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Soziale Marktwirtschaft auf dem Prüfstand

 

 

Gliederung:

 

1. Einführung

 

2. Falsche Problemstellung:

    2.1 soziale versus wirtschaftliche Ziele

    2.2 Gesinnungsethik versus Verantwortungsethik

    2.3 Gebote versus Verbote

    2.4 Nivellierung versus Maximin-Prinzip

    2.5 Kollektivismus versus Individualismus

   

3. Erneuerung

    3.1 effektive Wettbewerbskontrolle

    3.2 Kapitalgesellschaft und Haftung

    3.3 Internalisierung der externen Kosten

    3.4 negative Einkommensteuer anstelle Sozialhilfe

    3.5 Bildung eines sekundären Arbeitsmarktes

    

 

2.4 Nivellierung versus Maximin-Prinzip

 

Auch im Hinblick auf die Frage, welche Verteilung der materiellen Ressourcen auf die einzelnen Bürger als gerecht anzusehen ist, bestehen zwischen den einzelnen Weltbildern beachtliche Unterschiede.

 

In der philosophischen Diskussion über die Gerechtigkeitsidee besteht allerdings zunächst einmal eine beachtlich große Übereinstimmung. Die Forderung, jeder Einzelne sollte ein gleichhohes Einkommen beziehen und Einkommen und Vermögen sollten also vollkommen auch auf alle Bürger gleich verteilt werden (die Forderung nach absoluter Egalität also), wird von kaum einer politischen Partei oder Weltanschauung geteilt.

 

Es war im Grunde in der Zeit der französischen Revolution von 1789 nur eine kleine urkommunistische Gruppe, welche eine totale Gleichheit (also eine  Egalität) im Hinblick auf Einkommen und Vermögen forderten. Der reale Kommunismus hatte nirgends auf der Welt jemals auch nur annähernd eine Egalität verwirklicht oder auch nur verteidigt.

 

Wenn also auch eine vollständige Egalität von fast allen politischen Leitbildern abgelehnt wird, in Einem sind sich wiederum fast alle einig: Jeder Mensch hat einen Anspruch darauf, menschenwürdig zu leben und diejenigen materiellen Ressourcen zu erhalten, welche nicht nur ein physisches Überleben, sondern auch ein menschenwürdiges Leben ermöglichen und zwar unabhängig davon, ob der einzelne Betroffene aufgrund eigenes Verschuldens oder aufgrund persönlicher Schicksalschläge in Armut gefallen ist. Dieser Anspruch wird z. B. in Artikel 1 des Grundgesetzes der BRD postuliert und steht deshalb als Forderung auch nicht mehr ernsthaft in Frage.

 

Es besteht weiterhin weitgehend Einigkeit darüber, dass die Menschen sich sehr wohl in der Leistungsbereitschaft unterscheiden und dass derjenige, welcher mehr leistet, auch ein höheres Einkommen erhalten sollte. Des Weiteren entspricht es der allgemeinen Überzeugung, dass neben der erbrachten individuellen Leistung aber auch Bedarfselemente die Einkommensverteilung bestimmen sollten. Zwar nicht in dem Sinne, dass das subjektiv empfundene Bedarfsgefühl darüber entscheiden sollte, wie viel Einkommen Jeder zu beanspruchen habe, sondern allein in dem Sinne, dass ganz bestimmte objektiv bestimmbare Bedarfselemente bei der Verteilung berücksichtigt werden sollten.

 

So besteht einerseits weitgehend Einigkeit, dass ein Arbeitnehmer (gleichgültig welchen Geschlechts), welcher Kinder zu ernähren hat, gegenüber einem Ledigen trotz gleicher Leistung am Arbeitsplatz einen höheren Lohn zu beanspruchen hat. Dies bedeutet allerdings nicht, dass der einzelne Unternehmer seine Arbeitnehmer nach Familienstand zu entlohnen hat, eine solche Forderung würde die Unternehmer überfordern und den Wettbewerb lahmlegen.

 

Auch kann man ja davon sprechen, dass die Aufzucht und Erziehung von Kindern ebenfalls eine Leistung darstellt, welche allerdings nicht gegenüber dem Arbeitgeber, sondern gegenüber der Gesamtgesellschaft erbracht wird. Ohne Regeneration der Bevölkerung durch Geburten wäre die Versorgung der alten nicht mehr erwerbsfähigen Bürger ernsthaft gefährdet. Es ist deshalb auch die Aufgabe des Staates, den einzelnen Bürger für diese Leistungen zu entlohnen.

 

Andererseits wird ganz allgemein die Forderung erhoben, dass die sozialen Risiken im Zusammenhang mit Krankheit, Unfall und Invalidität zumindest zum Teil von der Gesamtgesellschaft zu tragen sind, da auf der einen Seite der Einzelne die Risikenursachen zumeist gar nicht durch eigenes, fehlerhaftes Verhalten verursacht hat und da auf der anderen Seite die mit diesen Risiken verbundenen Kosten zum Teil so immens hoch sind, dass sie der Einzelne mit seinem Einkommen keineswegs allein tragen kann.

 

Trotz dieser Gemeinsamkeiten unterscheiden sich Liberalismus und Sozialismus im Hinblick auf die Frage nach Gerechtigkeit zumindest in zwei wesentlichen Punkten. Auf der einen Seite messen Sozialisten die Leistung des Einzelnen an dem subjektiven Einsatz eines Arbeitenden, dem sogenannten Arbeitsleid. Demgegenüber sehen Liberale die Leistung des Einzelnen an der durch ihren Einsatz verursachten Wohlstandssteigerung für die Gesamtgesellschaft.

 

Danach ist für die Bestimmung der Leistungshöhe im Rahmen des Liberalismus auch nicht in erster Linie entscheidend, welche subjektiven Beeinträchtigungen bei der Erstellung eines Produktes eingetreten sind. Ein Arbeitnehmer mag im Zusammenhang mit der Erstellung eines Produktes noch so sehr physische Anstrengungen erfahren haben, wenn dieses Produkt beim Konsumenten keinen Bedarf deckt und wenn also dieses Produkt aus der Sicht des Konsumenten keinen Wert hat, dann wird auch im Rahmen des liberalen Weltbildes von keiner Leistung und keinem Beitrag gesprochen. Es liegt dann an dem einzelnen Arbeitnehmer, sich Beschäftigungen zuzuwenden, welche auch für potentielle Konsumenten einen Nutzenzuwachs hervorrufen.

 

Bei dieser Ausrichtung des Leistungsgedanken am jeweiligen Beitrag zur allgemeinen Wohlstandssteigerung ist es keinesfalls Voraussetzung, dass nur dann von Leistung gesprochen wird, wenn sie durch Arbeit hervorgerufen wurde. Dem Erfinder Edison mag die Entdeckung der Erzeugung von Licht ohne physische Anstrengung eingefallen sein, trotzdem hat er der gesamten Bevölkerung auf der Welt eine enorme Wohlstandssteigerung gebracht und deshalb gilt seine Leistung als besonders hoch, obwohl er vermutlich in diesem Zusammenhange nur wenig physische Arbeit geleistet hatte.

 

Liberale und Sozialisten unterscheiden sich im Hinblick auf die Idee der Gerechtigkeit zweitens auch darin, dass für Sozialisten eine Zunahme der Differenzierung in Einkommen und Vermögen per se als etwas Unerwünschtes und Ungerechtes gesehen wird, sofern diese Ungleichheit nicht mit unterschiedlicher Arbeitsleistung begründet werden kann. Und da die Höhe des Einkommens der Millionäre und Milliardäre nur in stark begrenztem Maße durch Unterschiede in der physischen Arbeit erklärt werden kann, gilt jeder Anstieg in der Differenzierung ab einem bestimmten Level für ungerecht.

 

Von Seiten der Sozialdemokraten und der Linken Partei werden seit einiger Zeit vor allem folgende Entwicklungen in der Verteilung von Einkommen und Vermögen kritisiert. Als erstes wird festgestellt, dass ein immer größer werdender Prozentsatz der Bevölkerung mit seinem persönlichen Einkommen unter die Armutsgrenze falle. Als zweites wird moniert, dass die Differenzierung in den Einkommen und Vermögen in den letzten Jahren angestiegen sei. 

 

Befassen wir uns mit diesen beiden Argumenten etwas genauer. Der These, dass die Armut gerade in den letzten Jahren angestiegen ist, liegt die in Europa übliche Armutsdefinition zugrunde. Danach gilt als arm jeder, welcher ein persönliches Einkommen erzielt, das mehr als 40% unter dem Durchschnittseinkommen aller Bürger liegt. Und als armutsgefährdet gilt weiterhin derjenige, dessen Einkommen unter 60% des Durschnittseinkommens liegt.

 

‚Arm sein‘ bedeutet jedoch zunächst, dass ein armer Mensch nicht über die materiellen Güter verfügt, welche er unbedingt benötigt, um ein menschenwürdiges Leben führen zu können. Ob diese Bedingung gegeben ist, kann im Prinzip objektiv festgestellt werden und hängt vor allem nicht davon ab, welche Einkünfte die jeweils Anderen haben.

 

Eine Definition, welche die Armut vom Einkommen der Anderen abhängig macht, bringt mehrere Schwierigkeiten mit sich.

 

Nehmen wir als Erstes den Fall, dass ein bestimmter Bürger bisher über Einkünfte verfügt habe, welche gerade knapp über dieser Armutsgrenze lagen. Er galt also bisher nicht als arm oder armutsgefährdet. In der Zwischenzeit seien die Einkommen allgemein stark gestiegen, während der zu untersuchende Bürger eine geringe Einkommenssteigerung erfahren habe. Nach allgemeinem Verständnis würde man davon sprechen, dass auch er eine – wenn auch geringe – Wohlfahrtssteigerung erfahren habe, also nicht ärmer geworden ist, nach der hier zu diskutierenden Definition bestünde jedoch die Gefahr, dass sein Einkommen nun unter die Armutsgrenze gefallen wäre, da seine Einkommenssteigerung deutlich geringer als beim Durchschnitt der Bürger ausgefallen ist.

 

Nehmen wir als zweiten Fall eine Volkswirtschaft, welche wie z. B. einige Golfstaaten aufgrund eines reichlichen Ölvorkommens ein sehr hohes Durchschnittseinkommen aufweist. Da es hier sehr viele Millionäre und sogar Milliardäre gäbe, könnte hier der Fall eintreten, dass bei Anwendung dieser Armutsdefinition auch ein Millionär als armutsgefährdet angesehen werden muss, da das Durschnittseinkommen aller Bürger immens hoch ist. Auch eine solche Einstufung widerspricht eindeutig dem allgemeinen Verständnis von Armut.

 

Nehmen wir einen dritten Fall. Betrachten wir die Einkommenssituation in einem der ärmsten Volkswirtschaften Afrikas. Zwar gibt es auch hier einige wenige Superreiche, aber die Armut unter der Bevölkerung ist so groß, dass auch der Durchschnitt der Einkommen nahe oder sogar unter dem Existenzminimum liegt. Hier würden unter Umständen viele Individuen als nicht armutsgefährdet anzusehen sein, obwohl nach allgemeinem Verständnis deren Einkommen geringer ist, als das, was als Existenzminimum im absoluten Sinne zu gelten hat.

 

In gleichem Sinne müsste die Geschichte umgeschrieben werden. Nach allgemeiner Überzeugung konnte zu Beginn der Industrialisierung die Masse der Arbeiter kaum Einkünfte erwerben, welche das Existenzminimum abgesichert hätte, obwohl sie 12 bis 14 Stunden pro Tag arbeiteten und auch die Kinder zur Arbeit herangezogen wurden. Nach allgemeinem Verständnis lag hier für den größten Teil der industriellen Arbeiter Armut vor. Da aber in dieser Zeit zu Beginn der Industrialisierung auch das Durchschnittseinkommen äußerst gering war, müsste nach dieser Definition ein Großteil der damals lebenden Industriearbeiter als nicht armutsgefährdet angesehen werden, trotz ihrer offensichtlichen Armut.

 

Bringen wir ein letztes Beispiel. Nehmen wir einmal an, die 100 reichsten Individuen dieser Welt würden beschließen, sich alle in der BRD niederzulassen. Aufgrund ihres immens hohen Einkommens würde zwar das Steueraufkommen ansteigen. Da diese Individuen auch darum wetteifern, wer den höchsten Betrag für gemeinnützige Stiftungen aufwendet, würden vermutlich auch einige soziale Einrichtungen gestärkt. Niemand würde durch diesen Beschluss unmittelbar ärmer werden. Trotzdem müsste bei Anwendung dieser Armutsdefinition auch hier wiederum davon gesprochen werden, dass die Armutsgefährdung stark angestiegen sei.

 

Wenn man schon die Armut mit Hilfe eines relativen Maßstabes messen möchte, warum wählt man dann das arithmetische und nicht das häufigste Mittel, den sogenannten modalen Wert? In diesem Falle wären zumindest die Fehlerquellen wesentlich geringer.

 

Wenden wir uns nun dem zweiten Vorwurf zu, die Differenzierung in den Einkommen und Vermögen werde immer größer und es bedürfe deshalb nivellierender Maßnahmen. Dies ist übrigens eine Feststellung, welche auch schon sehr viel früher getroffen wurde. So war Wilhelm Krelle bereits in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts (!) in einer empirischen Untersuchung zu dem Ergebnis gekommen, dass 1,7 % der (reichsten) privaten Haushalte 74% des Produktivvermögens besitzen.

 

Auch in diesem zweiten Vorwurf setzt sich die Tendenz fort, die Gerechtigkeit vorwiegend an relativen Maßstäben zu messen. Es wird als ausgesprochen ungerecht angesehen, wenn der Abstand zwischen dem ärmsten und reichsten Bürger ansteigt.

 

Aber auch hier wiederum muss in Frage gestellt werden, ob es sinnvoll ist, das Ausmaß an Ungerechtigkeit ausschließlich oder vorwiegend an der Differenzierung der Einkommen und Vermögen zu messen. Der Philosoph John Rawls hatte mit seinem Vorschlag, die materielle Gerechtigkeit nach der Maximin-Regel zu bestimmen, ganz im Gegensatz hierzu einen absoluten Maßstab vorgeschlagen.

 

Danach gilt eine wirtschaftspolitische Maßnahme, welche das Einkommen der ärmsten Einkommensgruppe absolut und realiter verbessert auch dann als gerechtfertigt, wenn auf diesem Wege die Einkommensdifferenzierung weiter ansteigt, also die schon Reichen noch reicher werden. Für die verteilungspolitische Beurteilung einer Maßnahme sollte danach nur die Frage gelten, wie sich die materielle Lage der Ärmsten unserer Gesellschaft verändert hat.

 

Dieses Urteil bedeutet nicht unbedingt, dass eine steigende Differenzierung der materiellen Wohlfahrt stets hingenommen werden sollte. So muss z. B. befürchtet werden, dass mit den Unterschieden in der weltweiten Wohlfahrtsdifferenzierung die Gefahr sozialer Revolutionen ansteigt und dass aus diesen Gründen Maßnahmen zum Abbau der materiellen Differenzierung notwendig werden. Hier handelt es sich aber um sicherheits- und eben nicht verteilungspolitische Zielsetzungen.

 

Bleiben wir aber bei der verteilungspolitischen Betrachtung. Wenn man davon ausgehen könnte, dass jede Reduzierung der Einkommens- und Vermögensverteilung den Arbeitnehmern aus den niedrigeren Einkommensklassen zugute käme, könnte man immer noch davon sprechen, dass eine Nivellierung zwar nicht als ein letztliches verteilungspolitisches Ziel mit einem hohen Eigenwert, aber doch als ein erstrebenswertes Mittel zur Erreichung von mehr Gerechtigkeit angesehen werden könnte.

 

Aber gerade diese Schlussfolgerung ist nicht richtig. Nivellierungsprozesse führen sehr oft zu einer langfristig betrachtet geringeren Wachstumsrate im realen Einkommen gerade auch bei den Empfängern geringerer Einkommen.

 

Als erstes müssen wir nämlich davon ausgehen, dass das wirtschaftliche Wachstum entscheidend davon abhängt, wie groß der Anteil des Volkseinkommens ist, der gespart wird. Wenn die gesamtwirtschaftliche Sparrate ansteigt, kann mehr investiert werden und damit die Wachstumsrate erhöht werden. Je höher nun das jeweilige Einkommen eines Individuums ist, um so höher ist auch die Summe seiner Ersparnisse.

 

Dies bedeutet jedoch, dass eine Nivellierung in den Einkommen zu einer Verringerung der Gesamtersparnis und damit zu einer Verringerung in der gesamtwirtschaftlichen Sparrate führt. Reduzieren wir also die Einkommensdifferenzierung, so mag zwar in den ersten Jahren das Einkommen der Arbeitnehmer höher liegen als ohne diese Nivellierungsmaßnahme.

 

Da aber die Wachstumsrate aller Einkommen nun geringer ausfällt, gibt es in naher Zukunft einen Zeitpunkt, von dem ab das absolute, reale Lohneinkommen niedriger ausfällt als es ohne diese Nivellierung gewesen wäre.

 

Folgende Graphik zeigt, dass bei einer Reduzierung der Einkommensdifferenzierung das Lohneinkommen zwar in der Gegenwart ansteigt, dass aber langfristig das Lohneinkommen ab einem bestimmten Zeitpunkt geringer ausfällt, als wenn die Einkommensverteilung einen höheren Differenzierungsgrad aufweisen würde.

 

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Als zweites hängt jedoch das wirtschaftliche Wachstum nicht nur davon ab, wie viel gespart wird, sondern auch wie hoch die Bereitschaft ist, beim Sparen Risiken einzugehen. Die Produktion ist in einer freiheitlichen Marktwirtschaft durch hohe Risiken geprägt. Eine Unternehmung muss stets damit rechnen, dass die Nachfrage nach seinen Produkten geringer ausfällt als in der Vergangenheit, weil sich die Konsumenten anderen Produkten zuwenden oder weil neue Konkurrenten Kunden abwerben. Oder aber es können schließlich im Produktionsprozess unerwartete Ausfälle entstehen.

 

Diese Risiken sind noch viel höher, wenn nicht die augenblickliche Produktion zur Diskussion steht, sondern durch Investitionen die Produktionsanlagen erneuert werden sollen. Jede Investition zeichnet sich dadurch aus, dass sie die Produktion für mehrere Jahre zu unterstützen hat und dies bedeutet wiederum, dass die Wahrscheinlichkeit dieser auch schon bei der täglichen Produktion auftauchenden Kostensteigerungen und Erlösminderungen ansteigt, je länger die Investitionsperiode andauert.

 

Besonders groß ist das Risiko dann, wenn die Unternehmungen in neue Technologien investieren, hier kommt zu den allgemeinen Risiken noch die weitere Tatsache hinzu, dass noch gar nicht sicher ist, ob die neue Technik erfolgreich ist und ob die geplanten neuen Güter überhaupt von den Konsumenten nachgefragt werden. Hier fehlen ja alle Erfahrungen aus der Vergangenheit.

 

Nun gilt es zu berücksichtigen, dass die Empfänger geringer Einkommen nicht nur bedeutend weniger sparen können, sondern dass ihre ohnehin geringe Sparbereitschaft zum größten Teil gar nicht im Produktionsprozess eingesetzt wird, sondern für die Anschaffung von Wohneigentum und von Wohnungseinrichtungen verwandt wird und dort, wo tatsächlich Ersparnisse für produktive Tätigkeiten eingesetzt werden, möglichst risikoarme Investitionen bevorzugt werden.

 

Je mehr das Vermögen breit gestreut wird, um so geringer ist die Bereitschaft, Investitionsrisiken einzugehen. Wer über sehr viel Vermögen verfügt, kann sein Kapital in verschiedene Objekte einsetzen und gerade auf diese Weise sein Risiko vermindern.

 

Zwar gilt auch für ihn, dass einige Investitionsprojekte zu Verlusten führen werden, diesen Projekten stehen jedoch fast immer andere gegenüber, welche besonders hohe Erträge erbracht haben. Insgesamt ist zwar der erwartete Gesamtertrag aus allen Projekten geringer als erwartet, er bleibt jedoch aufgrund der Streuung positiv, Verluste per Saldo sind hier sehr unwahrscheinlich.

 

Ganz anders sieht die Situation derjenigen aus, welche nur über eine geringe Vermögenssumme verfügen. Sie können sich nur an einer einzigen Investition oder an ganz wenigen Projekten beteiligen, erleiden jedoch gerade dann, wenn eine Investition zu Verlusten führt, einen Gesamtverlust; und gerade aufgrund dieses viel höheren persönlichen Risikos ist die Risikobereitschaft bei Personen mit geringem Vermögen bedeutend geringer.

 

Dies bedeutet, dass Versuche einer radikalen Umverteilung der Vermögen notwendiger Weise dazu führen werden, dass insgesamt sehr viel weniger Risikokapital angeboten wird und dass aus diesen Gründen das wirtschaftliche Wachstum und damit auch das absolute Einkommen der Empfänger geringerer Einkommen langfristig geringer ausfallen wird.

 

Nun mag man einwenden, dass doch durch die Einführung von Aktiengesellschaften die Möglichkeit geschaffen wurde, dass auch kleine Kapitalsummen dadurch investiv angelegt werden können, dass sich das Gesamtkapital einer Unternehmung aus vielen kleinen Kapitalanlagen zusammensetzt und dass durch die Einrichtung von Aktienfonds auch denjenigen, welche nur über eine kleine Vermögenssumme verfügen, die Möglichkeit eingeräumt wurde, ihr Vermögen zu streuen und auf diesem Wege das Risiko zu vermindern.

 

Dies mag im Prinzip richtig sein. Es ist trotzdem hierdurch nicht viel gewonnen, da Aktionäre immer nur mit ihrer Einlage haften, also Aktienkapital einer beschränkten Haftung unterliegt und gerade deshalb für Investitionen mit hohem Risiko nur begrenzt eingesetzt werden kann.

 

 

2.5 Kollektivismus versus Individualismus

 

Die Finanzpolitik im weiteren Sinne dient auf der einen Seite der Finanzierung der vom Staat erstellten Kollektivgüter und auf der anderen Seite dazu, die Umverteilungsziele zu realisieren. Im Rahmen der Keynesianischen Politik versuchte man drittens über die Finanzpolitik Einfluss auf die gesamtwirtschaftlichen Größen wie auf den Beschäftigungsgrad, die Geldwertstabilität sowie das wirtschaftliche Wachstum Einfluss zu nehmen.

 

Hierbei gilt es daran zu erinnern, dass der von Walter Eucken entwickelte Ordoliberalismus keineswegs ablehnt, dass die Ergebnisse des Marktes aus übergeordneten sozialen Gründen korrigiert werden. Nochmals sei darauf hingewiesen, dass es das kulturelle System ist, welches die  einzuhaltenden letztlichen Werte bestimmt und dass es Aufgabe des politischen Systems ist, diese Werte auf dem Wege positiver und negativer Anreizsysteme zu garantieren und dass es alleinige Aufgabe des wirtschaftlichen Systems ist, sicherzustellen, dass diese dem Wirtschaftssystem vorgegebenen Ziele soweit wie immer nur möglich trotz Knappheit der materiellen Ressourcen realisiert werden können.

 

Befassen wir uns zunächst mit der Ausstattung einer Bevölkerung mit Kollektivgütern. Es ist Aufgabe des Staates, die für eine reibungslose Verwirklichung der staatspolitischen Ziele notwendigen Infrastrukturen (wie etwa Bildung, Verkehr, Sicherheit) zu gewährleisten. Die ursprüngliche Aufgabe der Finanzpolitik besteht darin, dem Staat die Finanzierungsmittel zu besorgen, welche für die Erstellung der Kollektivgüter notwendig sind. In diesem Sinne hatte Knut Wicksell die Steuer als den Preis für diese Kollektivgüter verstanden.

 

Nun müssen wir uns darüber klar sein, dass die Frage, welchen Anteil am gesamten Inlandsprodukt die Kollektivgüter einnehmen sollen, eine Bewertung darstellt und dass die Frage, welcher Anteil als notwendig und ausreichend angesehen wird, deshalb vom Staat aufgrund einer politischen Bewertung entschieden und nicht mit Hilfe der Wissenschaft beantwortet werden kann. Und in der Tat sind die Vorstellungen über einen optimalen Anteil der Kollektivgüter am Inlandsprodukt von Bevölkerung zu Bevölkerung sehr unterschiedlich.

 

Wir können hierbei zwischen zwei verschiedenen Grundhaltungen unterscheiden: dem Kollektivismus und dem Individualismus. Der Individualismus geht davon aus, dass die Frage, wie die knappen materiellen Ressourcen einer Volkswirtschaft auf die einzelnen Güterarten verteilt werden sollen, eine Entscheidung jedes einzelnen Individuums sein sollte. Nicht der Staat wisse es besser, was für den Einzelnen gut sei und für welche Verwendungen die Einkommen die knappen Ressourcen eingesetzt werden sollen.

 

Natürlich geht auch der Individualismus davon aus, dass ein Minimum an kollektiven Lösungen stets notwendig ist, man strebt jedoch in dieser Richtung entsprechend dem Subsidiaritätsprinzips an, die einzelnen wirtschaftlichen Probleme soweit wie nur möglich individuell zu lösen und nur dann zu einer kollektiven Lösung zu greifen, wenn bestimmte Aufgaben von den einzelnen Individuen gar nicht befriedigend gelöst werden können.

 

Der Individualismus entscheidet sich für einen möglichst großen Anteil der individuellen Güter am Inlandsprodukt vor allem deshalb, weil er der Überzeugung ist, dass auf der einen Seite auf diese Weise insgesamt eine größere materielle Wohlfahrt erzielt werden kann und dass auf der anderen Seite eine individuelle Lösung in aller Regel deshalb vorzuziehen ist, weil eine kollektive Lösung für alle Individuen gleich ausfällt und damit auf die großen Unterschiede im Bedarf der einzelnen Individuen bei einer kollektiven Lösung gar nicht eingegangen werden kann.

 

Dass eine individuelle Lösung im Allgemeinen einen größeren Wohlstand hervorbringen kann, liegt daran, dass die individuellen Anstrengungen fast immer größer sind als Entscheidungen zugunsten anderer, weil der einzelne Handelnde einerseits unmittelbarer Nutznießer seiner Entscheidungen ist, anderseits aber auch entsprechend dem Haftungsprinzip den Verlust seiner Entscheidungen selbst tragen muss und deshalb gezwungen ist, Unsicherheiten seiner Entscheidung möglichst realistisch einzuschätzen.

 

Nachteile einer individuellen Lösung bestehen einmal darin, dass sie stets zu einer mehr oder weniger großen Differenzierung in den Einkommen führen. Dies hängt damit zusammen, dass sich die einzelnen Individuen sowohl in der Leistungsbereitschaft wie auch vor allem in der Leistungsfähigkeit stark unterscheiden und dass deshalb auch die individuelle Einkommenshöhe entsprechend dieser Unterschiede ebenfalls unterschiedlich ausfällt.

 

Allerdings ist es falsch, daraus den Schluss zu ziehen, dass kollektive Systeme stets gerechter ausfallen als Individualsysteme. Da nämlich individuelle Systeme ein höheres Durchschnittseinkommen möglich machen, kann das Einkommen der Ärmsten bei einer individuellen Lösung absolut und real immer noch höher sein als bei einer kollektiven Lösung.

 

Je höher die Differenzierung der Einkommen tatsächlich ist, um so mehr wird – wie bereits erwähnt – gesamtwirtschaftlich gespart, da die Sparfähigkeit und der Sparwille mit wachsendem Einkommen ansteigt. Gleichzeitig steigt mit dem Einkommen auch die Bereitschaft, Risiken zu übernehmen, was sich wohlfahrtssteigernd auswirkt. Durch eine Nivellierung könnte zwar unter Umständen das augenblickliche Einkommen der unteren Einkommensklassen erhöht werden, wegen der dann geringeren Wachstumsrate würde jedoch – wie bereits weiter oben gezeigt – der Anstieg auch in den unteren Einkommensklassen geringer ausfallen als bei einer höheren Differenzierung mit der Folge, dass es in der Zukunft einen Zeitpunkt gibt, in dem gerade bei einer individuellen Lösung auch die Empfänger unterer Einkommensklassen ein höheres Einkommen als bei Nivellierung beziehen werden.

 

Darüber hinaus bringt ein individualistisches System den einzelnen Individuen auch eine wesentlich höhere Unsicherheit als in einem kollektivistischen System. Ein marktwirtschaftliches System zeichnet sich dadurch aus, dass die Konsumenten darüber frei entscheiden können, wie sie ihr Einkommen verwenden können, sie können jederzeit ihre Entscheidungen korrigieren und diese Freiheit hat einen Preis. Die Produzenten können nie sicher sein, wie viel Güter nachgefragt werden und tragen auf diese Weise stets ein hohes Risiko, das sich auch nicht über Versicherungslösungen auflösen lässt. Darüber hinaus finden in einem freiheitlichen System stets Änderungen der Technik statt, welche zwar die allgemeine Produktivität erhöhen, aber gleichzeitig erneut große Unsicherheiten schaffen.

 

Von diesen Unsicherheiten sind nicht nur die Unternehmer, sondern alle Produktionsfaktoren und damit auch die Arbeitnehmer betroffen. Wenn die Produktion einzelner Güter verringert werden muss, weil entweder die Konsumenten ihre Nachfrage auf andere Güter richten oder weil bestimmte Produkte aufgrund technischer Erneuerungen nicht mehr nachgefragt und damit erzeugt werden, werden stets auch Arbeitsplätze vernichtet und die hiervon betroffenen Arbeitnehmer müssen nach anderen Arbeitsplätzen Ausschau halten. Wir werden allerdings weiter unten sehen, dass durch Schaffung eines sekundären Arbeitsmarktes verhindert werden könnte, dass Arbeitnehmer hierdurch vorübergehend arbeitslos werden.

 

Werden hingegen in einem kollektivistischen System vorwiegend Kollektivgüter produziert, lässt sich im Großen und Ganzen diese Unsicherheit vermeiden, da ja hier Anbieter und Nachfrager nach den einzelnen Leistungen zusammenfallen. Es ist der Staat, der auf der einen Seite festlegt, welche Güter produziert und damit welche Bedürfnisse befriedigt werden sollen, aber auf der anderen Seite auch die Produktion eben dieser Güter überwacht. Die staatliche Behörde kann sich somit im Prinzip sicher sein, dass die Güter, welche produziert wurden, dann auch nachgefragt werden.

 

Halten wir also fest: Ein freiheitliches System bringt zwar sowohl eine höhere durchschnittliche materielle Wohlfahrt und sorgt auch dafür, dass die Produktion besser an den unterschiedlichen Bedürfnissen der Bevölkerung ausgerichtet wird, diese Vorteile haben jedoch einen Preis, der darin besteht, dass freiheitliche Systeme immer eine gewisse Einkommensdifferenzierung zur Folge haben und dass auch die wirtschaftlichen Entscheidungen für alle mit einer hohen Unsicherheit verbunden sind, für die Unternehmer in höherem, für die Arbeitnehmer in geringerem Maße.

 

Und da es sich bei diesen Fragen um Wertprobleme handelt, welche mit wissenschaftlichen Mitteln allein nicht abschließend entschieden werden können, ist es auch nicht möglich, auf wissenschaftlichem Wege diese Fragen eindeutig zu entscheiden. Es ist stets eine politische Entscheidung, für welches System: für den Kollektivismus  oder für den Individualismus man sich entscheidet.

 

Wohl aber kann die Wissenschaft aufzeigen, welche Folgen eine Entscheidung in dieser Frage hat. Es ist eine Utopie zu meinen, man könne die Vorteile beider Lösungen in einem kollektiven System vereinen und eine geringe Einkommensdifferenzierung und geringe Risiken mit einem hohen Wohlstand und einer Ausrichtung der Produktion an den unterschiedlichen individuellen Wünschen verbinden. Die Politik hat sich vielmehr zu entscheiden, was ihr wichtiger erscheint: hohe Wohlfahrt, die Möglichkeit individueller Entscheidungen sowie eine hohe Selbstverantwortung oder eine etwas geringere Wohlfahrt, einheitliche Lösungen für alle und ein hohes Maß an Fremdbestimmung.

 

Und dies bedeutet, dass es aus wirtschaftlicher Sicht allein gar nicht möglich ist, festzulegen, wie die materiellen Ressourcen auf Individualgüter und Kollektivgüter aufgeteilt werden sollten. Dies festzulegen, ist alleinige Aufgabe der politischen Systeme. Hierbei ist davon auszugehen, dass sich die Bevölkerungen der einzelnen Nationen sehr wohl in der Frage unterscheiden, welcher Kollektivgüteranteil politisch erwünscht ist.

 

Aufgabe der Wirtschaftswissenschaft besteht in diesem Zusammenhang allein darin, festzustellen, welche Folgerungen sich aus der Entscheidung zugunsten eines Individualismus oder eines Kollektivismus ergeben werden.

 

 

Fortsetzung folgt!