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Wachstum versus Nachhaltigkeit Forts.

 

 

Gliederung:

 

1. Das Problem

2. Extensives versus intensives Wachstum

3. Wachstum in der klassischen Wirtschaftstheorie

4. Das Okun‘sche Gesetz

5. Das Ziel der Nachhaltigkeit

6. Neudefinition des Wachstumsziel unter umweltpolitischen Vorzeichen

7. Wachstum notwendige und ausreichende Bedingung für Vollbeschäftigung?

8. Alternative Strategien zur Vollbeschäftigung

 

 

 

 

5. Das Ziel der Nachhaltigkeit

 

Befassen wir uns nun etwas ausführlicher mit dem Ziel der Nachhaltigkeit. Im Grunde handelt es sich hierbei um einen einfachen Zusammenhang. Die Produktion von Gütern ist nur möglich mit einem Bestand an Rohstoffen. Sowohl die in der Landwirtschaft wie auch im Handwerk und in der Industrie produzierten Güter bestehen in erster Linie darin, dass von bestimmten natürlichen Rohstoffen ausgegangen wird und diese so weiterverarbeitet werden, dass sie menschliche Bedürfnisse erfüllen können. Will man nun sicherstellen, dass das bisher erreichte Produktionsniveau zumindest aufrechterhalten wird, bedarf es nicht nur in der Gegenwart, sondern auch in der Zukunft eines bestimmten Bestandes an diesen Rohstoffen.

 

Produktion führt nun zum Teil zum endgültigen Verbrauch dieser Rohstoffe. Ein anderer Teil der Rohstoffe wird zwar für die Produktion benötigt, ohne dass jedoch dieser Rohstoff bei der Produktion oder beim Konsum verbraucht wird. Zu den Rohstoffen, welche verbraucht werden, zählen vor allem die Energierohstoffe. Vor allem bei der industriellen Produktion, aber nicht nur dort, brachte es der technische Fortschritt mit sich, dass menschliche Arbeit durch technische Anlagen ersetzt wurde und dass bei dem Betreiben dieser Anlagen Energierohstoffe eingesetzt werden. Diese Energierohstoffe üben nun ihre Wirkung dadurch aus, dass die in diesen Rohstoffen gebundene Energie durch Verbrennung oder auch durch physikalische oder auch chemische Prozesse umgewandelt wird und nicht mehr – zumindest nicht ohne Einsatz weiterer Energie – zurückgewonnen werden kann, vor allem weil Wärme entsteht, welche zum großen Teil in die Atmosphäre entweicht.

 

Nun sind die bisher eingesetzten fossilen Energierohstoffe (insbesondere Kohle und Erdgas) begrenzt und es ist jetzt schon abzusehen, dass sich diese Energievorräte in den nächsten Jahrzehnten ihrem Ende nähern. Zwar besteht stets die Möglichkeit, dass einzelne bisher noch nicht bekannte Vorkommen dieser fossilen Rohstoffe neu entdeckt werden und dass vor allem neue Techniken entwickelt werden, welche es gestatten, auch bisher zwar bekannte, aber unrentable Vorkommen, nun rentabel zu fördern. Schließlich steigt mit der zunehmenden Knappheit der Preis, welcher für diese Rohstoffe erzielt werden kann. Diese Entwicklungen werden jedoch sicherlich nicht ausreichen, um den stets wachsenden Energiebedarf zu befriedigen.

 

Dies bedeutet, dass in dem Maße, in dem in näherer Zukunft nicht mehr ausreichende fossile Energierohstoffe zur Verfügung stehen, neue Energierohstoffe gefunden und Techniken zu deren Ausbeutung entwickelt werden müssen. Und diese Entwicklung ist – wie wir alle wissen – auch bereits eingeleitet.  In diesem Zusammenhang gilt es zwischen einer kurz- oder mittelfristigen und einer langfristigen Betrachtung zu unterscheiden. In kurzfristiger Sicht, das heißt in den nächsten 20 bis 50 Jahren werden Energierohstoffe in hohem Maße knapp werden. Damit nämlich die alternativen Energien auch bei der Produktion und im Konsum eingesetzt werden können, müssen noch wesentliche Voraussetzungen geschaffen werden.

 

Erstens ist es im Wesentlichen bekannt, auf welchem Wege Sonnen- und Windenergie und auch Biomasse gewonnen und weiteverarbeitet werden können. Es bedarf aber einer Weiterentwicklung der Gewinnungs- und Verarbeitungstechnologie, damit die neue Energie in gleicher Weise wie in der Vergangenheit die fossilen Brennstoffe kostengünstig in Produktion  und Konsum eingesetzt werden können.

 

Zweitens ist das Stromnetz, das den Strom von den Stätten der Erzeugung zu den Stätten, in denen diese Energie benötigt wird, transportiert, auszubauen. Bisher lagen die Standorte der verschiedenen Kraftwerke relativ konsumnah. Werden jedoch die Atomkraftwerke, welche vorwiegend in Süddeutschland standen, durch Wind- und Sonnenenergie ersetzt, so fallen Produktions- und Konsumstätten weit auseinander, der Strom, welcher dann vorwiegend in Norddeutschland erzeugt wird, muss durch neu errichtete Stromnetze in die südlichen Verbrauchszentren transportiert werden. Der Ausbau dieses Stromnetzes ist mit enormen Investitionskosten verbunden und wird mehrere Jahre in Anspruch nehmen.

 

Drittens unterscheidet sich die alternative Stromgewinnung von der bisherigen Stromerzeugung auch dadurch, dass die Erzeugung von Strom nicht mehr wie bisher weitgehend kontinuierlich erfolgen kann, sondern von den Witterungsverhältnissen abhängt. Wenn der Himmel durch Wolken behangen ist, geht die Erzeugung von Strom aus Sonnenkraft vorübergehend zurück und wenn windstille Perioden vorliegen, lässt auch die Produktion von Strom aus Windenergie zeitweise nach. Dies bedeutet, dass wir in viel stärkerem Maße als früher Speicherkraftwerke benötigen, welche es erlauben, dass der heute produzierte Strom gespeichert wird und dann in den Zeiten, in denen die laufende Erzeugung von Strom nicht dem Bedarf entspricht, zur Verfügung gestellt werden kann.

 

Bisher gibt es im Wesentlichen für diesen Zweck nur die Wasserkraftwerke. Hier wird mit Einsatz von heute produzierter Energie Wasser in höher gelegene Becken gepumpt, um dann  bei Bedarf dadurch Strom zu erzeugen, dass das Wasser wieder in tiefer gelegene Wasserbecken abgeführt wird. Prinzipiell wäre es möglich, den zusätzlichen Bedarf an solchen Speichereinrichtungen durch Bau weiterer Wasserkraftwerke zu befriedigen. Aber auch dieses Vorhaben braucht Zeit und die Neuerrichtung solcher Kraftwerke begegnet umweltpolitischen Bedenken, da die Landschaften durch Errichtung solcher Kraftwerke oftmals beeinträchtigt werden.

 

Prinzipiell gibt es auch die Möglichkeit, Speicherkapazitäten durch Ausnutzung chemischer Prozesse aufzubauen. Die traditionelle Batterie stellt eine solche Speichervorrichtung vor. Aber gerade hier steht die Entwicklung ganz am Anfang, der Umfang der auf diese Weise möglichen Speicherkapazität ist noch viel zu gering, um den großen Bedarf an Speichervorrichtungen bei Einsatz alternativer Energien zu befriedigen. Deutlich wird dieser Stand der Technik z. B. bei dem Versuch, Kraftfahrzeuge mittels Strom aus Batterien zu bedienen. Nach heutigem Stand der Technik reicht der Radius der heute möglichen Batterien lediglich für etwas mehr als 100 km aus.

 

Viertens schließlich müssen wir uns darüber im klaren werden, dass bei dem heute geltenden Stand der Technik die Kosten der Erzeugung, Vertreibung und Anwendung alternativer Energien stark ansteigen werden und dass die Konjunktur wesentlich von der Höhe der Energiekosten abhängt. Die beiden Ölkrisen in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts haben gezeigt, dass ein sprunghafter Anstieg der Energiepreise sehr wohl zu einem Konjunkturumschwung und zu einer Depression mit Massenarbeitslosigkeit führen kann, sodass es schon aus diesen Gründen notwendig ist, den Ausstieg aus der Atomenergie und der fossilen Energierohstoffe nicht abrupt, sondern in einer über mehrere Jahre gestreckten Zeit zu organisieren.

 

Wenn wir allerdings einen langfristigen Zeitraum von vielen Jahrzehnten ins Auge fassen, ist eine optimistische Sicht durchaus berechtigt. Wir können mit hoher Sicherheit davon ausgehen, dass uns die Sonnenenergie für viele Millionen Jahren zur Verfügung steht und es gibt keinen plausiblen Grund dafür, dass es uns durch Weiterentwicklung der Technologien nicht gelingen kann, die alternative Energie genauso kostengünstig oder vielleicht sogar noch kostengünstiger zur Verfügung zu stellen als dies für die traditionellen Energierohstoffe möglich war.

 

Ein etwas anderes Problem entsteht im Zusammenhang der Nachhaltigkeit derjenigen Rohstoffe, welche als Materialien bei der Produktion lediglich verarbeitet werden, als Materie also erhalten bleiben und dann im Prinzip wiederum für einen erneuten Einsatz in der Produktion zurückgewonnen werden können, wenn die bisherigen Produkte entsorgt werden. Auch hier gilt, dass es vom jeweiligen Stand der Technik abhängt, inwieweit eine solche Umwandlung und Wiederverwendung von Rohstoffen gelingt. Es ist damit zu rechnen, dass immer nur ein gewisser Teil dieser Stoffe in ihren Ausgangszustand umgewandelt werden kann und dass auch dieser Prozess des Recyclings mit Kosten verbunden ist, die so hoch werden können, dass sich ein Recycling nicht mehr lohnt. Aus diesen Gründen kann der Forderung der Nachhaltigkeit auch hier nur dann entsprochen werden, wenn auch bei den Materialrohstoffen neue Quellen erschlossen werden, vor allem dadurch, dass auch synthetische Rohstoffe entwickelt werden.

 

Nun können wir eigentlich davon ausgehen, dass die Marktwirtschaft in viel besserem Maße als die staatliche Planwirtschaft Kräfte entwickelt, um diese geforderte Nachhaltigkeit von selbst herbeizuführen. Bei der von den einzelnen Produzenten durchgeführten Rentabilitätsrechnung wird erst dann von einem Gewinn gesprochen, wenn der bei der Produktion entstehende Verschleiß der Produktionsanlagen durch Ersatzinvestitionen ersetzt wurde. Gleichzeitig führt das Bestreben der Unternehmungen, die Unternehmung zu erhalten und ihren Gewinn sogar auszuweiten, dazu, neben den Ersatzinvestitionen auch Investitionen durchzuführen, welche eine Ausweitung der Kapazitäten und ihre Verbesserung durch Rationalisierungen ermöglichen.

 

Allerdings bezieht sich dieser Mechanismus in erster Linie nur auf die Gesamtheit der Anlagen und Ressourcen. Dieser Mechanismus stellt sicher, dass das gesamte Vermögen erhalten bleibt und vermehrt wird, er schließt nicht aus, dass einzelne Teile dieser Ressourcen stark reduziert werden. So ist es für das Überleben eines Konzerns nicht unbedingt notwendig, Vorsorge zu treffen, dass auch der Bestand an Energierohstoffen erhalten bleibt. Eine Unternehmung, welche Energie produziert, hat zwar durchaus ein Interesse daran, bei Knappwerden der traditionellen Energiequellen durch Investitionen auch Verfahren zur Gewinnung alternativer Energie zu entwickeln. Trotzdem könnte eine Energieunternehmung sehr wohl auch zu der Überzeugung kommen, dass sie sich aus der Produktion von Energie vollkommen zurückzieht und sich anderen Wirtschaftszweigen zuwendet.

 

Ein solcher Prozess mag im Allgemeinen dazu führen, dass das Gut ‚Energie‘ knapp, dass deshalb der Preis und mit ihm die Gewinnmöglichkeiten bei der Erzeugung dieses Gutes steigen  und dass deshalb starke Anreize bestehen, dass neue Unternehmungen in den Markt eintreten, die eine ausreichende Versorgung mit diesen Rohstoffen sicherstellen. Ob diese Anreize aber ausreichen, um tatsächlich ein nachhaltiges Angebot an Energierohstoffen sicher zu stellen, ist fraglich. Ob sich nämlich die Aufnahme einer Produktion lohnt, hängt entscheidend von den Einstiegskosten ab. Es besteht die Gefahr, dass Neulinge nicht über das Wissen und die Erfahrungen verfügen, die zur Erzeugung von Energie notwendig sind und dass aus diesen Gründen nicht in dem erforderlichen Maße neue Unternehmungen in diesen Markt eindringen. Auf jeden Fall bedarf es hier einer politischen Rahmenordnung, welche die Anreize so setzt, dass auch damit gerechnet werden kann, dass im Endergebnis nachhaltig produziert wird.

 

 

6. Neudefinition des Wachstumszieles unter umweltpolitischen Vorzeichen

 

Wir haben also davon auszugehen, dass ein Zielkonflikt zwischen dem Ziel des wirtschaftlichen Wachstums und der Nachhaltigkeit besteht. Man könnte nun versuchen, in die Definition der Wachstumsrate des wirtschaftlichen Wachstums bereits die Beeinträchtigungen der Umwelt, welche durch Produktion und Konsum  der materiellen Güter entstehen, zu berücksichtigen und sie quasi als Kosten vom Inlandsprodukt abzuziehen.

 

In der Tat wenden die offiziellen statistischen Ämter dieses Verfahrern seit längerer Zeit an. Ausgangspunkt jeder Berechnung der Gesamtproduktion einer Volkswirtschaft ist die Summe der Wertschöpfung einer jeden Unternehmung. Die Wertschöpfung einer Unternehmung wird hierbei dadurch berechnet, dass vom Ertrag, den eine Unternehmung erzielt, jeweils der Wert der Vorprodukte abgezogen wird. Wir haben ja davon auszugehen, dass an der Produktion der einzelnen Endprodukte in aller Regel mehrere Unternehmungen beteiligt sind, die eine Unternehmung fördert die Rohstoffe, eine andere stellt Halbfabrikate her, wieder eine andere produziert die Hilfsmittel,  welche zur Produktion benötigt werden, bis dann schließlich eine Unternehmung das Endprodukt unter Zuhilfenahme der Vorprodukte herstellt.

 

Dadurch, dass der Beitrag der einzelnen Unternehmung zum Inlandsprodukt nur in dem Wertzuwachs gesehen wird, den diese Unternehmung den eingekauften Vorprodukten hinzugefügt, vermeiden wir Doppelzählungen und erhalten eine Gesamtsumme des Inlandsproduktes, das dem Wert der Produktion entsprechen würde, wenn eine einzige Unternehmung die Gesamtproduktion von der Förderung der Rohstoffe bis Zurverfügungstellung des fertigen Endproduktes übernehmen würde. Die Vorprodukte gehen in dieser Rechnung als Kosten ein, welche vom Ertrag abgezogen werden müssen, um die Wertschöpfung einer Unternehmung zu berechnen.

 

In gleicher Weise kann man nun zusätzlich all die Kosten von der Wertschöpfung abziehen, welche einer Volkswirtschaft bei der Produktion entstehen, welche aber den Produzenten und den Käufern dieser Produkte deshalb nicht angerechnet werden, weil es sich hier um freie Güter handelt, für deren Nutzung kein Preis entrichtet werden muss, obwohl die Verwendung dieser Güter nur deshalb (zu Unrecht) als freie Güter behandelt werden, weil für diese Ressourcen keine Eigentumsrechte eingeführt wurden. Der Eigentümer einer Ressource wird stets für die Hergabe dieser Ressource einen Preis verlangen, der zumindest dem Nutzenentgang entspricht, den der Eigentümer durch die Hergabe erleidet. Fehlen jedoch Eigentumsrechte, dann entgehen beim Einsatz dieser Ressourcen der Volkswirtschaft Kosten, die fälschlicher Weise den Produzenten nicht angerechnet werden. Man spricht hierbei von externen Kosten.

 

Also werden bei der Berechnung des bereinigten Inlandsproduktes alle externen Kosten der Produktion abgezogen. Um diese modifizierte Bilanz von der traditionellen Berechnung abzuheben, spricht man bisweilen von dem Ziel eines angemessenen Wachstums. Es geht nun nicht mehr darum, das traditionell berechnete Inlandsprodukt so hoch wie nur möglich werden zu lassen, sondern nur das um die Umweltschäden korrigierte Inlandsprodukt zu maximieren. Danach wird bei einer Produktion eines Gutes nur noch dann von einer Wertschöpfung gesprochen, wenn der Reinertrag und damit der erzeugte Nutzen größer ausfällt als die Umweltschäden, welche bei der Produktion dieses Gutes entstehen.

 

Nun ist dieses modifizierte Verfahren zur Berechnung des wirtschaftlichen Wachstums nur zum Teil in der Lage, den oben skizzierten Zielkonflikt aufzuheben. Es wird bei diesem Verfahren ja nur berücksichtigt, dass der wirtschaftliche Ertrag einer Produktion in Wirklichkeit geringer ausfallen kann, als die Unternehmungsbilanzen ausweisen. Nun haben wir gesehen, dass das Wachstumsziel gar nicht in erster Linie angestrebt wird, damit auf diese Weise die Bevölkerung über mehr Güter als bisher verfügt, sondern vor allem deshalb, weil man vermeint, dass nur auf diese Weise das Ziel der Vollbeschäftigung erreicht werden kann. Wie sich jedoch eine Zunahme des modifizierten Inlandsproduktes auf die jeweilige Beschäftigung auswirkt, ist unabhängig davon, ob und in welchem Maße bei der Produktion externe Kosten anfallen. Es wäre durchaus denkbar, dass dem Ziel der Vollbeschäftigung dann besser entsprochen worden wäre, wenn auch solche Güter produziert worden wären, bei denen die Umweltschäden überwiegen, was natürlich nicht bedeutet, dass eine solche Produktion auch in jedem Falle erwünscht wäre.

 

Überhaupt gilt es zu bedenken, dass es in praxi sehr schwierig ist, die Höhe der bei der Produktion anfallenden externen Kosten zu bestimmen. In einer Marktwirtschaft wird der Wert (und es werden damit auch die Kosten) eines Gutes durch das Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage ermittelt. Der Wert eines Gutes ist nie allein aus der Gutseigenschaft abzulesen, sondern ergibt sich aus den Knappheitsverhältnissen. Externe Kosten zeichnen sich nun dadurch aus, dass es für sie keine Märkte gibt und dies hat zur Folge, dass auch kein Preis für diese eingesetzten Ressourcen bekannt ist.

 

Nun wurde dieser Mangel durch die Einführung von Verschmutzungsrechten teilweise korrigiert. Produzenten, welche durch die Produktion Umweltschäden (externe Kosten) verursachen, müssen Umweltverschmutzungsrechte erwerben, um die Produktion aufnehmen zu dürfen. Für diese Verschmutzungsrechte entstehen Märkte und mit ihnen ein Preis, der den Wert (besser Unwert) der Inanspruchnahme gewisser Ressourcen widerspiegelt.

 

Diese Korrektur behebt jedoch die aufgezeigten Mängel aus mehreren Gründen nur teilweise. Erstens wurden nur für einige gravierende Umweltschäden Umweltrechte eingeführt. Zweitens wird der vermutete Umweltschaden nur sehr ungenau dadurch festgelegt, dass der Staat hier Verschmutzungsrechte in dem Umfang ausgibt, welcher gerade noch als tragbar angesehen wird. Drittens wirkt dieser Einfluss allein auf die gegenwärtige Periode, verfehlt aber gerade deshalb das Ziel der Nachhaltigkeit, das ja die Wohlfahrt der zukünftigen Generation sichern soll. Viertens ist auch das Ziel der Nachhaltigkeit nur ein Teil des übergeordneten ökologischen Systems, das die Überlebenschancen der gesamten Menschheit sicherstellen soll. Auch unabhängig von der Frage, inwieweit die Erhaltung der knappen Ressourcen sichergestellt ist, können die Überlebenschancen der Menschheit nur gewährt werden, wenn die Lebensbedingungen durch unserer Produktionssysteme nicht zerstört werden.

 

 

7. Wachstum notwendige und ausreichende Bedingung für Vollbeschäftigung?

 

Wir haben oben gesehen, dass Okun vermeinte, empirisch nachweisen zu können, dass das Ziel der Vollbeschäftigung nur dann realisiert werden könnte, wenn man ein Wachstum des Inlandsproduktes mit einer jährlichen Wachstumsrate von 3 bis 4 Prozent zulasse. Wir wollen uns hier in diesem Abschnitt mit dieser Frage, inwieweit Wachstum die Voraussetzung für Vollbeschäftigung bildet, etwas ausführlicher beschäftigen.

 

In der Lehre von der Wirtschaftspolitik werden Voraussetzungen zur Realisierung eines bestimmten Zieles im Allgemeinen danach unterschieden, ob sie notwendig und ob sie ausreichend sind. Hierbei gilt, dass eine Voraussetzung als notwendig erachtet wird, wenn das angesteuerte Ziel nur dann erreicht werden kann, wenn die besagte Voraussetzung gegeben ist. In unserem Beispiel hieße dies, dass wir Vollbeschäftigung nur dann erreichen können, wenn wir zuvor für ein angemessenes Wachstum des Inlandsprodukt von 3 bis 4 Prozent gesorgt hätten.

 

Eine Voraussetzung gilt weiterhin für ausreichend, wenn zur Realisierung des angestrebten Zieles keine weiteren Maßnahmen notwendig sind, wenn also bei Erfüllung dieser einen Voraussetzung auf jeden Fall der erwünschte Erfolg eintritt. Wiederum auf unser Beispiel übertragen könnten wir in diesem Falle davon ausgehen, dass Vollbeschäftigung bei einem entsprechenden wirtschaftlichen Wachstum auf jeden Fall erreicht werden würde, welche sonstigen Rahmenbedingungen auch vorliegen mögen.

 

Geht man von diesen beiden Begriffen des ‚Ausreichens‘ und der ‚Notwendigkeit‘ aus, lassen sich vier verschiedene Voraussetzungen unterscheiden. Es gibt erstens Voraussetzungen, welche zur gleichen Zeit notwendig und ausreichend sind, es gibt zweitens Voraussetzungen, welche zwar als notwendig aber nicht als ausreichend gelten, es gibt drittens Voraussetzungen, welche ausreichend, aber nicht notwendig sind und es lassen sich  schließlich viertens Voraussetzungen benennen, welche weder notwendig noch ausreichend sind.

 

Die Komplexität des wirtschaftlichen Geschehens bringt es nun mit sich, dass in der Realität nur in den seltensten Fällen mit Voraussetzungen gerechnet werden kann, die zur gleichen Zeit notwendig und ausreichend sind. Eine solche Voraussetzung würde nämlich nur dann vorliegen, wenn die zugrunde liegenden Sachzusammenhänge dem einfachen Schema entsprechen würde: Wenn das Ereignis x gegeben ist, dann führt dies auf jeden Fall zu dem weiteren erwünschten Ereignis y. Die Komplexität des wirtschaftlichen Geschehens wird aber eher durch folgendes Schema beschrieben: Wenn das Ereignis x1 gesetzt wird und wenn zur gleichen Zeit weitere Ereignisse x2 bis xm vorliegen und andere Ereignisse xn bis xz ausgeschlossen sind, werden die Ereignisse y1 bis ym mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit eintreten, wobei y1 das angestrebte Ziel und die weiteren Variablen y2 bis ym Nebenwirkungen darstellen, welche teilweise unerwünscht sind.

 

In der Mehrzahl der Fälle wird im Rahmen der Wirtschaftspolitik eher damit zu rechnen sein, dass die eingeleiteten wirtschaftspolitischen Maßnahmen Voraussetzungen zur Erreichung eines bestimmten Zieles darstellen, welche weder als notwendig noch als ausreichend angesehen werden müssen. Ist diese Feststellung richtig, lässt sich Vollbeschäftigung also sehr wohl auch mit anderen Mitteln als über ein forciertes Wachstum erreichen und für einen beschäftigungspolitischen Erfolg sind zusätzlich weitere politische Maßnahmen notwendig.

 

Nach diesen Vorbemerkungen wollen wir uns also mit der Frage befassen, ob ein wirtschaftliches Wachstum von 3 bis 4 Prozent notwendig ist, um Vollbeschäftigung zu erreichen und ob es ausreicht, für dieses Wachstum zu sorgen, um damit auch Vollbeschäftigung zu erzielen. Beginnen wir mit der Frage, ob wirtschaftliches Wachstum in besagter Größe ausreicht, um Vollbeschäftigung zu garantieren.

 

Als erstes gilt es festzustellen, dass es von der Art des Wachstums abhängt, ob die erhofften positiven Auswirkungen auf den Beschäftigungsgrad ausgehen. Wir haben oben zwischen einem extensiven und einem intensiven Wachstum unterschieden. Der positive Zusammenhang zwischen Wachstum und Beschäftigung liegt eigentlich nur dann eindeutig vor, wenn wir von einem extensiven Wachstum sprechen. Wenn die Güterproduktion bei gleichbleibender Technik steigt, so werden im Prinzip alle eingesetzten Produktionsfaktoren, also auch Arbeitskräfte vermehrt eingesetzt. Hier ist evident, dass eine Steigerung der Güterproduktion auch zu einer Steigerung der Beschäftigung führt und dass das Ziel der Vollbeschäftigung erreicht werden kann, wenn die Güterproduktion nur in ausreichendem Maße ansteigt.

 

Das Problem besteht nun aber darin , dass man dann, wenn man von Wachstum spricht, in aller Regel an das intensive Wachstum denkt. Die einzelnen Bürger eines Landes erfahren nur dann eine Wohlfahrtssteigerung, wenn das Pro-Kopf-Einkommen steigt. Wird die Zunahme der produzierten Gütermenge jedoch darauf zurückgeführt, dass mehr Arbeitnehmer beschäftigt werden, dann vergrößert sich das Lohneinkommen pro Arbeitnehmer eben gerade nicht. Wir benötigen also schon ein intensives Wachstum, wenn wir im Rahmen der Wachstumspolitik auch die materielle Wohlfahrt der Bevölkerung steigern wollen.

 

Der Zusammenhang zwischen Güterproduktion und Beschäftigung ist jedoch bei Vorliegen eines intensiven Wachstums nicht mehr eindeutig. Intensives Wachstum kann sogar die Beschäftigung vermindern. Der Grund hierfür liegt darin, dass es der technische Fortschritt ist, der das intensive Wachstum auslöst und dass technischer Fortschritt immer darin besteht, dass man zur Produktion einer bestimmten Gütermenge weniger Produktionsfaktoren benötigt. Besteht nun der technische Fortschritt darin, dass vorwiegend Arbeitskräfte eingespart werden – wir sprechen von arbeitssparendem Fortschritt –, dann führt eben das wirtschaftliche Wachstum zu einer Freisetzung von Arbeitskräften und nicht zu einer Beschäftigungssteigerung.

 

Nun muss man allerdings berücksichtigen, dass dieser Freisetzungseffekt zum Teil dadurch kompensiert werden kann, dass die Einführung dieses technischen Fortschrittes Investitionen notwendig macht und dass in diesem Zusammenhang an anderer Stelle neue Arbeitskräfte eingestellt werden. So können z. B. in der Konsumindustrie Arbeitskräfte eingespart werden, gleichzeitig aber in der Investitionsgüterindustrie neue Arbeitsplätze entstehen. Es ist jedoch keinesfalls sicher, dass dieser Kompensationseffekt in der Investitionsgüterindustrie ausreicht, um den Freisetzungseffekt in der Konsumgüterindustrie auszugleichen. Je größer die Steigerung der Arbeitsproduktivität ist, um so größer ist auch die Gefahr, dass das Wachstum per saldo zu einer Verringerung in der Beschäftigung führt.

 

Es hängt also von der Art des technischen Fortschritts ab, ob die erwünschten Steigerungen im Beschäftigungsgrad eintreten. Der technische Fortschritt, welcher das Wachstum auslöst, muss somit überwiegend kapital- oder ressourcensparend und nicht arbeitssparend sein. Welche Art des technischen Fortschritts überwiegt, hängt nun entscheidend vom Lohn-Zinsverhältnis ab. Je mehr die Unternehmer für Arbeit und je weniger sie für Kapital zahlen müssen, um so mehr werden sie bemüht sein, nach neuen technischen Verfahren Ausschau zu halten, welche vorwiegend Arbeit einsparen.

 

Leider muss man feststellen, dass gerade die keynesianische Politik, die doch angetreten ist, Arbeitslosigkeit abzubauen, indirekt dazu beigetragen hat, dass sich das Lohn-Zins-Verhältnis erhöhte mit der Folge, dass vorwiegend arbeitssparender technischer Fortschritt eingeführt wurde. Obwohl Keynes von der Annahme ausgegangen ist, dass die privaten Investitionen nur in geringem Maße auf Zinssenkungen reagieren, bemühten sich die keynesianischen Politiker doch darum, den Zins niedrig zu halten, und zwar deshalb, um auf diese Weise die Zinslast des Staates zu verringern.

 

Gleichzeitig haben die Gewerkschaften unter Berufung auf Keynes gefordert, über eine expansive Lohnpolitik, bei der die Steigerung der Lohnsätze bewusst über die Steigerung der Arbeitsproduktivität angehoben wird, die Konjunktur anzuheben. Nebenbei bemerkt, berief sich diese Kaufkrafttheorie fälschlicherweise auf Keynes. Keynes selbst hat davon gesprochen, dass nur eine Steigerung der autonomen Konsumnachfrage (oder auch einer anderen Nachfrage) den erwünschten Beschäftigungseffekt auslöst. Lohnsatzsteigerungen führen hingegen nur zu einer Zunahme der induzierten und nicht der autonomen Konsumnachfrage.

 

Eine Wachstumspolitik ist zweitens keine ausreichende Voraussetzung für Vollbeschäftigung, da nicht jede Arbeitslosigkeit auf einen Mangel an privater Güternachfrage zurückgeführt werden kann. Arbeitslosigkeit kann auch von der Angebotsseite her ausgelöst werden. So ist bekannt, dass die Arbeitslosigkeit im untersten Lohnsektor vorwiegend dadurch entsteht, dass viele Arbeitnehmer, vor allem auch mit Immigrationshintergrund im Hinblick auf ihre Ausbildung nicht die Mindestvoraussetzung mitbringen, die heutzutage bei nahezu jedem Arbeitsplatz vorausgesetzt wird.

 

Hier bringt die traditionelle Wachstumspolitik keine Entlastung. Auch dann, wenn aufgrund einer vermehrten Güternachfrage mehr Arbeitskräfte nachgefragt werden, scheitert die Einstellung von Arbeitnehmern aus diesem Lohnsegment nach wie vor an einer zu geringen Ausbildung. Lediglich bildungspolitische Maßnahmen sind hier in der Lage – und dies auch nur langfristig – eine Abhilfe zu bringen.

 

Die beiden Ölkrisen in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts haben weiterhin gezeigt, dass auch ein rapider und plötzlicher Anstieg in den Rohstoffpreisen (damals in den Ölpreisen) die Konjunktur zum Erliegen bringen und auf diesem Wege Massenarbeitslosigkeit auslösen kann. Auch hier gilt, dass diese Massenarbeitslosigkeit verhindert oder relativ schnell nur dann beseitigt werden kann, wenn es gelingt, die Rohstoffpreise zu stabilisieren. Der alleinige Versuch, durch Nachfragesteigerungen die Konjunktur anzukurbeln führt hier ins Leere, da die Nachfragesteigerungen vorwiegend in Preissteigerungen verpuffen und eben gerade nicht dazu beitragen, die Produktion realiter und damit auch die Beschäftigung zu steigern.

 

Aber nehmen wir einmal an, dass die Arbeitslosigkeit weitgehend durch einen Mangel an privater Güternachfrage ausgelöst ist und unterstellen wir zusätzlich, dass auch eine traditionelle Politik der Nachfragesteigerung tatsächlich dazu führe, die Produktion entscheidend zu vergrößern. Trotzdem kann die erwünschte Beschäftigungssteigerung im Inland ausbleiben. So können die Unternehmer die zur Produktionsausweitung benötigte Mehrarbeit dadurch einsetzen, dass sie diese zusätzlichen Arbeiten in ausländischen Unternehmungen durchführen lassen. Dies ist immer dann zu befürchten, wenn die Arbeitskosten im Ausland deutlich geringer ausfallen als im Inland. Also wird eine traditionelle Wachstumspolitik auch nur dann zu einer Beschäftigungssteigerung im Inland führen, wenn zusätzlich kein Lohngefälle zum Ausland besteht.

 

Hierbei kommt es allerdings weniger auf die Relation der inländischen zu den ausländischen Lohnsätzen an. Maßgebend sind vielmehr allein die Lohnstückkosten. Die Lohnstückkosten sind jedoch im Inland nur dann höher als im Ausland, wenn die Lohnsätze nicht mehr der Arbeitsproduktivität entsprechen, wenn also die Löhne stärker steigen als die Arbeitsproduktivität. Eine gewerkschaftliche Lohnpolitik, welche ihre Lohnforderungen auf die Produktivitätssteigerungen der Arbeit beschränkt, führt deshalb nicht bereits deshalb zu einer Verlagerung der Produktion ins Ausland, weil die inländischen Lohnsätze die ausländischen übersteigen. Nur der Versuch, die Löhne stärker als die Arbeitsproduktivität steigen zu lassen, hat diese unerwünschten, eine Vollbeschäftigung behindernden Effekte.

 

Es gibt schließlich einen vierten Grund, weshalb eine traditionelle Wachstumspolitik allein nicht ausreicht, um Vollbeschäftigung zu erzielen. Milton Friedman hat darauf aufmerksam gemacht, dass die erwünschte Beschäftigungssteigerung einfach daran scheitern kann, dass sich die Privaten an die durch die Politik ausgelösten Datenänderungen anpassen und auf diesem Wege den Erfolg der Beschäftigungspolitik vereiteln.

 

Unterstellen wir, dass der Staat seine Nachfrage nach Gütern erhöht, ohne dadurch z. B. durch Steuererhöhungen private Nachfrageminderungen auszulösen. Eine solche Politik kann vor allem deshalb zunächst erfolgreich sein und zu einer Mehrbeschäftigung führen, weil aufgrund der vermehrten Güternachfrage die Preise und mit den Preisen auch die Gewinne der Unternehmungen ansteigen. Spätestens nach der nächsten Tarifverhandlung haben jedoch die Gewerkschaften für die eingetretenen Preissteigerungen eine Kompensation durch Lohnsteigerungen durchgesetzt. Mit den Lohnsätzen steigen jedoch die Kosten und wenn die Kosten in gleichem Umfang wie die Preise ansteigen, geht der zusätzliche Gewinn (die Differenz zwischen Erträgen und Kosten) wiederum verloren. Mit dem Rückgang im Gewinn entfällt jedoch der Anreiz der Unternehmungen, mehr als bisher zu produzieren und dementsprechend auch mehr Arbeitskräfte zu beschäftigen. Produktion und Beschäftigung bewegen sich deshalb in Richtung Ausgangszustand.

 

Wenn aber nun die Unternehmer wissen, dass die Gewerkschaften über kurz oder lang eine Lohnanpassung durchsetzen, ist es für eine Unternehmung rational, gar nicht mehr Arbeitskräfte als bisher zu beschäftigen. Die bestehende Kündigungsgesetzgebung macht es nämlich den Unternehmungen schwer, Arbeitskräfte dann wieder schnell zu entlassen, wenn die Produktion wiederum verringert werden soll. In diesem Falle werden die Unternehmungen nur bereit sein, Arbeitskräfte neu einzustellen, wenn sie sicher sind, dass die zusätzlichen Aufträge nicht einmalig sind, sondern einen anhaltenden Konjunkturaufschwung signalisieren und darüber hinaus auch einen zusätzlichen Gewinn versprechen. Müssen die Unternehmungen davon ausgehen, dass entweder die zusätzlichen Aufträge einmaliger Natur sind oder auch nur vorübergehend zusätzliche Gewinne bringen, werden sie diese Aufträge mit Überstunden der bestehenden Belegschaft zu erfüllen versuchen oder ganz auf diese Aufträge verzichten.

 

Dieses Verhalten der Gewerkschaften und Unternehmer ist dann auch dafür verantwortlich, dass eine staatliche Wachstumspolitik nur dann erfolgreich ist, wenn sie unerwartet kommt, wenn sich also die Marktpartner nicht auf diese Politik einstellen konnten. Dies bedeutet auch, dass eine Wachstumspolitik auf immer höher werdende Wachstumsraten zielen muss, da der Erfolg bei den vergangenen Wachstumsraten verpufft, sobald sich die Marktpartner an diese Politik angepasst haben. Es leuchtet aber ohne weiteres ein, dass eine solche Politik der immer größer werdenden Wachstumsraten zu ernsthaften Schwierigkeiten führt, da auf diesem Wege auf jeden Fall das Ziel der Nachhaltigkeit nicht mehr erfüllt werden kann.

 

Soviel zu der Frage, ob es wirklich ausreicht, eine bestimmte Wachstumsrate von 3 bis 4 Prozent anzusteuern, um auf diesem Wege Vollbeschäftigung zu erzielen. Wenden wir uns nun der Frage zu, ob denn überhaupt eine Wachstumspolitik notwendig ist, um das Ziel der Vollbeschäftigung zu erreichen. Diese Frage leitet zu unserem letzten Abschnitt, zu der Frage nach alternativen Strategien zur Vollbeschäftigung über.

 

 

8. Alternative Strategien zur Vollbeschäftigung

 

Wenn wir nämlich das Ziel der Vollbeschäftigung auch auf andere Weise als über wachstumspolitische Maßnahmen erreichen können, ist es keineswegs mehr sicher, dass wir zur Erreichung von Vollbeschäftigung gerade diesen Weg beschreiten müssen. Wir haben in diesem Artikel gesehen, dass wirtschaftliches Wachstum auf jeden Fall mit dem Ziel der Nachhaltigkeit in einem Konfliktverhältnis steht und dass die Stabilität des ökologischen Systems wohl kaum garantiert werden kann, wenn auch die heutigen Industrieländer an einer Politik  eines permanenten Wachstums festhalten.

 

Es gilt deshalb die Frage zu stellen, auf welchen anderen Wegen denn das Ziel der Vollbeschäftigung erreicht werden kann und wie diese alternativen Wege im Vergleich zur Politik eines forcierten Wachstums ihre Aufgabe erfüllen können. Selbstverständlich kann an dieser Stelle nicht die Gesamtproblematik einer Reform aufgeworfen werden. Ich habe in früheren Artikeln diese Problematik wiederholt behandelt und werde auch in weiteren Abhandlungen Reformvorschläge analysieren.

 

Die Frage, auf welche Ursachen Massenarbeitslosigkeit zurückzuführen ist und auf welchem Wege dieses Beschäftigungsziel erreicht werden kann, ist nicht erst bei Keynes im Zusammenhang mit der Weltwirtschaftskrise Ende der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts in der Wirtschaftswissenschaft diskutiert worden. So hat vor allem der Klassiker Jean Baptiste Say das nach ihm benannte Say‘sche Theorem entwickelt, wonach Massenarbeitslosigkeit keinesfalls auf eine zu geringe Konsum- bzw. Güternachfrage zurückgeführt werden kann, wie zur Zeit der Klassiker von den Vertretern der Unterkonsumtionstheorie immer wieder behauptet wurde. Die von Keynes entwickelte Theorie entstand gerade aus der Kritik an diesem Theorem.

 

Der Grundgedanke von Say war denkbar einfach. Jedes Angebot schaffe sich nämlich von selbst eine ausreichende Nachfrage, sodass auch nicht damit gerechnet werden muss, dass die Nachfrage zu gering ausfällt, um alle produzierten Güter abzusetzen. Im Wert des Angebotes (des Verkaufserlöses) entstünden nämlich Einkommen, denn die Anbieter von Produktionsfaktoren  werden für ihre Leistungen entlohnt, die verbleibende Restsumme aus dem Verkaufserlös fließt den Unternehmungen in Form von Gewinnen zu. Diese Faktor- und Gewinneinkommen werden nun zum Teil für den Ankauf von Konsumgütern verwandt und fließen deshalb den Unternehmungen wieder zu, der verbleibende Teil der Einkommen werde gespart und diene deshalb zur Finanzierung der Investitionsgüter.

 

Der Grund dafür, dass Say davon ausging, dass die Sparsumme stets voll investiert würde, liegt darin, dass zur Zeit, in der Say lebte, Unternehmungen in aller Regel in Form einer Personengesellschaft geführt wurden und deshalb Sparer und Investor in einer Person zusammenfielen. Die einzelnen Unternehmer entschlossen sich zu sparen, weil sie diese Ersparnisse für Investitionszwecke im eigenen Betrieb benötigten. Gespart wurde also nur, weil diese Beträge für die Investition benötigt wurden, die geplanten  Investitionsvorhaben bestimmten somit, wie viel Einkommensteile gespart werden.

 

Im Zuge der Weiterentwicklung der Volkswirtschaft wuchsen auf der einen Seite die Unternehmungen in einem Maße, in dem das für die Produktion benötigte Kapital nicht mehr in seiner Gesamtheit von den Unternehmern selbst aufgebracht werden konnte. Aus diesen Gründen bildeten sich Kapitalgesellschaften, welche sich das benötigte Kapital zumindest zum Teil durch Ausgabe von Aktien oder Obligationen auf dem anonymen Kapitalmarkt besorgten. Auf der anderen Seite wuchs auch das Einkommen der Arbeitnehmer in so starkem Maße, dass ein Teil der Einkommen für Sparzwecke zurückgelegt und auf dem Kapitalmarkt angeboten werden konnte.

 

Aufgrund dieser Entwicklung waren nun Investoren und Sparer unterschiedliche Personen und es konnte deshalb nicht mehr davon ausgegangen werden, dass die von den privaten Haushalten angebotenen  Sparsummen gerade dem Umfang der Investitionsvorhaben der Unternehmungen entsprechen. Dass die Neoklassiker trotz dieses Wandels am Say‘schen Theorem festhielten und der Überzeugung waren, dass auf freien Märkten das Sparangebot schließlich voll zur Investitionsnachfrage führe, lag daran, dass sie von der Funktionsfähigkeit freier Märkte überzeugt waren. Eines der wesentlichen Vorteile eines freien Marktes besteht nämlich darin, dass ohne staatliche Eingriffe der Markt von sich aus Kräfte entfaltet, welche auf einen Ausgleich von Angebot und Nachfrage hinwirken. Ist nämlich das Sparangebot zunächst größer als die Investitionsnachfrage, kommt es auf einem freien Markt zu Zinssenkungen. Diese bewirken auf der einen Seite, dass das Angebot an Ersparnissen zurückgeht und auf der anderen Seite die Nachfrage nach Investitionskrediten ansteigt.

 

Ähnlich würde der Markt reagieren, wenn die Sparsumme zunächst kleiner ausfallen würde als die Investitionsnachfrage. In diesem Falle käme es zu Zinssteigerungen, welche auf der einen Seite zu einer Ausweitung der Ersparnis führen würden, auf der anderen Seite aber gleichzeitig den Umfang der Investitionsvorhaben vermindern würden. Auf diesem Wege werden Ungleichgewichte zwischen Sparen und Investition von selbst abgebaut, es wird ein Gleichgewicht zwischen Sparen und Investieren erreicht und diese Gleichgewichtstendenz stellt sicher, dass auf lange Sicht die Gesamtersparnis wiederum zu Nachfrage, nämlich zu der Nachfrage nach Investitionsgütern führt.

 

Keynes übte eben an diesem Theorem Kritik, da seiner Meinung nach der Kapitalmarkt den Ausgleich von Sparen und Investieren aus zweierlei Gründen verfehle. Auf der einen Seite würden nicht alle Ersparnisse auf dem Kapitalmarkt angeboten, es würden Teile der Ersparnis gehortet. Die von Keynes entwickelte Liquiditätstheorie zeigt hierbei auf, dass dieses Horten durchaus rational begründet sein kann. Ist nämlich der Zinssatz sehr niedrig, so rechnen die Kapitalanleger mit einer baldigen Zinssteigerung. Allgemeine Zinssteigerungen schlagen sich aber in Kursverlusten der festverzinslichen Wertpapiere nieder, da es sich in diesen Zeiten lohnt, festverzinsliche Wertpapiere gegen Aktien umzutauschen. Hier besteht nun die Gefahr, dass der ohnehin geringe Zinsertrag überkompensiert wird durch Kursverluste. Aus diesen Gründen werden potenzielle Kapitalanleger in Zeiten der Krise ihre Ersparnisse horten und noch nicht zinsbringend anlegen.

 

Nach Auffassung von Keynes versagt der Kapitalmarkt in Zeiten des Konjunkturabschwungs aber auch deshalb, weil die Unternehmungen in Zeiten der Rezession und Depression Investitionsvorhaben auch dann nicht durchführen, wenn der Zins fällt und zwar einfach deshalb, weil die Unternehmungen in diesen Zeiten ohnehin ihre Produktionskapazitäten mangels Absatz nicht voll auslasten können und deshalb auch nicht bereit sind, diese Produktionsanlagen durch Nettoinvestitionen zu erweitern.

 

In meinen Artikeln zur Keynesianischen Theorie habe ich zahlreiche Gründe aufgeführt, weshalb diese Kritik nicht in jedem Falle überzeugt. Wir wollen hier jedoch diese Kritik zurückstellen und durchaus davon ausgehen, dass die Kapitalmärkte bisweilen durchaus das Ziel, die Investition der Sparsumme anzupassen, verfehlen. Trotzdem unterliegt der Weg, den die keynesianische Politik beschritten hat, der Kritik. Die keynesianische Beschäftigungspolitik kann verstanden werden als den Versuch, unter Umgehung des Marktes durch staatliche Maßnahmen einen Ausgleich von Sparen und Investieren ex post zu erzwingen. Man  hätte auch einen ganz anderen Weg beschreiten können, in dem man sich nach den Ursachen fragt, welche dafür verantwortlich sind, dass die Kapitalmärkte im Hinblick auf die Gleichgewichtstendenz versagen. Und man hätte auch auf der Grundlage dieser Analyse versuchen können, diese konkreten Mängel zu beseitigen, sodass dann wiederum ohne staatliches Eingreifen auch auf Kapitalmärkten eine selbstständige Ausgleichstendenz auftritt.

 

Man kann in dieser Fragestellung noch einen weiteren Schritt weitergehen und sich die Frage stellen, warum man das Ungleichgewicht auf dem Arbeitsmarkt (den Angebotsüberhang und damit die Arbeitslosigkeit) nicht primär durch Reformmaßnahmen auf dem Arbeitsmarkt selbst zu beheben versucht, sondern sich darauf beschränkt, Ungleichgewichte auf Kapitalmärkten zu beheben. Dass das Problem der Massenarbeitslosigkeit ausgerechnet in marktwirtschaftlichen Systemen auftritt, verwundert, da Arbeitslosigkeit immer ein Ausdruck für ein Ungleichgewicht (für einen Angebotsüberhang) auf den Arbeitsmärkten darstellt und da es wohl kaum eine andere Institution gibt, die an und für sich für einen automatischen Ausgleich von Angebot und Nachfrage sorgt.

 

Es gilt zu überprüfen, ob die zu beobachtenden Marktmängel auf dem Arbeitsmarkt, vor allem das Entstehen von längerer Arbeitslosigkeit wirklich daher rühren, dass das Angebot an oder die Nachfrage nach Arbeit von ihrem Wesen her die sonst auf freien Märkten übliche Anpassungsfähigkeit der Marktpartner an Datenänderungen außer Kraft setzt oder ob nicht vielmehr gerade der Umstand, dass die Politik in diese Märkte eingegriffen hat, überhaupt erst die Arbeitsmärkte um ihre Anpassungsfähigkeit beraubte.

 

Es geht hierbei nicht um die Frage, ob es überhaupt erwünscht ist, die Marktergebnisse zu beeinflussen. Man kann ohne weiteres zugeben, dass ohne jegliche Korrektur von Seiten des Staates der Arbeitsmarkt durchaus zu unerwünschten Ergebnissen führen würde. Ohne jeglichen politischen Einfluss bestände auch heute noch die Gefahr, dass sich die Marktform eines Nachfragemonopols durchsetzen würde, die nun nach allen Ergebnissen der Marktformenlehre zu höchst unerwünschten Ergebnissen führt. Nicht die Einflussnahme als solche, sondern die Art der Einflussnahme ist hier der Stein des Anstoßes. Es gilt zu überprüfen, ob zum Teil die durchaus berechtigten Ziele der Sozialpolitik nicht auch mit Mitteln erreicht werden können, die nicht in dem bisherigen Ausmaß die Marktkräfte außer Kraft setzen und ob es wirklich der Festsetzung von politischen Preisen oder längeren Kündigungsfristen bedarf, um diese sozialpolitischen Ziele zu erreichen. Auf jeden Fall sollten solche Maßnahmen bevorzugt werden, bei denen unter den zur Diskussion stehenden Alternativen die geringsten Beeinträchtigungen der Anpassungsfähigkeit der Märkte erfolgen.

 

Walter Eucken hat den Liberalismus insoweit weitergeführt, als er darauf aufmerksam machte, dass es nicht ausreicht, eine Wettbewerbsordnung herzustellen und den Wettbewerb sich selbst zu überlassen. Eine freie Wettbewerbsordnung wird nicht nur von Seiten des Staates bedroht. Auch die Unternehmungen haben ein massives Interesse daran, den Wettbewerb durch Zusammenschluss von Unternehmungen aufzuheben. Also bedarf es einer Ordnung, die über die Erhaltung des Wettbewerbs wacht und diese Aufgabe kann nur ein starker Staat erfüllen, der sich nicht von Interessengruppen korrumpieren lässt.

 

Der Liberalismus ist jedoch vor allem in zweierlei Richtung weiter zu entwickeln. Es gilt erstens in einer Reform des Bildungswesens sicherzustellen, dass alle Arbeitnehmer eine Mindestausbildung erfahren, ohne die in unserer komplexen und globalen Wirtschaft kein Arbeitsplatz mehr ausgefüllt werden kann. Auch ist in diesem Zusammenhang sicherzustellen, dass sich jeder entsprechend seiner Begabung weiterbilden kann und Zugang zu den weiterführenden Schulen erhält. Zweitens sollte zusätzlich zum primären und regulären Arbeitsmarkt ein sekundärer Arbeitsmarkt eingerichtet werden, der die Möglichkeit eröffnet, dass jeder Arbeitnehmer, welcher im primären Arbeitsmarkt seinen Arbeitsplatz verliert, vorübergehend in  einem sekundären Arbeitsmarkt beschäftigt wird.

 

Zunächst einige Gedanken zu einer Bildungsreform. Die Forderung nach einer Bildungsreform wird heutzutage allgemein akzeptiert. Es bleibt jedoch die Frage, ob die Zielsetzungen, mit denen diese Reform betrieben wird, zum Erfolg führen. In der Öffentlichkeit wird der Eindruck erweckt, als ginge es nur darum, möglichst vielen oder vielleicht sogar allen Arbeitnehmern den Zugang zu den weiterführenden Schulen bis hin zu den Hochschulen zu gewähren. Es werden internationale Rankings erstellt und wenn ein Staat in diesem Ranking abfällt oder nicht die oberen Plätze erreicht, wird dies als Mangel gebrandmarkt, der Maßnahmen erfordert, damit ein Land wiederum in dieser Rankingliste aufsteigt.

 

In Wirklichkeit kann und darf es aber nicht primär darum gehen, soviel Jugendlichen wie nur möglich eine universitäre Ausbildung zu ermöglichen, sondern für einen Ausgleich zwischen Angebot und Nachfrage nach akademisch ausgebildeten Fachkräften zu sorgen. Jede Abweichung von Bedarf und Angebot führt zu gravierenden volkswirtschaftlichen Schäden. Ist das Angebot an akademisch ausgebildeten Fachkräften zu gering, so muss aufgrund von Fachkräftemangel die Produktion gedrosselt werden. Mangels ausreichender Produktion können dann auch die Arbeitnehmer, deren Arbeitsplatz eine geringere Ausbildungsstufe erfordern, arbeitslos werden.

 

Übersteigt jedoch das Angebot an qualifizierten Arbeitskräften die Nachfrage seitens der Unternehmungen, werden fast alle Marktbeteiligten geschädigt. Die hoch qualifizierten Arbeitskräfte, für die keine entsprechende Arbeitsstelle vorhanden ist, werden auf Arbeitsplätzen mit geringerer Anforderung beschäftigt. Sie sind frustriert, weil weder ihre Erwartungen im Hinblick auf die Einkommenshöhe noch im Hinblick auf das Betätigungsfeld erfüllt werden. Dadurch, dass sie nun Arbeitsplätze einehmen, welche eigentlich für Arbeitnehmer mit einer etwas geringeren Ausbildung eingerichtet wurden, werden letztere verdrängt und auf Arbeitsplätze verwiesen, welche für Arbeitsplätze für einen noch geringeren Ausbildungsgrad vorgesehen sind. Dieser Verdrängungsprozess geht bis zu den Arbeitsplätzen mit dem geringsten Ausbildungserfordernis weiter, alle verdrängten Arbeitnehmer sind aus den gleichen, bereits erwähnten Gründen frustriert. Am schlechtesten stellen sich dann die Arbeitnehmer, welche eigentlich nur für die Tätigkeiten mit der geringsten Ausbildung befähigt sind, für sie bedeutet der Verdrängungsprozess, dass sie überhaupt keine Beschäftigung finden, also arbeitslos werden. Die letzten beißen die Hunde.

 

Aber nicht nur die Arbeitnehmer, auch die Arbeitgeber müssen Verluste in Kauf nehmen. Der Umstand, dass die meisten Arbeitnehmer überqualifiziert sind, auf Arbeitsplätzen beschäftigt werden, für die sie gar nicht ausgebildet wurden, bringt in aller Regel eine geringere Leistung. Es ist ja nicht so, dass derjenige, welcher für eine höhere Stelle ausgebildet ist, damit gleichzeitig auch die Befähigung mitbringt, alle untergeordneten Arbeitsplätze sachgerecht bedienen zu können. In Wirklichkeit fehlt diesen überqualifizierten Fachkräften genau das Wissen oder die Fähigkeit, die auf den jeweils untergeordneten Arbeitsplätzen erforderlich sind.

 

Es kommt noch hinzu, dass gerade deshalb, weil die überqualifizierten Arbeitskräfte in ihrer Motivation zurückbleiben und frustriert sind, sie auch weniger Leistung erbringen, als dann wenn sie zu ihrer Arbeit hoch motiviert wären. Schließlich dürften sich die Unternehmungen oftmals gezwungen sehen, den überqualifizierten Arbeitskräften einen etwas höheren Lohn zu gewähren als den Arbeitnehmern, welche einen Arbeitsplatz ausfüllen, der ihrer Qualifikation entspricht. Gerade von Arbeitnehmerseite wird die Erwartung an die Arbeitgeber herangetragen, bei der Lohnfestsetzung den Ausbildungsgrad zu berücksichtigen. Also steigen im Endergebnis für die Unternehmung die Stückkosten.

 

Über die Pläne zur Bildung sekundärer Arbeitsmärkte habe ich an anderer Stelle ausführlich berichtet. Ich werde mich deshalb an dieser Stelle darauf beschränken, einige grundlegende Voraussetzungen für das Funktionieren eines sekundären Arbeitsmarktes hier zu benennen.

 

Ausgangspunkt bildet die Feststellung, dass es der traditionellen keynesianischen Beschäftigungspolitik nicht gelungen ist, auf Dauer Vollbeschäftigung herbeizuführen. Trotz massiver Verschuldung des Staates konnte das Niveau der Arbeitslosenrate in langfristiger Sicht nicht entscheidend reduziert werden. Gleichzeitig brachte auch die Einrichtung einer gesetzlichen Arbeitslosenversicherung keine befriedigende Lösung. Die überwiegende Mehrheit der Arbeitnehmer ist nämlich nicht nur daran interessiert, stets über ein Einkommen zu verfügen, das zumindest das Existenzminimum garantiert, der einzelne Arbeitnehmer will auch einer geregelten Beschäftigung nachgehen. Bei einem noch so großzügigen Arbeitslosengeld bleibt bestehen, dass ein arbeitsloser Arbeitnehmer von vielen Nachbarn als arbeitsscheuer Schmarotzer angesehen wird. Auch sind oftmals die familiären Verhältnisse gestört und es führt zu zahlreichen Frustrationen, wenn nun plötzlich die Erwachsenen weitgehend ziellos ihre Zeit in den eigenen Wänden verbringen.

 

Die Grundidee der Forderung nach einem sekundären Arbeitsmarkt besteht darin, dass ein Arbeitnehmer, der entweder keinen Arbeitsplatz im primären Arbeitsmarkt findet oder dem von seinem bisherigen Arbeitgeber gekündigt wurde, jederzeit und sofort nach der Entlassung bei einem Arbeitgeber des neu zu errichtenden sekundären Arbeitsmarkts beschäftigt wird und somit nicht arbeitslos wird. Die Beschäftigung dieser Arbeitnehmer im sekundären Arbeitsmarkt bedeutet, dass auch in diesen Einrichtungen Produkte oder Dienstleistungen produziert werden, die verkauft werden können und somit dem Arbeitgeber Erlöse bringen, aus denen zum Teil die Kosten der Produktion einschließlich der Entlohnung der in diesem Bereich Beschäftigten gedeckt werden können.

 

Im Unterschied zu Unternehmungen im primären Arbeitsmarkt müssen wir jedoch davon ausgehen, dass die Verkaufserlöse im sekundären Markt nicht ausreichen, um alle Kosten abzudecken. Die Arbeitgeber im sekundären Bereich stehen nicht unter Wettbewerbsdruck, sie dürfen nicht Konkurs gehen, wenn sie nicht genauso kostengünstig produzieren können wie andere Arbeitgeber. Schließlich würde das eigentliche Ziel der Vermeidung von Arbeitslosigkeit verfehlt, wenn sich auch die Arbeitgeber im sekundären Bereich gezwungen sehen würden, Arbeitskräfte, bei denen das Grenzprodukt unter den gewährten Lohnsatz fällt, zu entlassen.

 

Aus diesen Gründen ist es auch notwendig, dass der Staat einen Teil der Kosten dieser Einrichtungen übernimmt. Dadurch, dass die Zahl der Arbeitslosen hier drastisch zurückgeht, verringern sich automatisch die Ausgaben der gesetzlichen Arbeitslosenversicherung, sodass ein beachtlicher Teil der Beitragseinnahmen der Arbeitslosenversicherung für die Subventionierung der Arbeitgeber im sekundären Markt verwendet werden kann.

 

Es müssen allerdings einige Voraussetzungen erfüllt werden, um dieses Modell eines sekundären Arbeitsmarktes auch zu verwirklichen. Generell gilt, dass der sekundäre Arbeitsmarkt den primären Markt nicht verdrängen darf. Nur der primäre Markt ist in der Lage, die Subventionen letztlich zu finanzieren, ohne die ein sekundärer Markt wie gesehen gar nicht arbeiten könnte. Bestünden Tendenzen, den sekundären Markt auf Kosten des primären immer mehr auszuweiten, würde über kurz oder lang auch der sekundäre Markt zusammenbrechen. Es kann nur darum gehen, dass Arbeitnehmer nach einer Kündigung vorübergehend beschäftigt werden, damit sie nicht arbeitslos werden. Auf lange Sicht muss jedoch garantiert werden, dass die Arbeitnehmer nach einer gewissen Zeit wiederum zum primären Markt überwechseln.

 

Die Verdrängung des primären Marktes kann nur vermieden werden, wenn weder die Arbeitgeber des primären Marktes die Möglichkeit und ein Interesse daran haben, von sich aus zum sekundären Markt überzuwechseln und wenn sich darüber hinaus die Arbeitnehmer nicht genauso gut oder sogar besser im sekundären als im primären Markt stellen.

 

Die normalen Unternehmer verhindert man am besten vor einem Eindringen in den sekundären Markt dadurch, dass das Recht, auf diesem Markt Güter anzubieten, auf öffentliche Träger wie Gemeinden sowie gemeinnützige Organisationen beschränkt wird und dass deshalb Subventionen auch nur diesen nicht erwerbswirtschaftlich organisierten Einrichtungen gewährt werden. Sinnvoll ist auch, dass sich die Einrichtungen des sekundären Marktes vorwiegend auf das Angebot solcher Güter und Dienstleistungen beschränken, welche sich auf den  primären Märkten nicht behaupten können.

 

Um zu verhindern, dass die Arbeitnehmer auch dann noch in den Einrichtungen des sekundären Marktes verbleiben, wenn sie auch im primären Markt beschäftigt werden können, müssen notgedrungen die Arbeitsbedingungen im sekundären Markt für die Arbeitnehmer insgesamt schlechter ausfallen als im primären Markt, sodass die Arbeitnehmer von sich aus einen Anreiz besitzen, nur vorübergehend im sekundären Bereich tätig zu sein und von selbst an einer Beschäftigung im normalen Wirtschaftssektor interessiert sind.

 

Das Ziel, Arbeitnehmer – wenn immer möglich – im primären Sektor zu beschäftigen, kann nicht dadurch sichergestellt werden, dass man das Recht der einzelnen Arbeitnehmer, im sekundären Bereich beschäftigt zu werden, auf eine gewisse Zeit beschränkt. In diesem Falle würde nämlich die Gefahr bestehen, dass Arbeitnehmer auch dann aus dem sekundären Bereich entlassen werden, wenn für sie keine geeignete Arbeitsstelle im normalen Wirtschaftssektor gefunden werden kann.

 

Prinzipiell könnte man die Voraussetzung ungünstigerer Arbeitsbedingungen sowohl dadurch sicherstellen, dass die Lohnsätze etwas unter den allgemeinen Lohnsätzen liegen oder auch dadurch, dass die sonstigen Arbeitsbedingungen (Freizeit, Mitwirkungsrechte) ungünstiger ausfallen. Die mit der Einrichtung eines sekundären Arbeitsmarktes verbundenen Ziele lassen sich jedoch sehr viel besser realisieren, wenn man die Schlechterstellung im sekundären Bereich allein auf die Höhe des Lohnsatzes beschränkt. Die teilweise sehr harten Wettbewerbsbedingungen, denen die Unternehmer im primären Markt ausgesetzt sind und auch ausgesetzt werden müssen, wenn die Marktwirtschaft ihre Gemeinwohlziele erreichen soll, bringen es mit sich, dass auch nicht immer auf die speziellen Neigungen der einzelnen Arbeitnehmer ausreichend eingegangen werden kann. Gerade deshalb, weil im sekundären Bereich gerade nicht das Ziel einer möglichst effizienten Produktion und einer möglichst maximalen Produktivitätssteigerung im Vordergrund steht, sondern einzig und allein verhindert werden soll, dass Arbeitnehmer über längere Zeit arbeitslos bleiben, obwohl sie zur Arbeit befähigt und auch arbeitswillig sind, ist es durchaus erwünscht und weitgehend möglich, auch auf die speziellen Neigungen der einzelnen Beschäftigten einzugehen.

 

Allerdings darf man in dieser Forderung nach Schaffung eines sekundären Arbeitsmarktes auch nicht den Königsweg schlechthin sehen, welcher alle heutigen Schwierigkeiten  mit einem Schlag beseitigt. In unserer sehr komplexen Volkswirtschaft wird man nur einigermaßen befriedigende Lösungen finden, wenn die angestrebten Ziele mit einer Vielzahl von Maßnahmen angegangen werden. So steht die Forderung nach einem sekundären Markt genauso wie die Einrichtung einer gesetzlichen Arbeitslosenversicherung vor dem Dilemma, dass in einzelnen Branchen die ausgezahlten Lohnsätze kaum das Existenzminium übersteigen. Da auch die Entlohnung im sekundären Bereich zumindest das Existenzminimum absichern sollte, stößt auch ein sekundärer Markt sehr schnell an die Grenzen des Möglichen. Und diese Grenzen können nur dadurch überwunden werden, dass die Einrichtung eines sekundären Marktes durch weitere Reformmaßnahmen ergänzt wird.

 

Hierbei kann eine befriedigende Lösung nur gefunden werden, wenn man die eigentlichen Ursachen dieses teilweise extrem geringen Lohnniveaus erforscht und beseitigt. Wenn in einzelnen Branchen Lohnsätze gezahlt werden, die kaum dem Existenzminimum entsprechen, so hat dies vor allem zweierlei Gründe. Auf der einen Seite findet sich auf speziellen Arbeitsmärkten die Marktform eines Nachfragemonopols, welche den Arbeitgebern die Möglichkeit eröffnet, den Lohnsatz unter die Arbeitsproduktivität zu drücken. Hier gilt es diese monopolistischen Positionen aufzuweichen, notfalls auch dadurch, dass der Gesetzgeber Tarifverhandlungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern erzwingt.

 

Ein zweiter Grund für extrem geringe Lohnsätze in einzelnen Branchen liegt darin, dass die dort verwirklichte Arbeitsproduktivität nur dem Existenzminimum entspricht und dass aus diesen Gründen auch bei Fehlen einer monopolistischen Macht der Unternehmer keine Löhne über dem Existenzminimum gezahlt werden können, weil Lohnsätze, welche auf Dauer über der realisierten Arbeitsproduktivität liegen, zu Verlusten und langfristig zu einem Konkurs dieser Unternehmungen führen müssten.

 

Hier kann eine gewisse Abhilfe bereits dadurch erzielt werden, dass der Gesetzgeber in diesen Bereichen darauf verzichtet,  durch sozialpolitische Maßnahmen die Kosten zu steigern und die Anpassungsfähigkeit an die Marktbedingungen zu verringern. Dies ist vor allem deshalb möglich und auch berechtigt, da ja gerade durch Schaffung eines sekundären Arbeitsmarktes die Gefahr, dass Arbeitnehmer als Folge eines harten Wettbewerbskampfes arbeitslos werden, weitgehend gebannt ist.