen? Er antwortete: Nein.

18 Die Diener und die Knechte hatten sich ein Kohlenfeuer angezündet und standen dabei, um sich zu wärmen; denn es war kalt. Auch Petrus stand bei ihnen und wärmte sich‘.

 

Hier erklärt Matthäus, warum Petrus denn überhaupt in den Vorhof des Hohenpriesters gelangen konnte, schließlich zählte er ja nicht zu der Gefolgschaft der jüdischen Behörde. Wir erfahren hier, dass der andere Jünger, der mit Petrus Jesu gefolgt war (vermutlich der Lieblingsjünger Jesu, nämlich Johannes) mit dem Hohenpriester bekannt war und deshalb einen Einlass auch für diese beiden Jünger erreichen konnte. Als kleine Nebensache sei noch darauf hingewiesen, dass bei Johannes Petrus nicht wie bei Lukas am Feuer saß, sondern mit den anderen Knechten am Feuer stand.

 

 

3. Petrus Berufung

 

Bereits am Ende des Wirkens Jesu in Galiläa kurz vor der ersten Ankündigung seines Leidens und seiner Auferstehung wählte Jesus Petrus zu seinem Stellvertreter. Bei Matthäus Kapitel 16 erfahren wir:

 

13 ‚Als Jesus in das Gebiet von Cäsarea Philippi kam, fragte er seine Jünger: Für wen halten die Leute den Menschensohn?

14 Sie sagten: Die einen für Johannes den Täufer, andere für Elija, wieder andere für Jeremia oder sonst einen Propheten.

15 Da sagte er zu ihnen: Ihr aber, für wen haltet ihr mich?

16 Simon Petrus antwortete: Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes!

17 Jesus sagte zu ihm: Selig bist du, Simon Barjona; denn nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel.

18 Ich aber sage dir: Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen.

19 Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Himmel gelöst sein.‘

 

Jesus beginnt hier die Beauftragung des Petrus damit, dass er seine Jünger fragte, für wen die Menschen den Menschensohn halten. Im Alten Testament, dem Buch Daniel Kapitel 7,13-14 wird bereits vom Menschensohn gesprochen, der am Ende der Zeiten auf den Wolken des Himmels komme, um Gericht zu halten über die Guten und die Bösen. Weil der Menschensohn von Gott Macht, Ehre und das Reich über alle Völker erhält, haben die Juden zur Zeit Jesu den Menschensohn mit dem Messias gleichgesetzt.

 

Die Jünger zählen als Antwort eine ganze Reihe von Deutungen dieses Namens auf. Jesus fragt dann weiter, für wen denn die Jünger selbst ihn halten. Hier wird deutlich, dass Jesus sich selbst als Menschensohn versteht, im ersten Satz spricht er vom Menschensohn ganz allgemein, um dann im zweiten Satz diese Frage nach dem Menschensohn auf sich selbst zu beziehen.

 

Und Petrus antwortet Jesus stellvertretend für alle seine Jünger: Du bist der Messias, also derjenige Bote Gottes, der nach Auskunft der Propheten eines Tages kommen wird, um die Menschheit zu erlösen. Und Petrus fügt noch hinzu, dass Jesus der Sohn des lebendigen Gottes sei. In den Schriften der Propheten wurde der Begriff Messias nicht immer mit der Sohnschaft Gottes verbunden, sondern einfach davon gesprochen, dass eines Tages ein Bote Gottes komme, um die geknechteten Juden zu befreien.

 

Die Juden zur Zeit Jesu erwarteten von einem Messias, dass er die Juden aus der Knechtschaft der Römer befreie, während in den Schriften der Propheten offen bleibt, wie das Wort „Erlösung“ zu verstehen ist, als Erlösung aus der irdischen Knechtschaft der Römer (oder zuvor der Assyrer und der Babylonier) oder ganz allgemein aus den irdischen Verstrickungen als Folge der Erbsünde Adam und Evas.

 

Die Gleichsetzung des Messiasbegriffes mit Gottes Sohn findet sich allerdings auch bei den Schriftgelehrten zur Zeit Jesu. Als Jesus vor den Hohen Rat geführt wurde, fragte ihn der Hohepriester: ‚Ich beschwöre dich bei dem lebendigen Gott, sag uns: Bist du der Messias, der Sohn Gottes? (Mt 26,63) Auch hier wird mit dem Begriff Messias die Sohnschaft Gottes verbunden.

 

Und nachdem Petrus Jesus als Messias und Sohn Gottes anerkannt hatte, macht Jesus Petrus zu seinem Stellvertreter hier auf Erden und gibt ihm die Vollmacht, zu binden und zu lösen und versichert, das das, was Petrus entscheide, stets auch im Himmel gelte.

 

Im Johannesevangelium Kapitel 21 wird dann darüber berichtet, dass Jesus Petrus nach seinem Tod und nach seiner Auferstehung ein zweites Mal mit seiner Nachfolge betraut hatte:

 

15 ‚Als sie gegessen hatten, sagte Jesus zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als diese? Er antwortete ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe. Jesus sagte zu ihm: Weide meine Lämmer!

16 Zum zweiten Mal fragte er ihn: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich? Er antwortete ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe. Jesus sagte zu ihm: Weide meine Schafe!

17 Zum dritten Mal fragte er ihn: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich? Da wurde Petrus traurig, weil Jesus ihn zum dritten Mal gefragt hatte: Hast du mich lieb? Er gab ihm zu Antwort: Herr, du weißt alles; du weißt, dass ich dich lieb habe. Jesus sagte zu ihm: Weide meine Schafe!‘

 

Sinnbildlich werden hier die Jünger und die christliche Gemeinde mit Schafen verglichen, welche vom Hirten geweidet werden müssen, um diese so vor den Gefahren, von wilden Tieren getötet zu werden, zu bewahren. Auch Jesus hatte sich selbst in dem Gleichnis vom Guten Hirten, so wie es uns im Johannesevangelium erzählt wird, als Hirte und die Gläubigen als seine Schafe bezeichnet. Genauso wie der Hirte die ihm anvertrauten Schafe davor bewahrt, dass sie von wilden Tieren gerissen werden, genauso wird auch Jesus und soll auch Petrus als Nachfolger Jesu die Gläubigen davor bewahren, dass sie den Versuchungen des Bösen verfallen und vom Glauben abfallen.

 

 

4. Die Vorankündigung der Verleugnung

 

Ich hatte bereits darauf hingewiesen, dass Jesus am Ölberg kurz vor seiner Verhaftung davon gesprochen hatte, dass ihn Petrus alsbald dreimal verleugnen werde. Befassen wir uns nun etwas ausführlicher mit dieser Vorankündigung.

 

Während wir jedoch Hinweise auf die Verleugnung des Petrus selbst weder bei Markus noch bei Matthäus finden und diese Verfehlung erst bei Lukas und Johannes ausdrücklich erwähnt wird, findet sich die Vorankündigung der Verleugnung bei allen vier Evangelien, wobei der Hinweis darauf, dass Petrus alsbald, nämlich noch bevor der Hahn kräht – also bevor der nächste Morgen angebrochen ist – ihn nicht nur einmal, sondern drei Mal hintereinander verleugnen wird, bei allen vier Evangelisten fast wortwörtlich wiedergegeben wird.

 

Bei Matthäus Kapitel 26,30-35 finden wir folgenden Hinweis:

 

30 ‚Nach dem Lobgesang gingen sie zum Ölberg hinaus.

31 Da sagte Jesus zu ihnen: Ihr alle werdet in dieser Nacht an mir Anstoß nehmen und zu Fall kommen; denn in der Schrift steht: Ich werde den Hirten erschlagen, dann werden sich die Schafe der Herde zerstreuen.

32 Aber nach meiner Auferstehung werde ich euch nach Galiläa vorausgehen.

33 Petrus erwiderte ihm: Und wenn alle an dir Anstoß nehmen – ich niemals!

34 Jesus entgegnete ihm: Amen, ich sage dir: In dieser Nacht, noch ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.

35 Da sagte Petrus zu ihm: Und wenn ich mit dir sterben müsste – ich werde dich nie verleugnen. Das Gleiche sagten auch alle anderen Jünger.‘

 

Hierbei hat Matthäus offensichtlich die Vorlage des früher veröffentlichten Markusevangelium weitgehend übernommen. In beiden Texten leitet Jesus seine Vorankündigung der Verleugnung durch Petrus mit einem Zitat aus dem Buch Sacharja Kapitel 13,7ein. Sacharja gehört zu den bedeutendsten Propheten nach dem babylonischen Exil. Er trat in der Zeit nach 520 v. Chr. auf. Während der erste Teil dieser Schrift die Wiederherstellung des zerstörten Jerusalem zum Inhalt hat, befasst sich der zweite Teil (Kapitel 9 - 14) mit dem Endgeschehen und dem Auftreten des Messias.

 

In diesem Zitat wird vorausgesagt, dass der Hirte (gemeint ist der Messias) erschlagen wird und dass sich seine Schafe zerstreuen. Jesus wendet nun diese Bibelstelle auf seine Verhaftung und auf die panikartige Flucht seiner Jünger an, welche Anstoß an Jesus nähmen. Petrus widerspricht sofort und entgegnet, dass er niemals an Jesus Anstoß nehmen werde, auch dann nicht, wenn alle anderen dies täten. Und auf diese Ansage entgegnet Jesus, dass Petrus schon in der kommenden Nacht ihn dreimal verleugnen werde. Nochmals widerspricht Petrus und beteuert, dass er Jesus auch dann nicht verlassen würde, wenn er mit ihm sterben müsse.

 

Bei Lukas (22,31-34) wird im Gegensatz hierzu die Vorankündigung der Verleugnung damit eingeleitet, dass Jesus ganz allgemein darauf hinweist, dass Petrus und die Jünger der Versuchung des Satans unterliegen werden: ‚Simon, Simon, der Satan hat verlangt, dass er euch wie Weizen sieben darf.‘ Es folgt nun aber der Hinweis, dass Jesus für Petrus gebetet habe, dass dieser den Versuchungen Satans widerstehe.

 

Bei Johannes schließlich (Kapitel 13,36-38) beginnt diese Textstelle mit der Frage Petrus an Jesus: ‚Herr, wohin willst du gehen?‘ Jesus antwortet: ‚Wohin ich gehe, dorthin kannst du mir jetzt nicht folgen. Du wirst mir aber später folgen.‘ Dies dürfte eine Vorwegnahme von Petrus Tod am Kreuze sein. Wir erinnern uns, dass das Johannesevangelium als letztes Evangelium um etwa 100 n. Chr. veröffentlicht wurde und somit die Kreuzung Petrus in Rom – vermutlich 65-67 n. Chr. – bereits in diesem Zeitpunkt erfolgt war.

 

Petrus fragt hierauf Jesus, warum er denn nicht jetzt schon ihm folgen könne, er sei bereit für Jesus sein Leben hinzugeben. Und hierauf antwortet Jesus dann mit der Vorankündigung, dass Petrus ihn noch heute verleugnen werde und deshalb im jetzigen Zeitpunkt noch nicht endgültig zur Nachfolge bis in den Tod bereit sei.

 

 

5. Die Verleugnung

 

Befassen wir uns nun etwas ausführlicher mit der Verleugnung selbst. Auch dann, wenn Markus und nach ihm Matthäus nicht eigens über diese Verfehlung des Petrus berichten, können wir davon ausgehen, dass dieses Geschehen in Einklang mit allen Evangelien steht, denn es wäre unverständlich, dass auch bei Markus und Matthäus die Vorankündigung dieser Verfehlung ex pressis verbis erwähnt wird, wenn diese beiden Evangelisten dieses Geschehen nicht zur Kenntnis genommen hätten. Auch wäre es ja nicht recht zu verstehen, dass sowohl Markus wie auch Matthäus sehr wohl davon sprechen, dass Petrus Jesu in den Vorhof des Kaiphas gefolgt ist.

 

Hier in diesem Abschnitt möchte ich mich mit der Frage befassen, wie denn diese Verfehlung des Petrus zu beurteilen ist. Handelt es sich hierbei um eine nicht nennenswerte Verfehlung, die sozusagen jedem passieren kann oder ist es eine gravierende Verfehlung, die einem wahren Anhänger Jesu nicht hätte passieren dürfen?

 

Fragen wir uns danach, welche Folgen denn diese Verleugnung für Jesus selbst und für die Verbreitung des christlichen Glaubens habe, so könnte man zu dem Schluss gelangen, dass diese Verfehlung als harmlos einzustufen ist. Fragt man jedoch danach, wie ein Mensch im Allgemeinen reagiert, wenn er von seinem engsten Freund verleugnet wird, so wird man zu dem Schluss kommen, dass diese Verfehlung vom Verleugneten als Verrat angesehen wird und dass sich der Verleugnete keine größere Enttäuschung vorstellen kann.

 

Versuchen wir diese Verfehlung mit den gleichen Prinzipien zu beurteilen, welche in den modernen Rechtsstaaten bei der Aburteilung von Straftaten angewandt wird und vergleichen wir diese Verleugnung z. B. mit dem Verrat des Judas Ischariot, ein Vergleich, der von Kritikern des christlichen Glaubens oftmals vorgenommen wird.

 

Als erstes hängt die bewertende Einstufung einer Handlung von der Schwere des Schadens ab, den diese Tat verursacht hat. Es ist klar, dass ein Kapitalverbrechen wie z. B. das Tötungsdelikt schwerer wiegt und deshalb auch eine größere Strafe zur Folge hat als z. B. der Diebstahl eines relativ geringen Vermögenswertes. Aus der Sicht dieses Kriteriums hat der Verrat des Judas zur Folge gehabt, dass Jesus nicht nur verhaftet, sondern schließlich zum Tode – sogar zu einem besonders grausamen Tode verurteilt wurde –, obwohl der Vorwurf, Jesu habe einen Umsturz geplant, nicht bewiesen werden konnte.

 

Petrus hingegen hat durch seine Verleugnung Jesu gegenüber einer Magd im Vorhofe des Hohenpriesters Kaiphas allenfalls sich selbst geschadet, er hat durch seine Aussage, diesen Menschen nicht zu kennen, vor allem Jesus selbst nicht geschadet, der Tod war bei der Verhaftung Jesu schon beschlossene Sache, auch wird eine Äußerung, welche ganz inoffiziell in einem Vorhof gegenüber einer Person gemacht wurde, welche keinerlei Einfluss auf das Prozessverfahren hat, keinerlei Wirkung herbeiführen können.

 

Im Rahmen der Rechtssprechung eines Rechtsstaates ist zweitens von entscheidender Bedeutung, ob eine Handlung geplant und bewusst herbeigeführt wird oder ob sie unbeabsichtigt nur aus dem Zusammenwirken vieler Zufälligkeiten erfolgt ist. Es ist klar, dass ein geplanter Totschlag, also ein Mord sehr viel stärker wiegt und mit einer wesentlich höheren Strafe geahndet wird als ein Totschlag, der gar nicht gewollt war und nur dadurch zustande kam, dass sich der Täter einem Angriff zu erwehren versuchte.

 

Judas Tat war eindeutig geplant und überlegt. Er hatte mit Vertretern der jüdischen Kirchenbehörde ausgemacht, sie zwecks Verhaftung an den Aufenthaltsort zu führen. Petrus Verrat erfolgte aber eindeutig spontan. Petrus war wie die anderen Jünger, welche sich bei der Verhaftung Jesu in seiner Nähe aufgehalten hatten, panisch geflohen und hatte in diesem Zustand auf eine Frage einer Magd im Vorhof von Kaiphas wohl aus Angst ausgerufen, dass er diesen Menschen (gemeint war Jesus) nicht kenne. Die dreifache Leugnung war somit sicherlich nicht geplant. Insofern ist auch unter diesem zweiten Gesichtspunkt der Verrat des Petrus nicht mit dem Verrat des Judas zu vergleichen.

 

Bei der Strafzumessung wird in einem Gerichtsverfahren eines modernen Rechtsstaates drittens auch nach mildernden, den Strafumfang mindernden Umständen gefragt. In diesem Zusammenhange ist von ausschlaggebender Bedeutung die Frage, aus welchen Motiven heraus jemand eine Straftat plant und begeht. Ein Täter, welcher seine Tat aus menschlicher Schwäche und eben nicht aus niederen Absichten heraus begeht, wird danach mit einem geringeren Strafmaß belegt als ein Angeklagter, welcher aus niedrigen Beweggründen gehandelt hat.

 

Im Hinblick auf die Beweggründe, welche Judas Ziel zu dem Verrat veranlassten, bestehen in der Literatur sehr unterschiedliche Auffassungen. Die unterschiedlichen Einschätzungen Judas Iskariot reichen von dem Vorwurf, er sei vom Teufel versucht worden und habe Jesus aus niedrigen Beweggründen, nämlich aus Geld- und Habgier an die Römer und jüdischen Kirchenbehörden verraten bis hin zu der Behauptung, dass Judas bei seinem angeblichen Verrat im Auftrage Gottes gehandelt habe und deshalb nichts Unrechtes und Verwerfliches tat, sondern sogar Jesus einen unerlässlichen Dienst erwiesen habe, da nur auf diesem Wege die Erlösung der Menschen durch Jesu Tod und Auferstehung überhaupt erreicht werden konnte.

 

Zwischen diesen beiden extremen Beurteilungen liegt die Vermutung, dass sich Judas Jesus als Jünger vorwiegend deshalb angeschlossen hatte, weil er ihn für den Messias gehalten hatte und weil er mit vielen anderen Juden der damaligen Zeit von der Überzeugung ausging, dass der Messias gekommen sei, um die Juden von der als schändlich empfundenen römischen Gewaltherrschaft zu befreien. Als er erkannt hatte, dass Jesus gar nicht die Absicht hatte, sich gegen die römische Besatzungsmacht aufzubäumen und zur Befreiung der Juden aufzurufen, hätte er sich nach dieser dritten Deutung enttäuscht von Jesus abgewandt und ihn deshalb an die Römer und an den Hohepriester ausgeliefert.

 

Nach einer gewissen Abart dieser dritten Hypothese wollte Judas eigentlich gar nicht, dass Jesus abgeurteilt und hingerichtet werde, er hätte vielmehr mit diesem Schritt Jesus zwingen wollen, sozusagen Farbe zu bekennen und das Zeichen zum offenen Aufstand gegen die Römer zu setzen. Angegriffen von den Mächtigen sei Jesus gar nichts anderes übrig geblieben, sich zu wehren und da er als Messias der Sohn Gottes sei, habe er auch die Mittel, einen Umsturz herbeizuführen.

 

Im Hinblick auf Petrus hingegen können wir davon ausgehen, dass Petrus ähnlich wie auch die anderen Jünger bei der Verhaftung in Panik geraten war und dann aus Furcht instinktiv ohne groß zu überlegen, was er gerade tut und tun sollte, leugnete, Jesus zu kennen und zu seinen Anhängern zu zählen.

 

 

6. Petrus Reue

 

Bei der Strafzumessung im Rahmen der weltlichen Gerichtsbarkeit wird viertens auch berücksichtigt, ob der Täter sich offen zu seiner Tat bekennt und seine Tat bereut oder ob er verstockt bleibt. Ein reumütiger Straftäter hat eine mildere Strafe zu erwarten als ein Täter, der bis zum Schluss leugnet, die Tat begangen zu haben oder noch schlimmer, sich mit dieser Tat brüstet und vorgibt, rechtens gehandelt zu haben.

 

Wenn wir wieder beide Vergehen des Judas und des Petrus miteinander vergleichen, müssen wir feststellen, dass offensichtlich beide ‚Verräter‘ Reue gezeigt haben. Über Petrus erfahren wir bei Matthäus Kapitel 26,75: 

 

‚Petrus erinnerte sich [und zwar unmittelbar nach der dritten Verleugnung] an das, was Jesus gesagt hatte: Ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Und er ging hinaus und weinte bitterlich.‘

 

Über Judas erfahren wir bei Matthäus Kapitel 27,3-10:

 

‚Als nun Judas, der ihn verraten hatte, sah, dass Jesus zum Tod verurteilt war, reute ihn seine Tat. Er brachte den Hohenpriestern und den Ältesten die dreißig Silberstücke zurück und sagte: Ich habe gesündigt, ich habe euch einen unschuldigen Menschen ausgeliefert.‘

 

Zumindest nach christlichem Verständnis reicht es nicht aus, dass ein sündiger Mensch in dem Sinne bereut, dass er einräumt, in der Vergangenheit einen Fehler, eine Sünde, begangen zu haben. Zu jeder echten Reue gehört die Bereitschaft, umzukehren und alles mögliche daran zusetzen, dass er in Zukunft mit diesen Sünden nicht mehr fortfährt. Dies bedeutet nicht, dass eine Reue nicht schon dann unglaubhaft war, wenn der Sünder in Zukunft wiederum sündigt. Schließlich zeigt die Bibel, dass Gott den Menschen immer wieder verzeiht und dass auch wir unseren Schuldigern immer wieder verzeihen sollen. Aber diese Feststellung bedeutet, dass der Einzelne alles für ihn mögliche tun muss, um möglichen Versuchungen in Zukunft auszuweichen. Ein Lippenbekenntnis reicht nicht aus, um Vergebung zu erlangen.

 

Gemessen an diesem Kriterium war Petrus nach seiner Reue bereit, während seines gesamten folgenden Lebens sich offen zu Jesus zu bekennen, auch dann noch, als er wegen dieses Bekenntnisses zunächst von den jüdischen Behörden, später in Rom von den römischen Machthabern verfolgt wurde und schließlich wie Jesus seinen Glauben mit dem Tod bezahlen musste.

 

Von Judas hingegen erfahren wir, dass er sich erhängte und das bedeutet, dass er eben nicht den Versuch unternahm, durch Umkehr unter Beweis zu stellen, dass er fortan bereit ist, nach den Weisungen Gottes zu leben.

 

Die Verleugnung des Petrus kann also sicherlich nicht als eine unbedeutende Verfehlung, als eine Art lässliche Sünde angesehen werden. Sicherlich verlangt Gott von uns und erst recht von demjenigen, den Jesus zu seinem Stellvertreter hier auf Erden ernannt hat, dass er auch stets Partei zugunsten Jesu ergreift und nicht aus Feigheit ihn verleugnet.

 

Wenn Jesus ihn aber trotzdem in voller Kenntnis seiner Schwächen mit der Führung der Christengemeinde beauftragt, dann vor allem deshalb, weil es zu den Grundwahrheiten des christlichen Glaubens zählt, dass jeder Mensch schwach werden kann und in dieser Schwäche auch sündigt, dass aber Gott dem Menschen stets verzeiht, wenn er seine Tat bereut und zur Umkehr bereit ist. Und genau diese Haltung finden wir bei Petrus vor. Petrus hat zwar in einem Augenblick der Schwäche Jesus verleugnet. Er hat aber nicht nur diese Tat unmittelbar nach dieser Verfehlung bereut, sondern während seines dann folgenden Lebens bewiesen, dass er Jesus die Treue hält, selbst dann, wenn er wegen dieser Tat von den Menschen verfolgt wird und schließlich den abscheulichsten Tod, den es gibt, willig erleidet.