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Pathologie der Marktwirtschaft

 

 

    

Gliederung der Vorlesung:

 

1. Problemeinführung

2. Pathologische Branchen

3. Wettbewerb versus Monopol

4.  Externe Kosten und Erträge

5.  Der Allokationsmechanismus

6.  Der Verteilungsmechanismen der Wohlfahrt

7.  Die Weiterentwicklung des Liberalismus

      

 

 

Kapitel 2. Pathologische Branchen Teil III

 

 

Gliederung:

 

1. Die Verpackungsindustrie

2. Werbeindustrie

3. Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel

4. Die öffentlichen Medien

5. Drogen- und Waffenhandel

6. Diskriminierung auf Arbeitsmärkten

7. Leih- und Zeitarbeit

8. Finanzmärkte

9. Umweltgefährdungen

 

 

 

6. Diskriminierung auf Arbeitsmärkten

 

Wir hatten uns bisher mit der Pathologie von Gütermärkten einschließlich der Märkte für Dienstleistungen beschäftigt. Aber nicht nur die Gütermärkte im weiterten Sinne des Wortes weisen zum Teil pathologische Züge auf. Von pathologischen Erscheinungen sind auch teilweise die Faktormärkte betroffen. So muss davon ausgegangen werden, dass auch die Arbeitsmärkte keinesfalls immer zu befriedigenden Ergebnissen führen.

 

Eine besondere pathologische Erscheinung, welche vor allem in der Vergangenheit aber auch noch heute auf Arbeitsmärkten anzutreffen ist, liegt in der Diskriminierung. Von Diskriminierung wollen wir hierbei immer dann sprechen, wenn bestimmte Arbeitnehmergruppen aufgrund eines spezifischen Merkmals eine Entlohnung erfahren, welche deutlich von den Lohnsätzen der übrigen Angehörigen dieser Arbeitnehmergruppe nach unten abweicht bzw. im Gegensatz zu den anderen Arbeitnehmern einen Lohn unterhalb seiner Grenzproduktivität bezieht.

 

Diskriminiert wurden in der Vergangenheit vor allem weibliche Arbeitnehmer wegen ihres Geschlechts und ältere Arbeitnehmer wegen ihres Alters. So erhielten z. B. Frauen in vergleichbaren Positionen einen geringeren Lohnsatz als ihre männlichen Kollegen. Als Diskriminierung muss aber auch bezeichnet werden, wenn bei der Anstellung von Führungspositionen Männer gewählt werden, obwohl weibliche Bewerber die bessere Eignung für diese Position aufweisen. In ähnlicher Weise kann auch festgestellt werden, dass es ältere Arbeitnehmer bedeutend schwieriger haben als jüngere Bewerber, ab einem bestimmten Alter (bereits ab 50 Lebensjahren!) eine neue Stelle zu erhalten oder auch wegen ihres Alters entlassen werden, obwohl sie durchaus noch für die anstehende Arbeit geeignet gewesen wären.

 

In anderen Ländern findet auch eine Diskriminierung wegen der Rasse oder auch wegen der Religionszugehörigkeit bestimmter Arbeitnehmer statt. Wenn auch in Deutschland z. B. Arbeitnehmer mit einem Migrationshintergrund  insgesamt weniger verdienen als Arbeitnehmer ohne diesen Hintergrund und diese Arbeitnehmer es auch auf dem Arbeitsmarkt schwieriger haben, einen geeigneten Arbeitsplatz zu finden, hat dies weniger damit zu tun, dass diese Arbeitnehmer diskriminiert werden (auch das kommt natürlich vereinzelt vor). Der wichtigste Grund für das geringere Lohnniveau dieser Arbeitnehmergruppe liegt jedoch darin, dass sie wegen ihres Migrationshintergrund eine geringere Ausbildung haben und gerade deshalb für bestimmte qualifizierte Arbeitsplätze nicht geeignet erscheinen.

 

Für eine Diskriminierung reicht es also nicht aus, dass eine bestimmte Arbeitnehmergruppe oder auch nur ein einzelner Arbeitnehmer einen geringeren Lohnsatz oder ein geringeres Lohneinkommen erhält als vergleichbare andere Arbeitnehmer oder dass der prozentuale Anteil einer Arbeitnehmergruppe für bestimmte Führungspositionen geringer ist als der Anteil an der Gesamtbevölkerung. Für das Vorliegen einer Diskriminierung ist es stets erforderlich, dass eine Entlohnung nicht der erbrachten Leistung entspricht oder aber, dass bei der Besetzung von Arbeitsplätzen, insbesondere von Führungspositionen nicht der für diese Stelle am besten geeignete Bewerber genommen wurde.

 

So ist es z. B. durchaus denkbar, dass in einem spezifischen Beruf eine Frau einen geringeren Lohn erhält, wenn sie z. B. wegen einer schlechteren Ausbildung auch eine geringere Leistung als ein vergleichbarer männliche Arbeitnehmer erbringt und wir können trotzdem nicht von Diskriminierung sprechen. Oder aber es ist denkbar, dass der Frauenanteil in einer bestimmten Branche geringer ausfällt als der entsprechende Anteil der Frauen an der gesamten Arbeitnehmerschaft, wenn die Frauen unter den Bewerbern dieser Stelle eine geringere Eignung aufwiesen als die männlichen Bewerber.

 

Wiederum muss auch mit der Möglichkeit gerechnet werden, dass die Gruppe der älteren Arbeitnehmer einen geringeren Lohn bezieht als die jüngeren Arbeitnehmer und es liegt auch hier keine Diskriminierung vor, wenn tatsächlich die Leistung der älteren Arbeitnehmer geringer ausfällt als die der jüngeren Arbeitnehmer. Und wenn die Leistungsfähigkeit der älteren Arbeitnehmer tatsächlich geringer wäre als die der jüngeren, so läge auch keine Diskriminierung vor, wenn die älteren Arbeitnehmer schlechtere Einstellungschancen besitzen würden als ihre jüngeren Kollegen. Trotz dieser Einschränkungen muss jedoch davon ausgegangen werden, dass in der Vergangenheit in großem Maße weibliche und ältere Arbeitnehmer auch dann diskriminiert wurden, wenn wir diesen hier beschriebenen strengeren Maßstab anlegen.

 

Der Umstand, dass weibliche Arbeitnehmer bei Führungspositionen in der Vergangenheit unterrepräsentiert waren, muss oftmals darauf zurückgeführt werden, dass auf den vorgelagerten Bildungsmärkten geschlechtlich bezogene Diskriminierungen stattgefunden haben. Immer dann, wenn Jugendliche trotz Begabung und Lernwilligkeit an einer Ausbildung behindert werden, findet eine Diskriminierung statt, welche sich dann auch auf den nachgelagerten Arbeitsmärkten für Führungspositionen fortpflanzt und dort eine Unterrepräsentierung bestimmter Arbeitnehmergruppen auslösen kann. Wenn nur wenige Konzerne weibliche Vorstands- oder Aufsichtsratsmitglieder aufweisen, ist es nicht zwingend, dass gerade bei der Besetzung dieser Posten Diskriminierungen stattfanden.

 

Oftmals muss diese Unterrepräsentation weiblicher Arbeitskräfte damit erklärt werden, dass bereits die jeweils untergeordneten Positionen unterbesetzt sind, sodass es an geeigneten weiblichen Führungskräften mangelt, welche sich für die höchsten Führungspositionen bewerben können. Abhilfe kann in diesen Fällen nur dadurch erreicht werden, dass man an den untersten Stellen dafür Sorge trägt, dass keinerlei Diskriminierungen stattfinden.

 

Zunächst kommt es darauf an, dass jede Art der Diskriminierung an den Ausbildungsstätten unterbleibt. Im nächsten Schritt muss dann dafür gesorgt werden, dass auf den unteren und dann auf den mittleren Führungspositionen keine Diskriminierungen zugelassen werden. Erst dann kann damit gerechnet werden, dass auch bei der Besetzung der höchsten Führungspositionen ausreichend qualifizierte weibliche Bewerber zur Verfügung stehen, sodass dann, wenn bei der Besetzung dieser obersten Führungsstellen wirklich die qualifiziertesten Bewerber ohne Ansehen des Geschlechts ausgewählt werden, in langfristiger Sicht und im Durchschnitt aller Unternehmungen der Anteil der weiblichen Vorstandsmitglieder in etwa ihrem Anteil in der gesamten Arbeitnehmerschaft entspricht.

 

Wenn also auf lange Sicht eine Unterrepräsentierung weiblicher Führungskräfte nur dann vermieden werden kann, wenn sich auch an den Bildungsstätten jeweils die Qualifiziertesten unabhängig von dem jeweiligen Geschlecht der Auszubildenden durchsetzen, kann man erreichen, dass bei den obersten Führungspositionen in den Unternehmungen auch jeweils die qualifiziertesten Bewerber ausgewählt werden, wiederum unabhängig von ihrem Geschlecht.

 

Dass in der Vergangenheit bis in die Gegenwart hinein bei der Besetzung der unternehmerischen Führungspositionen Diskriminierungen größeren Umfanges stattfanden, ist zunächst einmal verwunderlich. Im Rahmen der politischen Ökonomik wurde vor allem von Gary Becker nachgewiesen, dass Diskriminierungen jeder Art nicht nur Nachteile für die Diskriminierten, sondern auch für diejenigen Unternehmungen, welche diskriminieren, mitsichbringen, zumindest wenn sie in Wettbewerb mit anderen Unternehmungen stehen.

 

Verzichtet nämlich eine Unternehmung darauf, den jeweils qualifiziertesten Bewerber für eine offene Arbeitsstelle einzustellen, dann verzichtet er auch auf mögliche Produktivitätsgewinne. Er weist dann höhere Stückkosten auf, als dann wenn er die jeweils qualifiziertesten Arbeitnehmer eingestellt hätte und verschafft sich dadurch Nachteile im Wettbewerb mit anderen Unternehmungen und verbaut sich die Möglichkeit, durch Preissenkungen seinen Marktanteil zu erhalten oder sogar auszuweiten. Nur wenn ein Unternehmer eine Monopolsituation einnimmt, würde sich die Diskriminierung nicht auch für den diskriminierenden Unternehmer nachteilig auswirken.

 

Nun müssen wir natürlich davon ausgehen, dass in der Realität keinesfalls ein vollständiger Wettbewerb die vorherrschende Marktform darstellt. In praxi überwiegt eine oligopolistische und monopolistische Konkurrenzsituation. Die Unternehmer besitzen eine gewisse Machtposition, sie ist jedoch in aller Regel nicht wiederum so groß, dass überhaupt kein Wettbewerb mehr stattfindet. Vor allem gilt es daran zu erinnern: Friedrich von Hayek hat darauf aufmerksam gemacht, dass Wettbewerb auch dann stattfinden kann, wenn morphologisch gesehen (also von der Anzahl der Anbiete her) eine Monopolsituation vorliegt, aber trotzdem ein potenzieller Wettbewerb bei Freihandel bestehen bleibt, da jeder Versuch eines inländischen Monopolisten, seine Monopolmacht auszuspielen, dazuführen würde, dass ausländische Unternehmungen in den Binnenmarkt eindringen würden und somit die Monopolmacht der inländischen Unternehmungen beenden würde.

 

Wir wollen also festhalten, dass trotz Vermachtung der Märkte im Allgemeinen trotzdem genügend Wettbewerb besteht, dass es sich die Unternehmungen eigentlich nicht leisten können, auf mögliche Produktivitätsgewinne zu verzichten und dass es deshalb unverständlich bleibt, weshalb trotzdem in größerem Maße Diskriminierungen im Hinblick auf Geschlecht und Alter festgestellt werden können.

 

Eine mögliche Erklärung liegt in einem Verhaltensmuster, das man als Gleichschritt bezeichnet und das zunächst auf ganz anderen Märkten aufgezeigt wurde. Die Bedeutung eines Gleichschritts wurde wohl erstmals von C. A. Phillips 1921 in seiner Arbeit über ‚Bankkredit‘ für den Bankensektor nachgewiesen. Vorherrschende Meinung zu der damaligen Zeit war, dass die Privatbanken kein Geld schöpfen können, sodass die gesamte umlaufende Geldmenge eindeutig von der in Umlauf gebrachten Notenmenge (und der Menge an Geldmünzen) begrenzt werde.

 

Phillips konnte aufzeigen, dass die Privatbanken in ihrer Gesamtheit sehr wohl Giralgeld schöpfen können und damit in der Lage sind, die gesamte umlaufende Geldmenge ohne Mitwirkung der Notenbank auszuweiten, sofern sie nur bei der Kreditgewährung im Gleichschritt vorgehen. Würde eine einzelne Bank ihr Kreditvolumen ausweiten, würde sie sehr schnell an Grenzen stoßen, da ja die gewährte Kreditsumme zum größten Teil entweder bar abgehoben oder auf Konten anderer Banken überwiesen werden würde. Gehen jedoch die Privatbanken im Gleichschritt vor, weiten sie also in etwa gleichem Umfang ihr Kreditvolumen aus, so kann die einzelne Bank davon ausgehen, dass aufgrund der Kreditgewährung der anderen Banken der größte Teil der Kreditsumme wiederum auf den Konten dieser Bank eingezahlt werden. Die Banken sind damit in der Lage, eine vielfache Summe ihrer Liquiditätsreserve als Kredite zu vergeben.

 

Entscheidend ist hierbei, dass dieses Verhalten nicht voraussetzt, dass sich die Banken zu einer Großbank zusammenschließen oder Absprachen treffen, es reicht aus, dass jede Bank von sich aus bereit ist, Giralgeld zu schöpfen und dass sie wissen, dass die andern Banken in gleicher Weise vorgehen.

 

Dieses Verhaltensmuster eines Gleichschritts kann nun auch im Hinblick auf die Diskriminierung einzelner Arbeitskräfte beobachtet werden. Die obersten Führungskräfte in den Unternehmungen sind sich einig, dass für die leitenden Führungspositionen nur Männer oder nur Arbeitnehmer bis zu einem bestimmten Alter als geeignet gelten. Wiederum bedarf es keiner ausdrücklichen Absprache der Unternehmungen untereinander, es reicht zur Durchsetzung dieses Verhaltensmusters die Überzeugung aus, dass die meisten Konkurrenten in gleicher Weise vorgehen. Und in diesem Falle bleiben ja auch die oben aufgezeigten Wettbewerbsnachteile aus, da ja nur dann mit Wettbewerbsnachteilen zu rechnen wäre, wenn es Konkurrenten gäbe, welche von diesem Vorurteil nicht ausgehen und bereit sind, ihre Produktivität dadurch zu steigern, dass sie jeweils die qualifiziertesten Arbeitskräfte unbeschadet ihres Geschlechts oder Alters einstellen.

 

Es bleibt natürlich die Frage, wie sich solche Vorurteile und darauf aufbauenden Verhaltensmuster bilden und vor allem über längere Perioden halten konnten. In diesem Zusammenhange dürfte der Umstand, dass gerade die führenden Positionen in unserer Gesellschaft von Führungskräften eingenommen werden, welche ihre Ausbildung in einigen wenigen elitären Internaten erfahren haben, dazu beitragen, dass sich bestimmte Vorurteile bilden und dass sich gerade deshalb, weil die Zugehörigkeit zu solchen elitären Internaten für die meisten eine lebenslange Bindung darstellt, diese Vorurteile auch für länger Zeit halten können.

 

 

7. Leih- und Zeitarbeit

 

Diskriminierungen sind nicht die einzigen pathologischen Erscheinungen, welche auf einzelnen Arbeitsmärkten zu beobachten sind. Auch die Märkte für Leih- und Zeitarbeit zeigen höchst unbefriedigende Ergebnisse. Zu diesen zählen vor allem ein extrem niedriges Lohnniveau, welches kaum über das physische Existenzniveau reicht. Zwar müssen auch die sonstigen Arbeitsbedingungen als unbefriedigend gelten. Aus der Sicht eines Arbeitnehmers ist es höchst unbefriedigend, wenn sein Arbeitsplatz wie bei der Zeitarbeit nur für eine gewisse Zeit garantiert ist, dass er also damit rechnen muss, in nächster Zeit wiederum arbeitslos zu sein. Und sicherlich wird man einem Arbeitnehmer auch eine gewisse Beständigkeit und Stabilität seines Arbeitsverhältnisses zugestehen müssen, eine Forderung, welche sich sicherlich nur schwer erfüllen lässt, wenn dem Arbeitnehmer zugemutet wird, immer wieder an anderen Arbeitsstellen mit anderen Vorgesetzten und anderen Kollegen arbeiten zu müssen. Auch verletzt es sicherlich das Arbeitsgefühl der Leih- und Zeitarbeiter, wenn sie feststellen müssen, dass sie die – aus ihrer Sicht – gleiche Arbeit für wesentlich weniger Lohn als ihre Arbeitskollegen, welche in einem Dauerarbeitsverhältnis stehen, verrichten müssen.

 

Nun kann man den Umstand der schlechteren Arbeitsbedingungen immer noch als eine notwendige zweit- oder drittbeste Lösung ansehen, wenn man bedenkt, dass vermutlich ceteris paribus diese Arbeitnehmer ohne diese Regelungen arbeitslos geworden bzw. geblieben wären. Natürlich wird man diese Zustände nur als eine vorübergehende Lösung ansehen können, welche spätestens beim nächsten Konjunkturaufschwung, wenn die Nachfrage nach Arbeitskräften wiederum ansteigt, durch eine Daueranstellung abgelöst werden sollte. In diesem Sinne gleicht das Zeitarbeiterverhältnis der Gewährung einer Kurzarbeit, welche ebenfalls nur so gerechtfertigt werden kann, dass ohne diese Regelung mit einer wesentlich höheren Zahl von Entlassungen hätte gerechnet werden müssen.

 

Etwas anders ist die Tatsache zu beurteilen, wenn die Zeit- und Leiharbeiter zu einem geringeren Lohnsatz beschäftigt werden als andere Arbeitnehmer, obwohl sie die gleiche Arbeit verrichten. Wird tatsächlich die gleiche Arbeit zu unterschiedlichen Lohnsätzen bezahlt, liegt genauso eine Diskriminierung wie bei den im vorhergehenden Abschnitt diskutierten Diskriminierungen weiblicher oder älterer Arbeitnehmer vor.

 

Nun muss man sich allerdings darüber klar werden, dass die Höhe des Nettolohnes, den ein Arbeitnehmer erhält, abweichen kann von der Höhe der Kosten, welche ein Arbeitgeber in diesem Zusammenhange zu zahlen hat. Generell muss man davon ausgehen, dass die Kosten des Arbeitgebers in stärkerem Maße als sonst üblich den Lohnsatz, den der Arbeitnehmer erhält, übersteigen. Denn für Zeit- und Leiharbeiter entstehen in der Regel zusätzliche Anwerb- und Anlernkosten, auch wird man davon ausgehen können, dass der Leih- oder Zeitarbeiter weniger Erfahrung als der normale Arbeitnehmer mitbringt und dass aus diesen Gründen die Arbeitsproduktivität bei dieser Arbeitnehmergruppe unterdurchschnittlich hoch ist.

 

Auf jeden Fall entspricht es nicht der Normalität, wenn einzelne Arbeitgeber die Möglichkeit der Leih- und Zeitarbeit dazu ausnutzen, um auch die Arbeitnehmer, welche bisher einer regulären Arbeit nachgingen zu entlassen und sie sofort wiederum als Zeit- oder Leiharbeiter zu einem wesentlich niedrigeren Lohnsatz einzustellen. Zeit- und Leiharbeit ist aus der Sicht des Arbeitgebers eigentlich nur dort angebracht, wo sich der Arbeitgeber noch nicht im Klaren darüber ist, ob der Konjunkturaufschwung schon begonnen hat oder ob es sich um einmalige Aufträge handelt, die es noch nicht rechtfertigen, neue Arbeitskräfte auf Dauer einzustellen. Aus der Sicht der Volkswirtschaft wird man das Vorhandensein von Zeit- und Leiharbeit damit rechtfertigen, dass ohne diese Einrichtung diese Arbeitnehmer vermutlich arbeitslos blieben.

 

Aber auch hier gilt die These von Gary Becker, dass sich diese Art von Diskriminierung eigentlich für den Arbeitgeber nicht auszahlt, dass die Stückkosten geringer ausfallen würden, wenn er immer dann, wenn er bestimmte Arbeitskräfte für längere Zeit benötigt, auch diesen einen regulären Arbeitsvertrag gewähren würde. Zwar liegt die eigentliche Ursache für diesen Zusammenhang weniger darin, dass der Arbeitgeber die Konkurrenz seiner Mitbewerber befürchten muss; er würde vermutlich auch in diesem Falle Arbeitnehmer nur als Zeitarbeiter ohne einen längeren Arbeitsvertrag beschäftigen. Die geringere Produktivität der Zeitarbeiter liegt vielmehr wie bereits angedeutet, darin, dass zusätzliche Anwerb- und Anlernkosten aufgebracht werden müssen und dass auch ein Zeit- oder Leiharbeiter eben gerade deshalb, weil er immer wieder an anderen Arbeitsstellen eingesetzt wird, auch nicht über die Erfahrung eines normalen Arbeitnehmer verfügt.

 

Die Tatsache, dass der Lohnsatz zahlreicher Zeit- und Leiharbeiter nahe am Existenzminimum oder sogar darunter liegt, ist auch noch aus einem anderen Grunde äußerst unbefriedigend. Das Konzept der Arbeitslosenversicherung (übrigens auch das eines sekundären Arbeitsmarktes) beruht darauf, dass das Arbeitslosengeld deutlich unter dem regulären Lohn liegt. Denn nur dann hat der arbeitslose Arbeitnehmer auf der einen Seite ein Interesse daran, sich um eine Wiederbeschäftigung zu bemühen. Auf der anderen Seite kann aus moralischen Gründen die Höhe des Arbeitslosengeldes wohl kaum unterhalb des Existenzminimums (der Armutsgrenze) angesetzt werden. Dies würde bereits dem Grundgesetz widersprechen.

 

Die Menschenwürde ist für jeden Bürger im Grundgesetz geschützt und gilt als unantastbar; zur Menschenwürde zählt aber auch, dass jeder Bürger über Einkünfte verfügen muss, welche zumindest dem Existenzminimum entsprechen. Entspricht aber nun der Lohnsatz der Leih- und Zeitarbeiter nur dem Existenzminimum oder fällt der Lohn hier sogar noch geringer aus, dann lässt sich die für das Funktionieren der Arbeitslosenversicherung unerlässliche Differenz des Arbeitslosengeldes zum regulären Lohnsatz nicht mehr aufrechterhalten. Der einzelne Arbeitnehmer in diesem Arbeitsmarktsektor erreicht als Arbeitsloser eine höhere Wohlfahrt, da das Arbeitslosengeld genauso hoch ausfällt als der reguläre Lohnsatz. Im Gegensatz zum Beschäftigten hat der Arbeitslose jedoch  keine Leistung zu erbringen und verfügt darüber hinaus über sehr viel mehr Freizeit als der Beschäftigte.

 

Zunächst wird vermutlich nur ein geringer Teil der hiervon betroffenen Arbeitnehmer von der Möglichkeit, arbeitslos zu bleiben, Gebrauch machen. Für wohl den größten Teil der Arbeitnehmer ist das Ziel, einer geregelten Arbeit nachzugehen, genau so wichtig, wie ein ausreichendes Einkommen zu beziehen. Stets wird es aber eine mehr oder weniger große Arbeitnehmergruppe geben, welche gerade wegen der größeren Freiheit den Weg der Arbeitslosigkeit wählt.

 

Und nun setzt ein verhängnisvoller Teufelskreis ein. Gerade der Umstand, dass es Arbeitnehmer gibt, welche als Arbeitslose eine größere Wohlfahrt als die Beschäftigten erzielen, bringt einen starken Anreiz, diesem Vorbild zu folgen, man fühlt sich ‚für dumm verkauft‘, wenn man trotz Wohlfahrtsverlustes trotzdem eine reguläre Arbeit anstrebt. Und dieser Anreiz ist um so größer, je größer bereits die Zahl der Arbeitslosen ist. Der Umstand, dass auch die Arbeitsbedingungen im Bereich der Leih- und Zeitarbeiter oftmals mehr als unbefriedigend sind, verstärkt diese Anreize.

 

Die Tatsache, dass in bestimmten Wirtschaftsektoren der Lohnsatz nicht über das Existenzminimum steigt, kann verschiedene Gründe haben. Ein erster Grund liegt darin, dass unter Umständen auf speziellen Arbeitsmärkten die Marktform eines Nachfragemonopols seitens der Arbeitgeber vorliegt und dass es den Unternehmungen auf diese Weise möglich ist, den Lohnsatz unter die Grenzproduktivität der Arbeit zu drücken. In diesem Falle hat offensichtlich die Arbeitsmarktordnung, welche eigentlich vorsieht, dass Löhne und sonstige Arbeitsbedingungen zwischen Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden ausgehandelt werden, versagt. Unter normalen Bedingungen wird man davon ausgehen können, dass es den Gewerkschaften aufgrund ihrer Streikmacht auch gelingt, zu verhindern, dass die Lohnsätze unter die Grenzproduktivität fallen.

 

Eine monopolistische Macht der Arbeitgeber ist jedoch nur eine der Möglichkeiten dafür, dass in bestimmten Wirtschaftszweigen extrem geringe Lohnsätze (in der Nähe des Existenzminimums) gewährt werden. Ein zweiter möglicher Grund liegt darin, dass die Arbeitsproduktivität in diesen Sektoren gar nicht über das Existenzminimum ansteigt. Um diesen Zusammenhang zu verstehen, müssen wir uns auf der einen Seite bewusst werden, wie wir denn gewohnt sind, das Existenzminimum und die Armutsgrenze zu bestimmen und wie sich das wirtschaftliche Wachstum auf der anderen Seite in einer modernen Marktwirtschaft entwickelt.

 

Wenn wir das wirtschaftliche Wachstum an dem Anstieg des Pro-Kopf-Einkommens messen, ist es der technische Fortschritt, welcher dafür verantwortlich ist, dass auf lange Sicht gesehen das Pro-Kopf-Einkommen steigt. Technischer Fortschritt basiert auf Erfindungen. Wir können nun nicht davon ausgehen, dass solche Erfindungen gleichmäßig auf alle Wirtschaftsektoren verteilt stattfinden. Ob und in welchem Maße Erfindungen stattfinden, hängt immer von einzelnen Persönlichkeiten ab und es hängt vom Zufall ab, wo und in welcher Verteilung Wohlfahrtssteigerungen bei der Produktion möglich werden.

 

Es muss immer damit gerechnet werden, dass es einzelne Sektoren gibt, in denen keine oder nur eine sehr geringe Produktivitätssteigerung stattfindet, ja sogar gar keine Möglichkeit für technischen Fortschritt gegeben ist. Jean Fourastie ging noch von der Vorstellung aus, dass sich der gesamte Dienstleistungssektor für technischen Fortschritt nicht eigne, dass nur die industrielle Produktion überhaupt technischen Fortschritt in großem Stile ermögliche. Diese Auffassung hat sich nicht bewahrheitet. Durch die Einführung des Computers wurde sogar in weiten Bereichen des Dienstleistungssektors ein überdurchschnittlich hoher Fortschritt hervorgerufen. Trotzdem dürfte es unbestritten sein, dass es andere Dienstleistungsektoren wie z. B. das Austragen von Zeitungen gibt, in denen in der Tat kaum Möglichkeiten einer größeren Produktivitätssteigerung denkbar sind.

 

Nun müssen wir uns darüber klar sein, dass der Begriff des Existenzminimums, so wie wir ihn heute definieren, immer wiederum an die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung angepasst wird. So bestimmt die von den europäischen Behörden initiierte Definition die Armutsgrenze jeweils als 40% des Pro-Kopf-Einkommens. Wenn nun auf der einen Seite Jahr für Jahr das Pro-Kopf-Einkommen steigt und es auf der anderen Seite Sektoren gibt, welche kaum technischen Fortschritt erfahren, nähert sich notwendigerweise ex definitione die Produktivität der am wenigsten produktiven Sektoren notwendiger Weise der Armutsgrenze.

 

 

8. Finanzmärkte

 

Unter den Faktormärkten weisen nicht nur die Arbeitsmärkte, sondern auch die Finanzmärkte pathologische Erscheinungen auf. Vor allem die jüngste Finanzkrise hat gezeigt, dass auch die Finanzmärkte – und zwar nicht nur einige wenige Banken – zu Recht unbefriedigenden Ergebnissen führen können. So konnten einige Großbanken nur dadurch überleben, dass sie mit staatlichen Steuergeldern aufgekauft oder subventioniert wurden. Ohne diese Milliarden schweren Geldspritzen bestand in der Tat die Gefahr, dass zunächst das Bankensystem und mit ihm aber auch die gesamte reale Volkswirtschaft in eine lang anhaltende tiefe Depression gestürzt wäre.

 

Auch kann es keinesfalls als normal angesehen werden, wenn die führenden Notenbanken der Welt, allen voran die Notenbank der USA und Europas für die an Banken gewährten Kredite Zinsen nahe an Null vergeben hatten. Auf der einen Seite kann man nicht davon ausgehen, dass Kapital wirklich ein freies Gut darstellt und in einer funktionierenden Volkswirtschaft erzielen nur Güter keinen Preis, sind also beliebig zu erhalten, wenn sie nicht knapp sind. Auf der anderen Seite trägt natürlich ein nahezu bei null liegender Zins in Zeiten des Konjunkturtiefs dazu bei, bereits die Voraussetzungen für den erneuten Ausbruch einer rezessiven Konjunkturentwicklung zu schaffen. Können nämlich Unternehmungen in Zeiten der Rezession Kredite fast zum Nulltarif beziehen, können sich auch Unternehmungen bilden oder erholen, welche nicht in der Lage sind, unter normalen Bedingungen rentabel zu produzieren und müssen unweigerlich eines Tages aus diesen gründen Konkurs anmelden.

 

Vor dem erneuten Umknicken der Konjunktur besteht darüber hinaus die Gefahr, dass es zu einer Inflation kommt. Aufgrund der Politik des extrem billigen Geldes wird nämlich viel mehr Geld in die Wirtschaft gepumpt als das Inlandsprodukt wachsen kann. Wenn aber die Geldmenge stärker steigt als die Produktion, so führt dies nach den Erkenntnissen der Quantitätstheorie unweigerlich zu allgemeinen Preissteigerungen. Dass die Inflationsrate nicht sofort auf die Vermehrung der Geldmenge reagiert, hängt damit zusammen, dass große Teile des in die Volkswirtschaft gepumpten Geldes zunächst in Kasse gehalten werden und erst dann für den Ankauf von Wertpapieren eingesetzt werden, wenn sich die Konjunkturaussichten verbessert haben und nicht mehr befürchtet werden muss, dass der Kurs der nachgefragten Wertpapiere weiter sinkt und deshalb zu Kursverlusten führt, welche die erwarteten Zinsen übersteigen.

 

Sobald der Konjunkturaufschwung jedoch in Gang kommt, werden diese Gelder wieder zinsbringend angelegt und in dem Maße, in der die umlaufende Geldmenge das Warenangebot übersteigt, steigt die Inflationsrate an, was nur verhindert werden könnte, wenn die Notenbank bereit und in der Lage wäre, die umlaufende Geldmenge drastisch zu reduzieren. An dieser Bereitschaft dürfte es jedoch fehlen, da drastische Zinserhöhungen die Gefahr mit sich bringen, dass die Konjunktur erneut einbricht und an der Möglichkeit der Notenbanken dürfte es deshalb mangeln, weil die Privatbanken die Möglichkeit haben, Giralgeld zu schöpfen, auch dann, wenn die umlaufende Menge an Notenbanken zurückgeht. Die Umlaufsgeschwindigkeit erhöht sich und die Wertsumme des Geldes bleibt auch dann zu hoch, wenn es der Notenbank gelingt, die Menge der umlaufenden Banknoten zu reduzieren.

 

Die so zu erwartende Inflation trägt dann selbst dazu bei, die Gefahr eines baldigen Konjunkturumbruchs zu beschleunigen, weil in der Sonne der Preissteigerungen auch Unternehmungen Erfolg haben werden, welche unter normalen Bedingungen unrentabel wären. Gerade diese Unternehmungen werden also dann über kurz oder lang bankerott gehen, damit weitere Unternehmungen mitreißen und somit den nächsten Konjunkturumschwung einleiten.

 

Die Tatsache, dass sich die Staaten gezwungen sahen, zur Vermeidung eines Zusammenbruches des gesamten Finanzmarktes kriselnde Banken mit Steuergeldern zu stützen, bringt jedoch das gesamte Ordnungsgefüge einer Marktwirtschaft in Gefahr. Die Ordnung einer Marktwirtschaft steht und fällt mit dem Haftungsprinzip. Danach wird es zwar den Unternehmungen gestattet, hohe Gewinne einzustreichen, wenn ihre riskanten Investitionen zum Erfolg führen. Das Haftungsprinzip sieht aber gleichzeitig vor, dass dann, wenn eine risikoreiche Investition nicht zum Erfolg führt, der Investor auch die gesamten volkswirtschaftlichen Verluste mit seinem gesamten Vermögen zu tragen hat. Eine Marktwirtschaft funktioniert also nur dann, wenn Unternehmungen bei Fehlentscheidungen auch Konkurs gehen können.

 

Nur auf diese Weise kann verhindert werden, dass Unternehmungen auch solche Investitionen durchführen, welche mit großer Wahrscheinlichkeit zum Misserfolg führen. Eine Marktwirtschaft wird nur dann funktionieren, wenn es Unternehmer gibt, die bereit sind, Investitionen und Innovationen durchzuführen, welche mit einem überschaubaren Risiko verbunden sind. Da niemand zu solchen Investitionen gezwungen werden kann, ist nur dann mit einer ausreichenden Investitionsaktivität zu rechnen, wenn die Unternehmer damit rechnen können, dass sie bei erfolgreicher Investition Gewinne erziele können.

 

Hierin allein liegt die Rechtfertigung dafür, dass es in einer Marktwirtschaft einer kleinen Gruppe von Reichen gestattet ist, Gewinne zu erzielen, welche weit über dem Pro-Kopf-Einkommen der Bevölkerung liegen. Es muss aber auch sichergestellt sein, dass keine Investitionen durchgeführt werden, bei denen im Vornherein klar ist, dass sie zum Misserfolg führen. Eine solche Gefahr kann nur vermieden werden, wenn die Investoren auch für ihre Fehlentscheidungen mit ihrem Vermögen haften.

 

Können Banken darauf vertrauen, dass Verluste auf jeden Fall vom Staat getragen werden, ist dieses für eine Marktwirtschaft konstitutive Haftungsprinzip aufgegeben. Es kann nicht mehr damit gerechnet werden, dass nur solche Risiken eingegangen werden, welche auch zum Erfolg führen und das System wird auch ausgesprochen ungerecht, da Unternehmungen hohe Gewinne auch dann erzielen, wenn sie nicht zur Wohlfahrtssteigerung beitragen. Natürlich ist es richtig, dass dann, wenn eine Großbank Gefahr läuft, Konkurs zu gehen, auch die anderen Banken Gefahr laufen, mitgerissen zu werden und dass das gesamte Finanzsystem auf diese Weise zusammenbrechen kann und dass ein Staat gar nicht anders handeln kann, diese maroden Banken zu stützen, wenn eine solche Situation eingetreten ist. Der Fehler der staatlichen Politik lag darin, dass sie es zugelassen hat, dass es zu einer solchen Situation überhaupt kommen konnte.

 

Hätte der Staat bereits verhindert, dass monopolistische bzw. oligopolistische Bankenstrukturen entstehen, bei denen einige wenige Großbanken zweistellige Anteile am gesamten Kreditverkehr kontrollieren, wäre auch nicht die Gefahr gewesen, dass wegen des Bankrotts einer einzelnen Bank der gesamte Finanzmarkt zusammenbricht und der Staat hätte es zulassen können, dass eine marode Bank auch Pleite geht.

 

Walter Eucken, der Begründer des deutschen Neoliberalismus, hatte deshalb auch einen starken Staat und eine staatliche Monopolaufsicht für unerlässlich gehalten, um zu verhindern, dass der Wettbewerb von Seiten der Unternehmungen unterlaufen wird. Diese Befürchtung gilt nicht nur für Industrieunternehmungen, sondern für die gesamte Volkswirtschaft, also auch für die Finanzmärkte. Wenn deshalb in der Öffentlichkeit die Meinung vertreten wird, der Neoliberalismus habe versagt, wird von einem vollkommen falschen Verständnis des Neoliberalismus ausgegangen. Die vergangenen Finanzkrisen hätten gerade verhindert werden können, wenn man die von Walter Eucken formulierten konstituierenden und regulierenden Prinzipien in die Tat umgesetzt hätte. Nicht ein Zuviel, sondern ein Zuwenig an neoliberalen Grundsätzen hat zu dieser Krise geführt.

 

In der Öffentlichkeit werden die Finanzmärkte noch aus einem weiteren Grund für pathologisch angesehen. Vor allem an den Börsen hätte sich die Spekulation breit gemacht und Spekulieren gilt für viele als das Böse schlechthin. Hierbei besteht diese Meinung aus einem Vorurteil. Sie enthält nur eine Teilwahrheit. Zwar gibt es in der Tat Spekulationen, von denen schädliche Einflüsse ausgehen, aber grundsätzlich erfüllt die Spekulation in einer dynamischen, sich permanent veränderten Welt durchaus positive Funktionen.

 

Von Spekulationen sprechen wir immer dann, wenn die Marktteilnehmer ihre Kauf- oder Verkaufsentscheidungen nicht nur vom heute gültigen Preis, sondern darüber hinaus auch von den für die zukünftigen Perioden erwarteten Preise abhängig machen. So kann ein Spekulant aufgrund der Tatsache, dass in naher Zukunft eine Preissteigerung zu erwarten ist, seine Nachfrage ausweiten, um entweder seinen zukünftigen Bedarf bereits heute abzudecken oder um die heute zusätzlich eingekauften Güter in den nächsten Perioden mit Gewinn wiederum zu verkaufen. In ähnlichere Weise kann die Erwartung fallender Preise zu einer Zurückhaltung in der Nachfrage führen, da ja dann in den zukünftigen Perioden die gleichen Waren zu geringeren Preisen erworben werden können.

 

Um zu verstehen, dass von einer Spekulation positive Funktionen ausgehen, müssen wir etwas weiter ausholen. Alles Wirtschaften dient der Bewältigung der Knappheit. Der Vorrat an materiellen Gütern reicht nicht aus, um unseren ganzen Bedarf zu befriedigen. Gleichzeitig können wir davon ausgehen, dass die knappen Ressourcen auf unterschiedliche Weise auf unsere Bedarfsobjekte verteilt werden können und dass der gesamte Nutzen, den wir mit unseren knappen Ressourcen erzielen können, entscheidend davon abhängt, wie wir unsere Ressourcen auf die einzelnen Verwendungsarten aufteilen.

 

In einer Marktwirtschaft erfolgt diese Produktionslenkung der Ressourcen durch die Preisverhältnisse, welche sich auf freien Märkten einstellen. Nur dann, wenn die Preisverhältnisse der einzelnen Güter zueinander den Knappheitsverhältnissen entsprechen, kann man damit rechnen, dass die Aufteilung der Ressourcen auf die einzelnen Bedarfsobjekte so optimal wie möglich erfolgt. Ändern sich nun die wirtschaftlichen Daten z. B. aufgrund eines Bedarfswandels oder eines technischen Fortschritts, so verändern sich die Knappheitsverhältnisse und es wird notwendig, dass die Preisverhältnisse an diese veränderten Daten angepasst werden. Solange die Preisverhältnisse sich noch nicht an diese Datenänderungen angepasst haben, entstehen Wohlfahrtsverluste, weil sich die Nachfrage nicht auf die Güter richtet, in denen die Bevölkerung ihren  höchstmöglichen Nutzen erzielen könnte. Diese Anpassung benötigt allerdings Zeit.

 

Und hier kommt nun die Spekulation ins Spiel. Durch die Spekulation wird nämlich die Zeitspanne, die verstreicht, bis sich die Preisverhältnisse an die neuen Daten angepasst haben, erheblich verkürzt und gerade dadurch werden sonst entstehende Wohlfahrtsverluste vermieden. Nehmen wir den Fall, dass der Bedarf nach einem bestimmten Gut gestiegen sei. Also entsteht zunächst auf diesem Markt ein Nachfrageüberhang. Nur dadurch, dass der Preis dieses Gutes steigt, kann wiederum ein neues Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage erzielt werden. Solange der neue Gleichgewichtspreis noch nicht erreicht ist, findet keine optimale Produktionslenkung statt. Ein Spekulant, welcher über diese Datenänderungen informiert ist, wird nun gerade dieses Gut vermehrt nachfragen, da er hofft, diese zusätzlich gekauften Güter in der nächsten Periode mit einem höheren Preis und damit mit Gewinn wiederum verkaufen zu können. Die Nachfrage nach diesem Gut und damit auch der Preis steigt also und nähert sich dem Gleichgewichtspreis schneller als ohne Spekulation an. Dies bedeutet, dass der Zeitraum der Anpassung, in dem noch eine fehlerhafte Produktionslenkung stattfindet, verringert wird und damit werden sonst zu erwartende Wohlfahrtsverluste verringert.

 

Damit diese positive Funktion einer Spekulation eintritt, bedarf es allerdings gewisser Voraussetzungen, vor allem muss davon ausgegangen werden, dass der Spekulant über die eingetretenen Datenänderungen informiert ist. Nehmen wir einmal den Fall an, dass aufgrund eines politischen Ereignisses wie z. B. der Zerstörung des World Trade-Centers die Wertpapierkurse viel stärker fallen als eigentlich aufgrund der eingetretenen Verluste zu erwarten sei. Die Masse der wenig informierten Teilnehmer am Börsengeschäft werden auf diese rapiden Kursverluste panisch reagieren und möglichst alle Wertpapiere schnellstens verkaufen. Diese zusätzlichen Verkaufsangebote tragen dazu bei, dass die Kurse noch stärker fallen, obwohl wir ja angenommen haben, dass bereits die anfänglichen Kursminderungen weit über das volkswirtschaftlich notwendige Maß hinausgegangen waren.

 

Da also die unerwünschten Kursminderungen durch diese spekulativen Verkäufe noch verstärkt werden, also die Stabilität der Kurse verringert wird, müssen wir diese Art von Spekulation als destabilisierend und somit auch als wohlfahrtsmindernd einstufen. Der gut informierte Börsenmakler hingegen hätte in einer solchen Situation seine Wertpapiere nicht verkauft, weil er ja davon ausgehen konnte, dass die Kursminderungen nicht von Dauer sein werden, dass sich also über kurz oder lang die Kurse wiederum erholen und ihr bisheriges Niveau erreichen werden (was ja nach dem Börsenkrach 2001 auch tatsächlich der Fall war).

 

Er wird sogar Wertpapiere zu dem geringeren Kurs aufkaufen, um sie dann später wiederum mit Gewinn verkaufen zu können. Während jedoch die panischen Wertpapierverkäufe zu einer Destabilisierung geführt haben, trägt das Verhalten des informierten Börsenmaklers sogar zur Stabilisierung bei. Gerade weil dieser Makler beim Fallen der Kurse Wertpapiere kauft, trägt er dazu bei, dass aufgrund dieser Nachfragesteigerung die Kurse weniger fallen und deshalb in den folgenden Perioden auch weniger ansteigen müssen mit der Folge, dass die Kursausschläge insgesamt geringer stattfinden. Diese Art Spekulation war stabilisierend und damit auch wohlfahrtssteigernd.

 

Besonders gravierend sind die Wohlfahrtsverluste bei den sogenannten Leerverkäufen. Von einem Leerverkauf spricht man immer dann, wenn Spekulanten Wertpapiere oder auch Waren an der Börse im Rahmen eines Termingeschäftes verkaufen, welche sie im Zeitpunkt des Verkaufes noch gar nicht besitzen. Sie versprechen, diese Waren in einer zukünftigen Periode anzubieten und hoffen darauf, in der zukünftigen Periode diese Waren zu einem Preis kaufen zu können, der in der Zwischenzeit gegenüber dem heutigen Preis gefallen ist und sie erwarten, auf diese Weise aus dieser Preisdifferenz einen Gewinn zu erzielen. Eine solche Vorgehensweise ist aus mehreren Gründen äußerst riskant.

 

Der Spekulant eines Leerverkaufes läuft nämlich nicht nur Gefahr, dass die tatsächlichen Preissenkungen geringer ausfallen als unterstellt, er muss auch damit rechnen, dass er unter Umständen die Waren in der zukünftigen Periode gar nicht erwerben kann, weil auch andere Käufer diese Waren nachfragen und diese Waren kurzfristig gar nicht vermehrt produziert werden können. Die Kursschwankungen werden dadurch noch verstärkt, weil ja nun in der heutigen Periode sogar Güter verkauft werden, die es in dieser Periode gar nicht gibt. Der Kurs fällt also stärker als ohne diese Leerverkäufe, in der zukünftigen Periode hingegen steigt der Kurs wiederum stärker als er es ohne Leerverkäufe getan hätte, weil ja dann die zusätzliche Nachfrage dieser Spekulanten hinzukommt. Volkswirtschaftlich ist also eine solche Spekulation per saldo stets wohlfahrtsmindernd und deshalb höchst unerwünscht.

 

Der Gesetzgeber hat diesem Tatbestand auch durchaus entsprochen. Das geltende Börsengesetz gestattet nur fachlich ausgebildeten Personen den Zugang zur Börse und trägt deshalb dazu bei, dass die Wahrscheinlichkeit panischer Börsenaktivitäten verringert wird. Leider ist jedoch diese Absicht des Gesetzgebers durch zwei Entwicklungen vereitelt worden. Auf der einen Seite kann jeder, welcher Wertpapiere besitzt oder kaufen möchte, seine Bank mit diesem Geschäft beauftragen. Da im Zuge der Wohlfahrtssteigerung immer mehr Personen über ausreichend Vermögen verfügen, um diese in Wertpapieren anzulegen, da aber trotzdem der Kenntnisstand dieser Vermögenden nicht unbedingt in gleichem Maße gestiegen ist, muss damit gerechnet werden, dass es auch vermehrt zu panischen Reaktionen kommt. Das Bankpersonal mag zwar vor unüberlegten Verkäufen warnen, wird aber solche Aufträge sicherlich nicht ablehnen, weil die Bank ja an jedem vermittelnden Börsengeschäft verdient und die Interessen der Banken und der Bankkunden keinesfalls immer identisch sind.

 

Eine weitere Durchbrechung der Gesetzesabsicht ergab sich daraus, dass seit einiger Zeit fast jedem Bürger die Möglichkeit offensteht, sich am Internetbanking ohne Mitwirkung fachkundiger Bankangestellter zu beteiligen. Auch ohne Wissen der Banken kann jeder, der über ein Internet verfügt und sich zum Internetbanking angemeldet hat, Wertpapiere an der Börse unmittelbar kaufen oder auch verkaufen. Damit kann jedoch nicht mehr verhindert werden, dass aufgrund von Unkenntnissen über die zugrunde liegenden Wirtschaftsdaten panische Verkäufe in großem Maße stattfinden und damit die Konjunktur erheblich gefährden.

 

Schließlich ist noch neben der Vermachtung der Finanzmärkte und der Gefahr destabilisierender Spekulation auf eine dritte pathologische Fehlentwicklung der Finanzmärkte hinzuweisen. Seit geraumer Zeit setzen vor allem größere Unternehmungen Computerprogramme ein, welche die Kursentwicklung überprüfen und in dem Augenblick, in dem ein Kurs einen bestimmten Wert unterschreitet, automatisch ohne Mitwirkung des Verkäufers selbst den Verkauf dieser Papiere auslösen. Denkbar ist natürlich auch, dass bei Überschreiten eines bestimmten Kurses automatisch Käufe dieser Wertpapiere getätigt werden. Setzen nun viele Unternehmungen ein solches Programm ein und verwenden diese Unternehmungen unter Umständen sogar das gleiche Programm an und reagieren deshalb zur gleichen Zeit wie alle anderen Anwender dieses Programmes, kann es zu verheerenden Kursschwankungen kommen, welche wiederum die gesamte konjunkturelle Entwicklung beeinträchtigen können.

 

Man sollte sich klar machen, dass diese Entwicklung nichts zu tun hat mit den gerade dargestellten panischen Reaktionen. Es sind sehr rationelle Überlegungen, welche zum Einsatz dieser Programme geführt haben und es sind äußerst fachkundige Institute, welche diese Programme entwickelt haben. Und wenn wir bedenken, dass eigentlich gerade dann von einer optimalen Vorgehensweise gesprochen werden kann, wenn sich die Wirtschaftssubjekte möglichst schnell an die Datenänderungen anpassen, dann sollte doch – so sollte man meinen – eigentlich ein Einsatz solcher Programme als wohlfahrtssteigernd und erwünscht angesehen werden.

 

Aber offensichtlich gibt es auch eine zu schnelle und in zu großen Schritten ablaufende Reaktion der Marktpartner auf Datenänderungen. Dass der Einsatz solcher Computerprogrammen in Wirklichkeit so verheerende Folgen haben kann, liegt darin begründet, dass der Gleichgewichtsprozess des Marktes nämlich nicht nur verlangt, dass sich die Marktpartner möglichst schnell an Datenänderungen in normaler Weise anpassen, sondern darüber hinaus, dass das Angebot und die Nachfrage atomisiert erfolgen.

 

Der große Vorteil einer Marktwirtschaft gegenüber einer staatlichen Planwirtschaft liegt gerade darin, dass nicht ein einziger Wirtschaftsträger (der Staat), sondern eine Vielzahl von Einzelunternehmungen wirtschaftliche Entscheidungen fällen. Die Entscheidungen, welche in einer staatlichen Planwirtschaft gefällt werden, gelten in der Regel für die gesamte Wirtschaft, sie treten zum gleichen Zeitpunkt ein und weisen in die gleiche Richtung. Der Umstand, dass sich eine Marktwirtschaft auf eine Vielzahl von voneinander unabhängiger Entscheidungsträgern verteilt, bringt es mit sich, dass auf Datenänderungen recht unterschiedlich und auch zeitlich verteilt reagiert wird. Aber gerade dadurch ist das marktwirtschaftliche System sehr viel besser in der Lage, auf Datenänderungen zu reagieren als die zentrale Staatsbehörde.

 

Die Fähigkeit einer Wirtschaftsordnung, Ungleichgewichte zwischen Angebot und Nachfrage so schnell wie möglich abzubauen, gleicht einem Kanalisationssystem, das dafür sorgen soll, dass das Regenwasser schnellstens abläuft. Es leuchtet ohne weiteres ein, dass dann, wenn eine bestimmte Regenmenge zeitlich und auch räumlich verteilt auf die Erde fällt, ein bestehendes Kanalisationssystem sehr viel besser in der Lage ist, das Regenwasser sofort in die Kanalisation zu leiten als dann, wenn dieselbe Regenmenge in Form eines Wolkenbruchs in einer sehr kurzen Zeit und auf eine eng begrenzte Fläche vom Himmel fällt. Hier ist die beste Kanalisation nicht in der Lage, das Wasser von den Straßen fernzuhalten.

 

Dieser Vorteil einer Atomisierung der Entscheidungen in einer Marktwirtschaft geht nun immer mehr verloren, je größer die Unternehmungseinheiten werden und je weniger Entscheidungsträger es gibt. Genau diese Verringerung in der Atomisierung der wirtschaftlichen Entscheidungen liegt jedoch beim Einsatz dieser Computerprogramme seitens einiger Großunternehmungen vor. Würden die einzelnen an der Börse durchgeführten Kauf- und Verkaufsentscheidungen von einer Vielzahl kleiner Wirtschaftseinheiten zeitlich verteilt gefällt werden, so würde in einem Augenblick immer nur eine relativ kleine Menge eines Wertpapieres (Gutes) gehandelt und diese kleine Veränderung in der gehandelten Menge würde auch nur eine entsprechend kleine Preisänderung hervorrufen. Diese relativ kleine Preisänderung würde aber sofort zu einer Korrektur in der Mengenreaktion der Käufer und Verkäufer führen. Damit wäre die Voraussetzung geschaffen, dass sich Preise und die angebotenen und nachgefragten Mengen kontinuierlich dem Gleichgewicht nähern.

 

Der Umstand aber, dass einige wenige Unternehmungen zur gleichen Zeit, weiterhin mit gleicher Richtung relativ große Änderungen in Angebot oder Nachfrage veranlassen, führt dazu, dass sehr große Preisänderungen ausgelöst werden und dass diese Preiskorrekturen auch wiederum sehr große Mengenreaktionen hervorrufen. Der Preis nähert sich nun nicht in kleinen Schritten dem neuen Gleichgewichtspreis, die Preis- und Mengenkorrekturen erfolgen nun in so großen Schritten, dass Preise und Mengen über ihr Ziel (über den neuen Gleichgewichtspunkt) hinausschießen, sodass ein Angebotsüberhang nicht mehr nur zu einer Verringerung dieses Überhanges führt, sondern sofort zu einem Nachfrageüberhang führt. Das Marktsystem wird auf diese Weise instabil.