Startseite

 

 

Meinen Lehrern zur Erinnerung

 

Ich habe meiner Anekdotensammlung den Titel „Meinen Lehrern zur Erinnerung“ gegeben, um anzudeuten, dass ich meine Ausführungen auf Anekdoten beschränken möchte, die sich mit meinen akademischen Lehrern während meines Freiburger Studiums befassen. Ich habe lange gezögert, ob ein solcher Bericht zu verantworten ist.

 

Anekdoten enthalten normalerweise Stoff, bei dem man über Personen lacht oder zumindest lächelt – das macht schließlich den Reiz einer Anekdote aus – und dies haben die Betroffenen im allgemeinen gar nicht gerne. Dass ausschließlich alle Lehrer, über die ich hier erzählend berichte – in der Zwischenzeit verstorben sind, macht die Sache auch nicht besser: Tote soll man ehren, über Tote soll man bekanntlich nichts Negatives sagen.

 

Es kommt hinzu, dass es die lange Zeit von nun 50 Jahren notwendigerweise mit sich bringt, dass man die einzelnen Geschehnisse auch nicht mehr 100% genau erinnern kann, zu groß sind die Erinnerungslücken und zu groß ist die Gefahr, dass man hier etwas wichtiges wegnimmt, dort etwas hinzufügt, das gar nicht geschehen ist und manche Ereignisse umdeutet und ausschmückt. Da es sich fast ausschließlich um persönlich erlebte Ereignisse handelt, ist es auch nicht möglich, durch wissenschaftlich sauberes Recherchieren die tatsächlichen Geschehnisse zu reproduzieren, schließlich kann ich mich nicht auf schriftliche Aufzeichnungen von damals stützen.

 

Wenn ich mich dennoch schließlich zu dieser Anekdotensammlung bereit gefunden habe, so gaben folgende Überlegungen den Ausschlag. Bei einem Gespräch, das ich vor längerer Zeit mit einem Freund geführt habe, und zwar im Anschluss an das gemeinsame Ansehen des Films „die Feuerzangenbowle“, in dem bekanntlich geradezu „Urgesteine“ von ulkigen und merkwürdigen Lehrerpersönlichkeiten dargestellt wurden, meinte dieser Freund, er bedauere es sehr, dass es heute – also damals vor 40, 50 Jahren – gar keine „Unika“ mehr unter den Lehrern gäbe, die heutigen Lehrer mögen noch so sehr - an sachlichen Kriterien gemessen - besser bewertet werden als die Lehrer, die in der Feuerzangenbowle geschildert wurden, trotzdem fehle den heutigen Lehrern etwas Menschliches, die im Film gezeigten Schwächen der einzelnen Lehrer machten diese überhaupt erst zu wahren Menschen, mit Fleisch und Blut.

 

Wenn man diese Gedanken weiterspinnt, dann kommt man zu dem Ergebnis, dass die in Anekdoten belächelten Ereignisse in Wirklichkeit doch nicht unbedingt etwas abwertendes enthalten, dass sie sogar dazu beitragen können, diese Personen als gesamte Persönlichkeiten, die immer auch allzu menschliche Eigenschaften enthalten, zu erfassen.

 

Ich betrachte diese Sammlung schließlich auch nicht als Teil einer biographischen Schrift, die sich das Ziel setzt, historisch genau Geschehnisse der Vergangenheit aufzuzeichnen. Vielmehr verdienen diese Ausführungen eher den Zusatz „Wahrheit und Dichtung“, es geht mir darum aufzuzeigen, wie ich selbst die einzelnen Lehrer erlebt habe, was meiner Meinung nach typisch für diese Persönlichkeiten war und nicht, was sich historisch genau damals abgespielt hatte. Diese Ausführungen seien vor allem als Hommage an meine Lehrer gedacht.

 

 

Fr. A. Lutz

 

Zwei Jahre bevor ich mein Studium in Freiburg im Sommersemester 1952 begonnen hatte, war Walter Eucken am 20. März 1950 während einer Vortragsreise, die ihn nach England geführt hatte, in London überraschend gestorben. Damit war der für Freiburgs Ruf wohl wichtigste und bekannteste Lehrstuhl bei meinem Studienbeginn verweist. Friedrich Lutz, der damals an der Halard-Universität, einer der Hochburgen der Wirtschaftswissenschaften in den USA gelehrt hatte, vertrat den vakanten Lehrstuhl in Freiburg für mehrere Semester.

 

Sein Hauptforschungsgebiet lag im Bereich der Außenwirtschaft und so las er in dem Semester, in dem ich mein Studium aufnahm, Außenwirtschaftstheorie. Nun zählt die Außenwirtschaftstheorie zu den schwierigsten Bereichen der Wirtschaftstheorie überhaupt und wird deshalb im Allgemeinen erst für höhere Semester empfohlen. Ich hatte trotzdem diese Vorlesung belegt und sie mir mit großem Genuss angehört, obwohl Lutz sehr anspruchsvolle und damit schwierige Vorlesungen hielt.

 

Ich war damals ein ausgesprochener Vorlesungsmuffel, nur ganz wenige Vorlesungen hatte ich zu Ende gehört, ich hatte mir mein Wissen sehr viel mehr durch Lektüre der wirtschaftswissenschaftlichen Klassiker angeeignet, die Vorlesung von Friedrich A. Lutz zählte jedoch zu den wenigen Vorlesungen, bei der ich keine Stunde versäumt hatte.

 

Ich erinnere mich noch sehr gut an eine Stelle dieser Vorlesung. Lutz hatte ein Kapitel begonnen, in dem er sich mit den Grundideen des Freihandels befasste. Einleitend stellte er fest, dass er sich keine Illusionen darüber mache, dass sich die politische Öffentlichkeit liberalen Grundprinzipien gegenüber skeptisch verhalte und dass die damals regierenden Politiker trotz liberaler Bekenntnisse im Allgemeinen keinesfalls bereit seien, die Vielzahl der staatlichen Regulierungen im Außenhandel entscheidend zu lockern.

 

Wir erinnern uns: Kurz vor dem Zusammenbruch des Nazi-Regimes hatten sich die Siegermächte in Havanna auf Kuba getroffen und die Havanna-Konferenz beschlossen, in der eine grundsätzliche Liberalisierung des Außenhandels als Leitidee in Aussicht gestellt wurde; die Havanna-Charta trat jedoch nie in Kraft, da die Parlamente in einigen Ländern - die USA voraus - nicht bereit waren, die Havanna-Charta zu ratifizieren.

 

Die darauf folgenden internationalen Verhandlungen führten dann zu dem GATT-Abkommen, (General Agreement of Trade and Tarifs) das zwar auch gewisse Liberalisierungen, vor allem den Wegfall der Mengenkontingentierungen und den Abbau besonders hoher Schutzzölle vorsah.

 

Dieser Abbau erfolgte jedoch nur in sehr kleinen Schritten, für jede Warengruppe wurden Sonderbedingungen ausgehandelt, es wurden keinesfalls alle Behinderungen des Außenhandels in die Verhandlungen einbezogen, sodass bis zu den 60 er Jahren, als der amerikanische Präsident J. F. Kennedy in der nach ihm benannten Kennedy-Runde eine Halbierung des Zollniveaus vorschlug, nach wie vor die außenwirtschaftlichen Beziehungen staatlich stark reglementiert blieben.

 

Obwohl die europäischen Länder insgesamt stärkere Bemühungen unternahmen, innerhalb Europas staatliche Behinderungen des Außenhandels abzubauen und obwohl durch die Schaffung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft 1958 die europäischen Binnenzölle im Grundsatz abgeschafft wurden, war dies immer noch kein grundlegender Schritt zur Abschaffung staatlicher Reglementierungen des Außenhandels:

 

Denn auf der einen Seite errichtete die Europäische Gemeinschaft hohe Zollmauern gegenüber Drittländern, auf der anderen Seite wurden vor allem im Zusammenhang mit den beiden Ölkrisen Ende der 60 er und Anfang der 70 er Jahre die sogenannten nicht-tarifären Handelshemmnisse entscheidend ausgebaut und vergrößert. Erst der Maastricht-Vertrag Anfang der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts brachte den Durchbruch durch prinzipielle Abschaffung aller staatlichen Behinderungen der Außenwirtschaft.

 

Kehren wir zu den Ausführungen Fr. A. Lutz zurück. Obwohl also die Politiker in der damaligen Zeit zu einer grundlegenden Liberalisierung des Außenhandels nicht bereit waren, war Fr. A. Lutz der Meinung, dass es wichtig sei, diese liberalen Grundüberzeugungen an die Studenten weiterzuvermitteln.

 

Denn die Erfahrung zeige, dass auf lange Sicht politische Grundüberzeugungen einem Wandel unterliegen, dass die Zeit in naher oder entfernter Zukunft sehr wohl für liberale Ideen reif werden könne und dann sei es notwendig, dass diese Ideen den wirtschafts-wissenschaftlichen Führungskräften noch bekannt seien, dass sie dann an die Politiker und die breite Öffentlichkeit herangetragen werden können.

 

Für mich war diese Funktion der Wissenschaft zu der Bewahrung und dem Weitergeben bestimmter Ideen, auch dann, wenn diese in der Gegenwart von der politischen Führung abgelehnt werden und in der Öffentlichkeit als utopisch eingestuft werden, im Hinblick auf meine berufliche Tätigkeit von entscheidender Bedeutung.

 

 

K. Paul Hensel

 

K. Paul Hensel war in der Zeit, in der ich in Freiburg studiert hatte, Privatdozent an der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät zu Freiburg. Er zeigte schon sehr früh reges Interesse für die Studenten, er fungierte uns gegenüber als eine Art Vertrauensdozent. Er nahm auch sowohl an Betriebsbesichtigungen, die wir im Laufe unseres Studiums durchführten, als auch an Gesellschaftsabenden wiederholt teil.

 

K. Paul Hensel war die Aufgabe zugefallen, die Anfängervorlesungen zu halten, so dass wir schon sehr früh in den Genuss seiner Lehrveranstaltungen kamen. So lernten wir die beiden Gossen’schen Gesetze in all ihren Verästelungen kennen, Herr Hensel wurde nicht müde, die möglichen Nutzenzuwächse und Nutzenentgänge wirtschaftlicher Aktivitäten ausführlichst zu beschreiben. Boshafte Stimmen meinten sogar, dass sich damit auch sein Wissensschatz erschöpfe.

 

Eine etwas freundlichere Einschätzung seiner wissenschaftlichen Rolle kann sicherlich auf zwei bedeutende Beiträge Hensels zur Weiterentwicklung unserer Wissenschaft hinweisen. Auf der einen Seite hat K. Paul Hensel auf jeden Fall die Theorie der Zentralverwaltungswirtschaft – was auch sein eigener Forschungsschwerpunkt war – entscheidend befruchtet. Sein Interesse und seine Kenntnisse auf diesem Gebiet hatte Hensel während seiner Tätigkeit im Wirtschaftsministerium während der Kriegsjahre gewonnen, er kannte die einzelnen Praktiken der Zentralverwaltungswirtschaft und deren Probleme bei der Aufstellung und Realisierung der staatlichen Wirtschaftspläne aus eigener Anschauung.

 

Zu der damaligen Zeit waren Wirtschaftswissenschaftler im Allgemeinen und im Besonderen die übrigen Vertreter der Freiburger Schule in der Frage, ob eine effiziente und logisch durchdachte Gesamtplanung einer Volkswirtschaft überhaupt möglich sei, äußerst skeptisch. Im allgemeinen herrschte in diesen Kreisen die Meinung vor, dass nur durch den simultan wirkenden Prozess der Märkte eine effiziente Ausrichtung der Produktion am Bedarf der Bevölkerung überhaupt möglich sei, dass jeder noch so ausgebaute und ausgefeilte Zentralplan an dem Problem scheitere, dass der Bedarf nach den einzelnen Gütern und Produktionsfaktoren erst bekannt sei und auch sein könne, wenn die Preise dieser Güter vorliegen, die Höhe der Preise jedoch ganz entscheidend vom Umfang und von der Struktur eben dieser Nachfrage abhänge.

 

Es wurde zumeist hinzugefügt, dass die damals zur Verfügung stehenden Rechenanlagen – es war das Zeitalter vor der Verbreitung der Homecomputer, die wenigen damals schon bestehenden Rechenanlagen hatten außer dem Namen nichts mit den heutigen Computersystemen gemeinsam – eine zentrale Planung nicht möglich machten, dass ein System vieler tausender simultaner Gleichungen erforderlich sei und dass dies die technischen Möglichkeiten der bestehenden Rechenanlagen um ein vielfaches übersteige.

 

Es ist das Verdienst K. Paul Hensels, wissenschaftlich nachgewiesen zu haben, dass es sehr wohl technisch und grundsätzlich möglich ist, eine der Marktwirtschaft vergleichbare Lösung des Allokationsproblems auch in der Zentralverwaltungswirtschaft zu realisieren.

 

Das sicherlich größere Verdienst Hensels zur Weiterentwicklung der Volkswirtschaftslehre liegt jedoch in der posthumen Veröffentlichung der Grundsätze Walter Euckens. Walter Eucken ist in der wissenschaftlichen Welt vor allem durch drei größere Veröffentlichungen bekannt geworden: den kapital-theoretischen Untersuchungen, den Grundlagen der Nationalökonomie und eben der von Hensel herausgegebenen Grundsätze der Wirtschaftspolitik.

 

Sieht man einmal von den kapital-theoretischen Untersuchungen ab, die ohnehin nur in wissenschaftlichen Kreisen diskutiert wurden, so waren es nicht die Grundlagen der Nationalökonomie, durch die Walter Eucken über die Wissenschaft hinaus auch in der breiten wirtschaftspolitisch orientierten Öffentlichkeit bekannt wurde, sondern die Grundsätze der Wirtschaftspolitik.

 

Die Grundlagen der Nationalökonomie hatten sehr wohl ihre wissenschaftliche, vor allem dogmenhistorische Bedeutung. Walter Eucken begann zu einer Zeit, in der an deutschen Hochschulen die Vertreter der Historischen Schule eindeutig dominierten – es gab nur ganz wenige wirtschafts-theoretische Lehrstühle, die nicht von Vertretern der Historischen Schule besetzt waren - , in der jedoch vor allem in der internationalen Diskussion der durch diese Schule ausgelöste Verfall theoretischen Denkens beklagt wurde.

 

Walter Eucken hatte den Versuch unternommen, die Vertreter der abstrakten Wirtschaftstheorie mit den Vertretern der Historischen Schule auszusöhnen, indem er darauf aufmerksam machte, dass jede politische Beurteilung Ausfluss einer theoretischen Vorüberlegung ist, die oft unbewusst bleibe und auf längst wiederlegten Hypothesen basiere. Hier komme es darauf an, die theoretischen Grundlagen einer politischen Empfehlung offen zu legen, sie kritisch zu überprüfen und weiter zu entwickeln.

 

Auf der anderen Seite komme das historische und empirische Moment dadurch zum Tragen, dass jede konkrete Situation durch einen historisch einmaligen Mix einzelner Wirtschaftsformen bestehe. Aus diesen Gründen war Walter Eucken auch der Meinung, dass es gar keine allgemeine Konjunkturtheorie geben könne, da jeder Konjunkturverlauf einmaliger Natur sei.

 

Obwohl man also in diesen methodisch angelegten Arbeiten Walter Euckens einen echten wissenschaftlichen Beitrag sehen kann, so war es eben doch nur ein dogmenhistorisch relevanter Beitrag, der in der heutigen Diskussion, in der kein ernst zu nehmender Wissenschaftler die Berechtigung und Notwendigkeit theoretischer Vorüberlegungen bezweifelt, keinerlei Aktualität mehr besitzt. Im Übrigen waren auch schon zu Lebzeiten Walter Euckens seine methodischen Ansätze, vor allem die abstrahierende pointierend hervorhebende Methode äußerst umstritten.

 

Auch die von Walter Eucken entwickelte Lehre von den 6 wichtigen Daten der Volkswirtschaft ist heute sicherlich überholt, natürlich kennt jede Wissenschaft Daten, die sie selbst nicht eruiert und die sie von anderen Wissensbereichen übernimmt. Die heutige Kritik liegt vielmehr an der genauen Grenzziehung, was als Datum und was als Problemgröße anzusehen ist. Schon sehr früh etablierte sich eine von J. A. Schumpeter ausgehende Neuere Politische Ökonomie, die mit sehr großem Erfolg ökonomische Betrachtungsweisen auch auf andere nicht primär wirtschaftliche Lebensbereiche, wie z.B. Politik oder Sport oder auch Musik überträgt.

 

Es sind also die wirtschaftspolitischen Konzeptionen, die Walter Eucken in seinen Grundsätzen zur Wirtschaftspolitik zusammengefasst hatte, welche die Freiburger Schule auch über die Grenzen der Wissenschaft bekannt gemacht hat. Wir wissen, dass das beim frühen Tode Walter Euckens vorliegende Manuskript zu dieser Arbeit noch sehr unvollkommen war – für manche Abschnitte lagen nur einige stichwortartige Notizen vor. Nur durch eine mühsame Ausformulierung der Eucken’schen Notizen, die K. P. Hensel mit maßgeblicher Unterstützung von Edith Erdsieck-Eucken, der Frau Walter Euckens unternahm, ist dieses Werk der Nachwelt überliefert worden und darin hat K. Paul Hensel ein bleibendes Verdienst an der Wissenschaft erworben.

 

 

Constantin von Dietze

 

Constantin von Dietze vertrat in der Zeit, in der ich mein Studium begann, den Fachbereich „Wirtschaftspolitik“. Mit dem Namen von Constantin von Dietze verbindet sich eine etwas andere Bedeutung des Wortes „Freiburger Schule“, als wir dies im Allgemeinen, vor allem bei Walter Eucken gewohnt sind. Wenn wir im Zusammenhang mit Walter Eucken von Freiburger-Schule sprechen, meinen wir die von Eucken und seinen wirtschaftswissenschaftlichen Kollegen entwickelte Konzeption des Ordoliberalismus. Danach ist ein marktwirtschaftliches System zwar eindeutig einer Zentralverwaltungswirtschaft überlegen, aber auch das marktwirtschaftliche System kann nur bei Vorliegen einer Rahmenordnung, die den Wettbewerb erhält, effizient und sozialbefriedigend funktionieren.

 

Auch Constantin von Dietze gehörte zu dem engeren Freundeskreis um Walter Eucken, auch er ist dem Ordoliberalismus verbunden. Mit dem Namen von Constantin von Dietze verbindet sich jedoch vor allem der Freiburger Kreis von Kollegen – vor allem Wirtschaftswissenschaftler, Juristen und Historiker - , die sich im Widerstand gegen den Nationalsozialismus verbunden hatten. Auch Walter Eucken war dieser Gruppe verbunden, es war aber Constantin von Dietze, der seinen politischen Einsatz mit der Verschleppung in ein  KZ erkauft hatte.

 

Die ethische Grundhaltung, die bei Constantin von Dietze in einer protestantischen Tradition wurzelte, kam auch in der Nachkriegszeit an der Freiburger Universität vor allem dadurch zum Tragen, dass er regelmäßig ethische Seminare abhielt, die von vielen Studierenden besucht wurden. Ich erwähnte bereits, dass auch Constantin von Dietze dem Ordo-Gedanken Walter Euckens verbunden war. Trotzdem spiegelte seine Lehrtätigkeit an der Universität eher das Nachwirken der Historischen Schule, deren Einfluss Walter Eucken überwinden wollte, wider.

 

Seine wirtschaftspolitischen Vorlesungen waren historisch gegliedert und erschöpften sich vorwiegend in der Darstellung der historisch gewachsenen Wirtschafts-Stile und -Ordnungen und nur im Abschlusskapitel wurde – sozusagen als krönender Abschluss - die theoretische Konzeption des Ordoliberalismus vorgestellt, auch hier noch durchaus in der Tradition der Historischen Schule; auch für die Vertreter der Historischen Schule – allen voran Roscher – blieb die Entwicklung einer Theorie durchaus das letztliche Ziel einer Nationalökonomie, wobei das theoretische Anliegen nur deshalb vorläufig zurückgestellt wurde, da eine Theorie nach Vorstellung dieser Forschergruppe nur bei Kenntnis der historischen Gegebenheiten entwickelt werden könnte, Gegebenheiten, die jedoch bisher noch nicht ausreichend bekannt seien.

 

Das Noch-Verbundensein Constantin von Dietze mit der historischen Schule kam auch in seiner langjährigen Leitung des Doktorandenseminars zum Ausdruck. Das Doktorandenseminar bestand vorwiegend in der Vorstellung der durch die Historische Schule geprägten Themenbereiche: Die Entwicklung des Industriezweiges ‚i’ in der Stadt ‚s’ in der Zeit zwischen ‚z1’ und ‚z2’. Wenn man einmal von den Doktoranden absieht, die gerade über ihr eigenes Doktorthema referierten, war das Seminar für die meisten restlichen Doktoranden und Assistenten – für die jedoch der die Teilnahme an diesem Seminar obligatorisch war – ‚stink’ langweilig, was mich zu dem Vorsatz, den ich später auch eingelöst habe, veranlasst hatte, selbst nie eine solche Art von Lehrveranstaltung abzuhalten.

 

Im Gegensatz zu den heutigen Studenten mussten wir noch mit einem Minimum von Lehrbüchern auskommen, für das Fach Wirtschaftspolitik gab es meines Wissens damals noch kein geeignetes Lehrbuch, zumindest wenn man die Eignung daran messen will, dass man die wichtigsten in der Vorlesung behandelten Themenbereiche in diesem Werk nachlesen und nacharbeiten kann. Also war man auf Vorlesungsskripte angewiesen und fast jeder Zuhörer hatte dann auch ein solches Skript.

 

Die Vorlesungen von Constantin von Dietze zeichneten sich nun durch hohe Beständigkeit aus, was sich zwar für den wissenschaftlichen Fortschritt hemmend auswirken dürfte, aber für die Studenten immerhin den Vorteil hatte, dass man das Anhören der Vorlesung mit dem gleichzeitigen Nachlesen im Manuskript begleiten konnte.

 

Eine Möglichkeit, von der offensichtlich viele Zuhörer Gebrauch machten, den man hörte buchstäblich, wie zur gleichen Zeit alle Besitzer eines Manuskripts die Seiten umblätterten, wenn Constantin von Dietze eine neue Seite begann. Gerade dieser Umstand brachte es mit sich, dass ich zu einem ausgesprochenen „Vorlesungsmuffel“ wurde, der kaum eine Vorlesung bis zum Ende des jeweiligen Semesters besuchte. Was man in Manuskripten schwarz auf weiß besitzt, braucht man sich nicht mehr eigens in Vorlesungen anzuhören.

 

Diese Beständigkeit von Dietze’s Vorlesungen ging dann soweit, dass man an bestimmten Stellen im Vorlesungsmanuskript sinngemäß folgenden Wortlaut fand: An dieser Stelle pflegt Constantin von Dietze folgenden Witz zu erzählen. Dieser Witz wurde dann auch von Dietze an dieser Stelle tatsächlich vorgetragen, den Inhalt der erzählten Witze selbst habe ich allerdings vergessen.

 

 

 

K. F. Mayer

 

 

K. F. Mayer war während unserer Studienzeit freier Unternehmer, er hatte in Schramberg – im Württembergischen – eine Schachtelfabrik, weshalb er bei den Studenten oftmals als „Schachtele-Professor betitelt wurde. Auf jeden Fall war sein schwäbischer Dialekt unverkennbar. Gleichzeitig hatte er an der Freiburger Universität eine Honorarprofessur inne.

 

K. F. Maier hatte ähnlich wie der in dieser Zeit an der Bonner Universität lehrende F. W. Meyer durch eine viel beachtete Dissertation zur Erklärung der Funktionsweise einer Goldwährung wesentliches beigetragen. Die Goldwährung ist hierbei sicherlich nicht nur aus einem dogmenhistorischen Interesse heraus von Bedeutung. Ähnliche Funktionsverläufe sind auch in dem in der unmittelbaren Zeit nach dem zweiten Weltkrieg in Bretton Woods neu geschaffenen System des Internationalen Währungsfonds zu beobachten. In beiden Währungssystemen wird ein Ausgleich der Devisenbilanz dadurch erreicht, dass das verschuldete Land deflationieren, das Gläubigerland jedoch inflationieren muss.

 

Die Lehrveranstaltungen von K. F. Maier waren nicht für das Examen obligatorisch, K. F. Maier war auch nicht Prüfer in den Examina. Deshalb hatte er auch nur einen kleinen Zuhörerkreis. Ich erinnere mich, dass K. F. Maier, in der Zeit in der ich in Freiburg studierte, insbesondere eine Vorlesung „Geldtheorie“ anbot. Da die Lehrveranstaltungen der Ordinarien diesen Spezial-Bereich nicht anboten, hatte ich Interesse an dieser Lehrveranstaltung und besuchte sie ein Semester lang.

 

Wer nun eine eingehende, fundierte Auseinandersetzung mit geldtheoretischen Theoremen erwartet hatte, wurde allerdings sehr enttäuscht. In der ersten Vorlesungsstunde macht K. F. Maier seinen Zuhörern klar, dass man geldtheoretische Überlegungen nur dann nachvollziehen könne, wenn man in allgemeiner Theorie ‚firm’ sei.

 

Da er solche Kenntnisse nicht voraussetzen könne, begann er mit der Entwicklung eines allgemeinen Walras’schen Modells, in dem bekanntlich das Geld insofern eine Rolle spielt, als die Geldmenge nur das absolute Preisniveau bestimmt, während die Strukturen der Güterproduktion und der Güternachfrage – eindeutig und allein, ohne Einflussnahmen des Geldes – die Preisrelationen bestimmen.

 

Am Ende des Semesters war dann K. F. Maier an einem Punkt angelangt, in dem die eigentlichen geldtheoretischen Themen hätten begonnen werden können. Mir kam damals der Verdacht, dass K. F. Maier eigentlich eine Einführung in die allgemeine Wirtschaftstheorie halten wollte, dass diese Vorlesungszyklen jedoch den Ordinarien vorbehalten blieben.

 

An eine sehr lustige Vorlesungsstunde kann ich mich noch sehr gut erinnern, obwohl der von K. F. Maier in dieser Stunde behandelte Stoff sicherlich alles andere als zum Lachen verleitete. Herr K. F. Maier hatte gerade die Vorlesungsstunde begonnen, als er feststellte, dass zwei Studenten offensichtlich noch nicht von seiner Anwesenheit Kenntnis genommen hatten. Er unterbrach deshalb seinen Vortrag und blickte streng in Richtung dieser beiden Studenten, welche sich weiterhin angeregt und laut unterhielten.

 

Ich weiß nicht mehr, was der Unterhaltungsstoff war, er wurde jedoch so laut vorgetragen, dass auch die anderen Zuhörer das Gespräch mitbekamen. Plötzlich – offensichtlich wegen des Erzählens eines Witzes – fing der eine lauthals zu lachen an und steckte sehr bald die übrigen Teilnehmer zu einem Gelächter an, dem sich schließlich auch K. F. Maier nicht entziehen konnte. Und zwar setzte K. F. Maier genau in dem Augenblick zu Lachen an, in dem das Gelächter im Hörsaal bereits abebbte.

 

Dass auch der Vortragende hemmungslos lachen musste und auch die Art und Weise, wie K.F. Maier lachte, entbehrte nicht einer gewissen Komik. Und bald lachte erneut der ganze Hörsaal. Studenten und Vortragender schaukelten sich so gegenseitig hoch und es verging recht viel Zeit, bis sich alle wiederum beruhigt hatten.

 

 

Alfons Schmitt

____________________________________________________________________________

 

Alfons Schmitt vertrat in der Zeit meines Studiums das Fach: Wirtschaftstheorie. Gleichzeitig bot er aus seinem engeren Forschungsgebiet, indem er sich auch einen Namen gemacht hatte, verkehrspolitische Lehrveranstaltungen an und betreute verkehrspolitische Diplomarbeiten und Dissertationen.

 

Alfons Schmitt kam aus München und war Schüler Adolf Webers. Wenn auch Adolf Weber das Eintreten für eine freiheitliche marktwirtschaftliche Ordnung mit Walter Eucken teilte, so gehörte er dennoch nicht dem engeren Freundeskreis um Walter Eucken an und war genauso wie Alfons Schmitt  auch nicht durch ordoliberale Gedankengänge hervorgetreten.

 

Auch noch in einer zweiten Hinsicht unterschied sich Alfons Schmitt von anderen Lehrern in Freiburg, wie z.B. Elisabeth Liefmann-Keil: Er befasste sich nicht mit der quantitativ ausgerichteten Wirtschaftstheorie, wie sie sich seit den 30 er Jahren weltweit im Ausland entwickelt hatte.

 

Er machte auch aus seiner Ablehnung mathematischer Methoden in den Lehrveranstaltungen keinen Hehl. Als er in seiner Vorlesung „Wirtschaftstheorie „ zu dem Kapitel über die Haushaltstheorie kam, versuchte er skizzenhaft die auf Vilfried Pareto zurückgehenden Grundideen des Systems der Indifferenzkurven an der Tafel graphisch aufzuzeichnen, er brach die Darstellung jedoch ab, nachdem er sich mehrmals verzeichnet hatte, drehte sich zu den Zuhörern um und vermerkte mit lächelndem Gesicht, das es nicht weiter schlimm sei, wenn die Studenten diese Gedankengänge nicht verstünden, er müsse bekennen, dass er sie auch nicht voll verstanden habe.

 

Gemessen an dem den heutigen Studenten vermittelten Lehrstoff für Anfänger gehört die Darstellung des Indifferenzkurvensystem zum Einmal-Eins des Grundstudiums, wobei von den Studenten nicht nur verlangt wird, dass sie ein graphisches Diagramm der Indifferenzkurven aufzeichnen können, sondern dass sie auch in der Lage sind, die hinter den Indifferenzkurven stehenden Funktionen und Gleichungssysteme abzuleiten.

 

Aber Alfons Schmitt war weniger der abstrakte Theoretiker, sondern der weltoffene Politiker und Pragmatiker. Und man wird zugeben müssen: Wollte ein Student – einer meiner mir nahestehenden Kommilitonen hatte das tatsächlich getan – vor dem täglichen Einkauf des notwendigen Lebensbedarfes seine Indifferenzkurve graphisch aufzeichnen und aus den Tangentenpunkten mit der Bilanzgerade die jeweiligen Mengen der einzukaufenden Waren ermitteln, würde man diesen Studenten doch wohl mit Recht belächeln.

 

Diese Weltoffenheit lässt sich auch recht gut beleuchten, wenn man Alfons Schmitt mit Constantin von Dietze und den anderen Kollegen vergleicht. Ich entsinne mich noch sehr gut: Auf den Vorplätzen zu den Unigebäuden standen nicht wie heute „zig“ Pkws der Professoren oder sonstiger Bediensteten, der Platz war leer, offensichtlich kamen die meisten Kollegen zu Fuß in die Universität, nur zwei Fahrzeuge standen vor dem Kollegiengebäude I, in der Nähe des Aristoteles: ein Fahrrad, mit dem Constantin von Dietze jeden Morgen in die Universität geradelt war und ein für damalige Verhältnisse durchaus stattliches Auto, mit dem Alfons Schmitt zur Universität kam.

 

 

Folkert Wilken

 

Folkert Wilken hatte in der Zeit meines Studiums die finanzwissenschaftlichen Vorlesungen gelesen; gleichzeitig hielt er die statistischen Übungen ab, die für die meisten der Studenten sehr mühsam waren und in denen Studenten reihenweise in den Klausuren durchfielen. Schließlich hatte sich Folkert Wilken auch mit Industriepolitik beschäftigt.

 

Eine Statistik-Übungsstunde ist mir deutlich in Erinnerung geblieben. Folkert Wilken hatte sich seinen rechten Arm gebrochen, dieser war geschient, was Folkert Wilken nicht davon abhielt – und das spricht sicherlich für sein Pflichtbewusstsein – die Übungen trotz massiver Behinderungen abzuhalten, immerhin mussten zahlreiche Diagramme und Tabellen an die Tafel gezeichnet bzw. geschrieben werden. Ein anderer Dozent hätte in diesem Fall sicherlich seine Assistenten beauftragt, zumindest die Zeichnungen an der Tafel zu übernehmen. Nicht Folkert Wilken.

 

Er wollte die senkrechte Ordinate selbst an der Tafel aufzeichnen, konnte aber wegen seines geschienten Arms natürlich unmöglich den Arm von oben nach unten oder umgekehrt bewegen. Was tat er ? Er steuerte mit seiner Hand einen Punkt auf der Tafel an und drückte den Arm fest gegen die Tafel, während sein Assistent – zum Gelächter aller Kommilitonen – die Tafel von oben nach unten und danach von unten nach oben schieben musste.

 

Folkert Wilken war für seine anthroposophischen Überzeugungen bekannt, die auch in den wirtschaftspolitischen Vorlesungen deutlich wurden. Einige Zeit bevor Folkert Wilken in den Ruhestand trat, überlegte er sich, in welcher Gegend er seinen Lebensabend verbringen sollte. Er soll hierzu einen befreundeten Anthroposophen um eine Untersuchung mit Strahlenmessungen gebeten haben, an welcher Stelle im Schwarzwald – er wollte den Rest seines Lebens in der Heimat verbringen – die Strahlungen für einen Wohnsitz am günstigsten seien.

 

Dieser Freund fand dann heraus, dass Menzenschwand im Schwarzwald hierzu am besten geeignet sei. Für diejenigen unter uns, die den Schwarzwald nicht so genau kennen, sei daran erinnert, dass vor langer Zeit in der Nähe um Menzenschwand Uranfunde entdeckt worden waren. Es ist immerhin bemerkenswert, dass Uranstrahlungen, die allgemein als gefährlich gehalten werden, nach anthroposophischer Auffassung offensichtlich sogar als nützlich und lebensverlängernd eingestuft wurden.

 

 

Martin Lohmann

 

Martin Lohmann hatte zur Zeit meines Studiums den in Freiburg einzigen Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre inne. Martin Lohmann war weit über die Grenzen der Freiburger Fakultät insbesondere durch den nach ihm und einem weiteren BWL-Kollegen benannten Lohmann-Ruchti-Effekt bekannt geworden. Der Lohmann-Ruchti-Effekt bezog sich auf den Effekt zeitlich gestaffelter Reinvestitionen auf die Ausbringungskapazität. Diese steigt zeitweise an, auch wenn sich eine Unternehmung nur auf Ersatzinvestitionen beschränkt, da die ersten Ersatzinvestitionen bereits zu einer Zeit getätigt werden können, in denen auch die Maschinen noch intakt sind, für die diese Ersatzinvestitionen getätigt werden.

 

Martin Lohmann war sicherlich kein Ordoliberaler, er stand für jeden sichtbar den neoliberalen Thesen des Ordo-Liberalismus kritisch gegenüber und bildete auf diese Weise eine wertvolle Ergänzung zur Freiburger Schule. Ich möchte diese Vorlesungen nicht missen. Dieser Gegensatz hatte sich schon sehr früh – zu Lebzeiten Walter Euckens - herausgebildet und wurde u.a. auch im Zusammenhang mit Dissertationen ausgetragen. Der jeweilige Zweit-Korrektor – so wird berichtet – soll die Kommentare des Erstkorrektors selbst kommentiert und kritisiert haben. Dieser Streit schwellte so stark an, dass der jeweilige Dekan, der ja darüber zu bestimmen hatte, welcher Kollege jeweils das Zweitgutachten einer Dissertation zu übernehmen hatte, höllisch darauf Acht geben musste, dass Eucken und Lohmann nicht Gutachter im selben Promotionsverfahren wurden.

 

Dabei kann bezweifelt werden, ob Martin Lohmann im Grunde seines Herzens wirklich antiliberal eingestellt war. Viel wahrscheinlicher ist es, dass er von Natur aus zur Kritik neigte und dass er zum engagierten Kritiker an der Freiburger Schule nur deshalb wurde, weil er in Freiburg lehrte. Hätte er – so wurde damals von Kennern der Szene vermutet – nicht in Freiburg, sondern weiterhin in Hamburg gelehrt, dessen wirtschaftswissenschaftliche Fakultät damals als vorwiegend „sozialistisch“ eingestuft wurde, wäre Martin Lohmann vielleicht zu einem glühenden Verfechter neoliberaler Ideen geworden.

 

Martin Lohmanns Kritik richtete sich im Übrigen nicht nur gegen seine liberalen Kollegen. Auch die Verwaltung kam ihr „Fett“ ab. Ich erinnere mich noch deutlich an folgenden Vorfall: Martin Lohmann zeichnete sich zum Kummer seiner Studenten dadurch aus, dass er seine Vorlesungen früh - sehr früh aus der Sicht der Studenten – bereits auf 8 Uhr gelegt hatte. In den Wintersemestern war es deshalb zu Beginn der Vorlesung noch etwas „dämmrig“. Der Hörsaal war halb dunkel, die Hörsaal-Leuchten waren eines Tages trotzdem ausgeschaltet, Martin Lohmann betrat den Hörsaal und hatte bereits mit dem Stoff der Vorlesung begonnen. Da öffnete sich die Tür und eine Studentin huschte herein und knipste hierbei – wahrscheinlich reflexartig - alle Licht-Schalter an. Martin Lohmann unterbrach seinen Vortrag und schaute in Richtung Tür.

 

Wir Kommilitonen fürchteten bereits, dass Lohmann die Studentin wegen ihres Zuspätkommens ausschimpfen würde. So streng waren damals noch die Sitten. Aber Lohmann benutzte die Gelegenheit und begann über die Universitätsverwaltung zu schimpfen. Er lobte ausdrücklich die Studentin mit den Worten: Ja, sie handle vollkommen recht, wenn sie die Initiative ergriffen und den Hörsaal selbst beleuchtet habe, denn hier an der Universität müsse man alles selbst tun, ohne Eigeninitiative der Studenten und Dozenten laufe überhaupt nichts.

 

Ein weiteres Ereignis trägt hingegen eher tragische Züge. Als Lohmann - wie bisher immer - einen der zahlreichen ehrenvollen Rufe an eine andere Universität abgelehnt hatte, erschien am schwarzen Brett seines Lehrstuhls ein Schreiben, in dem Martin Lohmann mitteilte, dass er anlässlich der Ablehnung des Rufes beschlossen habe, dass alle Doktoranden, die länger als eine kritische Zeit – mir ist die genaue Zeit entfallen – noch nicht ihre Doktorarbeit abgeschlossen hätten, sich bei ihm innerhalb einer kurzen Frist zu melden hätten, andernfalls würden sie von der Liste der Doktoranden gestrichen.

 

Zu den langlebigen Doktoranden Lohmanns zählte auch Herr XY, ein sehr begabter ehemaliger Schüler Walter Euckens, der am Walter Eucken-Institut eine wissenschaftliche Stelle innehatte. Man wusste, dass Herr XY die wissenschaftliche Laufbahn beginnen wollte und hatte ihm gute Chancen ausgerechnet.

 

Herr XY hielt sich deshalb nicht für angesprochen und meldete sich deshalb auch nicht zur Sprechstunde bei Lohmann. Als die Frist verstrichen war, hing am schwarzen Brett zum Betriebswirtschaftlichen Seminar eine Aufzählung derjenigen Doktoranden, die von der Liste der Doktoranden gestrichen wurden, auch der Name XY war darunter. Herr XY sprach immer noch nicht bei Lohmann vor. Kenner gingen davon aus, dass Lohmann ohne weiteres XY behalten oder als Doktorand wiederaufgenommen hätte, wenn sich Herr XY auch nachträglich gemeldet hätte. Beide brachten es aber nicht über ihr Herz, einzulenken und den ersten Schritt zu tun. So endete die wissenschaftliche Karriere eines sehr begabten Kandidaten sehr abrupt.

 

Sehr viel amüsanter war folgende Begebenheit. Was hatte FJ – ein Studienkollege von mir – mit Martin Lohmann gemeinsam? Beide wohnten eine gewisse Zeit in Herdern im Jägerhäusleweg. Ich besuchte FJ oftmals, wobei ich mit dem Bus zur Herderner Kirche fuhr. Ich hatte dann noch einen Fußweg von etwa 5 Minuten. Auch Lohmann war Fußgänger und benutzte offensichtlich den Bus, um in die Stadt zu kommen. Eines Abends kam ich von FJ, da ich eine vage Ahnung hatte, dass der Bus bald kommen musste, sputete ich mich, ja begann – um den Bus noch zu erreichen – zu rennen. Wenn man rannte, so hörte man den Schall von der Straße.

 

Plötzlich hörte ich, dass noch jemand hinter mir rannte, wobei wir uns beide gegenseitig aufschaukelten, offensichtlich war jeder der Meinung, der jeweils andere wisse um die genaue Abfahrtszeit des Busses und dass man sich beeilen müsse, wolle man den Bus noch rechtzeitig erreichen – in Wirklichkeit wusste dies keiner – ich schaute bei dieser Gelegenheit einmal vorsichtig kurz nach hinten und musste feststellen, dass dieser andere Passant Martin Lohmann war.

 

Als wir unten an der Bushaltestelle angelangt waren, war natürlich kein Bus in Sicht. Alles Rennen war umsonst, ich hoffte, dass Lohmann mir nicht allzu böse war, dass ich ihn unbewusst zum Rennen und zum ‚Außer-Atem-Kommen’ gebracht hatte.

 

Die gespannte Situation Lohmanns zur Fakultät hielt übrigens auch in der Zeit noch an, als ich wieder in Freiburg war, nun selbst als Lehrer. Es war immer sehr peinlich, wenn die runden Geburtstage Lohmanns heranrückten, die Fakultät war der Meinung, man müsse ihm durch eine Delegation – zu ihm nach Hause – ein „Ständchen“ bringen, der Dekan musste dies jedoch sehr vorsichtig - durch Vermittlung dritter angehen - da die Delegation immer Gefahr lief, vor der verschlossenen Tür stehen gelassen zu werden.

 

 

Elisabeth Liefmann-Keil

 

Elisabeth Liefmann-Keil hatte während der Kriegszeit in Freiburg bei Walter Eucken habilitiert – mir gegenüber hatte sie sich als eine Schülerin Walter Euckens bezeichnet, aber sofort hinzugefügt, sie sei eine sehr eigenwillige Schülerin. Trotz Habilitation wurde ihr jedoch während der Nazizeit die Venia legendi (die Lehrbefugnis) vorenthalten, da sie als Halbjüdin galt. Dies war nicht der einzige Schicksalsschlag, den Elisabeth Liefmann-Keil erfuhr. Während eines Bombenangriffs wurde sie verschüttet und litt - wie wir alle wissen – zeit ihres Lebens an den Folgen dieses Ereignisses.

 

Elisabeth Liefmann-Keil gehörte zu den ganz wenigen weiblichen Professoren, die zu der damaligen Zeit nicht nur eine Professur – ein Extraordinat in Freiburg, später eine ordentliche Professur in Saarbrücken erlangt hatten, sondern schon sehr früh in wissenschaftlichen Kreisen im In- und Ausland hohe Anerkennung erfahren hatten. Hierzu trug ihr zeitweiliger Aufenthalt in skandinavischen Ländern sowie in den USA bei. Was für Erich Schneider für die ganze BRD galt, galt für Liefmann-Keil für die Freiburger Fakultät: Sie brachte die neueren Entwicklungen im angelsächsischen Bereich den Freiburger Studenten näher.

 

Trotz dieses Erfolges als Frau machte sie jedoch die heutige Verzerrung unserer Sprache nicht mit, indem in jedem für Personen geltenden Begriff neben dem männlichen mit Schrägstrich auch die weibliche Form hinzugefügt werden muss, sodass insbesondere die Dokumente und diversen Ordnungen kaum mehr aussprechbare Wortgebilde enthalten. Obwohl Elisabeth Liefmann-Keil sicherlich für die Emanzipation der Frau eintrat, hielt sie umso weniger von solchen Wortungetümen. Wenn ein Student sich bei ihr besonders einschleichen wollte und sie mit Frau Professorin betitelte, unterbrach sie diesen sofort, fuhr ihm über den Mund und hielt ihm entgegen, dass dies Frau Professor heiße, der Professorentitel gelte für beide Geschlechter und habe deshalb keinen geschlechtlichen Bezug.

 

Elisabeth Liefmann-Keil gehörte mehreren wissenschaftlichen Gremien an, unter anderem auch dem wissenschaftlichen Beirat beim Arbeitsministerium. Sie erzählte mir auch eines Tages ganz stolz, wie sie ihre Kollegen im Beirat „herumbekommen“ habe.

 

Es ging um die Einführung eines Vorläufermodells des BAFÖG, die meisten Kollegen im Beirat waren damals gegen eine solche Einführung. Sie drang in ihre Kollegen und verlangte, dass man einen betroffenen Studenten anhören sollte, sie habe bereits einen mitgebracht, er stehe draußen im Flur. Beendete den Satz und ging - ohne Widersprüche abzuwarten - zur Tür. Draußen eilte sie zur Toilette, zog sich so um, dass sie wie eine rebellische Studentin aussah - mit rotem Halstuch – und kam dann als Studentin verkleidet in den Sitzungssaal zurück, wobei ihre Kollegen mit sauren Minen diese Komödie – für manche wohl eine Schmierenkomödie - wohl oder übel mitspielten.

 

Elisabeth Liefmann-Keil hielt viel von studentischer Mitwirkung, auch beim Stoff, der in den Lehrveranstaltungen behandelt werden sollte. So begannen ihre Seminare und Übungen in der ersten Stunde damit, dass die Studenten gefragt wurden, über welche Themen denn sie diskutieren wollten. Gleichzeitig hatte jedoch Liefmann-Keil bereits vorher eindeutig entschieden, was in diesem Semester behandelt werden wird.

 

Etwas anderes ist auch gar nicht möglich. Wer wissenschaftlich abgesichertes Wissen vermitteln will, kann sich nicht erst einige Stunden vor Beginn einer Lehrveranstaltung kundig machen. Das Wissen, das tatsächlich in den Lehrveranstaltungen vermittelt werden soll, muss bei Beginn eines Semesters bereits zusammengetragen sein. Die wenigen Stunden, die zwischen den einzelnen Lehrveranstaltungen für eine Vorbereitung zur Verfügung stehen, können immer nur so genutzt werden, dass man sich Gedanken darüber macht, wie bereits dem Dozenten bekanntes Wissen pädagogisch geschickt vorgetragen wird.

 

Deshalb wurden von Liefmann-Keil die von den Studenten geäußerten Fragestellungen auch solange hin- und hergeschoben, bis dann genau die Fragestellungen übrig blieben, auf die sich Liefmann-Keil bereits vor der Stunde festgelegt hatte.

 

In ihrem Verhältnis zu den Studenten spielte sich ein reines Wechselbad der Gefühle ab. Sie war zumeist den mündlichen Prüfern in Wirtschaftspolitik zugeteilt, aber wer bei ihr geprüft wurde, dies wurde erst wenige Tage zuvor am schwarzen Brett bekannt gegeben.

 

Sofort kamen die davon betroffenen Studenten zu mir - in der Zeit, als ich bei ihr Assistent war – und fragten mich, was denn Liefmann-Keil alles wissen wolle, sie klagten ihr Leid, da sie „diese Frau“ überhaupt nicht verstehen würden. Als ich dann die gleichen Studenten unmittelbar nach der mündlichen Prüfung bei ihr darauf ansprach, wie denn die Prüfung verlaufen sei, waren sie plötzlich voll des Lobes und meinten, das sie noch nie eine so angenehme Prüfung mitgemacht hätten.

 

Ich unterhielt mich mit diesen Studenten noch ein drittes Mal, und zwar unmittelbar nach der Verkündung der Abschlussnoten. Wütend sprachen sie über die ungerechte Bewertung bei Liefmann-Keil, viele hässliche Schimpfworte fielen. Dieses Urteil konnte ich durchaus nachvollziehen, hatte ich doch in einer Prüfung bei ihr selbst miterlebt, dass in einer Dreiergruppe ein erster Prüfling eine an ihn gestellte Frage völlig korrekt beantwortet hatte, dass sich Liefmann-Keil dann an den nächsten Kandidaten wandte und ihn augenzwinkernd fragte, ob diese Antwort denn richtig sei, ob nicht eher das Gegenteil gelte. Dieser so angesprochene Student fiel prompt in die ihm gestellte Falle und meinte, dass die Antwort des ersten Kandidaten falsch sei.

 

Auch am Ende der Prüfung blieben die Studenten im Unklaren darüber, welche Antwort denn nun richtig war. Es ist durchaus verständlich, dass so verunsicherte Kandidaten wütend wurden, als sie erfuhren, dass sie so hinter das Licht geführt worden sind.

 

 

J. Heinz Müller

 

Professor J. Heinz Müller kam relativ spät nach Freiburg, als ich bereits mein Diplomexamen abgelegt hatte, ich lernte ihn deshalb erst im Rigorosum, in der mündlichen Promotionsprüfung, kennen.

 

J. Heinz Müller hatte einen Ruf auf den Lehrstuhl Walter Euckens erhalten, zur Verwunderung vieler, er selbst gehörte sicherlich nicht zum weiteren Kreis der Ordoliberalen, er kam aus Bonn und gehörte dem Kreis der katholischen Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler um Bonn und Köln an, er selbst hatte sich eher in der katholischen Sozialbewegung einen Namen gemacht.

 

Es war auch seine erste Berufung, und seine Berufung verwundert umso mehr, da Freiburg sehr lange Zeit zu den Fakultäten zählte, die sich bei der Besetzung eines vakant gewordenen Lehrstuhles um Kollegen bemühten, die bereits einen Lehrstuhl anderswo inne und insofern bereits einen Namen hatten.

 

Verwunderlich ist es vor allem auch deshalb, weil sich sehr wohl die Prominenz um eine Nachfolge Walter Euckens und um den ordnungspolitischen Lehrstuhl in Freiburg beworben hatte. F. A. Lutz hatte mehrere Semester den vakanten Lehrstuhl vertreten, obwohl er vermutlich keine ernsten Absichten hatte, hier zu bleiben, immerhin hatte sich auch E. Preiser um einen Ruf bemüht, es war in einer Zeit, in der es noch üblich war, dass auch namhafte Kollegen und nicht nur Neulinge „vorzusingen“ hatten.

 

Ich selbst lernte J. Heinz Müller erst in der Zeit richtig kennen und schätzen, in der ich nun als Dozent nach Freiburg zurückkehrte. Er war – wenn man so will – lange Zeit die graue Eminenz unter den Kollegen, der auch dann, als er kein Dekan war, die wichtigsten Entscheidungen mitgestaltete. Als ich nach Freiburg kam, war es zum Beispiel üblich, dass im Professorenkonvent der jeweilige Zweitgutachter für Dissertationen bestimmt wurde, und es war Müller, der dann festlegte, wer das Zweitgutachten zu schreiben hatte. Da er – wie bekannt – als Folge einer Kriegsverletzung ein künstliches Bein hatte und deshalb mit dem Gehen, vor allem mit dem Treppensteigen seine Mühen hatte, ließ er insbesondere die jüngeren Kollegen, auch den Dekan – in seinem Amtszimmer „antanzen“, was bisweilen bei den jüngeren Dekanen sehr viel Verärgerung ausgelöst hatte.

 

J. Heinz Müller wirkte in den unterschiedlichsten Gremien mit und veranstaltete viele Tagungen außerhalb Freiburg, so dass er ein viel beschäftigter Mann war. Ich erinnere mich noch an folgenden Vorfall: Einige Kollegen der wirtschafts- und der rechtswissenschaftlichen Fakultät hatten bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft einen Sonderforschungsbereich eingerichtet, diesem Kreis gehörte Müller und auch ich selbst an.

 

Es ging um die Festlegung eines neuen Termins, wir kamen normalerweise alle 3 bis 4 Wochen zusammen um das weitere Vorgehen zu besprechen. Alle vier Kollegen außer Müller hatten bereits einen Termin gefunden, an dem sie noch frei waren. Nur Müller starrte noch auf seinen Terminkalender und ließ uns bereits wissen, dass es in den nächsten vier Wochen bei ihm kein einziger freier Termin gäbe. Wir hatten Mitte November.

 

Dann leuchtete sein Gesicht auf und er verkündete stolz, dass er am .., ja am 25. Dezember von 10 bis 12 Uhr noch frei wäre. Er war dann ganz verdutzt, als ein anderer Kollege – Herr Oberhauser - ihn darauf aufmerksam machte, dass dies doch der erste Weihnachtsfeiertag wäre und dass wir doch sicherlich an diesem Feiertag nicht tagen wollten.

 

 

Wilfrid Schreiber

 

Nach Abschluss meines Freiburger Studiums folgte ich dem Ratschlag meiner akademischen Lehrerin und Doktormutter Frau Professor Liefmann-Keil, vor Beginn meiner wissenschaftlichen Laufbahn einige Jahre eine praktische Arbeit aufzunehmen. So kam ich zum Bund katholischer Unternehmer und lernte Wilfried Schreiber kennen, der damals Geschäftsführer des BKU war und dessen Assistent ich für einige Jahre wurde. Als Schreiber dann einen Lehrstuhl für Sozialpolitik an der Universität Köln erhielt, folgte ich ihm an die Universität als wissenschaftlicher Assistent und begann somit meine wissenschaftliche Laufbahn.

 

Wilfrid Schreiber ist in der Öffentlichkeit vor allem durch seinen Vorschlag zur Einführung der dynamischen Rente bekannt geworden. Er hatte zunächst auf den Tagungen des Bundes Katholischer Unternehmer, später auch auf Treffen katholischer Wirtschaftswissenschaftler im Raum Köln-Bonn die Vorstellung entwickelt, die gesetzliche Rentenversicherung von Grund auf zu reformieren. Das bis dahin geltende Kapitaldeckungsverfahren sollte durch ein Umlageverfahren abgelöst werden; vor allem aber sollten die Rentner einen Anspruch darauf erhalten, automatisch am Wachstum der Volkswirtschaft beteiligt zu werden. Er schlug vor, die Renten an das Lohneinkommen zu koppeln. 

 

An den Treffen der katholischen Wirtschaftswissenschaftler im Köln-Bonner Raum nahm unter anderem auch Msgr. Paul Adenauer teil, der Sohn des damaligen Bundeskanzlers Konrad Adenauer. Es war bekannt, dass Konrad Adenauer nicht sehr viel von fremden Ratschlägen hielt, dass er sich nur von ganz wenigen Persönlichkeiten beraten ließ. Zu diesen wenigen Personen zählte vor allem auch sein Sohn Paul. Dieser erzählte seinem Vater von den Vorstellungen Schreibers über eine Rentenreform und der ‚Alte’ war so sehr von diesen Gedankengängen angetan, dass er kurzer Hand Wilfrid Schreiber zum Vortrag vor das Kabinett einbestellte.

 

Wilfrid Schreiber berichtete mir später von diesem Treffen. Er hatte seinen Vortrag vor dem Kabinett beendet, Adenauer ergriff das Wort und wandte sich an Anton Storch, den damaligen Bundesarbeitsminister und für die Rentenreform zuständigen Ressortchef, er solle seinen bisherigen Entwurf zur Rentenreform in den Papierkorb ‚schmeißen’ und nach den Vorstellungen Schreibers einen neuen Entwurf ausarbeiten.

 

Die daraufhin 1957 in Kraft getretene Rentenreform trug wesentliche Züge des Schreiberschen Rentenreformplanes, wenn auch in verwässerter und abgeänderter Form. So sollte die Rentenversicherung zu etwa einem Drittel durch Staatszuschüsse finanziert werden; Schreiber hatte vorgeschlagen, vollkommen auf Staatszuschüsse zu verzichten und die Renten allein aus Versicherungsbeiträgen zu finanzieren. Darüber hinaus war die Gesetzesvorlage nur bereit für die sogenannten Zugangsrenten (also für die Renten im ersten Jahr nach der Verrentung) eine automatische Kopplung an das Lohnwachstum vorzusehen, während für die Bestandsrenten (also für die Rentenzahlungen nach dem ersten Jahr der Verrentung) nur auf Vorschlag eines wissenschaftlichen Gutachtens Rentenerhöhungen vorgesehen waren.

 

Trotz dieser Abstriche hatte Wilfrid Schreiber etwas erreicht, das seither fast keinem anderen Wissenschaftler in der BRD gelang: dass nämlich ein wissenschaftlich konzipierter Plan zur Reform sozialer oder wirtschaftlicher Einrichtungen weitgehend von der Politik verwirklicht wurde.

 

Auch nach Aufnahme seiner Lehrtätigkeit an der Universität Köln verbrachte Wilfrid Schreiber einen Großteil seiner Zeit damit, dass er auf politischen Veranstaltungen – vor allem im Rahmen des BKU – für die unterschiedlichsten sozialpolitischen Reformen wie Vermögensverteilung, Krankenversicherungsreform und Familienlastenausgleich warb. Es blieb dann nicht aus, dass er sich nicht immer eigens auf seine Seminare vorbereiten konnte, dass er vielmehr darauf vertraute, dass ich ihm – in meiner Eigenschaft als Assistent – eine Gliederungsskizze für den Ablauf des Seminars erstellte.

 

 So erinnere ich mich an eine solche Seminarstunde: Ich hatte auf einem Blatt Papier eine ausführliche Gliederung der anstehenden Seminarstunde zusammengestellt, ein Stoff, der sicherlich für mehrere Seminarstunden ausgereicht hätte. Zu Beginn des Seminars ergriff Schreiber das von mir verfertigte Blatt, schaute auf das erste Stichwort dieser Gliederung und war sichtlich davon angetan, da er wieder einmal aus dem Vollen schöpfen konnte.


Er berichtete über alles Mögliche, schweifte ab und streifte andere Themen, ohne diese jedoch erschöpfend zu behandeln. Mir wurde immer übler, denn ich erkannte, dass von den zahlreichen Stichworten, die ich Schreiber auf dem Gliederungsbogen aufgeschrieben hatte, eines nach dem andern bereits behandelt worden war, nicht, dass diese Themen bereits erschöpfend behandelt worden wären, man hätte zu jedem Thema noch vieles sagen können, aber sie waren eben schon behandelt, es wäre nicht leicht gewesen, auf diese Punkte nochmals sprechen zu kommen.

 

So kam, was kommen musste: Nach etwa einer akademischen Stunde – also der Hälfte der Zeit eines Seminars – kam Schreiber zu einem gewissen Ende. Er nahm das von mir angefertigte Gliederungsblatt wieder auf und suchte nun von oben beginnend nach einem neuen Stichwort, über das man dann wiederum voll ausgreifend berichten konnte. Doch oh weh, Schreiber erkannte, dass alle weiteren Stichworte bereits behandelt waren, man sah sichtlich, wie Schreiber anhand der Stichworte die Seite bis nach unten las, er blätterte sogar um, um festzustellen, dass die zweite Seite leer war und schaute mich dann ganz entsetzt – zum Gelächter der übrigen Seminarteilnehmer – und vorwurfsvoll an.

 

Nun Schreiber wäre nicht Schreiber gewesen, wenn er nicht trotzdem den Rest des Seminars mit Bravour hätte ‚schmeißen’ können. Souverän führte Schreiber das Seminar zu Ende, in dem er über seine letzten Reformpläne ausführlich berichtete. 

 

Schreiber musste sich einer Augenoperation unterziehen und hatte vor allem in den Monaten nach der Operation sein plastisches Sehvermögen verloren. Er musste ganz neu lernen, sich im Raum zu bewegen. Vor allem die Wege zu den Hörsälen mit ihren verwinkelten Gängen und zahlreichen Treppen sowie das Arbeiten mit der Tafel machten zunächst große Schwierigkeiten. Das erste Problem – der Weg zu den Hörsälen – glaubte Schreiber eines Tages gelöst zu haben. Er schlug vor, sich auf einem Stuhl von vier Studenten zu den Hörsälen tragen zu lassen. Ich sah schon im Geiste, wie Schreiber – ähnlich wie der Papst – in einer Sänfte durch die Gänge der Universität getragen wurde. Nur mit großen Anstrengungen war es möglich, Schreiber von diesem Plan abzubringen.

 

 

Erich Schneider

 

Zuletzt sei ein Wissenschaftler genannt, der eigentlich nicht mein Lehrer war, der auch nie in Freiburg gelehrt hatte und trotzdem in einem gewissen übertragenen Sinne mich nachhaltig in meiner wissenschaftlichen Ausbildung beeinflusst, ja geprägt hat: Ich meine Erich Schneider.

 

Heutzutage gibt es eine ganze Flut von wirtschaftswissenschaftlichen Lehrbüchern, nicht nur für die großen Bereiche: Wirtschaftstheorie, Betriebswirtschaftslehre und Wirtschaftspolitik, sondern auch für fast jedes Spezialgebiet wie Umweltpolitik, Geldpolitik, Außenwirtschaft-Politik – um nur einige Spezialgebiete zu nennen. Es gibt heute deutschsprachige wie englische Lehrbücher in Masse, für das gleiche Gebiet gibt es nicht nur mehrere Lehrbücher bei unterschiedlichen Lehrmeinungen, sondern auch zumeist mehrere Lehrbücher mit der gleichen Ausrichtung, aber mit unterschiedlichen pädagogischen Bestrebungen und Fähigkeiten.

 

Das war in den Zeiten, in denen ich studiert habe, nicht der Fall. In den fünfziger Jahren gab es nur für die Hauptgebiete, also z. B. für die allgemeine Wirtschaftstheorie Lehrbücher und auch hier waren es nur einige wenige, mir fällt neben der vierbändigen Einführung in die Wirtschaftstheorie von Erich Schneider, nur der „Stackelberg“, das Lehrbuch von Adolf Weber und die Grundlagen Erich Carrells ein.

 

Unter diesen vier Lehrbüchern spielte für unser oder zumindest mein Studium der „Schneider“ eine herausragende Rolle. Von den vier genannten Lehrbüchern führten nur der „Schneider“ und der „Stackelberg“ in die quantitativen - mathematisch ausgerichteten -Methoden der Wirtschaftswissenschaft ein, während sich die Lehrbücher sowohl Adolf Webers wie Erich Carells vorwiegend der verbalen Sprache bedienten.

 

Gegenüber den Grundlagen von Stackelberg zeichnete sich nun die Einführung Erich Schneiders dadurch aus, dass sie den Leser auch über die Entwicklung der Wirtschaftstheorie im angelsächsischen und skandinavischen Bereich informierte. Hierzu muss man sich daran erinnern, dass Deutschland während der Zeit des Nationalismus und auch in den ersten Nachkriegsjahren – also fast für zwanzig Jahre – von der allgemeinen Entwicklung der Wirtschaftswissenschaften, die sich vor allem in den angelsächsischen, aber auch in den skandinavischen Ländern entfaltet hatte – nahezu vollkommen abgeschnitten war, während der Nazizeit aus ideologischen Gründen, in den ersten Nachkriegsjahren deshalb, weil wir uns in den ersten Aufbaujahren noch gar nicht einen Import von wissenschaftlichen Büchern leisten konnten und weil natürlich die deutschen Wissenschaftler auch einige Zeit benötigten, um auf den neuesten Stand im Bereich der Wirtschaftstheorie zu gelangen.

 

Hier kam es Erich Schneider zugute, dass er während der Kriegsjahre in Arhus in Dänemark gelehrt hatte und so stets in Kontakt mit den skandinavischen und angelsächsischen Theorien geblieben war. Und sein wichtigstes Verdienst gegenüber der deutschen Wirtschaftswissenschaft besteht sicherlich darin, dass er in der unmittelbaren Nachkriegszeit die deutschen Forscher mit den Entwicklungen der Wirtschaftswissenschaften der letzten zwanzig Jahre im Ausland fast als einziger bekannt machte. Stackelberg, der ja ebenfalls wie Schneider eine quantitative Methode anwandte, war bereits in den 50er Jahren verstorben, sodass seine Grundlagen diese Entwicklungen im Ausland noch nicht berücksichtigen konnte.

 

Wie war Erich Schneider zu diesem Ruhm gelangt? Erich Schneider schlug relativ spät die wissenschaftliche Laufbahn eines Universitätslehrers ein. Er lehrte zunächst an einem Gymnasium als Mathematik-Lehrer, eine berufliche Herkunft, die ganz deutlich in seinen Arbeiten und in seinem Diskutieren mit Wissenschaftlern deutlich wird, eine Eigenschaft, die von manchen etwas abschätzig als „Volksschulwissen“ abgetan wurde, die aber bei einer etwas wohlwollenderen Einschätzung auch als pädagogische Fähigkeit bezeichnet werden kann.

 

Erich Schneider lernte Alois Schumpeter kennen, der damals in Bonn lehrte. Schumpeter hatte eine fast prophetische Sicht, in dem er in Erich Schneider den kommenden „Präzeptor“ Deutschlands sah, eine Bezeichnung, die sich - wie wir gleich sehen werden - in mehrerer Hinsicht bewahrheiten sollte. Schumpeter ermutigte Erich Schneider, die wissenschaftliche Laufbahn zu ergreifen, indem er sich an der Bonner Universität habilitierte. Meiner Lehrerin Elisabeth Liefmann-Keil verdanke ich folgende Anekdote:

 

Da die Kollegen der damaligen Bonner Fakultät von dem Gedankengut der historischen Schule geprägt waren und gegenüber mathematischen Methoden äußerst skeptisch waren, warnte Schumpeter Erich Schneider davor, im Probevortrag vor der Fakultät, der zum Abschluss des Habilitationsverfahrens zu halten war, zu „mathematisch“ zu argumentieren. Erich Schneider nahm sich diese Ermahnung sehr wohl zu Herzen und trat trotzdem tüchtig ins „Fettnäpfchen“. Als er nämlich in den erlauchten Saal der Fakultät – die wirtschaftswissenschaftliche Fakultät war im ehemaligen Bonner Schloss untergebracht – zur Abhaltung seines Probevortrages eintrat, folgten ihm zwei Pedelle, die eine Tafel in den Saal hereinrollten. Für die damalige historisch geprägte Fakultät ein einmaliges Ereignis, fast eine Provokation, auf jeden Fall eine Revolution, die von einem Teil der erlauchten Fakultätsmitglieder – E. Salin zählte darunter – mit „Nasenrümpfen“ quittiert wurde, was natürlich von Erich Schneider beobachtet wurde.

 

Um die Wogen zu glätten und die zukünftigen Kollegen genehmer zu stimmen, versuchte Erich Schneider die Zuhörerschaft mit der einleitenden Bemerkung zu besänftigen, dass er keinesfalls beabsichtige, ein hochwissenschaftlich mathematisches Kolloquium abzuhalten, dass sich seine Ausführungen vielmehr auf einige wenige mathematische Grundkenntnisse beschränke, die bereits in der Volksschule vermittelt würden. Es mag nicht überraschen, dass es Erich Schneider mit dieser Bemerkung nicht gelungen war, die Zuhörerschaft zu seinen Gunsten zu beeinflussen, die zukünftigen Kollegen fanden es vielmehr als eine besondere Zumutung, nur Volksschulwissen vorgesetzt zu bekommen.

 

Wenn Erich Schneider trotz dieses Vorfalls schließlich von der Bonner wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät habilitiert wurde, so ist dies sicherlich nur dem starken Einfluss und der allgemeinen Achtung Alois Schumpeter zu verdanken. Den „Präzeptor Germaniens“ konnte ich Ende der 50er Jahre auf der Jubiläumssitzung des Vereins für Socialpolitik in Bonn persönlich kennen lernen.

 

Liefmann-Keil hatte mich zu dieser Tagung mitgenommen, ihrem Einfluss habe ich es zu verdanken, dass ich damals – natürlich nur als Zuhörer- auch an der Sitzung des wirtschaftstheoretischen Ausschusses teilnehmen durfte, obwohl normalerweise nur die Mitglieder dieses Ausschusses – damals wohl so etwa 20 bis 30 Wissenschaftler – an diesen Sitzungen teilnehmen durften. Als Liefmann-Keil mich auf dem Flur Erich Schneider vorstellte, neigte er wohlwollend sein Haupt zu mir herunter – bildlich gesprochen. Ich durfte zuhören.

 

Erich Schneider thronte an einem Tisch, der auf einem höhergelegenen Podest aufgestellt war, wie ein unumschränkter Herrscher. Souverän leitete er die Sitzung, wobei er die Ausführungen der jeweiligen Diskussionsteilnehmer mit einem kurzen Satz bewertete, in dem er z. B. darauf hinwies, dass diese Gedankengänge legitim oder auch nicht legitim seien. Dieses Wort „legitim“ war hierbei so ausgesprochen, dass damit nicht nur den Ausführungen des Vorredners beigepflichtet wurde, sondern dass damit eigentlich die Diskussion beendet und entschieden sei und dass weitere Ausführungen überflüssig und deshalb zu unterbleiben hätten. Soviel zum „Präzeptor Germaniens“.

 

Diese Eigenschaft kam im Übrigen auch oder sogar besonders im Umgang mit den jüngeren Kollegen in Kiel, an der Universität, an der Schneider in der Nachkriegszeit gelehrt hatte, zum Ausdruck. Man erzählt sich, dass Schneider die Gepflogenheit hatte, sich in die Vorlesungen der ‚neu gebackenen’ – also frisch habilitierten – Dozenten zu setzen und bei Bedarf – natürlich aus seiner Sicht – die Vorlesung zu unterbrechen und das Wort zu ergreifen. „Herr Kollege, so können Sie das nicht sagen, das ist ja falsch“. Sagte es, eilte an die Tafel und schrieb die nach seiner Meinung richtige Formel zur Beschämung des Dozenten an die Tafel.

 

Eine letzte Anekdote über Erich Schneider verdanke ich meinem Freiburger Kollegen G. Blümle. Blümle ist Schüler G. Bombachs, der hinwiederum ist Schüler Erich Schneiders gewesen. Bombach hatte schon lange seine Lehrjahre in Kiel hinter sich gebracht, in der Wissenschaft Ruhm und Ansehen erworben und lehrte in der Zwischenzeit an der Universität Basel. In seiner Eigenschaft als Rektor der Universität in Basel lud er seinen ehemaligen Lehrer Erich Schneider zu einem Festvortrag anlässlich eines universitären Jubiläums ein.

 

Natürlich benutzte Erich Schneider die Tafel, in sehr ausgiebigem Maße, offensichtlich in stärkerem Maße, als dies in Basel so üblich war. Es blieb nicht aus, die Kreide war schließlich verbraucht. Erich Schneider trete sich flink um und rief in Richtung des Rektors, seines ehemaligen Schülers zum Gelächter der Zuhörer: „Bombach, Kreide !!!“

 

Ich verdanke Erich Schneider sehr viel, vor allem das Denken in Modellen. So falsch es ist, in Modellschreinerei zu versinken und der Versuchung zu unterliegen, die modell-theoretischen Schlussfolgerungen bereits als Beweis bestimmter Hypothesen anzusehen - Hypothesen müssen immer empirisch überprüft werden -, so hat das Denken in Modellen sehr wohl seine Berechtigung und seinen Platz in der wissenschaftlichen Diskussion.

 

Es ist das Modell, das uns dazu verhilft, sinnvolle Hypothesen zu formulieren, den Widerspruch zwischen verschiedenen Hypothesen aufzudecken und vor allem ist es das vereinfachende Modell, das uns hilft, auch komplexe Zusammenhänge zu verstehen.

 

Ich bin zum Schluss meiner Ausführungen gelangt. Ich bin mir klar darüber, dass eine solche Anekdotensammlung notwendigerweise unvollständig und vielleicht auch etwas einseitig ausgefallen ist. Schließlich berichte ich hier überwiegend über eigene Erfahrungen, ich war aber ein Vorlesungsmuffel, der nur wenige Vorlesungen bis zum Ende besuchte, wie bereits gesagt erwarb ich mein Wissen viel stärker aus Büchern und Zeitschriften als aus Lehrveranstaltungen.