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Das Gebot der Nächstenliebe

 

Gliederung:

 

  1. Zur Problematik

  2. Wer gilt als Nächster?

  3. Auf welchen Begriff der Liebe bezieht sich dieses Gebot?

  4. Handelt es sich um ein neues Gebot?

  5. Liebe den Nächsten wie dich selbst

  6. Liebe den Nächsten, denn er ist wie du

  7. Hilfe für den in Not geratenen.

  8. Füge dem Mitmenschen keinen Schaden zu.

  9. Behandle deinen Mitmenschen als freien Mitbürger.

10. Das Gebot der Feindesliebe

11. Halte auch die andere Wange hin

12.  Liebe versus ‚Do ut des-Prinzip‘

 

 

1. Zur Problematik

 

Das Gebot der Nächstenliebe zählt zu den wichtigsten Geboten der Christenheit. Auf die Frage eines Schriftgelehrten, welches Gebot im Gesetz das wichtigste sei, antwortete Jesus nach Matthäus 22, 34: ‚ Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz samt den Propheten‘.

 

Nun kennen nicht nur Christen dieses Gebot. Vielmehr werden in fast allen Religionen diese oder zumindest ähnliche Forderungen erhoben. Auch für einen Muslim oder für einen Buddhisten gelten ähnliche Gebote. Auch lässt sich feststellen, dass die abendländische Philosophie – voran Emanuel Kant – Verhaltensmaximen entwickelt hat, welche die Achtung gegenüber Mitmenschen und die Hilfe für in Not geratene Menschen zur Pflicht eines jeden Menschen machen.

 

Die Frage, was man denn im Einzelnen unter christlicher Nächstenliebe zu verstehen hat, richtet sich in erster Linie an den Theologen und an die offiziellen Kirchen. Trotzdem kommt auch ein Wirtschaftswissenschaftler nicht darum, sich über die Bedeutung der Nächstenliebe Gedanken zu machen.

 

Bei einer oberflächlichen Betrachtung hat es nämlich den Anschein, als würden sich das Gebot der Nächstenliebe und die Verhaltensregeln einer liberalen Marktwirtschaft einander ausschließen. Für die Marktwirtschaft unter­stellen wir im Allgemeinen, dass sich die einzelnen Marktteilnehmer egoistisch verhalten und ihre wirtschaftlichen Entscheidungen allein daran ausrichten, inwieweit diese Aktionen in der Lage und notwendig sind, das eigene Wohl zu maximieren.

 

Bisweilen gehen Liberale sogar noch einen Schritt weiter: Sie behaupten nicht nur, dass sich die Menschen auf diese Weise im Allgemeinen tatsächlich verhalten, sondern dass gerade aufgrund dieser Verhaltensweisen auch das Gesamtwohl einer Gesellschaft maximiert werde. Die gesamtwirtschaftliche Wohlfahrt werde dann, wenn sich jeder einzelne primär an seinem Eigenwohl ausrichte, besser erreicht als dann, wenn das Gemeinwohl die einzige oder zumindest vorrangige Maxime im menschlichen Leben darstelle.

 

Zumindest wird es als ein besonderer Vorteil der marktwirtschaftlichen Ordnung angesehen, dass sie auch dann funktioniere, dass also auch dann das Gemeinwohl de facto zum Zuge komme, wenn die Führungskräfte der Wirtschaft und der gesamten Gesellschaft moralisch versagen. Eine Marktwirtschaft stelle also insgesamt geringere Anforderungen an die Moral seiner Führungskräfte als staatlich planwirtschaftliche Systeme.

 

Natürlich haben Liberale – vor allem die Vertreter des Ordo-Liberalismus – stets darauf hingewiesen, dass keine noch so liberale Volkswirtschaft ohne ein Minimum an moralischen und staatlichen Gesetzen auskomme. Die These, dass der einzelne bei seinen wirtschaftlichen Entscheidungen primär seinem Eigenwohl verpflichtet sei, sei nicht so zu verstehen, dass jede Handlung, welche das Einzelwohl fördert, auch von der Gesamtgesellschaft akzeptiert werde. Selbstverständlich habe sich jeder einzelne in eine gesamtwirtschaftliche und gesamtgesellschaftliche Ordnung einzufügen.

 

Das Prinzip der Gewinnmaximierung (Nutzenmaximierung) besagt weder, dass die Mehrheit der Unternehmer (Wirtschaftssubjekte) mit Korruption, Raub und Mord ihre wirtschaftlichen Ziele verfolge, schon gar nicht, dass dies erwünscht und für den Erfolg der Marktwirtschaft unerlässlich sei. Ein Liberaler geht lediglich davon aus, dass eine staatliche und sittliche Ordnung dem einzelnen zahlreiche Handlungsalternativen belässt und dass sich der einzelne zwischen diesen Alternativen vorwiegend nach seinem Eigenwohl richtet.

 

Trotzdem wird man anerkennen müssen, dass zwischen der Forderung, den Nächsten zu achten und ihm zu helfen und der Zielsetzung einer Gewinn- und Nutzenmaximierung ein Widerspruch bestehen bleibt und es ist die Frage erlaubt, ob ein gläubiger Christ, der sich den Geboten der Nächstenliebe verpflichtet weiß, zur gleichen Zeit bei seinen wirtschaftlichen Aktivitäten im Sinne einer Gewinnmaximierung handeln kann. Um diese Frage behandeln zu können, bedarf es sehr wohl auch unter Wirtschaftswissenschaftlern einer Auseinandersetzung darüber, was im Einzelnen unter Nächstenliebe zu verstehen ist und wie sie in einer freien Marktwirtschaft praktiziert werden kann. 

 

Aus einer etwas anderen Sicht betrachtet erweisen sich Nächstenliebe und marktadäquates Verhalten als vielleicht doch nicht widersprüchlich, man könnte sogar davon sprechen, dass sich beide Verhaltensweisen ergänzen, dass aus einer Marktwirtschaft eine allgemein akzeptable Wirtschaftsordnung erst dadurch entsteht, dass das im Wettbewerb notwendige ‚hemdsärmliche‘ Verhalten eines Konkurrenten ergänzt wird durch eine Vorgehensweise, welche durch Nächstenliebe geprägt ist.

 

Ein Liberaler ist zwar der Auffassung, dass in einem Wirtschaftssystem nur bei intensivem Wettbewerb unter den Unternehmern eine volkswirtschaftlich für alle Beteiligten akzeptable Lösung zustande kommt, und dass nur auf diese Weise Machtmissbrauch weitgehend unterbunden werden kann und das der Wettbewerb sozusagen den Preis darstellt, den die Unternehmer dafür zu zahlen haben, dass die Gesellschaft den Unternehmern überdurchschnittlich viele Freiheitsrechte und ein im Allgemeinen überdurchschnittlich hohes  Einkommen zubilligt.

 

Die Forderung nach möglichst viel Wettbewerb ist jedoch nicht so zu verstehen, dass Liberale den Wettbewerb als solchen verherrlichen. Wettbewerb führt immer für die Beteiligten zu unerwünschten Wirkungen, er ist mit Stress verbunden, er zwingt die einzelnen Unternehmer, stets nach Kostensenkungen und Qualitätsverbesserungen Ausschau zu halten. Gewinnmaximierung wird überhaupt erst dadurch akzeptabel, dass zwischen den Unternehmungen Wettbewerb herrscht und damit stets eine Machtkontrolle von Seiten der übrigen Marktteilnehmer stattfindet. Der Wettbewerb ist also immer zwar eine notwendige, aber doch immer nur zweitbeste Lösung.

 

Gerade in Anbetracht dieser Begrenzungen kann die Einhaltung des Gebotes der Nächstenliebe dazu beitragen, das reale Wirtschaftsleben einigermaßen erträglich zu machen, über das Gebot der Nächstenliebe kommen sozusagen überhaupt erst menschliche Züge in das wirtschaftliche Alltagsleben. Es scheint also durchaus berechtigt und notwendig, wenn wir uns im Folgenden mit der Frage auseinandersetzen, was im Einzelnen unter Nächstenliebe zu verstehen ist.

 

Wir werden als Erstes zu klären haben, wer denn nun der Nächste ist, den wir zu achten haben. Wir haben zweitens die Frage zu analysieren, was im Einzelnen als Liebe in diesem Zusammenhang zu verstehen ist, wir werden sehen, dass der Begriff der Liebe bei dieser Forderung sehr wenig mit den üblichen Definitionen von Liebe zu tun hat. Drittens wollen wir der Frage nachgehen, inwieweit denn das von Jesus formulierte Gebot der Nächstenliebe ein neues Gebot war und sich von den in den Schriften des Alten Testamentes gültigen Moralvorstellungen wesentlich unterscheidet. Wir werden sehen, dass auch bereits das Alte Testament sehr wohl das Gebot der Nächstenliebe kannte.

 

Das Gebot der Nächstenliebe begegnet uns in zwei Interpretationen. In den griechischen Texten wird gefordert: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Der aramäische Text im Alten Testament hingegen legt eine etwas andere Übersetzung nahe: Liebe deinen Nächsten, denn er ist wie du. Wir werden uns mit beiden Interpretationsformen auseinander zu setzen haben.

 

Man kann im Einzelnen verschiedene Teilaufgaben der Nächstenliebe unterscheiden. In erster Linie wird hier gefordert, dass man den in Not geratenen Mitmenschen Hilfe gewähren soll. Aber in einem weiteren Sinne fordert dieses Gebot natürlich auch, dass man dem andern keinen Schaden zufügen darf, dass man also nicht durch eigenes Zutun dazu beiträgt, dass unsere Mitmenschen in Not geraten. Es wäre unsinnig, wenn man fordern wollte, den in Not geratenen Mitmenschen zu helfen, aber es als nicht anstößig ansehen würde, wenn man selbst dazu beiträgt, dass andere immer wieder in Not geraten.

 

Wenn wir der Meinung sind, dass alle Menschen als Geschöpfe Gottes und als Ebenbilder Gottes erschaffen wurden, um uns für Gott und das Gute mit freiem Willen entscheiden zu können, dann reicht es offensichtlich nicht aus, den in Not geratenen zu helfen und sie auch nicht selbst in Not zu stoßen, wir müssen vielmehr auch beachten, dass wir dem einzelnen den Freiheitspielraum belassen, der notwendig ist, der menschlichen Bestimmung zu entsprechen. Hilfe kann auch erdrücken und dem Betroffenen den Handlungsspielraum nehmen, auf den jeder einzelne ein Recht hat.

 

Wir haben weiterhin nicht nur zu klären, unter welchen Voraussetzungen Nächstenliebe gefordert wird, sondern auch, welche Art von Hilfe diesem Gebot am besten entspricht. Es ist nicht nur die Überzeugung der christlichen Soziallehre, dass die Hilfe, welche wir dem andern schulden, in erster Linie eine Hilfe zur Selbsthilfe sein sollte. Nur in diesem Falle kann sich der Betroffene auch als freier Mensch bewähren.

 

Wenn man dem einzelnen Mitmenschen eine bestimmte Achtung zollen soll, so kommt diese Zuwendung nicht nur dadurch zum Ausdruck, dass man ihm dann hilft, wenn er in Not geraten ist. Die Achtung gegenüber dem Mitmenschen kann und muss auch daran gemessen werden, wie er sich mit seinen Mitmenschen auseinandersetzt. In diesem Zusammenhang hat Jesus eine Forderung formuliert, die den allgemeinen Verhaltensvorschriften zuwiderläuft: Wenn dir einer auf die Backe schlägt, so halte ihm auch die andere Backe hin. Auch in dieser Verhaltensvorschrift kommt die Achtung des Mitmenschen zum Ausdruck, welche mit der Nächstenliebe gefordert wird. Wie aber ist diese Empfehlung zu verstehen. Fordert sie wirklich, dass man sich seinem Gegner kampflos ergeben muss?

 

Schließlich soll auf die Forderung nach der Feindesliebe eingegangen werden, es soll geklärt werden, ob diese Forderung im Grunde die letztliche Konsequenz einer Nächstenliebe darstellt oder ob man zwischen Nächsten- und Feindesliebe unterscheiden muss.

 

 

2. Wer gilt als Nächster?

 

Auf die Frage eines Gesetzeslehrers, wer denn mein Nächster sei, antwortete Jesus nach Lukas 10,25-37 mit dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter:

 

‚Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinab und wurde von Räubern überfallen. Sie plünderten ihn aus und schlugen ihn nieder; dann gingen sie weg und ließen ihn halb tot liegen. Zufällig kam ein Priester denselben Weg herab; er sah ihn und ging weiter. Auch ein Levit kam zu der Stelle; er sah ihn und ging weiter.

 

Dann kam ein Mann aus Samaria, der auf der Reise war. Als er ihn sah, hatte er Mitleid, ging zu ihm hin, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie. Dann hob er ihn auf sein Reittier, brachte ihn zu einer Herberge und sorgte für ihn. Am andern Morgen holte er zwei Denare hervor, gab sie dem Wirt und sagte: Sorge für ihn, und wenn du mehr für ihn brauchst, werde ich es dir bezahlen, wenn ich wiederkomme.

 

Was meinst du: Wer von diesen dreien hat sich als der Nächste dessen erwiesen, der von den Räubern überfallen wurde?‘

 

Es mag zunächst verwundern, dass Jesus nicht die Beziehungen zwischen Familienangehörigen als Nächste angesprochen hat, obwohl kein Zweifel bestehen kann, dass gerade in der Beziehung zwischen Ehegatten oder zwischen Eltern und Kind viele Beispiele aufopfernder Tätigkeiten z. B. pflegebedürftiger Familienmitglieder bekannt sind.

 

Es ging jedoch in diesem Gleichnis auch nicht darum, Beispiele aufopfernder Nächstenliebe lobend hervorzuheben, sondern darauf aufmerksam zu machen, dass dem Gebot der Nächstenliebe eben oft nicht entsprochen wird und diese Ermahnungen können natürlich am besten mit Beispielen verbunden werden, die auf besonders grasse Fälle einer Übertretung hinweisen.

 

Es ist deshalb auch kein Wunder, wenn in diesem Beispiel gerade ein Priester und ein Levit für Menschen hervorgehoben werden, welche dieses Gebot vernachlässigen. Es wird zwar nicht erwähnt, warum diese beiden Kirchenvertreter keine Hilfe geleistet haben. Vielleicht hatten es beide sehr eilig zum Dienst im Tempel zu gelangen oder sie waren so hochmütig, dass sie der Auffassung waren, dass solche niederen Verrichtungen Sache der Laien sei und dass sie sich zugut waren, sich zu dem Überfallenen hinunter zu beugen.

 

Jesus hätte natürlich auch die an ihn gestellte Frage einfach damit beantworten können, dass er alle Menschen als mögliche Nächste bezeichnet hätte. Immerhin wird in der aramäischen Version dieser Bibelstelle dieses Gebot damit begründet, dass alle Menschen vor Gott gleich seien (‚denn er ist wie du‘). Also läge es nahe, dass man die Forderung nach Nächstenliebe auf alle Mitmenschen bezieht, welche in Not geraten sind.

 

In diesem Zusammenhang entsteht auch die Frage, inwieweit mit diesem Gebot auch die Aufforderung nach einer weltweiten Hilfe verbunden ist. Nun gilt es zunächst daran zu erinnern, dass es zu Zeiten Jesu noch keine modernen Medien wie Hörfunk, Fernsehen oder Internet gab, sodass die einzelnen Menschen damals auch nicht so schnell und intensiv über die Not in der Welt erfahren haben.

 

Immerhin war aber Israel nicht von der übrigen Welt isoliert, es war Teil des römischen Imperiums und sehr viel Not wurde den Juden und den benachbarten Völkern gerade von der römischen Besatzungsmacht zugefügt. Auch verbanden viele Juden in der damaligen Zeit die Hoffnung auf einen Messias mit der Erwartung, dass der Messias sie von der verhassten Römerherrschaft befreie.

 

Also hätte man auch erwarten können, dass gerade in der gegenseitigen Unterstützung der Juden und in der Hilfe denjenigen gegenüber, welche von den Römern in Not gestürzt worden waren, Beispiele einer vorrangig notwendig gewordenen Nächstenliebe zu sehen sei. Jesus hat sich in anderen Gleichnissen und Reden sehr wohl mit der jüdischen Besatzungsmacht auseinandergesetzt und somit die durch die Besatzungsmächte hervorgerufene Not durchaus zur Kenntnis genommen.

 

Offensichtlich verband Jesus mit dem Gebot der Nächstenliebe die Forderung, denjenigen vor allem als Nächsten anzusehen, der einem persönlich begegnet, dessen Not und Hilfsbedürftigkeit vor Augen geführt wird. In diesem Sinne hat fast jeder, der in Not gerät, einen Nächsten, der ihm helfen kann. Und es ist sicherlich eine sehr sinnvolle Arbeitsteilung, wenn man vorrangig denjenigen zur Hilfe auffordert, der dem Notleidenden persönlich begegnet.

 

Damit wird in keiner Weise bestritten, dass auch Fernstenliebe, also Hilfe gegenüber in Not geratenen Menschen auf der ganzen Welt berechtigt und auch notwendig ist. Während aber diese Fernstenliebe zumeist nur im Zusammenhang vieler Einzelspenden überhaupt zum Tragen kommt und deshalb eine Organisation von Seiten des Staates oder caritativer Einrichtungen bedarf, liegt die Betonung bei der Nächstenliebe auf dem persönlichen Einsatz jedes einzelnen.

 

 

3. Auf welchen Begriff der Liebe bezieht sich dieses Gebot?

 

Neben der Klärung, wer als Nächster zu gelten hat, dem die Hilfe zugutekommen soll, gilt es auch klar zu machen, welche Art von Liebe denn mit diesem Gebot der Nächstenliebe angesprochen ist. Im Alltagsgebrauch verwenden wir ja den Begriff der Liebe mit sehr unterschiedlichen Bedeutungen.

 

Gemeinsam ist fast allen Begriffen der Liebe, dass sie als eine Form der emotionalen Zuwendung erlebt wird, die in unterschiedlichen Epochen und Kulturen recht verschieden verstanden wurde.

 

Unter Liebe wird zunächst ein körperlich-sinnliches, von sexueller Anziehung ausgehendes Begehren verstanden, das eine sinnlich-erotische Beziehung zu dem gewählten Liebespartner anstrebt. Im Vordergrund steht hier die leidenschaftliche, auf sexueller Lust beruhende Bindung. Die griechische Philosophie spricht seit Aristoteles in diesem Zusammenhang von Eros.

 

Hierzu im Gegensatz steht eine Liebesäußerung, welche bei der Zuneigung zum geliebten Menschen auf die Sorge für einen anderen Menschen abhebt. Sie umfasst sowohl den sorgenden Umgang, den die Eltern mit ihren Kindern pflegen – also die zärtliche, Geborgenheit gewährende Bindung zwischen Eltern und Kind – ebenso wie die vielfältigen Formen der Freundschaft und der Sympathie bis hin zur Verantwortung für den Nächsten, für die eigene und auch für andere Gruppen.

 

Die griechische Philosophie spricht in diesem Zusammenhang von Agape, wobei sich das Wort ‚Agape‘ ursprünglich auf das Abendmahl bezieht, das vor allem die Frühchristen im Gedenken an das letzte Abendmahl abhielten, das Jesus vor Beginn seiner Passion mit seinen Jüngern abgehalten hatte.

 

Hiervon abgehoben findet sich in der religiös fundierten Literatur die Orientierung des Liebesbegriffs an Gott, der den Menschen liebt und die Forderung erhebt, dass die Menschen nicht nur Gott lieben, sondern sich auch gegenseitig lieben, genauso wie Gott die Menschen liebt.

 

Es ist klar, dass sich das Gebot der Nächstenliebe nicht auf die Liebe in Form des Eros bezieht, sondern dass stets mit der Forderung nach Nächstenliebe eine Liebe im Sinn der Agape angesprochen ist und dass die geforderte Nächstenliebe letztlich ihren Grund in der Liebe Gottes zu den Menschen hat.

 

Nun hatten wir unter den Begriff der Agape auch Sympathiebekundungen subsumiert. Das Gebot der Nächstenliebe verlangt jedoch sicherlich nicht, dass wir uns darum bemühen, für alle Mitmenschen, denen wir begegnen und von denen wir erfahren, Sympathie zu entwickeln.

 

Sympathie – und ihr Gegenstück Antipathie – entsteht zumeist aufgrund körperlicher Zusammenhänge. Wenn zwei Menschen sich nicht mögen, sich nicht ausstehen können, spricht man oft davon, dass ihre ‚Chemie‘ nicht stimme, dass also die Art und Weise, wie sich der andere verhält, Antipathie auslösen kann, man kann eben bestimmte Menschen nicht ‚riechen‘.

 

Neben der körperlichen Konstitution dürfte vor allem auch die persönliche Biographie des einzelnen darüber mitbestimmen, ob man bestimmte Menschen sympathisch findet oder ob sie abstoßend wirken. Oft reicht ein bestimmtes Erlebnis in der Vergangenheit (vor allem in der Kindheit), das mit Leid und Frustration auf der einen oder mit Freude auf der anderen Seite verbunden war, das – ohne die Ursache dieser Empfindungen zu kennen – letztlich über Sympathie oder Antipathie entscheidet.

 

Nun ist es sicherlich Aufgabe einer jeden Erziehung, Antipathien zu überwinden, vor allem dann, wenn sie unberechtigt sind und nicht ihre Wurzel im Verhalten dessen hat, dem gegenüber man Antipathie empfindet. Aber viel entscheidender als die die Überwindung dieser Empfindungen selbst ist die Forderung, dass man die Antipathie nicht den Mitmenschen spüren lässt, ihn also deshalb, weil man ihm gegenüber eine Antipathie hegt, ihn ungerecht behandelt und ihm unfreundlich begegnet.

 

Es ist bekannt, dass auch sehr fromme Menschen durchaus Antipathien gegenüber einzelnen Mitmenschen hegen, so sollen sich z. B. auch Petrus und Paulus ‚spinnefeind‘ gewesen sein. Aber das Gebot der Nächstenliebe richtet sich auch gar nicht in erster Linie an die Empfindungen, sondern an das Verhalten gegenüber den Mitmenschen. Man kann die im Gebot der Nächstenliebe geforderte Achtung auch sehr wohl Menschen gegenüber bringen, die man als antipathisch empfindet.

 

 

4. Handelt es sich um ein neues Gebot?

 

Bisweilen begegnet man in der Öffentlichkeit der Meinung, dass das Gebot der Nächstenliebe erst von Jesus formuliert worden sei und dass hier der wesentliche Unterschied zwischen dem Neuen und dem Alten Testament bestehe, dass also das Alte Testament die Forderung nach Nächstenliebe noch nicht gekannt habe.

 

Dies wäre jedoch ein falscher Eindruck. Jesus selbst bezog sich im Zusammenhang mit dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter ex pressis verbis auf die zehn Gebote Gottes: An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz samt den Propheten‘.

 

In der Tat beziehen sich die zehn Gebote Gottes – das Kernstück des Alten Testamentes – einerseits auf die geforderte Gottesliebe. ‚Du sollst keine anderen Götter haben neben mir. Du sollst dir kein Bildnis oder Gleichnis machen und bete diese nicht an und diene ihnen nicht! Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen. Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligest‘.

 

Andererseits beziehen sich die zehn Gebote Gottes auf die Achtung gegenüber den Mitmenschen: ‚Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren. Du sollst nicht töten. Du sollst nicht ehebrechen. Du sollst nicht stehlen. Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus, Frau, Knecht, Magd, Rind, Esel noch alles, was dein Nächster hat‘.

 

Jesus sah also in den beiden Geboten der Gottes- und der Nächstenliebe nichts anderes als eine Zusammenfassung der bereits im Alten Testament gültigen zehn Gebote Gottes. Er führte mit anderen Worten die einzelnen Gebote auf die Gebote der Gottes- und Nächstenliebe zurück.

 

Wenn auch im 1. Buch Moses (Exodus 20, 1-17) bei der Verkündung der zehn Gebote auf dem Berg Sinai nicht ex pressis verbis von Nächstenliebe gesprochen wird, so kennt das Alte Testament doch sehr wohl auch bereits diesen Begriff. In der Schrift Levitikus 19,18 heißt es: ‚An den Kindern deines Volkes sollst du dich nicht rächen und ihnen nichts nachtragen. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Ich bin der Herr‘.

 

Allerdings wird hier der Begriff der Nächstenliebe ganz offensichtlich auf den Volksstamm der Israelis bezogen, während Jesus in seinem Gleichnis bewusst nicht einen Israeli, also einen Angehörigen aus dem Stamme Juda, sondern einen Mann aus Samaria ausgewählt hat, der sich gegenüber dem von Räubern überfallenen Mann als Nächster erwies.

 

Trotzdem gibt es sehr wohl einen Unterschied in der Bedeutung des Gebotes der Nächstenliebe im Alten und im Neuen Testament. Jesus spricht ganz bewusst von zwei Geboten, denen ein gleicher Rang zugesprochen wird. Ebenso wichtig (wie das erste Gebot der Gottesliebe) ist das zweite (Gebot der Nächstenliebe). Man kann sogar davon sprechen, dass sich die wahre Gottesliebe nicht nur im Gottesdienst und in der Verrichtung ritueller Handlungen vollzieht, sondern eben auch darin, dass man den Mitmenschen genauso liebt, wie Gott den Menschen liebt.

 

In der Zeit, in der Jesus gelebt hatte, war ein gläubiger Jude in erster Linie darum bemüht, durch peinliche Beachtung der einzelnen rituellen Vorschriften (Brandopfer, Beschneidung, koscheres Essen etc.) dem Gebot der Gottesliebe zu entsprechen, das Gebot der Achtung der Mitmenschen galt zwar auch, aber es trat gegenüber dem Gebot der Gottesliebe in den Hintergrund.

 

Im Gleichnis vom barmherzigen Samariter wie in zahlreichen anderen Gleichnissen und Lehren Jesu wird das Verhalten der Priester und Pharisäer gegeißelt, dass allzu sehr nur darum bemüht war, dem Wortlaut der rituellen Vorschriften zu entsprechen, ohne dass die – durch die Einhaltung dieser Vorschriften – geforderte Gesinnung hinter diesen rituellen Handlungen zum Ausdruck komme.

 

Bezeichnender Weise ist es im Gleichnis vom barmherzigen Samariter auch ein Priester und Levit, die an dem Überfallenen vorbei gehen und ihm nicht helfen, vielleicht weil sie bemüht sind, möglichst schnell zum Tempel und damit zur Verrichtung der geforderten rituellen Handlungen zu kommen.

 

Hier bringt Jesus in der Tat einen Wandel in der Auslegung und Befolgung der einzelnen Gebote Gottes. Es kommt nicht so sehr darauf an, dass der einzelne nach außen hin für die Mitwelt die Einhaltung der Vorschriften demonstriert, es kommt vielmehr allein auf die Gesinnung an, die den einzelnen Handlungen zugrunde liegen. Die linke Hand soll nicht wissen, was die rechte tut. Die wahre Bußfertigkeit bei Einhaltung des Fastengebotes liegt nicht im Verzicht auf Nahrung, sondern darin, dass man z. B. den Armen speist.

 

So heißt es bei Matthäus Kapitel 6 Vers 16-19: ‚Wenn ihr fastet, macht kein finsteres Gesicht wie die Heuchler. Sie geben sich ein trübseliges Aussehen, damit die Leute merken, dass sie fasten. Amen, das sage ich euch: Sie haben ihren Lohn bereits erhalten. Du aber salbe dein Haar, wenn du fastest, und wasche dein Gesicht, damit die Leute nicht merken, dass du fastest, sondern nur dein Vater, der auch das Verborgene sieht; und dein Vater, der das Verborgene sieht, wird es dir vergelten‘.

 

Es gibt allerdings im Neuen Testament eine Stelle, in der ex pressis verbis mit der geforderten Liebe von einem neuen Gebot gesprochen wird. Im Johannisevangelium Kapitel 13,Vers 29 spricht Jesus bei seinem letzten Abendmahl, das er zusammen mit seinen Jüngern vor Beginn seiner Passion abgehalten hatte: ‚Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr einander liebt‘.

 

Hier wird also in der Tat im Hinblick auf die geforderte Liebe von einem neuen Gebot gesprochen. Dieses ‚neue‘ liegt jedoch weniger darin, dass hier ein Gebot formuliert wird, wie es bisher im Alten Testament noch nicht gekannt wurde. Wir haben ja gesehen, dass auch im Alten Testament bereits ex pressis verbis von Nächstenliebe gesprochen wird und dass Jesus selbst bei der Formulierung der zwei wichtigsten Gebote lediglich eine Zusammenfassung der zehn Gebote Gottes sieht.

 

Das ‚neue‘ an dem Gebot der Nächstenliebe liegt vielmehr daran, dass ein Christ dieses Gebot in viel stärkerem Maße beherzigen soll als ein Jude, dass man eben gerade daran, wie Christen einander lieben und auch Nichtchristen Hilfe gewähren, erkennen kann, dass ihr meine Jünger seid.

 

 

5. Liebe den Nächsten wie dich selbst

 

Wir kennen zwei Interpretationen des Gebotes der Nächstenliebe. Zumeist wird dieses Gebot in dem Sinne interpretiert, dass man den Nächsten so lieben solle, wie man sich selbst liebe. Eine zweite Interpretation des Gebotes der Nächstenliebe geht von dem aramäischen Text des Alten Testamentes aus und begründet die Forderung nach Nächstenliebe damit, dass der andere dir gleiche: Liebe deinen Nächsten, denn er ist wie du‘. Wenden wir uns zunächst der ersten Interpretation zu.

 

Man könnte die Aufforderung, den Nächsten so zu lieben wie sich selbst, zunächst in dem Sinne verstehen, dass jeder den andern genauso stark lieben sollte, wie sich selbst, dass also in dieser Interpretation gleichzeitig der Maß­stab für den Umfang der Nächstenliebe angegeben sei.

 

Jeder wird zubilligen, dass dies aber eine sehr heroische Forderung darstellen würde, die sehr große Selbstüberwindung verlangen würde. Auf jeden Fall wird man feststellen müssen, dass die Masse der Christen, auch der gläubigen Christen, die sehr wohl willens sind, sich an die Gebote Gottes zu halten, für den anderen zumeist etwas weniger zu geben bereit sind als für sich selbst.

 

Im Mittelalter wurde eine Maxime entwickelt, dass von den Einkünften, die der einzelne durch gewerbliche Arbeit verdiene, etwa ein Drittel an den Staat, an die Kirche und für die Armen gegeben werden sollte, das heißt etwas mehr als zehn Prozent für den Staat, zehn weitere Prozente für die Kirche und schließlich zehn Prozente für die Armen verwandt werden sollten. Für den Eigenbedarf bliebe somit immerhin 2/3 der Einkünfte, also etwa 66% übrig.

 

In Wirklichkeit wird bei einer solchen Regelung noch mehr für die eigenen Bedürfnisse übrig bleiben, da ja ein Teil der Abgaben an den Staat und sicherlich auch an die Kirche nichts anderes darstellt als eine Gegenleistung für die von Staat und Kirche angebotenen Kollektivleistungen.

 

Nun wird man allerdings bedenken müssen, dass der orientale Menschenschlag gerne zu Übertreibungen neigt und dass seine Aussagen in der Regel pointiert zugespitzt werden. Der Sinn dieser Zuspitzung besteht dann darin, die Angesprochenen wachzurütteln, da die Gefahr besteht, dass ohne diese Übertreibung die Masse der Zuhörer die Ermahnungen gar nicht beachten würde.

 

Auch Jesus lebte im Orient, auch in seinen zahlreichen Gleichnissen lassen sich solche Zuspitzungen erkennen. Denken wir nur an den Ausspruch, dass eher ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe als ein Reicher ins Himmelreich. Wörtlich genommen hieße dies, dass kein einziger Reicher in den Himmel gelangen könne, da es vollkommen ausgeschlossen ist, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehen kann.

 

Sicherlich wollte Jesus mit seinem Gleichnis nicht zum Ausdruck bringen, dass Reichtum in jedem Falle dazu führe, dass der Reiche nicht ins Himmelreich gelange. Vielmehr sollte auf die große Schwierigkeit hingewiesen werden, die ein Reicher hat, den Geboten der Kirche zu entsprechen. Die Reichen sollten ermahnt werden, in ihrem Leben nicht nur daran zu denken, ihre irdischen Güter zu vermehren, sondern in erster Linie den Geboten Gottes zu folgen.

 

Anders formuliert: Der Reiche, der nicht ins Himmelreich kommt, ist ein Mensch, der sein ganzes Tun allein auf die Vermehrung seiner irdischen Güter richtet. Es kommt also hier auch gar nicht auf das Ergebnis einer bestimmten Verhaltensweise, sondern auf die Verhaltensweise als solche an.

 

Jemand ist nicht bereits deshalb schlecht, weil er reich ist, sondern weil bzw. dann, wenn er seinen Reichtum dadurch erlangt hat, dass er sich in seinem Leben nur der Vermehrung seines Reichtums zugewandt hat und darüber vergessen hat, dass die Gebote Gottes (unter anderem) die Achtung der Mitmenschen verlangen.

 

Man kann auch diese Formulierung des Gebotes der Nächstenliebe so verstehen, dass hier der Idealzustand umschrieben wird, auf den wir uns zu bewegen sollen, denn man jedoch nie oder kaum je hundert prozentig erreichen wird. Es wird gezeigt, in welche Richtung man sich bewegen soll und dass man sich immer wiederum erneut darum bemühen sollte, sich diesem Idealzustand anzunähern, dass man also nie an das Ende der Bemühungen gelangen kann, von dem ab es nichts mehr Gutes zu tun gibt, da alles schon erreicht ist.

 

Bei unseren bisherigen Überlegungen haben wir die Forderung, den nächsten so zu lieben wie sich selbst, in dem Sinne verstanden, dass Eigenliebe genauso groß sein müsse wie Nächstenliebe. Man kann jedoch das Gebot der Nächstenliebe auch weniger strikt auslegen. Die Betonung liegt dann nicht mehr auf dem Wörtchen ‚genauso‘, sondern es wird lediglich darauf hingewiesen, dass der Mensch bei seinem Handeln beide Aspekte, das eigene Wohl wie das Wohl der Gemeinschaft und der Mitmenschen zu beachten habe, ohne dass bereits eine Aussage darüber gemacht wird, in welchem quantitativen Verhältnis Eigenliebe und Nächstenliebe stehen sollten. Und sicherlich dürften in der Tat nahezu alle unsere Handlungen eben nicht nur unser Eigenwohl, sondern eben auch das Wohl anderer Menschen berühren.

 

Interessant bei der Betonung auf zwei Zielsetzungen (Eigenwohl und Wohl der anderen) ist offensichtlich die Feststellung, dass die Beachtung des Eigenwohls sehr wohl erwünscht oder erlaubt ist, dass also die Nachfolge Christi keinesfalls verlangt, dass man nur auf das Wohl der anderen achten solle und die eigenen Bedürfnisse soweit wie nur möglich zu unterdrücken habe.

 

Jesus selbst hat sehr wohl auch an Feierlichkeiten teilgenommen und damit sicherlich zum Ausdruck gebracht, dass der Mensch sehr wohl das Recht hat, fröhlich zu sein und zu feiern und dass in Fröhlichkeit allein noch nichts sündhaftes liegt, wie einzelne christliche Sekten im Verlauf der Geschichte immer wieder gepredigt haben.

 

Eine solche die Fröhlichkeit bejahende Moral hat auch durchaus Sinn. Auf der einen Seite wird im Allgemeinen nur derjenige dem andern helfen und Freude bereiten können, der am eigenen Leib bereits Freude erfahren hat. Das Gebot der Nächstenliebe dürfte auch sehr viel leichter zu vermitteln sein, wenn der einzelne durchaus auch das Recht hat, für sein eigenes materielles Wohl zu sorgen, als dann, wenn er nur an das Wohl der andern zu denken hat.

 

Es ist auf der anderen Seite einfach wirklichkeitsfremd, wollte man erwarten, dass die Mehrzahl der Bevölkerung bei ihrem Tun immer nur das Allgemeinwohl im Auge hätte. Ein solcher Anspruch führt zumeist dazu, dass der einzelne nach außen heuchlerisch vorgibt, allein das Gemeinwohl im Auge zu haben, in Wirklichkeit aber sehr wohl fast nur an sein eigenes Wohl denkt. Wohltaten zeichnen sich dann in der Regel dadurch aus, dass sie zwar aus der Sicht des Spenders als wohltuend, aber aus der Sicht des Beschenkten als lästig, als eine die Freiheit beraubende Handlung angesehen wird.

 

Einem verwandten Begriff der Nächstenliebe begegnen wir bei Emanuel Kant im sogenannten kategorischen Imperativ. Kant versteht darunter ein unbedingt gültiges sittliches Gebot. Er stellt diesen Begriff in seiner ‚Grundlegung zur Metaphysik der Sitten‘ in Gegensatz zum hypothetischen Imperativ, einer Forderung, die nur unter gewissen Bedingungen postuliert wird. In der ‚Kritik der praktischen Vernunft‘ findet sich eine Definition des kategorischen Imperativs: ‚Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne‘.

 

Der einzelne hat sich also entsprechend diesem Prinzip bei all seinen Handlungen zu fragen, ob er sich gegenüber den anderen genauso verhält, wie er es selbst von anderen ihm gegenüber erwartet. Mit anderen Worten: Der Einzelne soll das Interesse seines Mitmenschen genauso bei seinen Aktivitäten berücksichtigen wie das eigene Interesse.

 

In ähnlichem Sinne lässt der Evangelist Lukas Jesus in Kapitel 6, Vers 27 – 36 im Zusammenhang mit der Feindesliebe sagen: ‚Was ihr von anderen erwartet, das tut ebenso auch ihnen‘.

 

 

6. Liebe den Nächsten, denn er ist wie du

 

Wir erwähnten bereits, dass der aramäische Bibeltext auch eine etwas andere Formulierung des Gebotes der Nächstenliebe zulässt: ‚Liebe deinen Nächsten, denn er ist wie du‘. Der andere ist genauso wie ich ein Mensch und keine Sache und sollte deshalb auch niemals wie eine Sache behandelt werden. Anders formuliert: Ein Mensch sollte niemals nur als Mittel irgendeiner Zielsetzung behandelt werden. Er ist immer auch Selbstzweck.

 

Während bei der zuerst behandelten Interpretation auf die Beziehungen zwischen der Eigen- und der Nächstenliebe abgehoben wird, findet sich hier in dieser zweiten möglichen Interpretation eine Begründung für die Nächstenliebe.

 

Warum soll ich meinen Nächsten lieben? Als Antwort und Rechtfertigung wird darauf hingewiesen, dass er – der andere Mensch – ja wie du ist. Es wird hier offensichtlich darauf abgehoben, dass alle Menschen von Gott erschaffen wurden und dass Gott alle Menschen – gleich welcher Rasse oder welchen Geschlechts – gleich zugetan ist. Deshalb sollen sich auch die Menschen unter einander wie seines gleichen behandeln.

 

In der christlichen Philosophie wird der Mensch als persönliches Wesen gekennzeichnet. Damit sind insbesondere zwei Wesensmerkmale verbunden. Der Mensch ist auf der einen Seite – im Gegensatz zum Tier – ein Wesen, das über seine Belange weitgehend frei entscheiden kann. Er soll nicht zum Glauben und zur Gottes- und Nächstenliebe gezwungen werden. Es steht ihm frei, sich für Gott und für das Gute oder gegen Gott und für das Schlechte zu entscheiden.

 

Gleichzeitig ist der Mensch aber auch ein soziales Wesen, das nicht isoliert neben den anderen Menschen vor sich hinlebt, sondern in die Gemeinschaft hineingeboren wurde. Nur durch eine liebevolle Pflege seitens seiner Eltern kann der neugeborene Mensch überhaupt überleben und nur durch sie und später durch den Besuch der Schule lernt er überhaupt erst all die Verhaltensweisen, die er für sein späteres Leben unbedingt benötigt.

 

Genauso, wie der Mensch vor allem in seiner Kindheit, aber auch später in Notzeiten des anderen Menschen bedarf, genauso soll auch er die empfangene Liebe und Achtung weitergeben, an seine Ehegatten und an seine Kinder, an Nachbarn und Freunde, an Berufskollegen und an Verunglückte sowie Überfallene.

 

Der Fortschritt der Menschheit vollzog sich vor allem in der Gemeinschaft. Durch Arbeitsteilung konnte er sich spezialisieren und seine Fähigkeiten steigern. Arbeitsteilung setzt jedoch voraus, dass ein Austausch der Güter und Handlungen stattfindet. Wer sich spezialisiert, kann nicht mehr für seinen Gesamtbedarf aufkommen, er beschränkt sein Handeln auf die Erstellung weniger Güter und Leistungen, er bedarf also Güter und Leistungen, welche von andern erzeugt wurden. Andererseits stellt er sehr viel mehr Güter und Leistungen her als er für seinen Eigenbedarf benötigt, er erhält damit auch die Möglichkeit, selbst erstellte Waren im Austausch gegen Waren, die er benötigt, zu handeln.

 

Das soziale Umfeld des Menschen beschränkt sich jedoch nicht darauf, in der Gemeinschaft der Familie und in den schulischen Einrichtungen auf das spätere Leben vorbereitet zu werden und später im Beruf innerhalb einer Unternehmung die materiellen Voraussetzungen für das wirtschaftliche Leben zu produzieren. Der Mensch ist vielmehr auch in kultureller und religiöser Hinsicht sozial eingebunden. In der Gemeinschaft beim Abendmahl erfährt er die Nähe Gottes. Im Matthäus-Evangelium Kapitel 18, Vers 20 erfahren wir: ‚Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen‘.

 

Der Sinn des menschlichen Lebens besteht also nach Überzeugung der christlichen Religionen nicht etwa in einer Maximierung der materiellen Wohlfahrt, überhaupt nicht in irdischen Dingen, sondern in einer Vorbereitung auf das Leben nach dem Tode. Das irdische Leben ist also eine Art Bewährungszeit, wobei die Bewährung darin besteht, dass man in Befolgung der Gebote Gottes in der Gemeinschaft der Christen denjenigen eine Hilfe gewährt, die der Hilfe bedürfen.

 

Fortsetzung!