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Pathologie der Marktwirtschaft

 

 

 

Gliederung der Vorlesung:

 

1. Problemeinführung

2. Pathologische Branchen

3. Wettbewerb versus Monopol

4.  Externe Kosten und Erträge

5.  Der Allokationsmechanismus

6.  Der Verteilungsmechanismen der Wohlfahrt

7.  Die Weiterentwicklung des Liberalismus

 

 

Kapitel 05.  Der Allokationsmechanismus Teil III

 

 

 

Gliederung:

 

1. Einführung in das Problem

2. Elastizitäten

3. Preisflexibilitäten

4. Atomisierung

5. Cobwebsysteme

6. Der Einfluss der Sozialgesetzgebung

 

 

 

5. Cobwebsysteme

 

Wir sind bisher davon ausgegangen, dass der Umfang der mit dem Anpassungsprozess verbundenen Wohlfahrtsverluste unter anderem davon abhängt, wie schnell die Marktungleichgewichte abgebaut werden. Verzögerungen in der Anpassung schlagen sich somit in Wohlfahrtsverlusten nieder. Eine Anpassungsverzögerung kann aber darüber hinaus unter gewissen Bedingungen dazu führen, dass sich das Ungleichgewicht mit der Zeit sogar vergrößert und dass damit der Anpassungsprozess vereitelt wird. Diese Problematik wird im Rahmen des Cobwebsystems diskutiert. Ich habe mich mit der Problematik des Cobweb-Theorems bereits ausführlich in einem eigenen im Internet veröffentlichten Artikel beschäftigt, hier sollen die wichtigsten Ergebnisse dieser Analyse zusammengefasst werden. Ich schrieb in diesem Artikel unter anderem:

 

 

Die im Cobweb-Theorem beschriebenen Preisschwankungen um den Gleichgewichtspreis wurden wohl erstmals 1927 von Arthur Hanau in seiner Dissertation über Schweinepreise beschrieben, wobei sich Hanau hierbei an Arbeiten von Mordecai Ezekiel und G.C. Haas über die Entwicklung der Schweinepreise in den USA orientierte.

 

Auf Mordecai Ezekiel geht auch der Versuch zurück, diese Zusammenhänge mit dem Cobweb-Theorem zu erklären. Die Grundaussage dieses Theorems besteht darin, dass sich die Preise keineswegs kontinuierlich und geradlinig an den neuen Gleichgewichtspreis annähern, dass die Preise vielmehr in Art einer Spinnwebe um den Gleichgewichtspreis pendeln und dass es nun vom Verhältnis von Angebots- und Nachfrageelastizität abhängt, ob sich diese Schwingungen explosiv also vom Gleichgewichtspreis immer mehr entfernend oder gedämpft, also in Richtung Gleichgewichtspreis bewegen oder ob sogar diese Preisbewegungen in einem gleichbleibendem Abstand vom neuen Gleichgewicht verlaufen, sodass eine Art perpetuum mobile, ein nicht mehr endender Prozess entsteht.

 

Man sollte sich allerdings darüber klar sein, dass diese Preis- Mengenbewegungen weder mit Besonderheiten der Schweineaufzucht noch der agrarwirtschaftlichen Produktion im Allgemeinen zu tun haben. Diese Entwicklung ergibt sich allein daraus, dass bei der Reaktion der Angebotsmengen auf Preisänderungen Verzögerungen auftreten, sodass zwischen einer kurzfristigen und einer langfristigen Angebotskurve unterschieden werden muss. Diese Zusammenhänge lassen sich jedoch auf wohl allen Märkten feststellen, da nahezu bei der Produktion aller Güter gewisse Verzögerungen (time lags) auftreten.

 

Entscheidend ist nun die Frage, ob bei der Produktion (z. B. bei der Aufzucht von Schweinen) das Verhältnis von Angebots- und Nachfrageelastizität derart ist, dass die im Cobweb-Theorem beschriebenen explodierenden Schwankungen oder sogar das sogenannte perpetuum mobile zu erwarten ist oder ob es sich bei den ab 1925 von Ezekiel beobachteten Preisbewegungen in den USA um einmalige, keinesfalls typische Preisschwankungen handelt.

 

Wie schon angedeutet, ist es nicht sehr aufregend, wenn man feststellen muss, dass sich die in der klassischen Gleichgewichtstheorie behauptete Gleichgewichtstendenz nicht – wie ursprünglich angenommen – linear kontinuierlich, sondern in periodischen Schwankungen vollzieht. Für das Ergebnis, für die Frage nach den Selbstheilungskräften des Marktes ist der genaue Verlauf der Gleichgewichtsbewegungen unerheblich. Solange es sich um ein gedämpftes Cobweb-System handelt, bleibt die Grundaussage der klassischen Markttheorie: das Bestehen eines automatischen Abbaus von Angebots- und Nachfrageüberhängen durch Marktkräfte bestehen.

 

Der Anpassungsprozess eines einzelnen Marktes auf Datenänderungen lässt sich anhand des Cobweb-Systems veranschaulichen. Hierbei werden drei dynamische Verläufe unterschieden: den explodierenden Verlauf, den gedämpften Verlauf und das perpetuum mobile. 

 

Wir gehen hierbei von einer Nachfragsteigerung aus, die durch eine Verschiebung der Nachfragekurve nach rechts oben zum Ausdruck gebracht wird. Weiterhin gehen wir davon aus, dass das Angebot kurzfristig auf Preisänderungen nicht reagiert, dass also die Angebotskurve kurzfristig eine Parallele zur Ordinate darstellt. Erst nach Ablauf einer Periode reagiere das Angebot auf Preisänderungen der Vorperiode.

 

Kurzfristig gesehen steigt der Preis aufgrund der Nachfragesteigerung bis zum Schnittpunkt der neuen Nachfragekurve mit der kurzfristig vollkommen starren Angebotskurve. Langfristig hingegen reagiert das Angebot auf die Preissteigerung entsprechend der langfristig gültigen elastischen Angebotskurve.

 

Diese Angebotsausweitung schießt jedoch über die Nachfrage hinaus, weil ja auch der Preis kurzfristig stärker als erwünscht angestiegen ist und führt deshalb in der nächsten Periode zu entsprechenden Preissenkungen und Angebotsanpassungen und so weiter.

 

Dieses Spiel von Preisveränderung und langfristiger Angebotsanpassung erfolgt nun über eine Vielzahl von Perioden, wobei es nun von dem Verhältnis der Elastizitäten von Angebot und Nachfrage abhängt, ob der Preis tendenziell vom Gleichgewicht wegführt oder zum Gleichgewicht hinführt oder schließlich sogar im Sinne eines perpetuum mobile unbegrenzt um den Gleichgewichtspreis pendelt.

 

Wenn die Elastizität der Nachfrage geringer ist als die des Angebots, führt dies zu einem explodierendem Fall, falls jedoch die Elastizität der Nachfrage größer als die des Angebots ist, liegt ein gedämpftes System vor, gleich hohe Elastizitäten führen schließlich zum perpetuum mobile.

 

Betrachten wir zunächst das explodierende System etwas genauer. Eine Verschiebung der (blau eingezeichneten) Nachfragekurve nach rechts führt vom ehemaligen Schnittpunkt beider Kurven aus betrachtet dazu, dass der Preis weit über den neuen Gleichgewichtspunkt hinausschießt, dies hat in der nächsten Periode zur Folge, dass auch die Ausweitung des Angebotes weit größer ist als die neue Gleichgewichtsmenge. Also muss in der folgenden Periode der Preis wieder sinken, wiederum über sein Ziel hinaus, u. s. w.

 

Die Preisausschläge werden sogar mit jeder Periode größer, Preise und Mengen rücken immer weiter vom neuen Gleichgewichtspunkt ab. Dies ist der Fall, weil die Angebotsmenge elastischer auf die Preisänderung reagiert, als der Preis aufgrund der anfänglichen Angebotsausweitung gefallen war.

 

 

 

 

Betrachten wir als zweiten Fall ein gedämpftes System. Aufgrund einer anfänglichen Verschiebung der Nachfragekurve nach rechts erreicht der Preis eine Höhe, welche den neuen Gleichgewichtspreis übersteigt. Dies führt in der nächsten Periode zu einer Ausweitung des Angebotes. Weil jedoch die Elastizität des Angebotes geringer ausfällt als die der Nachfrage, ist die Mengenausweitung in jeder folgenden Periode geringer als die Preissteigerung und dies bedeutet, dass sich das System mit der Zeit immer näher an den neuen Gleichgewichtspunkt heran arbeitet.

 

 

 

Betrachten wir schließlich den Fall eines perpetuum mobile. Weil hier beide Elastizitäten gleich groß sind, fallen auch die Preisreaktionen prozentual genau so groß aus wie die Mengenreaktionen mit der Folge, dass das System  überhaupt nicht mehr den neuen Gleichgewichtspunkt erreicht.

 

 

 

Soweit ein gedämpftes Cobweb-System vorliegt, bleibt die These der klassischen Gleichgewichtstheorie unverändert: Der Markt ist in der Lage, das durch eine Datenänderung und damit  einer Verschiebung einer der Reaktionskurven hervorgerufene Ungleichgewicht von selbst abzubauen, ohne dass ein Eingreifen des Staates notwendig ist. Der Anpassungsprozess ist zwar nun etwas komplizierter als anfänglich unterstellt, er verläuft nicht mehr geradlinig auf den neuen Gleichgewichtspunkt zu, sondern nähert sich in Schwingungen dem neuen Gleichgewicht an. Die Preisbewegungen erhalten die Form eines Spinngewebes, daher auch der Name Cobweb-System.

 

Wir haben den Verlauf des Gleichgewichtsprozesses damit erklärt, dass das Angebot erst verzögert auf Preisänderungen reagiert, da der Erweiterungs- oder Schrumpfungsprozess der Produktionskapazität Zeit benötigt. Es wurde jedoch nachwievor davon ausgegangen, dass sowohl die Nachfrage unmittelbar auf Preisänderungen reagiert als auch Ungleichwichte stets zu einer solchen Änderung des Preises führen, dass der Markt noch in dieser Periode, in der das Ungleichgewicht entstanden ist, vollständig geräumt wird.

 

Diese beiden Annahmen entsprechen sicherlich nicht der Wirklichkeit. Wir haben davon auszugehen, dass auch die Nachfrage aus den verschiedensten Gründen verzögert reagiert. Und wir haben weiterhin damit zu rechnen, dass auch Preisreaktionen zumeist verzögert erfolgen, da Preisänderungen oftmals aufgrund von Verträgen erst nach Ablauf einer Kündigungsfrist möglich werden.

 

Diese Korrektur der Annahmen macht den Anpassungsprozess um ein Weiteres komplizierter. Er wird in die Länge gezogen. Es hängt nun wiederum von den Elastizitäten sowie den Preisflexibilitäten und ihrem Verhältnis zueinander ab, wie oft in der Realität die Wahrscheinlichkeit explosiver Systeme oder des perpetuum mobile gegeben ist.

 

Ganz generell müssen wir davon ausgehen, dass es  von den Eigenheiten unterschiedlicher Märkte abhängt, ob in der Regel mit gedämpften Gleichgewichtsprozessen gerechnet werden kann oder ob tatsächlich die Gefahr explodierender Cobweb-Systeme besteht. Es spricht nun vieles dafür, dass explodierende Cobweb-Systeme oder ein perpetuum mobile nicht typisch für die Produktion von Agrarprodukten im Allgemeinen und der Aufzucht von Schweinen im Besonderen sind. Zwei Tatbestände sind für diese Schlussfolgerung maßgebend: das Problem der Lernfähigkeit und das Problem der Lagerhaltung.

 

Damit bei der Aufzucht von Schweinen regelmäßig explodierende Cobweb-Schwankungen auftreten, ist es notwendig, dass die Schweinezüchter immer nach dem gleichen Schema verfahren. Sie stellen fest, dass die Preise für Schweinefleisch fallen oder steigen und sie weiten ihre Aufzucht so stark aus, wie es in der längerfristigen Angebotskurve beschrieben wird. Das neue Angebot entspricht also dann einem Zustand, bei dem der in der ersten Periode festgestellte Preis auf Dauer anhält. Genau dies ist jedoch nicht der Fall, wenn Cobweb-Prozesse stattfinden. Das Cobweb-Theorem zeigt ja auf, dass die Preise in der ersten Periode weit über ihr Ziel (über den neuen Gleichgewichtspreis) hinausschießen.

 

Ein solches Verhalten bei den Schweinezüchtern ist nun vollkommen unrealistisch. Die Bauern stellen immer wieder fest, dass die anfänglichen Preisreduzierungen in den nächsten Perioden korrigiert werden, dass der langfristige Preis in bedeutend geringerem Maße fallen wird als der kurzfristige Preisverfall in der ersten Periode anzeigt. Trotz dieser Beobachtung sollen jedoch die Schweinezüchter trotzdem ihr Angebot soweit reduzieren oder ausdehnen, wie es optimal wäre, wenn die Preisänderung auf Dauer wäre. Es wird hier also eine vollkommene Lernunfähigkeit unterstellt, was ganz unwahrscheinlich ist.

 

Es mag ja sein, dass ein Schweinezüchter, der eine Schweinezucht neu aufbaut, zunächst einmal von der falschen Annahme ausgeht, dass sich die Preisänderung in der ersten Periode in den folgenden Perioden fortsetzt, aber er wird diese Annahme sehr bald korrigieren, da sie ja eindeutig durch die Fakten widerlegt wird. Es würde sich also hier um eine einmalige Reaktion handeln, die nur bei denjenigen zu erwarten ist, welche mit der Schweineaufzucht gerade begonnen haben.

 

Aber selbst in diesen Fällen ist zu erwarten, dass sich die meisten Neulinge bei der Aufzucht von Schweinen zunächst über die Entwicklung von Preisen und Mengen auf dem Schweinemarkt kundig machen und sich die allgemeinen Erfahrungen der Branche zu eigen machen.

 

Entscheidend ist also der Hinweis, dass es sich bei der Aufzucht von Schweinen nicht um einmalige Aktionen handelt, sondern dass in jeder Periode diese Produktionen durchgeführt werden und dass die Anbieter in diesem Falle aus den Erfahrungen der Vergangenheit lernen.

 

Ein solches im Cobweb-System unterstelltes Verhalten könnte also als typisches Phänomen bei der Aufzucht von Schweinen oder ganz allgemein bei der Produktion von Produkten allenfalls dann erwartet werden, wenn in einem Land in der Vergangenheit die Schweineproduktion oder die Produktion eines anderen Gutes vom Staat gelenkt wurde und wenn nun aufgrund einer wirtschaftlichen Änderung der Wirtschaftsordnung diese Märkte freigegeben würden.

 

In diesem Falle könnte vermutet werden, dass die Produzenten dieser Güter noch nicht auf Erfahrungen zurückgreifen können und sich dann in den ersten Perioden, also auch hier nur in einer Übergangsphase, so verhalten wie im Schweinezyklus behauptet wird.

 

Aber immer dann, wenn wir die Lernfähigkeit der Marktpartner mit berücksichtigen, wird die Elastizität der langfristigen Angebotskurve in Bezug auf den aktuellen Preis reduziert. Der langfristig erwartete Preissturz oder Preisanstieg ist ja dann annahmegemäß geringer als die in der ersten Periode auftretende Preisänderung.

 

Wenn jedoch die Elastizität des langfristigen Angebotes geringer als zunächst unterstellt ausfällt, bedeutet dies: Die Wahrscheinlichkeit steigt, dass ein gedämpftes Cobweb-System vorliegt. Für das Entstehen eines explodierenden Systems reicht es nun nicht mehr aus, dass die Angebotselastizität größer ist als die Elastizität der Nachfrage. Die Angebotselastizität muss nun sehr viel größer sein als die Elastizität der Nachfrage, um explodierende Preisschwingungen auszulösen.

 

Auch dann, wenn wir die Möglichkeit der Lagerhaltung mitberücksichtigen, ergeben sich Korrekturen an unseren bisherigen Schlussfolgerungen. Können nämlich Produkte auf Lager genommen werden und deshalb vorübergehende Engpässe aus dem Lagerbestand ausgeglichen werden, verändern sich wiederum die relevanten Reaktionskurven des Angebotes.

 

Nun entspricht die kurzfristige Angebotskurve nicht mehr einer Parallelen zur Preisachse, da Preisänderungen nun die Anbieter veranlassen, bei Preisreduzierungen einen Teil der Produktion auf Lager zu nehmen und bei Preisanstiegen einen Teil des Angebotes aus dem Lager zu speisen. Verläuft jedoch die kurzfristige Angebotskurve weniger steil, so fallen die anfänglichen Preisveränderungen auch geringer aus als bei kurzfristig vollkommen starrem Angebot.

 

Nun wird man natürlich einwenden können, dass es sich bei dem Angebot von Schweinefleisch oder auch anderen Agrarprodukten um frisches Fleisch oder frische Obst- und Gemüsesorten handelt und dass diese ex definitione nicht gelagert werden können. Züchtet man ein Schwein ein Jahr länger, so ist das Schwein eben auch ein Jahr älter und entspricht nicht mehr den Anforderungen seitens der Nachfrage nach einjährigen Ferkeln. Gemüse und Obst als Frischgut gelagert wird ungenießbar und kann nicht mehr verkauft werden.

 

Dieser Einwand ist zwar richtig, trotzdem geht er an dem eigentlichen Problem vorbei. Die freien Märkte zeichnen sich dadurch aus, dass für ein elementares Grundbedürfnis zumeist unterschiedliche Waren zur Verfügung stehen. Zwischen diesen Waren bestehen Substitutionsbeziehungen und diese wiederum hängen entscheidend von der Höhe der einzelnen Preise ab.

 

Steigt der Preis eines Gutes, so lohnt es sich für den Konsumenten, zumindest einen Teil der bisherigen Nachfrage durch ein Substitut zu befriedigen. Und dies bedeutet für Agrarprodukte, dass bei einem Preisanstieg die Nachfrage nach Fleisch, Gemüse und Obst nicht mehr in Gänze durch frische Waren, sondern zum Teil durch konservierte Waren befriedigt wird. Sowohl Fleisch wie auch fast alle Agrarprodukte lassen sich in Konserven verarbeiten und erlauben auf diese Weise eine Lagerhaltung.

 

Fällt deshalb der Preis für frisches Schweinefleisch, so werden die Anbieter die fehlende Nachfrage dadurch auszugleichen versuchen, dass sie Fleisch konservieren und auf Lager nehmen. Auch für die Nachfrager gilt, dass es bei einem Preisanstieg vorteilhafter wird, einen Teil des Fleischbedarfes durch Konserven zu befriedigen.

 

Diese Substitutionsmöglicheiten bringen es nun mit sich, dass die Elastizität der Nachfrage ansteigt mit dem Ergebnis, dass nun aufgrund aller drei relevanten Reaktionskurven die Nachfragekurve, die kurzfristige und schließlich die langfristige Angebotskurve so verändert werden, dass einerseits die anfänglichen Preisänderungen geringer ausfallen und dass andererseits die Unterschiede zwischen Angebots- und Nachfrageelastizität geringer werden. Es wir immer unwahrscheinlicher, dass aufgrund der unterschiedlichen Elastizitäten von Angebot und Nachfrage der Pfad der Preisschwankungen explodierend verläuft.

 

Gerade aufgrund dieser Unwahrscheinlichkeit bedarf es aber auch im Allgemeinen keines politischen Eingriffes. Man wird erwarten können, dass nur in sehr seltenen Ausnahmefällen mit explodierenden Cobweb-Systemen zu rechnen ist. Der Markt ist in der Regel selbst in der Lage, vorübergehende Ungleichgewichte selbst ohne politischen Eingriff abzubauen.

 

Wir erwähnten bereits weiter oben, dass die im Rahmen des Cobweb-Theorems dargestellten Gesetzmäßigkeiten nichts mit der Aufzucht von Schweinen oder den Eigenheiten bei der Produktion von Agrarprodukten zu tun haben. Allein die Annahme, dass auf den Märkten Verzögerungen beim Angebot (oder auch bei der Nachfrage) auftreten und die daraus notwendig gewordene Unterscheidung zwischen einer kurzfristigen und langfristigen Angebotskurve rufen diese Korrekturen am Gleichgewichtsprozess hervor.

 

Diese Phänomene lassen sich deshalb auch auf anderen Märkten, so vor allem auf den Märkten für höhere Ausbildung feststellen. Um ein Beispiel zu bringen: Wenn Engpässe beim Angebot an Ärzten auftreten, erhöht sich die Zahl derjenigen Studenten (und Studentinnen), welche ein Medizinstudium absolvieren. Wenn dann diese Studenten ihr langjähriges Studium abgeschlossen haben und als Ärzte praktizieren können, besteht die Gefahr, dass die Arbeitsmarktsituation bei Ärzten bereits wiederum umgeschlagen ist und dass sich dann zu viele Ärzte um eine Zulassung zu den gesetzlichen Krankenkassen bewerben.

 

Dies bedeutet jedoch, dass sich die Zukunftsaussichten für Ärzte dann dramatisch verschlechtert haben, dass viele Bewerber bangen müssen, keine Zulassung zu einer Arztpraxis zu erhalten und dass in Folge dieser Veränderung auch befürchtet werden muss, dass die Entwicklung der Ärzteeinkommen hinter der anderer akademischer Berufe hinterherhinkt. Also werden sich in der Folgezeit auch wiederum weniger Abiturienten um ein medizinisches Studium bewerben mit der weiteren Folge, dass es dann in Zukunft erneut zu wenige Ärzte geben  wird.

 

Im Idealfalle dauert nämlich ein Studium 4 bis 5 Jahre, wobei de facto das tatsächliche Studium ein bis zwei Jahre länger Zeit in Anspruch nimmt. Also besteht auch zwischen der augenblicklichen Lage auf dem Ausbildungsmarkt und der daraus abgeleiteten Zunahme der Ärztebewerber eine sehr große Verzögerung, welche wiederum dafür verantwortlich ist, dass auch bei der akademischen Ausbildung die im Cobweb-Theorem geschilderten Phänomene zu beobachten sind.

 

Wir könnten nun erwarten, dass genauso wie beim Schweinezyklus auch auf den Ausbildungsmärkten aus ähnlichen Gründen die Wahrscheinlichkeit explodierender Cobweb-Systeme äußerst gering ist. Genau diese Schlussfolgerung wäre jedoch falsch. De facto müssen wir beobachten, dass aus einer Vielzahl von Gründen die Reaktionen auf dem Ausbildungsmarkt so verlaufen, dass hier in der Tat explodierende Systeme wahrscheinlich werden.

 

Welche Unterschiede bestehen nun zwischen beiden Märkten, den Agrarmärkten und den Ausbildungsmärkten? Als erstes hatten wir bereits angedeutet, dass ein Studium und damit auch die Verzögerung im Angebot etwa 5 bis 6 Jahre dauert, während bei der Schweineaufzucht und bei den meisten landwirtschaftlichen Produkten mit einer einjährigen Produktionsphase gerechnet werden kann. Die Verzögerung auf dem Ausbildungsmarkt ist somit sehr viel größer als auf den Agrarmärkten mit der Folge, dass die Angebotsausweitung auch über eine sehr viel längere Anpassungsphase stattfindet und somit die Ausschläge in den Preisen und Berufsbedingungen größer ausfallen dürften.

 

Als zweites gilt es festzustellen, dass ein Schweinezüchter die Schweinezucht berufsmäßig betreibt, also jedes Jahr von neuem Schweine anbieten wird, während ein Student im Normalfall nur ein Studium absolviert und sein Studium dann beendet, wenn er sein Examen mit Erfolg beendet hat. Also werden wir auch nicht erwarten können, dass ein Student ähnlich wie ein Anbieter von Agrarprodukten während seiner Berufszeit Erfahrungen sammelt und sein Angebotsverhalten aufgrund dieser Erfahrungen korrigieren kann. Für die meisten Studenten gilt, dass sie sich in einem ersten und alleinigen Studium befinden, sodass sie auch noch keine Erfahrungen als Studenten erwerben konnten.

 

Nun könnte man allerdings einwenden, dass es für die Lernfähigkeit nicht unbedingt erforderlich ist, dass ein Anbieter in der Vergangenheit eigene Erfahrungen gesammelt hat. Man könnte vermuten, dass es ausreicht, dass solche Erfahrungen von anderen Studenten gemacht wurden und dass deshalb auch aus den Erfahrungen anderer mit Erfolg gelernt werden kann.

 

Ja man könnte sogar vermuten, dass das Zurückgreifen auf die allgemeinen Erfahrungen sehr viel effizienter ist als die Beschränkung auf die selbst gemachten Erfahrungen und dass deshalb gerade auch bei der akademischen Ausbildung die Lernfähigkeit ausreicht, um explodierende Cobweb-Systeme zu verhindern. Auch wird man vermuten können, dass die Lernfähigkeit bei Akademikern insgesamt größer ist als bei Nichtakademikern.

 

Trotzdem gibt es weitere Gründe dafür, dass auf den Ausbildungsmärkten die Wahrscheinlichkeit für explodierende Cobweb-Systeme insgesamt größer ist als auf Agrarmärkten. Die Ausbildung ist nämlich nicht nur einmalig in dem Sinne, dass ein Student zeitlich gesehen in der Regel nur ein Studium absolviert, sondern auch in dem Sinne, dass das Studium eben in der Regel nur einen Abschluss kennt, das Examen stellt somit ein höchstpersönliches Gut dar. Beim Schweinezyklus gingen wir hingegen nicht nur davon aus, dass der einzelne Schweinezüchter jedes Jahr eine neue Schweinezucht beginnt, er beschränkt sich auch nicht darauf, ein einzelnes Schwein zu züchten, sondern wird in aller Regel eine Vielzahl von Schweinen züchten. Schließlich sind Agrarprodukte homogene Güter; geht die Nachfrage nach Schweinefleisch zurück, so sind zumeist fast alle Schweinezüchter von diesem Rückgang betroffen, fast jeder erleidet einen gewissen Rückgang seines Absatzes.

 

Ganz anderes gilt für die Ausbildung. Hier herrscht das Prinzip ‚Alles oder nichts‘, entweder erhält der frisch gebackene Akademiker eine berufsbezogene Stelle oder er geht leer aus. Ein ‚bisschen Stelle‘ gibt es nicht. Ein Rückgang in der Nachfrage nach Akademiker äußert sich eben nicht darin, dass fast jeder Akademiker nun weniger Stunden beschäftigt wird. Vielmehr erhalten einige Akademiker eine Stelle, andere wieder nicht.

 

Folglich werden die meisten Studenten auch dann trotzdem ihr Studium wie geplant beginnen, wenn sie aus den Erfahrungen der anderen gelernt hätten, dass der heutige Mangel an Ärzten nichts darüber aussagt, wie sich das Gleichgewicht auf diesem Markt in 5 bis 6 Jahren verhalten wird.

 

Nun  mag man einwenden, dass sich die weniger begabten Studenten ausrechnen könnten, dass gerade sie in 5 bis 6 Jahren geringere Berufschancen besitzen werden und dass sie sich aus dieser Erkenntnis heraus für ein anderes Studium entscheiden. Ein solches Vorgehen ist jedoch unwahrscheinlich, da auf der einen Seite gerade die weniger begabten Studenten ihre Leistungsfähigkeit zumeist überschätzen und da auf der anderen Seite aus einem guten (schlechten) Abiturzeugnis nicht eindeutig darauf geschlossen werden kann, wie ein Student (eine Studentin) im Hochschulexamen abschließen wird.

 

Bei einigen Studenten (männlich wie weiblich) dürften die Abiturnoten kein genaues Bild über dessen Begabung abgeben, da der eine im Abitur Pech, der andere Glück hatte. Weiterhin gibt es Spezialbegabungen. Der Umstand, dass ein Student eine sehr gute Allgemeinbegabung aufweist, bedeutet nicht unbedingt, dass er auch in einem ganz bestimmten Fach die gleiche Begabung mitbringt. Umgekehrt trifft man auch viele Studenten an, welche im Hinblick auf die Allgemeinbildung schlecht abgeschlossen haben, sehr wohl aber wegen einer Spezialbegabung trotzdem das Hochschulexamen mit Bravour bestehen.

 

All diese Faktoren dürften dafür sprechen, dass auf den Ausbildungsmärkten die Wahrscheinlichkeit explodierender Cobweb-Systeme sehr viel größer ist als bei der Produktion von Agrarprodukten bzw. bei der Aufzucht von Schweinen.

 

 

6. Der Einfluss der Sozialgesetzgebung

 

Es entspricht weitgehender Überzeugung, dass eine Marktwirtschaft sehr viel besser in der Lage ist, das Problem der Knappheitsbewältigung befriedigend zu lösen als alle anderen Wirtschaftssysteme, vor allem als eine staatliche Planwirtschaft. Man geht jedoch im Allgemeinen auch von der Überzeugung aus, dass der Markt im Hinblick auf soziale Ziele zu unbefriedigenden Ergebnissen führt und dass es deshalb notwendig ist, die marktwirtschaftlichen Ergebnisse im Nachhinein so zu korrigieren, dass auch die sozialen Ziele sichergestellt werden. Man spricht deshalb auch von der Forderung einer sozialen Marktwirtschaft.

 

Zu den sozialen Zielen, welche eine Korrektur der marktwirtschaftlichen Ergebnisse erfordern, zählt in erster Linie eine Einflussnahme auf die Einkommensverteilung. Eine reine Marktwirtschaft bringe – so wird oftmals behauptet  – die Gefahr mit sich, dass die Arbeitnehmer ausgebeutet würden, dass der Lohnsatz auf freien Arbeitsmärkten zu gering ausfalle, bisweilen sogar das kulturelle Existenzminimum unterschreite.

 

Bei der Bewertung dieser Kritik gilt es zu unterscheiden, ob man sich auf die tatsächliche Einkommensverteilung bezieht, oder danach fragt, welche Einkommensverteilung bei einer voll funktionierenden Marktwirtschaft erreicht worden wäre. Mit andern Worten: Es geht um die Frage, ob eine ungerechte Einkommensverteilung das Ergebnis einer sonst reibungslos funktionierenden Marktwirtschaft ist und ob also der Markt in jedem Falle zu diesen sozial unerwünschten Ergebnissen führt, oder ob diese Ungerechtigkeiten damit erklärt werden müssen, dass in der Realität die Mindestvoraussetzungen für eine funktionierende Marktwirtschaft nicht gegeben sind.

 

In Kapitel 3 dieser Vorlesung haben wir aufgezeigt, dass in einer Marktwirtschaft nur dann befriedigende Ergebnisse vorliegen, wenn wir mit einem intensiven Wettbewerb auf allem Märkten rechnen können. Der Nachweis der Wohlfahrtstheorie, dass der Markt zu einem Wohlfahrtsoptimum führt, wurde unter der Annahme eines vollständigen Wettbewerbs gefunden.

 

Hätten wir auf allen Märkten, vor allem auch auf den Arbeitsmärkten vollständige Konkurrenz, so entspräche der Reallohnsatz im Gleichgewicht dem mit dem Güterpreis bewerteten Grenzprodukt der Arbeit. Die Arbeitnehmer erhielten also als Lohn eine Geldsumme, welche dem Beitrag der Arbeitnehmer zum Inlandsprodukt in seiner letzten Verwendung entspricht. Es wäre also dann eine Entlohnung nach der individuellen Leistung garantiert. Es entspricht den allgemein akzeptierten Leitbildern einer gerechten Verteilung, dass der Lohnsatz des einzelnen weitgehend – mit gewissen Ausnahmen – der individuell erbrachten Leistung zu entsprechen habe.

 

Eine Korrektur sei lediglich insofern angebracht, als bei der Festsetzung des Einkommens eines Arbeitnehmers auch der Familienstand berücksichtigt werden sollte. Ein Arbeitnehmer, welcher Kinder erzieht, hat einen höheren Bedarf als ein lediger Arbeitnehmer und es ist nur gerechtfertigt, dass der einzelne Familienvater auch bei gleicher Arbeit am betrieblichen Arbeitsplatz ein höheres Entgelt bezieht als ein Lediger.

 

Man kann hier davon sprechen, dass das Leistungsprinzip durch das Bedarfsprinzip zu ergänzen ist. Im Grunde genommen entspricht jedoch die Gewährung von Familienzulagen zum regulären Lohneinkommen ebenfalls einem richtig verstandenen Leistungsprinzip, da die Aufzucht und Erziehung von Kindern in gesellschaftspolitischer Hinsicht ebenfalls eine Leistung darstellt, welche allerdings von der einzelnen Unternehmung nicht entlohnt werden kann.

 

Aufgrund des Wettbewerbs der Unternehmer würde nämlich ein Unternehmer, welcher aus moralischer Verantwortung heraus Kinderzulagen zum Leistungslohn gewähren würde, Wettbewerbsnachteile erleiden gegenüber den Unternehmern, welche auf solche Kinderzulagen verzichten würden. Auf lange Sicht würden gerade die aus gesellschaftspolitischer Verantwortung heraus handelnden Unternehmer aus dem Markt gedrängt.

 

Es wäre auch nicht viel gewonnen, wenn man die einzelnen Unternehmer durch Gesetz (oder auch Tarifvertrag) zu solchen Kinderzulagen verpflichten wollte. Durch eine solche Vorgabe wäre keinesfalls gesichert, dass den kinderreichen Arbeitnehmern diese Kinderzulagen auch gewährt würden. Ein Unternehmer könnte sich nach wie vor dadurch Wettbewerbsvorteile sichern, dass er eben Arbeitnehmer mit Kindern nicht mehr beschäftigt und auf diese Weise wiederum Kostenvorteile erlangt gegenüber den Unternehmungen, welche auch Familienväter beschäftigt.

 

Diese Zusammenhänge machen deutlich, dass der Markt tatsächlich überfordert ist, einen familiengerechten Lohn zu gewähren, dass die soziale Forderung nach einem familiengerechten Arbeitnehmereinkommen eben nur dadurch  realisiert werden kann, dass der Staat zum Arbeitslohn ein Familiengeld auszahlt.

 

Der wichtigste Grund dafür, dass wir in der Realität nicht immer davon ausgehen können, dass der Markt von sich aus einen Lohn entsprechend der individuellen Leistung garantiert, liegt jedoch darin, dass viele Arbeitsmärkte eine monopolistische Morphologie aufweisen. Man sprach in diesem Zusammenhang sogar von einem natürlichen Nachfragemonopol nach Arbeitskräften, dass also die Marktgegebenheiten gar keinen Wettbewerb zuließen.

 

Zu Beginn der Industrialisierung ergab sich dieses natürliche Nachfragemonopol aus der Tatsache, dass sich auf der einen Seite in der Wohngemeinde der einzelnen Arbeitnehmer nur eine Unternehmung oder nur ganz wenige Unternehmungen befanden, welche Arbeitnehmer einer bestimmten beruflichen Qualifikation beschäftigen konnten.

 

Auf der andern Seite war jedoch der Verkehr keinesfalls bereits soweit entwickelt, dass die Arbeitnehmer auch bei Unternehmungen einen Arbeitsplatz finden konnten, welche in Nachbargemeinden angesiedelt waren. Der einzelne Arbeitnehmer war damals deshalb sehr oft darauf angewiesen, in einer ganz bestimmten Unternehmung Arbeit zu finden, er hatte deshalb auch nicht die Möglichkeit zu einem konkurrierenden Unternehmer abzuwandern, falls sein Arbeitgeber nicht gerechtfertigte Löhne gewährt.

 

Heutzutage können wir im Allgemeinen davon ausgehen, dass Arbeitnehmer auch in Nachbargemeinden eine berufliche Arbeit wahrnehmen können, da sie über eigene Verkehrsmittel (PKW, Motorrad etc.) verfügen oder öffentliche Verkehrsmittel wie Bahn oder Straßenbahn benutzen können, um von ihrer Wohngemeinde zum Arbeitsplatz außerhalb der Wohngemeinde täglich zu fahren.

 

Trotzdem weisen viele Arbeitgeber nach wie vor gegenüber ihren Arbeitnehmern eine quasimonopolistische Position auf. Während nämlich ein Arbeitnehmer nur in ganz wenigen Fällen eine neue Arbeitsstelle antritt und deshalb einen Arbeitsvertrag mit seinem Arbeitgeber abschließen muss, zählt der Abschluss von Arbeitsverträgen bei den Unternehmungen, besonders bei den Großkonzernen, zu einem alltäglichen Geschäft. Im Gegensatz zum Arbeitnehmer erlangt der Arbeitgeber Sachwissen über den Abschluss von Arbeitsverträge, er kann sich eine eigene Personalabteilung leisten, welche sich auf diese Abschlüsse spezialisieren kann und die auch in Arbeitsrecht ausgebildete Fachkräfte beschäftigen wird.

 

Gerade wegen dieses nach wie vor natürlichen Nachfragemonopols auf den Arbeitsmärkten bildeten sich in fast allen industrialisierten Ländern Gewerkschaften, welche mit den Arbeitgebern (bzw. den Arbeitgeberverbänden) in periodischen Abständen Tarifverträge abschließen, wobei der Gesetzgeber vor allem durch Gewährung des Streikrechts, aber auch durch eine Anerkennung der Tarifverträge über den Rahmen hinaus, der normaler Weise privat abgeschlossener Verträge zuerkannt wird, den Gewerkschaften eine besondere Marktmacht verliehen hat.

 

Wirtschaftstheoretisch betrachtet liegt in den Tarifverhandlungen die Marktform eines bilateralen Monopols vor. Im Gegensatz zu den übrigen Marktformen, gehen vom bilateralen Monopol keine eindeutigen Anreize zu einem bestimmten Verhalten der Marktpartner aus.

 

Die Marktteilnehmer auf einem Markt mit vollständiger Konkurrenz verhält sich wie ein Mengenanpasser, er nimmt den Preis als vorgegeben aus dem Markt. Der Unternehmer, welcher eine monopolistische Macht aufweist, kann durch künstliche Verknappung den Preis und damit auch den Gewinn erhöhen, im bilateralen Monopol hingegen sind die unterschiedlichsten Verhaltensweisen möglich. Die Tarifpartner können sich wie Konkurrenten oder wie Monopolisten verhalten, sie können in Art einer Optionsfixierers ihrem Partner gegebenenfalls Preis und Menge diktieren, sie können schließlich das Prozedere einer schrittweisen Verhandlungsführung anwenden.

 

Entscheidend ist nun, dass immer dann, wenn die Tarifpartner diese Strategie der schrittweisen Annäherung wählen und wenn einige weitere Bedingungen gegeben sind (z. B. homogen-lineare Produktionsfunktionen), das Marktergebnis zugunsten der Arbeitnehmer korrigiert werden kann, ohne dass hierdurch die Allokationsergebnisse entscheidend verzerrt werden.

 

Im Allgemeinen gilt, dass in einer Marktwirtschaft Allokation und Distribution (Verteilung) uno actu bestimmt werden. Ein und dieselben Faktorpreise legen die Ressourcenaufteilung wie auch die Einkommensverteilung fest. Und dies bedeutet, dass immer dann, wenn sich die Preisverhältnisse von den Knappheitsverhältnissen weg bewegen, sowohl die Allokation wie auch die Einkommensverteilung beeinflusst werden. Der Versuch, die Einkommensverteilung durch Anstieg der Lohnsätze zu verändern, führt im Allgemeinen auch zu einer Verzerrung der Allokation.

 

Die Ausnahme bildet die Preisfestsetzung im Rahmen eines bilateralen Monopols. Wenn sich die Tarifpartner der Strategie einer schrittweisen Annäherung bedienen und wenn die Produktionsfunktionen einen homogen-linearen Verlauf aufweisen, können die Lohnsätze zugunsten der Arbeitnehmer korrigiert werden, ohne dass dies wie üblich durch eine Allokationsverzerrung erkauft wird.

 

Im Gleichgewicht wird im bilateralen Monopol unter diesen Bedingungen die gleiche Allokation erzielt wie bei Konkurrenz. Und da wir unterstellen können, dass unter den Bedingungen der vollständigen Konkurrenz im Gleichgewicht eine optimale Allokation erzielt wird, können wir auch unterstellen, dass auch unter den Bedingungen eines bilateralen Monopols das Produktionsergebnis weitgehend einem optimalen Zustand entsprechen kann, wenn bestimmte Voraussetzungen eingehalten werden.

 

Im Allgemeinen wird weiterhin davon ausgegangen, dass eine Marktwirtschaft auch deshalb aus sozialen Gründen korrekturbedürftig ist, weil sie keine befriedigende soziale Sicherheit gewähren kann. Im Rahmen einer sozialen Marktwirtschaft wird nun das Ziel verfolgt, den Arbeitnehmern einen ausreichenden Schutz vor den sozialen Risiken der Krankheit (einschließlich der Pflegebedürftigkeit), des Unfalls, des Alters und der Arbeitslosigkeit zu gewähren. Im Zusammenhang mit dem Ausbruch dieser Risikentatbestände läuft nämlich der Arbeitnehmer Gefahr, auf der einen Seite Einkommensverluste zu erleiden (so kann ein Arbeitnehmer krankheitsbedingt zeitweise arbeitsunfähig werden), auf der anderen Seite führen diese Risikentatbestände in aller Regel zu zusätzlichen Kosten (z. B. der ärztlichen Behandlung von Krankheiten oder des Ankaufs von Medikamenten).

 

Diese materiellen Risikenfolgen (Einkommensausfälle sowie zusätzliche Ausgaben) können nun im Rahmen einer Versicherung übernommen werden. Die Leistung einer Versicherung beruht hierbei darauf, dass die Versicherung die materiellen Kosten dieser Risikentatbestände übernimmt und dass diese Leistungen über periodisch anfallende Beiträge finanziert werden.

 

Der Vorteil dieses Versicherungsprinzips besteht auf der einen Seite darin, dass der einzelne in Form der Beitragszahlungen eine Sicherheit darüber gewinnt, welche Kosten ihm im Zusammenhang mit den sozialen Risiken entstehen (dies ist der allokative Aspekt der Versicherungslösung), auf der anderen Seite ist die Höhe dieser finanziellen Belastungen des einzelnen unabhängig davon, in welchem Maße der Einzelne von den sozialen Risiken betroffen wird. Hierin liegt der verteilungspolitische Aspekt der Versicherung.

 

Prinzipiell lässt sich dieses Problem der Absicherung der sozialen Risiken auch im Rahmen einer Marktwirtschaft lösen, es gibt auch private Versicherungseinrichtungen. Allerdings ist es nicht möglich, im Rahmen einer marktwirtschaftlichen Lösung die Beiträge nach sozialen Kriterien zu staffeln. Eine private Versicherung wird stets den Beitrag danach staffeln, wie groß das beim Abschluss des Versicherungsvertrages einzugehende Risiko ist. Zwar kann ein Versicherter in der privaten Versicherung sehr viel mehr Leistungen erhalten als er in Form von Beiträgen eingezahlt hat, sofern er stärker von den Risiken befallen wurde, als beim Abschluss des Vertrages zu erwarten war. Ex post ist also auch in der privaten Wirtschaft eine Umverteilung zugunsten der Beitragszahler möglich, welche überdurchschnittlich von den sozialen Risiken betroffen werden.

 

Es ist aber nicht möglich, im Rahmen einer privaten Versicherung die Beiträge nach dem Familienstand oder nach der Einkommenshöhe zu staffeln oder Lasten abzunehmen, welche den einzelnen erblich entstehen. Der Beitrag einer privaten Versicherung entspricht stets der erwarteten Belastung im Zeitpunkt des Abschlusses des Versicherungsvertrages.

 

Wenn ein Versicherungsnehmer erbbedingt ein höheres Risiko aufweist, so schlägt sich dieser größere Risikenbefall auch in der Höhe des Versicherungsbeitrages nieder. Diese weitergehenden sozialen Ziele (Staffelung der Beiträge nach Familienstand und Einkommenshöhe oder Übernahme erbbedingter Kosten) lassen sich nur in einer gesetzlichen Sozialversicherung (oder auch staatlichen Versorgungseinrichtung) lösen.

 

Zu den Zielen einer sozialen Marktwirtschaft zählt auch die Sicherung des Arbeitsplatzes. Gesamtwirtschaftlich wird der Versuch unternommen, durch eine aktive Beschäftigungspolitik möglichst Vollbeschäftigung zu garantieren, zumindest aber dafür Sorge zu tragen, dass die Zahl der Langzeitarbeitslosen (mit einer Arbeitslosigkeit länger als ein Jahr) so gering wie möglich zu halten.

 

Bezogen auf das Wohl des einzelnen Arbeitnehmers soll durch die Kündigungsgesetzgebung sichergestellt werden, dass einem Arbeitnehmer auf der einen Seite nur dann gekündigt werden darf, wenn die Produktionsbedingungen dies erfordern und dass auf der anderen Seite bei der Kündigung Fristen eingehalten werden, welche es dem Gekündigten erlauben, ohne größere Zeiten der Arbeitslosigkeit nahtlos einen neuen Arbeitsplatz zu finden.

 

Im Hinblick auf die Gefahr einer gesamtwirtschaftlichen Arbeitslosigkeit vermeinte John Maynard Keynes festgestellt zu haben, dass konjunkturelle Arbeitslosigkeit in aller Regel durch einen Mangel an  Nachfrage ausgelöst werde und zwar deshalb, weil die Kapitalmärkte nicht in der Lage wären, das Investitionsvolumen an die Ersparnis anzupassen.

 

Ein Teil der Ersparnisse würde gehortet und erreiche gar nicht den Kapitalmarkt, es bestehe darüber hinaus die Gefahr, dass auch die Ersparnisse, welche auf dem Kapitalmarkt angeboten werden, nicht zur Ausweitung der Investition nachgefragt würden, da die Unternehmungen in Zeiten des Rückgangs in der Konsumnachfrage nicht bereit seien, auf dem Wege von Investitionen die ohnehin zu große Kapazität auszuweiten.

 

Wegen dieses Versagens des Kapitalmarktes würde somit der konjunkturbedingte Rückgang in der Konsumnachfrage nicht durch einen Zuwachs der Investitionsnachfrage kompensiert, die Gesamtnachfrage nach Gütern und dadurch bedingt die induzierte Nachfrage nach Arbeitskräften reiche nicht mehr aus, alle arbeitsfähigen und arbeitswilligen Arbeitnehmer zu beschäftigen.

 

Aufgrund dieser Zusammenhänge schlug Keynes vor, dass der Staat die fehlende Güternachfrage dadurch ersetze, dass er seine Staatsausgaben ausweite und diese auf dem Wege eines Budgetdefizits finanziere. Im Hinblick auf die Arbeitsplatzsicherheit des einzelnen Arbeitnehmers sorgte eine gesetzliche Kündigungsgesetzgebung dafür, dass Arbeitnehmern nur betriebsbedingt und unter Einhaltung einer angemessen Frist gekündigt werden darf.

 

Diese Korrekturen an der Marktwirtschaft bestanden in aller Regel darin, dass der Markt durch unmittelbare staatliche Eingriffe außer Kraft gesetzt wurde. Man war nicht etwa bemüht, die eigentlichen Ursachen der nachgewiesenen Marktmängel zu beseitigen und damit dafür zu sorgen, dass die Märkte wieder so funktionieren, wie es von der klassischen Wohlfahrtstheorie beschrieben wurde.

 

Man versuchte vielmehr eine Lösung dieser Probleme darin, dass man sozusagen per Gesetz die angestrebten sozialen Ziele durchzusetzen versuchte. Man verzichtete darauf, zu überprüfen, ob solche Eingriffe in den Markt überhaupt in der Lage sind, die angestrebten Ziele zu erreichen (Frage nach der Effizienz der Maßnahmen) und ob sie nicht andere Ziele der Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik verletzen.

 

Hierbei geht es nicht darum, ob die angestrebten Ziele erwünscht sind. In aller Regel handelt es sich hierbei ohnehin um Ziele, die sich aus dem Grundgesetz ergeben. Schließlich postuliert unsere Verfassung, dass die Menschenwürde jedes einzelnen Bürgers unantastbar sei und dieses Postulat bedeutet unter anderem, dass jeder Mensch über Einkünfte verfügen sollte, die ihm ein Existenzminimum ermöglichen und dass auch jeder arbeitsfähige und arbeitswillige Arbeitnehmer die Möglichkeit erhalten sollte, unter menschenwürdigen Bedingungen beschäftigt zu werden und als Lohn ein Einkommen zu beziehen, das ihm die Realisierung des Existenzminimums sicherstellt. Die Kritik an einem Teil der sozialpolitischen Maßnahmen bezieht sich vielmehr allein darauf, dass der Erfolg dieser Maßnahmen bezweifelt wird und dass über die gewählten Maßnahmen andere, genau so wichtige Ziele verletzt werden.

 

Ein Großteil der sozialpolitischen Maßnahmen hat dazu geführt, dass die Flexibilität der Preise und die Elastizität des Angebotes und der Nachfrage vermindert wurden. Politisch garantierte Preise wie z. B. ein einheitlicher gesetzlicher Mindestlohn verhindern, dass die Ungleichgewichte auf den Märkten durch schnelle Preiskorrekturen an die veränderten Marktbedingungen angepasst werden. Kündigungsfristen machen es immer weniger möglich, dass Angebot und Nachfrage schnell auf die veränderten Preisverhältnisse reagieren können und so das Ungleichgewicht abbauen können.

 

Die traditionelle Sozialpolitik läuft somit nicht nur Gefahr, dass sie ineffizient ist und zu unerwünschten Sekundärwirkungen führt, sondern verringert die Anpassungsfähigkeit der Märkte und trägt somit selbst dazu bei, dass die Märkte nicht wie erforderlich eine möglichst schnelle Anpassung an die permanent eintretenden Datenänderungen herbeiführen.

 

Es ist dann die Sozialpolitik, welche die Anpassungsfähigkeit der Märkte um ein weiteres reduziert, Ungleichgewichte perpetuiert und gerade deshalb zusätzliche Maßnahmen erfordert, um die mit der bisherigen Sozialpolitik herbeigeführten Mängel ebenfalls zu beseitigen. Die traditionelle Sozialpolitik zieht also die Notwendigkeit weiterer sozialpolitischen Maßnahmen nach sich.

 

Es ist schon verwunderlich, dass gerade die nachgewiesenen Mängel der Marktwirtschaft darin bestehen sollen, dass Marktungleichgewichte nicht abgebaut werden. Es gibt wohl kaum ein anders funktionsfähiges Wirtschaftssystem, das unabhängig davon, welche Ziele die einzelnen Individuen verfolgen, Kräfte freisetzt, Ungleichgewichte zwischen Angebot und Nachfrage von selbst abzubauen.

 

Und es spricht wenig dafür, dass die für einen Abbau von Ungleichgewichten notwendigen Verhaltensweisen (Flexibilität der Preise gegenüber Ungleichgewichten und Elastizität der Nachfrage und des Angebotes auf Preisänderungen) aus natürlichen Gründen versagen, es spricht vielmehr alles dafür, dass diese Schwächen hausgemacht sind, sprich: aufgrund einer verfehlten Wirtschafts- und Sozialpolitik überhaupt erst dieses Ausmaß angenommen haben.

 

Diese Erkenntnis führt zwar nicht dazu, dass es unerwünscht ist, diese sozialpolitischen Ziele zu verfolgen, sondern allein dazu, dass es anderer Maßnahmen bedarf, um diese Ziele auf der einen Seite erfolgreich durchzusetzen, ohne dass auf der anderen Seite andere wirtschaftspolitische Ziele gravierend verletzt werden.