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Und sie bewegt sich doch!

Die Lohnquote, Verlauf und Ursachen

 

 

1. Historische Einführung

2. Zum Begriff der Lohnquote

3. David Ricardos These von der Stagnation

4. Karl Marx und seine Verelendungstheorie

5. Neoklassik: Die Rolle technischer Koeffizienten

6. Lohnquote und Monopolisierungsgrad

7. Kaldor: Lohnquote und Einkommensverwendung

8. Ausblick

 

 

 

1. Historische Einführung

 

Seit der Bildung der Zentralarbeitsgemeinschaft zwischen Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften unmittelbar nach Beendigung des ersten Weltkrieges fanden in fast allen Wirtschaftszweigen in Deutschland – unterbrochen während des Dritten Reiches – Tarifverhandlungen statt, in denen sich die Gewerkschaften darum bemühen, für die Arbeitnehmer Lohnerhöhungen und Verbesserungen in den sonstigen Arbeitsbedingungen zu erstreiten. Das bereits in der Verfassung der Weimarerrepublik, später im Grundgesetz der BRD verankerte Streikrecht gab den Gewerkschaften gleichzeitig die Möglichkeit, ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen.

 

In Anbetracht dieser Entwicklung mag es verwundern, dass in der wirtschaftswissenschaftlichen Literatur immer wieder die These vertreten wurde, dass es trotz intensiver Bemühungen der Gewerkschaften nicht gelungen sei, die Lohnquote, also den Anteil der Lohneinkommen am Inlandsprodukt längerfristig zu steigern. Man sprach von einer bemerkenswerten Konstanz der Lohnquote, wobei kurz- oder auch mittelfristig allerdings ein antizyklischer Verlauf der Lohnquote festzustellen ist.

 

Neuere Statistiken für die BRD zeigen nun, dass die Lohnquote seit den 60er Jahren beachtlich gestiegen ist, ab der 80er Jahre hingegen für längere Zeit wiederum zurückging und schließlich ab 2005 wiederum ansteigt. Ein beachtlicher Teil dieser Steigerungen muss allerdings auf die Veränderungen in der Erwerbspersonenstruktur zurückgeführt werden. Der Anteil der unselbständigen Erwerbspersonen stieg in dieser Zeit stark an. Die Entwicklung in der strukturbereinigten Lohnquote zeigt ein bedeutend geringeres Wachstum in der Lohnquote an, beträgt aber immerhin noch beachtliche Prozentpunkte.

 

LOHNQUOTE

 

Entnommen aus iw-dienst, Nr. 11, 14. März 2013 Seite 5

 

Es ist schwierig, aufgrund dieser langfristigen Schwankungen in der zeitlichen Lohnquotenentwicklung von bemerkenswerter Konstanz zu sprechen. J. Dunlop hatte 1950 in seiner Arbeit über ‚Wage determination under trade unions‘ (Seite 151) die Meinung geäußert, dass die Konstanz der Lohnquote nicht so sehr ein Faktum, vielmehr das Ergebnis einer sehr unterschiedlichen Neigung gewisser Autoren sei, überrascht zu sein, da aus dem gleichen statistischem Material bisweilen eine Konstanz, bisweilen aber auch beachtliche Schwankungen der Lohnquote herausgelesen wurden.

 

Wir hatten gerade erwähnt, dass die Lohnquote unbestritten konjunkturellen Schwankungen ausgesetzt ist. Nun unterscheiden wir in der Konjunkturtheorie spätestens seit  J. A. Schumpeter zwischen kurzfristigen, den 3-5 Jahre dauernden Kitchin-Wellen, weiterhin mittelfristigen, den 8-9 Jahre dauernden Juglar-Wellen und schließlich langfristigen, den etwa 40-50 Jahre dauernden Kondratief-Wellen, wobei die Konjunkturzyklen jeweils nach dem Forscher benannt sind, der diese Schwankungen erstmals beschrieben hatte. Zur Not könnte man also die in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg festgestellten Schwankungen in der Lohnquote als konjunkturbedingt entsprechend den Kondratief-Zyklen einstufen, eine Bewertung welche jedoch sehr fragwürdig bleibt, da wir ja in der Konjunkturtheorie im Allgemeinen davon ausgehen, dass die Lohnquote antizyklisch verläuft, der tatsächliche Verlauf der Lohnquote jedoch erkennen lässt, dass die Lohnquote gerade in Zeiten des langfristigen Aufschwungs angestiegen ist.

 

Auch dann, wenn wir schwerlich von einer nachgewiesenen Konstanz der Lohnquote sprechen können, ist es natürlich ein berechtigtes Anliegen, nach den Bestimmungsfaktoren in den Veränderungen der Lohnquote zu fragen. Dem Lohn kommt in einer Marktwirtschaft eine zentrale Bedeutung zu. Über die jeweilige Lohnhöhe wird sowohl die Allokation (Produktionslenkung) wie auch die Distribution (Einkommensverteilung) maßgeblich beeinflusst. Hierbei sind es weniger die absoluten Lohnsätze, welche die Allokation beeinflussen als das Verhältnis der Lohnsätze zu den Entlohnungssätzen der anderen Produktionsfaktoren und auch zu den Preisen der einzelnen Güter.

 

Bezogen auf die Allokation entscheiden die Preisverhältnisse (Lohnsatzverhältnisse) einmal darüber, welche Produkte aus den bestehenden materiellen Ressourcen produziert werden, zum andern aber auch, mit welcher Technik die einzelnen Güter hergestellt werden. Bezogen auf die Distribution bestimmen die Lohnsätze wiederum zusammen mit den anderen Faktorpreisen darüber, wie das gesamte Inlandsprodukt (die Summe aller in einer Volkswirtschaft in einem bestimmten Zeitraum produzierten Güter) auf die einzelnen Bevölkerungsgruppen aufgeteilt wird.

 

Im Hinblick auf die Allokation spielt die Lohnquote, der Anteil der Lohneinkommen am Inlandsprodukt keine entscheidende Bedeutung. Die Allokation hängt vielmehr in erster Linie von den Lohnsatzrelationen sowie den Lohnstückkosten ab. Steigt z. B. der Lohnsatz im Vergleich zum Zinssatz an, so bewirkt diese Veränderung in den Faktorpreisrelationen, dass für die Unternehmungen technische Verfahren vorteilhafter werden, welche eine höhere Kapitalintensität aufweisen. Der Maßstab der Kapitalintensität gibt an, wie viel Einheiten des Faktors Kapital auf eine Arbeitseinheit (eine Arbeitsstunde oder einen Arbeitnehmer) entfallen. Steigt die Kapitalintensität, können die Produkte mit weniger Arbeit produziert werden und dies bedeutet, dass dann Arbeitskräfte entlassen werden, wenn der geringere Bedarf an Arbeitskräften pro produzierter Einheit nicht durch einen vermehrten Absatz kompensiert werden kann.

 

Die Lohnstückkosten (das Verhältnis zwischen Lohnsumme und Gütermenge) entscheiden demgegenüber darüber, zu welchem Preis die Unternehmungen ihre Produkte anbieten können. Da sich die Nachfrager in aller Regel bei gleicher Qualität für den Anbieter entscheiden, welcher zu dem geringsten Preis und damit auch zu den geringsten Stückkosten Waren verkauft, entscheiden die Lohnstückkosten darüber, welche Unternehmungen sich im Markt durchsetzen. Gelingt es einem Unternehmer, in stärkerem Maße als der Konkurrenz die Lohnstückkosten aufgrund technischen Fortschritts zu senken, kann er auch seine Produktion auf Kosten seiner Konkurrenz ausweiten.

 

Im Hinblick auf die Einkommensverteilung erscheint es zumindest auf den ersten Blick durchaus sinnvoll und berechtigt, danach zu fragen, welchen Anteil eine Bevölkerungsgruppe, in unserem Falle die Lohnempfänger beziehungsweise die Arbeitnehmer am gesamten Inlandsprodukt erzielen.

 

Wenn wir den Zeitraum seit Beginn der Industrialisierung bis auf den heutigen Tag betrachten, kann kein Zweifel bestehen, dass der Anteil der Arbeitnehmer am Inlandsprodukt sogar sehr stark gestiegen ist. Nun liegen uns für Deutschland erst ab der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts einigermaßen verlässliche Zahlen über die Lohnquote vor. Für die USA konnte J. D. Phillips 1960 immerhin Zahlen über die Lohnquote ab 1850 unterbreiten. Danach lag 1850 die Lohnquote in  den USA bei 35,8% gegenüber etwa 69,7% im Jahre 1957.

 

Worauf ist es jedoch zurückzuführen, dass die in den Tarifverhandlungen vereinbarten Tariflöhne offensichtlich keinen maßgeblichen Einfluss auf die Einkommensverteilung nehmen konnten? Die Skepsis gegenüber politischen Versuchen, die Einkommensverteilung aus sozialen Gründen zu ändern, ist so alt wie die Wirtschaftswissenschaft selbst. Bereits David Ricardo, einer der Begründer der klassischen Wirtschaftstheorie im beginnenden 19. Jahrhundert hatte nachzuweisen versucht, dass aufgrund der von Robert Malthus entwickelten Bevölkerungsgesetze das Lohneinkommen langfristig nicht wesentlich über das Existenzminimum ansteigen könne.

 

Auch Karl Marx hatte nachzuweisen versucht, dass das Lohneinkommen in einer kapitalistischen Gesellschaft nicht über das Existenzminimum ansteigen könne. Wie Joseph A. Schumpeter aufgezeigt hat, ging Karl Marx in seinem ‚Kapital’ von den Grundprinzipien der Ricardianischen Lehre aus, versuchte jedoch diese Verteilungsentwicklung weniger auf demographische Faktoren, sondern auf die Entwicklung des arbeitssparenden technischen Fortschritts - der Verschlechterung in der organischen Zusammensetzung des Kapitals - zusammen mit dem Zwang der in Wettbewerb zueinander stehenden Unternehmer, ihre Gewinne immer wieder zu akkumulieren (zu investieren), zurückzuführen.

 

Die These von der Verarmung der Arbeiter entsprach zwar durchaus dem Zustand der Industriearbeiter zu Beginn der Industrialisierung. Im Zuge der Weiterentwicklung der Industriestaaten stieg jedoch das Einkommen der Arbeiter so stark an, dass man im 20. Jahrhundert nicht mehr ernsthaft von Verarmung der gesamten Arbeiterschaft sprechen konnte. Nun kam die These auf, dass Gesetzmäßigkeiten am Werk seien, aufgrund derer die Lohnquote durch wirtschaftliche Faktoren determiniert sei und deshalb auf politischem Wege kaum verändert werden könne.

 

Entsprechend der Grenzproduktivitätstheorie – der wichtigsten Verteilungstheorie der Neoklassik – wird die Lohnquote im wesentlichen von technischen Faktoren bestimmt und entspricht dem Arbeitskoeffizienten, der bei neutralem technischen Fortschritt auch auf lange Sicht konstant bleibt. Der Arbeitskoeffizient gibt hierbei an, um wie viel Prozent die Nachfrage nach Arbeit steigt, wenn die Produktion um 1% angehoben wird.

 

Nun wurde die Grenzproduktivitätstheorie zunächst unter den Bedingungen der vollständigen Konkurrenz entwickelt. In einem allgemeinen Modell, in dem auch monopolistische und oligopolistische Verhaltensweisen zugelassen sind, hängt die Lohnquote zusätzlich zum Arbeitskoeffizienten auch von den Elastizitäten von Angebot und Nachfrage ab. Elastizitäten sind jedoch ein Ausdruck für die Machtverhältnisse auf den Märkten, sodass über diesen Umweg die politischen Einflussmöglichkeiten Einfluss auf die Einkommensverteilung nehmen. Trotzdem gibt es in der Literatur zwei Ansätze, die auch unter Berücksichtigung von Machtverhältnissen zu dem Ergebnis gelangen, dass die Lohnquote langfristig konstant bleibe.

 

Auf der einen Seite hatte Michael Kalecki den Versuch unternommen, eine längerfristige Konstanz in der Lohnquote damit zu erklären, dass zur gleichen Zeit zwei Wirkungsstränge am Werk seien, die entgegengesetzt gerichtet seien und sich gerade gegenseitig aufhöben. Der Konzentrationsprozess in der Industrie habe dazu geführt, dass der Monopolisierungsgrad im Zeitablauf stetig ansteige. Dieser Effekt werde jedoch dadurch wiederum aufgehoben, dass im Zuge der Ausdehnung des weltweiten internationalen Handels die Rohstoffpreise sinken würden, was den Güterpreisen und damit letzten Endes den Lohnempfängern zugute käme. So sei es zu erklären, dass trotz Anstiegs im Monopolisierungsgrad der Unternehmungen die Lohnquote langfristig konstant geblieben sei.

 

Es gibt in der Literatur noch einen zweiten Versuch, wie sich trotz Berücksichtigung von Machtfaktoren eine längerfristige Konstanz in der Lohnquote erklären lässt. Gedacht ist hierbei an die These von John Kenneth Galbraith von den countervailing powers auf den Arbeitsmärkten. Zwar hätten die Arbeitnehmer durch den Zusammenschluss zu Gewerkschaften tatsächlich partiellen Einfluss auf die Einkommensverteilung genommen, diese Wirkung sei jedoch längerfristig wiederum verloren gegangen, da sich auch die Gegenseite: die Arbeitgeber in machtvollen Verbänden zusammengeschlossen hätten. Auf diese Weise sei auf den Arbeitsmärkten ein bilaterales Monopol entstanden, das die Machtverhältnisse auf den Arbeitsmärkten zementiert hätte; Macht habe Gegenmacht erzeugt und dieser Prozess der countervailing power habe schließlich zu einer längerfristigen Konstanz in der Einkommensverteilung geführt.

 

Wir wollen uns im folgenden mit den einzelnen Theorieansätzen etwas ausführlicher befassen. Bevor wir jedoch mit der Analyse der einzelnen Beiträge beginnen, gilt es in einem ersten Schritt den Begriff der Lohnquote zu präzisieren. In der Literatur wird unter diesem Begriff recht unterschiedliches verstanden.

 

 

2. Zum Begriff der Lohnquote

 

Im allgemeinen wird unter Lohnquote der Anteil der Lohneinkommen (L) am Inlandsprodukt (Y) verstanden. Hierbei wird das Lohneinkommen als Bruttolohneinkommen und das Inlandsprodukt im Sinne des Nettoinlandsproduktes zu Faktorkosten gefasst, wobei letzteres bekanntlich auch dem Volkseinkommen entspricht. Beide Größen stellen im allgemeinen nominale Werte dar; sie lassen sich jedoch auch als reale (preisbereinigte) Variablen fassen, wobei die Zeitreihen beider Größen solange identisch verlaufen, solange Lohneinkommen wie Inlandsprodukt auf das gleiche Preisniveau bezogen werden. Abweichungen ergeben sich allerdings dann, wenn man die Lohneinkommen auf den Lebenshaltungskostenindex, das Inlandsprodukt auf einen allgemeinen, alle gehandelten Güter umfassenden Preisindex bezieht.

 

Nun werden die Bruttolohneinkommen den Arbeitnehmern nicht vollständig ausgezahlt, sondern nur die Nettolöhne. Sowohl die von den Arbeitnehmern zu entrichtende Einkommenssteuer wie auch die Arbeitnehmerbeiträge werden unmittelbar an den Staat bzw. an die Sozialversicherungsträger überwiesen. Man kann darüber streiten, ob man im Zusammenhang mit der Einkommensverteilung eher von den Brutto- oder den Nettolöhnen ausgehen sollte. Zumindest die Sozialversicherungsbeiträge stellen ja Zweckabgaben dar, sie werden zugunsten des einzelnen Arbeitnehmers eingesetzt, sodass es sehr wohl sinnvoll ist, diese Beträge dem Einkommen des Arbeitnehmers zuzurechnen.

 

Ein weniger sichtbarer Zusammenhang besteht zwischen dem materiellen Wohlstand und der dem Staat überwiesenen Einkommenssteuer. Zwar werden die Steuern für die Anschaffung von Kollektivgütern verwandt, die letztlich auch den Arbeitnehmern zugute kommen. Es lässt sich jedoch im allgemeinen kein unmittelbarer Zusammenhang zwischen Inanspruchnahme von Kollektivgütern und Entrichtung der Einkommenssteuer feststellen. Steuern werden für Umverteilungsziele eingesetzt, kommen also nicht unbedingt den Steuer zahlenden Arbeitnehmern zugute, auch der aus den Infrastrukturinvestitionen gezogene Nutzen bestimmt in keiner Weise die Höhe des zu zahlenden Steuerbetrags.    

 

Gerade im Zusammenhang mit der These von der Konstanz der Lohnquote werden jedoch vor allem in der angelsächsischen Literatur hiervon abweichende Definitionen verwandt. So wird z. B. bei Michael Kalecki die Lohnquote allein auf die Lohneinkommen der Arbeiter (vorwiegend Industriearbeiter) bezogen, es werden also sowohl die in der Landwirtschaft beschäftigten Arbeiter als auch die Angestellten und damit Gehaltsempfänger aus der Betrachtung ausgeschlossen. Der Grund für diese Abweichung liegt darin, dass in der Anfangsphase der Gewerkschaftsbewegung vorwiegend nur die Industriearbeiter gewerkschaftlich organisiert waren, während sowohl Landarbeiter als auch Angestellte weitgehend unorganisiert blieben.

 

Der Lohn, den ein Arbeitnehmer empfängt, weicht in entscheidendem Maße von den Kosten ab, die ein Unternehmer im Zusammenhang mit der Beschäftigung eines Arbeitnehmers zu entrichten hat. Im Zuge der Beschäftigung eines Arbeitnehmers entstehen sogenannte Lohnnebenkosten wie z. B. die Arbeitgeberbeiträge zur Sozialversicherung, die Kosten für Werkseinrichtungen (Mensaessen, Kindergrippen etc.), sowie die Gewährung eines gezahlten Urlaubs. Diese Lohnnebenkosten machen heute mehr als Zweidrittel der Lohnkosten aus, sodass die mit der Beschäftigung eines Arbeitnehmers entstehenden Kosten beachtlich von den Geldbeträgen abweichen, die dem Arbeitnehmer ausgezahlt werden. In allokationspolitischen Überlegungen kann auch eine auf die gesamten Arbeitkosten bezogene Quote von Bedeutung sein. Bei einer genaueren Analyse zeigt sich jedoch, dass mehrere Voraussetzungen vorliegen müssen, will man der Lohnquote tatsächlich einen brauchbaren Informationsgehalt im Hinblick auf die Einkommensverteilung zuerkennen.

 

Als erstes ist die Quote eines Teiles der Gesamtbevölkerung am Inlandsprodukt nur dann aussagekräftig, wenn es sich hierbei nicht nur um eine statistische Masse handelt, bei der sich die Gemeinsamkeit der Gruppe auf bestimmte Merkmale beschränkt, sondern bei der vielmehr eine in der Realität bestehende soziale Beziehung vorliegt.

 

Im Allgemeinen unterscheidet man hierbei zwischen einer personellen und einer funktionellen Einkommensverteilung. Im Rahmen der personellen Einkommensverteilung wird die Bevölkerung nach der Höhe ihrer verfügbaren Einkommen in Einkommensklassen untergliedert und überprüft, wie viel Prozentpunkte der Bevölkerung sich in den einzelnen Einkommensklassen befinden und wie groß der Abstand in der Einkommenshöhe zwischen der untersten und der obersten Einkommensklasse ist. Dieser Abstand wird dann am Differenzierungsgrad der Einkommen gemessen, ein Differenzierungsgrad von Null würde z. B. zum Ausdruck bringen, dass alle Einkommensempfänger ein gleichhohes Einkommen erhalten.

 

Man kann jedoch die Bevölkerung im Rahmen der personellen Einkommensverteilung auch nach anderen sozialen Kriterien untergliedern und z. B. nach der Einkommensverteilung zwischen Männern und Frauen, oder zwischen den Altersgruppen, weiterhin nach ihrem Beschäftigungsverhältnis (Arbeiter, Angestellte oder Beamte), nach ihrem Ausbildungsgrad oder schließlich nach ihren Wohngebieten fragen.

 

Im Rahmen der funktionellen Einkommensverteilung wird die Bevölkerung hingegen danach untergliedert, welchen Produktionsfaktor die einzelnen Einkommensbezieher anbieten und da im Allgemeinen zwischen dem Produktionsfaktor Arbeit, Boden und Kapital unterschieden wird, finden wir im Rahmen der funktionalen Einkommensverteilung die Frage nach der Lohnquote (der Anbieter des Produktionsfaktors Arbeit), nach der Bodenrentenquote (Anbieter von Boden) und schließlich der Zinsquote (Anbieter von Kapital). Oftmals wird auch hierbei zwischen Selbstständigen- und Unselbstständigenquote unterschieden.

 

Diese Einteilung der Einkommensempfänger nach ihrer Funktion im Produktionsprozess gibt jedoch nur dann Sinn, wenn auch zwischen den Mitgliedern dieser Einkommensgruppen zumindest eine gewisse soziale Verbundenheit besteht. Dass aber die Bezieher von Lohneinkommen tatsächlich eine solche sozial existierende Verbundenheit aufweisen, muss bezweifelt werden, wenn der Begriff der Lohneinkommen sehr weit gefasst wird.

 

So wird in der Wirtschaftstheorie in aller Regel davon ausgegangen, dass im Grunde nahezu jeder Erwerbstätige zur Erlangung seines Einkommens eine gewisse Arbeit verrichten muss. So weist man z. B. darauf hin, dass sich der Gewinn eines Unternehmers aus mehreren Teilen zusammensetzt, zum Teil entsteht für einen Unternehmer Einkommen dafür, dass auch er gewisse (geistige) Arbeit verrichtet, er kann sich für diese Arbeit einen Unternehmerlohn anrechnen, weiterhin hat er vielleicht ein eigenes Grundstück in die Unternehmung eingebracht und erhält deshalb auch eine Bodenrente. Für das in die Unternehmung zur Verfügung gestellte Kapital hat der Unternehmer auch ein Zinseinkommen zu beanspruchen. Erst dann, wenn alle diese Anteile am gesamten Einkommen des Unternehmers abgezogen wurden, bleibt als Residualeinkommen der eigentliche Gewinn dieses Unternehmers.

 

Nehmen wir als zweites Beispiel ein Individuum, welches über ausreichend Vermögen verfügt und nichts anderes tut, als mit Hilfe eines Computers festzustellen, an welcher Börse und bei welchen Wertpapieren die höchstmögliche Rendite erzielt werden kann und diesen Feststellungen entsprechend sein Vermögen Tag für Tag umschichtet. Obwohl dieses Individuum nach allgemeinem Verständnis als reine Verkörperung eines Kapitalisten angesehen wird, stellt diese Tätigkeit im ökonomischen Sinne wiederum eine Arbeitsleistung dar, sodass auch hierfür ein gewisser Betrag als Arbeitsentgelt angesehen werden muss.

 

Dies bedeutet jedoch, dass eigentlich jeder Erwerbstätige ein Minimum an Arbeit verrichtet und deshalb in diesem strengen Sinne zusätzlich zum Kapitaleinkommen auch ein Lohneinkommen bezieht. Wollte man nun sämtliche Einkommen, welche als Entlohnung für Arbeit angesehen werden können, zur Lohnquote zählen, würde dieser Begriff jeden verteilungspolitisch relevanten Informationsgehalt verlieren. Wir wollen ja schließlich mit dem Begriff der Lohnquote überprüfen, welchen Anteil am Gesamteinkommen einer Volkswirtschaft ein Teil der Bevölkerung: die Arbeitnehmer erhalten.

 

Vor allem aber würde eine Veränderung der Lohnquote nichts mehr darüber aussagen, ob die Gruppe der Arbeitnehmer nun einen größeren oder kleineren Anteil am Gesamteinkommen erhält. Steigt z. B. die Lohnquote, so könnte dies allein darauf zurückzuführen sein, dass der Unternehmerlohn bei Konstanz der Lohnsätze der Arbeitnehmer angestiegen ist. In gleicher Weise könnte die Statistik eine Reduzierung der Lohnquote signalisieren, die aber nur dadurch zustande gekommen ist, weil der Unternehmerlohn stark zurückging bei Konstanz oder sogar Anstieg der Lohnsätze für Arbeitnehmer.

 

Der Gebrauch der Lohnquote bringt also nur dann einen brauchbaren Maßstab für die Einkommensverteilung, wenn wir die Lohneinkommen auf die Einkommen der Arbeitnehmer beschränken. Aber selbst hier müssen wir davon ausgehen, dass die sozialen Bindungen zwischen den oberen und untersten Arbeitnehmerklassen gering sind und dass auch nicht damit gerechnet werden kann, dass die Lohnstruktur zwischen diesen einzelnen Klassen stets unverändert bleibt, dass auch eine Veränderung des Einkommensanteils der obersten Lohngruppen gleichzeitig mit einer gleichgerichteten Änderung auch in den untersten Lohnklassen einhergeht, sodass die mittleren Lohngruppen schrumpfen.

 

Halten wir also fest: Der Gebrauch des Begriffs der Lohnquote setzt voraus, dass sich dieser Begriff nur auf einen Teil der Bevölkerung bezieht, den darüber hinaus bestimmte soziale Bezüge miteinander verbindet. In diesem Sinne erhält dieser Begriff dann, wenn wir ihn auf die Lohneinkommen der  Unselbstständigen beziehen, einen (allerdings nur begrenzten) Sinn und Informationsgehalt. Wir interessieren uns aber beim Gebrauch dieses Maßstabes nicht nur dafür, die Höhe dieses Anteils zu erfahren, wir wollen vielmehr in erster Linie überprüfen, wie sich die Lohnquote im Zeitablauf geändert hat. Hier kommt nun eine zweite Beschränkung ins Spiel. Veränderungen in der so definierten Lohnquote informieren nämlich nur dann einigermaßen korrekt über tatsächlich eingetretene Änderungen in der funktionellen Einkommensverteilung, wenn die Erwerbspersonenstruktur (das Verhältnis zwischen der Zahl der Selbstständigen und der Unselbstständigen) unverändert blieb.

 

Würden wir z. B. feststellen, dass die Lohnquote angestiegen ist, so könnte dieser Anstieg allein oder zumindest zum Teil dadurch verursacht worden sein, dass der Anteil der Selbstständigen zurückgegangen und damit der Anteil der Unselbstständigen angestiegen ist. Aus diesem Grund steigt die Lohnquote auch dann an, wenn der Einkommensanteil jedes einzelnen bisherigen Arbeitnehmers unverändert geblieben ist, da eben nun einfach nur die Zahl der Unselbstständigen im Vergleich zur Zahl der Selbstständigen angestiegen ist.

 

In der Zeit zwischen 1950 und 1980 ist die Selbstständigenquote in der BRD stark gefallen. Im Jahre 1950 betrug sie noch 15,6%, 1980 war sie auf 8,6% gefallen. Dies bedeutet, dass in dieser Zeit der Anteil der Arbeitnehmer am Inlandsprodukt sehr viel geringer angestiegen ist als die Statistik über den Verlauf der Lohnquote anzeigt. In der Zeit zwischen 1980 und 2010 ist der Anteil der Selbstständigen wieder etwas angestiegen auf etwa 10,9%. Somit ist der Anteil der Arbeitnehmereinkommen in dieser Zeit etwas stärker gestiegen als der Verlauf der Lohnquote in dieser Zeit vermuten lässt.

 

In Zeiten, in denen die Erwerbspersonenstruktur größeren Schwankungen unterliegt, ist es deshalb notwendig, den Begriff der Lohnquote zu korrigieren. Eine Korrektur erfolgt durch den neuen Maßstab der bereinigten Lohnquote. Die bereinigte Lohnquote (λ‘) ergibt sich daraus, dass wir das Pro-Kopf-Einkommen der Arbeitnehmer (L/A) im Zeitpunkt t in Beziehung setzen (dividieren) zum Pro-Kopf-Einkommen aller Erwerbspersonen (Y/Erw) im gleichen Zeitpunkt t und mit der Unselbstständigenquote im Basisjahr 0 gewichten (multiplizieren).

 

Die bereinigte Lohnquote ergibt sich also durch Multiplikation der Arbeitseinkommensquote mit der Arbeitnehmerquote im Basisjahr t = 0.

 

 

 

mit:  λ‘: bereinigte Lohnquote;   (L/A)t: Pro-Kopf-Einkommen der Arbeitnehmer im Zeitpunkt t;

 

(Y/Erw)t: Pro-Kopf-Einkommen der Erwerbspersonen im Zeitpunkt t;

 

A: Anzahl der Arbeitnehmer im Basisjahr 0; Erw: Anzahl der Erwerbspersonen im Basisjahr 0.

 

 

Steigt also in einem bestimmten Zeitraum lediglich die Quote der Unselbstständigen an, ohne dass sich das Verhältnis zwischen dem Pro-Kopf-Einkommen der Arbeitnehmer und der gesamten Erwerbspersonen verändert, ergeben sich auch ex definitione keine Veränderungen in der bereinigten Lohnquote.

 

Der Begriff der Lohnquote bedarf jedoch noch einer weiteren Korrektur. Wir hatten bisher still-schweigend unterstellt, dass zwar vielleicht die Selbstständigen über mehrere Einkommensarten (Gewinn- sowie Lohneinkommen verfügen, dass aber die Arbeitnehmer selbst nur über ihre Arbeitskraft verfügen und deshalb ausschließlich Lohneinkommen beziehen. Sie galten lange Zeit als Proletarier (Vermögenslose).

 

Diese Annahme muss korrigiert werden, da mit wachsendem Reichtum immer mehr Arbeitnehmer auch Zins- oder Gewinneinkommen beziehen. Auf der einen Seite übersteigt für einen beachtlichen Teil der Arbeitnehmer das privat verfügbare Einkommen den Konsumbedarf, sodass sie einen Teil ihres Einkommens sparen können. Und diese Sparquote steigt im Allgemeinen mit dem Einkommen an. Ersparnisse können jedoch zinsbringend angelegt werden, sei es auf einem Sparbuch bei einer Bank, sei es als Wertpapier. Aber auch dann, wenn ein Arbeitnehmer selbst genutztes Wohnungseigentum erwirbt, ist zu berücksichtigen, dass er auf diese Weise Miete einspart und diese Einsparung stellt ebenfalls eine Art Nichtlohneinkommen dar. Nun mag man einräumen, dass im Augenblick der Anteil der Arbeitnehmer an Vermögen noch relativ gering ist, sodass keine zu großen Fehler gemacht werden, wenn man die aus dem Vermögen der Arbeitnehmer erwachsenden Kapitaleinkommen nicht berücksichtigt.

 

Auf der anderen können wir davon ausgehen, dass ein Teil der Arbeitnehmer am Ertrag (Gewinn) der Unternehmung, in der sie beschäftigt sind, beteiligt wird, entweder in Form von ertragsabhängigen Leistungszulagen oder in Form einer eigens eingeführten betrieblichen Ertragsbeteiligung. Diese Einkommensteile sind von ihrer Funktion her keine Lohn- sondern Gewinneinkommen, unabhängig davon, ob die Arbeitnehmer diese zum Lohn zusätzlichen Einkommen verkonsumieren oder sparen und damit Vermögen bilden.

 

Wenn aber Arbeitnehmer neben ihrem Lohneinkommen auch Gewinn- oder Zinseinkommen erwerben, sagt die ursprünglich definierte Lohnquote nicht viel über die Einkommensverteilung aus. Man erfährt zwar auf diese Weise, wie groß das Einkommen eines Arbeitnehmers ist, das er aufgrund seines Arbeitseinsatzes erhält. Diese Betrachtung bezieht sich jedoch eigentlich auf die Funktion, welche die Arbeit im Rahmen des Produktionsprozesses einnimmt und damit eher auf ein Problem der Allokation und weniger der Einkommensverteilung, wir erwähnten oben bereits, dass hinter der Frage der Einkommensverteilung stets die Frage steht, wie das Volkseinkommen auf tatsächlich existierende Bevölkerungsgruppen aufgeteilt wird. Deshalb interessiert im Zusammenhang mit distributiven Fragen allein der Anteil des Einkommens der Arbeitnehmer am Gesamteinkommen, unabhängig davon, ob dieses Einkommen als Lohn- oder Gewinneinkommen bezogen wurde.

 

Wir müssen also immer dann, wenn Arbeitnehmer einen nennenswerten Anteil ihres Gesamteinkommens als Gewinn- oder Zinseinkommen erhalten, davon ausgehen, dass die reine Lohnquote wenig über die tatsächliche Einkommensverteilung aussagt, dass wir also anstelle der Lohnquote dann nach der gesamten Einkommensquote der Arbeitnehmer fragen müssen, wenn wir uns für die Einkommensverteilung interessieren.

 

Diese Einkommensquote der Arbeitnehmer errechnet sich dadurch, dass wir zum Lohneinkommen die den Arbeitnehmern zufließenden Zins- und Gewinneinkommen hinzuzählen. Eine Vernachlässigung dieser Zins- und Gewinnanteile wirft nun nicht nur deshalb auf die tatsächliche Einkommensverteilung ein falsches Bild, weil in diesem Falle ein Teil der Einkommen der Arbeitnehmer unberücksichtigt bleibt. Wie wir nämlich aus der von Luigi L. Pasinetti weitergeführten Verteilungstheorie Nicholas Kaldor wissen, hängt das Gesamteinkommen der Arbeitnehmer entscheidend von der Sparquote der Arbeitnehmer ab. Werden nun die Arbeitnehmer am Gewinn der Unternehmung beteiligt, ohne dass die Arbeitnehmer dieses Einkommen sparen, muss damit gerechnet werden, dass unter Umständen das Lohneinkommen zurückgeht, da ein Teil des bisherigen Einkommens der Arbeitnehmer anstelle eines von der Ertragslage der Unternehmung unabhängigen Lohneinkommens als Gewinneinkommen ausgezahlt wird, das je nach Ertragslage unterschiedlich hoch ausfällt.

 

Nun hat Martin L. Weitzman gezeigt, dass bei Einführung einer Gewinnbeteiligung der Beschäftigten einer Unternehmung das Gesamteinkommen der Arbeitnehmer in aller Regel ansteigt, dass aber das Lohneinkommen selbst unter Umständen geringer ausfallen kann als vor dem Zeitpunkt, als noch keine Gewinnbeteiligung eingeführt worden war. Wir werden weiter unten auf diese Theorie noch ausführlich eingehen.

 

Wenn dem aber so ist, kann der Informationsgehalt der reinen Lohnquote vollkommen verfälscht sein. Es besteht hier die Möglichkeit, dass der Maßstab der Lohnquote eine Reduzierung des Anteils der Arbeitnehmer am Volkseinkommen anzeigt, obwohl der Anteil des gesamten Arbeitnehmereinkommens am Volkseinkommen anstieg, also der Rückgang im Lohneinkommen überkompensiert wird durch den Anstieg der an die Arbeitnehmer ausgeschütteten Gewinnanteile. Die Statistik weist dann eine relative Verschlechterung der Arbeitnehmereinkommen aus, obwohl annahmegemäß dieser Anteil angestiegen ist.

 

 

3. David Ricardos These von der Stagnation

 

Fragen wir uns nun nach den Bestimmungsgründen der Lohnquote. Beginnen wir mit den Vorstellungen David Ricardos über die zeitliche Entwicklung der Lohneinkommen. Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist die von Robert Malthus formulierte These, dass die Bevölkerung im Sinne einer geometrischen Reihe (1, 2, 4, 8 usw.), der Bodenertrag aufgrund des Gesetzes vom abnehmenden Grenzertrag des Bodens jedoch nur im Sinne einer arithmetischen Reihe (1, 2, 3, 4 usw.) ansteige. Solange der tatsächlich ausgezahlte Lohn das Existenzminimum übersteige, komme es zu einer Vermehrung der Bevölkerung, es müssten mehr Böden bebaut und diese auch intensiver ausgenutzt werden. Hierbei komme es zu einer Verringerung des Grenzertrages, also des Ertrages pro letzte Bodeneinheit, da immer mehr auf Böden schlechterer Qualität zurückgegriffen werden müsse und da die Böden immer intensiver bebaut würden.

 

Aufgrund der zunehmenden Knappheit der Böden stiege der Preis für Böden, die Grundrente an und aufgrund des abnehmenden Grenzertrages der Böden bliebe immer weniger für die Auszahlung der wachsenden Arbeiterschaft übrig. Der Lohn sinke immer mehr auf das Existenzminimum ab. Verdeutlichen wir diese Zusammenhänge anhand einer Graphik (Diagramm 1).

 

 

                  lohnqote1

 

 

Wir gehen von einem Arbeitseinsatz aus, welcher der Strecke DE entspricht. Entsprechend der Grenzertragskurve wird bei diesem Arbeitseinsatz eine Gesamtproduktion von ABDE erzielt. Da die Böden noch nicht knapp sind und die Qualitätsunterschiede in den bebauten Böden noch gering sind, fällt auch die Rente gering aus; sie entspricht der Fläche ABC. Der verbleibende Rest, die Fläche CBDE fällt als Lohneinkommen den Arbeitern zu. Da der tatsächliche Lohn weit über dem Existenzminimum, der Strecke HD liegt, können sich die Arbeiter mehr Kinder leisten, es kommt zum Bevölkerungswachstum, was langfristig den Arbeitseinsatz vergrößert.

 

Werden mehr Arbeiter beschäftigt, müssen die Böden intensiver genutzt oder aber Böden geringerer Qualität herangezogen werden. Die Folge ist eine Verringerung des Grenzertrages. Wegen der größeren Knappheit der Böden steigt die Rente, der Anteil, der für die Arbeiter vom Gesamtertrag übrig bleibt sinkt, bis schließlich der Lohnsatz dem Existenzminimum entspricht. Hier endet die Dynamik. Das Gesamtprodukt entspricht nun der Fläche AFD, die Rente hingegen AGH, das verbleibende Lohneinkommen schließlich HGFD, dem Existenzminimum.

 

Wie bereits erwähnt, gibt die Ricardianische These die tatsächliche Lage der Arbeiter zu Lebzeiten von David Ricardo sicherlich richtig wieder. Genauso richtig ist jedoch, dass sich in der Zwischenzeit die wirtschaftliche Lage der Arbeitnehmer im allgemeinen entscheidend verbessert hat. Wie lässt sich dieser Wandel in der Lebenslage der Arbeitnehmer im Rahmen der Theorie von  Ricardo erklären ?

 

William Godwin (1756-1836) hatte daraufhingewiesen, dass dieser Teufelskreis von Armut und Bevölkerungswachstum dadurch durchbrochen werden könnte, dass die einzelnen Menschen freiwillig Enthaltsamkeit üben könnten und dass deshalb das Bevölkerungswachstum sehr wohl begrenzt werden könne.

 

Ein anderer Tatbestand ist von größerer Bedeutung. Zur Zeit David Ricardos lebten die meisten Menschen in der Landwirtschaft. Das Gesetz vom abnehmenden Grenzertrag bezieht sich auf die Produktion landwirtschaftlicher Produkte. Der Übergang zur Industriegesellschaft brachte hier einen entscheidenden Wandel. Zwar unterliegt auch die Produktion von industriell erzeugten Gütern grundsätzlich dem Ertragsgesetz, wonach eine Ausweitung der Produktion von einer bestimmten Produktionsmenge ab zu einem Rückgang im Ertragszuwachs pro zusätzlich eingesetzter Arbeitseinheit führt. Bei nahezu jeder Produktion gibt es konstantbleibende Faktoren, die bei Produktionsvermehrung zu einer Verringerung der Produktivität führen.

 

Trotzdem trat die Bedeutung dieses Ertragsgesetzes bei der industriellen Produktion in den Hintergrund. Der Industrialisierungsprozess war begleitet durch eine permanente Verbesserung in der angewandten Technik. Aufgrund eines rapide ansteigenden technischen Fortschritt konnte die Produktivität so stark gesteigert werden, dass die Gültigkeit des Ertragsgesetzes immer wieder vorübergehend außer Kraft gesetzt werden konnte. Im obigen Diagramm 1 bedeutet technischer Fortschritt eine Verschiebung der Ertragsfunktion nach rechts-oben, wodurch trotz Anstiegs der Beschäftigung der Grenzertrag der Arbeit ansteigen konnte und damit die von David Ricardo geschilderte Dynamik außer Kraft gesetzt wurde.

 

Die pessimistische Entwicklung in der Einkommensverteilung im Rahmen der Ricardianischen Theorie ließ sich auf das Missverhältnis zwischen Bevölkerungswachstum und Zuwachs der Güterproduktion zurückführen. In der Zwischenzeit kehrte sich dieses Verhältnis um, da auf der einen Seite im Zuge der Industrialisierung und der Entstehung der sozialen Systeme das Bevölkerungswachstum stagnierte, auf der anderen Seite jedoch aufgrund des technischen Fortschrittes die Wachstumsrate des Inlandsproduktes so stark anstieg, dass sich auch das Pro-Kopf-Einkommen stark erhöhte.

 

 

4. Karl Marx und seine Verelendungstheorie

 

Wie versuchte Karl Marx zu erklären, dass es im Zuge der Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaft zu einer Verelendung der Arbeiter kommen müsse? Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist die von den Klassikern entwickelte objektive Werttheorie, wonach der Wert einer Ware langfristig den für dieses Gut benötigten Herstellungskosten entspricht. Insoweit war Karl Marx – wie Joseph A. Schumpeter gezeigt hat – getreuer Schüler David Ricardos. 

 

Für ihn gilt allerdings dieses Wertgesetz auch für die Arbeit. Auch die Arbeit sei in einer kapitalistischen Gesellschaft nichts als eine Ware. Die Herstellungskosten der Arbeit entsprächen hierbei dem Existenzminimum, das notwendig ist, um Arbeiter zu erziehen. In dem Versuch, im Rahmen einer dynamischen Analyse diese Gesetzmäßigkeiten zu erklären, weicht Karl Marx allerdings von den Ricardianischen Ansätzen ab.

 

Während im Mittelpunkt der Ricardianischen Verteilungstheorie die von Robert Malthus entwickelten Bevölkerungsgesetze standen und während David Ricardo seine Überlegungen für eine weitgehend landwirtschaftlich orientierte Volkswirtschaft entwickelte, ging Karl Marx von der These aus, dass der Zwang zur Akkumulation und die Anwendung arbeitsparender Technik letztlich zur Verelendung der Arbeiter beitrage, seine Überlegungen beziehen sich weiterhin auf eine industrielle Volkswirtschaft.

 

Der gegenseitige Wettbewerb der Kapitalisten zwinge diese, ihren Gewinn - den sogenannten Mehrwert, den die Unternehmer über die Arbeitskosten erhielten - sofort wiederum zu investieren (akkumulieren). Dieser gnadenlose Wettbewerbsprozess habe zweierlei Auswirkungen: Auf der einen Seite finde eine Konzentration der Unternehmungen zu wenigen Großkonzernen statt, die mittleren Unternehmungen schluckten die kleinen Betriebe, würden jedoch ihrerseits von den großen Unternehmungen ebenfalls übernommen.

 

Auf der anderen Seite würden die Unternehmungen, in dem Versuch zu überleben, immer mehr zu arbeitsparenden Techniken greifen und auf diesem Wege immer mehr Arbeiter entlassen. Es entstehe auf diese Weise ein Herr von Arbeitslosen, die sich erneut -  um Arbeit zu finden - für immer geringere Löhne auf dem Arbeitsmarkt den Unternehmungen anböten. So werde der Lohn immer mehr auf das Existenzminimum gedrückt, es entstehe eine immer größer werdende Schar von verarmten Arbeitnehmern, die schließlich zu einer kommunistischen Revolution bereit seien. Da gleichzeitig die Zahl der Unternehmungen in einem Konzentrationsprozess stark reduziert würde, könnte der Staat diese wenigen Unternehmungen übernehmen und damit eine kommunistische Gesellschaft einleiten.

 

Genauso wie bei der Beurteilung der Ricardianischen Verteilungstheorie können wir auch bei der Bewertung der Marxschen Verteilungslehre als erstes feststellen, dass in der Tat die Anfangsphase der industriellen Gesellschaft im beginnenden 19. Jahrhundert durch eine Verarmung der Industriearbeiter gekennzeichnet war. Die Arbeiter strömten massenweise in die Städte und gaben damit den Schutz der ländlichen Großfamilie auf. Da die Produktivität am Beginn der Industrialisierung noch gering war und das Bevölkerungswachstum groß, mussten sich die Arbeitnehmer zu Hungerlöhnen den Unternehmungen anbieten. Die gegenseitige Konkurrenz der Arbeiter untereinander verhinderte in der Anfangsphase einen schnellen Anstieg der Löhne.

 

Auf lange Sicht führte jedoch gerade der rapide Industrialisierungsprozess zu einem Anstieg der Produktivität und auf lange Sicht auch zu einem beachtlichen Anstieg der Löhne gerade auch bei den unteren und mittleren Arbeitnehmerschichten, sodass die Armut der breiten Schichten der Arbeitnehmer überwunden wurde und  die Arbeitsbedingungen entscheidend verbessert werden konnten.

 

Auf lange Sicht hat sich somit die marxistische Prophetie nicht bewahrheitet, genauso wenig wie der Pessimismus David Ricardos. Die Marxisten versuchten jedoch an ihren Überzeugungen festzuhalten, indem sie im Rahmen der Imperialismustheorie die Marxschen Lehren so umdeuteten, dass in einer kapitalistischen Gesellschaft an und für sich eine Verarmung der Arbeiterschichten eintreten würde, dass aber dieser Prozess dadurch hinausgezögert werden könne, dass die reichen Industrieländer die Kolonien ausbeuteten und damit die Armut in die Kolonialländer exportierten. Schließlich wurde die Verelendungstheorie, die bei Karl Marx noch als eine These absoluter Verarmung vorgetragen wurde, zu der abgeschwächten Behauptung umgedeutet, die Arbeiterschaft nähme an dem Wachstumsprozess der übrigen Gesellschaft nicht teil, deshalb sinke ihr Anteil am Inlandsprodukt. Aber auch diese gemilderten Behauptungen haben sich nicht bewahrheitet.

 

Worin liegen nun die Gründe für das Scheitern dieser Thesen? Als erstes gilt es daran zu erinnern, dass die Wirtschaftswissenschaft seit der Weiterentwicklung zur Neoklassik im 19. Jahrhundert die objektive Werttheorie, wonach der Preis eines Gutes von seinen Kosten bestimmt wird und diese Kosten sich auf einen Faktor, nämlich die Anzahl der für eine Produkteinheit benötigte Arbeitsstundenzahl reduzieren lasse, aufgegeben hat und durch eine subjektive Wertlehre, wonach der Wert eines Gutes sich immer von dem Nutzen ableitet, den ein Gut bei den Konsumenten letztlich stiftet, ersetzt hat. Die objektive Wertlehre David Ricardos scheiterte schließlich daran, dass es mehrere unterschiedliche Produktionsfaktoren gibt, die sich nur unter sehr unrealistischen Annahmen auf einen einzigen Produktionsfaktor Arbeit zurückführen lassen.

 

Darüber hinaus geht die moderne Wachstumstheorie davon aus, dass es sehr unterschiedliche Arten des technischen Fortschritts gibt, dass keinesfalls alle Erneuerungen den Charakter einer arbeitssparenden Fortschritts aufweisen, dass vielmehr in der Gesamtheit eher mit neutralem technischen Fortschritt, der allen Faktoren - auch der Arbeit - zugute kommt, zu rechnen ist. Einige Wachstumstheoretiker – wie z. B. Nicholas Kaldor - versuchten sogar nachzuweisen, dass die Marktprozesse notwendigerweise zu neutralem technischen Fortschritt drängten.

 

Fortsetzung folgt!