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Wachstum versus Nachhaltigkeit

 

 

Gliederung:

 

1. Das Problem

2. Extensives versus intensives Wachstum

3. Wachstum in der klassischen Wirtschaftstheorie

4. Das Okun‘sche Gesetz

5. Das Ziel der Nachhaltigkeit

6. Neudefinition des Wachstumsziel unter umweltpolitischen Vorzeichen

7. Wachstum notwendige und ausreichende Bedingung für Vollbeschäftigung?

8. Alternative Strategien zur Vollbeschäftigung

 

 

 

1. Das Problem

 

Folgt man den neueren Programmen sozialdemokratischer bzw. sozialistischer Parteien, so gehört die Garantierung eines wirtschaftlichen Wachstums sowie einer Nachhaltigkeit zu den wichtigsten wirtschaftspolitischen Zielen. Auf diese Formel der Einbeziehung beider Zielsetzungen kann sich sogar die Partei der Grünen einlassen. Zwar steht aus der Sicht der Grünen die ökologische Zielsetzung im Mittelpunkt ihrer Bemühungen. Trotzdem haben die Grünen – vor allem auch dadurch, dass sie in der Zwischenzeit durch Regierungsbeteiligung politische Verantwortung übernommen haben – gelernt, dass die Masse der Bevölkerung allein mit ökologischen Problemen nicht von deren Programm überzeugt werden kann.

 

Das Ziel eines wirtschaftlichen Wachstums wird hierbei an der Gesamtproduktion einer Volkswirtschaft, z. B. am realen Inlandsprodukt gemessen. Das Ziel der Nachhaltigkeit soll hingegen sicherstellen, dass die einer Volkswirtschaft zur Verfügung stehenden knappen Ressourcen auch den nachfolgenden Generationen zur Verfügung stehen und dass die Umwelt so erhalten bleibt, dass auch die zukünftigen Generationen unter vertretbaren Verhältnissen leben können. Hierbei gilt es zu berücksichtigen, dass vor allem die Energierohstoffe nicht nur knapp sind, sondern bei der Produktion und beim Konsum verbraucht werden, so dass sie dann für die zukünftigen Perioden unweigerlich verloren sind und deshalb nicht mehr zur Verfügung stehen. Hier gilt es neue alternative Energiequellen wie vor allem Solarenergie und Windenergie zu entwickeln, welche in dem Maße, wie die traditionellen fossilen Energierohstoffe verbraucht werden, an deren Stelle treten können.

 

Im Rahmen der Stabilitätspolitik wird neuerdings zwischen der tatsächlichen und einer gefühlten Inflationsrate unterschieden. Während die tatsächliche Inflationsrate als der prozentuale Anstieg der Güterpreise verstanden wird, soll der Begriff der gefühlten Inflation daraufhinweisen, dass die Wirtschaftssubjekte das Gefühl haben, dass sie in stärkerem oder vielleicht auch schwächerem Maße von Preissteigerungen und damit von der Entwertung ihres Einkommens betroffen sind als der offizielle Preisindex zum Ausdruck bringt.

 

Dieser Begriff von der gefühlten Inflationsrate ist der Meteorologie entlehnt, dort wird seit einiger Zeit ebenfalls von gefühlter Temperatur gesprochen, die mehr oder weniger von der tatsächlich gemessenen Temperatur z. B. in Celsius abweicht. Dass die Bürger oftmals den Eindruck haben, dass es viel kälter oder heißer ist als dies die Temperaturdaten aufzeichnen, hängt insbesondere damit zusammen, dass die menschlichen Hautsinne das Temperaturgefühl nicht nur an der tatsächlichen Temperatur messen, sondern unter anderem auch von der jeweils herrschenden Luftfeuchtigkeit abhängig machen.

 

Die Tatsache, dass bei der Bestimmung der Inflationsrate ein Unterschied zwischen gefühlter und tatsächlicher Inflationsrate festgestellt wird, hängt mit der Art und Weise zusammen, wie die allgemeinen Preissteigerungen berechnet werden. Die Preise der einzelnen Güter werden nicht einfach zusammengezählt, sondern jeweils mit der produzierten oder konsumierten Gütermenge gewichtet (multipliziert). Eine Preissteigerung bei einem Gut, das nur in geringen Mengen gehandelt wird, geht somit mit einem sehr viel geringeren Gewicht in den Preisindex ein, als Güter, die in großen Mengen gehandelt werden. Beim Lebenshaltungskostenindex werden nun diese Gütermengen dadurch erhoben, dass einzelne ausgewählte Haushalte nach den konsumierten Gütermengen befragt werden.

 

Wenn auch diese Gütermengen bei korrekter Vorgehensweise den Durchschnitt der verbrauchten Gütermengen exakt wiedergeben, weicht die tatsächliche Zusammensetzung des konsumierten Güterbündels bei den einzelnen Haushalten von diesen ermittelten Gütermengen mehr oder weniger ab. So sind zur Zeit die Steigerungen des Benzinpreises für den Anstieg des Preisniveaus maßgeblich beteiligt. Wenn nun ein Konsument gar kein Auto besitzt und auch die öffentlichen Verkehrsmittel kaum benützt, also sich vorwiegend mit seinem Fahrrad fortbewegt, sind für ihn die allgemeinen Güterpreise sehr viel weniger gestiegen, als in dem offiziellen Preisindex zum Ausdruck kommt.

 

Umgekehrt mag für Privatpersonen der Anteil der Mietkosten an der gesamten Konsumsumme sehr viel höher ausfallen als es dem Durchschnitt der privaten Haushalte entspricht. Für sie ist die Inflation sehr viel größer als offiziell ermittelt. Auch spielt hierbei eine Rolle, dass die Menschen ganz allgemein hohe Preissteigerungen bei einigen wenigen Gütern stärker beachten als Preissenkungen bei einer Vielzahl anderer Güter, vor allem dann, wenn diese Preissteigerungen Gegenstand zahlreicher Berichte und Kommentaren in den öffentlichen Medien sind.

 

Es ist zweckmäßig, wenn man diese Unterscheidung zwischen gefühlten und tatsächlichen Werten auch auf die Wachstumsrate des Inlandsproduktes anwendet. Auch hier lässt sich nämlich feststellen, dass die Bürger die in der offiziellen Statistik ausgewiesenen Wachstumsraten gar nicht richtig wahrnehmen, zumeist von der Vorstellung ausgehen, dass ihr persönliches Einkommen realiter sehr viel geringer gestiegen ist als es der offizielle Wert ausweist. Für dieses Abweichen der gefühlten von den tatsächlichen Wachstumsraten mögen mehrere Gründe verantwortlich sein.

 

Als erstes wirkt sich die Abweichung von offiziellen und individuellen Daten, welche wir für den Preisindex festgestellt haben, unmittelbar auch auf das Wachstum der individuellen Einkommen aus. Von einem echten Wachstum können wir nur dann sprechen, wenn die Einkommen auch realiter angestiegen sind, wenn ein Haushalt also mehr Gütermengen für sein Einkommen erhält. Ausgangspunkt der Berechnungen sind jedoch stets die nominellen Einkommenswerte. Der Anstieg des realen Einkommens wird dadurch ermittelt, dass der Anstieg im nominellen Einkommen durch den Anstieg im Preisniveau dividiert wird. Da aber – wie eben festgestellt – Unterschiede zwischen dem tatsächlichen und dem gefühlten Preisniveau bestehen, pflanzen sich diese Unterschiede auch bei der Berechnung der realen Einkommen und damit des wirtschaftlichen Wachstums weiter.

 

Darüber hinaus müssen wir davon ausgehen, dass die einzelnen Wirtschaftssubjekte die Frage nach dem Wachstum weniger an der Einkommenssumme, sondern daran messen, inwieweit ihre Erwartungen im Hinblick auf ihren Lebensstandard erfüllt bzw. enttäuscht werden. In Volkswirtschaften, in denen in der Vergangenheit hohe Wachstumsgewinne verzeichnet wurden, stellt sich bei ihren Bürgern sehr schnell eine Haltung ein, bei der Jahr für Jahr Lohnsteigerungen wie selbstverständlich erwartet werden. Bleibt nun konjunkturbedingt diese Lohnsteigerung für ein oder zwei Jahre aus, so wird dieser Umstand bereits als eine Verschlechterung der Lage angesehen.  Ja selbst dann, wenn immer noch positive Steigerungsraten erzielt werden, diese nur wesentlich geringer ausfallen als bisher, entsteht bereits der Eindruck, dass eine Verschlechterung eingetreten ist.

 

An und für sich ist es in einer Marktwirtschaft ein ganz gewöhnlicher Vorgang, dass es Jahre gibt, in denen das Einkommen steigt und andere Jahre, in denen ein etwas schlechteres Wirtschaftsergebnis erzielt wird, schließlich ist eine Marktwirtschaft durch konjunkturelle Schwankungen gekennzeichnet. Nur der Umstand, dass in  den Anfangsjahren beim Neubeginn der Marktwirtschaft nach dem Zusammenbruch aufgrund des zweiten Weltkrieges selbst in Zeiten der Rezession immer noch spürbare Einkommenssteigerungen zu verzeichnen waren, hat dazu beigetragen, dass sich schließlich eine Erwartungshaltung einer permanenten Jahr für Jahr eintretenden  Steigerung des realen Einkommens herausgebildet hat.

 

De facto verbindet sich die Vorstellung einer Wohlfahrtssteigerung weniger mit den Wachstumsraten des Einkommens als vielmehr mit herausragenden Erfindungen, welche das tägliche Leben vereinfachen und alltägliche Behinderungen abmildern. So wurde die Tatsache, dass der größte Teil der Arbeitnehmer über einen PKW verfügt, sicherlich als Wohlfahrtssteigerung empfunden. Weiterhin hat auch der Umstand, dass für die täglichen Verrichtungen im Haushalt fast alle Arbeitnehmer über zahlreiche Einrichtungen wie über einen elektrischen Herd, eine Waschmaschine, eine Geschirrspülmaschine und einen Eisschrank verfügen, ebenfalls das Gefühl einer eindeutigen Wohlfahrtssteigerung ausgelöst.

 

Dass Wachstumsraten allein sehr wenig über das erreichte Wohlfahrtsniveau aussagen, zeigt auch ein Vergleich der Wachstumsraten der DDR mit der ehemaligen BRD. Die DDR galt im Ostblock geradezu als Musterland, das wesentlich höhere Wachstumsraten als die übrigen Ostblockstaaten aufwies. Noch zu einer Zeit, in welcher in der BRD nur noch einstellige Wachstumsraten erzielt werden konnten, wiesen die offiziellen Statistiken der DDR immer noch zweistellige Wachstumsraten auf.

 

Man hätte eigentlich vermuten können, dass deshalb der Lebensstandard in der DDR dem der BRD zumindest gleicht. De facto galt jedoch zu allen Zeiten, auch in den letzten Jahren der DDR der Lebensstandard in der BRD dem der DDR weit überlegen. Beim Zusammenbruch der DDR Ende der 80er Jahre stellte sich dann heraus, dass die DDR-Wirtschaft auf einem erbärmlichen Niveau stand. Die Produktionsanlagen waren veraltet, offensichtlich hatte die DDR-Führung in den letzten Jahren versäumt, die Produktionsanlagen an die Entwicklung anzupassen und notwendige Ersatzinvestitionen vorzunehmen, die Produktion war gegenüber dem Ausland überhaupt nicht wettbewerbsfähig und konnte sich überhaupt nur halten, weil die Bevölkerung keine Möglichkeit hatte, zu ausländischen Produkten überzuwechseln.

 

Die Folge war dann auch, dass die Produktion in den neuen Bundesländern unmittelbar nach dem Zusammenbruch der DDR fast auf den Nullpunkt sank, da die Bürger der neuen  Länder nun die Waren aus den westlichen Staaten der Bundesrepublik bezogen. Dieses Beispiel zeigt, wie fragwürdig oftmals die offiziell veröffentlichten Wachstumsraten der Produktion als Maßstab für das erreichte Wohlfahrtsniveau sind.

 

Diese beiden Ziele eines Wachstums wie der Nachhaltigkeit stehen nun in einem Konfliktverhältnis zueinander. In dem Maße, in dem das eine Ziel forciert wird, besteht die Gefahr, dass gerade das andere Ziel beeinträchtigt wird. Im Allgemeinen ist davon auszugehen, dass die Inanspruchnahme der natürlichen Ressourcen ceteris paribus in dem Maße steigt, in dem die Produktion von Gütern gesteigert wird. Umgekehrt gilt, dass in dem Maße, indem den Unternehmungen aus umweltpolitischen gründen Auflagen gemacht werden und diese perfektioniert werden, das wirtschaftliche Wachstum eingeschränkt ist.

 

Die Politik hat deshalb die Aufgabe, für einen vernünftigen Kompromiss zwischen diesen beiden in einem Konfliktverhältnis zueinander stehenden Ziele zu sorgen. Wenn sich auch die einzelnen Parteien darin unterscheiden, bei welchem Verhältnis der Realisierung beider Ziele der Kompromiss gefunden wird, keine Partei, welche bei den nächsten Wahlen wiedergewählt werden will, kann es sich erlauben, auf eines dieser Ziele ganz zu verzichten. Man spricht deshalb auch nicht mehr von einem möglichst großen oder auch nicht von einem optimalen, sondern von einem angemessenen Wachstum, das auch die Umweltbelange gebührend mitberücksichtigt. Auch kann es nicht darum gehen, den höchstmöglichen Umweltstandard zu realisieren, sodass jede Verbesserung dieses Standards bereits als ein Wohlfahrtsgewinn angesehen werden kann. Auch hier spricht man von einem Umweltstandard, welcher die Güterproduktion und damit auch die Beschäftigung nicht ernsthaft gefährdet.

 

Nun gilt die These vom Konfliktverhältnis beider Ziele nur ceteris paribus. Es kommt immer auf die näheren Umstände an, wieweit beide Ziele realisiert werden können. Es wäre falsch zu unterstellen, dass das Ziel, eine ganz bestimmte jährliche Wachstumsrate des Inlandsprodukts zu erreichen, einen ganz bestimmten Verzicht der umweltpolitischen Ziele bedeuten würde, genauso wie es falsch wäre zu behaupten, dass die Durchsetzung eines bestimmten Umweltstandards auch eine ganz bestimmte Reduzierung der sonst möglichen Wachstumsrate des Inlandsproduktes zur Folge hätte. Es kommt deshalb im Rahmen der Wirtschaftspolitik nicht nur darauf an, welches Gewicht eine Partei bzw. Regierung beiden Zielen gibt, sondern  maßgeblich auch darauf, auf welchem Wege beide Ziele angegangen werden.

 

Im Rahmen der Wachstumspolitik gilt nämlich der Zusammenhang zwischen Größe des Inlandsproduktes und Umweltbelastung nur im Allgemeinen und im Durchschnitt der gesamten Produktion. Es gibt sehr wohl Verwendungsarten der knappen Ressourcen, bei denen die Inanspruchnahme knapper Ressourcen und die Zerstörung der Umwelt geringer ausfällt als bei anderen Verwendungsarten. Vergleichen wir hierzu z. B. die Produktion eines industriell angefertigten Gutes mit der Zurverfügungstellung einer Dienstleistung. Bei der Produktion eines Industriegutes werden im Allgemeinen Rohstoffe benötigt, aus denen das anzufertigende Produkt besteht, die Produktion erfordert weiterhin zumeist einen hohen Energie- und bisweilen auch Wasserverbrauch, während zur Erbringung einer Dienstleistung sowohl der Energieverbrauch wie die Inanspruchnahme sonstiger Rohstoffe gering ausfällt. Dies bedeutet, dass es stets auf die Zusammensetzung des Inlandsproduktes ankommt, wie hoch die Umweltbelastung ist, dadurch, dass der Anteil der Dienstleistungen auf Kosten der industriell oder handwerklich hergestellten Produkte erhöht wird, kann bei gleichem Inlandsprodukt die Umweltbelastung entscheidend verringert werden.

 

Im Rahmen der Umweltpolitik gilt es weiterhin zu berücksichtigen, dass die Inanspruchnahme der knappen Ressourcen entscheidend davon abhängt, ob Energierohstoffe oder zu verarbeitende Rohstoffe benötigt werden. Energierohstoffe zeichnen sich dadurch aus, dass sie bei der Produktion verbraucht werden, sie sind ein für alle mal verloren, können also nicht für weitere Produktionen zurückgeholt und eingesetzt werden. Die übrigen Rohstoffe werden in aller Regel bei der Produktion nur gebraucht, ihr Gehalt bleibt erhalten und wenn das Produkt ausgedient hat, also für den Konsum nicht mehr benötigt wird, besteht prinzipiell die Möglichkeit, diese Rohstoffe zurückzugewinnen und damit erneut in der Produktion einzusetzen. Man spricht hierbei von Recycling.

 

Das Ziel der Nachhaltigkeit verlangt somit recht unterschiedliche Strategien, je nachdem ob es sich um Nachhaltigkeit bei den Energierohstoffen oder den zu verarbeitenden Rohstoffen  handelt. Geht es um die Zurverfügungstellung von Energierohstoffen, dann verlangt das Ziel der Nachhaltigkeit in erster Linie, neue Energiequellen zu erschließen und diejenigen Infrastrukturinvestitionen durchzuführen, welche Voraussetzung dafür sind, dass Energie auch zu angemessenen, tragbaren Preisen angeboten werden kann.  Geht es hingegen um die Rohstoffe, welche nur gebraucht, also verarbeitet werden, ist es notwendig, Methoden der Wiedergewinnung zu entwickeln, welche es zu angemessenen Kosten ermöglichen, die Rohstoffe für eine erneute Produktion freizusetzen. Ist dies nicht möglich, können auch durch Einsatz chemischer Prozesse neue synthetisch hergestellte Rohstoffe entwickelt werden und auf diese Weise die Nachhaltigkeit ermöglichen.

 

Wirtschaftliches Wachstum wird nun in erster Linie durch technischen Fortschritt ermöglicht. Hierbei wird traditionell zwischen arbeitssparendem und kapitalsparendem Fortschritt unterschieden. Lässt sich aufgrund eines neuen technischen Verfahren die gleiche Gütermenge mit einem geringeren Arbeitseinsatz erreichen, sprechen wir von arbeitssparendem Fortschritt. Lässt sich jedoch die gleiche Gütermenge mit weniger Kapitaleinsatz erzielen, wird von kapitalsparendem Fortschritt gesprochen. Im Zusammenhang mit dem in diesem Artikel angesprochenen Zielkonflikt, ist es zweckmäßig, zusätzlich einen rohstoffsparenden technischen Fortschritt zu unterscheiden. Es ist klar, dass ein Wachstum, das vor allem durch eine Einsparung von Rohstoffen erreicht wurde, in viel geringerem Maße als üblich zu einem Konflikt zwischen Wachstum und Nachhaltigkeit führt.

 

Unser Problem wird dadurch noch verkompliziert, dass das Wachstumsziel nicht nur um seiner selbst Willen verfolgt wird, also angestrebt wird, weil mit dem Zuwachs der Wachstumsrate im Allgemeinen auch ein Mehr an Wohlfahrt verbunden ist, sondern auch deshalb, weil mit der Ausweitung der Produktion – bei gleicher Technik allerdings nur – auch eine Beschäftigungssteigerung erzielt werden kann. Aus diesen Gründen versuchen keynesianisch orientierte Politiker ein wirtschaftliches Wachstum zu forcieren, um auf diese Weise Arbeitslosigkeit abzubauen.

 

Es war nun Arthur M. Okun, ein der Keynesschule zugerechneter Wirtschaftswissenschaftler, welcher vermeinte, empirisch nachgewiesen zu haben, dass nur bei einem wirtschaftlichem Wachstum von circa 3 bis 4% überhaupt erst Vollbeschäftigung erreicht werden kann. Bei Gültigkeit dieses Okun‘sche Gesetz wäre der Zielkonflikt zwischen Wachstum und Nachhaltigkeit vorprogrammiert, da im Allgemeinen immer dann, wenn mehr Arbeitskräfte eingesetzt werden, auch der Bedarf an knappen Rohstoffen ansteigt.

 

Dieser Zielkonflikt wird nun dadurch noch verschärft, dass er nicht nur ein innerstaatliches Problem darstellt, sondern internationale Konflikte heraufbeschwört. Könnte dieser Konflikt auf die einzelnen Volkswirtschaften als nationales Problem beschränkt bleiben, so würde eine Lösung dieses Zielkonfliktes einfach dadurch erzielt werden können, dass sich eine Regierung zu einem Kompromiss zwischen diesen beiden Zielen durchringt, der von der Mehrheit der Wähler akzeptiert wird.

 

Sehr viel schwieriger lässt sich dieser Konflikt auf der internationalen Ebene lösen und zwar nicht nur deshalb, weil es keine Weltregierung gibt, welche einen solchen Kompromiss herbeiführen kann. Gehen wir einmal davon aus, dass wirtschaftliches Wachstum im Durchschnitt auf jeden Fall zu einer vermehrten Inanspruchnahme von knappen Rohstoffen führen wird. Wir müssen weiterhin davon ausgehen, dass die heutigen Entwicklungs- und Schwellenländer den Anspruch erheben, in gleicher Weise, wie dies die älteren Industrienationen Europas und Nordamerikas in der Vergangenheit getan haben, ebenfalls durch Industrialisierung ein vergleichbares Wohlfahrtsniveau zu erreichen. Die Realisierung dieser Zielsetzung führt auf jeden Fall zu einem immensen Verschleiß der knappen natürlichen Ressourcen. Dies bedeutet, dass das Ziel der Nachhaltigkeit schon allein aus diesen Gründen (dem Nachholbedarf der Entwicklungsländer) nur sehr schwer zu erreichen ist. Wenn nun auch die bereits hoch entwickelten Nationen bestrebt sind, auch ihr Wohlfahrtsniveau Jahr für Jahr über eine 3 bis 4 prozentige Wachstumsrate zu erhöhen, wird die Erreichung des Nachhaltigkeitszieles um ein weiteres erschwert.

 

Angesichts der beiden nun vorliegenden alarmierenden Berichten des Club of Rom, in denen die Grenzen des Wachstums aufgezeigt wurden, muss bezweifelt werden, ob überhaupt ein befriedigender Kompromiss zwischen Wachstum und Nachhaltigkeit erreicht werden kann, solange an der Vorstellung festgehalten wird, dass auch die hoch entwickelten Industrienationen das Ziel einer jährlichen Wachstumsrate von 3 bis 4 %verfolgen sollten. In Anbetracht dessen, dass das Wachstum keineswegs eine notwendige und ausreichende Voraussetzung zur Erreichung der Vollbeschäftigung darstellt, ist es in hohem Maße erwünscht, die anspruchsvollen Wachstumsziele aufzugeben und nach anderen Wegen Ausschau zu halten, um das Ziel der Vollbeschäftigung zu erreichen.

 

 

2. Extensives versus intensives Wachstum

 

Beginnen wir unsere Analyse damit, dass wir den Begriff des wirtschaftlichen Wachstums und die Zielsetzung einer Wachstumsrate näher zu bestimmen versuchen. Ausgangspunkt ist die Definition des realen Inlandsprodukts. Unter diesem Begriff versteht man die gesamte innerhalb einer Volkswirtschaft in einer Periode produzierte Gütermenge einschließlich der Dienstleistungen. Man multipliziert hierzu für jedes einzelne Gut die produzierte Menge mit dem erzielten Preis, zählt diese Wertsummen zusammen und dividiert das so gebildete Inlandsprodukt durch das Preisniveau und erhält das reale Inlandsprodukt. Die Wachstumsrate gibt dann an, um wie viel Prozent dieses reale Inlandsprodukt jeweils gestiegen ist. Da ein Zuwachs des Inlandsproduktes auch allein aufgrund von allgemeinen Preissteigerungen erreicht werden kann und da eine bloße Steigerung des Inlandsprodukts aufgrund von Preissteigerungen keinen echten Wohlfahrtsgewinn widerspiegelt, ist es notwendig vom realen und nicht einfach vom nominellen Inlandsprodukt auszugehen

 

Wichtig ist in unserem Zusammenhang die Unterscheidung zwischen extensivem und intensivem Wachstum. Während beim extensiven Wachstum die jährliche Steigerung des realen Inlandsprodukts gemessen wird, gewinnt man einen Maßstab für das intensive Wachstum dadurch, dass man das reale Inlandsprodukt entweder durch die Zahl der Wirtschaftssubjekte des betreffenden Landes oder auch durch die Zahl der beschäftigten Arbeitnehmer dividiert. Im ersteren Falle misst man die Wohlfahrtssteigerung daran, ob sich die Durchschnittseinkommen der Bürger eines Landes vergrößern. Im letzteren Falle fragt man nach der Produktivkraft der einzelnen Faktoren und geht davon aus, dass eine Steigerung der Produktivität der Produktionsfaktoren Voraussetzung für eine Wohlfahrtssteigerung bedeutet.

 

Wenn man das Wachstum des realen Inlandsprodukts als Wohlfahrtsindikator ansieht, dann bringt lediglich das intensive und nicht auch schon das extensive Wachstum einen Maßstab für die Wohlfahrtssteigerung. Das reale Inlandsprodukt kann ja allein deshalb steigen, weil die Zahl der Wirtschaftssubjekte angestiegen ist. In diesem Falle erfahren jedoch die Bürger einer Volkswirtschaft auch keine Steigerung ihrer Wohlfahrt. Es wurde nur mehr als bisher produziert, weil nun die Produktion auf eine größere Anzahl von Konsumenten aufgeteilt werden muss.

 

Wenn wir allerdings mit dem Wachstumsbegriff das Ziel verbinden, auf diese Weise die Beschäftigung zu steigern und damit die Arbeitslosigkeit zu vermindern, dann müssen wir uns umgekehrt auf das extensive Wachstum beziehen. Das Pro-Kopf-Einkommen kann ja steigen, ohne dass auch die Beschäftigung ebenfalls ansteigt. Dies ist z. B. immer dann der Fall, wenn aufgrund einer Steigerung der Produktivität jeder Arbeitnehmer im Durchschnitt mehr Güter produziert als bisher.

 

Ob eine Zunahme des Pro-Kopf-Einkommens mit einer Steigerung oder aber auch Verringerung der Beschäftigung verbunden ist, hängt entscheidend von der Art des technischen Fortschrittes ab, der für den Anstieg im Pro-Kopf-Einkommen verantwortlich ist. R. F. Harrod hatte den Begriff des neutralen technischen Fortschrittes geprägt, bei dem sich die technischen Verbesserungen bei allen Faktoren gleichmäßig auswirken, es wird also zur Produktion einer Produktionseinheit von allen Faktoren in gleichem Maße weniger verbraucht, während beim arbeitssparenden technischen Fortschritt in erster Linie, aber nicht ausschließlich Arbeitseinheiten eingespart werden und beim kapitalsparenden Fortschritt insbesondere, aber wiederum nicht ausschließlich Kapital pro Produktionseinheit weniger benötigt wird.

 

Harrod ging davon aus, dass a priori nichts darüber ausgesagt werden kann, welche Art des technischen Fortschritts sich durchsetzt. Es sei zwar durchaus möglich, dass in bestimmten Zeiten technischer Fortschritt tatsächlich dazu führt, dass per Saldo Arbeitskräfte eingespart werden, aber auch das Gegenteil ist denkbar. Gerade deshalb, weil über die Richtung des technischen Fortschritts nichts Eindeutiges gesagt werden kann, ging Harrod in seinen wachstumstheoretischen Analysen von einem neutralen technischen Fortschritt aus, da arbeitssparender und kapitalsparender Fortschritt gleichwahrscheinlich seien.

 

Im weiteren Verlauf der Entwicklung der Wachstumstheorie wurde der Begriff des technischen Fortschrittes präzisiert. Während Harrod dann von neutralem technischen Fortschritt sprach, wenn bei gleichbleibendem Zinssatz der Kapitalkoeffizient (K/Y) konstant bleibt, hatte John Richard Hicks von neutralem Fortschritt dann gesprochen, wenn bei konstant bleibendem Lohn-/Zinsverhältnis das Einsatzverhältnis Kapital zu Arbeit (K/A) unverändert bleibt. Robert Merton Solow hatte einen dritten möglichen Begriff des neutralen Fortschrittes hinzugefügt: Neutral ist der technische Fortschritt dann, wenn bei konstantem Lohnsatz der Arbeitskoeffizient (A/Y) unverändert bleibt. 

 

Unabhängig von der Art des technischen Fortschrittes und der Definition des neutralen Fortschrittes werden somit in aller Regel Arbeitseinheiten zur Produktion einer Gütereinheit in geringerem Maße als bisher benötigt, sodass bei unverändertem Inlandsprodukt im Allgemeinen die Arbeitslosigkeit partiell steigt. Allerdings wird dieser partielle Freisetzungseffekt zumindest zum Teil dadurch wiederum kompensiert, dass techni­scher Fortschritt nahezu immer Investitionen voraussetzt und dass diese autonomen Nachfrage­steigerungen die Beschäftigung partiell auch wiederum ansteigen lassen. Es hängt dann in der Tat von einer Reihe von Umständen wie etwa der Größe des Multiplikatoreffektes ab, welcher Effekt per Saldo überwiegt.

 

Erich Streißler vertrat die These, dass der technische Fortschritt langfristig kapitalsparend und nicht arbeitssparend gewesen sei, arbeitssparend wäre nur der relativ kleine Teil der Investitionen in Maschinen gewesen; langfristig wirkten sich jedoch die kapitalsparenden Effekte bei den Lagerin­vestitionen aus, die selbst wiederum durch den technischen Fortschritt im Transportwesen möglich geworden seien.

 

Trotzdem mag es richtig sein, dass in den beiden letzten Jahrzehnten der technische Fortschritt vorwiegend arbeitssparend ausgefallen ist. Dieser Bias erklärt sich jedoch nicht daraus, dass diese Entwicklung technisch eindeutig und unveränderlich vorgegeben ist, sie ist vielmehr Ergebnis einer ganz bestimmten Entwicklung in den Lohn-Zins-Verhältnissen. Je höher das Lohn-Zins-Verhältnis ist, umso mehr lohnt sich für die Unternehmungen die Steigerung der Kapitalintensität und die Einführung arbeitssparenden technischen Fortschritts.

 

Die Zunahme des Lohn-Zinsverhältnisses wurde selbst wiederum ausgelöst einmal durch eine expansive Lohnpolitik der Arbeitnehmer, insbesondere im unteren Lohnbereich, sowie durch eine keynesianische Politik des billigen Geldes. Steigt der Lohnsatz und sinkt gleichzeitig der Zinssatz, so steigt das Lohn-Zins-Verhältnis besonders stark, da hier sowohl der Lohnsatz steigt als auch der Zinssatz sinkt.

 

Nicholas Kaldor ging in seiner Wachstumstheorie sogar noch einen Schritt weiter, in dem er nachzuweisen versuchte, dass wachstumsimmanente Kräfte am Werke seien, die den Wachstumspfad langfristig immer wieder auf einen neutralen Fortschritt drängen. Immer dann, wenn der tatsächliche Wachstumspfad vom Pfad eines neutralen technischen Fortschrittes in Richtung arbeitssparenden Fortschritt abweiche, sinke mit der Nachfrage nach Arbeit der Lohnsatz und dies wiederum veranlasse die Unternehmer, stärker nach kapitalsparenden, arbeitsverbrauchenden Innovationen Ausschau zu halten.

 

Wir wollen also festhalten, dass ein intensives Wachstum keinesfalls immer auch beschäftigungssteigernde Effekte nachsichzieht, in gewissen Fällen wird gerade die Beschäftigung mit der Steigerung des Wachstums sinken. Welcher dieser beiden Fälle zu erwarten ist, hängt von einer Vielzahl technischer Parameter ab und vor allem auch davon, inwieweit das Lohnzinsverhältnis den Knappheitsrelationen von Kapital und Arbeit entspricht. Wir sehen also, dass man nicht generell davon ausgehen kann, dass eine Steigerung des wirtschaftlichen Wachstums automatisch auch eine Steigerung der Beschäftigung zur Folge hat und damit ein Garant für Vollbeschäftigung ist.

 

 

3. Wachstum in der klassischen Wirtschaftstheorie

 

Diese Wachstumsbesessenheit, welche sich heutzutage bei manchen Politikern und in der öffentlichen Meinung feststellen lässt, findet sich bei den Klassikern der Wirtschaftstheorie noch nicht. Adam Smith, der Begründer der modernen Wirtschaftstheorie war zwar der Überzeugung, dass das Zulassen eines freien Handels in der Binnen- und Außenwirtschaft zu einer enormen Steigerung der materiellen Wohlfahrt der Bevölkerung führe und dass die allgemeine Produktivität vor allem auf dem Wege der Arbeitsteilung erhöht werden könne, aber sicherlich dachte Adam Smith nicht daran, dass in der gesamten Wirtschaft Jahr für Jahr eine Steigerung der gesamten Produktion in dem Umfang stattfinden werde, dass die Einkommen der Arbeitnehmer stets um einige Prozent gesteigert werden könnten.

 

Es war vor allem David Ricardo, einer der Hauptvertreter der klassischen Wirtschaftstheorie neben Adam Smith, welcher in dieser Frage eines möglichen Wirtschaftswachstums eher eine pessimistische Sicht vertreten hatte. Ricardo übernahm das von Robert Malthus entwickelte Theorem, wonach die Bevölkerung die Tendenz habe, sich im Sinne einer geometrischen Reihe (1,2,4,8…), der Nahrungsspielraum hingegen nur im Sinne einer arithmetischen  Reihe (1,2,3,4) zu vermehren.  Es sei also mit anderen Worten der zu enge Nahrungsspielraum, der letzten Endes das Wachstum der Bevölkerung begrenze.

 

Zunächst wird im Rahmen der von David Ricardo entwickelten dynamischen Theorie davon ausgegangen, dass noch genügend Böden bester Qualität vorhanden sind, sodass sich auch die Bevölkerung im Sinne einer geometrischen Reihe, also sehr schnell vermehren kann. Aufgrund des starken Wachstums der Bevölkerung werden die Böden bester Qualität allmählich knapp, zur Befriedigung des Nahrungsbedarfes müssen nun auch Böden minderer Qualität bebaut werden.

 

Auf den Märkten für die Bodenprodukte (Nahrungsmittel) wird nun für die gleiche Qualität der Produkte ein einheitlicher Preis erzielt, unabhängig davon, ob diese Produkte auf den qualitativ besten Böden oder auf Böden minderer Qualität angebaut wurden. Da der Preis der Produkte, die auf dem Boden mit der geringsten Qualität angebaut wurden, aber mindestens die hierbei entstandenen Produktionskosten decken muss, damit diese Böden minderer Qualität auch tatsächlich bebaut werden, erzielen die Besitzer der qualitativ besseren Böden eine Rente. Sie haben für das gleiche Produkt geringere Kosten aufzubringen als die Besitzer der weniger qualitativen Produkte, sie erzielen aber den gleichen Preis mit der Folge, dass sie in Höhe der Differenz der Produktionskosten eine Rente erzielen.

 

Wächst nun die Bevölkerung und ist es deshalb notwendig, dass zur Abdeckung des Nahrungsbedarfes immer mehr Böden minderer Qualität bebaut werden müssen, so steigt automatisch die Bodenrente, welche den Besitzern der besseren Böden zufließt. Dies bedeutet aber auch, dass ein immer größerer Anteil des erzeugten Gesamtwertes an die Bodenbesitzer in Form einer steigenden Rente zufließt.

 

Diese Entwicklung einer Volkswirtschaft lässt sich nun anhand folgender Grafik darstellen.

 

 

Wir wollen auf der Abszisse die Bevölkerungsgröße und davon abgeleitet auch die Zahl der in der Landwirtschaft beschäftigten Arbeiter abtragen, auf der Ordinate hingegen tragen wir den Grenzertrag des Bodens ab.

 

Wir gehen aus von einem Zeitpunkt, in welchem die Bevölkerungsgröße noch relativ gering war und beispielsweise der Größe B1 entsprach. Es konnten noch aufgrund der geringeren Bevölkerung nur die qualitativ besten Böden bebaut werden, mit der Folge, dass deshalb auch nur eine geringe Rente erzielt wurde, die Qualität der bebauten Böden wies noch keine beachtlichen Unterschiede auf.

 

Die Fläche, die unterhalb der Trennungslinie für die Rente liegt, stellt den Gesamtertrag der Produktion abzüglich der Rentensumme dar. In diese verbleibende Summe teilen sich nun Unternehmer und Kapitalgeber auf der einen Seite und die Arbeiter auf der anderen Seite. Die Lohnsumme entspricht hierbei dem Produkt aus Anzahl der in der Landwirtschaft beschäftigten Arbeitnehmer multipliziert mit dem vorherrschenden Lohnsatz, der in etwa dem Existenzminimum entspricht. Es kann durchaus auch eingeräumt werden, dass der aktuelle Lohnsatz auch über dem Existenzminimum liegt. Auf der eine Seite haben die Unternehmer eine relativ große Gewinnspanne, die es ihnen erlaubt, die Löhne anzuheben; auf der anderen Seite kann durchaus mit der Möglichkeit gerechnet werden, dass sich die Unternehmer wegen einer Knappheit an Arbeitskräften gezwungen sehen, mehr als das Existenzminimum als Lohn zu gewähren, um überhaupt ausreichend Arbeitskräfte einstellen zu können. Halten wir fest, dass in diesem Ausgangspunkt der Entwicklung der Gewinn, die Profitrate noch relativ groß ist.

 

Wir wollen nun unterstellen, dass die Bevölkerung weiter wächst (entsprechend dem von Robert Malthus prognostizierten geometrischen Wachstum) und dass deshalb immer mehr qualitativ schlechtere Böden zusätzlich zur Bebauung herangezogen werden müssen. Da der Preis der Bodenprodukte mindestens die Stückkosten decken muss, welche auf dem qualitativ schlechtesten Boden entstehen, ergibt sich eine immer größer werdende Rentensumme, die den Besitzern der qualitativ besseren Böden zufällt. Von der Gesamtpro­duktion, der Gesamtfläche unterhalb der Grenzertragskurve bleibt für Gewinn und Lohn immer weniger übrig; und dies bedeutet, dass insbesondere die Profitrate sinkt, da der Lohn ohnehin weitgehend dem Existenzminimum entspricht und gerade aus diesen Gründen nicht weiter reduziert werden kann:

 

 

 

Nun wollen wir uns fragen, ob es in dieser wirtschaftlichen Entwicklung einen Endpunkt gibt, in dem das Wachstum beendet wird und in der Folge in einem stationären Zustand verharrt. Die Graphik zeigt, dass dann, wenn die Bevölkerung die Größe B3 angenommen hat, die wirtschaftliche Entwicklung ausläuft. Die Profitrate ist auf null gesunken, die Rentner und die Arbeiter teilen sich in das Gesamtprodukt, wobei der Lohnsatz nach wie vor nur dem Existenzminimum entspricht. Unternehmer und Kapitalgeber haben keinen Anreiz, die Produktion auszudehnen, sodass dann entsprechend der pessimistischen Bevölkerungslehre von Robert Malthus die Bevölkerungsexpansion nur durch Hungersnöte oder Krieg gestoppt werden kann.

 

 

 Dieses Modell zeigt, dass in der klassischen Welt eines David Ricardo lediglich zu Beginn der Entwicklung die Bevölkerung sowie die Renten der Bodenbesitzer eine positive Wachstumsrate aufweisen. Die Lohneinkommen stagnieren weitgehend, während die Profitrate der Unternehmer sinkt. Aber weder die Bevölkerung noch das Renteneinkommen steigen permanent, die Volkswirtschaft steuert auf einen Stagnationszustand zu, bei dem weder die Bevölkerung noch die Renteneinkommen weiter steigen können.

 

 

4. Das Okun‘sche Gesetz

 

Wir hatten bereits erwähnt: Das Wachstumsziel konnte vor allem deshalb diese hohe Priorität erlangen, weil die Vorstellung vorherrschte, dass das Ziel der Vollbeschäftigung nur bei hohem wirtschaftlichem Wachstum erreicht werden könnte. Ging es im Rahmen der Wachstumspolitik lediglich darum, sicherzustellen, dass das Wohlfahrtsniveau der Bevölkerung stetig steigt, hätte das Ziel der Nachhaltigkeit durchaus vor das Ziel eines Wachstums des Inlandsproduktes gestellt werden können. Dies wäre vor allem deshalb möglich geworden, weil wir im Allgemeinen vom ersten Gossen’schen Gesetz ausgehen. Danach führt ein Anstieg im Einkommen zwar zu einer Nutzensteigerung, dieser Nutzenzuwachs sinkt jedoch mit jeder Steigerung des Einkommens.

 

Geht man jedoch von der These aus, dass ein hohes Wachstum unerlässlich ist, um die Arbeitslosigkeit zu beseitigen, ist es durchaus verständlich, dass die Politiker dem Wachstumsziel den Vorrang vor dem Ziel der Nachhaltigkeit eingeräumt haben. Danach kommt es zunächst darauf an, dass die wirtschaftliche Existenz der heutigen Generation gesichert ist, erst dann, wenn dieses Ziel einigermaßen erreicht ist, kann das weitere Ziel in Angriff genommen werden, auch für die Wohlfahrt der zukünftigen Generationen zu sorgen.

 

Die Verbindung des Wachstumsniveaus mit der Beschäftigung spielt nun im Rahmen der Keynes’schen Lehre eine besondere Rolle. Obwohl bei Keynes selbst Wachstumsziele noch nicht im Zentrum seiner Grundthesen stehen, ist eine ausreichende Nachfrage nach Gütern und damit natürlich auch eine ausreichende Produktion Voraussetzung dafür, dass Vollbeschäftigung erreicht werden kann. Aber bei Keynes selbst hat es noch den Anschein, als würde es zur Erreichung von Vollbeschäftigung ausreichen, dass die Nachfrage und Produktion auf  einem hohen Niveau gehalten werde, ohne dass aber die Produktion Jahr für Jahr ansteigen müsse.

 

Es war dann vor allem Harrod, welcher die Wachstumsproblematik innerhalb der Keynes’schule in den Mittelpunkt seiner Überlegungen stellte. Im Rahmen seiner ‚Dynamischen Theorie‘ stellte er die Frage nach den Bestimmungsgründen eines Wachstums in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen und in seiner Theorie auf des Messers Schneide äußerte er die Befürchtung, dass die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sehr leicht dazu führen können, dass auch langfristig eine Abwärtsbewegung eintreten kann, die auf Dauer zu Massenarbeitslosigkeit führen kann. Es bedürfe also einer aktiven Politik, um diese Gefahren zu verhindern. Da entsprechend der Wachstumstheorie von Harrod und Domar ein gleichgewichtiges Wachstum nur erreicht werden kann, wenn die Wachstumsrate (dY/Y) dem Verhältnis (s/k), also der Sparquote dividiert durch den Kapitalkoeffizienten entspricht, setzt ein langfristiges Gleichgewicht eine relativ hohe Wachstumsrate voraus. Diese beträgt z. B. bei einer Sparquote von 25% und einem Kapitalkoeffizienten von 4 immerhin etwas mehr als 6% Wachstum pro Jahr!

 

Diese Forderung nach hohen Wachstumsraten bekam dann durch die Thesen von Alvin Hansen neue Nahrung. Während Keynes selbst Arbeitslosigkeit vorwiegend als ein Problem der konjunkturellen Abschwungsphasen ansah, verbreitete Hansen die These, dass auch die Gefahr einer säkularen, also lang anhaltenden Stagnation bestehe. Die Weiterentwicklung der industriellen Gesellschaft habe nämlich dazu geführt, dass die Bevölkerung stagniere oder sogar schrumpfe. Diese Tatsache führe jedoch dazu, dass die Unternehmungen immer weniger Erweiterungsinvestitionen durchführten, da ja keine neuen zusätzlichen Arbeitsplätze benötigt würden und dass darüber hinaus auch der Bedarf an neuen Wohnungen stagniere. Damit entfiele aber der wichtigste Anreiz für Neuinvestitionen mit der Folge, dass das Investitionsvolumen nicht mehr ausreiche, um Vollbeschäftigung zu garantieren. Der Staat habe deshalb die Aufgabe, durch eine aktive Wachstumspolitik eine Steigerung der Investitionen herbeizuführen, um auf diesem Wege Vollbeschäftigung zu garantieren.

 

Die eigentliche Begründung dafür, dass es eines starken wirtschaftlichen Wachstums bedürfe, um Vollbeschäftigung zu garantieren, lieferte jedoch Okun mit dem nach ihm benannten Okun’schen Gesetz. Das von Okun formulierte Gesetz besagt, dass die Arbeitslosenquote erst ab einer kritischen Wachstumsrate, der sogenannten Beschäftigungsschwelle abgebaut wird. Liegt die tatsächliche Wachstumsrate des Inlandsproduktes unterhalb dieser Schwelle, muss sogar damit gerechnet werden, dass die Arbeitslosenquote steigt.

 

Arthur M. Okun war amerikanischer Ökonom und Keynesianer, lebte von 1928 – 1980 und befasste sich unter anderem mit Ursachen der Armut und mit den Mechanismen, welche zwischen Inlandsprodukt und Beschäftigung bestehen.

 

Das nach ihm benannte Gesetz beruht auf empirischen Untersuchungen, welche Okun für den Zeitraum 1954 bis 1962 für die USA durchgeführt hat und welche die in dem Okun’schen Gesetz behauptete Beziehung zwischen Wachstumsrate des Inlandsproduktes und Arbeitslosenrate aufzeigte.

 

In der Zwischenzeit wurden die Beziehungen zwischen Wachstumsrate und Arbeitslosenrate empirisch in weiteren Ländern überprüft, diese Untersuchungen kamen zu dem Ergebnis, dass zwar gewisse Beziehungen zwischen beiden Variablen festgestellt werden konnten, dass aber die kritische Schwelle für das Umkippen der Arbeitslosenrate in den untersuchten Ländern bei sehr unterschiedlichen Werten lag.

 

Auch dann, wenn das Okun’sche Gesetz in die Literatur einging, gibt es bei einer Reihe von Ökonomen wie z. B. bei Rudiger Dornbusch und Stanley Fischer erhebliche Zweifel, ob man hier wirklich bereits von einem Gesetz sprechen könne, schließlich wiesen die empirischen Zusammenhänge ein großes Maß an Unsicherheit auf. Die Werte der einzelnen Parameter würden im Verlauf der Jahre schwanken und die Relationen seien auch teilweise instabil. Auch wurde das Wachstum der Produktion nur durch Schätzungen bestimmt.

 

Wir wollen uns nun der Frage zuwenden, ob das Okun’sche Gesetz vielleicht einfach eine Folge des ‚Arbeitskräftehortens‘ seitens der Unternehmungen ist. Unter ‚Arbeitskräftehortens‘ verstehen wir die Tatsache, dass Unternehmungen in Zeiten des Konjunkturrückganges die für die Produktion nicht mehr benötigten Arbeitnehmer nicht entlassen, sondern weiterbeschäftigen.

 

Zwei Tatbestände sind für ein solches Verhalten verantwortlich. Erstens lohnt es sich für Unternehmungen, Facharbeitskräfte während der Rezession nicht zu entlassen. Zwar entstehen hierdurch an und für sich nicht notwendige Kosten, da ja die Löhne und die Arbeitgeberbeiträge zur Sozialversicherung weiter bezahlt werden müssen, obwohl diese Arbeitskräfte während dieser Zeit nicht produktiv eingesetzt werden können.

 

Würden jedoch die Unternehmungen ihre Facharbeitskräfte bei Beginn der Rezession entlassen, müssten sie beim nächsten Konjunkturaufschwung zusätzliche Kosten zur Anwerbung und zur Ausbildung aufbringen und diese Kosten können so hoch ausfallen, dass sie immer noch höher sind als die Lohnkosten bei der Weiterbeschäftigung dieser Facharbeitskräfte. Dies gilt vor allem deshalb, weil einer Unternehmung in den ersten Jahren der Beschäftigung eines neu eingestellten Facharbeitnehmers höhere Kosten entstehen als die Beschäftigung dieser Arbeitnehmer an Ertragszuwächsen bringt. Die Neueinstellung und Anlernung eines Facharbeitnehmers stellt eine Investition dar, welche sich erst nach einigen Jahren für die Unternehmung ausbezahlt.

 

Zweitens kann auch ein rigoroser Kündigungsschutz dazu beitragen, dass Unternehmungen Arbeitnehmer in Zeiten der Rezession nicht entlassen. Von einem rigorosen Kündigungsschutz sprechen wir immer dann, wenn aufgrund dieser Bestimmungen auch dann nicht Entlassungen möglich sind, wenn Arbeitskräfte wegen Rückgangs des Absatzes zur Produktion gar nicht benötigt werden. In einem solchen Fall steht eine Unternehmung vor der Notwendigkeit, wegen des Kündigungsschutzes Arbeitnehmer nicht zu entlassen, obwohl diese zur Produktion nicht benötigt werden und deshalb zusätzliche Lohnkosten aufzubringen. Auch hier gilt natürlich, dass für fast alle Arbeitskräfte bei einer Neueinstellung zusätzliche Anwerb- und Ausbildungskosten entstehen, sodass die Weiterbeschäftigung von Arbeitnehmern immer noch die kostengünstigere Alternative darstellt.

 

Besteht nun ein rigoroser Kündigungsschutz, so wird ein Unternehmer zu Beginn des Aufschwungs nur dann neue Arbeitskräfte einstellen, wenn er damit rechnen kann, dass der Konjunkturaufschwung bereits begonnen hat. Wir müssen uns darüber klar sein, dass aus der Sicht einer Unternehmung am Ende einer Rezession nicht klar ist, ob neue Aufträge einmaliger Natur sind oder die Umkehr in der Konjunkturbewegung und damit den Aufschwung einleiten.

 

In einer solchen Situation wird eine Unternehmung bemüht sein, zusätzliche Aufträge mit Überstunden der bereits beschäftigten Belegschaft durchzuführen und eventuell sogar dann, wenn eine solche Strategie nicht möglich ist, auf den Auftrag ganz verzichten.

 

Eine solche Situation führt dann dazu, dass der Konjunkturaufschwung verzögert wird und erst später beginnt als dann, wenn kein solcher rigoroser Kündigungsschutz bestehen würde. Auf jeden Fall trägt das Arbeiterhorten dazu bei, dass der Arbeitsmarkt hinter der konjunkturellen Entwicklung der Gütermärkte hinterherhinkt.

 

Man könnte nun versucht sein, in diesem Phänomen eine Bestätigung und Begründung des Okun’schen Gesetzes zu sehen. In der Tat reicht ein geringer Aufschwung, also eine geringe Wachstumsrate nicht aus, um neue Arbeitskräfte einzustellen und damit die Arbeitslosenzahl zu verringern. Erst wenn der Aufschwung voll im Gange ist, also die Wachstumsrate eine kritische Höhe überschritten hat, beginnen die Unternehmungen, neue Arbeitskräfte einzustellen.

 

Ein näheres Eingehen auf diese Zusammenhänge zeigt jedoch, dass mit der Tatsache des Arbeiterhortens allein das Okun’sche Gesetz nicht erklärt werden kann. Sobald nämlich die Unternehmungen mit der Neueinstellung von Arbeitnehmern begonnen haben, gibt es keinen Grund mehr, dass auch in Zukunft die Wachstumsrate weiter bestehen muss, um zu verhindern, dass die Zahl der Arbeitslosen wieder ansteigt. Auch dann, wenn das Inlandsprodukt in den zukünftigen Perioden konstant bliebe, also die Wachstumsrate null würde und auf jeden Fall unter der kritischen Beschäftigungsschwelle liegen würde, gäbe es ohne weitere zusätzliche Bedingungen keinen Grund dafür, dass die erreichte Beschäftigung nicht aufrechterhalten werden könnte. Nach traditionellem Verständnis würden Entlassungen erst dann wiederum zu befürchten sein, wenn die Konjunktur erneut einbricht.

 

 

Fortsetzung folgt!