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Pathologie der Marktwirtschaft

 

 

 

Gliederung der Vorlesung:

 

1. Problemeinführung

2. Pathologische Branchen

3. Wettbewerb versus Monopol

4.  Externe Kosten und Erträge

5.  Der Allokationsmechanismus

6.  Der Verteilungsmechanismen der Wohlfahrt

7.  Die Weiterentwicklung des Liberalismus

 

Kapitel 05.  Der Allokationsmechanismus

 

 

 

Gliederung:

 

1. Einführung in das Problem

2. Elastizitäten

3. Preisflexibilitäten

4. Atomisierung

5. Cobwebsysteme

6. Der Einfluss der Sozialgesetzgebung

 

 

1. Einführung in das Problem

 

Wir wollen uns in diesem Kapitel 5 mit dem Allokationsmechanismus des Marktes beschäftigen und uns die Frage stellen, aus welchen Gründen heraus der Allokationsmechanismus in der Realität nicht so funktioniert, dass das Wohlfahrtsoptimum automatisch erreicht wird.

 

Wir erinnern uns: Wir hatten oben festgelegt, dass genau dann von einem Wohlfahrtsoptimum gesprochen wird, wenn keine bewusst herbeigeführte Änderung in der Zusammensetzung der produzierten Güter per Saldo zu einer Wohlfahrtssteigerung führen kann.

 

Ausgangspunkt ist die Knappheit der Ressourcen (Produktionsfaktoren). Die Ressourcen, mit deren Hilfe wir die einzelnen Güter produzieren, reichen nicht aus, alle Bedürfnisse – man könnte  auch von Zielen sprechen – zu befriedigen. Zusätzlich ist von Bedeutung, dass uns die Produktionstechnik gestattet, die knappen Ressourcen auf unterschiedliche Weise auf die einzelnen Verwendungsarten aufzuteilen und dass diese unterschiedlichen  Verwendungsarten unsere Bedürfnisse in unterschiedlichem Maße befriedigen.

 

Aufgrund dieses Umstandes gilt es diejenige Verwendung (Zusammensetzung des Güterbündels) zu finden, welche unter den faktisch möglichen Verwendungsarten die höchstmögliche Wohlfahrt erzielen lässt. Die Tatsache der Knappheit der Ressourcen macht es notwendig zu wirtschaften, die Tatsache, dass mit dem gleichen vorgegebenen Ressourcenbestand eine Vielzahl von Verwendungen möglich ist, macht es hingegen möglich, durch planvolles Wirtschaften die Wohlfahrt zu steigern.

 

Es ist daran zu erinnern, dass nicht nur dann, wenn eine Luststeigerung eintritt, von Wohlfahrtssteigerung gesprochen wird. Es ist zwar richtig, dass einige Vertreter der Frühliberalen, allen voran Jemery Bentham einen Hedonismus und Utilitarismus vertraten, wonach alle wirtschaftenden Personen bemüht sind, möglichst viel Lust zu empfinden und Unlust zu vermeiden und wonach auch das oberste Ziel der Individuen eine Maximierung der Lust ist und ein gesamtwirtschaftliches Wohlfahrtsoptimum dann erreicht ist, wenn eine möglichst große Anzahl von Individuen ein Maximum an Lustgewinn erreicht hat.

 

Joseph Alois Schumpeter hat darauf hingewiesen, dass ein freier Markt keineswegs darauf beschränkt ist, in diesem Sinne Lust zu maximieren und Unlust zu minimieren. Der Hedonismus habe zwar eine mögliche Art der Nutzenmaximierung aufgezeigt, die eigentliche Aufgabe einer Marktwirtschaft bestehe aber darin, dafür Sorge zu tragen, dass die Ziele der einzelnen Individuen bestmöglich realisiert werden, gleichgültig, welche Ziele ein Individuum verfolgt. Ausgangspunkt dieser Überlegungen ist die Tatsache, dass ein Großteil der Ziele zu deren Realisierung materieller Ressourcen bedürfe, welche im Allgemeinen knapp sind.

 

Die moralische Bewertung der einzelnen Ziele hängt nun nicht davon ab, ob und in welchem Umfang zur Zielrealisierung materielle Güter benötigt werden. Es gibt auf der einen Seite moralisch hochstehende Ziele, welche nur unter Einsatz knapper Ressourcen realisiert werden können.

 

Nehmen wir als Beispiel das Ziel, Menschen, welche aufgrund von Naturkatastrophen in Not geraten sind, materiell zu unterstützen. Dieses Ziel ist einerseits moralisch sehr hoch einzuschätzen, anderseits bedarf es zur Realisierung dieses Zieles in hohem Maße materieller Ressourcen. Auf der anderen Seite gibt es aber auch Ziele, welche wie z. B. das Mobbing als moralisch verwerflich dienen, welche aber nahezu ohne Einsatz materieller Ressourcen verwirklicht werden kann.

 

Natürlich hängt die Wohlfahrt einer Bevölkerung ganz entscheidend davon ab, wieweit die Gemeinwohlziele und auch die moralischen Werte eingehalten werden. Es ist aber nicht primäre Aufgabe der Marktwirtschaft, dafür Sorge zu tragen, dass möglichst hohe moralische Standards verwirklicht werden.

 

Die gesellschaftlichen Aufgaben werden in einer Art Arbeitsteilung zwischen den einzelnen Gesellschaftssystemen erfüllt. Es ist Aufgabe der kulturellen Systeme dafür zu sorgen, dass die moralischen Werte von möglichst vielen Personen eingehalten werden. Es ist Aufgabe der politischen Gesellschaftssysteme, dafür Sorge zu tragen, dass diese moralischen Standards auch eingehalten werden, dass also Übertretungen geahndet werden und dass möglichst alle Anreize zur Übertretung solcher Standards abgebaut werden. Aufgabe des wirtschaftlichen Gesellschaftssystems ist es dann allein, dafür zu sorgen, dass trotz Knappheit der materiellen Ressourcen ein Maximum an Zielerreichung gewährleistet ist.

 

Der Markt stellt eine gesellschaftliche Einrichtung dar, welche für die unterschiedlichsten Ziele eingesetzt werden kann. Es ist möglich, dass eine Mafia sich des Marktes bedient, um ihre verwerflichen Ziele durchzusetzen, es ist aber genau so möglich, dass caritative Organisationen mit Hilfe des Marktes bemüht sind, die zumeist zu geringen vorhandenen Spendengelder so effizient wie nur möglich einzusetzen und möglichst vielen Notleidenden Hilfe zu bringen.

 

Der Markt kann also sehr wohl zu Ergebnissen führen, welche in moralischer Hinsicht höchst unerwünscht sind. Es ist nicht erwünscht, dass die Produktionskosten vorwiegend dadurch gesenkt werden, dass Eier von Hühnern in Legebatterien gewonnen werden oder dass Waren mit Hilfe von Kinderarbeit oder aufgrund von Löhnen, welche ein Existenzminimum nicht garantieren können, produziert werden.

 

 In diesem Falle ist es jedoch nicht das Versagen des Marktes, das zu diesen unerwünschten Ergebnissen führt, sondern das Versagen der kulturellen Systeme, welche es nicht erreicht haben, dass die Konsumenten nur solche Güter nachfragen, deren Produktion auch den moralischen Standards genügen.

 

Würden die kulturellen Systeme ihre Aufgaben befriedigend erfüllen, dann würde der größte Teil der Verbraucher nur solche Waren nachfragen, deren Produktion auch moralischen Standards entsprechen würde, mangels Nachfrage würden die Unternehmer, welche trotzdem diese moralisch fragwürdigen Produktionsmethoden anwenden würden, Verluste erzielen und sehr schnell darauf verzichten, auf diese Weise die Produktionskosten zu senken.

 

Im vorhergehenden Kapitel hatten wir gesehen, dass nur unter Wettbewerbsbedingungen der auf einem freien Markt erzielte Gleichgewichtspreis gerade dem gesamtwirtschaftlichen Wohlfahrtsoptimum entspricht. Müssen wir hingegen mit monopolistischen Marktformen rechnen, weicht der Gleichgewichtspreis mehr oder weniger von dem Wohlfahrtsoptimum ab, je größer der Monopolgrad ist, um so stärker.

 

Da immer noch damit gerechnet werden kann, dass der Markt einen Gleichgewichtspreis realisieren kann, sprechen wir hier von Marktmängel im Gegensatz zum Marktversagen, von dem nur dann gesprochen wird, wenn es dem Markt auch nicht gelingt, ein Gleichgewicht zu erreichen. Wir wollen im Folgenden davon ausgehen, dass auf den Märkten die Marktform des Wettbewerbs verwirklicht ist, obwohl dies natürlich weitgehend nicht der Fall ist. Trotzdem ist eine solche Betrachtungsweise sinnvoll, da wir nur auf diese Weise die Bedeutung des Allokationsmechanismus für die gesamtwirtschaftliche Wohlfahrt erkennen können.

 

Allerdings reicht es nicht aus, dass ein Gleichgewichtspreis bekannt ist, bei dem Angebot und Nachfrage übereinstimmen. Man spricht hierbei von der Existenz eines Gleichgewichtspreises. Von der Frage nach der Existenz eines Gleichgewichtspreises ist die Frage nach der Tendenz zum Gleichgewicht zu unterscheiden. Wir können nur erwarten, dass  das Wohlfahrtsoptimum erreicht wurde, wenn der Markt von einem beliebigen Ungleichgewicht aus von selbst eine Tendenz aufweist, sich dem Gleichgewichtspreis anzunähern.

 

Die Aufgabe, den Gleichgewichtspreis von einem beliebigen Ungleichgewicht aus zu erreichen, stellt sich allerdings nicht nur einmal in dem Sinne, dass dann, wenn der Gleichgewichtspreis einmal erreicht wurde, auch in Zukunft immer damit zu rechnen ist, dass der Markt ein Gleichgewicht aufweist. Vielmehr handelt es sich bei der Aufgabe, ein Gleichgewicht zu erreichen, um eine Aufgabe, die sich immer wieder von neuem stellt. Wir haben nämlich damit zu rechnen, dass immer wieder erneut ein Ungleichgewicht auftritt und damit auch immer wieder eine Gleichgewichtstendenz benötigt wird, um das Wohlfahrtsoptimum zu erreichen.

 

Der Grund für diese Tatsache liegt darin, dass in einer Marktwirtschaft immer wieder Änderungen in den wirtschaftlichen Daten hervorgerufen werden, dass diese Datenänderungen auch eine Änderung der Gleichgewichtspreise nach sich ziehen und dass deshalb jede Datenänderung im Prinzip zu einem erneuten Marktungleichgewicht führt.

 

Mit dem Begriff der wirtschaftlichen Daten werden alle die Variablen zusammengefasst, welche das wirtschaftliche Handeln bestimmen, welche aber selbst wiederum nicht Ergebnis des wirtschaftlichen Handelns (zumindest nicht in der jeweils betrachteten Periode) sind.

 

Walter Eucken unterschied in seinen Grundlagen der Nationalökonomie zwischen 6 wirtschaftlichen Daten. Zu den wirtschaftlichen Daten werden zunächst die drei Produktionsfaktoren Arbeit, Kapital und Boden (Natur) unterschieden. Viertens hängt das wirtschaftliche Ergebnis aber auch von der Bedarfsstruktur der Haushalte, weiterhin fünftens von der jeweils angewandten Produktionstechnik und schließlich sechstens von der wirtschaftspolitischen Rahmenordnung ab.

 

Änderungen in diesen 6 Daten sind nahezu in jeder Periode zu erwarten. Das Angebot an Arbeitskräften kann sich verändern, weil sich in der Vergangenheit die Geburtenrate verändert hat oder Arbeitskräfte ausgewandert bzw. eingewandert sind, schließlich auch deshalb, weil der Zeitpunkt des Ein-oder Austritts in das bzw. aus dem Erwerbsleben sich verändert.

 

Das in der heutigen Periode zur Verfügung stehende Kapitalangebot ist das Ergebnis der vergangenen Wirtschaftsperioden, es ist um so größer, je größer das produzierte Einkommen der Vergangenheit war und je größer der Anteil war, welcher gespart wurde. Auch der Bestand an natürlichen Rohstoffen ändert sich permanent. Auf der einen Seite wurden z. B. die knappen Rohstoffvorkommen in der Vergangenheit verbraucht und stehen deshalb heute nicht mehr zur Verfügung, auf der anderen Seite werden aber immer wieder auch neue Rohstoffvorkommen entdeckt.

 

Eine Marktwirtschaft zeichnet sich dadurch aus, dass die Konsumenten das Recht haben, jederzeit ihre Wirtschaftspläne zu verändern. Der Bedarf der Konsumenten ist hierbei keineswegs über die Zeit hinweg eine konstant bleibende Größe. Auf der einen Seite kann nicht damit gerechnet werden, dass die Konsumenten auf Anhieb die Einkommensverwendung gefunden haben, welche ihnen ein Nutzenmaximum garantiert. Der Entscheidungsprozess der Konsumenten ergibt sich aus einem Prozess des ‚error and trial. Nur dadurch, dass er verschiedene Möglichkeiten der Einkommensverwendung ausprobiert, kann er erfahren, bei welcher Einkommensverwendung er sein Nutzenmaximum erreicht. Auf der anderen  Seite verändert sich der Bedarf der einzelnen Konsumenten aufgrund zunehmenden Alters, gestiegenen Einkommens oder auch Anstieg des Bildungsgrades.

 

Die enormen Wohlfahrtssteigerungen der beiden letzten Jahrhunderte konnten aber insbesondere deshalb verwirklicht werden, weil die Zunahme unseres Wissens zu einem einzigartigen technischen Fortschritt geführt hat. Dieser technische Fortschritt hat nicht nur die Qualität der einzelnen Güter verbessert, zu gravierenden Kostensenkungen geführt, sondern auch Verfahren entwickelt, Bedürfnisse zu realisieren, welche in der Vergangenheit nur Wunschträume (z. B. des Fliegens) waren.

 

Das Produktionsergebnis hängt schließlich auch von der wirtschaftlichen vom Staat gesetzten Rahmenordnung ab. Der Staat bestimmt auch in einer Marktwirtschaft, welche der technisch möglichen Alternativen der Produktion als verwerflich und deshalb als unerlaubt zu gelten haben. Eine marktwirtschaftliche Rahmenordnung unterscheidet sich in dieser Frage gegenüber anderen Wirtschaftssystemen darin, dass zwar auch in einer Marktwirtschaft einzelne Alternativen als nicht erlaubt ausgeschlossen werden, dass aber immer noch eine ganze Reihe von Alternativen übrig bleiben, zwischen denen sich die einzelnen Marktteilnehmer frei entscheiden können. In einer staatlichen Planwirtschaft hingegen schreibt der Staat weitgehend vor, wie sich die Haushalte und Unternehmungen zu entscheiden haben, es wird eine ganz bestimmte Alternative vorgeschrieben.

 

Nun können wir nicht damit rechnen, dass eine Wirtschaftsordnung über längere Zeit hinweg unverändert bleiben wird. Zwar ist eine Ordnung immer für eine Vielzahl von Perioden konzipiert, sie kann nur dann die erwünschten Ergebnisse erzielen, wenn sie nicht permanent geändert wird. Bei einer permanenten Änderung einer Rahmenordnung verlieren die Marktteilnehmer die Sicherheit, welche sie für risikoreiche Entscheidungen benötigen. Auch könnte die Forderung nach Gleichheit vor dem Gesetz für alle Bürger niemals realisiert werden, wenn in jeder Periode vollständig geänderte Gesetze gelten würden.

 

Trotzdem muss damit gerechnet werden, dass immer wieder eine Korrektur der Rahmenordnung notwendig wird. Auf der einen Seite entstehen immer wieder neue Probleme gerade auch aufgrund der Änderungen der übrigen 5 Wirtschaftsdaten, welche eine Anpassung der Rahmenordnung an diese veränderte Situation notwendig machen. Auf der anderen Seite stellen auch die politischen Entscheidungen des Staates ein error and trial- Prozess dar, sodass bei Lösung neuer politischer Probleme kaum damit gerechnet werden kann, dass die Politiker auf Anhieb eine optimale, allseits befriedigende Lösung finden.

 

Der marktwirtschaftliche Allokationsprozess vollzieht sich also in mehreren Schritten. Ausgangspunkt sei ein Gleichgewichtszustand. Auf allen Märkten würden sich Angebot und Nachfrage entsprechen. Hiermit ist natürlich nicht nur gemeint, dass ex post die Wertsummen der nachgefragten Güter den Wertsummen der angebotenen Güter entsprechen; diese Gleichheit ergibt sich nämlich ex definitione.

 

Wenn Güter getauscht werden, so kann man diese tatsächlich getauschte Gütermenge einmal aus der Sicht des Käufers und einmal aus der Sicht des Verkäufers sehen. Es ist stets dieselbe Ware, die getauscht wird, es gibt außer der Gesamtheit der Käufer niemand, der diese verkaufte Ware sonst noch erhalten kann und es gibt auch keinen Verkäufer, von dem die Käufer die Waren sonst noch beziehen können. Und wenn wir einmal aus Vereinfachungsgründen auch davon absehen, dass der Staat einen Teil der Verkaufserlöse als Steuern abführt und dass gleichzeitig derselbe Staat unter Umständen Waren subventioniert und dass aus diesen Gründen der Käufer unter Umständen für eine Ware weniger zahlen muss als der Verkäufer, entsprechen sich auch die Wertsummen, welche der Verkäufer von den Käufern insgesamt erhält.

 

Wenn in der Wirtschaftstheorie vom Gleichgewicht gesprochen wird, so bezieht sich dieser Begriff auf die Wirtschaftspläne der Haushalte und Unternehmungen. Die von den Käufern geplante Gütermenge entspricht in diesem Falle auch dem von Verkäufern geplanten Güterangebot. Wir sprechen hier von einer ex ante Betrachtung und Gleichgewichtsgrößen stellen stets ex ante Variablen dar.

 

Diese Unterscheidung zwischen einer ex post und ex ante Betrachtung ist vor allem deshalb von Bedeutung, weil nur dann, wenn Angebot und Nachfrage auch ex ante übereinstimmen, damit gerechnet werden kann, dass sowohl Anbieter als auch Nachfrager nur dann Anlass sehen, ihre Wirtschaftspläne zu korrigieren, wenn sich die wirtschaftlichen Daten verändert haben. Eine ex post Gleichheit ist immer gegeben, bedeutet jedoch keinesfalls, dass auch ohne Datenänderung in der folgenden Periode Korrekturen an den bisherigen Wirtschaftsplänen nicht notwendig sind.

 

Es bedarf noch einer weiteren Anmerkung dazu, dass wir von einem Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage ausgehen. In der Realität können wir nämlich nur in den aller seltensten Fällen damit rechnen, dass in einer Wirtschaftsperiode ein Gleichgewicht vorliegt. In den meisten Fällen muss vielmehr davon ausgegangen werden, dass de facto auf den Märkten ein Ungleichgewicht herrscht.

 

Der Grund hierfür liegt noch nicht einmal primär darin, dass der Markt nicht von sich aus ein Gleichgewicht ansteuert. Ganz im Gegenteil gehen wir in der Wirtschaftstheorie sogar davon aus, dass im Normalfall ein funktionierender Markt von sich aus Kräfte entfaltet, welche auf einen Abbau von Ungleichgewichten hinwirken. Dass trotzdem in aller Regel damit gerechnet werden muss, dass auf den Märkten zumeist ein Ungleichgewicht gegeben ist, liegt einfach daran, dass in jeder Periode eine Vielzahl von Datenänderungen eintritt und dass diese Datenänderungen die Knappheitsverhältnisse und mit ihnen auch die Preisrelationen verändern, bei denen ein Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage gegeben ist.

 

Es ist also mit andern Worten ein Kunstgriff der Wirtschaftstheorie, wenn sie von einem Zustand des Gleichgewichts ausgeht. Es soll auf diese Weise klarer herausgearbeitet werden, welche Kräfte denn ein Ungleichgewicht auslösen und welche anderen Kräfte dazu beitragen, Ungleichgewichte auch wiederum abzubauen. Es soll also gezeigt werden, dass auch dann, wenn wir auf allen Märkten oder auch nur auf einem einzigen Markt eine Gleichgewichtssituation vorfinden würden, damit rechnen müssten, dass in den folgenden Perioden doch wiederum Ungleichgewichte ausgelöst werden.

 

In einem zweiten Schritt unterstellen wir nun, dass Änderungen in den wirtschaftlichen Daten stattfinden. So ändern sich z. B. die Produktionsverfahren aufgrund eines technischen Fortschrittes oder aber die privaten Haushalte entschließen sich, ihre Konsumgewohnheiten zu ändern. Diese Datenänderungen haben nun zur Folge, dass sich die Knappheitsverhältnisse verändern und dass aufgrund dieser Veränderung das Wohlfahrtsoptimum auch bei anderen Gleichgewichtspreisen erreicht wird.

 

Dies bedeutet, dass aufgrund dieser Datenänderungen in aller Regel Marktungleichgewichte entstehen. So ist es z. B. denkbar, dass die Unternehmungen aufgrund des technischen Fortschrittes mit dem gleichbleibenden Bestand an knappen Ressourcen eine höhere Produktionsmenge erzielen können. Es entsteht ein Angebotsüberhang. Oder aber kann die Zunahme im Bedarf eines bestimmten Gutes aufgrund einer Änderung im Konsumverhalten zu einer Mehrnachfrage führen, welche einen Nachfrageüberhang auf diesen Märkten auslöst.

 

Wir sprechen hierbei wohlbemerkt von Möglichkeiten. Es ist nicht zwingend, dass Datenänderungen de facto zu Ungleichgewichten führen. Wir haben vielmehr davon auszugehen, dass in jeder Periode eine Vielzahl von Datenänderungen eintreten und dass sich diese Datenänderungen in unterschiedlichem Maße auf Angebot und Nachfrage auswirken. So ist es durchaus denkbar, dass sich ein Teil der Datenänderungen gegenseitig kompensiert, so etwa wenn zur gleichen Zeit aufgrund der unterschiedlichen Datenänderungen eine Steigerung (oder auch Minderung) sowohl der Nachfrage als auch des Angebots eintreten, sodass das Gleichgewicht gewahrt bleibt oder zumindest der Umfang des Ungleichgewichtes geringer ausfällt als es der Fall wäre, wenn jede Datenänderung in die gleiche Richtung weisen würde.

 

In einem dritten Schritt haben wir in einer funktionierenden Marktwirtschaft damit zu rechnen, dass im Normalfall Angebotsüberhänge zu Preissenkungen und Nachfrageüberhänge zu Preissteigerungen führen. Wir sprechen hierbei von Preisflexibilität, welche angibt, um, wie viel Prozent der Preis sich verändert, wenn das Ungleichgewicht gemessen am bisherigen Angebot um einen Prozentpunkt ansteigt. Je größer die Preisflexibilität ist, um so schneller wird ein Marktungleichgewicht abgebaut.

 

In einem vierten Schritt schließlich führen diese Veränderungen in den Preisen zu einer Veränderung im Angebot an sowie in der Nachfrage nach Gütern. Bei einer normalen Marktreaktion ist zu erwarten, dass eine Preissteigerung zu einer Ausweitung des Angebotes und gleichzeitig zu einer Verminderung der Nachfrage führt. Die Preiselastizität des Angebot misst hierbei, um wie viel Prozent das Angebot steigt, wenn der Preis um einen Prozentpunkt steigt, bzw. um wie viel Prozent das Angebot sinkt, wenn der Preis sinkt. Bei einer normalen Rektion erwarten wir also, dass sich Preis- und Angebotsänderungen in die gleiche Richtung bewegen, steigende Preise führen im Normalfall zu steigendem Angebot, sinkende Preise hingegen zu einem verminderten Angebot.

 

Analog hierzu misst die Preiselastizität der Nachfrage, um wie viel Prozent die Nachfrage sinkt, wenn der Preis steigt, bzw. um wie viel Prozent die Nachfrage steigt, wenn der Preis sinkt. Im Normalfall erwarten wir also, dass sich Preise und Nachfragemengen entgegengesetzt bewegen, eine Preissteigerung löst im Normalfall eine Nachfrageminderung, eine Preisreduzierung hingegen eine Nachfragesteigerung aus.

 

Die Reaktionen in den Preisen auf Nachfrage- oder Angebotsüberhänge sowie die Reaktionen in den angebotenen bzw. nachgefragten Gütermengen tragen nun beide zu einem Abbau des Ungleichgewichtes bei. Gehen wir z. B. von einem Angebotsüberhang aus, so führt dies zu Preissenkungen und diese bewirken, dass sowohl das Angebot sinkt wie auch die Nachfrage steigt. Dies bedeutet jedoch, dass der Angebotsüberhang von zwei Seiten aus abgebaut wird.

 

Wir können also davon ausgehen, dass im Normalfall Gleichgewichte abgebaut werden und dass diese Gleichgewichtstendenz von selbst erfolgt, ohne dass der Staat oder auch nur die einzelnen Marktteilnehmer das Ziel verfolgen, Ungleichgewichte abzubauen. Die Marktteilnehmer verfolgen allein das Ziel, ihren Gewinn oder Nutzen zu maximieren, das gesamtwirtschaftliche Wohlfahrtsoptimum wird trotz dieses vorwiegend individualistisch motivierten Verhaltens wie von einer unsichtbaren Hand (so Adam Smith, der Begründer der neueren Nationalökonomie) realisiert.

 

Wenn wir also auf normal funktionierenden Märkten davon ausgehen können, dass der Markt stets bemüht ist, Ungleichgewichte abzubauen, können wir trotzdem nicht davon ausgehen, dass sich die Märkte in aller Regel im Gleichgewicht befinden. Ganz im Gegenteil müssen wir davon ausgehen, dass sich in der Regel die tatsächlichen Märkte im Ungleichgewicht befinden. Dies kann einmal darin begründet liegen, dass in praxi oftmals kein normales Verhalten der Marktteilnehmer festgestellt werden kann. Die dargestellte Gleichgewichtstendenz kann ja nur bei normalem Preis- und Mengenverhalten erwartet werden. Auch bestimmt der Umfang der Preisflexibilitäten und Preiselastizitäten von Angebot und Nachfrage, wie schnell der Markt in der Lage ist, vorhandene Ungleichgewichte abzubauen.

 

Aber selbst dann, wenn wir fast immer normales Marktverhalten beobachten könnten und selbst dann, wenn sowohl die Preisflexibilitäten als auch die Elastizitäten von Angebot und Nachfrage sehr hoch wären, könnten wir trotzdem nicht immer damit rechnen, dass sich die Märkte stets im Gleichgewicht befänden.

 

Wie hoch nämlich das Ungleichgewicht in einer bestimmten Periode ausfällt, hängt von zwei Faktoren ab, und zwar einmal davon, wie groß die Ungleichgewicht hervorrufenden Kräfte sind und das sind wie gezeigt die Datenänderungen, zum andern davon, wie stark die Ungleichgewicht abbauenden Marktkräfte (also die Preiselastizitäten und Preisflexibilitäten) wirksam sind.

 

Auch dann, wenn die Ungleichgewicht abbauenden Marktkräfte einwandfrei funktionieren würden, müsste immer noch befürchtet werden, dass aufgrund einer Vielzahl von Datenänderungen immer noch in jeder Periode Marktungleichgewichte bestehen bleiben, vielleicht sogar Periode für Periode ansteigen. Es ist also immer die Differenz zwischen diesen beiden konträr wirkenden Marktkräften (Datenänderungen sowie Anpassungsfähigkeit von Angebot und Nachfrage), welche bestimmt, ob und in welchem Umfang sich die Märkte im Ungleichgewicht befinden.

 

Man könnte nun voreilig zu dem Schluss kommen, dass es deshalb erwünscht sei, auf politischem Wege dafür Sorge zu tragen, dass in der Zeiteinheit möglichst wenig Datenänderungen zugelassen werden, dann würde von selbst der Umfang der verbleibenden Ungleichgewichte vermindert.

 

Ein solcher Schluss ist jedoch unzulässig. Zumindest ein Großteil der Datenänderungen trägt zu einer langfristigen Wohlfahrtssteigerung bei. Die paretianische Wohlfahrtstheorie geht von der Prämisse aus, dass der einzelne sehr viel besser als ein wohlmeinender Diktator entscheiden kann, bei welcher Einkommensverwendung er ein Nutzenoptimum erzielt. Gesteht man dem Konsumenten diese Freiheit zu, dann wird man auch damit rechnen müssen, dass die einzelnen Konsumenten immer wieder ihr Konsumverhalten korrigieren, es ist ein langwieriger error and trial Prozess, bis der einzelne Konsument die Güterkombination gefunden hat, welche seinen Bedürfnissen am besten entspricht. Auch verlangt der Umstand, dass sich die übrigen Daten permanent verändern, ebenso eine permanente Anpassung des Konsumverhaltens an diese Veränderungen.

 

Ähnliches gilt auch im Hinblick auf den technischen Fortschritt. Die enormen Wohlfahrtssteigerungen der letzten hundert Jahre konnten nur dadurch erreicht werden, dass die technischen Verfahren immer weiter verbessert wurden.

 

Auch der technische Fortschritt stellt eine Datenänderung dar, welche Wohlfahrtssteigerungen auslöst und deshalb in hohem Maße erwünscht ist. Allerdings muss festgestellt werden, dass der Umfang der von Datenänderungen ausgelösten Ungleichgewichte nicht nur vom Umfang der Datenänderungen abhängt.

 

Datenänderungen können – wie wir bereits in dem Kapitel über den Wettbewerb gezeigt haben – geballt in einem bestimmten Zeitpunkt oder aber auch zeitlich verteilt auftreten. Es besteht weiterhin die Möglichkeit, dass die Datenänderungen alle in die gleiche Richtung weisen oder aber in unterschiedliche Richtung zielen und sich gerade deshalb zum Teil kompensieren. Wir werden weiter unten sehen, dass wir den Umfang der Ungleichgewicht schaffenden Kräfte auch dadurch vermindern können, dass wir politisch dafür Sorge tragen, dass Datenänderungen möglichst verteilt, also atomisiert eintreten.

 

Nun hatten wir oben gezeigt, dass nur dann mit einem gesamtwirtschaftlichen Wohlfahrtsoptimum gerechnet werden kann, wenn Wettbewerb auf allen Märkten gegeben ist und wenn die Preisverhältnisse den Knappheitsverhältnissen entsprechen und diese Bedingungen sind genau dann erfüllt, wenn die Märkte ein Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage aufweisen. Dies bedeutet aber auch, dass immer dann, wenn ein Ungleichgewicht vorliegt, das Wohlfahrtsoptimum verfehlt wird und die hierdurch zu erwartenden Wohlfahrtsverluste sind um so größer, je größer auf der einen Seite das Ungleichgewicht, also die Differenz zwischen geplanter Nachfrage und geplantem Angebot ist und je länger auf der anderen Seite das Ungleichgewicht bestehen bleibt.

 

 

2. Elastizitäten

 

Wir wollen uns im Folgenden mit den einzelnen Schritten des marktwirtschaftlichen Allokationsmechanismus etwas genauer befassen. Beginnen wir mir der Reaktion der Marktteilnehmer auf Preisvariationen. Wir gingen bisher von einem normalen Verhalten aus. Unter normalem Verhalten der Anbieter verstehen wir, dass die Anbieter eines Gutes auf Preissteigerungen mit Angebotssteigerungen, auf Preissenkungen hingegen mit Angebotsreduzierungen reagieren.

 

Dieses als normal bezeichnete Verhalten ergibt sich unmittelbar aus der Annahme der Gewinnorientierung der Unternehmer. Machen wir uns diesen Zusammenhang anhand einer Graphik klar. Auf der Abszissenachse tragen wir die angebotene Gütermenge, auf der Ordinatenachse hingegen den jeweiligen Preis ab, den dieses Gut erzielt.

 

Nun müssen wir davon ausgehen, dass ein Unternehmer, welcher Güter anbieten möchte, zur Produktion dieses Gutes Kosten aufbringen muss. Traditionell wird in der Wirtschaftstheorie davon ausgegangen, dass die Produktionskosten mit wachsender Produktionsmenge steigen und zwar von einer bestimmten Mindestmenge an sogar überproportional, je mehr Güter die Unternehmer produzieren, dass also mit anderen Worten die Grenzkosten (die Kostenzuwächse pro Gütereinheit) einen steigenden Verlauf aufweisen.

 

Hinter diesem Kostenverlauf steht die Tatsache, dass die Produktionstechnik ein bestimmtes Einsatzverhältnis der einzelnen Produktionsfaktoren (Arbeit, Kapital, Rohstoffe) festlegt, bei der die größtmögliche Effizienz erzeugt wird. Man kann zwar davon ausgehen, dass auch durch vermehrten Einsatz eines Faktors, also z. B. der Arbeit, die Produktionsmenge gesteigert werden kann, dass aber gerade deshalb, weil man sich in diesem Falle von diesem optimalen Einsatzverhältnis entfernt, erhöhte Kosten pro ausgebrachter Gütermenge aufgewendet werden müssen.

 

Ein Unternehmer erzielt nun gerade dann ein Gewinnmaximum, wenn er die Produktionsmenge solange ausweitet, bis die Erlöszuwächse gerade den Grenzkosten entsprechen. Wenn wir nun von der Marktform der vollständigen Konkurrenz ausgehen – und nur bei vollständiger Konkurrenz können wir davon ausgehen, dass der Unternehmer darauf verzichtet, die Preise aktiv zu beeinflussen – dann entspricht der Erlöszuwachs bei der Ausweitung der Güterproduktion um eine Einheit gerade dem vorgegebenen  Preis.

 

Mit anderen Worten: Das Verhalten des Mengenanpassers führt genau dann zu dem höchstmöglichen Gewinn, wenn die Grenzkosten dem Preis entsprechen. Solange der Preis der letzten Gütereinheit noch über den Grenzkosten liegt, führt die Ausweitung der Produktion zu einem Gewinn, die Erlöszuwächse sind ja dann höher als die Kostenzuwächse. Also wird die Annahme einer vollständigen Konkurrenz verbunden mit der Annahme eines Strebens nach möglichst hohem Gewinn automatisch dazuführen, dass die Angebotskurve (die Reaktion des Anbieters auf Preissteigerungen) mit dem Verlauf der Grenzkostenkurve zusammenfällt. Weil die Grenzkosten mit wachsender Produktion ansteigen, wird eine Preissteigerung zu einer Angebotsausweitung führen.

 

 

 

In der Realität müssen wir allerdings bisweilen auch mit einem annomalen Angebotsverhaltens rechnen, dass also eine Preissteigerung eine Produktionsminderung, eine Preissenkung hingegen eine Produktionsausweitung auslöst. Wie haben wir dieses anomale Verhalten einzelner Anbieter zu erklären? Das klassische Beispiel der Lehrgeschichte für ein anomales Angebotsverhalten ist die Reaktion des Kleinschiffers. Er leitet eine kleine Familienunternehmung und besitzt lediglich ein oder zwei Kähne. Sein Gewinn ist gering und erreicht in konjunkturellen Aufschwungphasen gerade das Existenzminimum und ermöglicht dem Unternehmer das wirtschaftliche Überleben.

 

Kommt es nun zu einem konjunkturellen Abschwung, welcher sich in einer allgemeinen Verringerung der Nachfrage und somit auch der Nachfrage nach Dienstleistungen des Speditionsgewerbes niederschlägt, sinkt der Gewinn. Und da das Gewinneinkommen bisher kaum höher war als das Existenzminimum, droht die Gefahr, dass der Gewinn die wirtschaftliche Existenz des Kleinschiffers und seiner Familie nicht mehr garantiert.

 

Gerade um diese Gefahr abzuwenden, versucht dieser Unternehmer seine Absatzmenge auszuweiten und auf diese Weise den partiellen Gewinnverlust aufgrund des Rückganges der Preise zu kompensieren. Der Gewinn errechnet sich aus dem Produkt von Stückgewinn und Absatzmenge, die Gewinnsumme kann nur dann gehalten werden, wenn in dem Maße, in welchem der Preis und mit ihm der Stückgewinn konjunkturbedingt zurückgeht, die Absatzmenge steigt.

 

Der Kleinschiffer wird sich also anomal verhalten, die Preisreduktionen werden mit einer Ausweitung und nicht wie bei einem normalen Verhalten mit einer Verringerung der angebotenen Gütermenge beantwortet.

 

Allerdings dürfte dieser Versuch in den meisten Fällen nicht zum Erfolg führen. In Zeiten des Konjunkturrückganges ist es nur äußerst schwierig, den Absatz zu vergrößern und dies gilt insbesondere für eine Kleinunternehmung, da diese gar nicht über die finanziellen Möglichkeiten verfügt, über Werbung oder Ausweitung der Absatzwege die Absatzmenge spürbar zu erhöhen. Der Kleinschiffer wird Mühe haben, den bisherigen Absatz zu halten, der generelle Rückgang in der Nachfrage dürfte auch die Kleinstunternehmungen treffen. Über kurz oder lang droht also in der Depression der Konkurs dieser Unternehmungen.

 

Wenden wir uns nun dem Verhalten der Nachfrage zu. Wie bereits festgestellt, spricht man von einem normalen Nachfrageverhalten immer dann, wenn Preiserhöhungen zu einer Minderung, Preissenkungen hingegen zu einer Ausweitung der Nachfrage führen. Auch hier können wir die Reaktion der Nachfrager auf Preisvariationen ähnlich begründen wie beim Angebotsverhalten. In analoger Weise, wie die Angebotskurve aus dem Verlauf der Grenzkosten abgeleitet wird, können wir nämlich die Nachfragekurve aus dem Verlauf der Grenznutzenkurve ableiten.

 

Ausgangspunkt unserer Überlegungen ist das sogenannte erste Gossen’sche Gesetz, wonach die Ausweitung des Konsums der einzelnen Güter zwar den Gesamtnutzen vergrößert, der Nutzenzuwachs der letzten Konsumeinheit, der sogenannte Grenznutzen jedoch zurückgeht.

 

Nehmen wir an, ein Haushalt habe bisher bei einem bestimmten Preis p1 eine ganz bestimmte Gütermenge x1 nachgefragt. Er überlege sich, ob er den Konsum dieses Gutes bei konstant bleibendem Preis ausweiten solle und er wird es im Allgemeinen auch tun, wenn hierdurch der Gesamtnutzen gesteigert werden kann. Der Gesamtnutzen steigt nun solange, als der Nutzenzuwachs aufgrund des Mehrkonsums einer Gütereinheit größer ist als die Kosten, welche dem Konsumenten durch diese Ausweitung entstehen. Die Mehrkosten der Zunahme des Konsums um eine Einheit entsprechen aber gerade dem auf dem Markt gültigen Preis dieses Gutes. Der Haushalt erreicht also sein Nutzenmaximum gerade dort, wo der Grenznutzen aller konsumierten Güter gerade dem Güterpreis entspricht.

 

Steigt nun der Preis, so liegt der Preis über dem Grenznutzen und der Haushalt kann den durch die Preissteigerung ausgelöste Verlust dadurch reduzieren, dass er die Nachfrage nach den Gütern, in denen der Preis angestiegen ist, reduziert. Analog hierzu gilt natürlich auch, dass eine Preissenkung eine Ausweitung des Konsums ratsam sein lässt, da ja in diesem Falle der Grenznutzen nun über dem Güterpreis liegt.

 

Zusammenfassend können wir feststellen, dass die Nachfragekurve nach Gütern mit dem Verlauf des Grenznutzens dieser Güter zusammenfällt und da die Grenznutzenkurve einen fallenden Verlauf aufweist (Eine Ausweitung der Nachfrage führt zu einem Sinken des Grenznutzens), weist auch die Nachfragekurve einen negativen Verlauf auf: Preissteigerungen werden mit einem Rückgang, Preissenkungen mit einem Zuwachs der Nachfrage beantwortet.

 

 

 

 

Auch für die Nachfrage muss mit der Möglichkeit gerechnet werden, dass in Einzelfällen die Nachfrage anomal reagiert, dass also die Nachfrage steigt, wenn der Preis steigt oder fällt, wenn der Preis sinkt. Ein besseres Verständnis dafür, dass in Einzelfällen die Nachfrage auch anomal reagieren kann, gewinnen wir dadurch, dass wir uns gedanklich die Nachfragereaktion aus zwei verschiedenen Anpassungsschritten entstanden denken können. Nehmen wir den Fall einer Preissteigerung. Die Steigerung des Preises eines Konsumgutes bedeutet für den Haushalt erstens, dass sich bei Konstanz der Preise der übrigen Konsumgüter das Preisverhältnis zu Lasten des Gutes verschiebt, dessen Preis gestiegen ist.

 

Diese Preisverschiebung macht es jedoch vorteilhaft, vom dem Gut mit dem gestiegenen Preis weniger zu konsumieren und den hierdurch freiwerdenden Geldbetrag für die Nachfrage nach den anderen Gütern zu vergrößern. Ein Nutzenmaximum erzielt ein Haushalt entsprechend dem zweiten Gossen‘schen Gesetz genau dann, wenn der Grenznutzen des Einkommens in all seinen Verwendungen gleich hoch ist.

 

Nehmen wir einmal an, dass ein Haushalt dieses Gleichgewicht erreicht hatte, dass aber nun der Preis des Gutes x1 angestiegen ist. Dies bedeutet unmittelbar, dass der Preis bei dem fraglichen Konsumgut über dem Grenznutzen liegt und dass der Haushalt seinen Nutzen durch Substitution dieses Gutes durch ein anderes Gut vergrößern kann. Wir sprechen deshalb hier auch vom Substitutionseffekt einer Preissteigerung. Dieser Substitutionseffekt fällt stets negativ aus: Aufgrund der Veränderung des Preisverhältnisses wird die Nachfrage stets zuungunsten der Güter verschoben, deren Preis gestiegen ist.

 

 

Die Steigerung des Preises eines Konsumgutes bedeutet für den Haushalt zweitens, dass das reale Einkommen (bei Konstanz des nominellen Haushaltseinkommens) sinkt. Wir erhalten ja das reale Einkommen dadurch, dass wir das nominelle Einkommen durch das Preisniveau (durch den Durchschnitt aller konsumierten Güter dividieren.

 

Eine Verringerung des realen Einkommens hat nun zu der Folge, dass der Haushalt die Nachfragemengen der einzelnen Konsumgüter reduziert, also wird der Haushalt auch die Nachfrage des Gutes, dessen Preis annahmegemäß gestiegen ist, in aller Regel verringern. Wir sprechen hierbei vom Einkommenseffekt einer Preissteigerung. Im Rahmen der klassischen Haushaltstheorie wird davon ausgegangen, dass dieser Einkommenseffekt nicht immer negativ ist: Die durch die Steigerung der Konsumentenpreise verursachte Reduzierung des Realeinkommens führt danach auch nicht immer zu einer Verminderung der Konsumnachfrage. Bei den sogenannten inferioren Gütern kann die Nachfrage sogar trotz oder gerade wegen der Preissteigerung steigen.

 

Bringen wir ein Beispiel. Ein Haushalt habe bisher seinen Fettbedarf zum größten Teil mit hochwertigen Fetten wie z. B. Öl aus Nüssen, allerdings auch teilweise mit weniger wertvollen Fetten wie z. B. Schweineschmalz befriedigt. Da aufgrund einzelner Preissteigerungen bei Fetten das reale Einkommen so stark gesunken ist, dass sich der Haushalt in geringerem Maße als bisher die hochwertigsten Fette leisten kann, wird er seinen Fettbedarf stärker als bisher auf die weniger qualitativen Fette verlagern. Dies kann zur Folge haben, dass trotz Preisanstiegs auch bei den minderwertigen Fetten trotzdem wegen des negativen Einkommenseffektes die Nachfrage nach diesen Fetten ansteigt.

 

Wir haben also in diesen Fällen zwischen zwei sich widersprechenden Effekten zu unterscheiden. Der Einkommenseffekt fällt in diesem Falle Nachfrage steigernd, der Substitutionseffekt hingegen Nachfrage mindernd aus. Nun wird der Fall denkbar, dass der positive Einkommenseffekt den negativen Substitutionseffekt übersteigt mit der Folge, dass die Nachfrage trotz Preissteigerung ansteigt. Wir sprechen hierbei vom Giffen-Fall zu Ehren des Forschers Robert Giffen, der wohl als erster diesen Effekt empirisch nachgewiesen hat.

 

Nun ist für das Funktionieren des marktwirtschaftlichen Allokationsmechanismus nicht nur wichtig, dass Angebot und  Nachfrage auf Preisvariationen normal reagieren, also mit der richtigen Richtung reagieren, es ist auch von Bedeutung, wie schnell die Marktteilnehmer auf Preisänderungen reagieren und mit welcher Stärke sie reagieren. Ein Maßstab für den Reaktionsumfang auf Preisvariationen ist der Begriff der Preiselastizität. Hierbei gibt die Preiselastizität der Nachfrage (h) an, um wie viel Prozent die Nachfrage (N) sinkt, wenn der Preis (p) um einen Prozentpunkt steigt:

 

h = dN/N : dp/p = dN/dP * p/N

 

 

In analoger Weise gibt der Begriff der Angebotselastizität (e) an, um wie viel  Prozent das Angebot (X) steigt, wenn der Preis (p) um einen Prozentpunkt steigt:

 

e = dX/X : dp/p = dX/dP * p/x

 

Da Ungleichgewichte immer bedeuten, dass Wohlfahrtsverluste eintreten, gilt ganz allgemein, dass die Wohlfahrt per Saldo um so größer ist, je schneller das Marktungleichgewicht abgebaut wird und das wiederum erfolgt in der Regel um so schneller, je schneller Angebot und Nachfrage auf Preisvariationen reagieren und je größer die Angebots- und Nachfrageelastizitäten ausfallen.

 

Allerdings werden wir weiter unten Fälle kennen lernen, bei denen offensichtlich zu schnell oder auch zu umfangreich von den Marktteilnehmern reagiert wird, bei denen also zusätzliche Wohlfahrtsverluste zu befürchten sind gerade weil zu schnell und zu umfangreich auf die Preissignale reagiert wurde.

 

Auch gilt es anzumerken, dass eine Gleichgewichtstendenz auch dann noch erwartet werden kann, wenn sich der eine Marktpartner anomal verhält. Es ist durchaus denkbar, dass trotz anomalem Verhalten der einen Marktseite trotzdem ein Abbau des Ungleichgewichtes erreicht wird, weil nämlich die normal wirkende Elastizität der anderen Marktseite größer ist als die Elastizität des sich anomal verhaltenden Marktpartners.

 

Fortsetzung!