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Pathologie der Marktwirtschaft

 

 

 

Gliederung der Vorlesung:

 

1. Problemeinführung

2. Pathologische Branchen

3. Wettbewerb versus Monopol

4.  Externe Kosten und Erträge

5.  Der Allokationsmechanismus

6.  Der Verteilungsmechanismen der Wohlfahrt

7.  Die Weiterentwicklung des Liberalismus

 

 

Kapitel 06.  Verteilungsmechanismen der Wohlfahrt

 Teil II

 

 

Gliederung:

 

1.Verteilung und Allokation uno actu

2. Das Leistungsprinzip

3. Die Einkommensverteilung bei monopolistischen Marktformen

4. Einkommensverteilung bei einem bilateralen Monopol

5. Die Verteilung der Wachstumsgewinne

 

 

4. Einkommensverteilung bei einem bilateralen Monopol

 

Wir wollen uns nun etwas ausführlicher mit dem Verteilungsmechanismus des bilateralen Monopols befassen, das insbesondere in den Tarifverhandlungen zwischen Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden verwirklicht ist. Beide Seiten des Arbeitsmarktes werden hier von einer einzigen Organisationseinheit vertreten. Die Arbeitnehmer als Anbieter von Arbeitskraft sind zumeist, aber nicht immer, in der BRD durch eine einzelne Gewerkschaft, die Arbeitgeber als Nachfragende von Arbeit durch einen einzelnen Arbeitgeberverband vertreten.

 

Wir haben bereits erwähnt, dass das bilaterale Monopol die einzige Marktform darstellt, in welcher Verteilung und Allokation nicht uno actu entschieden werden, in welcher es also möglich ist, die Einkommensverteilung zu verändern, ohne hierdurch negative Auswirkungen auf die Allokation in Kauf zu nehmen. Allerdings ist diese Trennung nur unter gewissen einschränkenden Voraussetzungen zu erwarten, so muss man von homogen-linearen Produktionsfunktionen sowie homothetischen Nutzenfunktionen der Arbeitnehmer ausgehen und unterstellen, dass die Verhandlungspartner eine Strategie der schrittweisen Verhandlung einschlagen.

 

Von homogen-linearen Produktionsfunktionen sprechen wir immer dann, wenn eine Steigerung der Produktion zwar zu sinkenden partiellen Grenzerträgen führt, wenn jedoch das Grenzniveauprodukt (alle Produktionsfaktoren werden gleichmäßig ausgeweitet) konstant bleibt.

 

In gleicher Weise sprechen wir von homothetischen Nutzenfunktionen dann, wenn ein vermehrter Verbrauch einzelner Konsumgüter zu einem abnehmenden Grenznutzen führt, wenn aber bei einer Zunahme des Einkommens und damit bei proportionalem Anstieg aller Konsumgüter der Grenznutzen konstant bleibt.

 

Bei einer schrittweisen Verhandlungsstrategie beginnen die Verhandlungspartner den Einigungsprozess damit, dass sie sich als erstes auf die Punkte einigen, in denen ohnehin keine nennenswerten Meinungsverschiedenheiten bestehen und dass dann nach weiteren Bereichen gesucht wird, in denen keiner der Partner eine Wohlfahrtsminderung gegenüber dem bisher Erreichten erleiden muss, sodass sich wiederum beide Partner ohne größeren Verlust auf diese weiteren Punkte einigen können.

 

Man kann nun diesen Einigungsprozess in einem Diagramm darstellen, auf dessen Abszissenachse die Zahl der nachgefragten bzw. angebotenen Arbeitseinheiten und auf dessen Ordinatenachse der Lohnsatz abgetragen wird. Wir zeichnen nun in dieses Diagramm zunächst eine Schar von Isogewinnkurven der Arbeitgeber ab. Ausgegangen wird vom Verlauf der Durchschnittsertragskurve.

 

Jeder Punkt dieser Kurve markiert eine Kombination von Lohnsätzen und Arbeitsmengen, bei denen die Arbeitgeber weder einen Gewinn noch einen Verlust erzielen. Wir können somit diese Kurve als Isogewinnkurve mit dem Gewinn 0 (IG0) bezeichnen.

 

Wenn wir nun diese Kurve nach unten verschieben (wenn also bei gleichen Arbeitsmengen jeweils ein etwas geringerer Lohnsatz gezahlt würde, erhielten wir weitere Isogewinnkurven jeweils mit einem positiven Gewinnniveau  (IG1, IG2 …). Durch jeden Punkt dieses Diagramms geht hierbei eine solche Isogewinnkurve. Die Isogewinnkurven weisen hierbei einen konkaven (nach oben gekrümmten) Verlauf auf.

 

Analog hierzu zeichnen wir in unser Diagramm auch eine Schar von Isonutzenkurven der Arbeitnehmer ein. Ausgangspunkt ist eine Isonutzenkurve (IN0), die alle Punkte (alle Kombinationen zwischen Lohnsatz und Arbeitsmenge) zusammenfasst, bei welcher die Arbeitnehmer ein Mindesteinkommen (das kulturelle Existenzminimum) erhalten.

 

Verschieben wir diese Kurve nun nach oben, erhalten wir Indifferenzkurven, welche den Arbeitnehmern jeweils ein positives, über das Existenzminimum hinausgehendes Wohlfahrtsniveau garantieren. Diese Kurven weisen unter den getroffenen Annahmen einen konvexen (nach unten gekrümmten) Verlauf auf.

 

 

 

 

 

Wir wollen nun unterstellen, dass die Tarifverhandlungen damit beginnen, dass die Tarifpartner einen Punkt P1 (eine Kombination von Lohnsatz und Beschäftigung) vereinbaren. Durch diesen Punkt geht sowohl eine Isogewinn- als auch Isonutzenkurve, welche zusammen eine Fläche umschließen, deren Punkte beiden Tarifpartnern gegenüber dem ersten Schritt (P1) einen Vorteil versprechen. Sie werden sich deshalb in einem zweiten Schritt auf eine dieser Kombinationen, z. B. auf den Punkt (P2) einigen. Auch durch diesen Punkt gehen jeweils eine Isonutzen- und Isogewinnkurve, welche wiederum eine für beide Seiten Nutzen bringende Fläche umschließen. Also gibt es weitere Punkte, welche beiden Vertragspartnern eine Wohlfahrtssteigerung in Aussicht stellen. Sie können sich also auf weitere Punkte einigen.

 

 

 

 

Dieser Einigungsprozess endet dann, wenn weitere Lösungen mindestens einem der Vertragspartner einen Wohlfahrtsverlust bzw. überhaupt keinen zusätzlichen Wohlfahrtsgewinn bringen würden. Diese Punkte zeichnen sich alle dadurch aus, dass die durch diese Punkte gehenden Isokurven keine weitere Fläche umschließen, also sich in diesem Punkte berühren (tangieren). Unter den gemachten Annahmen über den Verlauf der Isokurven liegen diese Schlusspunkte alle auf einer Linie, welche parallel zur Ordinatenachse verlaufen.

 

Auf dieser Einigungslinie liegen Lösungen, welche zwar stets dieselbe Arbeitsmenge und hiermit auch dieselbe Allokation garantieren, welche aber durchaus unterschiedliche Lohnsätze und damit auch eine unterschiedliche Einkommensverteilung ermöglichen.

 

Wie unser Diagramm 3 zeigt, hängt die Frage, bei welchem Lohnsatz eine Einigung erreicht wird, entscheidend davon ab, mit welchen Forderungen bzw. Zugeständnissen die Verhandlungen beginnen. Damit ist auch gezeigt, dass die Verteilung der Machtverhältnisse darüber entscheidet, in wieweit die Einkommensverteilung zugunsten der Arbeitnehmer durch Verhandlungen verändert werden kann.

 

 

 

 

Wenn auch das bilaterale Monopol die Möglichkeit eröffnet, die Einkommensverteilung zugunsten der Arbeitnehmer zu korrigieren, ohne dass hierdurch Allokationseinbußen in Kauf genommen werden müssen, so zeigt diese Analyse aber auch, dass eine solche Korrektur keinesfalls immer zu erwarten ist.

 

Gerade der Umstand, dass die Morphologie des Marktes beim bilateralen Monopol recht unterschiedliche Verhaltensweisen zulässt, trägt dazu bei, dass die Einkommensverteilung gegenüber einer einseitigen monopolistischen Marktstruktur sowohl in einer Erhöhung, aber auch einer Reduzierung des Lohnsatzes bestehen kann.

 

Auch ist es denkbar, dass die Lohnsätze so stark angehoben werden, dass das verbleibende Gewinnniveau nicht ausreicht, um die für ein Wachstum notwendigen Investitionen durchzuführen. Wie unsere Analyse zeigt, kann im Rahmen eines bilateralen Monopols fast jede mögliche Verteilung realisiert werden, angefangen, von einem Lohnsatz, bei welchem die Arbeitgeber überhaupt keinen Gewinn erzielen, bis hin zu einem Lohnsatz, welcher gerade dem Existenzminimum der Arbeitnehmer entspricht.

 

 

 

 

Gerade aus diesen Gründen haben die obersten Arbeitsgerichte in der BRD gewisse Prinzipien entwickelt, welche sicherstellen sollen, dass die Machtverhältnisse einigermaßen austariert sind. Die obersten Arbeitsgerichte ließen sich insbesondere von folgenden Prinzipien leiten:

 

Erstens vom Prinzip der Kampfparität zwischen den Tarifparteien: So bemühten sich die obersten Arbeitsgerichte vor allem um eine Ausgewogenheit in der Machtausübung beider Tarifpartner. Ohne die Anerkennung der Gewerkschaften müsste befürchtet werden, dass die Arbeitgeber auf den Arbeitsmärkten über ein Nachfragemonopol verfügten, in der Anfangsphase der Industrialisierung vor allem deshalb, weil die Arbeitnehmer eine geringe regionale Mobilität besaßen und deshalb oftmals auf eine einzelne Unternehmung in der Gemeinde angewiesen waren; gleichzeitig waren die Arbeitnehmer vom Unternehmer abhängig, da die Arbeitskraft deren einzige Einkommensquelle darstellte. Heute während die Arbeitnehmer ohne gewerkschaftlichen und gesetzlichen Schutz den Unternehmungen eher deshalb unterlegen, weil vor allem die Großunternehmungen im Hinblick auf die Ausgestaltung der Arbeitsverträge über ein Informationsmonopol verfügen.

 

Würde die Tarifordnung nur den Arbeitnehmern ein Kampfrecht zuerkennen, bestünde die Gefahr, dass das Pendel der Machtverteilung umschlüge und dass deshalb die Gewerkschaften ein einseitiges Angebotsmonopol erlangen könnten. Deshalb wird den Arbeitgebern in der BRD ein Aussperrungsrecht zuerkannt, wobei der Umfang der Aussperrungsmöglichkeit selbst wiederum zur Wahrung der Kampfparität in Abhängigkeit des Streikumfanges der Gewerkschaften begrenzt wird.

 

Im Allgemeinen sind die Arbeitgeber nur zu sogenannten Abwehraussperrungen berechtigt, die dazu dienen, zuvor eingeleitete Streiks zu begrenzen. Angriffsaussperrungen gelten weitgehend als unzulässig. Da in der Bundesrepublik bisher keine Angriffsaussperrungen durchgeführt wurden, haben sich die obersten Gerichte auch noch nicht eigens mit diesem Kampfmittel befasst und sind deshalb nur am Rande auf dieses Kampfmittel eingegangen; hieraus erklärt sich, dass die Berechtigung von Angriffsaussperrungen in der Literatur kontrovers diskutiert wird.

 

Zweitens ließen sich die Arbeitsgerichte vom Prinzip der Verhältnismäßigkeit der Kampfmittel leiten: Die Gerichte achten darauf, dass die Maßnahmen im Hinblick auf die Ziele der Tarifpartner verhältnismäßig sind. So darf keine Tarifpartei Maßnahmen ergreifen, die geeignet sind, den jeweiligen Tarifpartner vernichtend zu schlagen. Auch muss darauf geachtet werden, dass allgemeine Gemeinwohlziele von den Kampfmaßnahmen nicht zu stark beeinträchtigt werden. So sind Streiks im Gesundheitswesen nur in begrenztem Maße erlaubt. Auch sind politische Streiks, die sich gegen die demokratischen Entscheidungen der Parlamente und Regierungen wenden, untersagt. Schließlich dürfen die Kampfmaßnahmen nicht in erster Linie unbeteiligte Dritte treffen.

 

Drittens ließen sich die Arbeitsgerichte vom Prinzip der Neutralität des Staates leiten: Tarifautonomie bedeutet, dass der Lohnbildungsprozess den Tarifpartnern vorbehalten bleibt, dass der Staat nicht einseitig Partei zugunsten der einen Seite ergreifen darf.

 

Trotzdem übt der Staat einen vielfältigen Einfluss auf das Tarifgeschehen aus, wobei diese Einflussnahme vor allem damit gerechtfertigt werden kann, dass über die Festlegung der Löhne und der sonstigen Arbeitsbedingungen gesamtwirtschaftliche Ziele, deren Verfolgung dem Staate obliegen, beeinträchtigt werden können.

 

Dies gilt insbesondere im Hinblick auf das Ziel der Geldwertstabilität und der Vollbeschäftigung. Da Löhne Kosten darstellen und Kosten unter normalen Bedingungen von den Unternehmungen auf den Verkaufspreis weitergewälzt werden, werden sich Lohnsteigerungen, welche über der Produktivitätssteigerung liegen, preissteigernd auswirken.

 

Diese Überwälzung ist vor allem deshalb möglich, weil ja im Allgemeinen (zumindest bei Branchentarifen, welche in der BRD überwiegen) alle Konkurrenten von diesen Kostensteigerungen betroffen sind und deshalb bemüht sein werden, diese Kosten auf den Preis abzuwälzen. Der einzelne Unternehmer läuft deshalb in diesem Falle auch nicht Gefahr, aufgrund der Preisüberwälzung Kunden an die Konkurrenten zu verlieren.

 

Ein viertes Prinzip gilt der Friedenspflicht: Die Gerichte sind weiterhin bemüht, Arbeitskonflikte soweit wie möglich zu vermeiden. Diesem Ziel dient insbesondere der Grundsatz, dass während der Dauer der Tarifverhandlungen keine Arbeitskampfmaßnahmen eingeleitet werden dürfen. Strittig ist allerdings die Frage, inwieweit Warnstreiks, die nur für eine kurze Zeit eine Arbeitsunterbrechung vorsehen und die von vornherein zeitlich auf wenige Stunden oder Tage begrenzt sind, die Friedenspflicht verletzen.

 

Weiterhin gelten sogenannte wilde Streiks, die ohne formale Urabstimmung und ohne Leitung der Gewerkschaftsspitze von einzelnen Mitgliedern ausgerufen werden, als illegitim. Zwar sind die formalen Voraussetzungen für einen offiziellen Streik in den Gewerkschaftssatzungen niedergelegt und betreffen deshalb zunächst lediglich das Innenverhältnis zwischen Gewerkschaftsmitgliedern und Gewerkschaftsführung. Die Tarifautonomie sieht jedoch für die Aktivitäten der Tarifpartner einen weit größeren gesetzlichen Schutz vor als dies für Aktivitäten sonstiger privater Organisationen gilt, und dieser besondere Schutz entfällt, wenn z. B. im Rahmen wilder Streiks die Interessensphäre der Arbeitgeber verletzt wird.

 

 

5. Die Verteilung der Wachstumsgewinne

 

Bei unseren bisherigen Überlegungen gingen wir stets stillschweigend davon aus, dass sich das Problem der Distribution auf die Verteilung eines gegebenen Inlandsproduktes auf die einzelnen Marktteilnehmer bezieht. Wir haben aber zu berücksichtigen, dass wir in einer Volkswirtschaft leben, in welcher das Inlandsprodukt Jahr für Jahr – wenn auch durch konjunkturelle Abwärtsbewegungen unterbrochen – ansteigt. Hier entsteht die Frage, nach welchen Mechanismen denn diese Wohlfahrtszuwächse auf die einzelnen Bevölkerungsgruppen verteilt werden.

 

Prinzipiell sind zwei Mechanismen möglich, einen gesamtwirtschaftlichen Wohlfahrtsgewinn auf die einzelnen Marktteilnehmer zu verteilen. Entweder steigen die Nominaleinkommen bei grundsätzlich konstantem Preisniveau an und führen auf diese Weise zu einem Anstieg in den Realeinkommen der Arbeitnehmer oder aber das Güterpreisniveau sinkt bei grundsätzlich konstanten Nominaleinkommen. Auch hier steigen die Realeinkommen der einzelnen Bevölkerungsgruppen durch Preissenkungen an.

 

In der Realität wird fast ausschließlich der erstgenannte Weg über den Anstieg in den Nominaleinkommen beschritten. Unternehmer, welche Innovationen einführen, welche die Produktivität erhöhen, erzielen Gewinne, in den periodisch stattfindenden Tarifverhandlungen erzwingen die Gewerkschaften Lohnsteigerungen, aufgrund derer auch die Arbeitnehmer an diesen gesamtwirtschaftlichen Wohlfahrtssteigerungen beteiligt werden.

 

Hierbei kann davon ausgegangen werden, dass in aller Regel nicht nur die Arbeitnehmergruppen eine Steigerung ihrer Lohneinkommen erfahren, welche in Wirtschaftszweigen beschäftigt sind, in welchen diese Produktivitätssteigerungen stattgefunden haben. Vielmehr gibt es so etwas wie eine Tarifrunde, nahezu alle Gewerkschaften sind bemüht, ihren Mitgliedern Einkommenssteigerungen zu erkämpfen, welche möglichst prozentual dem Anstieg der durchschnittlichen gesamtwirtschaftlichen Produktivitätssteigerung entsprechen. Die jährlich stattfindenden Tarifrunden sorgen dafür, dass auch Arbeitnehmer, welche in Branchen mit unterdurchschnittlichem Produktivitätsfortschritt beschäftigt sind, gewisse Lohnsteigerungen erfahren.

 

Die herrschende Meinung der Wirtschaftswissenschaftler hält auch diesen erstgenannten Weg (Anstieg der Nominaleinkommen) für den gesamtwirtschaftlich einzigen zu rechtfertigenden Weg der Verteilung von Wohlfahrtsgewinnen. Zu dem Ziel, die Stabilität des Geldwertes zu erhalten, wird nicht nur der Versuch gezählt, Inflationsprozesse zu vermeiden, sondern in gleicher Weise auch eine Deflation zu verhindern. Wenn nämlich die Güterpreise generell sinken, so wirke sich dieser Deflationsprozess negativ auf das wirtschaftliche Wachstum aus, die Unternehmungen seien nur zu Innovationen in großem Ausmaß bereit, wenn sie auch zumindest mit stabilen Preisen rechnen können.

 

Vor allem aber werden Deflationsprozesse negativ bewertet, weil im Zuge von Umsatzrückgängen gleichzeitig das Ziel der Vollbeschäftigung gefährdet erscheint. Ein Rückgang in den Umsätzen führe zu einem Rückgang in der Produktion und davon abgeleitet auch zu einem Rückgang in der Beschäftigung.

 

Milton Friedman gehört zu den ganz wenigen Wissenschaftlern, welche sich dafür ausgesprochen haben, Wohlfahrtsgewinne in Form von Preissenkungen an die einzelnen Bevölkerungsgruppen weiterzugeben. Für diesen Vorschlag spreche vor allem, dass auf diesem Wege eine gerechtere Verteilung der Wohlfahrtsgewinne möglich werde.

 

Von Nominaleinkommenssteigerungen profitieren nämlich nur die Bevölkerungsgruppen, welche sich organisieren und als Gruppe (so etwa als Gewerkschaft) durch Einsatz politischer Druckmittel wie Streiks eine Steigerung ihrer Nominaleinkommen erkämpfen können. Jeder, welcher sich nicht organisieren kann bzw. durch Bildung einer Organisation keine Macht ausüben kann, aufgrund derer er nominelle Einkommenssteigerungen erkämpfen könne, gehe in diesem Verteilungsprozess leer aus.

 

Die Verbandstheorie habe gezeigt, dass die einzelnen Interessengruppen in recht unterschiedlichem Maße in der Lage sind, durch Bildung einer Organisation wirtschaftliche Macht zu gewinnen. So verringert sich die Organisationsfähigkeit mit der Größe einer Gruppe aufgrund überproportional steigender Transaktionskosten zur Bildung einer Organisation. Gleichzeitig sind die Einkommensinteressen kleiner Gruppen sehr viel homogener und damit auch organisationsfähiger als die sehr unterschiedlichen Interessen bei der Frage der Einkommensverwendung. Es sei leicht in der Frage, ob es erwünscht sei, die Einkommen einer Gruppe zu steigern, eine Einigung zu erreichen als in der Frage, für welche Produkte bestimmte Einkommen verwendet werden sollen.

 

Wenn Produktivitätssteigerungen in Form von Preissenkungen weitergegeben werden, erhalten alle Konsumenten eine Steigerung ihres realen Einkommens, unabhängig davon, wie groß die Organisationsfähigkeit der einzelnen Konsumenten ist. Deshalb sei der Verteilungsmechanismus, welcher sich der Preissenkungen bedient, auch sehr viel gerechter als der Mechanismus der Nominaleinkommensteigerungen, bei welchem es von der Organisationsfähigkeit der einzelnen Gruppen abhängt, ob und in welchem Maße der einzelne an diesen Wohlfahrtsgewinnen beteiligt wird.

 

Die Gewerkschaften haben sich gegen diese Art der Wohlfahrtsverteilung vehement ausgesprochen, da sie befürchten, dass in diesem Falle die Arbeitnehmer leer ausgehen. Die periodisch stattfindenden Lohnsteigerungen bleiben aus, die Unternehmer stünden jedoch nicht unter dem Zwang, ihre Innovationsgewinne an die Konsumenten in Form von Preissenkungen weiterzugeben.

 

Die Frage, ob bzw. unter welchen Bedingungen die Unternehmer Wohlfahrtsgewinne in Form von Preissenkungen weitergeben, ist jedoch in erster Linie eine Frage des realisierten Wettbewerbs. Es ist richtig, dass Unternehmer, welche eine monopolistische oder auch oligopolistische Marktmacht besitzen, nicht gezwungen sind, die Konsumenten in Form von Preissenkungen am wirtschaftlichen Fortschritt teilnehmen zu lassen.

 

Soweit jedoch zwischen den Unternehmungen ein intensiver Wettbewerb stattfindet, stehen sie auch unter massivem Druck, ihre Preise, wenn möglich zu senken, da sonst die Gefahr besteht, dass ihre Kunden zur Konkurrenz abwandern. Es bleibt also dabei, dass an und für sich der Verteilungsmechanismus der Preissenkungen die an und für sich gerechtere Lösung darstellt, dass aber vorausgesetzt werden muss, dass der Staat durch eine wirksame Monopolkontrolle auch tatsächlich verhindert, dass die Unternehmer sich monopolistisch organisieren können.

 

Milton Friedman nannte noch einen zweiten Grund, weshalb der Weg über Preissenkungen dem Weg der nominellen Einkommenssteigerungen vorzuziehen sei. In einer Volkswirtschaft, in welcher der Weg über Preissenkungen gewählt wird, sei das realisierte Wohlfahrtsniveau höher als in einer Volkswirtschaft, welche sich bei der Weitergabe von Wohlfahrtsgewinnen allein der Nominaleinkommensteigerungen bedient.

 

Gehen wir zur Erklärung dieser Feststellung von einem gegebenen Güterpreisniveau aus. Es werde z. B. über geldpolitische Maßnahmen eine Verringerung des Güterpreisniveaus erreicht. Aufgrund dieses Rückgangs im Preisniveau wird weniger Kapital aus Gründen der Vorsorge gegenüber unerwarteten Preissteigerungen in Kasse gehalten, kann deshalb für produktivere Verwendungsarten eingesetzt werden und trägt deshalb zu einer allgemeinen Wohlfahrtssteigerung bei.

 

Die privaten Kosten dafür, dass Geld aus Vorsorgemotiven heraus in Kasse gehalten wird, bestünden in dem Zinsverlust dafür, dass diese Gelder nicht zinsbringend angelegt werden. Die sozialen Kosten der Produktion von Geld tendierten jedoch gegen Null. Dieser Unterschied zwischen sozialen und privaten Kosten führe zu einer Ineffizienz. Da der nominelle Geldbedarf durch Deflationierung reduziert werden kann, werden auf diese Weise Ineffizienzen abgebaut und die allgemeine Wohlfahrt vergrößert. Die allgemeine Theorie ist diesem Argument nicht gefolgt, weshalb wir auch an dieser Stelle auf diese Argumentation nicht näher eingehen wollen.

 

Neben diesen beiden Argumenten von Milton Friedman dürfte noch ein dritter Grund dafür sprechen, dass der Weg einer Wohlfahrtsverteilung über Preissenkungen zu einem besseren Ergebnis führt. Wir haben davon auszugehen, dass sich der technische Fortschritt keinesfalls gleichmäßig auf alle Branchen verteilt, vielmehr finden Innovationen immer nur in wenigen Branchen statt und werden von einer relativ kleinen Gruppe von Erfindern ausgelöst.

 

Wenn aber nun trotzdem der Versuch unternommen wird, möglichst in allen Wirtschaftszweigen mindestens einen Lohnzuwachs zu erkämpfen, welcher der durchschnittlichen Produktivitätssteigerung der gesamten Volkswirtschaft entspricht, kommt es zu einer Verzerrung der Faktorpreisverhältnisse, diese weichen immer mehr von den jeweiligen Knappheitsverhältnissen ab und führen zu erheblichen Fehlallokationen und damit Wohlfahrtsverlusten.

 

Diese Wohlfahrtsverluste könnten zwar vermieden werden, wenn sich die Gewerkschaften darauf beschränken würden, die Lohnsteigerungen allein am Produktivitätswachstum der jeweiligen Branchen zu orientieren. In diesem Falle würde zwar dem Ziel einer möglichst effizienten Allokation entsprochen, die Wohlfahrtssteigerungen würden jedoch keineswegs gleichmäßig auf die einzelnen Arbeitnehmergruppen verteilt.

 

Wählt man hingegen den Weg, die Wohlfahrtsgewinne über Preissenkungen an die Konsumenten weiterzugeben, würden auf der einen Seite Verzerrungen in den Preisverhältnissen vermieden. Auf der anderen Seite entspräche die hieraus resultierende Verteilung der Wohlfahrtsgewinne jedoch in viel stärkerem Maße den Gerechtigkeitsvorstellungen. Die einzelnen Konsumenten würden zwar an diesen Wohlfahrtsgewinnen nur in dem Maße beteiligt, in dem sie auch die Güter, in denen Produktivitätssteigerungen erzielt wurden, kaufen. Es gibt aber sicher wenig Gründe dafür, auch diejenigen Konsumenten an Wohlfahrtsgewinnen zu beteiligen, welche ihre Nachfrage auf die Güter richten, in denen keine oder nur geringere Produktivitätssteigerungen erzielt werden können.