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Pathologie der Marktwirtschaft

 

 

 

Gliederung der Vorlesung:

 

1. Problemeinführung

2. Pathologische Branchen

3. Wettbewerb versus Monopol

4.  Externe Kosten und Erträge

5.  Der Allokationsmechanismus

6.  Der Verteilungsmechanismen der Wohlfahrt

7.  Die Weiterentwicklung des Liberalismus

 

 

 

Kapitel 1. Problemeinführung 

 

 

Gliederung des Kapitels:

 

1. Die Pathologie im Rahmen der medizinischen Wissenschaft

2. Die Übertragung dieser Unterscheidung auf die Wirtschaftswissenschaft

3. Existenzielle versus akzidentelle Unvollkommenheiten

4. Die Problematik des Nirwanaansatzes.

5. Die Unterscheidung von Marktmängel und Marktversagen

6. Der Aufbau der Vorlesung

 

 

1. Die Pathologie im Rahmen der medizinischen Wissenschaft

 

In dieser Vorlesung wollen wir uns mit der Pathologie der Marktwirtschaft befassen. Dieser Begriff ist der medizinischen Wissenschaft entlehnt. Im Rahmen der medizinischen Wissenschaft wird im Allgemeinen zwischen der Physiologie und der Pathologie unterschieden. In einem Lehrbuch der Physiologie lesen wir, dass die Physiologie sich zum Ziel setzt, die normalen Lebensvorgänge des Menschen naturwissenschaftlich zu untersuchen und zwar die physikalischen und chemischen Abläufe, ihre Beziehungen zueinander und in ihrer Bedeutung für den menschlichen Organismus zu erklären. Es geht hierbei in erster Linie darum, die wichtigsten Funktionen der einzelnen menschlichen Organe wie z. B. des Herzens, der Lunge, der Niere oder der Blase zu erforschen und darlegen, wie diese Funktionen im einzelnen gesteuert werden und zusammenwirken.

 

Die Pathologie wird hingegen im Allgemeinen als der Fachbereich der Medizin verstanden, der sich die Beschreibung krankhafter Veränderungen, vor allem der Zellen und Organe des menschlichen Körpers, zum Ziel setzt. So untersucht z. B. die Pathologie Gewebeproben, um zu überprüfen, ob ein Tumor als bösartig zu gelten hat, oder es wird untersucht, welche Ursachen – bezogen auf die Vorgänge im menschlichen Körper – den Tod eines Menschen herbeigeführt haben. So versteht sich die Pathologie zu einem großen Teil einfach als die Lehre von den Krankheiten, als eine Lehre also, welche die Aufgabe hat, die einzelnen Krankheiten systematisch zu beschreiben und sie in einen Gesamtzusammenhang einzuordnen. Im Sprachgebrauch von Medizinern und Psychotherapeuten wird deshalb auch der Begriff »pathologisch« und »krankhaft« gleichgesetzt.

 

 

2. Die Übertragung dieser Unterscheidung auf die Wirtschaftswissenschaft

 

Diese Unterscheidung der medizinischen Wissenschaft lässt sich nun auch auf die Wirtschaftswissenschaft übertragen. Auch hier können wir wissenschaftliche Untersuchungen, welche die Zusammenhänge innerhalb einer funktionierenden Marktwirtschaft erkunden, von solchen Abhandlungen, welche sich mit dem Nichtfunktionieren einer Marktwirtschaft befassen, unterscheiden. Im ersten Falle werden die Marktprozesse beschrieben, wie sie sich ergeben, wenn von einer funktionierenden Marktwirtschaft ausgegangen werden kann. Man beschreibt diese Prozesse und legt dar, welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, damit die Marktwirtschaft wie beschrieben funktioniert.

 

Der pathologische Teil der Wirtschaftswissenschaft hingegen befasst sich mit den aufgetretenen Mängeln einer Marktwirtschaft, es wird hier erkundet, in welchen Bereichen solche pathologischen Befunde auftreten, man fragt weiterhin nach den Ursachen dieser Mängel, warum also der Markt unter gewissen Bedingungen nicht zu den Ergebnissen führt, welche in der allgemeinen Markttheorie unterstellt werden und es werden gegebenenfalls Vorschläge entwickelt, auf welchem Wege diese Mängel behoben oder zumindest vermindert werden können.

 

Wenn auch im Allgemeinen in der wirtschaftswissenschaftlichen Literatur nicht von Pathologie als einer Lehre von krankhaften Erscheinungen gesprochen wird, finden wir im Grunde durchaus eine entsprechende Unterscheidung in der wirtschaftswissenschaftlichen Disziplin. Es wird nämlich in der praktischen Arbeit der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten und Veröffentlichungen sehr wohl eine Einteilung vorgenommen, welche dieser hier zu behandelnden Unterscheidung sehr nahe kommt.

 

So wird traditionell zwischen wirtschaftstheoretischen und wirtschaftspolitischen Abhandlungen unterschieden, auch die in den wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten ausgewiesenen Lehrstühle werden in wirtschaftstheoretische Lehrstühle und in solche, welche sich mit der Lehre der Wirtschaftspolitik befassen, untergliedert. Dementsprechend unterscheiden die einschlägigen Prüfungsordnungen auch zwischen den Prüfungsfächern Wirtschaftstheorie und Wirtschaftspolitik. Dabei gilt es sich bewusst zu werden, dass die Inhaber der wirtschaftspolitischen Lehrstühle keinesfalls Wirtschaftspolitiker sind, welche die wirtschaftstheoretischen Überlegungen der Wirtschaftstheoretiker in die praktische Politik umsetzen, also wirtschaftspolitisch handeln.

 

Wenn man will ist auch der Inhaber eines wirtschaftspolitischen Lehrstuhles in einem gewissen Sinne Theoretiker, der sich genauso wie sein wirtschaftstheoretischer Kollege mit der Analyse von Wirkungszusammenhängen der Wirtschaft befasst. Man spricht deshalb auch oftmals von einer theoretischen Wirtschaftspolitik. Der Unterschied zwischen den Bereichen Wirtschaftstheorie und theoretische Wirtschaftspolitik besteht in der jeweils angewandten Betrachtungsweise.

 

Derselbe Wirkungszusammenhang wird von einem unterschiedlichen Blickwinkel aus untersucht. Man spricht hierbei, dass der Lehrer der Wirtschaftspolitik die wirtschaftstheoretischen Ergebnisse soziotechnisch umformuliert. Was für den Wirtschaftstheoretiker ein Bestimmungsgrund (eine Ursache) einer wirtschaftlichen Problemgröße darstellt, wird aus der Sicht des Lehrers der Wirtschaftspolitik zum Mittel, während die in der Wirtschaftstheorie aufgezeigten Wirkungen im Rahmen der theoretischen Wirtschaftspolitik als Ziele fungieren. Machen wir uns diese soziotechnische Formulierung anhand eines Beispiels klar.

 

Betrachten wir den Bereich der Beschäftigung. Es war das Hauptanliegen der von John Maynard Keynes entwickelten Beschäftigungstheorie, aufzuzeigen, dass der Beschäftigungsgrad (also der Prozentsatz der arbeitswilligen und arbeitsfähigen Arbeitnehmer, welcher einen Arbeitsplatz inne hat), davon abhängt, wie viel Nachfrage nach Gütern in einer Volkswirtschaft ausgeübt wird.

 

Private Haushalte können ihr Einkommen entweder für den Ankauf von Konsumgütern ausgeben oder auch sparen. Entscheidet sich ein Haushalt dazu, Teile seines Einkommens zu sparen, also nicht für den Ankauf von Gütern (zumindest nicht in der heutigen Periode) zu verwenden, besteht die Gefahr, dass weniger Arbeitnehmer als bisher beschäftigt werden können. Die Unternehmer sehen sich nur in der Lage, die bisher beschäftigten Arbeitnehmer weiter zu beschäftigen, wenn auch alle produktionsbedingten Ausgaben der Unternehmungen mit den Verkaufserlösen zurückerstattet werden.

 

Natürlich können wir davon ausgehen, dass zumindest ein Teil der gesparten Einkommen doch wiederum auf Umwegen den Unternehmungen zufließen, z. B. dadurch, dass die Ersparnisse eines Haushaltes den Banken eingezahlt werden und die Banken diese Spargelder in Form von Krediten den Unternehmungen zur Verfügung stellen, sodass diese in der Lage sind, die Produktionskapazität auszuweiten.

 

Es war das Hauptanliegen von Keynes, darauf aufmerksam gemacht zu haben, dass nicht alle Ersparnisse auf diese Weise an die Unternehmungen zurückfließen, wir müssen davon ausgehen, dass ein Teil der Ersparnisse gehortet wird, also gar nicht die Banken und damit auch nicht die Unternehmungen erreicht und dass darüber hinaus die Gefahr besteht, dass die Unternehmungen selbst dann, wenn die Zinsen gesenkt werden, nicht bereit sind, Investitionen in Höhe der Sparsumme zu tätigen.

 

Um zu verstehen, dass der Rückfluss der Spargelder zu den Unternehmungen an der fehlenden Bereitschaft der Unternehmungen zu einer ausreichen Investitionsnachfrage scheitern kann, verweist Keynes unter anderem auf den Umstand, dass in Zeiten des konjunkturellen Abschwungs der Absatz der Unternehmungen zurückgeht, dass die Unternehmungen deshalb Überkapazitäten aufweisen und aus diesen Gründen keinen Anlass sehen, auf dem Wege von Investitionen die ohnehin zu große Produktionskapazität um ein Weiteres zu vergrößern.

 

Wir wollen also festhalten, dass im Rahmen der keynesianischen Beschäftigungstheorie der Beschäftigungsgrad (die Problemgröße dieser Theorie) eine Funktion der Güternachfrage darstellt, in dem Sinne, dass eine Zunahme der autonomen Güternachfrage auch zu einer Zunahme im Beschäftigungsgrad führt. Vollbeschäftigung lässt sich danach nur dann erreichen, wenn auch die gesamte Güternachfrage ein ganz bestimmtes Niveau erreicht, wobei die gesamte Nachfrage gerade dem Gesamtwert des Güterangebotes (also den von den Unternehmungen für die Produktion erforderlichen Ausgaben) entspricht.

 

Fragen wir uns nun nach der Betrachtungsweise der Lehre von der Beschäftigungspolitik, worin also die soziotechnische Umformulierung der Beschäftigungstheorie liegt. Was in der Beschäftigungstheorie als Wirkung angesehen wird, wird in der Lehre der Beschäftigungspolitik zum Ziel. Gewissermaßen wird von einer gewollten und angestrebten Wirkung gesprochen. Die Beschäftigungstheorie geht von der Hypothese aus, dass Nachfragesteigerungen auch eine Steigerung der Beschäftigung zur Folge haben, während der Beschäftigungspolitiker eine Steigerung der Beschäftigung zum Ziele hat.

 

Umgekehrt gilt, dass die Lehre von der Beschäftigungspolitik als politisches Mittel betrachtet, was in der Beschäftigungstheorie als Ursache bzw. als Bestimmungsgrund angesehen wird. Die Güternachfrage gilt im Rahmen der keynesianischen Beschäftigungstheorie als Ursache für Veränderungen in der Beschäftigung, der Beschäftigungspolitiker versucht diese als Ursache für Beschäftigungssteigerungen unterstellte Güternachfrage in Form von Staatsausgabensteigerungen als Mittel der Politik einzusetzen.

 

Man kann diesen Unterschied zwischen der Wirtschaftstheorie und der Lehre von der Wirtschaftspolitik auch so umschreiben, dass die Wirtschaftstheorie aufzeigt, welche Ziele im Rahmen einer Marktwirtschaft realisiert werden, die Problemgrößen der Wirtschaftstheorie liegen letztendlich in der Steigerung der Wohlfahrt der Bevölkerung, und dass die Wirtschaftspolitik immer erst dann aktiv wird, wenn diese Zielgrößen verfehlt werden, wenn man also z. B. feststellt, dass Arbeitslosigkeit auftritt und damit das Ziel der Vollbeschäftigung verfehlt wird. Es ist also  mit anderen Worten ein als gesund geltendes System, das im Mittelpunkt der Betrachtung eines Wirtschaftstheoretikers steht, während die Wirtschaftspolitik tätig wird, weil dieses System an irgendeiner Stelle als krank zu gelten hat.

 

 

3. Existenzielle versus akzidentelle Unvollkommenheiten

 

Dass menschliche Ziele nahezu kaum voll realisiert werden können, ist ein allgemein beobachtetes Phänomen, das in allen menschlichen Bereichen zu beobachten ist. Wohl kaum ein Mensch agiert so vollkommen, dass er eine hundertprozentige Effizienz erreicht, dass er überhaupt keine Fehler macht. Es ist nur allzu menschlich, dass fast jedem Menschen – sicherlich in unterschiedlichem Umfang – immer wieder Fehler unterlaufen. Aber auch dort, wo menschliche Aktivitäten von maschinellen Anlagen unterstützt werden, treten wiederholt Mängel auf.

 

Lange Zeit war man der Auffassung, dass Maschinen im Gegensatz zum Menschen eine hundertprozentige Effizienz erreichen können, dass sich also z. B. ein Computer niemals verrechnet.  Im Ansatz  mag das auch stimmen. Wenn die Schaltungselemente eines Computers richtig konzipiert und realisiert wurden, unterlaufen in der Tat einem Computer auch keine Fehler, ein Computer oder auch eine andere vom Menschen erfundene Maschine weist gerade gegenüber menschlichen Aktivitäten den Vorteil auf, dass er sehr viel schneller Aktionen (wie z. B. Berechnungen) durchführen kann und dass er im Prinzip fehlerfrei arbeitet. Dass ein Computer genauso wie ein Mensch während seiner Aktionen ermüdet und dass ihm deshalb Fehler unterlaufen, kann sicherlich als unrealistisch ausgeschlossen werden.

 

Wir sagten im Prinzip sei das so und haben die Einschränkung gemacht, dass mit dieser Fehlerfreiheit nur dann gerechnet werden kann, wenn auch der betreffende Computer bzw. die betreffende Maschine richtig ausgedacht und die Einzelteile richtig zusammengesetzt wurden. Aber gerade darin liegt das Problem. Jeder Computer und jede Maschine ist von Menschen ausgedacht und hergestellt worden. Menschen sind natürlich nicht nur dann unvollkommen, wenn sie ohne Maschinen agieren, den einzelnen Ingenieuren und Produzenten können selbstverständlich genauso Fehler bei der Konstruktion dieser Anlagen unterlaufen.

 

Aber auch natürliche vom Menschen weitgehend unabhängige Gesetzmäßigkeiten können durchaus Fehler hervorrufen. So werden z. B. die meisten Anlagen, deren sich der Mensch bedient, mit elektrischer Kraft betrieben. Diese kann jedoch aus den unterschiedlichsten Gründen Schwankungen unterliegen und diese Schwankungen können durchaus dazu führen, dass die Mindeststromstärke bzw. -spannung bisweilen unterschritten wird. Tritt dies – wenn vielleicht auch nur für einen Bruchteil einer Sekunde – ein, so ist ein einwandfreies Ergebnis nicht mehr zu erwarten. Mit anderen Worten: Wir haben ganz generell davon auszugehen, dass alle menschlichen Aktionen – auch diejenigen, welche mittels Maschinen ausgeführt werden – mehr oder weniger fehlerhaft sind.

 

Diese bei fast allen menschlichen Handlungen zu erwartenden Unvollkommenheiten sollen jedoch in dieser Vorlesung nicht behandelt werden. Obwohl sie nahezu immer mehr oder weniger zu erwarten sind, stellen sie auch kein ernst zunehmendes Problem dar. Wir haben zu Kenntnis genommen, dass unser Handeln nahezu zu einem 100 prozentigen Erfolg führen kann, „leben“ lässt sich aber auch dann, wenn wir unsere Ziele nur annähernd erreichen. Unsere wirtschaftliche Existenz wird hierdurch in keinster Weise gefährdet.

 

In dieser Vorlesung sollen nur solche Unvollkommenheiten zur Sprache kommen, welche nicht auf diese allgemeinen, aber in ihrer Wirkung doch unbedeutenden menschlichen Unvollkommenheiten zurückzuführen sind. Im Brennpunkt unserer Analyse sollen hingegen solche Effizienzminderzungen stehen, welche einerseits dadurch entstehen, dass wesentliche Voraussetzungen für das Funktionieren einer Marktwirtschaft nicht gegeben sind und welche andererseits doch auch von solchem Gewicht sind, dass sie in ihrer Gesamtheit die Überlegenheit der Marktwirtschaft gegenüber einer staatlichen Planwirtschaft in Zweifel ziehen.

 

 

4. Die Problematik des Nirwanaansatzes.

 

Im Rahmen der Wirtschaftspolitik wird oftmals der Fehler begangen, dass man bereits aus der Tatsache, dass der Markt bisweilen mangelhafte Ergebnisse liefert, die Notwendigkeit und Erwünschtheit eines politischen Eingreifens in den Markt folgert. Betrachten wir hierzu kurz die Entwicklung der Wohlfahrtstheorie, welche sich mit den Voraussetzungen für ein reibungsloses Funktionieren einer Marktwirtschaft beschäftigt. Dieser Zweig der Wirtschaftstheorie begann damit, dass die Klassiker der Wirtschaftstheorie nachzuweisen versuchten, dass eine Volkswirtschaft, in welcher der Staat darauf verzichtet, unmittelbar in das Marktgeschehen einzugreifen, einer von einer staatlichen Zentralbehörde geleiteten Planwirtschaft haushoch überlegen ist.

 

Im Zuge der Weiterentwicklung der Wohlfahrtstheorie fand allmählich in dieser Frage eine hundertprozentige Kehrtwendung statt, in dem die Erkenntnisse der Wohlfahrtstheorie dazu benutzt wurden, um die Mängel einer Marktwirtschaft aufzuzeigen und die Notwendigkeit eines allseitigen staatlichen Eingreifens zu unterstreichen. Es schien teilweise so, als wäre die erwünschte Ausrichtung der Produktion am Bedarf der Konsumenten und eine einigermaßen gerechte Verteilung der Wohlfahrt nur in Ausnahmesituationen zu erreichen. So wurde vor allem von Piero Sraffa darauf aufmerksam gemacht, dass in der realen Marktwirtschaft der Wettbewerb zwischen den Unternehmungen nahezu immer unvollkommen und unvollständig sei. Darüber hinaus scheint es so, dass eine optimale Produktion in einer realen Marktwirtschaft bereits deshalb nicht erreicht wird, weil die einer Volkswirtschaft erwachsenden Produktionskosten fast immer die von den Unternehmungen bezahlten privatwirtschaftlichen Kosten übersteigen.

 

Es ist jedoch falsch, aus dieser unbestreitbaren Tatsache allein die Notwendigkeit eines staatlichen Eingriffs abzuleiten. Vor allem Harold Demsetz sprach in diesem Zusammenhang von einem Nirwanaansatz, der bereits deshalb verfehlt ist, da eine reale Wirtschaftsordnung (die Marktwirtschaft) mit einer idealtypischen Wirtschaftsverfassung (der politischen Lösung wirtschaftlicher Probleme) verglichen wird. Berechtigt sind jedoch nur Vergleiche entweder zwischen Realtypen oder zwischen Idealtypen. Wie wir oben bereits gesehen haben, ist in allen menschlichen Ordnungen und deshalb auch in staatlichen Planwirtschaften mit mehr oder weniger großen Unvollkommenheiten zu rechnen. Es geht deshalb nicht an, einen Realtyp mit einem Idealtyp zu vergleichen.

 

Es war gerade das Anliegen Adam Smiths und anderer liberaler Denker, nachzuweisen, dass eine freie marktwirtschaftliche Ordnung eindeutig einer merkantilistischen Einflussnahme des Staates auf das Verhalten der Wirtschaftssubjekte überlegen ist. Während der Merkantilismus bestrebt war, durch Vergabe von Monopolen in der Binnenwirtschaft und durch Erhebung von Importzöllen und Kontingentierungen in den internationalen Beziehungen in den Wirtschaftsprozess unmittelbar einzugreifen, versuchten die Klassiker den Nachweis zu führen, dass gerade eine Freigabe des Handels enorme produktive Kräfte entfalte.

 

Adam Smith sprach davon, dass die sich in einer freien Marktwirtschaft entfaltende Arbeitsteilung zu hohen Wohlfahrtsgewinnen führe und David Ricardo wies in seiner Theorie der komparativen Kosten nach, dass bei Freihandel alle am Außenhandel beteiligten Nationen Wohlfahrtsgewinne erzielen, gleichgültig, wie sich die absoluten Kosten zu Beginn einer internationalen Beziehung verhalten.

 

Gleichzeitig gelang es vor allem den Vertretern der politischen Ökonomik nachzuweisen, dass eine politische Lösung wirtschaftlicher Probleme in einer idealtypischen Betrachtung einer marktwirtschaftlichen Lösung unterlegen ist. Der Staat bietet grundsätzlich Kollektivgüter an, Privatunternehmer hingegen Individualgüter. Der Charakter eines Kollektivgutes bringt es mit sich, dass sich die Minderheit den Vorstellungen der Mehrheit beugen muss, dass weiterhin Änderungen in den Konsumentenwünschen erst sehr viel später nach Ablauf einer 4 bis 5 jährigen Legislaturperiode zu politischen Anpassungen führen und dass der Wähler immer nur zwischen ganzen Güterbündeln (Parteiprogrammen) wählen kann. Bei einem idealtypischen Vergleich schneiden somit die marktwirtschaftlichen Ordnungen sehr viel besser ab als die politischen Planwirtschaften.

 

Wie fällt jedoch ein Vergleich beider Wirtschaftsordnungen aus, wenn wir reale Volkswirtschaften miteinander vergleichen? Hier haben wir damit zu rechnen, dass die Ergebnisse immer mehr oder weniger von den optimalen Lösungen abweichen, dies gilt gleichermaßen für marktwirtschaftliche wie für staatlich planwirtschaftliche Systeme. Es gibt nicht nur Marktmängel, sondern auch Politikmängel.

 

Die historische Entwicklung der realen marktwirtschaftlichen und staatlich planwirtschaftlichen Systeme hat nun in beeindruckender Weise die Überlegenheit der Marktsysteme aufgezeigt. Im Wettstreit zwischen den westlichen freiheitlichen Marktwirtschaften und dem kommunistischem Block der Sowjetunion brach schließlich die kommunistische Ordnung zusammen. Dies galt gerade auch für die im Ostblock lange Zeit als Musterland geltende DDR. Obwohl die DDR-Wirtschaft lange Zeit zweistellige Wachstumsraten bekannt gab, von denen sehr bald in der BRD nur geträumt werden konnte, enthüllte sich nach dem Zusammenbruch der DDR-Wirtschaft ein Bankrott der gesamten Volkswirtschaft, die DDR-Führung war in den letzten Jahren ihrer Herrschaft noch nicht einmal in der Lage, über ausreichende Ersatzinvestitionen den Erhalt der Produktionsanlagen sicherzustellen. In dem Ausmaß an Ineffizienz wurden auch die Kenner der kommunistischen Staaten völlig überrascht. Also kommen wir zu dem Ergebnis, dass sich auch bei einem Vergleich der realen Wirtschaftssysteme die Marktwirtschaft als das überlegene System ausgezeichnet hat.

 

Diese Erkenntnis bedeutet zwar nicht, dass es keiner politischen Korrekturen eines marktwirtschaftlichen Systems bedarf, wir werden in den folgenden Kapiteln eine Vielzahl von Fällen diskutieren, in denen nur durch politische Maßnahmen eine befriedigende Lösung gefunden werden kann. Diese Erkenntnis sollte jedoch auch dazu führen, dass nicht jede politische Korrektur erwünscht ist, dass in jedem Einzelfall überprüft werden muss, inwieweit politische Korrekturen überhaupt zum Erfolg führen oder inwieweit durch politische Maßnahmen so große negative Sekundärwirkungen ausgelöst werden, dass per saldo die Gesamtwohlfahrt bei einem politischen Eingreifen verringert, statt vergrößert wird.

 

 

5. Die Unterscheidung von Marktmängel und Marktversagen

 

Im Rahmen der Wohlfahrtstheorie werden die Marktunvollkommenheiten in Marktmängel und Marktversagen eingeteilt. Von Marktmängel spricht man immer dann, wenn der Markt zu suboptimalen Ergebnissen führt. Der Markt führt hier zwar immer noch zu einem Gleichgewicht, dieses Gleichgewicht ist jedoch weniger optimal als es eigentlich auf einem funktionierenden Markt sein sollte. Von Marktversagen spricht man nur dann, wenn der Markt seine Fähigkeit eingebüßt hat, überhaupt ein Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage herbeizuführen. Betrachten wir diesen Unterschied etwas genauer.

 

Die traditionelle Wohlfahrtstheorie hat aufgezeigt, dass der Markt nur unter den Bedingungen eines vollständigen Wettbewerbes (und unter einigen weiteren Bedingungen wie vor allem Fehlen von externen Kosten) zu einem Optimum führt. Der Begriff des Optimums ist hierbei so definiert, dass die Produktion soweit dem Bedarf der Konsumenten angepasst ist wie es technisch gesehen überhaupt möglich ist. Im Wohlfahrtsoptimum entsprechen sich die Grenzrate der Substitution und der Transformation, will heißen, dass die von den Konsumenten subjektiv empfundenen Opportunitätskosten den objektiven Preisverhältnissen entsprechen. Würde man den Versuch unternehmen, die knappen Ressourcen von der Produktion des einen Gutes x abzuziehen und sie der Produktion eines anderen Gutes y zuzuführen, würde die gesamte Wohlfahrt der Bevölkerung zurückgehen, unabhängig davon, in welche Richtung die Substitution vorgenommen würde.

 

Hätten wir hingegen die Marktform eines Monopols (stünden also die Unternehmer nicht in Konkurrenz zueinander), so würde dieses Optimum verfehlt. Der Güterpreis würde über dem Preis liegen, der bei Konkurrenz erreicht worden wäre und die produzierte Gütermenge wäre geringer als sie unter Wettbewerbsbedingungen erreicht worden wäre. Trotzdem würde der Markt dazu tendieren, Angebot und Nachfrage auszugleichen. Dieses monopolistische Gleichgewicht würde im Schnittpunkt zwischen Grenzkostenkurve und Grenzerlöskurve liegen, während unter den Bedingungen eines vollständigen Wettbewerbes das Gleichgewicht bei dem Schnittpunkt der Grenzkostenkurve mit der Nachfragekurve liegen würde.

 

Mit andern Worten: Unter Monopolbedingungen führen die gegenüber der Wettbewerbssituation überhöhten Preise dazu, dass die Produktivitätssteigerungen nicht an die Konsumenten in Form von Preissenkungen weitergegeben werden, darüber hinaus entspricht die Zusammensetzung des realisierten Güterbündels nicht so den Konsumentenwünschen, wie es eigentlich technisch möglich wäre und unter Wettbewerbsbedingungen realisiert worden wäre.

 

Bei Marktversagen hingegen führt der Markt nicht automatisch zu einem Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage. Entweder gibt es keinen Preis, bei dem Angebot und Nachfrage übereinstimmen oder aber ein Gleichgewichtspreis wäre zwar denkbar, aber die Reaktionen der Marktteilnehmer auf Ungleichgewichte sind dergestalt, dass sie entweder weg vom Gleichgewicht führen oder bei Erreichen des Gleichgewichtes über das Ziel hinausschießen. Auch wäre es denkbar, dass Ungleichgewichte überhaupt keine Reaktionen bei den Anbietern und Nachfragern auslösen.

 

Nicht nur Märkte weisen Unvollkommenheiten auf. Mängel und Versagen sind im Grunde bei allen gesellschaftlichen Institutionen festzustellen, vor allem auch bei dem Versuch, unbefriedigende Marktergebnisse durch politische Eingriffe in den Markt zu korrigieren. Auch hier muss mit der Möglichkeit gerechnet werden, dass gar keine politischen Entscheidungen zustande kommen, dass also Pattstellungen vorliegen, wir könnten hier von politischem Versagen sprechen oder aber dass durch mangelnde Konkurrenz zwischen den Parteien suboptimale Lösungen angesteuert werden, wir würden hier von politischen Mängeln sprechen.

 

 

6. Der Aufbau der Vorlesung

 

Wir wollen im Folgenden in drei Schritten eine Pathologie der Marktwirtschaft entwickeln. In einem ersten Schritt soll überprüft werden, welche Bereiche der Marktwirtschaft pathologisch reagieren, also nicht die Ergebnisse liefern, welche im Allgemeinen von einer Marktwirtschaft erwartet werden. Auch hier soll nochmals darauf hingewiesen werden, dass nicht jedes suboptimale Ergebnis, jede Ineffizienz als pathologisch bezeichnet wird. Es müssen schon systematische Fehlentwicklungen vorliegen, dass wir von pathologischen Erscheinungen sprechen.

 

Es geht also in diesem ersten Schritt darum, eine Art Mängelliste marktwirtschaftlicher Bereiche zu entwickeln. Wir werden die einzelnen Märkte auf Marktmängel und Marktversagen untersuchen, beschreiben, worin denn diese Mängel im Einzelnen liegen und in einer ersten Analyse darlegen, auf welche Ursachen diese Fehlentwicklungen zurückgeführt werden können. Die systematische Erforschung der Ursachen pathologischer Entwicklungen wird jedoch erst in einem zweiten Schritt erfolgen.

 

In der Wirtschaftstheorie wird im Allgemeinen zwischen Gütermärkten und Faktormärkten unterschieden. Wir wollen dieser Einteilung in dieser Vorlesung folgen und beginnen bei der Überprüfung der einzelnen Gütermärkte. Zunächst sollen Wirtschaftszweige besprochen werden, von denen man eigentlich erwarten könnte, dass sie in aller Regel normal und effizient arbeiten und in denen auf den ersten Blick nicht zu erkennen ist, warum auch hier pathologische Formen auftreten. So werden z. B. die Verpackungsindustrie, sowie die Werbeindustrie analysiert, zwei Branchen, welche im Allgemeinen nicht als besonders regulierungsbedürftig angesehen werden und bei denen von der Erwartung ausgegangen wird, dass der Markt auch befriedigende Ergebnisse liefert. Das bereits 1958 veröffentliche Buch: ‚Die geheimen Verführer mit dem Untertitel: Der Griff nach dem Unbewussten in jedermann‘ von Vance Packard machte jedoch schon sehr früh deutlich, dass im Bereich der Werbung die Marktprozesse nicht so verlaufen, wie es eigentlich erwartet werden müsste.

 

Es folgt eine Analyse der öffentlichen Medien einschließlich des Internets, welche schon deshalb aus dem normalen Rahmen einer Marktwirtschaft herausfallen, weil sie auf der einen Seite zum Teil öffentlich organisiert sind und weil auf der anderen Seite die Finanzierung des größten Teiles der bei der Erstellung dieser Leistungen entstehenden Kosten gerade nicht wie im Normalfall aus den Verkaufserlösen erfolgt.

 

Auch die Märkte für Medikamente einschließlich der Nahrungsergänzungsmittel bedürfen der Überprüfung, hier ergeben sich Abweichungen vom allgemeinen Marktschema bereits daraus, dass die Nachfrage nach diesen Produkten zu einem großen Teil nicht von den Kranken, welche diese Produkte einnehmen, sondern von Dritten: den Ärzten ausgelöst wird.

 

Mit dem Marktbereich für Drogen und Waffen sollen dann zwei Gütergruppen zur Sprache kommen, welche aus dem allgemeinen Marktschema schon deshalb herausfallen, weil es sich hierbei weniger um Güter handelt, welche Nutzen stiften, sondern eher um Ungüter, welche den Betroffenen Schaden zufügen. Waffen werden nachgefragt, weil die Nachfragenden (Staaten wie Privatpersonen) bewusst ihren Gegnern Schaden zufügen wollen, während bei den Drogen die nachfragenden Gruppen von der Hoffnung ausgehen, dass sie ihnen Wohlergehen verschaffen, obwohl klar ist, dass diese Waren den jeweiligen Konsumenten großen langfristigen Schaden zufügen. Dass der Waffenhandel nicht generell verboten wird, hängt damit zusammen, dass man davon ausgehen muss, dass auch sonst friedfertige Staaten oder Personen von Anderen angegriffen werden und weil man vermeint, sich auf diese Weise gegen mögliche Angriffe wehren zu können.

 

Der Drogenhandel hingegen ist ohnehin zumeist illegal, findet also statt, obwohl er offiziell verboten ist. Ein gewisser Teil der Drogenproduktion wird allerdings im Rahmen der Therapie von Kranken und Süchtigen eingesetzt und ist somit für bestimmte Personenkreise durchaus legal.

 

Ein Gütermarkt besonderer Art stellt die Versicherungswirtschaft dar. Nur ein Teil der Versicherungsmärkte folgt marktwirtschaftlichen Regeln, so ist es der Staat, welcher für die sogenannten sozialen Risiken (Krankheit, Unfall, Arbeitslosigkeit und Alter)) Versorgungseinrichtungen geschaffen hat, in denen ganz bewusst marktwirtschaftliche Abläufe unterbunden werden. In gewisser Weise wird jedoch auch auf den verbleibenden privaten Versicherungsmärkten das sonst im Markt gültige do et des - Prinzip verlassen. Ex post gesehen kann ein Versicherungsnehmer wesentlich mehr, aber auch weniger Leistungen aus der Versicherung erhalten, als er durch seine Beiträge in die Versicherung eingezahlt hat. Ex ante gesehen entspricht in Privatversicherungen jedoch die Beitragshöhe dem zu versichernden Risiko. Je größer in der Krankenversicherung die Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung ist, um so höher sind auch die Beiträge, welche an die private Krankenkasse zu zahlen sind.

 

Im Hinblick auf die Faktormärkte sollen vor allem auf der einen Seite  bestimmte Arbeitsmärkte, auf der anderen Seite die Finanzmärkte kritisch untersucht werden. Einerseits fallen Arbeitsmärkte aus dem allgemeinen Marktschema schon deshalb heraus, weil sie in starkem Maße reguliert werden und weil aus diesen Gründen normale Marktreaktionen unterbunden werden. Dies gilt sowohl für eine langfristige Bindung von Löhnen in Tarifverträgen, die es erschweren, dass sich diese Faktorpreise an veränderte Knappheitsverhältnisse anpassen können, als auch für den gesetzlich verordneten Kündigungsschutz, der wiederum verhindert, dass die Nachfrage nach Arbeitskräften an einen veränderten Bedarf unmittelbar angepasst werden kann.

 

Andererseits kann nicht geleugnet werden, dass auch auf sonst freien Arbeitsmärkten in hohem Maße eine Diskriminierung festzustellen ist, von welcher in der Vergangenheit vor allem weibliche und ältere Arbeitskräfte betroffen waren. Dies verwundert vor allem deshalb, weil eine Diskriminierung an und für sich nicht nur den diskriminierten Arbeitskräften, sondern auch – wie vor allem Gary Becker nachgewiesen hat – den Unternehmungen, welche diese Diskriminierung durchführen, Schaden verursacht.

 

Auch die Märkte für Leih- und Zeitarbeit weisen zum Teil pathologische Erscheinungen auf, welche an dieser Stelle untersucht werden sollen.

 

Den Abschluss dieses ersten Schrittes bilden die Finanzmärkte. Gerade die vergangenen Finanzkrisen haben deutlich gemacht, dass auch an und für sich geringes Fehlverhalten einzelner sehr schnell eine allgemeine Finanzkrise auslösen kann, das nur durch massives Eingreifen des Staates überwunden werden kann. Wir werden allerdings sehen, dass die in den öffentlichen Medien und in den Parteien geäußerte Forderung, dass man aufgrund dieser Vorgänge die neoliberale Marktwirtschaft aufgeben müsse, aus einem falschen Verständnis neoliberaler Grundsätze vorgetragen wurde.

 

Richtig ist, dass eine gewisse Regulierung der Finanzmärkte unerlässlich ist. Diese Schlussfolgerung ergibt sich jedoch gerade aus der Anwendung neoliberaler Grundsätze. Folgt man den Ausführungen Walter Euckens, des wichtigsten Begründers des deutschen Neoliberalismus, so gehört es zu den konstituierenden, also unerlässlichen Prinzipien einer jeden Marktwirtschaft, dass derjenige, welcher ein Risiko eingeht, bei Fehlschlagen einer Investition auch die aus dieser Entscheidung erwachsenden Verluste zu tragen hat. Und dieses Haftungsprinzip kann eben nur dann garantiert werden, wenn der Staat durch eine Monopolaufsucht auch auf den Finanzmärkten verhindert, dass monopolistische oder oligopolistische Strukturen entstehen, aufgrund derer einem Zusammenbruch eines einzelnen Bankinstitutes sehr leicht ein Zusammenbruch des gesamten Finanzmarktes folgen kann.

 

In einem zweiten Schritt wollen wir uns dann der systematischen Analyse der Ursachen von pathologischen Marktergebnissen zuwenden. Ausgangspunkt dieser Analyse stellt die These der traditionellen Wohlfahrtstheorie dar, wonach nur dann ein optimales Ergebnis erwartet werden kann, wenn auf der einen Seite ein vollständiger Wettbewerb zwischen den Unternehmungen besteht und wenn alle Kosten, welche einer Volkswirtschaft im Zusammenhang mit der Güterproduktion entstehen, auch den Produzenten angerechnet werden.

 

Dem Wettbewerb fällt hierbei einerseits die Aufgabe zu, Anreize zu geben, stets nach Qualitätsverbesserungen und Kostensenkungen Ausschau zu halten und andererseits Sorge dafür zu tragen, dass zumindest ein Teil dieser Wohlfahrtsgewinne in Form von Preissenkungen an die Konsumenten weitergegeben werden. Gerade die letzte Finanzkrise hat gezeigt, dass darüber hinaus nur bei einem intensiven Wettbewerb sichergestellt werden kann, dass die Unternehmungen auch für fehlerhafte Investitionen voll haften.

 

Das Vorhandensein von externen Kosten (und Erträgen) verhindert andererseits, dass die einzelnen Konsumenten ihr knappes Einkommen für die Güterkombination verwenden, welche ihnen den höchstmöglichen Nutzen garantiert. Nur dann, wenn die Konsumenten in den zu zahlenden Güterpreisen jeweils darüber informiert werden, welcher Nutzen ihnen denn entgeht, dass sie sich für eine ganz bestimmte Alternative entscheiden und dabei eine andere, die zweitbeste Alternative nicht wählen, sind sie in der Lage, die Alternative auszuwählen, die ihnen den höchstmöglichen Nutzen gewährt. Immer dann, wenn die Preise die tatsächlichen Kostenverhältnisse nicht widerspiegeln, ist ein solcher Effizienzvergleich auch nicht möglich.

 

Damit sind jedoch keinesfalls alle Bestimmungsgründe für das Entstehen pathologischer Prozesse benannt. Auch ohne eine morphologische Monopolstruktur können die Unternehmer durch einen faktischen Gleichschritt Ergebnisse erzielen, die ansonsten nur bei monopolistischen oder oligopolitischen Marktstrukturen erreicht werden können. Auch der Umstand, dass bestimmte Güter in Form von Kollektivgütern angeboten werden, obwohl die gleichen Bedürfnisse auch mit einem Angebot an Privatgütern genau so gut oder sogar noch besser befriedigt werden könnten, führt zu Effizienzverlusten.

 

Aber auch dann, wenn an und für sich ausreichende Wettbewerbsbedingungen vorliegen, können sich pathologische Prozesse einstellen. Vor allem besteht die Gefahr, dass eine falsch verstandene Sozialpolitik überhaupt erst die Mängel produziert, um derentwillen die Marktkorrekturen vorgenommen werden.

 

Walter Eucken hat in seinen Grundsätzen der Wirtschaftspolitik die Vielzahl der politischen Korrekturen während der Weimarer Republik vor allem deshalb kritisiert, weil sie punktuell ansetzen, aber gerade dadurch die Preisverhältnisse von den Knappheitsverhältnissen entfernen und damit überhaupt erst die Voraussetzung dafür schaffen, dass der Markt zu suboptimalen Ergebnissen führt. Die Folge bestünde dann darin, dass gerade aus diesen Gründen neue Eingriffe notwendig würden und damit eine Tendenz hin zu staatlichen Planwirtschaften beobachtet werden könne. Walter Eucken leitete von diesen Beobachtungen die These ab, dass Mischsysteme zwischen Marktwirtschaft und staatlicher Planwirtschaft instabil seien und notwendigerweise in der Verwirklichung einer Zentralverwaltungswirtschaft enden müssten.

 

Richtig ist an dieser These sicherlich, dass ein punktueller Eingriff in den Markt zumeist eine Vielzahl von weiteren Eingriffen nachsichzieht. Es ist jedoch falsch, daraus bereits den Schluss zu ziehen, dass dieser Prozess notwendiger Weise in einer staatlichen Planwirtschaft endet. Die Entwicklung der BRD in ihrem ersten Jahrzehnt widerlegt diese These. Bei der Einführung der Marktwirtschaft zu Beginn der BRD wurden zunächst einige Märkte (z. B. Agrarmärkte und der Wohnungsmarkt) ausgespart und nach wie vor staatlicherseits gelenkt. Trotzdem führte dieser Umstand nicht dazu, dass der Umfang der staatlich planwirtschaftlichen Elemente immer mehr ausgeweitet wurde, vielmehr war es möglich, auch diese Märkte nach einer gewissen Zeit schließlich weitgehend freizugeben.

 

Ein weiterer, ähnlicher Zusammenhang hat dazu beigetragen, dass gerade der Eingriff des Staates in den Markt an den unterschiedlichsten Stellen zu einer Schwächung der vom Markt ausgehenden Kräfte und damit zu pathologischen Erscheinungen geführt hat. So hat z. B. die Kündigungsgesetzgebung verhindert, dass sich die Arbeitsnachfrage zügig an Veränderungen in den wirtschaftlichen Daten anpassen kann oder Umstand, dass die Tarifverträge die Tariflohnsätze für eine bestimmte Frist festschreiben und somit diese nicht verringern lässt, auch dann nicht, wenn ein Angebotsüberhang (Arbeitslosigkeit) auf den Arbeitsmärkten eigentlich eine Lohnsenkung notwendig macht, um das Ungleichgewicht auf den Arbeitsmärkten möglichst schnell abzubauen. Und diese politische Maßnahme hat ihrerseits zur Folge, dass sich gerade die Arbeitslosigkeit sogar noch verstärkt. Die traditionelle Sozialpolitik besteht leider in vielen Fällen in Maßnahmen, die zwar von ihrer Zielsetzung her einige Mängel des Marktes bekämpfen sollen, aber zumeist dieses Ziel verfehlen und sogar dazu beitragen, dass die Marktmängel per saldo noch verstärkt werden.

 

Die Darstellung der Cobwebsysteme, bei denen trotz Elastizität der Marktteilnehmer keine Verringerung, sondern sogar eine Ausweitung der Marktungleichgewichte zu befürchten ist, hat gezeigt, dass für einen funktionierenden Markt nicht nur Wettbewerb und Reaktionsfähigkeit notwendig ist, dass vielmehr auch eine gewisse Lernfähigkeit Voraussetzung dafür ist, dass der Markt reibungslos funktioniert. Das Stichwort Lernfähigkeit weist auf eine weiteren Umstand hin, dass der Markt zu unzureichenden Ergebnissen führen kann, wenn das Ziel der Startchancengleichheit gravierend verletzt wird. So kann eine gerechte Einkommensverteilung nur dann erwartet werden, wenn auch alle Bürger die Möglichkeit erhalten, entsprechend ihrer Begabung ausgebildet zu werden.

 

Schließlich müssen wir uns auch darüber klar werden, dass eine extrem geringe Bezahlung von Arbeiten in bestimmten Dienstleistungsbereichen mit einer zu geringen Produktivität zusammenhängt. Zwar ist die These von Fourastie, wonach sich der Dienstleistungssektor dadurch auszeichnet, dass überhaupt kein technischer Fortschritt in diesen Bereichen möglich ist, falsch, schließlich hat die Entwicklung des Computers und des Internets wesentlich dazu beigetragen, dass auch in den Dienstleistungssektoren sogar ein sehr starker technischer Fortschritt stattfindet. Trotzdem gibt es sehr wohl einzelne Wirtschaftszweige im Bereich des Dienstleistungssektors, in denen kaum kostensenkender technischer Fortschritt möglich erscheint.

 

In einem dritten Schritt wollen wir uns mit der Frage befassen, durch welche Reformmaßnahmen die wichtigsten pathologischen Erscheinungen vermieden oder zumindest vermindert werden können. Allerdings würde es den Rahmen dieser Vorlesung übersteigen, wollten wir alle notwendigen Reformmaßnahmen behandeln, es kann an dieser Stelle nur darum gehen, die Richtung einer Erneuerung einer marktwirtschaftlichen Ordnung kurz zu skizieren.

 

Als vor allem Walter Eucken in der unmittelbaren Zeit nach dem zweiten Weltkrieg den Neoliberalismus in Deutschland begründete, ging es ihm in erster Linie darum, die liberalen Grundgedanken, welche in der Periode des Interventionismus verloren gegangen waren, wieder aufzunehmen, aber auch weiter zu entwickeln. Genauso wie die älteren Liberalen ging auch Walter Eucken davon aus, dass der freie Markt sehr viel besser in der Lage sei, die Produktion an den Bedürfnissen der Bevölkerung auszurichten als jede staatliche Planwirtschaft und dass hierbei dem Wettbewerb der Unternehmer untereinander eine zentrale Rolle zufalle.

 

Er versuchte jedoch den Liberalismus dadurch weiterzuentwickeln, dass er im Gegensatz zu den meisten älteren Liberalen der Überzeugung war, dass es nicht ausreiche, die interventionistischen Fesseln des Merkantilismus abzuschütteln und einen Wettbewerb zuzulassen. Der Staat müsse auch Sorge dafür tragen, dass der Wettbewerb erhalten bleibe. Nicht nur der Staat stellt eine potenzielle Gefahr für die Ausrichtung der Produktion an den Konsumentenbedürfnissen dar, auch die privaten Unternehmer selbst seien stets bestrebt, die lästigen Fesseln des Wettbewerbs abzuschütteln und durch Bildung von Kartellen und Zusammenschluss vieler Unternehmungen zu einem Konzern monopolistische Verhältnisse herbeizuführen.

 

Dem Staat komme also im Hinblick auf die wirtschaftlichen Verhältnisse eine zentrale, ordnende Funktion zu, er müsse stets darüber wachen, dass der einmal eingeführte Wettbewerb auch erhalten bleibe und hierzu bedürfe es eines starken Staates, der auch in der Lage ist, die Bildung von Monopolen zu verhindern.

 

Eine Weiterentwicklung des Liberalismus besonderer Art war die Einführung einer sozialen Marktwirtschaft in der BRD. Es setzte sich unter den großen Parteien die Erkenntnis durch, dass Allokationsfragen, also die Ausrichtung der Produktion am Bedarf der Bevölkerung sehr viel effizienter vom Markt als von staatlichen zentralen Planungsbehörden erfolgen kann. Man war aber gleichzeitig der Meinung, dass der Markt in sozialer Hinsicht zu unerwünschten Ergebnissen führe und deshalb im Sinne eines Sozialstaates nachträglich korrigiert werden müsse. Dies gilt insbesondere einmal im Hinblick auf die materielle Absicherung gegenüber den sozialen Risiken der Krankheit, des Unfalls, des Alters und der Arbeitslosigkeit, zum andern, dass die Lohnsätze und die sonstigen Arbeitsbedingungen nicht dem freien Markt überlassen werden dürften, sondern gemeinsam zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern in Tarifverhandlungen ausgehandelt werden müssten.

 

Gerade für diese letztgenannte Korrektur hatte John Kenneth Galbraith mit seiner Theorie der countervailing powers ein Modell entwickelt. Danach  können die kontrollierenden Funktionen, welche der Liberalismus dem Wettbewerb zugedacht hatte, auch von den Marktgegenkräften (countervailing power) erfüllt werden. So kann nicht nur der Wettbewerb unter den Arbeitgebern dazuführen, dass die Arbeitnehmer das von ihnen erbrachte Grenzprodukt als Lohneinkommen erhalten und nicht von den Unternehmungen ausgebeutet werden, diese Aufgabe kann auch dadurch erfüllt werden, dass Arbeitgeber und Arbeitnehmer in gemeinsamen Tarifverhandlungen um einen fairen Lohn kämpfen und dass es den Gewerkschaften aufgrund ihrer Streikmacht gelingt, jede Form von Ausbeutung der Arbeitnehmer durch die Arbeitgeber zu verhindern.

 

Es wäre allerdings falsch, wollte man in diesem Versuch, etwaige soziale Ungerechtigkeiten einer Marktwirtschaft staatlicherseits zu korrigieren, bereits eine Abkehr vom Neoliberalismus sehen. Walter Eucken, der Begründer des deutschen Neoliberalismus hat sogar in den Mittelpunkt seiner Grundsätze der Wirtschaftspolitik die Lösung und Überwindung der sozialen Frage gestellt. Mit dem Katalog der regulierenden Prinzipien wurde sehr wohl anerkannt, dass die Marktergebnisse aus sozialen Gründen bisweilen zu korrigieren sind, er war nur der Meinung, dass eine befriedigende Korrektur nicht durch direkte Eingriffe in den Markt, sondern nur durch marktkonforme Mittel zu erfolgen habe. Indem die Marktordnung bestimmte schädliche Handlungsweisen verbietet und das Handeln der Marktteilnehmer kontrollierend überwacht, könnten sehr viel erfolgreicher soziale Auswüchse verhindert werden als durch Lahmlegung der Marktkräfte.

 

Trotzdem ist es in höchstem Maße erwünscht und notwendig, auch die neoliberalen Grundsätze weiterzuentwickeln und an die veränderte Situation anzupassen. Volkswirtschaften entwickeln sich weiter, so trat in den letzten Jahrzehnten eine weltweite Globalisierung ein und diese Veränderungen in den volkswirtschaftlichen Daten macht auch eine Anpassung in den ordnungspolitischen Überzeugungen notwendig.

 

 So hat schon sehr früh die Erkenntnis eingesetzt, dass ein offener Zugang zu den Bildungsmärkten wesentliche Voraussetzung für das Funktionieren einer Marktwirtschaft ist. Ein Großteil der Arbeitslosigkeit vor allem der Arbeitnehmer in den untersten Lohnklassen muss damit erklärt werden, dass auch die Voraussetzungen für eine Mindestausbildung nicht gegeben sind. Weiterhin ist eine Startchancengleichheit nur zu verwirklichen, wenn jeder entsprechend seinen natürlichen und vererbten Begabungen auch Zugang zu den weiterbildenden Schulen erhält. Startchancengleichheit ist nicht nur aus Gerechtigkeitsgründen geboten, auch die höchstmögliche Effizienz der Produktion kann nur dann erreicht werden, wenn die einzelnen Individuen auch entsprechend ihrer intellektuellen Begabungen ausgebildet werden.

 

Weiterhin gilt es darauf hinzuweisen, dass sich das eigentliche Problem der Arbeitslosigkeit weder durch die traditionelle (keynesianische) Vollbeschäftigungspolitik noch über eine gesetzliche Arbeitslosenversicherung befriedigend lösen lässt. Die traditionelle Vollbeschäftigungspolitik versagt, wenn Angebotsfaktoren (fehlende Ausbildung oder Anstieg der Rohstoffkosten) einen Konjunkturabschwung verursachen,  wenn die notwendigen Arbeitsleistungen ins Ausland verlagert werden, weil dort die Arbeitskosten geringer sind oder wenn die Marktteilnehmer durch kompensierende Maßnahmen die Erfolge der staatlichen Konjunkturpolitik zunichtemachen.

 

Auch die gesetzliche Arbeitslosenversicherung brachte keine befriedigende Lösung, da die Mehrheit der Arbeitnehmer weniger in der Verringerung ihres Einkommens während der Dauer der Arbeitslosigkeit, als in der Tatsache, keiner befriedigenden Beschäftigung nachgehen zu können, das eigentliche Problem sehen. In dieser Hinsicht bringen Vorschläge der Bildung eines sekundären Arbeitsmarktes eine weit befriedigerende Lösung, da auch die Arbeitnehmer, welche vorübergehend im primären Arbeitsmarkt ihren Arbeitsplatz verlieren, nach wie vor, nämlich im sekundären Markt, einer Beschäftigung nachgehen können.

 

Auch in einem weiteren Punkt lässt sich eine Weiterentwicklung neoliberaler Gedankengänge feststellen. Bei Walter Eucken spielt das Problem der externen Kosten nur eine untergeordnete Rolle. Zwar hatte bereits Arthur Cecil Pigou zu Beginn des 20. Jahrhunderts klar erkannt, dass dass Vorhandensein von externen Kosten die Steuerung der Märkte verfälscht, sodass nur dann befriedigende Marktergebnisse erzielt werden können, wenn es gelingt, die externen Kosten zu internalisieren. Der Vorschlag Pigous, die externen Kosten dadurch zu internalisieren, dass der Staat in Höhe der externen Kosten von den Unternehmungen eine Steuer (die sogenannte Pigousteuer) erhebt, sodass also die Unternehmungen stets die vollen einer Volkswirtschaft entstehenden Produktionskosten tragen müssen, scheitert daran, dass die Höhe der externen Kosten von Seiten des Staates nicht eindeutig ermittelt werden kann, da ja gerade für externe Kostengüter kein Markt existiert.

 

In der Zwischenzeit trat in dieser Frage eine zweifache Veränderung ein. Auf der einen Seite stieg die Bedeutung der externen Kosten aufgrund einer überhandnehmenden Umweltverschmutzung stark an, auf der anderen Seite wurde jedoch von Vertretern der property rights - Bewegung  mit der Schaffung von Verschmutzungsrechten das Problem der externen Kosten weiterentwickelt.

 

Ein weiteres Problem ergibt sich daraus, dass die in einer wachsenden Gesellschaft Jahr für Jahr realisierten Produktivitätssteigerungen in Form von Lohnsteigerungen den Arbeitnehmern zugute kommen. Hieraus erwächst jedoch ein gravierendes Problem. Wir können nämlich nicht davon ausgehen, dass sich der technische Fortschritt gleichmäßig über alle Wirtschaftszweige verbreitet. Es ist immer nur eine sehr kleine Gruppe von Intellektuellen, welchen eine bahnbrechende Erfindung gelingt und es ist auch wiederum nur eine kleine Schicht unternehmerischer Pioniere, welche bereit sind, das mit jeder Innovation verbundene Risiko auf sich zu nehmen.

 

Vor allem gibt es im Bereich des Dienstleistungssektors einige Branchen, welche für größere Produktivitätssteigerungen völlig ungeeignet sind. Trotzdem erwarten die in diesen Branchen beschäftigten Arbeitnehmer ebenfalls eine möglichst gleichhohe Beteiligung an der gesamtwirtschaftlichen Wohlfahrtssteigerung. Diese Erwartungen sind jedoch nicht erfüllbar, weil mit wachsender Wohlfahrt der Abstand zwischen der Produktivitätssteigerung in den produktiven Wirtschaftszweigen und in den für größere Innovationen nicht geeignete Branchen immer größer wird. Misst man nun – wie dies seit einiger Zeit von den europäischen Behörden  gemacht wird – die Armutsgrenze am Pro-Kopf-Einkommen der Bevölkerung, führt diese Entwicklung sehr schnell dazu, dass die in diesen unproduktiven Branchen gewährten Lohneinkommen unter die Armutsgrenze fallen. 

 

Der aus diesen Gründen geforderte gesetzliche Mindestlohn kann allerdings keine befriedigende und dauerhafte Lösung bringen. Auf Dauer kann keine Branche überleben, in der die Lohnsätze die Arbeitsproduktivität der Branche übersteigen.

 

Nun hat schon vor langer Zeit Milton Friedman darauf hingewiesen, dass die aufgrund von Produktivitätssteigerungen erzielten Wohlfahrtsgewinne auch dadurch an die Bevölkerung weitergegeben werden könnten, dass nicht die Einkommen entsprechend der Produktivitätssteigerung angehoben werden, dass vielmehr entsprechend der Verringerung der Kosten auch die Güterpreise gesenkt werden. In diesem Falle würde die Wohlfahrtssteigerung bei allen Personengruppen eintreten, da ja jeder Bürger auch als Konsument von Preissenkungen der Konsumgüter profitiert. Die Gefahr, dass ein Arbeitnehmer nur deshalb, weil er in einer Branche mit extrem geringer Produktivität beschäftigt wird, am technischen Fortschritt nicht teilnehmen kann und dass deshalb die Kluft zwischen den einzelnen Einkommensempfängern immer größer wird, wäre gebannt.

 

Nun haben sich die Gewerkschaften gegen solche Forderungen mit dem Argument gewandt, dass die Gefahr bestünde, dass die Unternehmungen eben nicht bereit seien, die Produktivitätssteigerungen in Form von Preissenkungen an die Konsumenten weiterzugeben. Dieser Einwand ist sicherlich solange berechtigt, als der Staat das Entstehen von Monopolen und Oligopolen nicht erfolgreich bekämpft. Es ist der Wettbewerb, der die Unternehmer zwingt, Kostensenkungen auch an die Konsumenten in Form von Preissenkungen weiterzugeben.

 

Aber die Weitergabe des technischen Fortschritts in Form von Einkommenssteigerungen bleibt trotzdem eine unbefriedigende Lösung, da – wie gezeigt – das Einkommensgefälle auf diese Weise ansteigt. Besser wäre es, wenn man die Monopolbildung als solche von Seiten des Staates besser als bisher bekämpfen würde. In diesem Falle wäre sichergestellt, dass auf der einen Seite die Wohlfahrtssteigerungen aufgrund technischen Fortschritts auch an die Endverbraucher weitergegeben würden und dass auf der anderen Seite gleichzeitig auch das reale Lohneinkommen in den Branchen mit extrem geringer Produktivitätssteigerung am Fortschritt beteiligt werden könnte, zwar nicht in Form steigernder Nominallöhne, wohl aber dadurch, dass die Güterpreise aufgrund der allgemeinen Kostensenkungen verringert werden.