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Der Methodenstreit innerhalb der Wirtschaftswissenschaften

 

 

1. Einführung

2. Historische Betrachtung  versus abstrakte Theorie

3. Max Webers Forderung nach wertfreier Wissenschaft

4. Theorie im Sinne von Denkmodellen oder Hypothesen

5. Unterschiedliche Denkebenen

6. Definitionen und Denkmodelle

7. Faktenzusammenhänge

8. Das Werturteilsproblem

 

 

1. Einführung

 

In der Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen hat der Streit um die richtige wissenschaftliche Methode eine entscheidende Rolle gespielt. Zwar wird sich der Laie in erster Linie für die Ergebnisse einer Wissenschaft interessieren und den Methodenstreit gerne den Wissenschaftlern überlassen. Der Methodenstreit ist trotzdem von Bedeutung, da über die Wahl der Methode die Ergebnisse einer Wissenschaft beeinflusst werden können.

 

Um welche Streitpunkte ging es? Drei Fragen lassen sich unterscheiden.

 

Frage Nr. 1: Welche Bedeutung kommt der historischen Entwicklung für die Erklärung der heutigen wirtschaftlichen Probleme zu? Gibt es im Bereich der Wirtschaftswissenschaften überhaupt zeitlos gültige Gesetze?

 

Frage Nr. 2: Beschränkt sich die Wirtschaftswissenschaft darauf, Sachzusammenhänge aufzudecken oder kann der Wirtschaftswissenschaftler – ohne seine eigenen Grenzen zu überschreiten – wirtschafts- und gesellschaftspolitische Forderungen abschließend bewerten?

 

Frage Nr. 3: Befasst sich die Wirtschaftswissenschaft allein mit dem systematischen Durchleuchten und Ordnen vorgegebener Fakten, oder bemüht sich diese Wissenschaft darüber hinaus darum, neue Faktenzusammenhänge aufzufinden, mit anderen Worten: Will die Wirtschaftswissenschaft mehr sein als bloße Denktechnik?

 

 

2. Historische Betrachtung  versus abstrakte Theorie

 

Unsere erste Frage stand in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Mittelpunkt eines Streites zwischen den Anhängern der reinen Theorie und den Verfechtern der historischen Methode. Die reine Theorie wurde vor allem von Carl Menger, die historische Methode insbesondere von Gustav von Schmoller verteidigt. Die historische Schule kritisierte die Verfahrensweise der klassischen Theorie. Man warf den Klassikern der Wirtschaftstheorie vor, sie hätten bestimmte Gesetzmäßigkeiten voreilig verallgemeinert.

 

Gesetze, die für eine hochentwickelte Industrie- und Handelsnation wie das damalige England gälten, dürften keinesfalls ungesehen auf Länder übertragen werden, die – wie die damaligen übrigen europäischen Staaten – erst in der Anfangsphase einer industriellen Entwicklung stünden. Diese Verallgemeinerungen seien unzulässig, da die sozialen Gesetze im Gegensatz zu Naturgesetzen einem historischen Wandel unterworfen seien.

 

Man könne den Wirtschaftsablauf einer Nation nur dann voll verstehen, wenn man sich zuvor darüber klar geworden sei, wie sich der Wirtschaftsprozess historisch entwickelt habe und auf welcher Entwicklungsstufe sich eine Nation befinde. Demgegenüber vertrat Carl Menger die Ansicht, die Frage nach den Entwicklungsgesetzen sei zweitrangiger Natur, es komme in der Nationalökonomie primär auf die generellen Erscheinungsformen der Wirtschaft an und diese könnten nur mit einer allgemeinen Theorie, nicht durch historische Forschung allein erkannt werden. Carl Menger leugnete allerdings nicht den Wert der historischen Disziplinen als Hilfswissenschaft für die Nationalökonomie.

 

Walter Eucken nahm in dieser Frage eine Zwischenposition ein. Jede konkrete Handlung und jede einzelne Ordnung sei einmalig, trotzdem könne sie auf einige wenige Grundelemente zurückgeführt werden, die mit allgemein gültigen Theorien erklärt werden könnten. Zur Erklärung konkreter Tatbestände bedürfe man also auf der einen Seite der Kenntnis der historischen Fakten, also der Beantwortung der Frage, welche konkreten Formen die zu analysierenden Märkte besitzen. Diese Fakten können sich sehr wohl im Zeitablauf verändern. Seien jedoch die konkreten Fakten bekannt, könne nur aufgrund einer allgemeinen Theorie abgeleitet werden, wie sich die einzelnen Variablen verändern.

 

Wenn man diesen Streit über die richtige anzuwendende Methode heutzutage bewerten will, muss man sich zunächst darüber klar werden, dass auch in den Naturwissenschaften sehr unterschiedliche Methoden angewandt werden. Es gibt die reinen Wissenschaften wie z. B. Teile der Physik (vor allem die Mechanik), die sich vorwiegend mit immer gültigen Faktenzusammenhängen befassen und andere Wissenschaften wie z. B. die Medizin, aber auch schon die Meteorologie, bei denen die Aussagen sehr wohl von einer Vielzahl von historischen Merkmalen abhängen.

 

Es gibt also ein ganzes Spektrum von Betrachtungsweisen, wobei sich die Mechanik dadurch auszeichnet, dass sie fast ausschließlich in Form allgemeingültiger Aussagen formuliert werden kann. Am anderen Ende dieses Spektrums befinden sich dann Wissenschaften wie die Sozialwissenschaften, deren Gesetzmäßigkeiten nur für bestimmte historische Gegebenheiten formuliert werden können. Aber auch ein Teil der Naturwissenschaften ist in diesem anderen Ende dieses Spektrums angesiedelt. So zeigt die Geschichte der Erde, dass sich hier durchaus  – teilweise aufgrund von Maßnahmen, die der Mensch selbst hervorgerufen hat – Veränderungen größten Umfanges einstellen.

 

Wenn man sich danach fragt, von welchen Gegebenheiten es denn abhängt, inwieweit die Aussagen einer Theorie nur für bestimmte historische Perioden Geltung besitzen, so stößt man vor allem auf den Komplexitätsgrad der zu untersuchenden Objekte. Die Gesetze der Mechanik sind nur deshalb so eindeutig und allgemein gültig, da sie einen extrem geringen Komplexitätsgrad aufweisen.

 

Andere Wissenschaften wie z. B. die Chemie bauen zwar auf diesen allgemeinen Gesetzmäßigkeiten der Mechanik auf, sind jedoch weit komplexer und Aussagen können dann nur noch für bestimmte historische Einmaligkeiten formuliert werden. Der Komplexitätsgrad der Chemie ist seinerseits relativ gering im Vergleich zu Wissenschaften, die sich – wie die Medizin – mit dem Menschen befassen, wobei sich fast jeder Mensch (vielleicht mit Ausnahme eineiiger Zwillinge) vom andern unterscheidet, sodass nicht alles, was für den einen Menschen gilt, unbedingt auch für einen anderen gelten muss. Die Sozialwissenschaften weisen dann einen noch höheren Komplexitätsgrad auf.

 

Je komplexer ein Gebilde ist, umso geringer ist es möglich, alle Beziehungen exakt zu erfassen, bestimmte Aussagen treffen dann nur noch mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit zu. Diese Unbestimmtheit gilt übrigens auch für den subatomaren Bereich; auch hier sind Aussagen nur noch mit einem Wahrscheinlichkeitswert möglich, allerdings nicht so sehr wegen der Komplexität dieser Phänomene, sondern einfach deshalb, weil diese Teilchen mit unseren Erfassungsmethoden nicht mehr erkannt werden können.

 

Jede wissenschaftliche Aussage über Faktenzusammenhänge lässt sich in eine Wenn-dann-Behauptung kleiden. Wenn bestimmte Gegebenheiten vorliegen, dann ist mit bestimmten Wirkungen zu rechnen. Der ’Wenn-Teil’ dieser Behauptung enthält dann Tatbestände, die sich verändern können und insofern historischer Natur sind.

 

 

3. Max Webers Forderung nach wertfreier Wissenschaft

 

Die Vertreter der historischen Schule wurden zweitens nicht nur wegen ihrer Methode angegriffen. Man machte ihnen zum Vorwurf, dass sie Werturteile wissenschaftlich zu begründen versuchten. Vor allem Max Weber trat als Verfechter einer wertfreien Wissenschaft auf. Eine empirische Sozialwissenschaft könne nur darüber Auskunft geben, wie bestimmte soziale Probleme tatsächlich gelöst werden, nicht wie sie am besten gelöst werden sollten. Ein Werturteil könne nur aufgrund einer weltanschaulichen Position gefällt, nicht aber wissenschaftlich bewiesen werden.

 

Allerdings wollte Max Weber den Wissenschaftler keineswegs von der politischen Diskussion ausschließen. Max Weber hat selbst wiederholt in die politische Diskussion eingegriffen und damit bekundet, dass das politische Engagement eines Wissenschaftlers nicht dem Ideal einer wertfreien Wissenschaft widerspreche. Wohl solle der Wissenschaftler seinen Zuhörer (Leser) nicht im Unklaren darüber lassen, wann er sich auf die Analyse von Sachzusammenhängen bezieht und wann er sich zu politischen Fragen bewertend äußert. Er wollte mit dieser Forderung verhindern, dass persönliche Werturteile im wissenschaftlichen Gewande vorgetragen werden und auf diese versteckte und erschlichene Weise einen höheren Wahrheitsgehalt beanspruchen, als ihnen de facto zukomme.

 

 

4. Theorie im Sinne von Denkmodellen oder Hypothesen

 

Ein Streit über die Methode innerhalb der Wirtschaftslehre erwuchs drittens aus dem recht unterschiedlichen Gebrauch des Wortes ‚Theorie’. Einige Wissenschaftler verstehen Theorie im Sinne eines Denkwerkzeuges. Ein Denkwerkzeug ermöglicht zwar, die soziale Wirklichkeit in den Griff zu bekommen, es darf jedoch mit der eigentlichen Kenntnis von Faktenzusammenhängen nicht verwechselt werden.

 

Die Theorie im Sinne eines Denkmodells sei eine Methode, unser Wissen zu erweitern, sie sei aber nicht dieses Wissen selbst. Eine solche Theorie beschränke sich darauf, bereits bekannte Fakten zu ordnen und aus vorgegebenen Annahmen weitere Schlussfolgerungen zu ziehen. Das Auffinden neuer Faktenzusammenhänge sei Sache der Soziologen, nicht des Wirtschaftstheoretikers. Die Wirtschaftstheorie könne die Gültigkeit der Annahmen nicht selbst überprüfen. Wenn man von logischen Denkfehlern absehe, könne eine Theorie überhaupt nicht falsch oder richtig, sondern allenfalls aktuell und zweckmäßig oder auch nicht sein.

 

Diese weitverbreiteten Thesen der neoklassischen Theorie wurden um die Mitte des letzten Jahrhunderts von den Neopositivisten angegriffen. So meinte Hans Albert, dass die Wirtschaftstheorie zu einem Modellplatonismus entartet sei. Von einer echten Theorie könne man nur dann sprechen, wenn sich ihre Aussagen  auf Tatsachenzusammenhänge bezögen, die bereits an der Wirklichkeit überprüft seien oder sich zumindest überprüfen ließen. Die neoklassische Theorie gebe hingegen Lehrsätze, die lediglich aus hypothetisch unterstellten Annahmen logisch abgeleitet seien und noch der empirischen Überprüfung bedürften, bereits als erwiesene Wahrheiten aus.

 

Weiterhin arbeite die Neoklassik mit Annahmen, die aufgrund vergangener empirischer Untersuchungen bereits widerlegt seien. Schließlich sei die Neoklassik in dem Versuch, klassische Positionen zu verteidigen, mehr und mehr in Tautologien geflüchtet, die zwar logisch zwingend immer richtig, aber gerade deshalb zu einer empirisch gehaltlosen Leerformel erstarrt seien.

 

 

5. Unterschiedliche Denkebenen

 

Der Methodenstreit in den Wirtschaftswissenschaften ist heute keinesfalls überwunden. In allen drei zur Diskussion stehenden Fragen stehen sich die Fronten immer noch unversöhnlich gegenüber. Trotzdem dürften diese methodischen Meinungsverschiedenheiten zu einem nicht geringen Teil auf definitorischen Missverständnissen beruhen. Die Einigung wird dadurch erschwert, dass unter dem gleichen Namen recht Unterschiedliches verstanden wird. Über die Zweckmäßigkeit der diesen Begriffen zugrunde liegenden Unterscheidungen und Problemen besteht in Wirklichkeit größere Übereinkunft, als man auf den ersten Blick vermuten könnte.

 

So dürfte man sich darüber einig sein, dass man bei der Diskussion wirtschaftlicher Probleme drei verschiedene Denkebenen unterscheiden kann. Die Wirtschaftswissenschaft hat erstens eine ganze Fülle von Denkwerkzeugen entwickelt, die zwar noch kein eigentliches Wissen um die faktischen Gegebenheiten innerhalb der Wirtschaft zum Inhalt haben, die trotzdem von großem Wert sein können, da sie dieses Wissen vorbereiten und fördern helfen.

 

Die Begriffe und die Denkmodelle sind die bekanntesten unter den wirtschaftswissenschaftlichen Denkinstrumenten. Gleichgültig, welchen Namen wir für diese Denkwerkzeuge wählen, ob wir bereits hier von einer Theorie sprechen wollen, niemand bezweifelt wohl Notwendigkeit und Wert solcher Denkinstrumente. Gerade die Linguistik, die Wissenschaft von der Sprache, hat uns darüber belehrt, in welch starkem Maße die Art der Begriffswahl den menschlichen Erkenntnisprozess formt.

 

Eine ganz andere Denkebene ist angesprochen, wenn wir uns den Faktenzusammenhängen zuwenden. Jeder Wissenschaftler wird zugeben, dass sich eine empirische Wissenschaft ohne Faktenkenntnisse nicht entwickeln kann. Die Frage, ob sich allein der Soziologe oder auch der Wirtschaftstheoretiker um das Auffinden dieser Faktenkenntnisse bemühen soll, ist demgegenüber zweitrangiger Natur.

 

Neben Denkwerkzeugen und Faktenzusammenhängen stehen im Bereich der Wirtschaftswissenschaft drittens Bewertungen zur Diskussion. Jede Anwendung der Theorie auf die Praxis setzt bewusst oder unbewusst ein Werturteil voraus. Wie wir der Denkwerkzeuge bedürfen, um zu Faktenwissen zu gelangen, so ist die Kenntnis von Sachzusammenhängen Voraussetzung, um rational begründete Entscheidungen zu treffen. Gerade in dieser Hilfestellung liegt eine der wichtigsten Funktionen der Wissenschaft gegenüber der Gesellschaft.

 

Mit dieser Unterscheidung dreier Denkebenen lassen sich manche Missverständnisse und Meinungsverschiedenheiten von vornherein ausräumen. Die Frage, ob wir einer bestimmten Aussage über die Wirtschaft zustimmen, muss nach unterschiedlichen Kriterien beantwortet werden, je nachdem ob wir es mit einem Denkwerkzeug, einer Aussage über Fakten oder einer Bewertung zu tun haben.

 

Ein Denkwerkzeug beurteilen wir nach seiner Zweckmäßigkeit. Wir sprechen uns für ein Denkwerkzeug aus, wenn wir uns mit seiner Hilfe eine Vertiefung oder Erweiterung unseres Wissens erhoffen, wir lehnen es ab, wenn es uns zu Scheinproblemen verleitet oder wenn bei seiner Anwendung das Erkennen der eigentlichen Probleme verbaut wird. Es ist aber nicht möglich, von falschen oder richtigen Denkwerkzeugen zu sprechen. Denkwerkzeuge werden nicht danach beurteilt, ob sie richtig oder falsch, sondern ob sie zweckmäßig oder unzweckmäßig sind. Unterschiedliche wissenschaftliche Aufgaben verlangen auch unter Umständen unterschiedliche Denkwerkzeuge.

 

Ein ganz anderes Kriterium liegt unserem Urteil über Faktenzusammenhänge zugrunde. Aussagen dieser Art müssen stets an der Wirklichkeit überprüft werden. Sie können niemals aus logischen Ableitungen und Definitionen allein erschlossen werden. Ihr Wahrheitsgehalt gilt unabhängig davon, ob die These dem Wissenschaftler oder auch dem Praktiker vorteilhaft erscheint oder auch nicht.

 

Wiederum anders haben wir uns den Werturteilen gegenüber zu verhalten. Es mögen die verschiedensten Wechselbeziehungen zwischen wissenschaftlicher Analyse und Werten bestehen: Mit den Mitteln einer empirischen Wissenschaft allein lassen sich Werturteile nicht beweisen. Es bedarf stets einer persönlichen Willensentscheidung, um von einer Aussage über Sachzusammenhänge zu einer Bewertung zu gelangen. Zugegeben: Diese Wertprämissen mögen den Diskussionsteilnehmern bisweilen so selbstverständlich erscheinen, dass es geradezu pedantisch wirken müsste, wollte man diese Prämissen eigens erwähnen.

 

 

6. Definitionen und Denkmodelle

 

Eine empirische Sozialwissenschaft verwendet ihre Begriffe im Sinne von Nominaldefinitionen. Es geht ihr bei der Begriffsbestimmung nicht darum, das Wesen einer bestimmten Sache zu erfassen. Das ist Aufgabe einer Sozialphilosophie. Eine Nominaldefinition verfolgt den alleinigen Zweck, mehrere Objekte der Wirklichkeit zusammenzufassen und diese anderen gegenüber abzugrenzen. Diesen Zweck erreichen wir dadurch, dass wir die Merkmale bestimmen, die ein Objekt aufweisen muss um unter diesen Begriff zu fallen. Da in der Regel mehrere Merkmale angeführt werden, können wir den Begriff auch als Kurzformel bezeichnen. Wir führen einen neuen Begriff ein und definieren diesen mit Hilfe einiger schon bekannter Begriffe.

 

Die Wirklichkeit lässt sich allerdings auf recht unterschiedliche Weise klassifizieren. Es gibt keine in der Natur der Sache liegenden Nominaldefinitionen. Diese beruhen vielmehr auf einer Konvention, sie werden nach Zweckmäßigkeitsgesichtspunkten ausgewählt und dienen vor allem der gegenseitigen Verständigung.

 

Wenn wir von Begriffen sprechen, müssen wir zwischen dem äußeren Namen oder Symbol und den Merkmalen unterscheiden, die dieser Definition zugrunde liegen. Welchen Namen wir einer bestimmten Klasse von Objekten geben, ist im Grunde gleichgültig. Der Zweck der wissenschaftlichen Forschung, die Erweiterung und Vertiefung unseres Wissens, wird von dieser äußeren Namensgebung nicht berührt. Nur eine Forderung können wir in diesem Zusammenhange erheben: Die gleichen Dinge sollten stets mit dem gleichen Namen verbunden werden. So einleuchtend diese Forderung ist, so groß sind die Schwierigkeiten, sie in die Tat umzusetzen.

 

Wir sind nur ungern bereit, einen in der Vergangenheit erlernten Begriff aufzugeben. Manche Meinungsverschiedenheiten bei der Diskussion um soziale Probleme können auf definitorische Missverständnisse zurückgeführt werden. Der Kampf um Definitionen wird bisweilen genauso erbittert geführt wie der Kampf um Weltanschauungen. Demgegenüber haben wir bereits viel gewonnen, wenn wir erkennen, welch geringe Bedeutung dieser rein äußeren Namensgebung für wissenschaftliche Zwecke zukommt.

 

Eine weitaus größere Rolle erfüllt die Auswahl einzelner Begriffsmerkmale. Auch hier können wir nicht von falsch oder richtig sprechen. Wie bereits erwähnt, lassen sich die Objekte der Wirklichkeit nach den unterschiedlichsten Kriterien zusammenfassen. Wir können die ausgewählten Begriffsmerkmale wohl danach beurteilen, wieweit sie für wissenschaftliche Zwecke brauchbar sind. Begriffe können Probleme verbauen oder erst richtig sichtbar werden lassen.

 

Es liegt oft an den Begriffen, ob wir ein Problem richtig in den Griff bekommen. Begriffe können zu einer rosaroten Brille werden, mit der wir zwar vielleicht die Form und Gestalt, keinesfalls aber die Farbtönung der Wirklichkeit erkennen können. Wir können diese Überlegungen in der Forderung zusammenfassen: Begriffe sollen problemadäquat sein. Das heißt aber auch: Wir können Begriffen nicht schlechthin Zweckmäßigkeit oder Unzweckmäßigkeit zusprechen. Ob uns ein Begriff zweckmäßig erscheint, hängt von der Art des Problems ab, das es gerade zu lösen gilt.

 

Eine weitere Forderung gilt es zu beachten. Die Begriffe sollen uns Aussagen über die Wirklichkeit ermöglichen. Wir können aber Aussagen dieser Art erst dann als gültig anerkennen, wenn wir sie empirisch getestet haben. Hier entsteht eine Gefahr: Begriffe können so unglücklich und vage definiert sein, dass sich unsere Aussagen kaum oder nur mit größter Schwierigkeit überprüfen lassen. Begriffe sollten stets so klar gefasst sein, dass wir für jedes Objekt der Wirklichkeit entscheiden können, ob es unter diesen Begriff fällt oder nicht.

 

Es ist weder notwendig noch erwünscht, jeden Begriff neu zu definieren. Wir können –und müssen auch – immer von einem vorgegebenen System von Begriffen ausgehen. Nur dann, wenn sich die bisherigen Begriffe für die weitere wissenschaftliche Forderung als unfruchtbar oder sogar hemmend erweisen, sollten wir die alten Begriffe bereinigen, präzisieren oder neue Begriffe bilden.

 

Mit den Denkmodellen versuchen wir, einen Komplex von Aussagen über einen klar abgegrenzten Sachbereich systematisch zu ordnen. Worin besteht aber das Ordnungsprinzip? Wir untersuchen jede Aussage daraufhin, ob sie von den übrigen Aussagen des Systems abhängt. Aussagen, die sich nicht mehr auf andere Aussagen des Systems zurückführen lassen, also als gegeben vorausgesetzt werden müssen, bezeichnen wir als Prämissen oder Daten des Modells. Bei den von diesen Prämissen abgeleiteten Aussagen handelt es sich hingegen um die Abhängigen, Variablen oder Problemgrößen.

 

Eine erste Aufgabe eines Denkmodells besteht darin, sich darüber klar zu werden, welche Konsequenzen bestimmte Annahmen implizieren. Die Annahmen als solche gelten als gegeben. Das Denkmodell ist nicht in der Lage, ihre Gültigkeit und Wirklichkeitsnähe zu überprüfen. Wir erfahren nicht mehr, als wir bereits in den Annahmen implizite unterstellt haben. Wohl können wir mit Hilfe eines Denkmodells unser tatsächliches Wissen klären, da wir uns nicht immer aller Konsequenzen bestimmter Annahmen ohne weiteres bewusst sind.

 

Wir können Denkmodelle zweitens dazu benutzen, die Voraussetzungen gewisser Aussagen uns vor Augen zu führen.  Zugrunde liegt die gleiche logische Beziehung. Während wir aber im ersten Falle die Annahmen als bekannt voraussetzen und uns nach den Konsequenzen fragen, gehen wir hier von einer konkreten, in der Öffentlichkeit geäußerten Behauptung aus und machen uns klar, unter welchen Voraussetzungen überhaupt diese Aussage Gültigkeit beanspruchen kann.

 

Denkmodelle können drittens die Aufgabe erfüllen, die Problematik einer Situation herauszuarbeiten. Das Denkmodell gestattet uns, die logischen Beziehungen zwischen den bisher als gültig  angesehenen Annahmen über die Wirklichkeit aufzudecken. Wir legen uns Rechenschaft darüber ab, was wir bereits wissen und was wir noch nicht wissen. Wir können unter Umständen auf gewisse logische Widersprüche verschiedener Aussagen stoßen, und wir können schließlich entscheiden, ob wir alle bekannten Fakten mit Hilfe unserer bisherigen Erkenntnisse klären können. Das Denkmodell hilft uns, die noch nicht befriedigt beantworteten Fragen klarer zu formulieren.

 

Denkmodelle können uns viertens dazu verhelfen, neue Hypothesen zu bilden. Unter Hypothesen verstehen wir noch nicht empirisch überprüfte Aussagen über die Wirklichkeit. A priori sind die unterschiedlichsten Zusammenhänge denkbar. Wir würden hingegen gegen das Prinzip der Rationalität verstoßen, wollten wir in mühseliger Kleinarbeit alle denkbaren Zusammenhänge auf ihre Gültigkeit hin überprüfen. In praxi wenden wir ein erfolgversprechenderes Verfahren an. Aufgrund unserer bisherigen Erfahrungen greifen wir unter den Millionen von denkbaren Zusammenhängen einige wenige heraus, die uns realistisch erscheinen und überprüfen diese an der Wirklichkeit. Auch bei diesem Verfahren leistet uns das Denkmodell gute Dienste. Gibt es uns doch an, welche Hypothesen unseren bisherigen Erkenntnissen am besten entsprechen.

 

Eine fünfte Aufgabe des Denkmodells liegt im Pädagogischen. Wir haben nicht nur neue Faktenzusammenhänge aufzudecken, sondern auch die bereits bekannten, aber oft sehr schwierig zu verstehenden dem Studierenden verständlich zu machen. Hier kann es aus pädagogischen Gründen zweckmäßig sein, zunächst bewusst von wirklichkeitsfremden, aber einfachen Annahmen auszugehen, um auf diese Weise bestimmte Beziehungen umso deutlicher hervortreten zu lassen. Sind die einfachsten Zusammenhänge dem Studierenden einmal klargeworden, so ist es bedeutend leichter, das Denkmodell an die Wirklichkeit anzupassen und nun auch komplizierte Gebilde zu verstehen.

 

So ist es üblich, in einem ersten Schritt die Kreislaufzusammenhänge für eine geschlossene Volkswirtschaft ohne wirtschaftliche Aktivität des Staates zu untersuchen, nicht weil man diese Annahmen als realistisch ansieht, sondern deshalb, weil unter diesen vereinfachten Annahmen bestimmte Zusammenhänge besser erkannt werden können. Es ist dann ein leichtes, diese unrealistischen Annahmen in einem zweiten Schritt aufzuheben und zu zeigen, dass die eingangs aufgezeigten Zusammenhänge im Prinzip auch unter realistischeren, komplexeren Annahmen Gültigkeit bewahren.

 

 

7. Faktenzusammenhänge

 

Wenden wir uns nun den Aussagen über Faktenzusammenhänge zu. Jede Wissenschaft ist bestrebt, zu möglichst allgemeingültigen Aussagen zu gelangen. Je allgemeiner eine Aussage ist, umso größer ist ihr Anwendungsbereich. Wann entspricht aber eine wissenschaftliche Aussage diesem Prinzip? Wir sprechen einer Behauptung Allgemeingültigkeit zu, wenn die zur Diskussion stehende These für alle Objekte einer wohl abgegrenzten Klasse gilt. So würde z. B. der Satz „Alle Unternehmer streben nach Gewinn“ unserem Kriterium genügen, vorausgesetzt, dass diese Behauptung der Wirklichkeit entspricht.

 

Wir dürfen allerdings nicht erwarten, dass wir dieses Ideal immer erfüllen können. Aber auch hier gilt nicht der Grundsatz des ‚Alles oder Nichts’. Es gibt verschiedene Grade der Annäherung an dieses Postulat. Wenn wir auch nicht immer zu generell gültigen Aussagen gelangen können, so haben wir uns doch darum zu bemühen, diesem Ideal möglichst nahe zu kommen. Wenn wir feststellen können, dass die Mehrheit der Unternehmer nach Gewinn strebt, so entspricht dieser Satz den wissenschaftlichen Ansprüchen besser, als wenn wir dies nur von einigen Unternehmern behaupten könnten.

 

Bisweilen verbindet man mit dieser Forderung einen weiteren Anspruch. Während wir bisher allein verlangt haben, dass alle oder möglichst alle Objekte einer wohlabgegrenzten Klasse eine bestimmte Eigenschaft aufweisen, können wir darüber hinaus bestrebt sein, unsere Aussagen auf immer größere Klassen auszudehnen. Der Satz: „Alle Unternehmer streben nach Gewinn“ wäre in diesem Sinne weniger allgemeingültig als der Satz: „Alle wirtschaftenden Menschen versuchen, ihren Nutzen zu maximieren.“ Die Unternehmer bilden lediglich einen Ausschnitt aus der größeren Klasse der Menschen.

 

Die Forderung nach Allgemeingültigkeit wird allerdings mit einem hohen Preis erkauft. Je größer die Allgemeingültigkeit ist, umso stärker ist auch der Abstraktionsgrad. Wenn wir uns auf eine relativ kleine Klasse von Objekten beschränken, so werden wir im Allgemeinen eine Fülle von gemeinsamen Merkmalen vorfinden. Betrachten wir hingegen eine immer größer werdende Klasse von Objekten, so dürften immer weniger Eigenschaften auf alle Objekte dieser Klasse zutreffen. Über das Verhalten der Unternehmer lässt sich manches sagen. Wenn wir jedoch nach dem Verhalten aller Menschen fragen, so werden wir in der Regel weit weniger gemeinsame Züge erkennen können.

 

Hier steht die Wissenschaft vor einem Konflikt. Wir erwarten von einer Theorie, dass sie nicht nur allgemeingültig ist, sondern gleichzeitig einen geringen Abstraktionsgrad aufweist. Beide Forderungen stehen in einem Widerspruch zueinander. In dem Maße, wie wir der einen Forderung entgegenkommen, entfernen wir uns von der anderen. Dieser Konflikt lässt sich nur dadurch lösen, dass wir sowohl nach den generell gültigen Eigenschaften wie nach den spezifischen Unterschieden von Klasse zu Klasse fragen.

 

Wir haben bisher bewusst eine Frage ausgeklammert. Lässt sich die Forderung nach Allgemeingültigkeit mit der menschlichen Freiheit vereinbaren? Gibt es überhaupt im sozialen Bereich allgemeingültige Gesetze? Setzen wir mit dieser Forderung nicht eine deterministische Sozialphilosophie voraus?

 

Als erstes können wir festhalten: Im Bereich der Wirtschaft gibt es eine ganze Reihe naturwissenschaftlicher, aber sozial relevanter Gesetzmäßigkeiten, mit denen sich eine Wirtschaftstheorie befassen muss, weil sie die Lösung der wirtschaftlichen Probleme beeinflussen. Denken wir an das Ertragsgesetz, das darüber Auskunft gibt, wie viel Produktionsfaktoren benötigt werden, um eine bestimmte Gütermenge zu produzieren. Diese Zusammenhänge sind in erster Linie technischer Natur. Trotzdem fällt das Ertragsgesetz in das Interessengebiet der Wirtschaftstheorie, weil die unternehmerischen Entscheidungen unter anderem auch vom Verlauf dieser technischen Daten abhängen.

 

Ein zweites gilt es zu bedenken. Die Forderung nach Allgemeingültigkeit widerspricht nur dann der menschlichen Freiheit, wenn wir unsere Aussagen auf Einzelpersonen beziehen. Es wäre in der Tat problematisch, wollten wir für jede einzelne Person ein ganz bestimmtes Verhalten behaupten. Die näheren Umstände mögen noch so sehr eine bestimmte Handlung nahe legen, wir haben keine absolute Sicherheit dafür, dass sich eine bestimmte Person nicht doch anders entscheidet.

 

Das Hauptinteresse der Wirtschaftstheorie gilt indessen nicht dem Individual-, sondern dem Gruppenverhalten. Wie Herr Müller oder Herr Maier auf eine Preisänderung reagiert, ist für die Wirtschaftstheorie von geringem Interesse. Wichtiger ist die Frage, wie sich die gesamte Nachfrage oder das gesamte Angebot bei einer Preissteigerung verändert. Aussagen hierüber gelten mit viel größerer Sicherheit. Sofern nur die Zahl der betrachteten Fälle groß genug ist, können wir damit rechnen, dass sich zufällige Abweichungen von einer allgemeinen Tendenz gegenseitig kompensieren.

 

Ein drittes gilt es zu beachten. Die empirischen Sozialwissenschaften befassen sich nicht in erster Linie mit dem menschlichen Verhalten selbst, sondern mit der Gesellschaftsstruktur, die dieses Verhalten beeinflusst. Die Sozialwissenschaften geben Aufschluss darüber, wieweit die Gesellschaftsstruktur den Handlungsspielraum der Individuen einengt. In der Regel verbleibt dem Menschen eine mehr oder weniger große Entscheidungsfreiheit. Es gibt aber auch Situationen, in denen die gesellschaftlichen Zwänge so stark werden, dass mit einem ganz bestimmten Verhalten gerechnet werden muss. Hier sind wir berechtigt, von sozialen Gesetzmäßigkeiten zu sprechen.

 

Empirische Aussagen müssen stets an der Wirklichkeit überprüft werden. Hierbei ergeben sich einige Schwierigkeiten. Es ist bedeutend einfacher, eine These zu widerlegen als zu bestätigen. Unser Satz: „Alle Unternehmer streben nach Gewinn“ kann bereits als widerlegt gelten, wenn wir nur einen Unternehmer finden, der nicht nach dieser Maxime handelt. Eine generelle Aussage lässt sich somit leicht falsifizieren. Es ist aber nicht möglich, dieselbe Aussage voll zu beweisen. Wir können nicht alle Objekte einer Klasse auf ihre Eigenschaften hin überprüfen. Und selbst dann, wenn uns dies für die Gegenwart und für die Vergangenheit gelänge, wären wir nicht sicher, ob nicht in Zukunft einige Fälle von diesem sozialen Gesetz abweichen. Wir können aber nur dann von einer generell gültigen These sprechen, wenn diese Gesetzmäßigkeit unabhängig von Zeit und Raum gilt.

 

Was können wir aus dieser Überlegung folgern? Der wissenschaftliche Fortschritt äußert sich nicht so sehr darin, dass immer wieder neue Thesen aufgestellt, sondern dass alte, bisher als gültig anerkannte Thesen widerlegt werden. Fast über jede soziale Frage werden in der Öffentlichkeit die unterschiedlichsten Meinungen vertreten. Aufgabe der Wissenschaft ist es, die falschen Aussagen auszumerzen und damit zugleich den Wahrscheinlichkeitsgrad der noch verbleibenden Antworten zu vergrößern.

 

Wir können aus unseren Überlegungen ein zweites folgern: Oft hört man die Meinung, über Sachfragen könne und dürfe es keine Meinungsverschiedenheiten geben. Eine Aussage über einen empirischen Sachverhalt sei entweder richtig oder falsch. Diese Meinung ist irrig. Eine soziale Gesetzmäßigkeit lässt sich nie voll bestätigen. Es hängt von der optimistischen oder pessimistischen Grundhaltung und damit von einer bewertenden Position des einzelnen Forschers ab, wann er das vorliegende empirische Material für ausreichend hält, um eine bestimmte Hypothese als bereits (vorläufig) verifiziert anzusehen.

 

Wir dürfen allerdings nicht erwarten, dass man eine Theorie, die bisher mit großem Erfolg angewandt wurde, schon deshalb über Bord wirft, weil ein einziges Beispiel gefunden wurde, das mit dieser Theorie nicht übereinstimmt. Eine widerlegte Theorie ist zwar im formalen Sinne falsch, sie kann dennoch einen hohen Wahrheitsgehalt haben. Auch sie wurde aus der Beobachtung der Wirklichkeit gewonnen. Der Fehler lag dann darin, gewisse Regelmäßigkeiten zu früh verallgemeinert zu haben, und man übersah, dass diese Zusammenhänge nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen eintreten, die noch nicht vollständig erkannt sind. Der wissenschaftliche Fortschritt äußert sich darin, dass man die bisherigen Theorien als Spezialfälle einer umfassenderen Gesetzmäßigkeit erkennt.

 

Aussagen über die Wirklichkeit können unterschiedlich tief in die Sachzusammenhänge hineinleuchten. Das gilt sowohl für das Problem der Kausalität, der Quantifizierung sowie der Dynamik. Wenden wir uns zunächst der Frage der Kausalität zu. Den geringsten Aussagegehalt finden wir bei der statistischen Korrelation. Wir behaupten hier lediglich, dass zwei Größen in irgendeiner Weise zusammenhängen, wir sagen nichts darüber aus, welches die verursachende und welches die verursachte Größe ist. So lässt sich z. B. feststellen, dass die übertariflichen Lohnzuschläge umso größer sind, je zentraler die Tarifverhandlungen geführt werden. Diese Feststellung selbst sagt nichts darüber aus, wie sich diese beiden Größen gegenseitig beeinflussen.

 

Unsere Analyse ist bereits weiter fortgeschritten, wenn wir die Richtung dieses Wirkungszusammenhanges kennen, wenn wir also zwischen Ursachen bzw. Bestimmungsgründen und Wirkungen unterscheiden können. Im Hinblick auf die Bestimmungsgründe  können wir zwischen der eigentlichen Ursache im engeren Sinne als auslösendes Phänomen und den begleitenden Umständen unterscheiden. Wenn wir uns z. B. danach fragen, inwieweit eine Preiserhöhung die Nachfrage nach einem bestimmten Produkt vermindert, ist die Preisänderung die eigentliche Ursache für die Veränderung im Konsumverhalten. Um wie viel jedoch die Preissteigerung die Nachfrage nach diesem Gut vermindert, hängt nicht nur vom Umfang dieser Preisänderung, sondern von weiteren Faktoren, wie z. B. der Elastizität der Nachfrage ab. Diese weiteren Bestimmungsgründe haben somit auch Einfluss auf das Geschehen, sie stellen jedoch nicht die eigentliche Ursache, sondern allein Begleitumstände dar.

 

Weiterhin lassen sich die Bestimmungsgründe in notwendige und ausreichende einteilen. Von einer notwendigen Voraussetzung sprechen wir immer dann, wenn das besagte Ereignis nicht ohne die genannte Voraussetzung eingetreten wäre; von einer ausreichenden Voraussetzung hingegen wird immer dann gesprochen, wenn diese allein ausreicht, das betreffende Ereignis auszulösen. Der stärkste Zusammenhang besteht dann, wenn eine Voraussetzung notwendig und ausreichend ist, der schwächste hingegen dann, wenn die genannten Voraussetzungen weder notwendig noch ausreichend sind.

 

Auch die Wirkungen lassen sich weiter unterteilen. Die wichtigste Unterscheidung ist die zwischen Funktionen und Dysfunktionen. Eine Funktion liegt dann vor, wenn von einer Größe A Wirkungen ausgehen, die einer Größe B zugutekommen. Eine Dysfunktion liegt hingegen dann vor, wenn die von Größe A ausgehenden Wirkungen die Größe B beeinträchtigen. So sprechen manche Wirtschaftstheoretiker dem Privateigentum eine stabilisierende Wirkung auf das bestehende Gesellschaftssystem zu. In diesem Falle hätte das Privateigentum eine Funktion gegenüber dieser Gesellschaftsordnung. Karl Marx dagegen führte die Ausbeutung der Arbeiter auf das Privateigentum zurück, d. h. er sah im Privateigentum eine Dysfunktion gegenüber der Arbeiterschaft.

 

Diese Unterscheidung zwischen Funktionen und Dysfunktionen hat nichts mit Werturteilen zu tun. Wenn wir A ein Funktion B gegenüber zusprechen, so sagen wir nichts darüber aus, ob wir diese Wirkung billigen. Auch der Hinweis auf mögliche Dysfunktionen bedeutet keinesfalls Ablehnung. In beiden Fällen beziehen wir uns auf objektiv feststellbare Wirkungszusammenhänge. So lassen sich die Auswirkungen eines Schutzzolles (Gewinnsteigerungen oder Nutzenminderungen) objektiv feststellen, unabhängig davon, ob man diese Wirkungen gutheißt oder ablehnt.

 

Funktionen und Dysfunktionen lassen sich weiterhin in manifeste und latente unterteilen. Wir nennen eine Funktion manifest, wenn sich die beteiligten Personen dieser Wirkung bewusst sind und diese u. U. absichtlich herbeigeführt haben. Bei latenten Funktionen hingegen handelt es sich um unbeabsichtigte und unbekannte Wirkungen.

 

Zur Messung der quantitativen Beziehungen verschiedener Variablen hat die Wirtschaftswissenschaft den Begriff der Funktionsgleichung gebildet. Die Funktionsgleichung setzt uns in die Lage, für jeden möglichen Wert von A den hierzu entsprechenden Wert von B zu berechnen. Die Nachfragefunktion zeigt uns z. B., wie die Nachfrage nach einem Gut von der jeweiligen Preishöhe abhängt. Von der Funktionsgleichung abgeleitet wird der Begriff der Grenzgröße sowie der Elastizität. So gibt z. B. der Grenzerlös an, um wie viel Einheiten der Erlös absolut ansteigt, wenn die Nachfragemenge um eine Einheit erhöht wird. Die Elastizität misst die quantitative Abhängigkeit zweier Größen nicht in absoluten, sondern in prozentualen Größen. So gibt die Nachfrageelastizität in Bezug auf den Preis an, um wie viel Prozent die nachgefragte Menge zurückgeht, wenn der Preis sich um einen Prozentpunkt erhöht.

 

Funktionsgleichungen haben allerdings mehr einen pädagogischen als einen praktischen Wert. In den meisten Fällen sind wir gar nicht in der Lage, die genaue Struktur einer solchen Gleichung auch nur annähernd anzugeben. Ein Diagramm, in das wir eine Nachfrage- und eine Angebotskurve einzeichnen, gestattet uns jedoch, die Preisbildung auf den Märkten darzustellen, ohne dass wir die genaue Lage (die Parameter) dieser Funktion kennen. Es reicht oftmals aus, wenn wir die Neigung dieser beiden Kurven kennen.

 

Welche Bedeutung kommt der Quantifizierung innerhalb der Sozialwissenschaften zu? Die Meinungen sind geteilt. Die eine Gruppe weist darauf hin, dass sich soziale Vorgänge nur zum Teil quantifizieren lassen. Eine quantitative Analyse bringe die Gefahr mit sich, dass man die genauso wichtigen qualitativen Aspekte vernachlässige. Eine andere Gruppe wendet ein, eine Analyse, die sich auf die qualitativen Aspekte beschränke, komme über eine Schwarz-Weiß-Malerei nicht hinaus. Die wissenschaftliche Forschung habe in dem Maße Fortschritte gezeigt, als man die Vorgänge zu quantifizieren lernte.

 

In praxi bedürfen wir sowohl einer quantitativen wie einer qualitativen Analyse. Erst beide zusammen zeichnen ein Bild der Wirklichkeit. Trotzdem dürfte es berechtigt sein, der Quantifizierung ein starkes Gewicht beizumessen. Alle sozialen Vorgänge haben es in erster Linie mit Bewertungen zu tun. Was stellen aber Bewertungen anders dar als Maßstäbe, um den Wert einer Sache zu messen?

 

Die Quantifizierung beginnt nicht erst dort, wo wir mit natürlichen Zahlen messen können. Die Sozialwissenschaften unterscheiden zwischen einem ordinalen und einem kardinalen Maßstab. Unsere Studienobjekte gelten als ordinal messbar, wenn wir bestimmen können, ob ein Objekt gegenüber einem anderen größer, kleiner oder gleich groß ist. Von einem kardinalen Maßstab sprechen wir nur dann, wenn wir zusätzlich angeben können, um wie viel die eine Größe kleiner (größer) als die andere ist.

 

Wir wollen nicht nur wissen, ob eine Beziehung zwischen zwei Größen besteht, sondern auch, welcher Zeitraum verstreicht, bis sich die Veränderung in der einen Größe in der Abhängigen auswirkt. Immer dann, wenn wir diesen zeitlichen Aspekt mitberücksichtigen, liegt eine dynamische, wenn wir ihn  jedoch ausklammern, eine statische Betrachtung vor.

 

Die Wirtschaftstheorie bedarf sowohl einer statischen als auch einer dynamischen Betrachtungsweise. Die statische Betrachtungsweise belehrt uns darüber, ob und unter welchen Voraussetzungen wir mit der Existenz eines Gleichgewichtes rechnen können. Wenn die Teile eines Systems so aufeinander abgestimmt sind, dass keine Veränderungen mehr ohne eine Beeinflussung von außen (ohne eine Datenänderung also) eintreten, haben wir ein Gleichgewicht erreicht. So spricht man von einem Gleichgewichtspreis, wenn Angebot und Nachfrage übereinstimmen.  Die Marktbeteiligten erleben keine Überraschungen und sie haben deshalb keinen Anlass, ihre Wirtschaftspläne zu revidieren. Preise, Angebots- und Nachfragemengen bleiben somit unverändert, sie sind – wie man sagt – im Gleichgewicht. Die statische Theorie ist in der Lage, anzugeben, bei welcher Preishöhe Angebot und Nachfrage sich entsprechen.

 

Wollen wir Aufschluss darüber, ob auch eine Tendenz zu diesem Gleichgewicht besteht, ob – mit anderen Worten – der Markt von sich aus Kräfte entfaltet, dieses Gleichgewicht automatisch anzusteuern, so bedürfen wir einer dynamischen Theorie. Hierbei ist davon auszugehen, dass in der Realität permanent Datenänderungen eintreten, sodass sich die Lage des Gleichgewichtes ebenfalls andauernd verändert. Es kann deshalb in der Regel auch nicht damit gerechnet werden, dass ein Gleichgewicht lange erhalten bleibt. Dies ist auch nicht das Entscheidende. Wichtig ist allein, dass Gleichgewichtskräfte am Werk sind und dass deshalb keine Kumulation des Ungleichgewichtes solchen Ausmaßes befürchtet werden muss, dass der Markt schließlich zusammenbricht.

 

 

8. Das Werturteilsproblem

 

Aus dem von Max Weber formulierten Postulat einer wertfreien Wissenschaft folgt keinesfalls, dass eine Wissenschaft nichts mit Werten zu tun hat. Wir möchten im Folgenden einige Wertbezüge aufzeigen, die durchaus mit dem Ideal einer wertfreien Wissenschaft vereinbar sind.

 

Es dürfte unbestritten sein, dass Werte und Bewertungen als Studienobjekt in die empirische Sozialwissenschaft eingehen. Das Zustandekommen sozialer Bewertungsprozesse ist sogar ein Hauptproblem jeder Sozialwissenschaft. Die traditionelle Nationalökonomie untersucht primär die Bestimmungsgründe der Preise. Aber was stellt der Preis anderes dar als eine Bewertung der Güter?

 

Drei Fragenkomplexe interessieren in diesem Zusammenhang. Eine empirische Sozialwissenschaft fragt zunächst nach den Bestimmungsgründen sozial relevanter Werte und Bewertungen. So zeigt die Wirtschaftstheorie auf, dass der Preis eines Gutes als Resultante aus Angebots- und Nachfragestruktur entsteht. Weiterhin haben wir danach zu fragen, welche sozialen Folgen sich aus einer bestimmten Bewertung ergeben. So kann etwa eine Lohnsteigerung – eine Umbewertung der Arbeit – produktivitätssteigernd wirken. Schließlich ist es ein berechtigtes Anliegen einer Wissenschaft, die logischen und faktischen Beziehungen einzelner Werte zu beleuchten. Unsere Umwelt ist so kompliziert geworden, dass wir nicht mehr ohne weiteres erkennen, ob sich zwei Werte gegenseitig bedingen oder ausschließen. Wer will ohne theoretische Vorkenntnisse entscheiden, ob sich die Ziele der Preisstabilität und der Vollbeschäftigung gegenseitig ausschließen?

 

Eine empirische Sozialwissenschaft will in erster Linie Sachzusammenhänge aufdecken. Dieses Ziel darf aber nicht zum Selbstzweck werden. Die Kenntnis dieser Sachzusammenhänge dient uns vielmehr dazu, Entscheidungen in der Politik und im Alltagsleben zu erleichtern. Wir stehen immer wieder vor Entscheidungen. Wir können der Sache nach mehrere Wege beschreiten und wir haben uns darüber klar zu werden, welche der möglichen Alternativen wir beschreiten wollen.

 

Wenn wir uns rational verhalten, entscheiden wir uns für die Alternative mit den meisten Vor- und den geringsten Nachteilen. Welcher Weg uns am vorteilhaftesten erscheint, kann zwar nur durch Bewertung geklärt werden. Dieser hat jedoch die Kenntnis vorauszugehen, welche Konsequenzen mit den einzelnen Alternativen verbunden sind. Bewerten heißt nichts anderes, als die Wirkungen abzuschätzen und zu gewichten. Die Kenntnis über diese Wirkungen vermittelt jedoch der Wissenschaftler. Indem dieser dem Praktiker die Voraussetzungen für eine rationale Entscheidung gibt, erfüllt er eine seiner wichtigsten Funktionen gegenüber der Gesellschaft.

 

Wenn indessen eine rationale Entscheidung die vorherige Kenntnis der Sachzusammenhänge voraussetzt, kann es sein, dass wir unsere politischen Entscheidungen aufgrund neuen Wissens überprüfen müssen. Zwar ist es nicht möglich, vom Sein unmittelbar auf das Sollen zu schließen. Das heißt aber nicht, dass Änderungen im Sein nicht auch Änderungen im Sollen bedingen können.

 

Das Wissen ist nicht nur Voraussetzung für eine rationale Bewertung. Es hängt selbst wiederum in vielfältiger Weise von unseren Wertvorstellungen ab. Es ist ein alter und immer wieder erneut bestätigter Erfahrungssatz, dass die Weltanschauung des einzelnen Wissenschaftlers wie auch seiner Zeit ganz entscheidend den wissenschaftlichen Fortschritt beeinflusst. Das Weltbild kann den wissenschaftlichen Fortschritt hemmen, aber auch fördern. Weltbild und Wissenschaft sind nur im Logischen, nicht aber im Faktischen voneinander zu trennen.

 

Wahrheiten sind oft unbequem und dem eigenen Interesse abträglich und bleiben deshalb oftmals unausgesprochen. Es ist weiterhin eine bekannte Tatsache, dass wir Dinge, die wir nicht sehen wollen, bisweilen auch gar nicht sehen. Wir beobachten die Dinge nicht so, wie sie sind, sondern wie wir sie zu sehen gelernt haben. Jede noch so objektive Beobachtung kommt als Resultante aus den verschiedensten psychischen Faktoren zustande.

 

Freilich sollten wir aus diesem Erfahrungssatz keine Maxime machen. Wenn auch psychologische und ideologische Faktoren auf unsere wissenschaftliche Arbeit vielfach einwirken, so ist dies kein Grund, diese Beeinflussung als Ideal hinzustellen. Im Gegenteil: Gerade die Tatsache, dass ein solcher Einfluss prinzipiell möglich erscheint, mahnt uns zu doppelter Aufmerksamkeit. Unsere Forderung, diesen Einfluss wo immer nur möglich auszuschalten, bleibt bestehen.

 

Allerdings sollten wir diesen Einfluss auch nicht überschätzen. Die Wissenschaft hat Methoden entwickelt, ihn  einzudämmen. Für einen einzelnen Wissenschaftler mag der Zusammenhang zwischen Weltbild und Wissen beachtlich sein. Was jedoch für den einzelnen Wissenschaftler gilt, mag noch lange nicht für die Wissenschaft insgesamt gelten. Auch das Wissen entsteht heute immer mehr aus einer arbeitsteiligen Zusammenarbeit.

 

Wenn ein einzelner Wissenschaftler aufgrund seiner empirischen Untersuchungen zu neuen Hypothesen gelangt, so ist der Entstehungsprozess dieses Wissens keinesfalls bereits abgeschlossen. Lediglich der erste Schritt ist getan. Damit aus unserer Hypothese eine allgemein anerkannte Theorie wird, bedarf es einer eingehenden wissenschaftlichen Diskussion. Gerade in dieser Einrichtung liegt eines der wesentlichen Elemente wissenschaftlichen Arbeitens überhaupt. Auf diese Weise kann eine Hypothese kritisiert und gegebenenfalls falsifiziert werden. Das Ergebnis dieser Diskussion ist in viel geringerem Maße gegenüber Weltanschauung und Interesse anfällig als die Hypothesen eines einzelnen Wissenschaftlers.

 

Weltbild und Interesse können auf den wissenschaftlichen Entstehungsprozess nicht nur einen negativen Einfluss ausüben. Ganz im Gegenteil können vom Weltbild des einzelnen Forschers starke Anreize ausgehen, die den Wissensprozess fördern. Auf lange Sicht dürfte gerade der Umstand, dass der weltanschauliche Kampf auch auf der wissenschaftlichen Tribüne ausgefochten wird, dazu beitragen, alteingesessene Vorurteile zu revidieren. Man sollte deshalb bei dem Versuch einer Entideologisierung der Wissenschaften vorsichtig sein. Auch hier kann es ein  Zuviel geben, auch hier besteht die Gefahr, dass wir mit dem Weltbild das Interesse an neuem Wissen beseitigen.

 

Von den Verfechtern einer wertgebundenen Wissenschaft wird oft gegen das Konzept einer wertfreien Wissenschaft eingeworfen, bereits die in jeder Wissenschaft notwendige Abstraktion und Auswahl der Probleme bringe eine Bewertung mit sich. Die Wirklichkeit sei so kompliziert, dass wir uns immer auf einige wenige Wirkungszusammenhänge beschränken müssen. Damit gäben wir jedoch bestimmten Problemen den Vorrang, mit anderen Worten: Wir bewerten.

 

Die Tatsache als solche wird von den Anhängern einer wertfreien Wissenschaft nicht geleugnet. Es handle sich indessen hierbei um eine ganz andere Art von Bewertung, die keine praktischen Empfehlungen an die Politik erlaube. Trotzdem muss eingeräumt werden, dass der Praktiker diese Auswahl bisweilen im Sinne einer Empfehlung versteht.

 

Darüber hinaus weist uns dieses Auswahlproblem darauf hin, dass wir erst aufgrund bestimmter Bewertungen überhaupt zu Wissen gelangen können. Wir hatten oben bereits gezeigt: Wann wir eine Hypothese als von der Wirklichkeit bestätigt ansehen, kann mit wissenschaftlichen Mitteln allein nicht entschieden werden. Wir haben bereits gesehen, dass eine hundertprozentige Bestätigung einer generellen Aussage logisch gar nicht möglich ist. Es bedarf einer Konvention darüber, wann eine These als verifiziert gilt. Diese Absprache ist bereits eine Bewertung.

 

Von den Anhängern einer wertfreien Wissenschaft wird also nicht gefordert, dass unser Wissen ohne Bewertungen entstehen müsse; dies ist gar nicht möglich. Es wird vielmehr allein bezweifelt, dass aus der empirischen Arbeit heraus aufgrund wissenschaftlicher Ergebnisse unmittelbar wertende Schlussfolgerungen gezogen werden können.

 

Der Wissenschaftler hat sich somit bei seiner Arbeit an gewisse Spielregeln zu halten. Diese haben nicht nur den Sinn, den Erfolg der Wissenschaft zu garantieren, sondern auch negative Sekundärwirkungen, die von der wissenschaftlichen Betätigung ausgehen können, soweit wie möglich auszuschalten. Nicht selten könnte unser Wissen durch gewagte und zweifelhafte Experimente verbessert werden. Die Mehrheit der Wissenschaftler lehnt solche Praktiken ab, da diese mit den menschlichen Grundwerten in Konflikt geraten. In der Anerkennung dieser Spielregeln dringt ein weiteres Bewertungselement in den Bereich der Wissenschaft ein. Aber auch dieses Bewertungselement gerät mit dem Ideal einer wertfreien Wissenschaft nicht in Widerspruch.

 

Soziale Tatbestände können als Ursache-Wirkungszusammenhang oder als Zweck-Mittel-Relation dargestellt werden. In beiden Fällen beschränkt sich der Wissenschaftler auf eine Sachanalyse und enthält sich jeden Werturteils. Bringen wir ein Beispiel: Eine Zunahme der Konsumnachfrage steigert – wenn bestimmte Voraussetzungen gegeben sind – den Beschäftigungsgrad. Die Zunahme der Konsumnachfrage wird als Ursache, die Steigerung des Beschäftigungsgrades als Wirkung angesehen. Den gleichen Sachverhalt können wir in eine Zweck-Mittel-Relation umformulieren. Man spricht hierbei von einer soziotechnischen Umformulierung. Unser Satz hieße dann: Wenn wir eine Steigerung des Beschäftigungsgrades wünschen (wenn wir also das Ziel verfolgen, den Beschäftigungsgrad zu steigern), müssen wir die Konsumnachfrage steigern. Maßnahmen, die zu einer Konsumsteigerung führen, wären dann das Mittel, um das Beschäftigungsziel zu erreichen.

 

Mit dieser bedingten Empfehlung spricht der Wissenschaftler keine Bewertung aus, er verbleibt im Rahmen einer Sachanalyse. Wir könnten sogar diese Aussage so umformulieren, dass ihr konditionaler Gehalt gar nicht mehr auf den ersten Blick erkennbar ist und zunächst wie eine kategorische Empfehlung aussieht: Zur Steigerung des Beschäftigungsgrades bedarf es einer Zunahme der Konsumnachfrage.

 

Die Forderung nach einer wertfreien Wissenschaft besagt schließlich auch nicht, der Wissenschaftler solle sich ganz der politischen Stellungnahme enthalten. Wie jeder Staatsbürger hat auch er das Recht, sich an der politischen Willensbildung zu beteiligen. Wohl sollte er seinen Gesprächspartner stets wissen lassen, wann er Ergebnisse einer wissenschaftlichen Sachanalyse und wann er persönliche Willensentscheidungen vorträgt.

 

Diese Forderung gilt vor allem in einer pluralistischen Gesellschaft, in der über letzte Grundwerte keine Einigkeit besteht. Hier liegt die Gefahr nahe, dass der Wissenschaftler sein eigenes Weltbild im Gewande wissenschaftlicher und damit für alle gültiger Ergebnisse ausgibt und sich damit unberechtigte Startchancen sichert.

 

Eine politische Stellungnahme besonderer Art kann darin liegen, dass sich der Wissenschaftler weigert, dem Politiker oder Praktiker gewisse Sachauskünfte zu geben. Besonders aktuell wird diese Frage in Diktaturen. Auch dann, wenn sich der Wissenschaftler auf die Beantwortung von Sachfragen beschränkt, können seine Antworten den Diktator befähigen, die Bevölkerung stärker als bisher zu unterdrücken. Aber auch hier muss gesagt werden, dass dieses Verweigerungsrecht in keiner Weise dem Ideal einer wertfreien Wissenschaft widerspricht.

 

Fassen wir die Ergebnisse unserer Überlegungen zusammen: Die Forderung nach wertfreier Wissenschaft im Sinne Max Webers darf nicht zu wörtlich genommen werden. Jede Wissenschaft hat es mit Werten und Bewertungen zu tun. Das wird von den meisten Anhängern einer wertfreien Wissenschaft auch gar nicht bestritten. Wenn man will, besteht das Programm einer wertfreien Wissenschaft aus einer Binsenwahrheit und aus einer wohl von den meisten Wissenschaftlern gebilligten Forderung: Aus der Binsenwahrheit, dass man Sollsätze aus Seinssätzen allein nicht logisch ableiten kann, dass also jede politische Stellungnahme auch einen Kern persönlicher Willensentscheidung enthält, und aus der von den meisten gebilligten Forderung, dass bei der Diskussion um politische Werte die persönliche Meinung eines Wissenschaftlers nicht mehr wiegen solle als die eines anderen Bürgers.