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Die schönsten Erzählungen der Bibel

 

 

 

Gliederung:

 

  1. Einführung

  2. Schöpfungsbericht

  3. Sündenfall

  4. Kain und Abel

  5. Noah im Rausch

  6. Abraham hadert mit Gott

  7. Isaaks Opferung

  8. Der Segen für Jakob, dem Jüngeren

  9. Josef und seine Brüder

10. Moses vor dem Pharao

11. Ruth die moabitische Frau und Ahnfrau Davids

12. David gegen Goliath

13. David und die Frau des Hethiters

14. Esthers Rettung der Juden

15.  Hiobs Leid und Gottvertrauen

16. Die Verleugnung Petrus

17. Der Verrat Judas 

18. Der barmherzige Samariter

19. Die Hochzeit zu Kanaan

20. Die Tempelreinigung

21. Das Gleichnis vom verlorenen Sohn

22. Jesus und die Ehebrecherin

23. Jesus am Ölberg

24. Der ungläubige Thomas

 

 

 

Kapitel 23: Jesus am Ölberg

 

 

 

Gliederung:

 

1. Das Problem

2. Der Text

3. Interpretation

4. Geht Jesus freiwillig in den Tod?

5. Was bewegte Judas zu dem Verrat Jesu?

 

 

 

1. Das Problem

 

In diesem Kapitel wollen wir uns mit dem Bericht über Jesus Verhaftung am Ölberg befassen. Auch hier geht es wiederum nicht in erster Linie um einen Tatsachenbericht, obwohl wir natürlich davon ausgehen können, dass die wichtigsten Feststellungen dieser Erzählung der Wahrheit entsprechen und sicherlich in dieser oder in einer ähnlichen Weise sich so wie geschildert ereignet haben.

 

Aber auch hier gilt, dass die eigentliche Botschaft dieser Erzählung in tieferen Glaubenswahrheiten liegt. Es geht hierbei letzten Endes um die Frage, wieso es denn eigentlich notwendig war und dem Willen Gottes entsprach, dass Jesus eines grausamen Todes sterben musste, wieso also musste der Umstand, dass Adam und Eva und nach ihnen nahezu alle Menschen gegen Gott gesündigt hatten, dazu führen, dass nur durch diesen Tod Jesu die Sünden der Menschen von Gott gesühnt werden konnte. Diese Frage stellt sich vor allem auch deshalb, weil nach Überzeugung der christlichen Lehre Jesus ja nicht nur ein herausragender Mensch war, sondern gleichzeitig auch göttlichen Ursprungs ist und deshalb nur eine Person (im ursprünglichen Wortsinne) des einen und einzigen Gottes ist.

 

Es bleibt ein Geheimnis, warum denn die Sünden der Menschen nur dadurch gesühnt werden können, dass sich Jesus, der Sohn Gottes selbst als Opfer darbrachte. Jeder monotheistische Glaube geht von der Überzeugung aus, dass Gott allmächtig ist und hier entsteht die Frage, warum denn dieses göttliche Opfer zur Sühne notwendig ist. Es scheint fast so, als ob es über den freien Willen und der Allmacht Gottes irgend ein übergeordnetes Gesetz gäbe, dem auch Gott unterliegt. Wieso kann Gott all die Kränkungen, welche die Menschen Gott zugefügt haben, nur dadurch verzeihen, dass Jesus und damit auch Gott selbst die Sühne erbringt. Man müsste doch eigentlich erwarten, dass der Umstand, dass Menschen Jesus diesen grausamen Tod zugefügt haben, Gott um so stärker erzürnt haben müsste und nicht, dass die Kreuzigung seines Sohnes für ihn als Sühne für all die Sünden der Menschen angenommen wird. War es also wirklich der Wille Gottes, dass Jesus den Kreuzestod erlitt, ist er mit diesem Auftrag in diese Welt gekommen, stand also für Gott von vornherein fest, dass die Erlösung  der Menschen nur durch den Tod Jesu am Kreuze erreicht werden könnte?

 

Eng zusammen mit dieser Frage steht die Rolle, die Judas Ischariot in diesem Drama spielt. Die Bewertung des Umstandes, dass Judas Jesus verraten und an die Hohenpriester und Römer ausgeliefert hatte, reicht von der Aussage im Johannesevangelium, dass Judas aus Habgier diese Tat beging, bis zu der Behauptung im Judasevangelium, dass Judas gar kein Verräter gewesen sei, dass er vielmehr die Auslieferung Jesu an die Hohenpriester und Römer mit dem Willen Jesu betrieben habe, dass er sogar den Auftrag von Jesus hatte, ihn zu verraten, da nur auf diese Weise die Erlösung der Menschen vollzogen werden könne. Hier schlüpft Judas, der in den vier Evangelien (des Markus, Matthäus, Lukas und Johannes) als Verräter charakterisiert wird, in die Rolle eines Helden, der im Auftrag Gottes das schmutzige Geschäft des Verrats auf sich genommen habe, um auf diese Weise die von Gott gewollte Kreuzigung und damit Erlösung der Menschen herbeizuführen.

 

Der Umstand, dass es neben den Römern auch der Hohenpriester und die Ältesten in ihrer Eigenschaft als Anführer des jüdischen Volkes waren, welche schließlich Jesus den verhassten Römern zur Kreuzigung ausgeliefert haben, hat bis zur Neuzeit dazu geführt, dass den Juden von den christlichen Kirchen der Vorwurf gemacht wurde, dass sie allein für die Ermordung Jesu verantwortlich seien und dass die Verfolgungen der Juden, welche diese seit dieser Zeit immer wieder erfahren haben bis hin zum Holocaust, eben mit diesen Taten gerechtfertigt seien. Ganz davon abgesehen, dass es eben gerade nicht christlicher Überzeugung entspricht, dass die Nachfahren der zur Zeit Jesu lebenden Israeliten in einer Art Sippenhaft für etwaige Vergehen dieser Vorfahren verantwortlich gemacht werden dürfen, die Überzeugung, dass mit Judas auch die gesamte Judenschaft der damaligen Zeit für die Kreuzigung Jesu verantwortlich seien, entspricht nicht der Wahrheit.

 

In Wirklichkeit war es nur eine relativ kleine Schicht der damaligen Israeliten, die Sadduzäer und die Herodianer, welche die Verfolgung Jesu betrieben und es ist klar, dass eine Kreuzigung eines Menschen in Judäa, einer römischen Provinz nicht nur allein von den Römern durchgeführt werden konnte, sondern dass die Römer nur deshalb eine Kreuzigung Jesu durchgeführt haben, weil sie der Überzeugung waren, dass Jesus ihnen gefährlich werden könnte.

 

Gerade aus diesen Gründen wird von offizieller Seite der katholischen Kirche seit einiger Zeit betont, dass Jesus freiwillig den Tod am Kreuze auf sich genommen hat, dass also ohne Jesu Willen die Ältesten der Juden Jesu gar nicht an die Römer hätten ausliefern und die Römer Jesus hätten kreuzigen können. Dies mag richtig sein. Wahr bleibt jedoch auch, dass Jesus zunächst seinen Vater mehrfach gebeten hat, wenn irgendwie möglich diesen Kelch von ihm zu nehmen. Auch hier gilt, dass diejenigen, welche die Kreuzigung Jesu betrieben und schließlich durchgeführt haben, keinesfalls sich dadurch rein waschen können, dass sie diese Tat im Auftrag Gottes durchgeführt haben. Wir werden weiter unten sehen, dass Jesus in zwei Gleichnissen, in denen er über die Rolle des Menschensohnes spricht, sehr wohl davon ausgegangen war, dass sein Auftrag eben nicht in erster Linie darin bestand, gekreuzigt zu werden und dass er schließlich den Tod am Kreuze nur deshalb hinnahm, da durch die Verstocktheit der Menschen sein eigentlicher Auftrag schließlich nur dadurch ausgeführt werden konnte, dass er den Kreuzestod erlitt.

 

 

2. Der Text

 

Beginnen wir jedoch unsere Betrachtung wiederum damit, dass wir uns den Text dieser Begebenheit vor Augen führen. Im Matthäusevangelium Kapitel 26 lesen wir:

 

47 ‚Während er noch redete, kam Judas, einer der Zwölf, mit einer großen Schar von Männern, die mit Schwertern und Knüppeln bewaffnet waren; sie waren von den Hohenpriestern und den Ältesten des Volkes geschickt worden.

48 Der Verräter hatte mit ihnen ein Zeichen verabredet und gesagt: Der, den ich küssen werde, der ist es; nehmt ihn fest.

49 Sogleich ging er auf Jesus zu und sagte: Sei gegrüßt, Rabbi! Und er küsste ihn.

 

50 Jesus erwiderte ihm: Freund, dazu bist du gekommen? Da gingen sie auf Jesus zu, ergriffen ihn und nahmen ihn fest.

51 Doch einer von den Begleitern Jesu zog sein Schwert, schlug auf den Diener des Hohenpriesters ein und hieb ihm ein Ohr ab.

 

52 Da sagte Jesus zu ihm: Steck dein Schwert in die Scheide; denn alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen.

53 Oder glaubst du nicht, mein Vater würde mir sogleich mehr als zwölf Legionen Engel schicken, wenn ich ihn darum bitte?

54 Wie würde dann aber die Schrift erfüllt, nach der es so geschehen muss?

 

55 Darauf sagte Jesus zu den Männern: Wie gegen einen Räuber seid ihr mit Schwertern und Knüppeln ausgezogen, um mich festzunehmen. Tag für Tag saß ich im Tempel und lehrte und ihr habt mich nicht verhaftet.

56 Das alles aber ist geschehen, damit die Schriften der Propheten in Erfüllung gehen. Da verließen ihn alle Jünger und flohen.‘ 

 

 

3. Interpretation

 

Diese Erzählung beginnt also damit, dass Judas zusammen mit Soldaten und Gerichtsdienern der jüdischen Kirchenbehörde zum Ölberg mit der Absicht kam, Jesus verhaften zu lassen. Judas hatte mit den Soldaten zuvor vereinbart, dass er Jesus ansprechen und dass er Jesus als Erkennungszeichen für die Soldaten auf die Wange küssen werde. Er tritt dann auch sofort zu Jesus und sprach ihn mit den Worten an: „Sei gegrüßt Rabbi“. Offensichtlich sollten Jesus und den Jüngern, welche Jesus begleitet hatten, zunächst die wahren Absichten dieser Schar verborgen bleiben, es sollte der Anschein entstehen, als käme Judas in friedlicher Absicht. Jesus und die Jüngerschar sollten also offensichtlich überrascht werden und damit sollte die Verhaftung erleichtert werden.

 

Die Erzählung stellt jedoch fest, dass Jesus offensichtlich die böse Absicht dieser Schar sofort durchschaute und Judas entgegnete: ‚Freund, dazu bist du gekommen‘? Bei Lukas, Kapitel 22,48 wird auch klar ausgesprochen, dass Jesus den Zweck dieser Begrüßung erkannt hatte: ‚Jesus aber sagte zu ihm: Judas, mit einem Kuss verrätst du den Menschensohn?‘ Noch deutlicher wird im Johannesevangelium, Kapitel 18,4 erwähnt, dass Jesus die Absicht dieser Männer klar erkannt hatte: ‚Jesus, der alles wusste, was mit ihm geschehen sollte, ging hinaus und fragte sie: Wen sucht ihr?‘

 

Es folgt dann – wenn wir vom Matthäusevangelium ausgehen – die Verhaftung Jesu:  ‚Da gingen sie auf Jesus zu, ergriffen ihn und nahmen ihn fest.‘ Johannes ist auch in dieser Frage etwas deutlicher. Nachdem Jesus die Soldaten gefragt hatte: ‘Wen sucht ihr?‘ Und nachdem sie ihm geantwortet hatten, dass sie Jesus von Nazaret suchten, gab er sich zu erkennen und sprach: ‘Ich bin es‘.

 

Johannes fährt fort, dass die Soldaten zurückwichen, als sie diese Reaktion Jesu vernahmen, offensichtlich hatten sie erwartet, dass Jesus und seine Jünger sich zur Wehr setzen würden und dass deshalb die Schergen der jüdischen Kirchenbehörde Jesus mit Gewalt verhaften müssten.

 

Nach Johannes fragte Jesus sie ein zweites Mal: ‚Wen sucht ihr?‘ und sie antworteten erneut: ‚Jesus von Nazaret‘. Jesus antwortete hierauf: ‚Ich habe euch gesagt, dass ich es bin. Wenn ihr mich sucht, dann lasst diese gehen!‘ Diese Wiederholung von Frage und Antwort ist offensichtlich bei Johannes ein stilistisches Mittel, um hervorzuheben, dass Jesus keinesfalls die Absicht hatte, sich gegen die Verhaftung ernsthaft zu wehren.

 

Offensichtlich versuchten jedoch einige Jünger, diesen Angriff abzuwehren. Denn nach Matthäus zog einer von den Begleitern Jesu sein Schwert, schlug auf den Diener des Hohenpriesters ein und hieb ihm ein Ohr ab. Auch in dieser Frage ist Johannes deutlicher, nach ihm war es Petrus, welcher zum Schwert gegriffen hatte und einem der Gerichtsdiener namens Malchus mit seinem Schwert das rechte Ohr abgeschlagen hatte.

 

Es wundert vielleicht, warum Petrus und eventuell auch einige der anderen Jünger überhaupt ein Schwert trugen. Jesus hatte sie ja (nach Lukas Kapitel 6,29) zuvor belehrt, dass man dem, der einem auf die eine Wange schlägt, auch die andere hinhalten solle. Man hätte also eigentlich erwarten müssen, dass die Jünger auch keine Waffen mit sich trugen.

 

Allerdings berichtet Lukas in Kapitel 22 kurz bevor er auf die Ereignisse am Ölberg zu sprechen kommt, von einem Gespräch, das Jesus mit seinen Jüngern führte, in dem auf die davon folgenden Ereignisse der Verhaftung hingewiesen wird und die Notwendigkeit einer Verteidigung erwähnt wurde:

 

35  ‚Dann sagte Jesus zu ihnen: Als ich euch ohne Geldbeutel aussandte, ohne Vorratstasche und ohne Schuhe, habt ihr da etwa Not gelitten? Sie antworteten: Nein.

36  Da sagte er: Jetzt aber soll der, der einen Geldbeutel hat, ihn mitnehmen und ebenso die Tasche. Wer aber kein Geld hat, soll seinen Mantel verkaufen und sich dafür ein Schwert kaufen.

37  Ich sage euch: An mir muss sich das Schriftwort erfüllen: Er wurde zu den Verbrechern gerechnet. Denn alles, was über mich gesagt ist, geht in Erfüllung.

38  Da sagten sie: Herr, hier sind zwei Schwerter. Er erwiderte: Genug davon!‘

 

Dass allerdings zwei Schwerter als ausreichend bezeichnet werden, unterstreicht erneut die eigentlich friedliche Absicht Jesu. Mit zwei Schwertern kann man keinen Aufstand (gegen die römische Besatzungsmacht) wagen, zwei Schwerter reichen noch nicht einmal aus, sich ernsthaft zu verteidigen.

 

Und in diesem Sinne bringt Jesus auch Petrus gegenüber klar zum Ausdruck, dass er keinen Versuch wagen wolle, sich gegen diese Verhaftung zur Wehr zu setzen. Bei Matthäus heißt es:

 

52 ‚Da sagte Jesus zu ihm: Steck dein Schwert in die Scheide; denn alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen.

53 Oder glaubst du nicht, mein Vater würde mir sogleich mehr als zwölf Legionen Engel schicken, wenn ich ihn darum bitte?

54 Wie würde dann aber die Schrift erfüllt, nach der es so geschehen muss?‘

 

Es wird hier klar gestellt, dass Jesus auf eine Verteidigung keinesfalls deshalb verzichtete, weil er der Meinung gewesen wäre, eine Abwehr sei aufgrund der Übermacht der Gegenseite zwecklos, nein, es wird ex pressis verbis festgestellt, dass er jederzeit die Möglichkeit gehabt hätte, seinen Vater um eine ausreichend große Schar von Engeln zu bitten, welche die Möglichkeit gehabt hätten, die Soldaten der jüdischen Kirchenbehörde in die Flucht zu schlagen und somit der Verhaftung zu entgehen.

 

Wenn er jedoch auf jede Gegenwehr verzichtet, so deshalb, weil ein solcher Versuch den eigentlichen Auftrag Jesu vereitelt hätte. Wir werden im nächsten Abschnitt noch ausführlich auf die Frage eingehen, ob man aus diesen Äußerungen den Schluss ziehen kann, dass Jesus freiwillig den Kreuzestod gewählt habe und dass deshalb diejenigen, welche den Tod Jesu bewirkt und durchgeführt haben, keine Schuld treffe.

 

Es folgt nun die Passage, in der Jesus den Soldaten den Vorwurf machte, weshalb sie überhaupt wie gegen einen Räuber mit Schwertern und Knüppeln ausgezogen seien, sie hätten es doch sehr viel einfacher haben können, Jesus aufzufinden, schließlich habe er ja nicht wie ein geheimer Verschwörer in verborgenen Räumen seine Lehre verbreitet, sondern saß täglich im Tempel, um zu lehren, offensichtlich hatten sie es jedoch nicht gewagt, Jesus wegen seiner zahlreichen Anhänger für jeden offen und ohne Grund zu verhaften.  

 

Damit wird zugleich ein gewisses Geheimnis dieser Erzählung gelüftet. Eigentlich ist es auf den ersten Blick unverständlich, warum die jüdische Kirchenbehörde überhaupt des Judas bedurfte, um – wie es in der Erzählung über den Verrat Judas heißt – zu erfahren, wo sich Jesus jeweils aufhält, schließlich hatte Jesus etwa drei Jahre lang an öffentlichen Plätzen wie vor allem im Tempel gelehrt, also war der Aufenthaltsort Jesu jedem, der es wissen wollte, bekannt. Die Frage Jesu an seine Häscher bringt die Antwort. Der Hohepriester sowie ein Teil der Ältesten wollten zwar den Tod Jesu, wegen der großen Zahl an Anhängern getrauten sie sich jedoch nicht, Jesus in aller Öffentlichkeit gefangen zu nehmen. Und diese Auskunft wird auch durch eine weitere Stelle bei Matthäus in Kapitel 26,1-5 bestätigt:

 

1  Als Jesus seine Reden beendet hatte, sagte er zu seinen Jüngern: 

2  Ihr wisst, dass in zwei Tagen das Paschafest beginnt; da wird der Menschensohn ausgeliefert und gekreuzigt werden.

3  Um die gleiche Zeit versammelten sich die Hohenpriester und die Ältesten des Volkes im Palast des Hohenpriesters, der Kaiphas hieß,

4  und beschlossen, Jesus mit List in ihre Gewalt zu bringen und ihn zu töten.

5  Sie sagten aber: Ja nicht am Fest, damit kein Aufruhr im Volk entsteht.

 

Hier wird deutlich, dass die Rolle des Judas bei der Verhaftung Jesu nicht primär darin bestand, dass er Kaiphas und den Ältesten den Aufenthaltsort Jesu verriet, dieser war ja allen bekannt, sondern dass es in erster Linie darum ging, Jesus an einem abgelegenen Ort zu verhaften, um zu verhindern, dass sich weite Teile des Volkes gegen diese Verhaftung zur Wehr setzen konnten.

 

 

4. Geht Jesus freiwillig in den Tod?

 

Wir wollen nun noch etwas ausführlicher auf die zentrale Frage dieser Erzählung eingehen, ob Jesus freiwillig, aus eigenen Stücken den Tod gewählt habe, ob er schließlich in die Welt gekommen sei, um die zahlreichen Sünden der Menschen durch seinen Tod am Kreuze zu sühnen. Und wenn es eigentlich Gottes Plan war, durch diesen Kreuzestod die Sünden der Menschen ein für alle mal zu sühnen, dann könne man eigentlich diejenigen, welche zur Verfolgung Jesu beigetragen haben, also weder Judas, noch dem Hohenpriester und den Ältesten, noch nicht einmal den Römern und den Soldaten, welche die Kreuzigung durchgeführt haben, einen Vorwurf machen. Bereits in der Erzählung über Judas Verrat ging ich auf diese Frage ein. Dort hatten wir gesehen:

 

Judas habe also – nach einer ganz bestimmten Interpretation – keineswegs aus böser Absicht Jesus an die Römer ausgeliefert, sondern ganz im Gegenteil wesentlich dazu beigetragen, dass der Wille Gottes vollzogen wurde. Er stand danach mit Gott im Bunde, schlimmstenfalls war er nur ein willenloses Werkzeug Gottes, aus einer etwas für Judas freundlicheren Sicht heraus betrachtet handelte er im Auftrag Gottes, er hat sich sozusagen für das Wohl der Menschen geopfert und das schmutzige Geschäft des Verrats und damit eine Ächtung für alle Zeiten hier auf Erden auf sich genommen.

 

Ausgangspunkt dieser schwer verstehbaren Deutung der Ereignisse um Jesus ist die christliche Lehre, wonach Jesus gerade durch seinen Tod am Kreuze und durch die danach erfolgte Auferstehung am dritten Tage die Menschheit von ihren Sünden erlöst hat. Und war es danach Gottes Wille, dass er Jesus, seinen Sohn auf die Erde schickte, um dieses Werk zu vollbringen?

 

In diesem Sinne lesen wir z. B. im Hebräerbrief Kapitel 10, 11-14 von Paulus:

 

‚Jeder Priester steht Tag für Tag da, versieht seinen Dienst und bringt viele Male die gleichen Opfer dar, die doch niemals Sünden wegnehmen können. Dieser aber (Jesus) hat nur ein einziges Opfer für die Sünden dargebracht und sich dann für immer zur Rechten Gottes gesetzt; denn durch ein einziges Opfer hat er die, die geheiligt werden, für immer zur Vollendung geführt.‘

 

Oder im Römerbrief Kapitel 5,12-19 erfahren wir:

 

‚Durch einen einzigen Menschen kam die Sünde in die Welt und durch die Sünde der Tod und auf diese Weise gelangte der Tod zu allen Menschen, weil alle sündigten. …. Doch anders als mit der Übertretung verhält es sich mit der Gnade; sind durch die Übertretung des einen die vielen dem Tod anheim gefallen, so ist erst recht die Gnade Gottes und die Gabe, die durch die Gnadentat des einen Menschen Jesus Christus bewirkt worden ist, den vielen reichlich zuteil geworden..… Wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die vielen zu Sündern wurden, so werden auch durch den Gehorsam des einen die vielen zu Gerechten gemacht werden.

 

Ähnlich wird im Korintherbrief Kapitel 15,21 davon gesprochen:

 

Da nämlich durch einen Menschen der Tod gekommen ist, kommt durch einen Menschen auch die Auferstehung der Toten.‘

 

War also der Tod Jesu offensichtlich von Gott gewollt und wollte also Jesus diesem Auftrag entsprechend sterben? Diese These, dass Judas im Auftrag Gottes gehandelt habe, fand dann Auftrieb, als im Jahre 2006 die amerikanische National Geographic die erstmalige Übersetzung des Judasevangeliums der Öffentlichkeit vorstellte und als die Entdeckung dieses Evangeliums in der Presse als eine Art revolutionäre Sichtweise gefeiert wurde.

 

Die Existenz einer solchen apokryphen (also nicht in den offiziellen Kanon aufgenommenen Schrift) war zwar schon dem Kirchenvater Irenäus (140 bis circa 200) und späteren Bischof von Lyon bekannt, der dann auch den in dieser Schrift verbreiteten Lehren eine klare Absage erteilt hatte, eine Verurteilung, der auch die offizielle Kirche gefolgt war, in dem sie den Gnostizismus als Häresie verwarf.

 

Das Judasevangelium war von der gnostischen Lehre bestimmt, welche bereits in der Frühkirche das Kirchenvolk spaltete. Entsprechend dieser Lehre wurde die Welt dualistisch interpretiert: Es gibt das Gute und das Böse. Die materielle Welt sei das Böse, von einem Demiurgen (den Schöpfergott des Alten Testamentes!) erschaffen, das Gute, der göttliche Funken sei zunächst in dieser Welt noch gefangen und müsse erlöst werden, wobei in der christlichen Variante dieser Lehre Christus die Aufgabe zufiel, diese Befreiung herbeizuführen. 

 

Judas wird nun im Judasevangelium als die Person gefeiert, die als Vertrauter Jesu dieses Erlösungswerk in Gang setzte, indem er Jesus an die Römer auslieferte. Die vollständige und nun abgeschlossene Übersetzung des Judasevangeliums hat jedoch dieser offensichtlich revolutionären Deutung der Gefangennahme Jesus und der Rolle, die Judas an diesem Geschehen übernahm, einen deutlichen Dämpfer aufgesetzt.

 

Einerseits ist Judas danach zwar den übrigen Jüngern überlegen und empfängt Jesu geheime Lehre. Entsprechend dem Text des Judasevangeliums habe Jesus Judas selbst aufgefordert, ihn an die römische Besatzungsmacht auszuliefern um damit den Willen Gottes zu erfüllen. Andererseits äußerte sich Jesus diesem Evangelium zufolge jedoch über Judas ausgesprochen negativ. (siehe z. B. Samuel Vollenweider Neue Zürcher Zeitung, 29. 03. 2013).

 

Fragen wir uns nun, inwieweit denn diese Vorstellung, dass Judas in Wirklichkeit wesentlich dazu beigetragen habe, dass der göttliche Auftrag an Jesu erfüllt werde, mit den anderen Aussagen des Neuen Testamentes übereinstimmt. Jesus hat bekanntlich in Gleichnissen gesprochen und eines seiner bekanntesten Gleichnisse, das Gleichnis von den bösen Winzern, berichtet über die Aufgabe des Menschensohns, so wie sie von Jesus selbst verstanden wurde. Bei Markus Kapitel 12,1-12 erfahren wir:

 

‚Jesus begann zu ihnen (wieder) in Form von Gleichnissen zu reden. (Er sagte:) Ein Mann legte einen Weinberg an, zog ringsherum einen Zaun, hob eine Kelter aus und baute einen Turm. Dann verpachtete er den Weinberg an Winzer und reiste in ein anderes Land. Als nun die Zeit dafür gekommen war, schickte er einen Knecht zu den Winzern, um bei ihnen seinen Anteil an den Früchten des Weinbergs holen zu lassen. Sie aber packten und prügelten ihn und jagten ihn mit leeren Händen fort. Darauf schickte er einen anderen Knecht zu ihnen; auch ihn misshandelten und beschimpften sie. Als er einen dritten schickte, brachten sie ihn um. Ähnlich ging es vielen anderen; die einen wurden geprügelt, die andern umgebracht.

 

Schließlich blieb ihm nur noch einer: sein geliebter Sohn. Ihn sandte er als letzten zu ihnen, denn er dachte: Vor meinem Sohn werden sie Achtung haben. Die Winzer aber sagten zueinander: Das ist der Erbe. Auf, wir wollen ihn töten, dann gehört sein Erbgut uns. Und sie packten ihn und brachten ihn um und warfen ihn aus dem Weinberg hinaus.

 

Was wird nun der Besitzer des Weinbergs tun? Er wird kommen und die Winzer töten und den Weinberg anderen geben. Habt ihr nicht das Schriftwort gelesen: Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, er ist zum Eckstein geworden; das hat der Herr vollbracht, vor unseren Augen geschah dieses Wunder? Daraufhin hätten sie Jesus gern verhaften lassen; aber sie fürchteten die Menge. Denn sie hatten gemerkt, dass er mit diesem Gleichnis sie meinte. Da ließen sie ihn stehen und gingen weg.‘

 

Es ist klar: Der Weingutbesitzer ist Gott selbst, die Winzer sind die Menschen, die Knechte, welche der Weinbergbesitzer den Winzern sendet, sind die Propheten und der geliebte Sohn, den der Weinbergbesitzer schließlich zu den Winzern entsendet, ist Jesus selbst. Wenn der Weinbergbesitzer die Knechte zu den Winzern schickt, damit diese den Anteil an den Früchten des Weinbergs holen, so bedeutet dies nichts anderes, als dass Gott die Menschen an die Gebote erinnern will, die er durch Moses den Menschen auferlegt hat und dass diese Entsendung notwendig wurde, da die Menschen angefangen die ersten Menschen: Adam und Eva diese Gebote immer wieder verletzt haben.

 

Als Grund dafür, dass Gott schließlich seinen Sohn auf die Erde entsandt hat, wird in diesem Gleichnis angegeben, dass er darauf vertraute, dass die Menschen vor seinem Sohn mehr Achtung als vor den bisher gesandten Propheten hätten.

 

Vielleicht ist von genauso großer Bedeutung, dass man sich darüber klar wird, was über den Auftrag des Menschensohnes in diesem Gleichnis nicht gesagt wurde. Es ist keine Rede davon, dass der Weinbergbesitzer seinen Sohn mit dem festen Vorsatz zu den Winzern gesandt hatte, damit sein Sohn genauso getötet werde wie vorher einige seiner Knechte und dass dann auf diese Weise all die Sünden der Menschen gesühnt würden, da mit dem Sohn des Weinbergbesitzers eine besonderes herausragende Person diese Sühne vollbracht habe. Und der Umstand, dass dann die Winzer den Sohn genauso wie die Knechte getötet hatten, führte dazu, dass der Weinbergbesitzer traurig oder vielleicht wütend war und die Täter bestrafte und es ist somit keine Rede davon, dass der Weinbergbesitzer nun auch noch das Töten seines Sohnes als von ihm selbst gewollt und bewusst herbeigeführt ansieht.

 

Das Gleichnis fährt vielmehr fort, dass ‚der Stein, den die Bauleute verworfen haben, er ist zum Eckstein geworden; das hat der Herr vollbracht.‘ Obwohl es also rein äußerlich zunächst so aussah, als hätten die Winzer durch das Töten des Sohnes verhindert, dass der Sohn des Weinbergbesitzers seinen Auftrag erfüllen konnte, hat es – diesem Gleichnis zufolge – Gott letzten Endes doch bewirkt, dass gerade dadurch, dass Jesus nicht nur gestorben, sondern am dritten Tage wieder auferstanden ist, den Menschen der Weg gezeigt wurde, wie sie zum ewigen Leben gelangen können. Das Auferstehen, das Weiterleben in einer anderen Welt bringt die entscheidende Wendung und damit Jesus auferstehen kann, musste er zuvor Sterben. Nicht das Sterben, sondern das Auferstehen nach dem Tode ist somit die eigentliche Botschaft dieses Gleichnisses.

 

Zu der These, dass Judas im Auftrag Gottes gehandelt habe, steht weiterhin die Annahme, dass Judas seine Tat bereut und durch Selbstmord seinem Leben ein Ende gesetzt hat, in krassem Widerspruch. Wie soll er eine Tat bereuen, welche er im Auftrag Gottes erfüllt hat? Und wenn man von dem Glauben ausgeht, dass es Gottes Wille war, dass Jesus gekreuzigt wurde, kann man ja auch davon ausgehen, dass dieser Auftrag an Judas erfolgreich zu Ende geführt wurde. Vor allem erwartet man von einem Gottes fürchtigen Menschen nicht, dass er sich selbst umbringt. Folgerichtig wird im Judasevangelium auch nicht davon berichtet, dass sich Judas nach seinem Verrat umgebracht habe.

 

Wenn also auch die Interpretation des Judasevangelium schon sehr früh von der offiziellen Kirche zurückgewiesen wurde, spricht das Matthäusevangelium einige Stellen vor der Verhaftung Jesu (Kapitel 26,36-46) doch davon, dass Jesus den Tod freiwillig auf sich genommen habe und dass dieser Tod offensichtlich dem Willen Gottes entsprach:

 

36 ‚Darauf kam Jesus mit den Jüngern zu einem Grundstück, das man Getsemani nennt, und sagte zu ihnen: Setzt euch und wartet hier, während ich dort bete.

37 Und er nahm Petrus und die beiden Söhne des Zebedäus mit sich. Da ergriff ihn Angst und Traurigkeit,

38 und er sagte zu ihnen: Meine Seele ist zu Tode betrübt. Bleibt hier und wacht mit mir!

39 Und er ging ein Stück weiter, warf sich zu Boden und betete: Mein Vater, wenn es möglich ist, gehe dieser Kelch an mir vorüber. Aber nicht wie ich will, sondern wie du willst.

40 Und er ging zu den Jüngern zurück und fand sie schlafend. Da sagte er zu Petrus: Konntet ihr nicht einmal eine Stunde mit mir wachen?

41 Wacht und betet, damit ihr nicht in Versuchung geratet. Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.

42 Dann ging er zum zweiten Mal weg und betete: Mein Vater, wenn dieser Kelch an mir nicht vorübergehen kann, ohne dass ich ihn trinke, geschehe dein Wille.

43 Als er zurückkam, fand er sie wieder schlafend, denn die Augen waren ihnen zugefallen.

44 Und er ging wieder von ihnen weg und betete zum dritten Mal mit den gleichen Worten.

45 Danach kehrte er zu den Jüngern zurück und sagte zu ihnen: Schlaft ihr immer noch und ruht euch aus? Die Stunde ist gekommen; jetzt wird der Menschensohn den Sündern ausgeliefert.

46 Steht auf, wir wollen gehen! Seht, der Verräter, der mich ausliefert, ist da.‘

 

An dieser Textstelle lässt also der Evangelist Matthäus Jesus zwar bekennen, dass er freiwillig bereit sei, den Tod auf sich zu nehmen, wenn immer der Auftrag, mit dem Gott seinen Sohn in die Welt gesandt hat, dies erfordert. Aber dieser freiwillig geäußerten Bereitschaft, falls notwendig sogar den Tod am Kreuze auf sich zu nehmen, geht dennoch die Bitte Jesu voraus, sein Vater solle diesen schmerzlichen Kelch wenn irgendwie möglich von ihm nehmen. Und indem Jesus diesen Verzweiflungsruf an Gott in dieser Erzählung sogar dreimal hintereinander ausspricht, wird angedeutet, wie ernst es Jesus mit dieser Bitte war.

 

An erster Stelle steht also nicht die Bereitschaft oder gar der Wunsch zu sterben, sondern die Bereitschaft Jesu, seinen Auftrag auch dann zu Ende zu führen, wenn im Zuge der Erfüllung dieses Auftrages Jesus sogar sterben muss. Auch in dem Gleichnis vom Guten Hirten, das wir im Johannesevangelium in Kapitel 10 erfahren, spricht Jesus:

 

11 ‚Ich bin der gute Hirt. Der gute Hirt gibt sein Leben hin für die Schafe.‘

 

Ein guter Hirte wird man aber nicht dadurch, dass man lebensmüde ist, dass man diesen Beruf ergreift um getötet zu werden, sondern allein dadurch, dass man die Aufgabe des Hirten, die anvertrauten Schafe zu verteidigen, ernst nimmt und sogar dann noch gegen die Wölfe angeht, welche die Schafe zu reißen versuchen, wenn er in diesem Kampf sein Leben verliert. Auch hier steht wiederum die Aufgabe, der Schutz der Schafe im Vordergrund und nicht etwa die Freude am Sterben. Man nimmt das Sterben in Kauf, hofft aber doch, dass dieses nicht notwendig wird.

 

 

5. Was bewegte Judas zu dem Verrat Jesu?

 

Befassen wir uns in diesem Zusammenhang etwas ausführlicher mit der Frage, was denn eigentlich Judas bewegt hatte, als er Jesus an den Hohenpriester und an die Ältesten ausgeliefert hat? Der Verrat des Judas wurde bereits beim letzten Abendmahl vor seiner Verhaftung von Jesus vorausgesagt. Im Matthäusevangelium, Kapitel 26 erfahren wir:

 

21 ‚Und während sie aßen, sprach er: Amen, ich sage euch: Einer von euch wird mich verraten und ausliefern.

22 Da waren sie sehr betroffen und einer nach dem andern fragte ihn: Bin ich es etwa, Herr?

23 Er antwortete: Der, der die Hand mit mir in die Schüssel getaucht hat, wird mich verraten.

24 Der Menschensohn muss zwar seinen Weg gehen, wie die Schrift über ihn sagt. Doch weh dem Menschen, durch den der Menschensohn verraten wird. Für ihn wäre es besser, wenn er nie geboren wäre.

25 Da fragte Judas, der ihn verriet: Bin ich es etwa, Rabbi? Jesus sagte zu ihm: Du sagst es.

 

Und im Johannesevangelium, Kapitel 13 wird diese Voraussage weiter verdeutlicht:

 

21 ‚Nach diesen Worten war Jesus im Innersten erschüttert und bekräftigte: Amen, amen, das sage ich euch: Einer von euch wird mich verraten.

22 Die Jünger blickten sich ratlos an, weil sie nicht wussten, wen er meinte.

23 Einer von den Jüngern lag an der Seite Jesu; es war der, den Jesus liebte.

24 Simon Petrus nickte ihm zu, er solle fragen, von wem Jesus spreche.

25 Da lehnte sich dieser zurück an die Brust Jesu und fragte ihn: Herr, wer ist es?

26 Jesus antwortete: Der ist es, dem ich den Bissen Brot, den ich eintauche, geben werde. Dann tauchte er das Brot ein, nahm es und gab es Judas, dem Sohn des Simon Iskariot.

27 Als Judas den Bissen Brot genommen hatte, fuhr der Satan in ihn. Jesus sagte zu ihm: Was du tun willst, das tu bald!

28 Aber keiner der Anwesenden verstand, warum er ihm das sagte.

29 Weil Judas die Kasse hatte, meinten einige, Jesus wolle ihm sagen: Kaufe, was wir zum Fest brauchen!, oder Jesus trage ihm auf, den Armen etwas zu geben.

30 Als Judas den Bissen Brot genommen hatte, ging er sofort hinaus. Es war aber Nacht.‘ 

 

Und Lukas schließlich berichtet uns in Kapitel 22, wie Judas nach diesem letzten Abendmahl diesen Verrat beging:

 

3 ‚Der Satan aber ergriff Besitz von Judas, genannt Iskariot, der zu den Zwölf gehörte.

4 Judas ging zu den Hohenpriestern und den Hauptleuten und beriet mit ihnen, wie er Jesus an sie ausliefern könnte.

5 Da freuten sie sich und kamen mit ihm überein, ihm Geld dafür zu geben.

6 Er sagte zu und suchte von da an nach einer Gelegenheit, ihn an sie auszuliefern, ohne dass das Volk es merkte.‘

 

Was eigentlich Judas bewegt hat, Jesus zu verraten, wird nun in der Heiligen Schrift sowie in den Kommentaren zu diesem Ereignis recht unterschiedlich gedeutet. Die vier Evangelisten sind sich in dieser Frage weitgehend einig, dass man hier von einem verabscheuungswürdigen Verrat sprechen muss. Zwar sprechen nur Lukas und Johannes ex pressis verbis davon, dass Judas vom Satan heimgesucht wurde. Trotz allem werden gerade die beiden anderen Evangelisten (Markus und Matthäus) nicht müde, bei fast jeder Erwähnung des Judas Iskariot hinzuzufügen, dass es sich um den Jünger handle, welcher Jesus verraten hatte.

 

Anderes gilt jedoch für die in der Literatur geäußerten Kommentare. So wird davon ausgegangen, dass Judas sogar im Auftrag Gottes gehandelt habe und deshalb eine notwendige und ausgesprochen gute Tat mit der Überlieferung Jesu begangen habe. Anderen Autoren liegt der Grund für die Beteiligung des Judas an der Übergabe zunächst nur darin, dass Judas eines Tages zu der Überzeugung kam, dass Jesus gar nicht die Absicht hatte, als Messias die Juden von der römischen Gewaltherrschaft zu befreien und sich deshalb von Jesus trennte. Die Trennung als solche ist sicherlich nicht als etwas Verwerfliches zu bezeichnen, böse ist allein, dass Judas aus diesen Gründen Jesus an die Ältesten und an die Römer ausgeliefert hatte. Halten wir allerdings als wichtigsten Grund dieser Tat die Absicht, auf diesem Wege Jesus dazu zwingen, seine Rolle als Messias und damit Befreier von Judäa zu erfüllen, könnte man sogar auch hier davon sprechen, dass es vielleicht eine falsche, keinesfalls aber eine böse Tat war, welche Judas hier begangen hatte.

 

Wie steht es aber mit der Aussage, dass Judas aus Geldgier gehandelt habe, so wie es Johannes als einziger Evangelist vermutet hatte? Zumindest einige Argumente sprechen gegen eine solche Einschätzung. Als erstes haben wir uns die Frage zu stellen, ob Judas Iskariot die Persönlichkeit war, der man eine so niederträchtige Tat zumuten kann. Judas war nicht irgendein beliebiger Bürger aus Judäa, er war auch nicht nur einer der zahlreichen Jünger, er gehörte vielmehr zu dem engeren Kreis der zwölf Apostel und hatte offensichtlich Beruf und Familie verlassen, um sich Jesus vollkommen anzuschließen. Aus dieser Sicht ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass er von einem glühenden Anhänger schließlich zu einem Verräter wird, welcher aus niederen und unlauteren Motiven heraus handelt. Deshalb finden wir nur bei Johannes  in Kapitel 12, Johannes 12,3–11 einen Hinweis, dass Judas auch bisher schon Gelder der Jünger veruntreute:

 

‚Da nahm Maria ein Pfund echtes, kostbares Nardenöl, salbte Jesus die Füße und trocknete sie mit ihrem Haar. Das Haus wurde vom Duft des Öls erfüllt. Doch einer von seinen Jüngern, Judas Iskariot, der ihn später verriet, sagte: Warum hat man dieses Öl nicht für dreihundert Denare verkauft und den Erlös den Armen gegeben? Das sagte er aber nicht, weil er ein Herz für die Armen gehabt hätte, sondern weil er ein Dieb war; er hatte nämlich die Kasse und veruntreute die Einkünfte.‘

 

Es fällt immerhin auf, dass diese Einschätzung (Judas als Dieb) allein in dem Evangelium erwähnt wird, welches am spätesten (etwa 70 Jahre nach dem Tod Jesu) aufgeschrieben wurde. Die übrigen drei Evangelien (etwa 40 Jahre nach Jesu Tod geschrieben) erwähnen diesen Charakterzug nicht, obwohl es doch nahegelegen hätte, dass man eine Person, bei deren Erwähnung man fast immer hinzufügte, es sei der Jünger gewesen, der Jesus verraten habe, auch als Dieb benennt, wenn man davon überzeugt gewesen wäre, dass Judas tatsächlich die Kasse der Jünger veruntreut hätte.

 

Es ist nun recht unwahrscheinlich, dass die jüdische Kirchenbehörde für die Auslieferung Jesu nur einen so geringen Geldbetrag bereit war auszuzahlen und es ist genauso unwahrscheinlich, dass Judas, der doch offensichtlich die notwendigen Geldgeschäfte der Jünger besorgte, also so etwas wie der ‚Finanzminister‘ oder Kassenwart der Jünger war, den geringen Wert von 30 Denaren nicht richtig einschätzte und für diesen kleinen Betrag eine so wichtige Entscheidung getroffen haben soll.

 

Wie steht es nun mit der Auskunft, dass die jüdische Kirchenbehörde die Mithilfe Judas benötigte, um zu erfahren, an welchen Stellen Jesu gelehrt habe und deshalb aufzufinden war? Dass es hierzu der Mithilfe von Judas bedurfte, ist recht unwahrscheinlich. Jesus hat ja nicht im Geheimen, also in geheim gehaltenen Klubs, sondern in aller Öffentlichkeit immerhin etwa drei Jahre lang gelehrt und wanderte von einem Ort zum andern. Wer wollte, konnte sehr wohl den jeweiligen Aufenthaltsort von Jesus erkunden.

 

Das Lukasevangelium Kapitel 22,6 gibt jedoch einen Hinweis, warum die jüdische Kirchenbehörde doch unter Umständen einer Mithilfe eines Jüngers bei der geplanten Verhaftung Jesu bedurfte: ‚Er (Judas) sagte zu und suchte von da an nach einer Gelegenheit, ihn an sie auszuliefern, ohne dass das Volk es merkte.‘ Hier bestand in der Tat eine ernst zunehmende Gefahr für diejenigen, welche Jesus verhaften wollten. Als Jesus einige Zeit vor seiner Haftung auf einer Eselin in Jerusalem einzog, war er von einer großen Schar von ihm zujubelnden Juden umgeben. Bei Matthäus Kapitel 21,7-9 erfahren wir:

 

‚Sie (die Jünger) brachten die Eselin und das Fohlen, legten ihre Kleider auf sie, und er (Jesus) setzte sich darauf. Viele Menschen breiteten ihre Kleider auf der Straße aus, andere schnitten Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. Die Leute aber, die vor ihm hergingen und die ihm folgten, riefen: Hosanna dem Sohn Davids! Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn. Hosanna in der Höhe!‘

 

Und bei Lukas Kapitel 19,37-38  heißt es:

 

‚Als er an die Stelle kam, wo der Weg vom Ölberg hinabführt, begannen alle Jünger freudig und mit lauter Stimme Gott zu loben wegen all der Wundertaten, die sie erlebt hatten. Sie riefen: Gesegnet sei der König, der kommt im Namen des Herrn. Im Himmel Friede und Herrlichkeit in der Höhe!‘

 

Bei einem so freudigen Empfang bestand in der Tat die Gefahr, dass sich die Jesus begleitenden Juden gegen eine Verhaftung gewehrt hätten und dass es in diesem Zusammenhang sehr leicht zu einem offenen Aufruhr gegen die römische Besatzung hätte kommen können. Diese Gefahr aber mussten die Juden, welche Jesus verhaften wollten, auf jeden Fall vermeiden, da ein offener Aufruhr sehr leicht die Sonderstellung, welche die oberste Priesterkaste der Sadduzäer bei den Römern genossen hatte, hätte gefährden können. Eine Verhaftung ohne Gefahr, dass sie in einen offenen Aufruhr eskaliere, war also nur möglich an einem Ort und zu einer Zeit, an dem bzw. in der Jesus sich nur mit einer kleinen Schar von Jüngeren aufhielt. 

 

Diese Einschätzung ergibt sich auch aus  Matthäus Kapitel 26,1-5

 

‚Als Jesus seine Reden beendet hatte, sagte er zu seinen Jüngern: Ihr wisst, dass in zwei Tagen das Paschafest beginnt; da wird der Menschensohn ausgeliefert und gekreuzigt werden. Um die gleiche Zeit versammelten sich die Hohenpriester und die Ältesten des Volkes im Palast des Hohenpriesters, der Kajaphas hieß, und beschlossen, Jesus mit List in ihre Gewalt zu bringen und ihn zu töten. Sie sagten aber: Ja nicht am Fest, damit kein Aufruhr im Volk entsteht.  

 

Der wohl wichtigste Grund dafür, dass die jüdische Kirchenbehörde Jesus nicht schon viel früher gefangen genommen hatte, lag aber darin, dass sie sich offensichtlich uneinig waren, mit welcher Anklage sie denn Jesus verhaften und den Römern zur Hinrichtung übergeben sollten. Als Jesus nach seiner Verhaftung vor den Hohen Rat geführt wurde, hatte es – wenn man die Bibelstellen zugrunde legt – nicht den Anschein, als könnte der Hohe Rat mit einer fertigen Anklageschrift den Prozess gegen Jesus beginnen lassen.

 

Bei Matthäus 26,57-68 ist zu lesen:

 

‚Nach der Verhaftung führte man Jesus zum Hohenpriester Kaiphas, bei dem sich die Schriftgelehrten und die Ältesten versammelt hatten…. Die Hohenpriester und der ganze Hohe Rat bemühten sich um falsche Zeugenaussagen gegen Jesus, um ihn zum Tod verurteilen zu können. Sie erreichten aber nichts, obwohl viele falsche Zeugen auftraten. Zuletzt kamen zwei Männer und behaupteten: Er hat gesagt: Ich kann den Tempel Gottes niederreißen und in drei Tagen wieder aufbauen. Da stand der Hohepriester auf und fragte Jesus: Willst du nichts sagen zu dem, was diese Leute gegen dich vorbringen? Jesus aber schwieg.

 

Darauf sagte der Hohepriester zu ihm: Ich beschwöre dich bei dem lebendigen Gott, sag uns: Bist du der Messias, der Sohn Gottes? Jesus antwortete: Du hast es gesagt. Doch ich erkläre euch: Von nun an werdet ihr den Menschensohn zur Rechten der Macht sitzen und auf den Wolken des Himmels kommen sehen. Da zerriss der Hohepriester sein Gewand und rief: Er hat Gott gelästert! Wozu brauchen wir noch Zeugen? Jetzt habt ihr die Gotteslästerung selbst gehört. Was ist eure Meinung? Sie antworteten: Er ist schuldig und muss sterben.‘

 

Da also offensichtlich bis zur Verhaftung Jesu unter den Ältesten keine Einigkeit darüber bestand, was man eigentlich Jesus vorwerfen wolle und aufgrund welcher Anklage er den Tod verdient habe, hätte Judas als Vertrauter Jesu durchaus auch Hinweise darüber liefern können, aufgrund welcher Äußerungen glaubhaft Jesu der Prozess gemacht werden könne.

 

Legt man also die vier Evangelien zugrunde, gibt es wenige schlüssige Argumente dafür, dass Judas aus Geld- und Habgier Jesus verraten hatte. Nachdem man aber Judas als Verräter gebrandmarkt hatte, lag es nahe, im Nachhinein ihm alle möglichen Schandtaten zuzutrauen. Wenn er schon für lächerliche 30 Silberstücke Jesus verrät, dann kann man ihm auch zutrauen, dass er als Kassenwart der Jünger auch bisher schon die ihm anvertrauten Gelder veruntreut hat. Man traut es ihm zu und aus der Möglichkeit wird dann ohne genauen Beweis sehr schnell eine Gewissheit (ein Vorurteil).

 

Schlimmer aber als dass man Judas weiterer Schandtaten bezichtigte, war, dass mit der Zeit schon im Altertum bis zum zweiten Vatikanischen Konzil in der jüngsten Zeit Judas mehr oder weniger als Stellvertreter für alle Juden gestempelt wurde und damit ‚die Juden‘ schlechthin für den Tod Jesu verantwortlich gemacht wurden.

 

Nun wird man ganz allgemein niemals die Verurteilung einer ganzen Bevölkerungsgruppe oder sogar einer Bevölkerung insgesamt akzeptieren können. In einer Bevölkerungsgruppe gibt es immer sehr unterschiedliche Verhaltensweisen. Für die Juden zur damaligen Zeit muss jedoch festgestellt werden, dass nur eine relativ kleine Gruppe der damaligen Bevölkerung Judäas die Hinrichtung Jesu aktiv betrieb, dass wohl weit mehr als 90% der Bevölkerung nichts mit dem Leidensweg Jesu zu tun hatte.

 

Die Hinrichtung Jesu wurde einmal von der Priesterkaste, den Sadduzäern betrieben und dies waren ganze 40 Familien zur Zeit Jesu. Ein aktives Interesse an einer Verurteilung von Jesus hatten auch die Herodianer, die Anhänger des Fürsten Herodes. Beide Gruppen hatten sich mit der römischen Besatzungsmacht arrangiert, sie waren eine Art Kollaborateure. Sie anerkannten die Besatzungsmacht, waren bereit zu akzeptieren, dass in Jerusalem heidnische Götter und sogar der Kaiser selbst als Gott verehrt wurde – eigentlich für einen streng gläubigen Juden ein unerhörtes Sakrileg – sorgten dafür, dass sich das jüdische Volk den römischen Besatzern unterwarf und friedlich blieb und erhielten im Gegenzug das Recht, auch den jüdischen Gott im Tempel nach wie vor zu verehren und genossen darüber hinaus auch zahlreiche Privilegien und eingeschränkte Rechte einer Staatsmacht.