Startseite

 

 

Gottes Barmherzigkeit und die Not der Menschen

 

 

 

Gliederung:

 

1. Einführung: Der Widerspruch

2. Erste Annäherung: Unvollkommenes Wissen

3. Not als Folge einer Bestrafung?

4. Die Erbsünde als Ursache der menschlichen Not?

5. Begriffliche Beziehungen

6. Der Mensch als Verursacher der Not

7. Die Natur als Verursacher der Not

 

 

 

1. Einführung

 

Gläubige Menschen glauben einerseits an einen Gott als Schöpfer der Menschen und der Natur und halten Gott für gerecht, gütig, barmherzig, allmächtig und allwissend. Sie erwarten, dass der einzelne vor allem dann, wenn er sich an die Gebote Gottes hält, möglichst wenig Not erfährt und dass es deshalb auf Erden auch einigermaßen gerecht zugeht. Andererseits begegnen sie in der Realität einer Fülle größter Not zu allen Zeiten und auch in allen Gegenden.

 

Sie müssen immer wieder von Neuem feststellen, dass die Verteilung der Not auf die Menschen sehr ungleich erfolgt, dass sich die Not keinesfalls auf jene Menschen beschränkt, welche sündig geworden sind und eine Strafe verdient haben. Vielmehr hat es den Anschein, dass oftmals gerade diejenigen, welche sich in besonderem Maße an die Gebote Gottes halten, auch in besonderem Maße von Not und Unglück verfolgt werden, während sich andere hinwiederum überhaupt nicht an die Gebote Gottes halten, nur bestrebt sind, ihren eigenen Reichtum und ihre Macht zu mehren und sich in keiner Weise um ihre Mitmenschen kümmern und trotzdem von äußerster Not befreit bleiben. Zumindest steht die den Menschen zugefügte Not in keinem Verhältnis zu den Taten der Menschen – nicht zu den guten noch zu den bösen Taten.

 

Offensichtlich scheinen beide Aussagen – diejenige von der Gerechtigkeit Gottes sowie diejenige von der Feststellung der tatsächlichen Not der Menschen – in einem grassen Missverhältnis zueinander zu stehen. Die eine Aussage scheint auf den ersten Blick der jeweils anderen Aussage zu widersprechen.

 

Auf diesen Widerspruch haben die Menschen schon von jeher recht unterschiedlich reagiert. Eine erste Gruppe nimmt diesen Widerspruch zum Anlass, die Existenz Gottes – zumindest eines gerechten und barmherzigen Gottes – zu leugnen. Sie meinen, dass dann, wenn es tatsächlich einen gütigen Gott gäbe, es auch nicht Not in so großem Umfang geben dürfe, vor allem, dass dann die Verteilung der Not auf die einzelnen Menschen gerechter erfolgen müsse. Dass es in der Realität Not in so großem Maße gebe und dass die Not so ungleich und ungerecht auf die einzelnen verteilt sei, müsse als Beleg dafür angesehen werden, dass es keinen Gott gäbe, dass die Existenz Gottes eine Erfindung des Menschen sei, er wünsche sich zwar unter Umständen, dass es einen gütigen Gott gäbe, aber alle Erfahrung spreche dafür, dass es in Wirklichkeit keinen Gott gäbe.

 

Diese Antwort ist natürlich nicht die einzige Reaktion auf den festgestellten Widerspruch. Eine zweite mögliche Antwort, die wiederholt gegeben wurde, besteht darin, dass man an der Existenz eines gütigen Gottes festhält und den oben erwähnten Widerspruch dadurch aufzulösen versucht, dass man bezweifelt, dass die den Menschen zugefügte Not ungerecht erfolge. Vor allem christliche Sekten – wie vor allem die Puritaner im 16. Jahrhundert in England – haben wiederholt die Meinung vertreten, dass Not nur die unmittelbare Folge eines sündhaften Verhaltens der einzelnen Menschen sei. Da Gott gerecht sei, könne man auch nicht davon ausgehen, dass Menschen ohne Schuld bestraft werden.

 

Wenn jemand Not erfahre, so sei dies eben ein Beweis dafür, dass er sündhaft gehandelt habe. Dass von diesem sündhaften Verhalten den Mitmenschen nichts bekannt sei, könne noch nicht als Beleg dafür angesehen werden, dass er ein sündenfreies Leben geführt habe, sündigen könne man auch im Verborgenen. Der Umstand, dass er in Not geraten sei, sei Nachweis genug, dass er ein sündhaftes Leben geführt habe und nun von Gott bestraft werde.

 

Diese Argumentationsweise sieht die Not als unmittelbare Folge einer individuellen Schuld. Davon zu unterscheiden ist die weitere dritte mögliche Antwort, wonach durch den Sündenfall der ersten Menschen Adam und Eva die Erbsünde entstanden sei, von der alle nachfolgenden Menschen betroffen seien. Weil die Menschheit – vertreten durch Adam und Eva – sich weigerte, den Befehlen Gottes zu folgen, seien sie aus dem Paradies vertrieben worden und müssten nun unter Schmerzen ihre Kinder gebären und im Schweiße ihres Angesichts ihr tägliches Leben fristen.

 

Der ständige Zwist unter den Menschen, der sich durch Mord und Totschlag äußere, sei unmittelbare Folge dieser Erbsünde. Der einzelne Mensch könne gar nicht anders als immer wieder erneut zu sündigen, wenn er auf sich allein gestellt sei und nicht die Barmherzigkeit Gottes erfahre. Dass also die Menschen Leid erfahren, sei auch nicht ungerecht, es sei einfach eine Folge der Erbsünde, die von Gott nicht gewollt sei, sondern durch Menschen in die Welt gekommen sei.

 

Eine vierte mögliche Antwort auf den oben beschriebenen Widerspruch wird bisweilen darin gesehen, dass das Geschehen auf dieser Erde voll von Geheimnissen sei. Der Umstand, dass bei uns der Eindruck entstehe, dass sich die tatsächliche Not und die Güte Gottes widersprächen, sei noch kein Beweis dafür, dass das tatsächliche Geschehen in Widerspruch zum Glauben an einen gütigen und gerechten Gott stehe. Die empirische Erfahrung lehre den Menschen, dass uns viele Ereignisse bei ihrem Auftreten als ungünstig und ungerecht erscheinen, dass sich aber später herausstelle, dass diese Ereignisse den Betroffenen langfristig gesehen eher genützt als geschadet hätten.

 

Diese Erkenntnis gelte auch im Hinblick auf die Not, welche die Menschen immer wieder erreiche. Es gäbe aber keine Möglichkeit, auf intellektuellem Wege durch Nachdenken die letztlichen Ursachen der Not aufzudecken und ihre Berechtigung nachzuweisen. Gerade deshalb bedürfe es ja des Glaubens, dass es einen Gott gibt und dass Gott nur das zulasse, was letzten Endes den Menschen zugutekomme.

 

Eine fünfte Möglichkeit, den oben skizzierten Widerspruch aufzuklären, besteht darin, dass man den Versuch unternimmt, den wahren Sinn der Gott zugedachten Eigenschaften: Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, Güte und Allmacht zu erforschen und den zunächst festgestellten Widerspruch einfach darin sieht, dass man diese Merkmale Gottes falsch interpretiert, dass man also z. B. unter Allmacht die Fähigkeit versteht, jeglichen erwünschten Zustand zu realisieren und dass man nicht sieht, dass man sich hierbei selbst wiederum in Widersprüche verrennt. So erfordert die Allmacht Gottes sicherlich nicht, dass Gott auch in der Lage sein müsse, Dinge zu tun, die in sich widersprüchlich sind.

 

Der Begriff der Gerechtigkeit beziehe sich darüber hinaus nicht primär auf das diesseitige Leben, sondern auf das Leben, das der Mensch nach seinem Tode und nach seiner Auferstehung erfahre. Dass also augenscheinlich Widersprüche zwischen dem Glauben an einen gerechten und gütigen Gott und der Not in der Welt festgestellt werden, hänge damit zusammen, dass man die Gott zugedachten Merkmale der Gerechtigkeit, Güte und Allmacht falsch interpretiere.

 

Eng zusammen mit dieser fünften möglichen Interpretation steht eine sechste mögliche Antwort. Dass nämlich das Leid dieser Welt nicht von Gott herrühre, sondern dass diese Welt vom Teufel regiert werde und dass deshalb das Leid und die festzu­stellende Ungerechtigkeit eben von diesem Bösen ausgelöst würden und dass deshalb auch nicht Gott dafür verantwortlich gemacht werden könne. Gott habe nicht nur den Menschen, sondern auch himmlische Wesen – die Engel  erschaffen, auch diese Wesen seien wie der Mensch mit einem freien Willen ausgestattet worden, ein Teil dieser Engel hätten diesen freien Willen dazu benutzt, von Gott abzufallen und die Menschen zur Sünde zu verleiten.

 

Wir werden im weiteren Verlauf diese einzelnen Ansätze genauer analysieren und sehen, dass diese möglichen Antworten zwar zum Teil auf richtige Zusammenhänge aufmerksam machen, aber insgesamt als einzige Antwort nicht befriedigen. Es soll deshalb eine siebte mögliche Antwort versucht werden, Klarheit über diesen Widerspruch dadurch zu erlangen, dass wir der Frage nachgehen, auf welche unmittelbaren Ursachen denn die Not der Menschen zurückzuführen ist. Wir werden hierbei aufzeigen können, dass trotz vielfältiger Not keinesfalls immer ein grundlegender Widerspruch zu dem Glauben an einen gerechten und gütigen Gott auftreten muss. Allerdings werden wir auch sehen, dass eine endgültige Klärung dieser Fragen und damit eine vollständige Auflösung dieses Widerspruches mit intellektuellen Bemühungen allein nicht erfolgen kann.

 

 

2. Erste Annäherung: Unvollkommenes Wissen

 

Beginnen wir mit dem Ansatz eines unvollkommenen Wissens. Man glaubt an die Existenz eines gütigen Gottes, leugnet zwar nicht das Vorhandensein menschlicher Not als objektives Datum, geht jedoch davon aus, dass diese Ereignisse dem Menschen langfristig zugutekommen und keinen eigentlichen Schaden bedeuten. Dieser erste Ansatz besteht also in einer Veränderung in der Bewertung menschlicher Schicksalsschläge. Während üblicherweise diese Beeinträchtigungen negativ bewertet werden und man in diesen Schicksalsschlägen einen Schaden sieht, der unerwünscht ist und der möglichst vermieden werden sollte, wird hier davon ausgegangen, dass diese Ereignisse aus einer langfristigen Sicht keinesfalls das Wohl der Betroffenen beeinträchtigen, ja sogar unter Umständen notwendig und zu der Bestimmung des Menschen vorteilhaft seien.

 

Die langfristige Sicht bezieht sich hierbei allerdings nicht primär auf das irdische Leben, es wird nicht behauptet, dass sich die negativen Ereignisse noch in diesem Leben zum Guten hinwenden. Es wird vielmehr davon ausgegangen, dass der Mensch nach dem Tod wiederum aufersteht und ein jenseitiges Leben führen wird und dass die persönlichen Schicksalsschläge dem jenseitigen Heil zugutekämen.

 

Dass so etwas möglich ist, dass sich also ein vorübergehender Schaden später zu einem Vorteil wenden kann, ist eine Erfahrung, welche fast jeder von uns irgend-einmal gemacht hat. Nehmen wir folgendes Beispiel. Jemand habe für seinen Urlaub einen Flug auf eine Paradiesinsel gebucht und er habe sich schon sehr lange auf diesen Urlaub gefreut, er sollte – so war es geplant – zu einem einzigartigen Erlebnis werden. Wir wollen unterstellen, dass er auf dem Wege zum Flughafen in einen Stau geraten sei, dass er deshalb den Flughafen nicht rechtzeitig erreicht und somit das Flugzeug verpasst habe. Er sei deshalb sehr traurig und ärgerlich und finde es äußerst ungerecht, dass nun  auf diese Weise sein Wunschtraum nicht in Erfüllung ging.

 

Unterstellen wir nun weiterhin, dass dieses Flugzeug einen Motorschaden erleidet, den Flug vorzeitig abbrechen müsste, bei der Landung die Flugbahn verfehle und am Boden zerschelle, wobei alle Insassen ums Leben kämen. Wenn der verhinderte Fluggast von diesem Unglück erfährt, wird er es vielleicht sogar als ein Glücksfall und eine glückliche Fügung ansehen, dass er wegen des Staus auf der Autobahn gar nicht mit diesem Flugzeug mitfliegen konnte.

 

Auch in einer etwas anderen Sicht kann ein Ereignis, das uns unmittelbar nach Eintreten als Katastrophe erscheint, in sehr langfristiger Sicht günstiger beurteilt werden. Schicksalsschläge zeichnen im Allgemeinen die Betroffenen. Diese hierdurch eingetretene Not kann das Verhalten der betroffenen Menschen nicht nur in der Weise beeinflussen, dass ihre persönlichen und beruflichen Möglichkeiten eingeschränkt werden. Ein vom Schicksal gezeichneter Mensch kann sich auch in seinem moralischen Verhalten entscheidend verändern.

 

Manche Menschen nehmen einen Unglücksfall zum Anlass, ein bisher fragwürdiges moralisches Verhalten zu beenden und sich stärker als bisher Akten der Nächstenliebe zuzuwenden. Hier hat sich die anfängliche Not im Hinblick auf den Sinn des Lebens am Ende doch noch zum Guten gewandt. Allerdings darf nicht verschwiegen werden, dass es auch Beispiele gibt, bei denen ein vom Schicksal gezeichneter gerade aus diesen Gründen aus der Bahn geworfen wird und nur noch auf Rache an denjenigen aus ist, die diese Not verursacht haben oder zu einer normalen Lebensführung nicht mehr bereit sind.

 

Das Beispiel mit dem Flugzeugabsturz mag ein sehr dramatisches und Gott sei Dank nicht häufiges Ereignis sein. Aber eine ähnliche Wendung zum Guten – wenn auch nicht in dieser dramatischen Weise –  begegnet uns sehr häufig im alltäglichen Leben. Man kämpft für eine bestimmte Lösung, erreicht das Ziel jedoch nicht, hat also vordergründig verloren und muss sich mit einer anderen Lösung zufrieden geben, die ihm zunächst als nur eine zweitbeste Lösung erscheint, die sich aber im Nachhinein als eine Lösung erweist, die sogar der zunächst angestrebten, aber nicht erreichten Lösung überlegen ist.

 

Auch dieses Beispiel mag dem einen oder anderen noch als ein Ausnahmefall erscheinen. Im wirtschaftlichen Bereich begegnen wir jedoch alltäglich ähnlichen Zusammenhängen. Eine Unternehmung produziert Güter, um auf diesem Wege Erträge und Gewinne zu erzielen. Nahezu jede Produktion erfordert jedoch den Einsatz von Ressourcen, die für die produzierende Unternehmung mit Kosten verbunden sind.

 

Man will letztendlich eine Nutzensteigerung, muss jedoch zur Erlangung dieser Erträge Kosten und damit Nutzenentgänge in Kauf nehmen. Man bringt diese Kosten auf, weil man damit rechnet, dass die Erträge den Gesamtnutzen aus diesem Projekt weit mehr erhöhen, als die Kosten zunächst Nutzenentgänge darstellen. Der Schaden in Gestalt von Kosten wendet sich hier nach dem Verkauf der Waren zum Guten, er war notwendig, um den erzielten Ertrag zu erreichen.

 

Besonders augenfällig ist diese Vorgehensweise bei einer Investition. Eine Investition zeichnet sich dadurch aus, dass in den ersten Jahren nur Kosten anfallen und dass die Erträge erst in zukünftigen Jahren entstehen. Auch hier werden die anfänglichen Kosten bewusst in Kauf genommen und zwar wegen eines in Aussicht genommenen zukünftigen Ertrages.

 

In einer Hinsicht unterscheidet sich jedoch das Beispiel der Produktion und Investition von den oben erwähnten persönlichen Schicksalsschlägen wesentlich. Bei den unternehmerischen Aktivitäten werden die anfänglichen Nutzenentgänge in Form von Kosten bewusst in Kauf genommen, um einen umso größeren Nutzenzuwachs in der Zukunft zu erzielen, während ein persönlicher Schicksalsschlag nicht geplant, noch nicht einmal in Kauf genommen war, sondern den Betroffenen wie ein Blitz zumeist vollkommen unvorbereitet trifft. Und nur im Nachhinein lässt sich feststellen, dass sich diese erlittenen Schäden schließlich vielleicht zum Guten wenden. Weder wurden diese Schäden angestrebt, noch wurde bei Eintreten dieser Schäden damit gerechnet, dass sie sich schließlich eines Tages zum Guten wenden werden.

 

Wenn sich nun eine solche Wendung schon bei rein irdischen Vorgängen ereignen kann, so wird bei dieser ersten Argumentation unterstellt, dass sie vor allem auch dann zu erwarten ist, wenn metaphysische Fragen zur Diskussion stehen. Über alle Ereignisse, die sich auf das Weiterleben nach dem Tode beziehen, gäbe es einen geheimnisvollen Schleier, der durch noch so große Anstrengungen, durch intellektuelles Nachdenken nicht gelüftet werden könne.

 

Was nach dem Tode auf Erden geschehe, sei und  bleibe ein Geheimnis, das gläubig hingenommen werden müsse, man müsse bestimmte Glaubenssätze hinnehmen, ohne dass man in der Lage wäre, diese Aussagen mit den Mitteln der menschlichen Vernunft zu beweisen oder auch zu widerlegen. Der Glaube ist hier so groß, dass auch der Augenschein eines Widerspruches zwischen dem Glauben an einen gütigen Gott und der allgemeinen Not der Menschen hingenommen wird. Man glaubt einfach ohne Beweise, dass Gott gütig ist und dass sich dieser scheinbare Widerspruch im Jenseits auflöse. Worin diese Auflösung bestehe, darüber könne und solle man allerdings nicht räsonieren.

 

Nun wird man zwar diesen Überlegungen insoweit zustimmen können, als in der Tat eine vollständige Auflösung dieser Widersprüche niemals gelingen wird, man mag sich noch so sehr Gedanken machen, auf welche Weise dieser Widerspruch gelöst werden könne, ein gewisser Rest an Unsicherheit und Unwissen in diesen Fragen wird immer bleiben.

 

Trotzdem scheint mir dieser erste Ansatz aus mehreren Gründen unbefriedigend. Zunächst werden wir im weiteren Verlauf dieser Abhandlung sehen, dass der augenscheinliche Widerspruch durchaus auf dem Wege intellektueller Auseinandersetzung teilweise erklärt werden kann, dass also nicht alle feststellbare Not der Menschen den Vorstellungen eines gütigen Gottes widersprechen müssen. Wir können – wie wir später sehen werden – sehr wohl aufzeigen, dass manche Not von Menschenhand und nur von Menschenhand gemacht wurde und nichts damit zu tun hat, ob Gott gütig und gerecht ist.

 

Widersprüche hinzunehmen ist jedoch – falls wir überhaupt etwas zur Aufklärung dieser Widersprüche tun können – sehr unbefriedigend. Gerade diese Widersprüche tragen dazu bei, dass viele Menschen am Glauben irrewerden und den Glauben schließlich aufgeben. Gerade wenn man das Ziel verfolgt, dass möglichst viele Menschen zum Glauben finden sollten, hat man alles zu tun, um möglichst viele Hindernisse auf diesem Weg zu beseitigen.

 

Auch dann, wenn manche Gläubige aufgrund dieser augenscheinlichen Widersprüche am Glauben festhalten, die Tatsache, dass sie mit diesen Widersprüchen alltäglich konfrontiert werden, führt selbst wiederum zu einer seelischen Not der Betroffenen, diese bedürfen der Hilfe, um diese Not zu überwinden. Wir dürfen sie in dieser Not gerade nicht allein lassen, sondern müssen ihnen helfen, ihre Zweifel wieder zu überwinden.

 

 

3. Not als Folge einer Bestrafung?

 

Wenden wir uns nun einem zweiten Ansatz zu, den augenscheinlichen Widerspruch zwischen dem Glauben an einen gütigen Gott und der allgemeinen Not der Menschen dadurch aufzulösen, dass man die menschliche Not als Bestrafung der Menschen für begangene Sünden auffasst.

 

Hier wird also davon ausgegangen, dass die zu beobachtende Not der Menschen gar nicht als Ungerechtigkeit angesehen wird, da der Mensch diese Not dadurch selbst hervorgerufen hat, dass er gegen die Gebote Gottes verstoßen habe und dass die Not nichts anderes darstelle, als dass der Mensch für seine Sünden von Gott bestraft werde. Entsprechend dieser Interpretation wird also das Auftreten der Not gar nicht als Ausdruck einer ungerechten Behandlung von Seiten Gottes gegenüber den Menschen angesehen. Ganz im Gegenteil wird hier die Not der Menschen als notwendige Folge sündhaften Lebens und als Durchführung der Gerechtigkeit Gottes verstanden.

 

Die Vorstellung, dass die Not der Menschen einfach als Strafe Gottes angesehen werden kann, hat sich schon sehr früh in der Entwicklung der Menschen und eines Gottesglauben heraus kristallisiert. In der Anfangsphase der Menschheitsgeschichte machten sich die Menschen Gedanken darüber, warum sie immer wieder von zahlreichen Naturkatastrophen heimgesucht werden, sie fassten zunächst die Naturgewalten selbst als göttliche Wesen auf und verstanden das Wüten der Natur als Ausdruck dafür, dass die Götter auf die Menschen wütend seien, dass die Menschen also auf diese Weise von den Göttern bestraft würden.

 

Sie versuchten, die Götter mild zu stimmen, indem sie ihnen Gaben opferten, wobei offensichtlich die Meinung vorherrschte, dass die Götter am besten dadurch besänftigt werden könnten, dass das, was man selbst für das wertvollste hielt, den Göttern geopfert werden müsste. Man brachte deshalb Brandopfer und opferte Tiere, die man an und für sich selbst zum Überleben benötigte und  war sogar bereit, zur Besänftigung der Götter Menschenleben zu opfern.

 

In der Weiterentwicklung der Menschheit kam es dann vor allem bei den Juden, aber auch in anderen Kulturkreisen wie z. B. in Ägypten zur Verehrung eines einzigen Gottes (Monotheismus), der nun auch nicht mehr mit den Naturgewalten selbst identifiziert wurde, sondern als ein persönliches Wesen mit freiem Willen aufgefasst wurde.

 

Zu dieser Entwicklung zählt auch, dass man eines Tages überzeugt war, dass Gott nicht so grausam sein könne, zur Sühne und Versöhnung Menschenopfer zu verlangen. Diese Entwicklung wird sehr eindringlich in der Erzählung des Alten Testamentes vom geforderten Brandopfer Abrahams geschildert. Im ersten Buch Moses, im Genesis Kapitel 22 heißt es:

 

‚Nach diesen Ereignissen stellte Gott Abraham auf die Probe. Er sprach zu ihm: Abraham! Er antwortete: Hier bin ich. Gott sprach: Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, Isaak, geh in das Land Morija und bring ihn dort auf einem der Berge, den ich dir nenne, als Brandopfer dar.

 

Frühmorgens stand Abraham auf, sattelte seinen Esel, holte seine beiden Jungknechte und seinen Sohn Isaak, spaltete Holz zum Opfer und machte sich auf den Weg zu dem Ort, den ihm Gott genannt hatte. Als Abraham am dritten Tag aufblickte, sah er den Ort von weitem....

 

Abraham nahm das Holz für das Brandopfer und lud es seinem Sohn Isaak auf. Er selbst nahm das Feuer und das Messer in die Hand. So gingen beide miteinander. Nach einer Weile sagte Isaak zu seinem Vater Abraham: Vater! Er antwortete: Ja, mein Sohn! Dann sagte Isaak: Hier ist Feuer und Holz. Wo aber ist das Lamm für das Brandopfer? Abraham entgegnete: Gott wird sich das Opferlamm aussuchen, mein Sohn. Und beide gingen miteinander weiter.

 

Als sie an den Ort kamen, den ihm Gott genannt hatte, baute Abraham den Altar, schichtete das Holz auf, fesselte seinen Sohn Isaak und legte ihn auf den Altar, oben auf das Holz. Schon streckte Abraham seine Hand aus und nahm das Messer, um seinen Sohn zu schlachten. Da rief ihm der Engel des Herrn vom Himmel her zu: Abraham, Abraham! Er antwortete: Hier bin ich. Jener sprach: Streck deine Hand nicht gegen den Knaben aus und tu ihm nichts zuleide! Denn jetzt weiß ich, dass du Gott fürchtest; du hast mir deinen einzigen Sohn nicht vorenthalten. Als Abraham aufschaute, sah er: Ein Widder hatte sich hinter ihm mit seinen Hörnern im Gestrüpp verfangen. Abraham ging hin, nahm den Widder und brachte ihn statt seines Sohnes als Brandopfer dar‘.

 

Wichtig in diesem Zusammenhang scheint mir zu sein, dass Gott Abraham mit der Aufforderung, seinen Sohn zu opfern, nur auf die Probe stellen wollte, dass es also nicht dem Willen Gottes entsprochen hätte, zum Nachweis der Gefolgschaft selbst Menschenleben zu opfern.

 

Der Vorstellung, dass Gott die Menschen für ihre Sünden bestraft, begegnen wir wiederholt im Alten Testament. So heißt es im Buch Ezechiel im Kapitel 25 unter anderem:

 

‚So spricht Gott, der Herr: Weil Edom sich am Haus Juda gerächt hat, weil es Schuld auf sich geladen und Rache an ihm genommen hat, darum – so spricht Gott, der Herr: Ich strecke meine Hand gegen Edom aus, ich vernichte darin Mensch und Tier und mache es zur Wüste. Von Teman bis Dedan sollen sie unter dem Schwert fallen. Ich lege meine Rache an Edom in die Hand meines Volkes Israel. Sie werden an Edom meinem Zorn und Grimm entsprechend handeln. Dann wird Edom meine Rache kennen lernen – Spruch Gottes, des Herrn.

 

So spricht Gott, der Herr: Weil die Philister rachsüchtig waren und voll Verachtung Rache nahmen, um Juda aus uralter Feindschaft zu vernichten, darum – so spricht Gott, der Herr: Ich will jetzt meine Hand gegen die Philister ausstrecken, ich will die Kereter ausrotten und die übrigen Völker an der Küste vernichten. Ich nehme an ihnen gewaltige Rache mit grimmigen Strafen. Dann werden sie erkennen, dass ich der Herr bin, wenn ich mich an ihnen räche‘.

 

Allerdings finden sich bereits im Alten Testament viele Stellen, in denen Gott von einer Bestrafung absieht, sofern die Menschen Reue für ihre Straftaten zeigen. Bei Jeremias im Kapitel 18 lesen wir z. B.:

 

‚Kehrt aber das Volk, dem ich gedroht habe, um von seinem bösen Tun, so reut mich das Unheil, das ich ihm zugedacht hatte‘.

 

Oder aber im ersten Buch Moses, in Genesis Kapitel 18 erfahren wir, dass Abraham Gott davon abbringen will, Sodom zu zerstören:

 

‚Der Herr sprach also: Das Klagegeschrei über Sodom und Gomorra, ja, das ist laut geworden, und ihre Sünde, ja, die ist schwer. Ich will hinabgehen und sehen, ob ihr Tun wirklich dem Klagegeschrei entspricht, das zu mir gedrungen ist. Ich will es wissen‘.

 

‚Abraham aber stand noch immer vor dem Herrn. Er trat näher und sagte: Willst du auch den Gerechten mit den Ruchlosen wegraffen? Vielleicht gibt es fünfzig Gerechte in der Stadt: Willst du auch sie wegraffen und nicht doch dem Ort vergeben wegen der fünfzig Gerechten dort? Das kannst du doch nicht tun, die Gerechten zusammen mit den Ruchlosen umbringen. Dann ginge es ja dem Gerechten genauso wie dem Ruchlosen. Das kannst du doch nicht tun. Sollte sich der Richter über die ganze Erde nicht an das Recht halten?

 

Da sprach der Herr: Wenn ich in Sodom, in der Stadt, fünfzig Gerechte finde, werde ich ihretwegen dem ganzen Ort vergeben. Abraham antwortete und sprach: Ich habe es nun einmal unternommen, mit meinem Herrn zu reden, obwohl ich Staub und Asche bin. Vielleicht fehlen an den fünfzig Gerechten fünf. Wirst du wegen der fünf die ganze Stadt vernichten? Nein, sagte er, ich werde sie nicht vernichten, wenn ich dort fünfundvierzig finde. Er fuhr fort, zu ihm zu reden: Vielleicht finden sich dort nur vierzig. Da sprach er: Ich werde es der vierzig wegen nicht tun.

[1]

Und weiter sagte er: Mein Herr zürne nicht, wenn ich weiterrede. Vielleicht finden sich dort nur dreißig. Er entgegnete: Ich werde es nicht tun, wenn ich dort dreißig finde. Darauf sagte er: Ich habe es nun einmal unternommen, mit meinem Herrn zu reden. Vielleicht finden sich dort nur zwanzig. Er antwortete: Ich werde sie um der zwanzig willen nicht vernichten. Und nochmals sagte er: Mein Herr zürne nicht, wenn ich nur noch einmal das Wort ergreife. Vielleicht finden sich dort nur zehn. Und wiederum sprach er: Ich werde sie um der zehn willen nicht vernichten. Nachdem der Herr das Gespräch mit Abraham beendet hatte, ging er weg und Abraham kehrte heim‘.

 

Dies bedeutet jedoch, dass bereits der alttestamentliche Gott darauf verzichtet,  an den Menschen Rache zu nehmen, sofern nur die Menschen ihre Sünden bereuen. Der zuletzt genannte Beschluss Gottes Sodom und Gomorra zu zerstören, mag zwar zunächst so gedeutet werden, dass Gerechte wie Ungerechte von dieser Strafe betroffen werden und daran mag man eine Ungerechtigkeit sehen. Die Auseinandersetzung Abrahams mit Gott zeigt aber, dass eben dann, wenn nur einige wenige Gerechte gefunden werden, Gott von seiner Strafe ablässt, sodass doch wiederum im Endergebnis der Gerechtigkeit entsprochen wird. Auch konnte ja  Lot – einer der wenigen Gerechten – rechtzeitig fliehen und wurde deshalb nicht von dieser Strafe bedroht.

 

Auch im Neuen Testament spricht Jesus davon, dass Gott sündige Menschen bestraft. So wird z. B. bei Matthäus Kapitel 11,20-24 von Jesus berichtet:

 

‚Da fing er an, die Städte zu schelten, in denen die meisten seiner Taten geschehen waren; denn sie hatten nicht Buße getan: Wehe dir, Chorazin! Weh dir, Betsaida! Wären solche Taten in Tyrus und Sidon geschehen, wie sie bei euch geschehen sind, sie hätten längst in Sack und Asche Buße getan. Doch ich sage euch: Es wird Tyrus und Sidon erträglicher ergehen am Tage des Gerichts als euch. Und du, Kapernaum, wirst du bis zum Himmel erhoben werden? Du wirst bis in die Hölle hinuntergestoßen werden. Denn wenn in Sodom die Taten geschehen wären, die in dir geschehen sind, es stünde noch heutigen Tages. Doch ich sage euch: Es wird dem Land der Sodomer erträglicher ergehen am Tage des Gerichts als dir‘.

 

Im Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen (Matthäus 13, 24-30) wird die übrige gebliebene Spreu ins Feuer geworfen: 

 

‚Und Jesus erzählte ihnen noch ein anderes Gleichnis: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Mann, der guten Samen auf seinen Acker säte. Während nun die Leute schliefen, kam sein Feind, säte Unkraut unter den Weizen und ging wieder weg. Als die Saat aufging und sich die Ähren bildeten, kam auch das Unkraut zum Vorschein.

 

Da gingen die Knechte zu dem Gutsherrn und sagten: Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher kommt dann das Unkraut? Er antwortete: Das hat ein Feind von mir getan. Da sagten die Knechte zu ihm: Sollen wir gehen und es ausreißen? Er entgegnete: Nein, sonst reißt ihr zusammen mit dem Unkraut auch den Weizen aus. Lasst beides wachsen bis zur Ernte. Wenn dann die Zeit der Ernte da ist, werde ich den Arbeitern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, um es zu verbrennen; den Weizen aber bringt in meine Scheune‘.

 

Und zur Deutung dieses Gleichnisses heißt es bei Matthäus 13,36-43:

 

Dann verließ er die Menge und ging nach Hause. Und seine Jünger kamen zu ihm und sagten: Erkläre uns das Gleichnis vom Unkraut auf dem Acker. Er antwortete: Der Mann, der den guten Samen sät, ist der Menschensohn; der Acker ist die Welt; der gute Samen, das sind die Söhne des Reiches; das Unkraut sind die Söhne des Bösen; der Feind, der es gesät hat, ist der Teufel; die Ernte ist das Ende der Welt; die Arbeiter bei dieser Ernte sind die Engel.

 

Wie nun das Unkraut aufgesammelt und im Feuer verbrannt wird, so wird es auch am Ende der Welt sein: Der Menschensohn wird seine Engel aussenden und sie werden aus seinem Reich alle zusammenholen, die andere verführt und Gottes Gesetz übertreten haben, und werden sie in den Ofen werfen, in dem das Feuer brennt. Dort werden sie heulen und mit den Zähnen knirschen. Dann werden die Gerechten im Reich ihres Vaters wie die Sonne leuchten. Wer Ohren hat, der höre‘!

 

Entscheidend ist, dass hier von einer Bestrafung erst beim Endgericht die Rede ist und dass es der Satan und die Söhne des Bösen waren, welche letztlich die Not in die Welt gebracht haben.

 

Aber sehr viel häufiger spricht Jesus davon, dass Gott dem Menschen verzeiht, sofern er nur Reue zeigt. Dies zeigt sehr deutlich z. B. die Erzählung von Jesus und der Ehebrecherin. Ehebruch zählte bekanntlich im Rahmen der 10 Gebote Gottes zu den Hauptsünden; er wurde im Alten Testament dadurch bestraft, dass die Ehebrecherin gesteinigt wurde.  Im Johannesevangelium in Kapitel 7 53-58 heißt es:

 

‚Am frühen Morgen begab er sich wieder in den Tempel. Alles Volk kam zu ihm. Er setzte sich und lehrte es. Da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, die beim Ehebruch ertappt worden war. Sie stellten sie in die Mitte und sagten zu ihm: Meister, diese Frau wurde beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt. Mose hat uns im Gesetz vorgeschrieben, solche Frauen zu steinigen. Nun, was sagst du? 

 

Mit dieser Frage wollten sie ihn auf die Probe stellen, um einen Grund zu haben, ihn zu verklagen. Jesus aber bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde. Als sie hartnäckig weiterfragten, richtete er sich auf und sagte zu ihnen: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie. Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde. Als sie seine Antwort gehört hatten, ging einer nach dem anderen fort, zuerst die Ältesten. Jesus blieb allein zurück mit der Frau, die noch in der Mitte stand.

 

Er richtete sich auf und sagte zu ihr: Frau, wo sind sie geblieben? Hat dich keiner verurteilt? Sie antwortete: Keiner, Herr. Da sagte Jesus zu ihr: Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr‘.

 

Auf jeden Fall überwiegt im Neuen Testament der Hinweis, dass Gott Sündern vergibt, nur sehr selten werden Strafen angekündigt. Aber auch im Alten Testament wird der Gott in erster Linie als ein Gott gezeichnet, der vergibt, wenn die Sünder Reue zeigen und der auch dann, wenn ein Volk bestraft wird, die Gerechten rettet. Deutlich wird dieses Vorgehen in der Schilderung der Rettung Noahs.

 

Gott will die Menschen mit einer großen Sintflut ausrotten, zuvor fordert er jedoch Noah, der keine Strafe in den Augen Gottes verdient hat, auf, eine Arche zu bauen, auf der sich Noah zusammen mit seinen Familienangehörigen retten kann. Es wird auch Sorge dafür getragen, dass von allen Tieren je zwei mit auf die Arche gebracht werden, um damit die Voraussetzungen zu schaffen, dass Noah auch nach vollzogener Rettung überleben und dass sich auf diese Weise sein Stamm weiter verbreiten kann.

 

Wenn wir uns nochmals auf die sicherlich zahlreichen Beispiele beziehen, in denen der alttestamentliche Gott die Menschen bestraft hat, so weisen diese Beispiele fast immer darauf hin, dass ganz Völker von dieser Strafe betroffen werden. Nur sehr selten – wenn es z. B. um Könige und Führer von Völkern geht – beziehen sich die Strafen auf einzelne Personen.

 

Ganz im Gegensatz hierzu versuchten christliche Sekten wiederholt die individuelle Not, die einzelne Menschen trifft, als unmittelbare Folge ihres sündhaften Lebens zu verstehen. Der einzelne Mensch erfahre unmittelbar durch diese Not ihre Strafe für ihr sündhaftes Verhalten. Nach unseren bisherigen Ausführungen scheint jedoch diese Interpretation nicht aus den Texten der Bibel – vor allem nicht aus dem Neuen Testament – hervorzugehen.

 

Wir haben als erstes festgestellt, dass Gott dem reuigen Sünder verzeiht und dass sich die im Alten Testament erwähnten Bestrafungen fast immer auf ganze Völker und eben gerade nicht auf einzelne Individuen und auf ihr persönliches Schicksal beziehen. Dort wo über Einzelschicksale berichtet wird wie z. B. bei der Erzählung über Hiob, sind es vor allem die Mitmenschen, die ihm ein sündhaftes Leben vorwerfen. Hiob wird ausdrücklich als ein untadeliger und rechtschaffener Mann bezeichnet:

 

‚Im Lande Uz lebte ein Mann mit Namen Ijob. Dieser Mann war untadelig und rechtschaffen; er fürchtete Gott und mied das Böse‘.

 

Auch ist es nicht Gott, der Hiob in Not stürzt, sondern der Satan. Gott lässt es allerdings zu, dass der Satan Hiob in Not stürzen kann.

 

‚Der Herr sprach zum Satan: Hast du auf meinen Knecht Ijob geachtet? Seinesgleichen gibt es nicht auf der Erde, so untadelig und rechtschaffen, er fürchtet Gott und meidet das Böse... Der Satan antwortete dem Herrn und sagte: Geschieht es ohne Grund, dass Ijob Gott fürchtet‘? Bist du es nicht, der ihn, sein Haus und all das Seine ringsum beschützt? Das Tun seiner Hände hast du gesegnet; sein Besitz hat sich weit ausgebreitet im Land. Aber streck nur deine Hand gegen ihn aus und rühr an all das, was sein ist; wahrhaftig, er wird dir ins Angesicht fluchen‘.

[2]

‚Da sprach der Herr zum Satan: Gut, er ist in deiner Hand. Nur schone sein Leben‘!

 

‚... Da kam ein gewaltiger Wind über die Wüste und packte das Haus an allen vier Ecken; es stürzte über die jungen Leute und sie starben... Nun stand Ijob auf, zerriss sein Gewand, schor sich das Haupt, fiel auf die Erde und betete an. Dann sagte er: Nackt kam ich hervor aus dem Schoß meiner Mutter; nackt kehre ich dahin zurück. Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen; gelobt sei der Name des Herrn. Bei alldem sündigte Ijob nicht und äußerte nichts Ungehöriges gegen Gott‘.

 

Als zweites haben wir festgestellt, dass sich in den wenigen Fällen, in denen Jesus im Neuen Testament Strafen für Sünden androht, diese Strafen nicht auf das irdische Leben beziehen, sondern dass vom Endgericht am Ende dieser Welt und Beginn des himmlischen Lebens gesprochen wird. Hier in dieser Abhandlung geht es immer nur auf die hier auf Erden zu beobachtende Not der Menschen und um die Frage, ob man diese individuelle Not der einzelnen als unmittelbare Bestrafung für sündhaftes Verhalten deuten kann.

 

Als Drittes sprachen wir von offensichtlichen Widersprüchen zwischen dem Glauben an einen gütigen und gerechten Gott und an die zahlreichen persönlichen Schicksalsschlägen, welche gerade die Menschen trifft, die eben gerade nicht sündhaft gelebt haben. Der Vorwurf liegt eben gerade darin, dass es rein äußerlich schwer ist, zu erkennen, dass die individuelle Not dem Verhalten der Betroffenen entspricht. Der Augenschein spricht dafür, dass Sünder und zahlreiche Verbrecher nicht bestraft werden und dass umgekehrt auch Menschen, welche ein heiliges Leben führen, große Not erfahren. Es geht also hier gerade nicht darum, dass Menschen unter Umständen für Verfehlungen von Gott zur Verantwortung gezogen werden, sondern dass der Augenschein nicht erkennen lässt, dass in der Verteilung der Not auf die einzelnen Menschen eine gerechte Bestrafung gesehen werden kann.

 

In diesem zweiten Denkansatz zur Auflösung des oben beschriebenen Widerspruches wird davon ausgegangen, dass Gott gerecht ist und dass diese Feststellung nicht in Frage gestellt werden dürfe. Wenn man nun feststellen muss, dass einzelne Menschen bestraft werden, ohne dass Verfehlungen dieser Menschen bekannt sind, so wird entsprechend dieser Argumentationsweise eben davon ausgegangen, dass dieser Eindruck einer tadellosen Lebensführung falsch sei, dass gerade der Umstand, dass ein einzelner in Not geraten ist, Beweis genug sei, dass dieses Individuum ein sündhaftes Leben geführt habe, dass dieses sündhafte Verhalten allerdings vielleicht im Verborgenen geschehen ist und dass es dem Sünder gelungen ist, dieses sündhafte Verhalten vor der Außenwelt zu verbergen.

 

Nun wird man sicherlich nicht bestreiten können, dass in der Realität keinesfalls alle Straftaten bekannt werden. Im Allgemeinen gehen wir durchaus davon aus, dass ein beachtlicher Prozentsatz der tatsächlichen Straftaten nicht aufgeklärt und nachgewiesen und schließlich gesühnt werden kann. Es liegt also nicht unbedingt ein Widerspruch vor, wenn auch solche Menschen, denen kein strafbares Verhalten nachgewiesen werden kann, de facto von Not befallen werden und wenn man deshalb diese Not als Bestrafung für begangenes, aber nicht offen gelegtes sündhaftes Verhalten versteht.

 

Trotzdem lässt eine genauere Analyse dieser Vorgänge erhebliche Zweifel an dieser Argumentation aufkommen. Auf der einen Seite ist nämlich mit dieser Argumentation keinesfalls erklärt, warum sichtbare Straftaten ungesühnt bleiben. Man müsste doch eigentlich gerade dann, wenn man von der Vorstellung ausgeht, sündhaftes Leben werde von Gott hier auf Erden gerecht bestraft, alle Sünder von Not befallen werden, auch dann, wenn es diesen Verbrechern gelingt, sich der irdischen Gerichtsbarkeit zu entziehen.

 

Auf der anderen Seite überzeugt die hier zu besprechende Argumentation auch nicht im Hinblick auf diejenigen Individuen, welche große Not erleiden, ohne dass sündhaftes Verhalten sichtbar wird. Es mag ja durchaus richtig sein, dass in einigen Ausnahmefällen Straftaten verborgen bleiben. Das Gebot der Nächstenliebe, in der sich ja nach Auskunft von Jesus das Gesetz und die Propheten erschöpfen, misst ja die Güte eines Menschen nicht nur daran, dass er darauf verzichtet, seinen Mitmenschen Schaden zuzufügen, er soll auch den in Not geratenen Mitmenschen Hilfe gewähren. Wir stellen aber fest, dass gerade auch Menschen, die sichtbar in Not geratenen sind, Menschen Hilfe gebracht haben, trotzdem auch selbst wiederum in große Not geraten. Zumindest müssten doch diese guten Taten selbst dann, wenn ein einzelner im Verborgenen gesündigt hat, bei der Austeilung der göttlichen Strafen Berücksichtigung finden. Es kann sicherlich nicht befriedigend erklärt werden, dass z. B. ein Mensch, der unter Einsatz seines Lebens ein unschuldiges Kind aus einem brennenden Haus zu retten versucht und bei diesem Versuch ums Leben kommt, gerecht behandelt wird.

 

Sehr viel überzeugender ist deshalb die Vorstellung, dass sich Gottes Gerechtigkeit und Güte gar nicht primär auf das diesseitige Leben, sondern in erster Linie auf das jenseitige Leben nach dem Tode und nach der Auferstehung am Ende der Welt bezieht. Wir werden auf diese Zusammenhänge weiter unten noch ausführlich zu sprechen kommen.

 

Auf jeden Fall ist dieser zweiten Argumentationskette vor allem vorzuwerfen, dass bei dieser Argumentation immer nur auf die Gerechtigkeit Gottes abgehoben wird, dass aber unberücksichtigt bleibt, dass der Gott sowohl des Alten wie auch des Neuen Testamentes nicht nur gerecht, sondern auch barmherzig ist. Selbst dann, wenn man davon ausgehen könnte, dass die Not eines Menschen damit gerechtfertigt werden könnte, dass er in diesem Umfang auch vielleicht im Verborgenen gesündigt habe und dass deshalb seine Not als gerecht bezeichnet werden müsste, blieb der Widerspruch bestehen, dass Gott ja auch als barmherzig gilt und dass zumindest die Barmherzigkeit Gottes solche Strafen nicht zugelassen hätte.

 

 

4. Die Erbsünde als Ursache der menschlichen Not?

 

Ein ganz anderer Zusammenhang ist angesprochen, wenn man davon spricht, dass die Not der Menschen oder zumindest ein Teil davon durch die Erbsünde verursacht sei. Die Wortwahl ‚Erbsünde‘ ist hierbei etwas unglücklich gewählt, da man mit dem Begriff ‚Sünde‘ im allgemeinen eine persönliche Schuld verbindet, für die der einzelne verantwortlich ist, die er also auch hätte vermeiden können und für die er deshalb auch zur Verantwortung gezogen werden sollte.

 

Aber von persönlicher Schuld kann man eben gerade nicht im Zusammenhang mit der Erbsünde sprechen. Von Erbsünde spricht vor allem die christliche Theologie dann, wenn sie darauf aufmerksam machen will, dass Adam und Eva, die ersten Menschen, Gott gegenüber ungehorsam waren, deshalb aus dem Paradies vertrieben wurden und damit nicht nur für sich, sondern für alle ihre Nachkommen Not hervorgerufen haben.

 

Erbsünde ist somit ein Zustand, von dem nach christlicher Überzeugung jeder Mensch betroffen ist, sie ist aber keine Aktion, welche von den einzelnen bei verantwortungsvollem Verhalten hätte vermieden werden können. Der Begriff der Erbsünde taucht in der Bibel nicht auf, trotzdem bezieht sich die christliche Theologie auf Vorgänge und zwar auf den Sündenfall Eva und Adams, welche in der Bibel angesprochen werden. Im ersten Buch Moses, in der ‚Genesis Kapitel 1 heißt es:

 

‚Gott, der Herr, sprach zu der Frau: Was hast du da getan? Die Frau antwortete: Die Schlange hat mich verführt und so habe ich gegessen‘.

 

‚Zur Frau sprach er: Viel Mühsal bereite ich dir, sooft du schwanger wirst. Unter Schmerzen gebierst du Kinder. Du hast Verlangen nach deinem Mann; er aber wird über dich herrschen‘.

 

‚Zu Adam sprach er: Weil du auf deine Frau gehört und von dem Baum gegessen hast, von dem zu essen ich dir verboten hatte: So ist verflucht der Ackerboden deinetwegen. Unter Mühsal wirst du von ihm essen alle Tage deines Lebens. Dornen und Disteln lässt er dir wachsen und die Pflanzen des Feldes musst du essen. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du zurückkehrst zum Ackerboden; von ihm bist du ja genommen. Denn Staub bist du, zum Staub musst du zurück‘.

 

Diese Lehre von der Erbsünde geht auf die spätjüdischen apokalyptischen Schriften zurück. Es wird die Verderbtheit der Welt auf die Rebellion Satans vor Anbeginn der Zeiten in Zusammenhang gebracht. Satans Fall führte dann zur Verführung Adams und Evas und diese brachte dann die ganze Menschheit in Unordnung und Leid.

 

Auch im Neuen Testament wird auf den Sündenfall Bezug genommen. Es ist vor allem Paulus, der das Erlösungswerk Christi als Sieg über die ungeheure Macht der ererbten Sünde und des Bösen sieht. Er habe auf diese Weise die Menschheit wieder mit Gott versöhnt und ihnen Frieden gebracht. Paulus entwickelte eine Theologie der Sünde und eine damit zusammenhängende Anthropologie, die zur Grundlage der späteren Erbsündenlehre wurde.

 

Er vergleicht hierbei Adam als ersten Menschen mit dem für die neue erlöste Menschheit stehenden zweiten Adam, Christus. So wie die Sünde des ersten Menschen nicht nur sich, sondern auch die nachfolgenden Generationen dem Tod ausgeliefert hat, hat die Erlösungstat des zweiten Menschen die Menschheit aus diesem Tod errettet: Im Römerbrief Kapitel 5, 12 heißt es: ‚Durch einen einzigen Menschen kam die Sünde in die Welt und durch die Sünde der Tod, und auf diese Weise gelangte der Tod zu allen Menschen, weil alle sündigten... Ist durch die Übertretung des einen der Tod zur Herrschaft gekommen, durch diesen einen, so werden erst recht alle, denen die Gnade und die Gabe der Gerechtigkeit reichlich zuteilwurde, leben und herrschen durch den einen, Jesus Christus‘.

 

Diese Überlegungen zeigen, dass es schwierig ist, aus der Lehre von der Erbsünde einen Widerspruch zwischen der Annahme eines gütigen Gottes und der Existenz der allgemeinen Not der Menschen abzuleiten. Zur christlichen Lehre der Erbsünde gehört immer auch die Lehre, dass der Mensch durch den Tod Jesu erlöst wurde, sodass er auch die Gnade besitzt, dem Bösen zu widerstehen.

 

Die Vertreibung der ersten Menschen aus dem Paradies erfolgte als Konsequenz des Ungehorsams Adam und Evas gegenüber den Geboten Gottes (du sollst nicht von den Früchten des Baumes der Erkenntnis des Guten und Bösen essen), entspricht also durchaus Gerechtigkeitsüberlegungen, wonach eine Strafe als Sühne für begangene Sünden aufzufassen ist.

 

Nun erscheint vielleicht auf den ersten Blick die Weitervererbung der Folgen dieser Sünde der ersten Menschen auf die nachfolgenden Generationen als mit den Gerechtigkeitsüberlegungen in Widerspruch zu stehen. Die nachfolgenden Generationen haben ja die Sünden Adam und Evas nicht zu verantworten. Es gilt jedoch zu berücksichtigen, dass es die Tatsache der Erbsünde allein dem Menschen nicht unmöglich macht, ins Himmelreich einzugehen. Den Mangel der Erbsünde hat Jesus durch seinen Opfertod behoben.

 

Auch wird man zu berücksichtigen haben, dass der Mensch zwar aufgrund seiner ererbten Schwächen der Versuchung zur Sünde stets ausgesetzt ist, dass er aber sehr wohl aufgrund der Gnade Gottes die Möglichkeit hat, sich für das Gute zu entscheiden und dass Gott beim Endgericht sicherlich unterscheidet, inwieweit fehlerhaftes Verhalten auf die eigenen Anstrengungen zurückzuführen ist und inwieweit er durch Erb- und Umweltfaktoren zu dieser Tat getrieben wurde.

 

Vor allem aber ist – wie wir noch weiter unten sehen werden – ein sehr großer Teil der tatsächlichen Not der Menschen nicht etwa darauf zurückzuführen, dass der Mensch von der Erbsünde und ihren Folgen betroffen ist, sondern dadurch, dass Menschen ihren Mitmenschen Leid zufügen und dass sie es auch verabsäumen, alles Mögliche zu tun, menschliches Leid gar nicht aufkommen zu lassen, bzw. dort, wo Leid entsteht, dieses wiederum zu beseitigen oder zumindest zu mildern. Frauen haben zwar unter Schmerzen ihre Kinder zu gebären und die meisten Menschen haben im Schweiße ihres Angesichts ihr tägliches Leben zu fristen.

 

Es ist jedoch dem Menschen unbenommen, Anstrengungen zu unternehmen, diese Beschwerden zu mildern. Die Menschheitsgeschichte ist voll von Beispielen, wie durch Entwicklung neuer Techniken die Beschwernisse des alltäglichen Lebens gemildert werden. Auch weiß der gläubige Mensch, dass Gott mit dem biblischen Auftrag: ‚Wachset und mehret euch‘ nicht nur die Forderung erhoben hat, die Zahl der Menschen durch Geburten zu vermehren, sondern darüber hinaus auch das Schöpfungswerk der Natur weiter zu entwickeln.

 

Vielleicht hilft auch ein weiterer Gedanke den oben formulierten Widerspruch zwischen Erbsünde und Gottes Gerechtigkeit aufzuklären. Nach allgemeinem Verständnis ist die Bibel nicht in erster Linie ein Tatsachenbericht mit stenographischem Mitschnitt, sondern will auf Glaubenswahrheiten aufmerksam machen und versucht, die Gläubigen durch Gleichnisse auf diese Glaubenswahrheiten aufmerksam zu machen. In diesem Sinne ist der Schöpfungsbericht im ersten Buch Moses sicherlich nicht so zu verstehen, dass die Welt in 6 Tagen erschaffen wurde, in dem Sinne, wie wir den Begriff Tag üblicherweise verstehen. Die im Schöpfungsbericht dargestellten Ereignisse erfolgten nach heutigem Verständnis in Millionen von Jahren.

 

In genau dieser Weise muss sicherlich auch nicht davon ausgegangen werden, dass der Sündenfall der ersten Menschen gerade darin bestand, dass Adam und Eva die Frucht eines bestimmen Baumes aß, obwohl dies verboten war. Vielmehr soll vermutlich mit dieser Erzählung darauf aufmerksam gemacht werden, dass aufgrund bestimmter als sündhaft eingestufter Verhaltensweisen Weichenstellungen eintraten, welche das Verhalten der gesamten folgenden Generationen beeinflusst haben.

 

Ähnlichen Zusammenhängen begegnen wir in der menschlichen Geschichte immer wieder. So wird berichtet, dass in Frühkulturen die Wohnungen nicht mit Türen versehen und abgeschlossen wurden, dass oftmals ein sichtbares Zeichen am Eingang einer Wohnung zum Ausdruck brachte, dass der Eigentümer der Wohnung nicht anwesend ist und die Wohnung nicht betreten werden darf. Restlos alle Mitbewohner hielten sich an dieses Zeichen und es war für alle selbstverständlich, sich an dieses Gebot zu halten.

 

In der heutigen Zivilisation kann nicht mehr davon ausgegangen werden, dass Wohnungen für Fremde tabu sind. Irgendwann einmal erfolgte dieser Tabubruch und zwar in so augenfälliger Weise, dass die Versuchung, Wohnungen ohne Erlaubnis zu betreten und auch Wertgegenstände zu entwenden, nun zu einer weitverbreiteten Versuchung wurde. Es bedarf nun eines Staates, der Diebstahl ex pressis verbis verbietet und auch die Übertretungen dieses Gesetzes verfolgt und bestraft. In diesem Sinne leiden die nachfolgenden Generationen tatsächlich daran, dass dieses Tabu eines Tages gebrochen wurde.

 

Bringen wir ein zweites Beispiel. Im Verlaufe der Geschichte gab es zwar vereinzelt Beispiele dafür, dass der sichere eigene Tod des Angreifers dafür eingesetzt wurde, um den Gegner zu besiegen. So haben Kamikazeflieger – japanische freiwillige Kampfflieger – in der Endphase des Zweiten Weltkriegs mit Sprengstoff beladenen Flugzeugen amerikanische Flugzeugträger angegriffen und sich selbst in den sicheren Tod gestürzt. Ansonsten wurde im Allgemeinen beim Angriff oder bei der Verteidigung dem einzelnen Soldaten die Möglichkeit belassen, auch lebend den Kampf mit dem Feind zu überstehen. Er riskierte zwar sein Leben, er konnte aber immer – vielleicht auch nur mit geringerer Wahrscheinlichkeit – hoffen, sein Leben nicht zu verlieren. Auch hier war es eine Art Tabu, niemand in den sicheren Tod zu schicken.

 

Die terroristischen Selbstmordattentäter haben dieses Tabu eindeutig gebrochen und in Folge dieses Tabubruches verbreiteten sich die Selbstmordattentate wie eine Seuche. Der Umstand, dass den Selbstmordattentätern hierbei versprochen wird, dass sie durch eine solche Tat im Himmel belohnt werden, hat die Verbreitung dieser Seuche noch verstärkt.

 

Man könnte nun auch im Zusammenhang mit der Erbsünde davon ausgehen, dass auch in der Sünde der ersten Menschen ein solcher Tabubruch erfolgte und dass gerade aus diesen Gründen die nachfolgenden Generationen überhaupt erst in eine Situation geraten sind, in der sie einer beständigen mehr oder weniger großen Versuchung ausgesetzt sind, das Böse zu tun.

 

 

 

 

Fortsetzung!

 



[1]Die Bibel. Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift. 1999 (Herausgegeben im Auftrag der Bischöfe Deutschlands, Österreichs, der Schweiz, des Bischofs von Lüttich, des Bischofs von Bozen-Brixen, des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Deutschen Bibelgesellschaft. Ausgabe in neuer Rechtschreibung.) (Gen 18,20). Stuttgart: Katholisches Bibelwerk.

[2]Die Bibel. Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift. 1999 (Herausgegeben im Auftrag der Bischöfe Deutschlands, Österreichs, der Schweiz, des Bischofs von Lüttich, des Bischofs von Bozen-Brixen, des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Deutschen Bibelgesellschaft. Ausgabe in neuer Rechtschreibung.) (Ij 1,10). Stuttgart: Katholisches Bibelwerk.