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Und sie bewegt sich doch!

Gedanken zur These von der Konstanz der Lohnquote

Fortsetzung

 

 

1. Historische Einführung

2. Zum Begriff der Lohnquote

3. David Ricardos These von der Stagnation

4. Karl Marx und seine Verelendungstheorie

5. Neoklassik: Die Rolle technischer Koeffizienten

6. Lohnquote und Monopolisierungsgrad

7. Kaldor: Lohnquote und Einkommensverwendung

8. Ausblick

 

(Der erste Teil dieses Artikels kann im Archiv dieser Homepage aufgerufen werden!)

 

 

 

5. Neoklassik: Die Rolle technischer Koeffizienten

 

Im Rahmen der von der Neoklassik entwickelten Verteilungslehre wurde nachzuweisen versucht, dass die Einkommensverteilung und damit auch die Lohnquote vorwiegend von technischen Faktoren (den Koeffizienten der Produktionsfunktion) bestimmt werde und dass die Versuche, über Faktorpreissteigerungen die Einkommensverteilung zugunsten der Arbeitnehmer zu verändern, langfristig scheitern müsse. So hatte vor allem Eugen von Böhm-Bawerk die These vertreten, dass sich langfristig das ökonomische Gesetz gegenüber Machteinflüssen durchsetze.

 

Ausgangspunkt der Überlegungen ist die Grenzproduktivitätstheorie, so wie sie vor allem von John Bates Clark entwickelt wurde. Danach entspricht im Gleichgewicht der Faktorpreis dem Wertgrenzprodukt dieses Faktors, also z.B. der Lohnsatz dem Wertgrenzprodukt der Arbeit. Unterstellt wird, dass sowohl auf den Güter- wie Faktormärkten vollständige Konkurrenz herrscht und die Marktpartner somit die Preise als ein nicht zu beeinflussendes Datum ansehen. Unterstellt wird weiterhin, dass die Unternehmer die gewinnmaximale Güter- und damit auch Arbeitsmenge ansteuern. Da der Lohnsatz vorgegeben ist, erreichen die Unternehmer genau dann ein Gewinnmaximum, wenn das Wertgrenzprodukt der Arbeit (p*gpA) gerade dem gültigen Lohnsatz (l) entspricht. Es gilt somit die Gleichung (Gleichung 1):

 

l = p * gpA

 

Betrachten wir diese Zusammenhänge anhand des Diagramms 2:

 

 

 

lohnqote2

 

 

Auf der Abszisse tragen wir die Arbeitsnachfrage in Arbeitsstunden (A), auf der Ordinate die Höhe des Lohnsatzes (l) sowie das Wertgrenzprodukt der Arbeit (p * gpA) ab. Die Grenzproduktkurve hat einen fallenden Verlauf, da das Gesetz vom abnehmenden Grenzertrag aller Produktionsfaktoren unterstellt wird. Mit wachsendem Einsatz von Arbeitsstunden geht der Grenzertrag  (gpA) bei Unterstellung einer konstant bleibenden Produktionskapazität zurück. Ein für die einzelne Unternehmung vorgegebener Lohnsatz (l0) führt zu einer Nachfrage von (A0) Arbeitsstunden.

 

Die Grenzproduktivitätskurve ist hierbei von der allgemeinen Produktionsfunktion abgeleitet. Die Produktionsfunktion gibt an, wie die Produktmenge (X) von den einzelnen Produktionsfaktoren (A = Arbeit, K = Kapital) abhängt. Da wir in unserem Zusammenhang lediglich nach der Abhängigkeit der Produktmenge vom Arbeitseinsatz fragen und einen konstanten Kapitaleinsatz unterstellen, vereinfacht sich die Produktionsfunktion folgendermaßen (Gleichung 2): 

 

X = f(A)

 

Wir wollen von einer Cobb-Douglas-Produktionsfunktion ausgehen. Die zwei wichtigsten Eigenschaften dieser Produktionsfunktion bestehen darin, dass das Grenzniveauprodukt konstant bleibt, die partiellen Grenzerträge jedoch mit wachsender Produktion abnehmen. Das Grenzniveauprodukt gibt hierbei an, um wie viel das Gesamtprodukt ansteigt, wenn alle Produktionsfaktoren bei Wahrung der Faktorrelation vermehrt werden. Diese Produktionsfunktion lautet dann (Gleichung 3):

 

 

lohnqote3a

 

 

Hierbei bedeutet (X) die Produktmenge, (A) den Arbeitseinsatz in Arbeitsstunden, (K) die eingesetzte Kapitalmenge, α den Produktionskoeffizienten der Arbeit. Er gibt an, um  wie viel die Arbeit vermehrt werden muss, soll das Produkt um einen Prozentpunkt vermehrt werden. Da wir ein konstantes Grenzniveauprodukt unterstellen, ist die Summe der Produktionskoeffizienten stets gleich eins. Der Parameter (b) gibt schließlich an, dass die Produktion nicht nur von dem Einsatz der Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital, sondern auch von der angewandten Technik abhängt.

 

Wir leiten nun diese Produktionsfunktion nach Arbeit ab. Die 1. Ableitung der Produktionsfunktion ergibt (Gleichung 4):

 

 

lohnqote4

 

 

Wir können in diese 4. Gleichung entsprechend der 3. Gleichung den Wert X einsetzen und erhalten (Gleichung 5):

 

lohnqote5

 

 

Das physische Grenzprodukt der Arbeit ist somit unter den Bedingungen der Cobb-Douglas-Produktionsfunktion gleich dem Durchschnittsprodukt der Arbeit, multipliziert mit dem Produktionskoeffizienten der Arbeit. Schließlich setzen wir diesen Wert in Gleichung 1 ein und erhalten (Gleichung 6):

 

 

 

lohnqote6

  

 

Die Lohnquote hängt somit unter den Annahmen der neoklassischen Grenzproduktivitätstheorie allein von einer technischen Größe: dem Produktionskoeffizienten der Arbeit ab. Unterstellen wir mit der neueren Wachstumstheorie neutralen technischen Fortschritt, so bleibt der Wert des Produktionskoeffizienten der Arbeit trotz technischen Fortschrittes konstant und mit ihm auch die Lohnquote.

 

Das wichtigste Ergebnis dieser Theorie liegt offensichtlich darin, dass die Einkommensverteilung allein von technischen Größen abhängt und deshalb zumindest kurzfristig nicht politisch – also z. B. auch nicht auf dem Wege von Tarifverhandlungen - beeinflusst werden kann. Ob sich die Einkommensverteilung im Zeitablauf verändert, hängt danach allein von der Art des technischen Fortschrittes ab.

 

Haben wir vorwiegend arbeitssparenden Fortschritt, so sinkt die Lohnquote, umgekehrt steigt die Lohnquote bei vorwiegend kapitalsparenden Fortschritt, neutraler technischer Fortschritt scheint der Garant dafür zu sein, dass das wirtschaftliche Wachstum gleichmäßig auf die einzelnen Produktionsfaktoren aufgeteilt wird. Nur auf sehr lange Sicht könnte auf politischem Wege die Art des technischen Fortschrittes beeinflusst werden, um auf diesem Wege gezielt die Einkommensverteilung zu beeinflussen.

 

 

 

6. Lohnquote und Monopolisierungsgrad

 

Die eindeutigen Ergebnisse der Grenzproduktivitätstheorie konnten allerdings nur unter der Annahme entwickelt werden, dass wir auf allen Märkten – den Güter- wie auch Faktormärkten – vollständige Konkurrenz unterstellt haben. Diese Annahme ist jedoch sicherlich unrealistisch. In der Wirklichkeit müssen wir mit monopolistischen und oligopolistischen Märkten rechnen. Wir werden weiter unten sehen, dass bei Aufhebung dieser restriktiven Annahmen neben technischen Größen auch Machtfaktoren die Lohnhöhe und mit ihr die Einkommensverteilung beeinflussen.

 

In der Weiterentwicklung der neoklassischen Verteilungstheorie wurde dem Monopolisierungsgrad auf den Gütermärkten eine entscheidende Rolle bei der Festlegung der Güter- und Faktorpreise zugestanden. Abba P. Lerner führte den Begriff des Monopolisierungsgrades in die Diskussion ein, wobei der Monopolisierungsgrad daran gemessen wurde, in welchem Umfang es dem Monopolisten gelingt, den Güterpreis über den Grenzkosten anzusetzen. Betrachten wir hierzu Diagramm 3:

 

 

lohnqote7

 

 

Der Monopolisierungsgrad wird hierbei durch Gleichung 7 bestimmt:

 

lohnqote8

 

Der Monopolisierungsgrad bemisst sich nach der Differenz zwischen Güterpreis und Grenzkosten bezogen auf den Güterpreis. Je größer nun der Monopolisierungsgrad ist, um so geringer ist die Absatzmenge im Gleichgewicht. Dies bedeutet jedoch gleichzeitig, dass auch weniger Arbeitskräfte als bei vollständiger Konkurrenz auf den Gütermärkten nachgefragt werden. Bei normalem Verlauf der Arbeitsangebotskurve erzielen die Arbeitnehmer auch einen geringeren Lohn verglichen mit dem Lohn bei vollständigem Wettbewerb auf den Gütermärkten.

 

In einem 1939 veröffentlichten Artikel verwendet Michael Kalecki diesen von Abba P. Lerner eingeführten Monopolisierungsgrad zur Bestimmung der Lohnquote. In einem 1967 veröffentlichten Artikel wandelt Kalecki den Begriff des Monopolisierungsgrad ab und versteht nun das Verhältnis von Gewinneinkommen (G) und Lohneinkommen (L) als Monopolisierungsgrad. Es gelten dann folgende Beziehungen (Gleichung 8):

 

 

lohnqote9

 

lohnqote10

 

 

Die Konstanz in der Lohnquote wird nun bei Kalecki damit erklärt, dass auf der einen Seite im Zuge eines Konzentrationsprozesses der Monopolisierungsgrad angestiegen sei, dass aber auf der anderen Seite gleichzeitig das Verhältnis zwischen Rohstoffpreise und Lohnsätzen aufgrund kolonialer Ausbeutung gesunken sei.

 

Der Zusammenhang zwischen Lohnquote und Monopolisierungsgrad wird bei Kalecki allein aus tautologischen Beziehungen abgeleitet und kann deshalb schwerlich als ein befriedigender Erklärungsansatz angesehen werden. Nur dann, wenn man theoretisch den behaupteten Zusammenhang zwischen Monopolisierungsgrad und Rohstoffpreisentwicklung nachweisen könnte, wäre man zu einem theoretischen Erklärungsansatz vorgedrungen.

 

Wir wollen deshalb im Weiteren diesen Ansatz verlassen und uns fragen, welche Schlussfolgerungen aus der neoklassischen Verteilungstheorie gezogen werden können, wenn man die fragwürdige Annahme einer vollständigen Konkurrenz auf allen Güter- und Faktormärkten aufgibt.

 

Wir gehen deshalb nochmals von Gleichung 1 aus, berücksichtigen jedoch, dass der Grenzerlös unter allgemeinen Bedingungen vom Güterpreis (Durchschnittserlös) abweicht. Gleichung 1 wird somit dadurch modifiziert, dass wir an die Stelle des Güterpreises (p) den Grenzerlös setzen (GE), der nur unter den Bedingungen der vollständigen Konkurrenz mit dem Güterpreis zusammenfällt.

 

l = GE * GPA 

 

Legen wir die Amoroso – Robinson – Formel zugrunde, so besteht zwischen Grenzerlös und Güterpreis folgende Beziehung (Gleichung 9):

 

 

lohnqote11

 

lohnqote12

 

 

Wir können somit in Gleichung 1 den Ausdruck für den Grenzerlös (GE) einsetzen und erhalten Gleichung 10:

 

lohnqote13

 

Die Lohnquote hängt nun nicht nur von der Produktionselastizität der Arbeit, sondern zusätzlich vom reziproken Wert der Elastizität der Güternachfrage ab. Hierbei ist die Nachfrageelastizität ein Ausdruck für die Machtposition (den Monopolisierungsgrad) der Unternehmer auf den Gütermärkten. Ist die Nachfrageelastizität unendlich groß, so herrschen die Bedingungen der vollständigen Konkurrenz, die Lohnquote hängt in diesem Falle allein von technischen Parametern ab. Je geringer jedoch die Nachfrageelastizität ist, um so größer ist die Monopolmacht der Unternehmer, um so weniger Güter werden produziert und um so weniger Arbeitsstunden werden nachgefragt, mit dem Ergebnis, dass um so geringere Lohnsätze durchgesetzt werden können.

 

Nun hängt die Lohnquote natürlich auch von den Machtverhältnissen auf den Arbeitsmärkten ab. Könnten wir auch auf den Arbeitsmärkten vollständigen Wettbewerb unterstellen, wäre also der Lohnsatz für die Unternehmer ein vorgegebenes, nichtbeeinflussbares Datum, fielen die Grenzausgaben für Arbeit (die zusätzlichen Ausgaben für eine zusätzlich nachgefragte Arbeitsstunde) mit dem Lohnsatz zusammen. Unter monopolistischen Bedingungen sind jedoch die Grenzausgaben höher; zu dem Lohnsatz für die letzte nachgefragte Arbeitsstunde kommen nun noch die Lohnzuschläge für die bisher nachgefragte Arbeitsmenge, die aufgrund der Mehrnachfrage nach Arbeit notwendig werden.

 

Ähnlich wie in der Amoroso - Robinson – Formel besteht auch zwischen Lohnsatz und Grenzausgaben der Unternehmungen ein Zusammenhang (Gleichung 11):

 

 

lohnqote14

 

 

Setzen wir diesen Wert für die Grenzausgaben für Arbeit schließlich in die Lohnquotengleichung ein, so erhalten wir Gleichung 12):

 

lohnqote15

 

 

Die Lohnquote hängt somit, wenn wir die neoklassische Verteilungstheorie in der allgemeinen Form zugrundelegen, nicht nur von technischen Faktoren, sondern auch von den Machtverhältnissen auf den Güter- wie Arbeitsmärkten ab. Der Versuch der Gewerkschaften, durch monopolistischen Zusammenschluss der Arbeitnehmer auf den Arbeitsmärkten Einfluss zu gewinnen, kann somit durchaus zu einer Erhöhung der Lohnquote beitragen. Wie ist es aber dann zu erklären, dass in der Vergangenheit eine bemerkenswerte Konstanz in der Lohnquote festgestellt werden musste?

 

Hier setzt die von John Kenneth Galbraith entwickelte Theorie der countervailing power ein. Nicht nur die Arbeitnehmer, sondern auch die Arbeitgeber machen den Versuch, durch monopolistische Zusammenschlüsse der Tarifparteien Einfluss auf die Einkommensverteilung zu nehmen. Es kommt zu einem bilateralen Monopol und je nach Machtverhältnissen kann prinzipiell jede Lohnquote erzielt werden, die zwischen dem Optionsfixierungspunkt der Arbeitgeber (Lohnsumme entspricht dem Existenzminimum) und dem Optionsfixierungspunkt der Arbeitnehmer (die Gewinnsumme wird null) liegen kann. Da Macht Gegenmacht auslöst, kann man erwarten, dass auf sehr lange Sicht die Lohnquote relativ konstant bleibt. Dies setzt allerdings voraus, dass die politische Rahmenordnung keine der Tarifparteien begünstigt, dass also z.B. dem Streikrecht der Arbeitnehmer ein gewisses Aussperrungsrecht der Arbeitgeber gegenübersteht.

 

 

7. Kaldor: Lohnquote und Einkommensverwendung

 

Fragen wir uns abschließend anhand der Verteilungstheorie von Nicholas Kaldor, welche Zusammenhänge zwischen Lohnquote und Einkommensverwendung bestehen.

 

Die Einkommensquoten werden entsprechend der Verteilungstheorie von Nicholas Kaldor vorwiegend von der Einkommensverwendung bestimmt. Ausgangspunkt ist die Aussage, dass im Gleichgewicht die Ersparnis ex ante der Investition ex ante entsprechen muss. Wir unterstellen mit Kaldor in einem ersten Schritt, dass die Investitionsnachfrage autonom und vor allem unabhängig von der jeweils realisierten Gewinnquote ist.

 

Wir tragen in Diagramm 4, in dem auf der Abszisse die Gewinnquote und auf der Ordinate die Ersparnis und die Investitionsnachfrage abgetragen wird, die Investitionsfunktion als Parallele zur Abszisse ab. Für das Sparverhalten wird unterstellt, dass die Lohnempfänger eine niedrigere Sparquote aufweisen als die Gewinnempfänger, dass jedoch die partiellen Sparquoten der Arbeitnehmer (sl) und der Gewinnempfänger (sg) kurzfristig konstant bleiben. Die gesamtwirtschaftliche Sparquote (s) hängt dann wie folgt von der Gewinnquote ab (Gleichung 13) :

 

 

lohnqote16

 

 

Wäre nun die Gewinnquote gleich null, würde also das gesamte Volkseinkommen als Lohneinkommen ausgezahlt, würde die gesamtwirtschaftliche Sparquote (s) mit der partiellen Sparquote der Arbeitnehmer (sl) zusammenfallen. Wäre hingegen die Gewinnquote gleich eins, würde also das gesamte Volkseinkommen als Gewinneinkommen ausgeschüttet, fiele die gesamtwirtschaftliche Sparquote mit der partiellen Sparquote der Gewinnempfänger zusammen.

 

Wenn wir diese Abhängigkeit der gesamtwirtschaftlichen Ersparnis von der Gewinnquote in unser Diagramm einzeichnen, erhalten wir eine Linie, welche im Schnittpunkt mit der Ordinate von der partiellen Sparquote der Arbeitnehmer ausgeht, welche weiterhin bei der Gewinnquote = 1 der partiellen Sparquote der Gewinnempfänger entspricht und die somit eine Steigung aufweist, welche die Differenz zwischen den beiden partiellen Sparquoten (sg - sl) misst.

 

 

defizit5

 

 

Eine Erhöhung der Investitionsnachfrage (Verschiebung der Investitionsgeraden nach oben) führt also automatisch zu einem Anstieg in der Gewinnquote und damit zu einer Verringerung der Lohnquote. Erklären lässt sich dieser Zusammenhang damit, dass eine Mehrnachfrage zu Preissteigerungen und diese zu einer Erhöhung der Gewinne führen.

 

Wir können nun die Gleichgewichtsbedingung: I = S nach der Gewinnquote γ auflösen und erhalten Gleichung 14:

 

 

lohnqote17

 

 

Wenn wir nun unterstellen, dass die partiellen Sparquoten der Selbständigen und der Arbeitnehmer langfristig konstant bleiben, die Investitionsquote zwar konjunkturelle Schwankungen durchläuft, langfristig aber auch als konstant zu bezeichnen ist, kommen wir auch aufgrund der Kaldorianischen Verteilungstheorie zu dem Ergebnis, dass die Gewinnquote und mit ihr auch die Lohnquote längerfristig eine Konstanz aufweist. Auch die konjunkturellen antizyklischen Schwankungen in der Lohnquote lassen sich mit Hilfe dieses Ansatzes erklären.

 

Zu ähnlichen Ergebnissen würde man auch dann gelangen, wenn wir mit einem langfristigen gleichmäßigen Wachstum sowohl der Investitionsquote wie auch der partiellen Sparquoten rechnen könnten. Allerdings zeigt diese Theorie auch, wie eine langfristige Erhöhung der Lohnquote erreicht werden kann. Wenn gleichzeitig mit Lohnerhöhungen auch die partielle Sparquote der Arbeitnehmer ansteigen würde, läge der Schnittpunkt der gesamtwirtschaftlichen Sparfunktion mit der Ordinate in Diagramm 4 bei einem höheren Betrag, die Sparfunktion würde im Uhrzeigersinn nach oben gedreht und der Schnittpunkt zwischen Spar- und Investitionsfunktion läge bei einer höheren Lohnquote (siehe Diagramm 5):

 

 

defizit5

 

 

Eine solche Erhöhung der Sparquote der Arbeitnehmer könnte z. B. durch Einführung von Investivlöhnen erreicht werden. Investivlöhne zeichnen sich dadurch aus, dass sie nicht bar an die Arbeitnehmer ausgezahlt werden, sondern für investive Zwecke verwendet werden, also z. B. auf Sparkonten überwiesen werden, wobei die Arbeitnehmer erst nach Ablauf einer Sperrfrist über diese Spargelder verfügen können. Sofern die Arbeitnehmer den Investivlohn nicht zum Anlass nehmen, ihre bisher angelegten Ersparnisse aufzulösen, führt der Investivlohn tatsächlich zu einer Erhöhung der Sparquote der Arbeitnehmer und entsprechend der Kaldorianischen Theorie zu einem Anstieg in der Lohnquote.

 

Luigi L. Pasinetti hat Kritik an dem von Kaldor entwickelten Verteilungsmodell geübt, da dann, wenn die Arbeitnehmer ebenfalls sparen und somit Kapital bilden, die Arbeitnehmer neben dem Lohneinkommen zusätzlich ein Zinseinkommen erhalten. In diesem Falle müssen jedoch die bisherigen Ergebnisse korrigiert werden. Betrachten wir hierzu nochmals die Definitionsgleichung für s:

 

  

 

 

Wir haben nun davon auszugehen, dass sich die Sparquote der Arbeitnehmer auf die Summe von Lohneinkommen und Zinseinkommen der Arbeitnehmer bezieht, während die Sparquote der Selbstständigen lediglich auf den Teil des Kapitaleinkommens bezogen wird, welcher den Selbstständigen zufließt. Dies bedeutet, dass wir in unseren Diagrammen auf der Abszisse nicht mehr die gesamte Zinseinkommensquote, sondern nur noch den Zinsanteil abtragen, welcher den Selbstständigen zufließt. Ansonsten können die Ergebnisse des Grundmodells übernommen werden, wobei allerdings das Spar- und Investitionsverhalten nun nicht mehr die Lohnquote, sondern die Einkommensquote der Arbeitnehmer bestimmt.

 

Die wohl wichtigste Kritik an dem Kaldor-Modell besteht in der Annahme, das Realeinkommen bleibe konstant. In Wirklichkeit ist das Realeinkommen nur in Zeiten der Überbeschäftigung konstant. Hier ist wegen Vollauslastung der Kapazitäten keine Zunahme der realen Gütermenge und damit auch keine Realeinkommenssteigerung möglich, Nachfragesteigerungen verpuffen in Preissteigerungen. Diese Annahme kann jedoch nicht auch für Situationen gemacht werden, in denen Unterbeschäftigung herrscht. In diesem Falle verändern Nachfragevariationen sehr wohl auch das Realeinkommen, also handelt es sich bei dem Kaldor-Modell um kein generelles, für alle Konjunkturphasen gültiges Modell. Berücksichtigen wir jedoch Variationen im Realeinkommen, so ist die Einkommensverteilung im Kaldor-Modell unbestimmt. Wie lässt sich nun diese Unbestimmtheit überwinden?

 

Ausgangspunkt ist eine Sparfunktion, welche von der Einkommenshöhe (Y) und zusätzlich von der Gewinnquote (γ) abhängt. Wir erhalten auf diese Weise eine ganze Schar von Sparfunktionen  S=f(Y, γ), wobei die Sparfunktion umso höher liegt, je höher die Gewinnquote ist. Einer höheren Gewinnquote entspricht ein geringeres Inlandsprodukt im Gleichgewicht.

 

Das keynesianische Grundmodell kann nun in zwei Varianten betrachtet werden: Keynes selbst ging davon aus, dass die Einkommensverteilung kurzfristig konstant ist, so dass sich die Schar der Sparfunktionen zu einer einzigen Sparfunktion reduziert. Wir erhalten einen Schnittpunkt, der die Höhe des Gleichgewichtseinkommens markiert. Oder aber man kann mit Kaldor von einem gegebenen realen Inlandsprodukt ausgehen. In diesem Falle schneidet nur eine Sparfunktion die Investitionsgerade bei Vollbeschäftigung und damit wird die Einkommensverteilung, die dieser Sparfunktion entspricht, bestimmt.

 

 

 

 

 

Betrachten wir hierzu das Kaldor-Modell etwas ausführlicher:

 

 

 

In einem neuen Diagramm, auf dessen Abszisse das Inlandsprodukt und auf dessen Ordinate die Gewinnquote abgetragen wird, zeichnen wir nun diese Beziehung zwischen Inlandsprodukt und Gewinnquote ein. Wir erhalten auf diese Weise eine negativ geneigte Nachfragekurve der Einkommensverteilung.

 

Eine Abnahme des Einkommens führt zunächst zu einer Abnahme der Ersparnis. Bei gleichbleibender Investition entsteht ein Nachfrageüberhang, der eine Zunahme des Preisniveaus und damit auch der Gewinnquote auslöst. Da die Nachfragefaktoren die Einkommensverteilung nicht mehr eindeutig determinieren, bedarf es zur Klärung der Verteilung zusätzlich der Kenntnis der Angebotsfaktoren.

 

 

 

 

 

Es bedarf also zusätzlich zur Nachfragefunktion der Einbeziehung angebotstheoretischer Zusammenhänge. Einen solchen Zusammenhang liefert z. B. die Grenzproduktivitätstheorie. Danach hängt die Aufteilung des Gesamteinkommens vom Verlauf der Produktionsfunktion ab.

 

Wir tragen auf der Ordinate die Stückkosten, auf der Abszisse die Produktmengen ab, wobei zunächst die Produktmengen der Unternehmung mit den geringsten, dann mit den zweitgeringsten Stückkosten usw. abgetragen werden. Wir erhalten auf diese Weise eine aufsteigende Kostenkurve und für jede Gütermenge einen Gewinn, der sich aus der Differenz zwischen Umsatz (P*X) und Kosten (dem Integral unterhalb der Kostenkurve) ergibt. Diese Kurve wird zu Ehren von Enrico Barone als Baronekurve bezeichnet.

 

 

 

 

 

Diese Beziehungen lassen sich nun in das Verteilungsdiagramm als eine positiv geneigte Angebotskurve einzeichnen. Einem steigenden Inlandsprodukt entspricht eine immer höhere Gewinnquote bei entsprechender Krümmung der Kostenkurve. Der Schnittpunkt zwischen Nachfrage- und Angebotskurve determiniert das Inlandsprodukt und die Einkommensverteilung im Gleichgewicht.

 

 

 

 

 

8. Ausblick

 

Mit Hilfe dieser Theorie lässt sich aufzeigen, auf welchem Wege sich ein Ansteigen der Lohnquote erreichen lässt. Hierbei zeigt sich, dass der Reallohn erstens durch Anstrengungen der Gewerkschaften über eine Verringerung des Monopolisierungsgrades der Unternehmer angehoben werden kann, dass allerdings dieser Einfluss dadurch zum Teil wieder abgebaut werden kann, dass die Unternehmer aufgrund der Reallohnsteigerungen zu arbeitssparendem technischen Fortschritt übergehen und auf diese Weise hinwiederum zu einer Senkung des Reallohns beitragen. Bei arbeitssparendem Fortschritt sinkt die Nachfrage nach Arbeit und die Arbeitnehmer sind nun wiederum bereit, sich mit geringeren Lohnsteigerungen zufrieden zu geben.

 

Zweitens stellt der Weg über eine Zunahme der Sparquote der Arbeitnehmer eine weitere Lösung dar, auf lange Sicht den Anteil der Arbeitnehmer am Inlandsprodukt zu steigern. Entschließen sich die Arbeitnehmer dazu, einen größeren Prozentsatz ihres Einkommens zu sparen, so steigt ihr Anteil am Inlandsprodukt auf zweierlei Weise. Auf der einen Seite haben die Unternehmungen geringere Möglichkeiten, Lohnsteigerungen auf den Güterpreis abzuwälzen, der Reallohn steigt. Gleichzeitig erhalten die Arbeitnehmer zusätzlich zum Lohn auch ein Zinseinkommen.