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Macht, Machtmissbrauch u. Machtkontrolle (6)

 

 

Gliederung:

 

0. Die Entstehung von Macht

1. Das Machtmonopol des Staates

2. Gewaltenteilung u. die Bedeutung der Opposition

3. Vollständige Konkurrenz und countervailing powers

4. Die Glaubensfreiheit

5. Die Pressefreiheit

6. Streik und Aussperrung

7. Die Macht im Betrieb

8. Die Macht in der Familie

9. Informelle Macht

 

 

8. Die Macht in der Familie

 

Zunächst mag man sich verwundern, dass in einer Abhandlung über Macht und Machtmissbrauch die Familie als Ort des Machtmissbrauches überhaupt Erwähnung findet. Wenn wir die Bedeutung dieses Themas an der Anzahl von Personen messen, denen gegenüber Macht ausgeübt wird oder nach dem Umfang an Schaden fragen, welcher durch Machtmissbrauch verursacht wird, ist diese Skepsis sicherlich berechtigt. Verglichen mit den großen Gesellschaftssystemen der Religion, der Politik der Wirtschaft handelt es sich bei der Machtausübung innerhalb einer einzelnen Familie sicherlich um relativ geringe Größen.

 

Wenn trotzdem die Gefahr von Machtmissbrauch auch in den Familien zu beobachten ist, so liegt dies auf der einen Seite daran, dass nach einem Sprichwort des Volksmundes auch Kleinvieh Mist macht, will besagen, dass zwar der Umfang an Machtmissbrauch solange geringfügig erscheint als wir nach dem Machtmissbrauch innerhalb einer einzelnen Familie fragen. Wir haben aber zu berücksichtigen, dass es eben eine Vielzahl von Familien gibt, dass die Zahl der einzelnen Familien verglichen mit der Anzahl der Gesellschaftssysteme geradezu enorm erscheint, sodass in der Summe der einzelnen durch Missbrauch hervorgerufenen Delikte diese Zahl trotzdem sehr hoch ist.

 

Auf der anderen Seite gilt es daran zu erinnern, dass jedes einzelne Unrecht gegen Menschen verabscheuungswürdig ist und nicht bereits deshalb klein geredet werden darf, dass dieses Unrecht nur an einem kleinen Kind oder an einer sehr geringen Anzahl von Jugendlichen verübt wurde. Hier gilt der Satz: ‚jedes einzelne Delikt ist ein Delikt zu viel‘.

 

Die Machtfülle, mit der die Eltern im Allgemeinen ausgestattet sind, entsteht aufgrund zweierlei Tatbestände. Auf der einen Seite geschieht das Geschehen innerhalb der Familie in abgeschlossenen Räumen, die vom Staat auch als Intimsphäre geschützt werden. Die abgeschlossene Wohnung gilt im Allgemeinen nicht  nur für die Nachbarn, sondern eben auch grundsätzlich für die staatlichen Behörden als tabu, nur in einigen wenigen vom Gesetzgeber genau abgegrenzten Fällen und auch nur aufgrund eines richterlichen Beschlusses darf der Staat in diese Intimsphäre eindringen.

 

Auch die bloße große Anzahl von Familien würde es dem Staate unmöglich machen, in diese Intimsphäre in großem Stile einzudringen. Diktatoren haben zwar schon immer den Versuch gemacht, trotzdem in diese Intimsphäre einzudringen, z. B. dadurch, dass Nachbarn aufgefordert und belohnt werden, ihre Nachbarn zu bespitzeln oder dadurch, dass heranwachsende Jugendliche aufgefordert werden, das Verhalten ihrer Eltern der Geheimpolizei zu melden.

 

Auf der anderen Seite ist der Abstand der Machtfülle zwischen Eltern und ihren Kindern vor allem im Kleinkindalter enorm groß. Die Menschen kommen ja nicht als fertige, mit allen Fähigkeiten ausgestattete Lebewesen auf die Welt, erst der langwierige Erziehungsprozess in der Familie sowie auch die physische Entwicklung führt dazu, dass die Heranwachsenden allmählich befähigt werden, sich gegen Übergriffe anderer Menschen zu erwehren.

 

Dieser Umfang an elterlicher Macht gegenüber ihren Kindern hat sich im Verlaufe der geschichtlichen Entwicklung allerdings entscheidend gewandelt. Nehmen wir das römische Reich im geschichtlichen Altertum. Dem pater familias, dem Familienvater, war im römischen Reich eine unbegrenzte Machtfülle gegenüber seinen Kindern eingeräumt, die nicht nur darin bestand, dass der Vater seine Kinder bei Verfehlungen hart bestrafen durfte, sondern auch darin, dass diese Macht sogar die Entscheidung über Leben oder Tod mit einschloss.

 

Auch dann, wenn die Befugnisse der Eltern im Mittelalter gegenüber der Machtfülle des pater familias stark eingeschränkt waren, blieb jedoch trotzdem eine sehr große Machtfülle der Eltern gegenüber ihren Kindern bestehen.

 

In der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg schlug das Pendel um und es wurde unter dem Stichwort der Forderung nach einer nichtautoritären Erziehung die Vorstellung entwickelt, die Eltern hätten nicht das Recht, den Kindern Vorschriften zu machen, man vertraute darauf, dass in einer Art laisser faire die Kinder von selbst erzogen würden.

 

De facto bedeutete diese Lehre, dass die Eltern sich ihrer Verantwortung entzogen und sich im Wesentlichen nur sich selbst widmeten, dass aber gerade deshalb den Heranwachsenden jede Voraussetzung entzogen wurde, dass sie in ihrer Jugend zu Menschen erzogen wurden, welche sich später verantwortungsvoll in einer demokratischen Gesellschaft  verhalten können.

 

Diese Umkehr wurde dann im Zusammenhang mit den Forderungen nach Emanzipation der Frau verstärkt. Da es nun selbstverständlich wurde, dass beide Elternteile erwerbstätig waren, blieb den Eltern gar nicht die Zeit, um ihre Kinder ausreichend zu erziehen. Es wurde notwendig, dass Kinder sehr früh nach ihrer Geburt tagsüber in Kinderhorte und Kindergärten gebracht werden konnten.

 

In diesem Zuge wurde die wachsende Tendenz, die Erziehungsaufgabe immer mehr von den Eltern auf gesellschaftliche Institutionen zu übertragen, verstärkt. Eine solche Entwicklung wurde schon deshalb notwendig, weil in der Industrie- und späteren Dienstleistungsgesellschaft die Eltern gar nicht mehr das Wissen besaßen, ihre Kinder für die  berufliche Arbeit vorzubereiten.

 

Im Mittelalter waren die Heranwachsenden schon sehr früh im elterlichen Landwirtschafts- oder Handwerksbetrieb beschäftigt. Da die Produktionstechnik mit einigen wenigen Ausnahmen immer die gleiche blieb, waren die Eltern auch in der Lage, ihren Kindern in all den Verhaltensweisen zu unterrichten, welche für die berufliche Arbeit notwendig waren.

 

Im Zuge der Industrialisierung verließen die Heranwachsenden die Familie und zogen in die Städte und mussten deshalb auch notgedrungen anderen Beschäftigungen nachgehen. Gleichzeitig veränderten sich mit der Industrialisierung die Produktionstechniken so rapide, sodass die Eltern schon aus diesen Gründen gar nicht mehr in der Lage waren, ihre Kinder auf das berufliche Leben vorzubereiten. Diese Aufgaben mussten nun von den öffentlichen Schulen übernommen werden.

 

Mit diesem Wandel verringerte sich auch die Machtfülle, welche die Eltern im Altertum und im Mittelalter über ihre Kinder hatten. Trotzdem wird man auch in der heutigen Zeit davon ausgehen können, dass den Eltern nach wie vor eine entscheidende Funktion im Erziehungsprozess verblieb. In den ersten Lebensjahren haben nämlich die Kinder das Urvertrauen und die generelle Bereitschaft zum Lernen zu erwerben und für diese Aufgabe sind die Eltern weit mehr als anonyme Erziehungsanstalten geeignet. Gerade für das Erlernen dieser Dispositionen müssen die Erzieher sehr viel Liebe und Geduld aufweisen und bereit sein, zunächst den Kindern weit mehr zu geben als sie in dieser Zeit an Freude von ihren Kindern zurückbekommen.

 

Diese für die Erziehung notwendige Bereitschaft der Erzieher ist jedoch im Allgemeinen nur von den leiblichen Eltern zu erwarten, welche nur deshalb, weil die Kinder von ihnen abstammen, zu diesen Opfern bereit sind und welche auch stolz sind, eigene Kinder hervorgebracht und erzogen zu haben.

 

Den Erziehern in den Erziehungsinstitutionen fehlt auf der einen Seite die Bereitschaft, diese Strapazen auch für fremde Kinder aufzubringen. Auf der anderen Seite wären jedoch auch die Lehrer und Erzieher überfordert, genau die gleichen Bemühungen für eine Vielzahl von Kindern aufzubringen. Man kann zwar für eine Handvoll Jugendlicher diese Strapazen auf Dauer auf sich nehmen, es ist aber physisch und psychisch ganz unmöglich, für ganze Klassen und Kindergarten diese Strapazen zu erdulden.

 

Im Zuge dieser Entwicklung wurden schrittweise die Rechte der Jugendlichen gestärkt und auf diese Weise die Machtfülle der Eltern eingeschränkt. So wurde das Alter, ab dem die Heranwachsenden Verantwortung übernehmen konnten, herabgesetzt.  Den Erziehern – sowohl den Eltern wie auch den Erziehern in den verschiedenen Erziehungsinstitutionen – wurde vor allem jede Art von körperlicher Gewalt untersagt.

 

Hierbei wurde jedoch vergessen, dass jede Erziehung nur erfolgreich sein kann, wenn dem Erzieher auch die Möglichkeit gegeben wird, das Verhalten der zu Erziehenden durch positive wie aber auch negative Anreize zu beeinflussen.

 

Wenn auch der Versuch der antiautoritären Erziehung fehlgeschlagen ist, muss dennoch davon ausgegangen werden, dass die traditionelle Erziehung genauso wenig in der Lage ist, die Heranwachsenden zu verantwortungsvollen Bürgern einer freiheitlichen Gesellschaft zu erziehen und gleichzeitig Machtmissbrauch in der Familie zu unterbinden.

 

So gehört es zu den wichtigsten Leitsätzen einer traditionellen Erziehung, die heranwachsenden Jugendlichen nicht zu verwöhnen. Das alltägliche Leben sei voll von Enttäuschungen und Entbehrungen, auf die das Kind schon sehr früh vorbereitet werden müsse. Das Leben meistern könne nur ein Individuum, das in seiner Kindheit gelernt habe, Entbehrungen zu erfahren und mit Entbehrungen umzugehen; wer hingegen in seiner Kindheit verwöhnt wurde und wem in der Jugend jeder Wunsch erfüllt wurde, scheitere im späteren Leben an den alltäglichen Enttäuschungen. 

 

An diesen Überlegungen ist sicherlich so viel richtig, dass das Alltagsleben von zahlreichen Entbehrungen und Enttäuschungen begleitet wird. Zwar ist gegenüber früheren Zeiten der Umfang der nicht erfüllten Wünsche und Bedürfnisse stark zurückgegangen. Die Wohlfahrtssteigerung in allen modernen Industrienationen hat nicht nur einer kleinen Schicht von Reichen eine enorme Verbesserung in den Lebensbedingungen gebracht, der heute realisierte Wohlstand auch mittlerer Schichten ist vielmehr ebenfalls stark angestiegen und der durchschnittliche Bürger von heute kann sich Annehmlichkeiten leisten, von denen selbst die Reichsten und Mächtigsten im Mittelalter und in der beginnenden Neuzeit nur träumen konnten.

 

Trotz dieses starken Anstieges des Wohlfahrtsniveaus einer Mittelstandsfamilie erlebt auch der heutige Mensch im Durchschnitt zahlreiche Entbehrungen. Dies gilt zunächst für alle diejenigen Personengruppen, die nicht zu den 10% reichsten Bürger in unserer modernen Gesellschaft zählen.

 

Aber selbst für die Reichsten unter uns gilt, dass sie immer noch mit Enttäuschungen rechnen müssen, weniger im Zusammenhang mit materieller Not, obwohl Superreiche durch eigene Schuld, aber auch durch persönliche Schicksalsschläge durchaus auch heute noch in materielle Not geraten können. Von größerer Bedeutung ist für diese kleine Schicht von Reichen hingegen der Umstand, dass Reichtum nicht vor Krankheit schützen kann und dass auch oder gerade die Reichen nicht 100% geschützt sein können vor Anfeindungen der Mitmenschen und vor verbrecherischen Anschlägen wie z. B. Erpressung und Entführung.

 

Vor Frustrationen – so wollen wir die Enttäuschungen und Entbehrungen jeder Art zusammenfassen – ist niemand geschützt und es ist also durchaus ein ganz generelles Anliegen, die heranwachsenden Jugendlichen auf diese Probleme vorzubereiten.

 

Dass der Umfang an Frustrationen trotz starken Anstiegs des Pro-Kopf-Einkommens der beiden letzten Jahrhunderte nicht entscheidend zurückgegangen ist, mag vor allem an zwei Tatbeständen liegen. Auf der einen Seite löst eben - wie bereits gezeigt – nicht nur materielle Not Frustrationen aus, auch die immateriellen Bedürfnisse können nicht voll befriedigt werden und Frustrationen auslösen. Ja man wird sogar vermuten können, dass mit der Zunahme in der materiellen Wohlfahrt die Bedeutung der immateriellen Ziele ansteigt und deren Nichterfüllung umso mehr Beachtung und Frustration erfährt.

 

Auf der anderen Seite hängt das Ausmaß an Frustrationen sowohl davon ab, wie viel Ziele man sich setzt als auch davon, über wie viel Ressourcen man verfügt, um diese Ziele zu erfüllen. Das Wachstum des Pro-Kopf-Einkommens sagt nur etwas darüber aus, dass der Umfang der zur Verfügung stehenden Ressourcen angestiegen ist. Der Umfang der Frustrationen hingegen wäre nur dann in gleichem Maße gesunken, wenn der Umfang der angestrebten Ziele nicht ebenfalls angestiegen wäre oder zumindest in geringerem Maße als der Ressourcenumfang zugenommen hätte. Mit dem Reichtum sind jedoch im Allgemeinen auch die Ansprüche gestiegen.

 

Insoweit können wir also der Feststellung, dass das alltägliche Leben von permanenten Frustrationen begleitet sein wird und der daraus abgeleiteten Forderung, dass die Jugendlichen auf diesen Tatbestand vorbereitet werden müssen, durchaus zustimmen.

 

Diese Zustimmung bedeutet jedoch nicht, dass jede Art der Frustrationsbewältigung erwünscht ist oder dass es zur Frustrationsbewältigung ausreicht, dafür zu sorgen, dass Jugendliche schon sehr früh Frustrationen am eigenen Leib erfahren.

 

Ganz im Gegenteil ist zu befürchten, dass Frustrationen als solche immer auch Gefährdungen mit sich bringen und dass es durchaus auch Versuche einer Frustrationsbewältigung gibt, die für die Jugendlichen – auch dann, wenn man allein auf das langfristige Interesse der Jugendlichen abhebt – schädlich ausfallen und möglichen Machtmissbrauch nicht behindern.

 

Als erstes gilt es darauf hinzuweisen, dass es im Rahmen der Frustrationsbewältigung während des Erziehungsprozesses weniger darauf ankommt, die Jugendlichen möglichst vielen Frustrationen auszusetzen, sondern ihnen zu zeigen, wie man mit Frustrationen fertig wird, ohne selbst Schaden zu nehmen, aber auch ohne anderen – den Mitmenschen – Schaden zuzufügen. Es kommt also nicht so sehr darauf an, dass Jugendliche sehr früh möglichst viel Frustrationen erfahren, sondern dass sie lernen, mit Frustrationen so umzugehen, dass weder sie noch ihre Mitmenschen größeren und vor allem bleibenden Schaden erleiden.

 

Weiterhin ist es im Allgemeinen nicht erwünscht, Frustrationen künstlich zu erzeugen. Auf der einen Seite erfahren nahezu alle Familien Frustrationen, die vollkommen ausreichen, um die Heranwachsenden mit dem Phänomen der Frustration vertraut zu machen.  Auf der anderen Seite entwickeln Jugendliche schon sehr früh ein sicheres Gespür dafür, ob Frustrationen auch für die Eltern vorgegeben sind oder von ihnen künstlich erzeugt werden.

 

Wie eine Frustration von den Jugendlichen verarbeitet wird, hängt hierbei in erster Linie davon ab, wie der Jugendliche selbst diese Frustration erfährt, ob er begreift, dass die erfahrenen Begrenzungen den Eltern selbst vorgegeben sind, sie also z. B. bestimmte Wünsche einfach deshalb nicht erfüllen können, weil es ihnen an materiellen Ressourcen mangelt. Oft erfahren Jugendliche jedoch Entbehrungen als reine Schikane, die entweder nur aufgrund der Bequemlichkeit ihrer Eltern verordnet werden oder als Strafe verstanden werden, die sie selbst als nicht gerechtfertigt halten.

 

Natürlich gibt es auch Situationen, in denen die Jugendlichen die erfahrenen Frustrationen zu Unrecht als künstlich ansehen. Hier liegt die Aufgabe der Erziehung darin, den Kindern verstandesmäßig nahezubringen, dass die Entbehrungen nicht willkürlich erfolgen. Der Einwand, dass Kleinkinder bis zu einem bestimmten Alter gar nicht verstandesmäßigen Argumenten zugänglich sind, ist zwar richtig, aber daraus folgt nur, dass die eigentliche Erziehung überhaupt erst dann beginnen kann, wenn das Kind rationalen Überlegungen zugänglich wird. Einschränkungen vor diesem kritischen Alter sind nur dann notwendig und deshalb berechtigt, wenn ohne diese Einschränkungen unmittelbarer Schaden entstünde, den es selbstverständlich abzuwehren gilt.

 

Frustrationen, die von den Jugendlichen als künstlich erfahren werden, haben in der Regel unerwünschte negative Auswirkungen. Das Kind lernt hier, dass im Umgang mit den Mitmenschen das Setzen von Entbehrungen ein Machtmittel zur Durchsetzung der eigenen Interessen darstellt, es lernt, dass es herrschende und beherrschte Individuen gibt und dass die Herrschenden den Beherrschten Entbehrungen auferlegen können und dass es darauf ankommt, möglichst zu der herrschenden Schicht zu zählen. Ein zweiter, langfristiger Aspekt ist noch von größerer Bedeutung. Der Jugendliche wird – wenn ihn eine künstlich wahrgenommene Frustration häufig trifft –, lernen, dass man auf Frustrationen aggressiv reagieren kann und auch reagieren darf. Es lernt - bestimmte eigene Grundstimmungen vorausgesetzt und wenn die Frustrationen einen bestimmten kritischen Umfang überschreiten – unter Umständen auch, in Melancholie zu versinken.

 

Frustrationen führen also dann, wenn Menschen nicht in ihrer Jugend auf die Bewältigung von Frustrationen vorbereitet wurden, oftmals zur Aggression. Die Aufgabe des Erziehenden bei der Frustrationsbewältigung besteht dann vor allem darin, aufzuzeigen, wie man auf Frustrationen anders als durch Aggression reagieren kann. Hierbei ist auch hier zunächst an die Vorbildfunktion der Erwachsenen zu erinnern. Ein Jugendlicher lernt am ehesten sinnvoll mit Frustrationen umzugehen, wenn die Erwachsenen konsequent vorleben, wie man Frustrationen sinnvoll begegnen kann und wie man in Zukunft das Auftreten von Frustrationen vermeiden oder zumindest vermindern kann.

 

Aggressives Verhalten ist auch nicht per se schlecht. Die Menschen können in Situationen geraten, in denen sie nur dann überleben, wenn sie sich aggressiv verhalten. Entscheidend hierbei ist jedoch die Frage, wie viel Aggression zum heutigen Überleben des Menschen noch notwendig ist. Im Allgemeinen wird davon ausgegangen, dass auch friedfertige Gemeinschaften stets von weniger friedfertigen Menschen bedroht werden, sodass ein Überleben friedfertiger Gesellschaften ein Mindestmaß an Aggressivität voraussetzt. Es wird hierbei aber leicht übersehen, dass die Art der Erziehung und der Umgang mit der Frustrationsbewältigung selbst Einfluss auf das Ausmaß an Aggressivität einer Gesellschaft haben dürfte.

 

Die Kulturanthropologie (vor allem Margerite Meade) hat gezeigt, dass es Primitivkulturen gibt, die sehr viel friedfertiger mit einander umgehen, die nicht das Ausmaß an Aggressivität wie die modernen Kultursysteme kennen. Nun mag man einwenden, dass sich diese Kultursysteme unter Umständen eine Friedfertigkeit leisten konnten, da sie aus vielleicht zufälligen Umständen heraus von äußeren Feinden verschont blieben. Man  muss sich jedoch auch die Frage stellen, warum dies der Fall war. Dass diese Kultursysteme dadurch ausgezeichnet waren, dass sie mit materiellen Ressourcen reichlich ausgestattet waren und dass deshalb weniger – eine aggressive Haltung auslösende – Frustrationen auftraten, entspricht sicherlich nicht der Wirklichkeit. Ganz im Gegenteil handelte es sich bei diesen Primitivkulturen um im Vergleich zu den heutigen Gesellschaften ärmliche Gemeinschaften.    

 

Aber vielleicht trug gerade dieser Umstand, dass diese Kultursysteme mit relativ wenigen Ressourcen ausgestattet waren dazu bei, dass sie nicht in gleichem Umfange wie sonstige Kulturen von äußeren Feinden bedroht wurden und sich deshalb ein geringeres Aggressionsniveau leisten konnten. 

 

Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob eine Gesellschaft nicht auch bei Vorhandensein einer äußeren Bedrohung mit einem geringeren Aggressionsniveau auskommen kann, indem sie eine aggressive Haltung nur gegenüber Personen und Personengruppen einnimmt, die mit aggressiven Aktivitäten beginnen. Es müsste möglich sein, im normalen Leben Verhaltensweisen zu bevorzugen, die durch Zuvorkommenheit und Respekt geprägt sind.

 

Dies sind auch die Ideale, welche die Verfassungen der freiheitlich-demokratischen Staatsformen nahelegen. Es besteht die Gefahr, dass eine Erziehung, die bewusst auf das Erzeugen von Frustrationen setzt, einen Umfang an Aggressivität zur Folge hat, der ein friedfertiges Verhalten im Alltagsleben verhindert oder zumindest erschwert und der gerade die Aggressivität überhaupt erst erzeugt, die es eigentlich mit dieser Art Erziehung zu bekämpfen gilt.

 

Wer in seiner Kindheit in zu starkem Maße Frustrationen erfahren muss, läuft Gefahr, dass er nicht mehr bereit ist, sich in die Gesellschaft einzuordnen und die Spielregeln zu beachten, die für ein friedliches Miteinander unerlässlich sind. Damit aber ein Mensch überhaupt in der Lage ist, sich so in die Gesellschaft einzuordnen, dass er auf der einen Seite seine Mitmenschen und ihre Bedürfnisse achtet, auf der anderen Seite aber auch seine eigenen Interessen wahrnehmen kann, ist es unerlässlich, dass sich in der Erziehung eine Selbstidentität herausbildet. Ein Zuviel an Frustrationen kann durchaus dazu führen, dass dieser normale Prozess der Selbstidentifikation gestört wird und dass der Betroffene dann zu verbrecherischen Verhaltensweisen neigt.

 

Gerade die jüngsten Amokläufe Jugendlicher machen diese Gefahren deutlich. Es ist falsch zu meinen, man könne diese Art von Verbrechen wirkungsvoll verhindern, indem man die Waffengesetze verschärft und die Einhaltung dieser Gesetze stärker als bisher kontrolliert. Dabei geht es nicht darum, dass es erwünscht wäre, dass möglichst viele Personen Waffen besitzen oder leichtsinnig mit der Sicherung dieser Waffen umgehen. Es geht hierbei vielmehr allein um die Frage, ob eine Verschärfung der bestehenden Waffengesetze die Gefahr von Amokläufen wirksam verhindern oder zumindest vermindern kann.

 

In der Beurteilung dieser Frage gilt es sich klar zu machen, dass menschliches Verhalten nie naturwissenschaftlichen Gesetzen in dem Sinne entspricht, dass eine ganz bestimmte Ursache in jedem einzelnen Fall ausnahmslos eine ganz bestimmte Wirkung zeigt. Dieser Zusammenhang kann noch nicht einmal im gesamten Bereich der Naturwissenschaften unterstellt werden, er gilt dort eigentlich nur für den Bereich mechanischer Gesetze.

 

Die Gesetzmäßigkeiten, welche für menschliches und damit auch soziales Verhalten festgestellt werden können, sind immer nur statistischer Natur und zwar in dem Sinne, dass mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit bestimmte Ursachen bestimmte Wirkungen zeigen. Stets wird man damit rechnen müssen, dass in gewissen Fällen andere Verhaltensweisen möglich sind. Zu groß ist die Komplexität menschlicher Beziehungen, als dass einfache, immer – d. h. in jedem Einzelfall – gültige Gesetzmäßigkeiten beobachtet werden könnten.

 

Dies bedeutet aber, dass ein noch so perfekter Überwachungsstaat nicht in der Lage wäre, jeden einzelnen Amoklauf zu verhindern. Stets wird es Ausnahmeerscheinungen geben. Jeder einzelne Amoklauf muss zwar als eine Katastrophe angesehen werden. Trotzdem ist die Zahl der tatsächlich verübten Amokläufe doch wiederum in absoluten Größen gerechnet so gering, als dass man erwarten könnte, dass eine verbesserte Überwachung menschlichen Verhaltens auch nur im geringen Maße die Häufigkeit dieser verbrecherischen Verhaltensweisen verringern könnte.

 

Wenn z. B. ein zu verbrecherischem Handeln neigender Jugendliche an keine Waffen herankommen kann, wird er sich eben andere Mordinstrumente besorgen, seine Taten vielleicht mit Messern oder mit selbstgebastelten Bomben vollbringen, deren Bauanleitung er aus dem Internet heruntergeladen hat. Was dann bleibt, ist nur die Tatsache, dass auf diese Weise der Handlungsspielraum und die persönliche Intimsphäre der Menschen um ein weiteres eingeengt und verletzt wird. Jede Kontrolle des Staates bringt es mit sich, dass nicht nur derjenige in seinem Handeln eingeengt wird, der tatsächlich verbrecherische Handlungen plant, sondern dass auch eine Vielzahl von gesetzestreuen Bürgern, denen man nur nicht ansieht, dass sie keine verbrecherischen Handlungen planen, diese Einengungen erfahren.

 

Viel erfolgversprechender als Verschärfungen der bestehenden Waffengesetze und deren Kontrolle wäre es, dass man dem Zusammenhang zwischen dem Auftreten von Frustrationen im Verlauf der Erziehung und der Entwicklung zu verbrecherischem Verhalten nachgeht und damit im Sinne einer Ursachenforschung die Voraussetzungen für eine Früherkennung solcher verbrecherischen Verhaltensweisen schafft.

 

Es kommt also darauf an, in der Erziehung darauf zu verzichten, Frustrationen künstlich zu erzeugen. Die Aufgabe der Eltern ist sehr viel mehr darin zu sehen, auf der einen Seite konsequent das erwünschte Verhalten selbst vorzuleben und auf der anderen Seite den Jugendlichen, welche Frustrationen ausgesetzt sind, die Wege aufzuzeigen, welche zur Bewältigung dieser Frustrationen möglich und notwendig sind. In dem Maße, indem dies gelingt, würden auch die Möglichkeiten zum Machtmissbrauch stark verringert.

 

 

9. Informelle Macht

 

Innerhalb der Gesellschaftswissenschaften unterscheidet man zwischen formellen und informellen Systemen. Während sich die formellen Systeme auf die offiziell vom Staat erlassenen Ordnungen beziehen, liegen informelle Gruppierungen überall dort vor, wo unabhängig von der staatlichen Ordnung – oftmals sogar gegen die offizielle Ordnung gerichtete – Systeme entstanden sind, welche von nicht formell eingesetzten Individuen geführt werden und welche Normen und Anreizsysteme kennen, welche unabhängig von den offiziellen Normen Geltung beanspruchen.

 

Dass solche informellen Systeme überhaupt existieren, hat unterschiedliche Ursachen. Ursprünglich sind diese Systeme vor allem überall dort entstanden, wo es auf der einen Seite noch keine formellen Ordnungen gab, auf der anderen Seite jedoch ein großer Bedarf nach einer gewissen Ordnung bestand. Allerdings hat die Einführung und Installierung formeller Ordnungssysteme keinesfalls in jedem Falle dazu geführt, dass die informellen Systeme verschwanden, oftmals bestanden sie weiter, wobei sie teilweise die formellen Ordnungen ergänzten, oftmals jedoch auch die offizielle Ordnung behinderten. Nur aus diesem letzten Grunde sind die informellen Systeme im Zusammenhang mit dem Machtmissbrauch von Bedeutung.

 

Aber auch dann, wenn sich auf der politischen Ebene Diktaturen herausbilden, welche den Freiheitsraum der einzelnen Bürger allzu stark beschneiden, entstehen im Allgemeinen informelle Gruppierungen, welche das, was der offizielle Staat in diesem Falle unterdrückt, im Geheimen zu verwirklichen versuchen. Vor allem dort, wo die offizielle Macht die Religionsfreiheit verweigert und alle Bewohner zu einem bestimmten Glaubensbekenntnis zwingt, entstehen solche informellen Gruppierungen, welche die Andersgläubigen in ihrem Glauben unterstützt und diesen ermöglicht, auch solche Handlungsweisen vorzunehmen, welche einerseits staatlicherseits verboten sind, andererseits jedoch zur Ausübung des jeweiligen Glaubens unerlässlich sind.

 

Diese beiden letzten Beispiele machen es auch deutlich, dass informelle Gruppen keineswegs in jedem Falle im moralischen Sinne verwerflich sind. Soweit sich der Staat an die rechtsstaatlichen Voraussetzungen hält, führen informelle Gruppierungen zumeist zu moralisch verwerflichen Handlungen. Wenn jedoch die staatliche Ordnung selbst verwerflich ist, können bisweilen gerade die letztlichen moralischen Normen nur dadurch überhaupt durchgesetzt werden, dass informelle Systeme entstanden sind.

 

Informelle Gruppierungen finden sich vor allem überall dort, wo geschlossene Systeme bestehen, welche auf der einen Seite den einzelnen Individuen keine Intimsphäre belassen und auf der anderen Seite wichtige gesellschaftliche Bezüge des Menschen vermissen lassen. Diese Kriterien sind z. B. in Gefängnissen erfüllt, in denen auf der einen Seite zumeist der zwischengeschlechtliche Verkehr unterbunden ist, – es gibt Männer und Frauengefängnisse – und es ist nur einer der Ehepartner Gefängnisinsasse. Vor allem in Gefängnissen führt die Existenz solcher informellen Gruppierungen oftmals dazu, dass gerade hier gesetzeswidrige Handlungen ermöglicht werden.

 

Der weitere Umstand, dass die Eltern tagsüber berufstätig sind und sich deshalb um ihre Kinder nur wenig kümmern können, begünstigt das Entstehen von Jugendbanden auf den Straßen. Die Tatsache, dass die Heranwachsenden ohnehin nach der Pubertät bestrebt sind, sich von den Eltern zu trennen, um auf eigene Füße zu stehen, festigt die relativ starke Bindung dieser Straßengangs.

 

Aber auch in Sportvereinen und Internaten, weiterhin im Alltagsleben der Soldaten bilden sich zumeist informelle Gruppierungen. Die Existenz solcher informeller Systeme hat es z. B. ermöglicht, dass gerade in diesen geschlossenen Systemen zahlreiche Vergewaltigungen und Missbrauch seitens des Aufsichtspersonals möglich wurde. Dieses letzte Beispiel zeigt auch, dass informelle Gruppen nicht in jedem Falle auch von informellen Individuen geführt werden, es muss bisweilen durchaus auch damit gerechnet werden, dass die offiziell eingesetzten Führungskräfte ganz entgegen ihren Verpflichtungen sich zusätzlich informeller Anreizsysteme  und Handlungen bedienen.

 

Auch der Versuch, den Drogengenuss wegen seiner gesundheitsschädlichen Wirkungen einzudämmen, hat das Entstehen informeller Gruppierungen begünstigt. Gerade weil es den einzelnen Individuen verwehrt wird, sich Drogen frei zu erwerben, sind bereits Süchtige zu allem bereit, sie können erpresst werden und diese Zwangslage der bereits Süchtigen nützt nun die Mafia aus, um illegal Drogen zu stark überhöhten Preisen an die Süchtigen zu verkaufen und um diese Süchtigen zu veranlassen, sich durch Straftaten die für den Ankauf dieser Drogen benötigten Geldmittel zu besorgen.

 

Auch wenn es sich bei den informellen Gruppen im Vergleich zu den großen Gesellschaftssystemen zumeist um relativ kleine Gruppen handelt, geht von ihnen trotzdem eine große Machtfülle aus und gerade der Machtmissbrauch innerhalb dieser Gruppierungen ist hier besonders groß.

 

Diese Machtfülle lässt sich damit erklären, dass in all den Fällen, in denen die informellen Gruppen in Abgrenzung zu den offiziellen Systemen entstehen, diese Gruppen gerade von Individuen angeführt werden, welche die offiziell gültige Moral am meisten missachten. Auch der weitere Umstand, dass Vergehen der informellen Gruppierungen zumeist in den Bereichen verübt werden, welche von den offiziellen Organen nur sehr schwer einsehbar sind und deshalb auch nicht ausreichend bekämpft werden können, erschwert die Kontrolle des Staates über die informellen Gruppen. Vergehen gegen die informellen Normen lassen sich dann nur durch rohe Gewalt bekämpfen und diejenigen, welche am wenigsten bereit sind, die offiziellen Normen zu achten, sind am ehesten bereit, diese Gewalt auszuüben und erlangen auf diese Weise die Führung in den informellen  Gruppierungen.

 

Das Geschehen der informellen Gruppen erfolgt vorwiegend im Intimbereich, der zumindest in rechtsstaatlichen Systemen vor Eingriffen des Staates weitgehend geschützt wird. Gerade der Umstand, dass es zu den Grundprinzipien eines Rechtsstaates gehört, dass die staatlichen Behörden die Intimsphäre der einzelnen Bürger soweit wie immer möglich unversehrt lassen, wird von den Anführern informeller Gruppierungen ausgenutzt, um ihre Macht gegenüber den Mitgliedern der informellen Gruppen zu festigen.

 

Soweit informelle Systeme eine religiöse Grundlage haben, sind die offiziellen Gesetze und Normen ohnehin im Konfliktfalle den informellen Normen unterlegen. Für einen Gläubigen wird der göttliche Befehl immer über den irdischen Normen liegen, dies gilt auch für die terroristischen Gruppen, welche angeben, im Namen Gottes zu handeln, in Wirklichkeit aber das Gegenteil praktizieren von dem, was die wahre Lehre verkündet.

 

Gerade deshalb, weil hier von der Vorstellung ausgegangen wird, dass Gott allmächtig und allwissend ist und im Endgericht jeden bestraft, welcher den Geboten Gottes zuwiderhandelt, üben diese Normen eine viel stärkere Macht aus als je von den staatlichen Organen ausgehen kann. Die Führer der irdischen Systeme sind immer unvollkommen, ihnen gegenüber kann man Untaten verheimlichen und damit der gerechten Strafen entgehen. Gleichzeitig wird im Rahmen der religiös begründeten informellen Gruppierungen denjenigen, welche den Befehlen der informellen Führer folgen, eine Belohnung im Jenseits versprochen, was natürlich die Bereitschaft, den Befehlen dieser Anführer zu folgen, wesentlich erhöht.

 

Ein weiterer Grund dafür, dass es den staatlichen Organen nur sehr schwer gelingt, das gesetzeswidrige Verhalten innerhalb informeller Gruppen zu bestrafen und damit auch zu verhindern, liegt darin, dass eines der obersten Normen fast aller informeller Gruppierungen darin besteht, dass auch diejenigen, welche von den informellen Anführern zu Unrecht angegriffen und missbraucht werden, auf keinen Fall sich zu ihrem Schutze an die offiziellen staatlichen Behörden wenden dürfen. Die Handlungen der informellen Anführer mögen noch so sehr ungerecht und unberechtigt sein, die so Angegriffenen dürfen auf keinen Fall die Täter verpfeifen und wenn es der Angegriffene trotzdem wagt, den Schutz des Staates zu suchen, sind seine Bestrafungen im informellen System besonders hart.

 

Wie lässt sich nun der Missbrauch solcher informellen Systeme wirksam bekämpfen? Auch hier gilt, was bei der Lösung aller gesellschaftlicher Probleme gilt, die wirkungsvollste Maßnahme zur Beseitigung eines Übels ist stets die Bekämpfung seiner Ursachen. Wir haben weiter oben gesehen, dass informelle Gruppen vor allem dort entstehen, wo die offizielle Ordnung versagt. Gelingt es dem Staat nicht, Verbrechen zu ahnden, so bilden sich informelle Gruppen, welche das Recht in die eigene Hand nehmen. Würden diese Gruppierungen alle im offiziellen System geltenden Grundmaximen beachten, wäre diese Entwicklung sogar positiv zu bewerten.

 

In Wirklichkeit vernachlässigen diese informellen Gruppen jedoch diese Prinzipien, sie sind zumeist auch gar nicht in der Lage, diese Prinzipien zu beachten und so führt diese Entwicklung sehr schnell zu einer Art Lynchjustiz, welche auf jeden Fall größeres Unheil anrichtet und Unschuldige bestraft als dann, wenn im offiziellen System der eine oder andere Rechtsfall nicht eindeutig aufgeklärt werden kann.

 

Auch bildungspolitische Maßnahmen könnten das Entstehen informeller Gruppen und ihre gefährlichen Aktionen verhindern oder zumindest eindämmen. Oftmals ist es einfach Unkenntnis der tatsächlichen Verhältnisse, welche das Entstehen informeller Gruppen begünstigt. Nehmen wir den Fall des Fremdenhasses, der zur Zeit gegen die Flüchtlinge in weiten Kreisen der Bevölkerung besteht und zu gesetzeswidrigen Taten und nazistischen Parolen geführt hat.

 

In der Bevölkerung bestehen oftmals falsche Vorstellungen darüber, wie sich die Aufnahme der Flüchtlinge auf ihre unmittelbare Wohlfahrt auswirkt. Aufgrund dieser teilweise falschen Vorstellungen entwickelten sich in breiten Schichten der Bevölkerung Ängste, welche sich dann in einer fehlenden Bereitschaft ausdrückt, den Flüchtlingen menschenwürdig zu begegnen, wobei rechtsradikale Parteien diese Ängste ausnutzen, um ausländerfeindliche Parolen zu verbreiten.

 

So gilt es sich zunächst einmal klar zu machen, dass es sich bei diesen Ängsten um ganz natürliche Veranlagungen handelt. Der Mensch ist ein soziales Wesen und bedarf zu seiner Lebensbewältigung der Hilfe der Gemeinschaft der Anderen. Die Lebensbewältigung gelingt, indem der Einzelne auf die Hilfe der Gemeinschaft zählen  kann.

 

Es hilft auch schon, dass man sieht, dass die jeweils Anderen vor den gleichen oder ähnlichen Problemen stehen und dass sie in der Lage sind, die hierbei entstehenden Schwierigkeiten zu überwinden. Selbst dann, wenn sie feststellen müssen, dass die Anderen bisweilen scheitern, so hilft es trotzdem, wenn sie beobachten können, wie die Anderen auch diese Schwierigkeiten verkraften können.

 

Wenn die Anderen das gleiche Aussehen wie das eigene haben und sich genauso verhalten wie man sich selbst verhält, stärkt dies die innere Zufriedenheit, während die Begegnung mit anders aussehenden und sich anders verhaltenden Fremden Ängste und Unsicherheit auslöst, die dann – wenn man sich nicht bewusst gegen diese Regungen stellt – leicht in Aggression münden.

 

Auch hier noch gilt, dass es sich hierbei um durchaus menschliche und ererbte Verhaltensmuster handelt und dass erst der Versuch der rechtsradikalen Parteien, auf der Grundlage dieser Befindlichkeiten Fremdenhass zu schüren, politisch verwerflich wird.

 

Oft reicht es aus, dass man sich dieser Regungen bewusst wird, um zu verhindern, dass sie in Aggression ausarten. Vor allem gilt es in diesem Zusammenhang darauf hinzuweisen, dass gerade deshalb, weil dieses Verhalten eine allgemein menschliche Befindlichkeit darstellt, auch die Flüchtlinge vor dem gleichen Problem stehen. Auch sie begegnen Anderen, deren Aussehen und Verhalten ihnen fremd erscheint, auch bei ihnen entstehen Ängste und Unsicherheit.

 

Während jedoch die Einheimischen lediglich einer geringen Gruppe Ungleicher begegnen, also immer noch Unterstützung bei zahlreichen Volksgenossen erfahren, steht der Flüchtling vor der Tatsache, dass fast alle in seiner Umgebung für ihn als Fremde angesehen werden.

 

Deshalb ist bei den Flüchtlingen die hierdurch ausgelöste Frustration auch sehr viel größer als bei den Einheimischen und gerade deshalb sind wir gehalten, diesen Fremden entgegen zukommen und ihnen jede mögliche Hilfe anzubieten, um diese Frustration zu überwinden.

 

In dem Maße, indem es gelingt, durch Aufklärung diese falschen und unbegründeten Ängste zu überwinden, dürfte auch die Entstehung solcher informellen Gruppierungen geringer werden.