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Pathologie der Marktwirtschaft

 

 

Gliederung der Vorlesung:

 

1. Problemeinführung

2. Pathologische Branchen

3. Wettbewerb versus Monopol

4.  Externe Kosten und Erträge

5.  Der Allokationsmechanismus

6.  Der Verteilungsmechanismen der Wohlfahrt

7.  Die Weiterentwicklung des Liberalismus

 

 

Kapitel 05.  Der Allokationsmechanismus Teil II

 

 

 

Gliederung:

 

1. Einführung in das Problem

2. Elastizitäten

3. Preisflexibilitäten

4. Atomisierung

5. Cobwebsysteme

6. Der Einfluss der Sozialgesetzgebung

 

 

 

 

3. Preisflexibilitäten

 

Wenden wir uns nun der Frage zu, inwieweit der marktwirtschaftliche Allokationsmechanismus davon abhängt, dass die Preise auf Ungleichgewichte zwischen Angebot und Nachfrage reagieren. Auch hier sprachen wir von normalen Reaktionen und verstanden darunter, dass Angebotsüberhänge zu Preissenkungen, Nachfrageüberhänge hingegen zu Preissteigerungen führen. Wie haben wir ein solches Verhalten zu erklären?

 

Beginnen wir mit dem Angebotsüberhang. Die Tatsache, dass mehr Güter angeboten werden als nachgefragt, bedeutet, dass die Anbieter befürchten müssen, auf ihren Waren sitzen zu bleiben. Da ein geringerer Stückgewinn als bisher immer noch besser ist als gar nichts verkaufen zu können und deshalb Verluste zu erzielen, sind die Anbieter in einer solchen Situation (bei einem Angebotsüberhang) bereit, ihre Waren zu geringeren Preisen anzubieten. Es sind also die Anbieter, welche die Verringerung der Preise bei einem Angebotsüberhang auslösen.

 

Was gilt nun für den Fall, dass die Nachfrage nach Gütern das Angebot übersteigt? Hier sind es die Nachfrager, welche befürchten müssen, nicht zum Zuge zu kommen. Auch hier werden sich die Nachfrager darüber klar werden, dass es für sie besser (nutzensteigender) sein kann, lieber einen etwas höheren Preis zu zahlen und die Ware zu erhalten als auf dem bisherigen Preis zu verharren und leer auszugehen. Bei einem Nachfrageüberhang geht also die Preissteigerung von der Nachfrageseite aus.

 

Es ist klar, dass diese Bereitschaft zu Preiskorrekturen bei einem Marktungleichgewicht voraussetzt, dass ein intensiver Wettbewerb herrscht, nur bei Wettbewerb besteht ja die Gefahr, leer auszugehen, wenn man nicht zu Preiskorrekturen bereit ist. Der Gewinn eines Monopolisten verringert sich zwar auch, wenn aufgrund eines Rückganges in der Nachfrage Angebotsüberhänge bestehen und deshalb weniger Waren abgesetzt werden, vielleicht stellt sich der Monopolist sogar finanziell besser, wenn er aufgrund des Rückganges in der Nachfrage Preisnachlässe gewährt. Er sieht sich jedoch im Gegensatz zu den Unternehmungen, welche in gegenseitigen Wettbewerb stehen, zu dieser Maßnahme nicht gezwungen, seine wirtschaftliche Existenz wäre in aller Regel nicht bedroht, wenn er zu keinen Preisnachlässen bereit wäre und einen Absatzrückgang hinnehmen würde.

 

Auch im Hinblick auf die Preiskorrekturen bei Marktungleichgewichten muss bisweilen mit anomalen Reaktionen gerechnet werden. Wir haben oben davon gesprochen, dass das optimale Einsatzverhältnis, also das Kostenminimum einer Unternehmung bei einer bestimmten Mindestmenge liegt. Dies bedeutet, dass die Grenzkosten bei einer Ausweitung der Produktion zunächst sinken und erst ab einer kritischen Produktionsmenge bei wachsender Produktion ansteigen. Erklären lässt sich dieser Kostenverlauf damit, dass bei der Produktion fixe Kosten entstehen, welche anfallen, ob produziert wird oder nicht. Die Folge des Fixkostencharakters bestimmter Kosten besteht dann darin, dass die Grenzkosten dieses einzelnen Kostenfaktors und damit auch die Stückkosten um so mehr sinken, je mehr produziert wird.

 

Bringen wir ein Beispiel. Zur Produktion eines bestimmten Gutes werde eine Maschine benötigt, welche eine Produktion von insgesamt 1.000 Gutseinheiten pro Zeiteinheit ermöglicht und deren Anschaffungskosten 10.000 € betrage. Würde die Unternehmung nur eine Gutseinheit produzieren, betrügen die Maschinenkosten, welche auf diese eine Gutseinheit entfallen, genau 1.000 €. Würden hingegen 2 Gütereinheiten produziert, betrügen die fixen Stückkosten der Maschine nur noch 500 €, bei Vollauslastung der Produktion (1000 Einheiten) sogar nur 10 €.

 

Im Allgemeinen können wir davon ausgehen, dass bei der Produktion sowohl Fixkosten als auch variable Kosten anfallen, also Kosten, die mit wachsender Produktion proportional oder sogar überproportional ansteigen, sodass wir auf der einen Seite bei einer Ausweitung der Produktion einen steigenden Verlauf der variablen Stückkosten (Arbeit und Rohstoffe) und auf der anderen Seite einen sinkenden Verlauf der variablen Stückkosten feststellen können. Die gesamten Stückkosten können deshalb  zunächst sinken, werden aber dann ab einer kritischen Gütermenge an steigen, die fixen Stückkosten sind hier bereits so stark gesunken, dass eine weitere Verminderung kaum mehr ins Gewicht fällt, während die variablen Stückkosten um so mehr steigen, je mehr sich die Produktion der Vollauslastung der Produktionskapazität annähert.

 

Wenn nun die Nachfrage z. B. konjunkturbedingt zurückgeht und infolgedessen ein Angebotsüberhang entsteht, werden die Unternehmungen  trotzdem nicht zu Preissenkungen bereit sein, da ja annahmegemäß bei einem fallenden Grenz- und Stückkostenverlauf die Stückkosten steigen, wenn die Unternehmungen weniger Güter als bisher absetzen können. Sie werden also versuchen, die Preise nicht zu senken, sondern sogar zu steigern, um so die wachsenden Stückkosten auf die Nachfrager abzuwälzen.

 

In der Regel gehen wir nun davon aus, dass die Unternehmungen in dem Bereich produzieren, in dem die gesamten Stück- und Grenzkosten bei wachsender Produktion ansteigen. Wir müssen aber auch mit der Möglichkeit rechnen, dass bisweilen die tatsächliche Produktionsmenge noch bei dem sinkenden Ast der Stückkostenkurve liegt. Unterstellen wir folgenden Fall:

 

Eine Unternehmung plant den Erwerb einer Großanlage, welche sich erst bei 100.000 Stück lohnt. Da diese Großanlage sagen wir für 10 Jahre angelegt ist und da die Unternehmung davon ausgeht, dass sie ihre Produktion in naher Zukunft stark ausweiten kann, ist es durchaus rational, dass diese Unternehmung im ersten Jahr der Produktion nach Anschaffung dieser Anlage noch bei einem sinkenden Stückkostenverlauf produziert. Zwar würde eine sofortige Ausweitung zu einer Gewinnsteigerung führen. Wir gehen jedoch davon aus, dass erst nach einigen Jahren diese größere Produktionsmenge mangels heutigem Absatz oder auch mangels heutigen Bezug bestimmter Rohstoffe produziert und abgesetzt werden kann. Da aber diese Anlage für eine längere Periode geplant ist, lohnt sich die Anschaffung dieser Anlage trotzdem bereits heute.

 

Je größer nun der Anteil der Fixkosten an den gesamten Kosten wird, um so wahrscheinlicher wird es, dass Unternehmungen unmittelbar nach Anschaffung dieser Anlage im Bereich sinkender Grenzkosten produzieren. In diesem Falle ist jedoch mit einer anomalen Angebotsreaktion auf Preisvariationen zu rechnen. Es ist also hier der größenintensive technische Fortschritt, welcher diese Anomalitäten auslöst.

 

Nun haben wir uns zu fragen, woher denn diese Tendenz zum größenintensiven technischen Fortschritt herrührt? Wir können davon ausgehen, dass technischer Fortschritt nicht wie Manna vom Himmel fällt. Es liegt nicht in der Natur der Erfindungen, dass technischer Fortschritt zwangsweise zu immer größeren Produktionsanlagen führt. Vielmehr ist es die Nachfrage seitens der Unternehmungen, welche durch Zusammenschluss und Aufkauf von Unternehmungen eine Größe erreicht hat, welche auch immer größere technische Anlagen erlaubt. Würde entsprechend den konstituierenden Prinzipien des von Walter Eucken geprägten Ordo-Liberalismus monopolistische Zusammenschlüsse wirksam unterbunden, ginge auch die Nachfrage nach größenintensivem Fortschritt zurück.

 

Dies bedeutet allerdings nicht, dass jeder größenintensive Fortschritt unerwünscht ist. In dem Maße nämlich, in dem durch Abbau der internationalen Handelshemmnisse eine weltweite Globalisierung entstand, wurde es möglich, dass trotz Zunahme der Unternehmungsgröße Wettbewerb entstand, an die Stelle nationaler Konkurrenten trat nun der internationale Wettbewerb. Nun sind in der Zwischenzeit die wichtigsten internationalen Handelsbarrieren in Form von Zöllen, Kontingentierungen und nichttarifären Handelsbehinderungen entfallen. Trotzdem hat die Globalisierung der Weltwirtschaft keinesfalls bereits ihr Ende erreicht. Auf der einen Seite bemühen sich auch heute noch die Staaten durch Subventionierung der nationalen Unternehmungen internationalen Wettbewerb zu unterbinden. Da sich die hierdurch negativ betroffenen Staaten dadurch zur Wehr setzen, dass sie ihre nationalen Unternehmungen ebenfalls subventionieren, wird wiederum Wettbewerb behindert. Der internationale Wettbewerb könnte also dadurch intensiviert werden, dass auch diese Handelshemmnisse abgebaut werden.

 

Auf der anderen Seite steht ein sehr großer Teil der Volkswirtschaften noch auf dem Niveau eines wirtschaftlichen Entwicklungs- oder Schwellenlandes. Dadurch, dass auch in diesen Volkswirtschaften eine Industrialisierung stattfindet, kann die internationale Nachfrage noch enorm gesteigert werden, was wiederum bedeutet, dass auch bei Zunahme der Unternehmungsgrößen nach wie vor Wettbewerb möglich bleibt.

 

Ähnlich wie bei den Angebots- und Nachfragereaktionen auf Preisvariationen gilt auch im Hinblick auf die durch Ungleichgewichte notwendig gewordenen Preiskorrekturen, dass es nicht nur auf die Anpassungsrichtung, sondern auch auf die Geschwindigkeit und den Umfang der Korrektur pro Zeitperiode ankommt, ob der marktwirtschaftliche Allokationsmechanismus seine Aufgabe (nämlich den Abbau von Ungleichgewichten) in einer akzeptablen Zeit erfüllen kann. Mit dem Begriff der Preisflexibilität (b) ist hierbei ein Maßstab gefunden, welcher den Umfang der Preiskorrekturen misst. Die Preisflexibilität gibt hierbei an, um wie viel Prozent der Preis (p) verändert wird, wenn die Nachfrage (N) bzw. das Angebot (X) um einen Prozentpunkt auseinanderfallen:

 

 

 

 

 

 4. Atomisierung

 

Unsere bisherige Analyse befasste sich mit den Marktkräften, welche bewirken, dass Marktungleichgewichte wiederum abgebaut werden. Ob wir allerdings in einer konkreten Periode ein Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage haben und welchen Umfang dieses Ungleichgewicht aufweist, hängt nicht nur von der Stärke – der Ungleichgewichte abbauenden – Kräfte ab, sondern darüber hinaus auch von den Kräften, welche neue Ungleichgewichte entstehen lassen. Wir haben davon auszugehen, dass jede neue Periode erstens damit beginnt, dass unter Umständen von der vorhergehenden Periode ein Ungleichgewicht übernommen wird, da die Ungleichgewicht abbauenden Marktkräfte nicht ausgereicht haben, das Ungleichgewicht der Vorperiode vollständig abzubauen. Zweitens entstehen im Verlaufe jeder Periode neue Ungleichgewichte und beide zusammen werden – aber vielleicht nur zum Teil – wiederum drittens durch Marktkräfte abgebaut.

 

Befassen wir uns im Folgenden mit den Marktkräften, welche Ungleichgewichte entstehen lassen. Wir hatten weiter oben bereits festgestellt, dass es die Datenänderungen sind, welche Ungleichgewichte auslösen. Nun könnte man versucht sein, das Ungleichgewichtsproblem einfach dadurch zu lösen, dass man nur soviel Datenänderungen zulässt, als der Markt auch wiederum in der gleichen Periode abbauen kann. Dieser Weg wäre allerdings nicht ratsam, da der größte Teil der Datenänderungen aus Ereignissen besteht, welche die Wohlfahrt der Volksgemeinschaft steigern helfen. Und wenn wir die wirtschaftliche Entwicklung der beiden letzten Jahrhunderte verfolgen, können wir feststellen, dass diese durch Datenänderungen hervorgerufenen Wohlfahrtssteigerungen wohl bei Weitem die Wohlfahrtsverluste kompensiert, ja überkompensiert haben, welche dadurch entstanden sind, dass aufgrund der hierdurch verursachten Ungleichgewichte vorübergehend die knappen Ressourcen nicht in die effizientesten Verwendungen gelenkt werden konnten.

 

Es sind vor allem drei Gruppen von Datenänderungen, welche auf lange Sicht die Wohlfahrt der Bevölkerung per Saldo erhöht haben. An erster Stelle ist hier der technische Fortschritt zu nennen. Es kann kein Zweifel bestehen, dass die Erfindungen der letzten beiden Jahrhunderte entscheidend dazu beigetragen haben, dass sich zumindest ein großer Teil der Bevölkerung in der Zwischenzeit einen Lebensstandard leisten kann, von dem die Reichen und Mächtigen des Mittelalters und der anfänglichen Neuzeit nur träumen konnten.

 

An zweiter Stelle wäre zu nennen, dass in einer freien Marktwirtschaft der einzelne Konsument die Freiheit besitzt, selbst zu bestimmen, wie er die ihm zur Verfügung stehenden knappen Ressourcen am zweckmäßigsten verwendet. Dieses Prinzip der Selbstbestimmung trägt wesentlich zur Selbstverwirklichung der einzelnen Menschen bei, hat jedoch unweigerlich zur Folge, dass die einzelnen Individuen nur in einem langjährigen error and trial Prozess die Verwendungen finden, welche ihrer Bedarfsstruktur am besten entsprechen.

 

An dritter Stelle trägt natürlich auch der Umstand zu einer Wohlfahrtssteigerung bei, dass immer wieder neue Ressourcen erschlossen wurden und damit das Problem der Knappheitsbewältigung wesentlich erleichtert wurde. In diesem Zusammenhang ist vor allem von Bedeutung, dass neue Rohstoffquellen erschlossen wurden. Nehmen wir das Beispiel der Energierohstoffe. Hier sind die Vorräte an den fossilen Energierohstoffe (Kohle und Gas) begrenzt und da die Rohstoffe durch Produktion und Konsum endgültig verbraucht werden und nicht mehr durch Recycling zurückgewonnen werden können, kann für die zukünftigen Generationen nur dadurch Nachhaltigkeit garantiert werden, dass neue (die sogenannten alternativen) Energiequellen wie Sonnenkraft und Windenergie erschlossen wurden.

 

Wir können deshalb mit anderen Worten das Problem des Gleichgewichtes nicht einfach dadurch lösen, dass wir den Umfang an Datenänderungen einfach zu reduzieren versuchen. Das hieße, den Teufel durch Beelzebub auszutreiben. Um gewisse Beeinträchtigungen zu verringern, welche durch vorübergehende Ungleichgewichte entstehen, würde man auf wesentlich größere, sonst mögliche Wohlfahrtssteigerungen verzichten.

 

Es gibt aber noch einen weiteren Weg, auf dem der Umfang der Ungleichgewichte, welche durch Datenänderungen hervorgerufen werden, verringert werden kann. Gehen wir von einem bestimmten Umfang an Datenänderungen innerhalb einer Periode aus. Der Umfang der aufgrund dieser Datenänderungen ausgelösten Ungleichgewichte wird unterschiedlich ausfallen, wenn in dem einen Fall diese Datenänderungen von einer einzigen Stelle ausgehen und in einem kurzen Zeitpunkt erfolgen und wenn in einem anderen Fall diese Datenänderungen von einer Vielzahl von Wirtschaftseinheiten ausgelöst werden, welche zusätzlich zeitlich gestreckt stattfinden.

 

Das Marktsystem gleicht in diesem Zusammenhang einem Kanalisationssystem. Die Kanalisation hat bekanntlich die Aufgabe, die durch Regen auf die Erde fallenden Wassermengen aufzufangen und sie vor allem zur Erhaltung des Grundwasserspiegels unter die Erde zu leiten. Eine Kanalisationsanlage wird ihre Aufgabe im Allgemeinen befriedigend erfüllen, das heißt dafür sorgen, dass das Regenwasser sofort abläuft und nicht in den Straßen und Wegen für längere Zeit stehen bleibt, sofern nur das Regenwasser örtlich und auch zeitlich verteilt vom Himmel herunterfällt.

 

Kommt es hingegen zu einem Regenbruch, bei dem dieselbe Wassermenge auf einen kleinen Landstrich und in einer sehr kurzen Zeit vom Himmel fällt, ist das Kanalisationssystem überfordert, es gelingt nicht, die gesamte Regenmenge sofort abzuführen, das Wasser bleibt auf den Straßen für längere Zeit stehen und fließt in die Keller der Wohnungen und verursacht auf diese Weise große Schäden.

 

In gleicher Weise müssen wir davon ausgehen, dass dann, wenn nur eine einzige zentrale Planbehörde für die Datenänderungen verantwortlich ist und auf Datenänderungen zu reagieren hat, die Auswirkungen auf die Volkswirtschaft einem Wolkenbruch gleichen und die normalen Marktkräfte nicht in der Lage sind, die durch Datenänderungen hervorgerufenen Ungleichgewichte sofort wiederum abzubauen. Und gerade deshalb, weil in einer Marktwirtschaft eine Vielzahl von Wirtschaftsplänen existiert, während in einer staatlichen Planwirtschaft alle wirtschaftlichen Grundentscheidungen von einer einzigen zentralen Planungsbehörde gefällt werden, ist die Marktwirtschaft einer staatlichen Planwirtschaft überlegen.

 

Nun handelt es sich bei dem Vergleich zwischen Marktwirtschaft und staatlicher Planwirtschaft um einen Extremfall. Auch die einzelnen realen Marktwirtschaften unterscheiden sich in der Atomisierung der Entscheidungsträger. Je mehr Märkte monopolistisch oder auch oligopolistisch organisiert sind, um so mehr gleichen die Wirtschaftsergebnisse denen einer staatlichen Planwirtschaft. Es ist dann zwar nicht nur eine einzige Stelle, von der aus die wirtschaftlichen Entscheidungen gefällt werden, aber im Gegensatz zu einer wettbewerblich organisierten Marktwirtschaft sind es immer noch nur wenige Entscheidungsträger und die Möglichkeit, dass die Entscheidungen räumlich und zeitlich verteilt auftreten, ist dann um so geringer, je weniger Wirtschaftseinheiten vorhanden sind.

 

Nun könnte man einwenden, dass auch zentrale Planungseinheiten ja von sich aus ihre Entscheidungen räumlich und zeitlich strecken könnten und dass deshalb die Vorteile der Atomisierung auch in staatlichen Planwirtschaften oder bei monopolistischen Strukturen erreicht werden könnten. Zwei Argumente machen es jedoch unwahrscheinlich, dass es zu einer solchen Atomisierung auch in zentralen Organisationen kommt. Auf der einen Seite verbietet oftmals der Grundsatz der Gleichheit vor dem Gesetz, dass zentrale Behörden ihre Entscheidungen räumlich und zeitlich unterschiedlich fällen. Der Grundsatz der Gleichbehandlung verlangt, dass die den Bürgern auferlegten Pflichten oder auch Begünstigungen im Prinzip allen Bürgern und zur gleichen Zeit gewährt werden.

 

Auf der anderen Seite dürften sich zentrale Planungsträger in aller Regel für die Alternativen entscheiden, welche sie für die richtigere halten. Man wird wohl kaum bei einem Teil der Entscheidungen die eine Alternative, beim restlichen Teil eine andere Alternative bevorzugen. Bringen wir ein Beispiel aus dem Börsengeschehen.

 

Bekanntlich führte die Zerstörung des World Trade Zentrums im Jahre 2001 zu einem plötzlichen Kurszerfall um etwa 40%. Die Reaktionen der Börsenteilnehmer fiel sehr unterschiedlich aus. Ein Teil der Wertpapierbesitzer reagierte durch panischen Verkauf ihrer Wertpapiere, in der Befürchtung, dass dieser Kurssturz nur der Anfang eines rasanten und anhaltenden Kurssturzes aller Wertpapiere sei und dass es besser sei, gewisse Verluste dadurch zu erleiden, dass man nun für die einzelnen Wertpapiere nur noch einen Teil des bisherigen Werte rettet als Gefahr zu laufen, das gesamte Vermögen bei anhaltenden Kursverlusten zu verlieren.

 

Ein solches Verhalten findet sich vor allem bei denjenigen Wirtschaftssubjekten, welche nur über sehr geringe Kenntnisse über die wirtschaftlichen Daten verfügen. Denjenigen hingegen, denen die zugrunde liegenden wirtschaftlichen Zusammenhänge bekannt waren, wurden sich darüber klar, dass dieser Terrorakt zwar zu einem extrem hohen Verlust an Menschen geführt hatte, dass aber trotzdem dieses Ereignis die Knappheit der Ressourcen kaum berührt hat und auch nicht stärker ins Gewicht fiel als z. B. die Vernichtung von Ressourcen im Zusammenhang mit den täglichen Unfällen im Straßenverkehr.

 

Aufgrund dieser Erkenntnis wurden sich diese sachkundigen Börsianer klar, dass dieser rapide Kursverlust durch die wirtschaftlichen Datenänderungen keinesfalls erklärt werden konnte und dass deshalb über kurz oder lang die Kurse wiederum ihr bisheriges Niveau erreichen werden. In diesem Falle lohnt es sich jedoch, nicht Wertpapiere zu verkaufen, sondern sogar zu kaufen, da man ja dann später, wenn sich die Kurse wiederum erholt haben, diese zusätzlichen Wertpapiere mit Gewinn verkaufen kann.

 

Dieses unterschiedliche, spekulative Verhalten der Börsenteilnehmer trägt nun dazu bei, dass sich ein Teil der Reaktionen gegenseitig aufhebt, sodass die Kursschwankungen insgesamt sehr viel geringer ausfallen als dann, wenn alle Börsenteilnehmer gleich reagieren würden. Hätten alle Teilnehmer in gleicher Weise reagiert und die Wertpapiere verkauft, so hätte sich der Kursverlust fortgesetzt, das Ungleichgewicht der Märkte wäre vergrößert worden und die dadurch hervorgerufenen Wohlfahrtsverluste wären sehr viel größer ausgefallen.

 

Es gibt noch einen dritten Grund dafür, dass eine fehlende Atomisierung der Entscheidungsträger mit hohen Wohlfahrtsverlusten verbunden ist. Sobald nämlich der Anteil der einzelnen Unternehmungen eine bestimmte kritische Mindestgröße erreicht hat, wird das für ein Funktionieren einer Marktwirtschaft unerlässliche Haftungsprinzip außer Kraft gesetzt.

 

Das Haftungsprinzip besagt, dass ein Unternehmer, welcher Risiken eingeht, die hierbei entstehenden Gewinne einbehalten kann, dass aber dann, wenn sich die riskante Entscheidung als falsch herausstellt und Verluste entstehen, diese Verluste auch von dem Unternehmer voll getragen werden müssen, der diese Entscheidung gefällt hat. Nur dieses Haftungsprinzip bringt die Gewähr, dass auf der einen Seite riskante Entscheidungen überhaupt gefällt werden. Der mögliche Gewinn lockt einzelne Individuen, riskante Entscheidungen einzugehen, ohne diese Gewinnaussichten wäre die Bereitschaft, riskante Entscheidungen zu treffen zu gering. Aber nahezu jede Produktion, vor allem aber Investition und Innovation ist mit Risiken verbunden.

 

Auf der anderen Seite bestünde dann, wenn die Investoren nicht für ihre Entscheidungen haften müssten, die Gefahr, dass auch solche Risiken eingegangen würden, welche von vornherein als aussichtslos gehalten werden müssen. Nur eine konsequente Befolgung des Haftungsprinzips garantiert, dass auf der einen Seite die notwendigen Risiken eingegangen werden, dass aber andererseits auch verantwortungsvoll nur solche Risiken gewagt werden, bei denen  eine echte Erfolgschance besteht.

 

In dem Maße nun, in dem nun die Unternehmungen eine bestimmten Marktanteil erreichen, kann sich der Staat nicht mehr leisten, diese Unternehmungen Konkurs gehen zu lassen, weil in diesem Falle aufgrund der Abhängigkeit der Unternehmungen auch die anderen Unternehmungen, welche in normalen Zeiten durchaus rentabel produzieren könnten, in diesen Abwärtsstrudel hineingerissen werden könnten. So sah sich die Regierung während der vergangenen Finanzkrise gezwungen, Banken in großem Maße mit Steuermitteln zu stützen, um zu verhindern, dass bei einem Konkurs einer der großen Banken das gesamte Bankensystem und damit auch die industriellen Unternehmungen mit in den Abgrund gezogen worden wären.

 

Steht jedoch fest, dass eine Bank, welche einen Mindestmarktanteil erlangt hat, gar nicht mehr Konkurs gehen kann und deshalb für seine Verluste haften muss, ist auch das Haftungsprinzip außer Kraft gesetzt. Es fehlt dann auch jede Rechtfertigung dafür, dass die Gewinne, welche aufgrund riskanter Entscheidungen erzielt werden, von den Unternehmungen vereinnahmt werden dürfen.

 

Der Fehler des Staates liegt hier nicht so sehr darin, dass eine Großbank (eine Großunternehmung) mit staatlichen Mitteln unterstützt wird, sondern bereits darin, dass man es zugelassen hat, dass Banken (Unternehmungen) diese Größe erreicht haben und eine oligopolistische Marktmacht erlangt hatten. Folgt man den von Walter Eucken beschriebenen konstituierenden und regulierenden Prinzipien einer Marktwirtschaft, so hätte eine Monopolaufsichtsbehörde in allen Wirtschaftsbereichen auch im Bankensektor gar nicht zulassen dürfen, dass diese kritischen Marktanteile von einzelnen Großbanken überschritten wurde. In diesem Sinne ist eine Atomisierung der wirtschaftlichen Entscheidungsträger schon deshalb unerlässlich, will man nicht das Haftungsprinzip außer Kraft setzen.

 

Bei unseren bisherigen Überlegungen gingen wir stillschweigend davon aus, dass die Fehlallokationen, welche durch die Ungleichgewichte entstehen, um so geringer ausfallen, je stärker die Marktteilnehmer in ihren Preis- und Mengenreaktionen reagieren. Diese Reaktionen könnten gar nicht groß genug ausfallen. Eine nähere Analyse zeigt jedoch, dass es auch in dieser Frage ein Zuviel, eine zu große Reaktion geben kann.

 

Betrachten wir hierzu nochmals das Geschehen an den Börsen. Hier wurden in der jüngsten Vergangenheit wiederholt größere Turbulenzen dadurch ausgelöst, dass größere Unternehmungen Computerprogramme eingesetzt haben, welche ohne eigene Mitwirkung der Unternehmungsleitungen unmittelbar nach größeren Kursstürzen bei wichtigen Wertpapieren einen Verkauf ihrer Wertpapiere auslösten. Der Grund für den Einsatz dieser Programme liegt offensichtlich darin, auf diesem Wege bei Kursstürzen so wenig Verluste wie möglich zu erleiden. Die Wertpapiere sollten so schnell wie möglich abgestoßen werden, um weiteren Kursreduzierungen und den damit verbundenen Verlusten zuvor zu kommen.

 

Wenn nun eine Vielzahl vor allem großer Unternehmungen mit einem dementsprechend großen Wertpapierportefeuille solche Computerprogramme einsetzen und vor allem dann, wenn die gleichen Programme verwendet werden, welche auf die gleichen Kurssignale auch mit den gleichen Verkaufsentscheidungen reagieren, dann besteht die Gefahr, dass die Mengenreaktionen so stark ausfallen, dass es zu einem weiteren Kursabsturz führt und dass diese Reaktionen über ihr Ziel, das in einem Abbau von Ungleichgewichten besteht, hinausschießen und die jeweils entgegengesetzten Ungleichgewichte auslösen.

 

Unterstellen wir folgenden Verlauf: Dieser Prozess beginne damit, dass aufgrund bestimmter Datenänderungen ein Angebotsüberhang entstehe. Dieser Angebotsüberhang löst nun einen Kurssturz aus. Da – so wollen wir unterstellen – eine von diesen Computerprogrammen festgesetzte kritische Schwelle überschritten wird, kommt es zu automatischen Verkäufen der fraglichen Wertpapiere. Da es sich hierbei vorwiegend um große Unternehmungen mit einem dementsprechend großen Wertpapierportefeuille handelt und da mehrere Unternehmungen mit solchen Programmen arbeiten, kommt es zu einem außerordentlich großen Verkauf von Wertpapieren, wobei die Verkaufssumme den bestehenden Angebotsüberhang bei weitem übersteigt. Es werden deshalb in den nächsten Perioden wiederum enorme Anstiege in den Kursen der Wertpapiere erfolgen, die wiederum über ihr Ziel hinausschießen. Schließlich pendelt der tatsächliche Kurs um den Gleichgewichtskurs, ohne diesen je zu erreichen.

 

Hier kommt nun die Rolle der Atomisierung der planenden Wirtschaftseinheiten ins Spiel. Fände nämlich ein Wettbewerb unter vielen Unternehmungen statt und wären deshalb die Wertpapiere breit gestreut, so würde in einer Periode auch immer nur ein kleiner Teil von Wertpapieren verkauft, dieses bedeutend geringere zusätzliche Angebot an Wertpapieren würde sofort eine Korrektur der Kurse auslösen und diese Korrektur hätte nun wiederum zur Folge, dass sich  die nachfolgenden Wertpapierverkäufe ebenfalls verringern würden. Würden nämlich immer nur relativ kleine Mengen an Umsätzen pro Periode ausgelöst, wären die hierdurch verursachten Preisveränderungen wesentlich geringer, der Kurs würde sich geradlinig dem neuen Gleichgewichtspreis nähern und der Kurs würde nicht mehr um den Gleichgewichtspreis mit großen Ausschlägen pendeln.

 

Fortsetzung folgt!