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Volkswirtschaftslehre für Laien

 

 

 

 Gliederung:

 

  1. Genügt der gesunde Menschenverstand?

  2. Was heißt Wirtschaften?

  3. Wie funktioniert ein Markt?

  4. Ist von ‚Arbeitsmarkt‘ zu sprechen entwürdigend?

  5. Ist das Eigeninteresse moralisch verwerflich?

  6. Die Rolle des Wettbewerbs

  7. Umverteilung zu Lasten der Millionäre?

  8. Moral Hazard und Versicherung

  9. Von ideologischen Betrachtungsweisen

10. Können Werturteile wissenschaftlich bewiesen werden?

11. Die Rolle des Staates in einer sozialen Marktwirtschaft

12. Staatliche Planwirtschaft versus Marktwirtschaft

 

 

  5. Ist das Eigeninteresse moralisch verwerflich?

 

 

Gliederung:

 

1. Problemeinführung

     2. Die These der Gewinnmaximierung

     3. Die These der Nutzenmaximierung

     4. Eigennutz als Leitbild

5. Merkantilistisches Leitbild

6. Gegenmodell: Harmonie

 

 

 

 1. Problemeinführung

 

Der allgemeinen Volkswirtschaftslehre, vor allem aber dem Liberalismus wird oftmals vorgeworfen, sie (bzw. er) betone einseitig das Interesse des Einzelnen, während in Wirklichkeit alle Entscheidungen, welche im Namen der Volksgemeinschaft getroffen werden, auch an den Gemeinwohlinteressen der gesamten Bevöl­kerung ausgerichtet werden sollten. Es werde hier der Eigennutz zum Vorbild erhoben und die Belange der Allgemeinheit sträflich außer Acht gelassen.

 

Bei diesem Vorwurf gilt es wiederum zu unterscheiden, ob man kritisieren will, dass die Wirtschaftstheorie von der Annahme ausgeht, die wirtschaftlichen Entscheidungen würden in aller Regel am Eigeninteresse der jeweils Handelnden ausgerichtet, oder ob man der Volkswirtschaftslehre vorwerfen will, sie erhebe den Eigennutz zum Leitbild, an dem alle wichtigen Handlungen ausgerichtet werden sollten. Im ersten Fall wird Kritik geübt an einer explikativen Hypothese, im zweiten Fall geht es um normative Aussagen, welche darüber befinden, wie bestimmte Handlungen zu beurteilen sind, welche Handlungsmaxime also zu gelten habe.

 

Es sollte klar sein, dass beide Aussagen nach unterschiedlichen Kriterien zu beurteilen sind. Aussagen über Tatsachenzusammenhänge sind explikativer Natur und können einzig und allein nur daraufhin überprüft und gegebenenfalls kritisiert werden, ob dieses Verhalten tatsächlich vorliegt. Bei der Beant­wortung dieser Frage darf auf keinen Fall die moralische Bewertung eine Rolle spielen. Auch dann, wenn derjenige, welcher eine Theorie entwickelt, der festen Überzeugung ist, dass Eigennutz verwerflich sei, dass man also fordern müsse, dass alle Handlungen, die sich auf das Gesamtwohl einer Bevölkerung auswirken, auch an diesen Gemeinwohlinteressen auszurichten seien, darf die Frage, ob eine bestimmte Theorie über Sachzusammen­hänge abzulehnen ist oder akzeptiert werden kann, nur daran gemessen werden, ob ein bestimmtes Verhalten in der Wirklichkeit tatsächlich angetroffen wird oder nicht.

 

Es wäre nämlich im Hinblick auf die Durchsetzung der moralischen Grundsätze und des Allgemein­wohls geradezu fatal, wollte man dem Wissenschaftler, welcher eine Theorie über tatsächliche Zusammen­hänge entwickelt, empfehlen, er solle verwerfliche Handlungsweisen, welche er beobachtet, verschweigen und so tun, als würden sich die für das Gemeinwohl Verantwortlichen stets altruistisch verhalten und jeglichen Eigennutz vernachlässigen.

 

Denn wenn in der Tat ein amoralisches Verhalten der politischen und wirtschaftlichen Führungskräfte zur Folge hätte, dass das Gemeinwohl verletzt werde, würde gerade das Negieren dieser Tatsachen dazu führen, dass das Gemeinwohl verletzt bleibt, dass keine Maßnahmen eingeleitet werden, um diese Missstände zu beseitigen. Umgekehrt wird man gerade dann, wenn die realen Verhältnisse ungeschminkt dargestellt werden, wenn also die Menschen so beschrieben werden, wie sie sind und nicht wie sie sein sollten, die Voraussetzungen dafür schaffen, dass tatsächlich vorhandene Missstände erkannt werden und dass so überhaupt erst die Möglichkeit eröffnet wird, durch politische Maßnahmen eine Realisierung des Gemein­wohls herbeizuführen.

 

Die Wirtschaftswissenschaft versteht sich in allererster Linie als eine explikative Wissenschaft, die das tatsächliche wirtschaftliche Leben darstellen will und nicht als eine normative Lehre, welche Grundsätze wirtschaftlichen Verhaltens verkünden will. Die Kritik, die Wirtschaftswissenschaft würde sich am Eigennutz der Handelnden ausrichten, sollte also zunächst daraufhin überprüft werden, wie sich die Menschen bei ihren wirtschaftlichen Entscheidungen tatsächlich verhalten und eine Kritik an diesem Teil der Wirtschaftstheorie wäre deshalb auch nur dann berechtigt, wenn sich die Menschen bei ihren wirtschaftlichen Entscheidungen mehrheitlich nicht am Eigennutz, sondern am Gemeinwohl orientieren würden. Und insofern beruht in diesem Falle zumindest ein großer Teil der Kritiken in diesem Zusammenhang auf einer Verwechslung zwischen normativer und explikativer Problemstellung.

 

Allerdings wird man auch einräumen müssen, dass vor allem im Rahmen der Wohlfahrtstheorie Vorstellungen entwickelt wurden, die dem Eigennutz einen positiven Wert zuerkennen, also normativer Natur sind. Wir werden uns mit diesem Teil der Kritik weiter unten noch ausführlich beschäftigen, zunächst soll lediglich die Frage diskutiert werden, ob die Annahme, die Menschen würden sich vorwiegend von ihrem Eigeninteresse leiten lassen, mit der Wirklichkeit übereinstimmt oder nicht.

 

Bisweilen wird in der Tat von den Kritikern der Volkswirtschaftslehre der Vorwurf erhoben, dass die Menschen falsch beschrieben würden, wenn man ganz allgemein unterstellt, die Menschen handeln Eigennutz orientiert. Die Menschen seien in Wirklichkeit besser als ihr Ruf.

 

Gegenüber dieser Gruppe von Kritikern kann zunächst durchaus eingeräumt werden, dass ein Großteil z. B. der Unternehmerpersönlichkeiten sehr wohl auch Gemeinwohlziele im Auge haben, dass sie also durchaus auch bereit sind, gewisse Einschränkungen ihres eigenen Wohls zugunsten allgemeiner Ziele hinzunehmen.

 

Trotzdem scheint mir die Annahme der traditionellen Wirtschaftstheorie, die Unternehmer würden ihre Entscheidungen am Eigenwohl ausrichten, sehr viel besser der Wirklichkeit zu entsprechen als Vorstellungen, die Entscheidungen der wirtschaftenden Personen seien vorwiegend am Gemeinwohl ausgerichtet. Hierfür spricht eine Vielzahl von Argumenten. Wir wollen diese Frage im weiteren Verlauf dieses Kapitels zunächst für das Unternehmerverhalten und dann in einem zweiten Schritt auch für das Verhalten der privaten Haushalte (der Konsumenten) untersuchen.

 

 

2. Die These der Gewinnmaximierung

 

Wie steht es also nun mit der These der Wirtschaftstheorie, die Unternehmer würden ihre Entscheidungen mehrheitlich und überwiegend an der Rentabilität ausrichten und ein Gewinnmaximum anstreben?

 

Wenn wir trotz eines dieser These widersprechenden Augenscheins an der Gewinnmaximierungsannahme als realistische Verhaltensprämisse festhalten wollen, so hat dies mehrere Gründe. Als erstes muss darauf hingewiesen werden, dass vom Wettbewerb zwischen den Unternehmungen starke Anreize ausgehen, die darauf hinwirken, möglichst alle Gewinnsteigerungen auszunutzen. Die Unternehmungen in Konkurrenz stehen zumeist gar nicht so sehr vor der Frage, auf ein bisschen Gewinn zu verzichten, sondern vor dem Grundsatz ‚alles oder nichts‘. Sie haben stets zu befürchten, dass immer dann, wenn sie nicht alle Gewinnchancen ausnutzen, der Konkurrent dies tut und dieser ihn gerade deshalb aus dem Markt drängen kann. Es ist zu befürchten, dass ein Konkurrent seine Preise soweit senkt, dass ein Unternehmer, der nicht alle Gewinn­chancen ausnutzt, nicht mehr mithalten kann. Hier mit­zuhalten setzt zumeist voraus, dass auch jede Gewinnchance ausgenutzt wurde.

 

Nun mag man einwenden, dass nicht alle Unternehmer in Wettbewerb mit anderen Unternehmungen stehen, sondern eine monopolistische Marktstellung innehaben. In der Tat wird man davon ausgehen können, dass diese Anreize vorwiegend dann auftreten, wenn die Unternehmer in Konkurrenz zueinander stehen. Ein Monopolist könnte sich sehr wohl eher leisten, durchaus auf mögliche Gewinne zu verzichten.

 

Wenn man nun noch darauf hinweist, dass in der Realität fast immer monopoloide und oligopoloide Marktformen (Marktformen also, bei denen ein Unternehmer allein oder einige wenige Unternehmer ein Gut anbieten) vorliegen, also ein vollständiger Wettbewerb eher zu den Ausnahmen zählt, könnte man zu dem Schluss gelangen, dass diese hier geschilderten Anreize in der Wirklichkeit nur eine untergeordnete Rolle spielen. Dem ist aber entgegenzuhalten, dass in der Realität zwar die morphologische Marktform des vollständigen Wettbewerbs in der Tat nur selten vorliegt, dass es aber für die geschilderten Anreize ausreicht, dass es eine potentielle Konkurrenz gibt. Und potentielle Konkurrenz dürfte durchaus in der Mehrzahl der Fälle vorliegen, auch bei monopolistischen, vor allem auch bei oligopolistischen Marktformen. Selten ist die Machtstellung eines Unternehmers so stark, dass er seine Entscheidungen nicht daran messen muss, dass eine zu starke Ausnutzung der Monopolmacht Konkurrenz vor allem aus dem Ausland auf den Plan ruft.

 

Götz Briefs hat in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen, dass der Markt dem Prinzip der Grenzmoral folge. Für die moralischen Grundsätze, die sich in einer Marktwirtschaft durchsetzten, käme es nicht auf die moralische Gesinnung des Unternehmers an, der – an moralischen Maßstäben gemessen – die höchste moralische Gesinnung aufweise, es käme weiterhin auch nicht auf den Durchschnitt der moralischen Grundsätze der Unternehmerschaft an, sondern derjenige Unternehmer bestimme auf lange Sicht das moralische Niveau der gesamten Unternehmerschaft, der in seinen moralischen Ansprüchen auf der untersten Sprosse angesiedelt sei.

 

Ein Unternehmer möge also z. B. durchaus zunächst gewillt sein, bei der Entlohnung der Arbeiter auch den Familienstand zu berücksichtigen. Wenn er weiß, dass in der Branche andere Unternehmer diesen Willen nicht haben und aufgrund geringerer Lohnkosten deshalb ihre Waren auch zu einem niedrigeren Preis anbieten können, als der Unternehmer, der zusätzlich auf freiwilliger Basis Kinderzuschläge gewährt, wird er sich gezwungen sehen, auf diese Kinderzuschläge zu verzichten und in seinen moralischen Vorstellungen dem Konkurrenten mit der Grenzmoral zu folgen.

 

Gehen wir von diesem Prinzip der Grenzmoral aus, so müssen wir für eine Realistik der Gewinnmaxi­mierungs­these nicht mehr unterstellen, dass der überaus größte Teil der Unternehmerschaft sich von vornherein gewinnmaximierend verhält, es reicht aus, dass es eine relativ kleine Gruppe gibt, die solche vielleicht moralisch verwerflichen Zielvorstellungen hat, um dann schließlich zu einem Zustand zu kommen, bei dem das Prinzip der Gewinnmaximierung weitgehend von allen Unternehmungen übernommen wird.

 

Wir haben uns weiterhin darüber klar zu werden, dass sich moralische Vorstellungen in unserer Gesell­schaft nicht allein und auch nicht vorwiegend auf die Art durchsetzen lassen, dass sich einzelne von sich aus moralisch einwandfrei verhalten. Zumeist setzen sich vielmehr moralische Grundsätze auf dem Wege durch, dass der Staat Gesetze erlässt, in der bestimmte Verhaltensweisen untersagt werden.

 

Die These der Wirtschaftstheorie, dass Unternehmer ihre Entscheidungen an der Rentabilität ihrer Unternehmung ausrichten, ist ja nicht so zu verstehen, dass die Unternehmer restlos alle Entscheidungen danach fällen, ob ihr Gewinn aufgrund dieser Maßnahmen steigt oder fällt. Selbstverständlich unterstellen wir in der Wirtschaftstheorie, dass in jeder noch so liberal ausgestaltenden Wirtschaftsordnung Gesetze eingehalten werden. Die unternehmerische Entscheidung bezieht sich stets auf den Spielraum, den die Gesetze den Unternehmungen belassen.

 

Stets ist davon auszugehen, dass ein Unternehmer seinen Gewinn auf die unterschiedlichste Weise vergrößern könnte. Um bestimmte Entscheidungen von vornherein auszuschließen, verbietet der Staat im Rahmen einer allgemeinen Rahmenordnung bestimmte Aktivitäten, z. B. Mord, Diebstahl, unlauteres Verhalten. Die freie Entscheidung des Unternehmers und die Gewinnmaximierungsthese beziehen sich dann immer nur auf die Alternativen, die der Gesetzgeber dem Einzelnen belassen hat.

 

 

3. Die These der Nutzenmaximierung

 

Wenden wir uns nun der Frage zu, wie es denn mit der Realistik der Annahme steht, die Konsumenten würden ihre Entscheidungen so fällen, dass ihr Nutzen maximiert wird. Diese These kann nun auf unter­schied­liche Weise interpretiert werden. Sie kann erstens so verstanden werden, dass das Konsumverhalten durch die körperlichen (sinnlichen) Bedürfnisse der Menschen bestimmt werde. Der Mensch versuche seine Bedürfnisse soweit wie möglich zu befriedigen. Alles was Lust erzeuge, werde angestrebt und alles was Leid hervorrufe, werde soweit wie möglich vermieden.

 

Dies bedeutet jedoch nicht in jedem Falle – wie oft beklagt – dass die klassische Wirtschaftstheorie mit dieser Annahme eines lustbetonten Handelns stehe und falle. So hat Joseph Alois Schumpeter die Auffassung vertreten, dass zwar ein großer Teil der frühklassischen Autoren wie Jeremy Bentham und Bernard de Mandeville ihre Vorstellungen in Form einer utilitaristischen Sichtweise vorgetragen haben, dass aber der Kern der Wert- und Nutzentheorie, welcher im Grunde genommen vollkommen vom Utilitarismus unabhängig sei, von keinem der Klassiker der Volkswirt­schaftslehre verraten worden sei.

 

Es gehe im Rahmen der Werttheorie immer darum, dass Individuen bestimmte Ziele formulierten und dementsprechend Nachfrage nach bestimmten Gütern ausübten und bestrebt seien, so zu agieren, dass ihre Ziele bestmöglich realisiert werden, man könne ein solches Verhalten als nutzenmaximierend oder sogar als lustsuchend und leidvermindernd umschreiben, wie dies in der Tat einige Frühklassiker getan haben. Aber die eigentlichen Theoreme der Haushalts- und Werttheorie gelten unabhängig davon, welche Ziele sich ein Haushalt setzt. Dies können durchaus auch moralisch hoch stehende, aber natürlich auch moralisch höchst verwerfliche Ziele sein.

 

Schumpeter folgt hier einer weit verbreiteten Auffassung, nach welcher der Haushalt zweitens unter dem Stichwort der Nutzenmaximierung beliebige Ziele verfolgen kann und dass die Annahme des wirtschaftlichen Prinzips lediglich voraussetze, dass der einzelne Konsument rational vorgehe, also sich in einem ersten Schritt darüber klar werde, welche Ziele er denn verfolgen wolle um dann in einem zweiten Schritt zu eruieren, welche Möglichkeiten ihm offenstehen, diese Ziele zu realisieren und dann in einem letzten Schritt sich für die Alternative entscheidet, welche ihm die höchstmögliche Zielrealisierung garantiere.

 

So interpretiert handelt es sich bei der Annahme einer Nutzenmaximierung um eine Annahme, welche auf der einen Seite einen informativen Gehalt aufweist, es ist ja nicht selbstverständlich, dass ein Mensch in diesem Sinne rational handelt. Auf der anderen Seite lassen sich unter dieser Annahme die meisten in der Realität beobachteten Verhaltensweisen subsumieren.

 

Eine dritte oftmals beobachtete Richtung versucht den Begriff der Nutzenmaximierung so auszuweiten, dass alle denkbaren Alternativen unter diesen Begriff zusammengefasst werden. Nehmen wir als Beispiel einen Vortragenden, der seinen Vortrag so einleitet, dass er einen 500 € Schein aus seiner Brieftasche zieht, das Feuerzeug in die Hand nimmt und nun vor aller Augen diesen Geldschein anzündet und verbrennt.

 

Legen wir die allgemein gültigen und weitverbreiteten Vorstellungen zugrunde, so besteht wohl Einigkeit darüber, dass sich dieser Vortragende auf keinen Fall nutzenmaximierend verhalten hat. Er verzichtet durch seine Tat auf all die Freuden, die er sich mit diesem Schein hätte erkaufen können zugunsten eines leeren Gags, der Freude, das Publikum zu verblüffen und zu schockieren. Aber gerade hier setzt nun die Interpretation ein. Gerade deshalb, weil dieser Vortragende sich so verhalten hat, habe er kundgetan, dass ihm dieser Gaumenkitzel so viel oder noch mehr als ein 500€ Geldschein wert sei.

 

Der Vorwurf gegen diese dritte Interpretation besteht darin, dass hier zu einer immer gültigen, aber gerade deshalb nichtssagenden Floskel Zuflucht genommen wurde. Im Rahmen der Methodenlehre besteht weitgehend Einigkeit darüber, dass eine Hypothese immer so formuliert werden sollte, dass sie bestimmte Denkmöglichkeiten ausschließt.

 

So viel zu der Frage, ob es sich bei der These, die wirtschaftenden Personen würden sich vorwiegend egoistisch verhalten, um eine realistische Annahme handelt.

 

 

4. Eigennutz als Leitbild

 

Nun wird die Aussage vom egoistischen Verhalten bisweilen auch so interpretiert, dass es wünschenswert sei, dass sich die Menschen so verhalten. Es kann hierbei nicht bezweifelt werden, dass vor allem einige der Klassiker, wie vor allem Jeremy Bentham und Bernard de Mandeville von diesen Vorstellungen ausgingen. Bernard de Mandeville (1670-1733) war ein holländischer Arzt, welcher 1723 in seiner Schrift über die Bienenfabel aufzuzeigen versuchte, dass genauso wie in einem Bienenstaat undurchsichtig erscheinende Betriebsamkeit der einzelnen Bienen letztendlich zu dem Wohl­ergehen des Bienenstockes führe, auch in einer liberalen Wirtschaftsordnung Laster wie Luxus und Neid zu einer Steigerung der allgemeinen Wohlfahrt führten, in dem sie Unternehmungen Anreize verschaffen genau das zu tun, was auch im Interesse des Gemeinwohls liege.

  

Hier finden sich zwar ähnliche Gedankengänge wie in dem noch weiter unten näher zu beschreibenden Modell der Harmonie bei Adam Smith. Trotzdem stimmt Adam Smith keineswegs den Ausführungen Mandeville zu. Während bei Mandeville alle vermeintlichen Tugenden nur aus Eitelkeit und Egoismus entspringen und es also Laster und andere amoralische Verhaltensweisen sind, welche die Individuen antreiben, aber letzten Endes für die gesamte Bevölkerung sogar Wohlfahrt herbeiführen, wird bei Adam Smith nur davon ausgegangen, dass sich die meisten Menschen am Eigennutz orientieren und dass trotzdem – bei Vorliegen bestimmter Voraussetzungen - dieses Verhalten der Allgemeinheit zugutekommen kann. Hier wird überhaupt nichts darüber ausgesagt, wie moralisch oder auch amoralisch bestimmte individuelle Zielsetzungen für sich allein genommen zu beurteilen sind.

 

Umgekehrt gilt: Ein Individuum kann sehr wohl altruistisch eingestellt sein und auch Dinge tun, welche durchaus als höchst moralisch und im Sinne der Volksgemeinschaft erwünscht angesehen wird. Entscheidend ist vielmehr, dass es primär nicht auf das Motiv ankommt, ob bestimmte Handlungen zu einer Steigerung der Gesamtwohlfahrt führen, sondern dass allein die Frage von Bedeutung ist, welche Wirkungen von einem bestimmten Verhalten ausgehen. Die Beantwortung dieser Frage hängt selbst wiederum letztlich von der jeweiligen Ordnung ab, in welcher diese Handlungen vollzogen werden.

 

Für Jeremy Bentham gilt als oberstes moralisches Prinzip, das größtmögliche Glück für die größtmögliche Zahl von Menschen herbeizuführen. Hierbei findet eine Gleichsetzung von Glück und Lust statt. Auch hält Bentham es für möglich, Freud und Leid miteinander aufzurechnen. So entstand die Bewegung des Utilitarismus, welcher den Nutzen zum Maßstab wirtschaftlichen Handelns postulierte und eine Maximierung dieses Nutzens aller forderte.

 

Wer sich über die Moral des Liberalismus, vor allem des Utilitarismus beklagt, sollte auch bedenken, dass mit der liberalen Bewegung erstmals davon Abstand genommen wurde, das Wohl der Volksgemeinschaft mit dem Wohl des absolutistischen Herrschers zu identifizieren. Während Ludwig XIV. noch den Satz geprägt haben soll: ‚der Staat, das bin ich‘, wird nun im Rahmen des Liberalismus das Gemeinwohl mit dem Wohl der Gesamtheit aller einzelnen Bürger dieser Volksgemeinschaft gleichgesetzt, und dies ist sicherlich auch in moralischer Hinsicht ein gewaltiger Fortschritt gegenüber den merkantilistischen Auffassungen.

 

Man könnte nun dieses utilitaristische Leitbild leicht dadurch beiseiteschieben, dass man darauf hinweist, dass man im Rahmen der Volkswirtschaftslehre ohnehin nur an Sachaussagen interessiert sei, dass es nicht Aufgabe der Wissenschaft sei, auch bewertend zu den ökonomischen Fragen Stellung zu beziehen. Entsprechend dem von Max Weber formulierten Postulat der Werturteilfreiheit sei es ohnehin nicht möglich, die letztlichen Werte wissen­schaftlich zu beweisen noch zu widerlegen.

 

Damit würde man sich aber die Sache zu einfach machen. Die Liberalen maßen dem Eigeninteresse ja nicht deshalb die entscheidende Rolle zu, weil sie sich gegen das Allgemeinwohl stellen wollten. Ganz im Gegenteil, die Liberalen waren überzeugt, dass im Rahmen einer marktwirtschaftlichen Ordnung deshalb dem Eigennutz eine besondere Bedeutung zufällt, weil eine Ausrichtung der Produktion an den Konsumenten­wünschen gerade dann zu erwarten ist, wenn sich die Produzenten vom Eigeninteresse leiten lassen.

 

Sie wandten sich damit gegen die Grundhaltung des Merkantilismus, der Wirtschaftslehre des Absolutismus im 17. und 18. Jahrhundert. Vertreter des Merkantilismus waren davon überzeugt, dass der eigene Vorteil stets begleitet wird vom Nachteil des anderen, also könne man auch nicht erwarten, dass aus Eigeninteresse das Wohl aller anderen hervorgehe.

 

Damit haben wir auf zwei grundsätzliche und entgegengesetzte Leitbilder hingewiesen, mit denen wir uns im Folgenden näher auseinandersetzen wollen: dem merkantilistischen Prinzip, dass der Vorteil des einen immer zusammen­fällt mit dem Nachteil des anderen und dem liberalen Prinzip, dass freie Entscheidungen unter gewissen Voraussetzungen sehr wohl allen Beteiligten zugutekommen kommen, auch dann, wenn diese Entschei­dungen aus Eigeninteresse erfolgen.

 

 

5. Merkantilistisches Leitbild

 

In nahezu allen Abhandlungen von Vertretern merkantilistischer Thesen klingt eine Grundüberzeugung durch: Der Vorteil des einen (Landes) gerät zum Nachteil des anderen (Landes). Man kann diese Beziehung in moralischer Sicht deuten. Man ist danach berechtigt, nach dem eigenen Vorteil zu trachten, selbst dann, wenn dadurch der jeweils andere einen Nachteil erleidet. Dies mag nach christlicher Überzeugung als amoralisch und deshalb unerwünscht angesehen werden, da die christliche Moral dort eine Grenze für Eigennutzstreben zieht, wo ein anderer aufgrund der eigenen Handlungen Schaden nimmt.

 

Die merkantilistische Philosophie geht jedoch einen Schritt weiter und interpretiert die Aussage: ‚der Vorteil des einen ist der Nachteil des anderen‘ nicht nur in moralischer Sicht. Sie versteht in dieser Aussage eine explikative Aussage in dem Sinne, dass gar keine andere Beziehung zwischen zwei Partnern möglich ist. Immer dann, wenn eine Aktivität zum Vorteil des einen gereicht, erleidet ein anderer stets Nachteile. Entweder schade ich dem andern oder er schadet mir. Eine andere Alternative wird gar nicht gesehen. In dieser Welt gilt auch für die zwischenmenschlichen Beziehungen das Naturgesetz des ‚Fressens oder des Gefressenwerdens‘.

 

Betrachten wir diese merkantilistische Grundüberzeugung etwas genauer, in dem wir von einer Matrix ausgehen, welche alle denkmöglichen Alternativen auflistet, die einer handelnden Person offenstehen. Wir können – wenn wir Vorteil und Nachteil zum Einteilungskriterium nehmen – zwischen fünf denkmöglichen Alternativen unterscheiden.

 

Alternative 1 und 2: Es wäre durchaus denkbar, dass bestimmte offenstehende Alternativen dem jeweils Handelnden gar keinen Vorteil bringen (1), ja unter Umständen sogar Schaden verursachen (2). Es ist hierbei irrelevant, wie sich die Situation der Partner verändert: diese kann unberührt bleiben, Vorteile, aber auch Schaden bringen.

 

Es ist klar: Eine Person, welche ihren  Nutzen zu maximieren versucht, wird solche Alternativen nicht ergreifen, auch wird niemand, der nicht von altruistischer Haltung geprägt ist, den Rat geben, solche Alternativen vorzunehmen.

 

Alternative 3: Es sind weiterhin Alternativen denkbar, welche dem jeweils Handelnden Vorteile bringen (vielleicht auch nur in Aussicht stellen), ohne dass aber die Lage der jeweils anderen berührt wird. Es wird wohl niemand geben, welcher von einer solchen Alternative abrät. Auch demjenigen, welcher durchaus die Interessen der Mitmenschen respektiert, wird diese Alternative im Allgemeinen als erwünscht gelten.

 

Alternative 4: Wir betrachten nun die Alternativen, welche dem Handelnden genauso wie bei Alternative 3 Vorteile versprechen, gleichzeitig aber bei irgendwelchen Mitmenschen Schaden verursachen. Es ist klar. Hier scheiden sich die Geister: Während der Merkantilist ganz eindeutig eine solche Alternative für berechtigt und auch erwünscht ansieht, kommt eine christlich geprägte Moral zu einer Ablehnung. Natürlich wird auch hier nicht abgelehnt, dass es solche Alternativen gibt und dass ein Großteil der Menschen solche Alternativen für berechtigt ansieht, diese Alternative ist eben nur nicht erwünscht.

 

Alternative 5: Es verbleiben schließlich diejenigen Alternativen, bei denen alle Beteiligten Vorteile erlangen. Es ist klar, dass in diesen Fällen von wohl allen Standpunkten aus solche Alternativen als in hohem Maße erwünscht gehalten werden.

 

Der wesentliche Unterschied zwischen Merkantilisten und anderen Richtungen besteht nun darin, dass sich der Merkantilismus von den anderen Lehrmeinungen nicht nur darin unterscheidet, wie die einzelnen Handlungsweisen moralisch beurteilt werden. Der Merkantilismus leugnet darüber hinaus im Gegensatz zu anderen Richtungen, dass es in der realen Welt überhaupt Alternativen gibt, welche der Kategorie 5 zuzuordnen sind. Der Vorteil des einen bedeutet immer den Nachteil des anderen. Dies bedeutet, dass nach merkantilistischer Sichtweise Kategorie 4 100% der Alternativen enthält, während alle anderen Kategorien leer sind.

 

Nun mag diese merkantilistische Vorstellung, dass des einen Vorteil stets des anderen Nachteil ist, dem alltäglichen Augenschein zu widersprechen. Erleben wir nicht täglich, dass ein Großteil unserer Aktivitäten durchaus allen Beteiligten nützt. Der Grund dafür, dass die Merkantilisten der Überzeugung sind, dass der Vorteil des einen Landes dem andern zuwiderlaufe, liegt in der Betrachtung der Handelsbilanz bzw. Leistungsbilanz. Die Handelsbilanz fasst bekanntlich alle Zahlungen aus dem internationalen Waren­verkehr zusammen. Auf der rechten Seite der Bilanz stehen die Einnahmen aus Exporten ins Ausland, auf der linken Seite die Ausgaben aufgrund von Importen aus dem Ausland. In ähnlicher Weise stellt die Dienstleistungs­bilanz die Einnahmen und Ausgaben aus dem Dienstleistungs­verkehr mit dem Ausland und die Bilanz der unentgeltlichen Leistungen einseitige Zahlungsströme zusammen. Alle drei Bilanzen werden dann in der Leistungsbilanz zusammengefasst.

 

 

 

 

Entscheidend ist nun, dass die Importe von Gütern (Waren und Dienstleistungen) entweder mit Devisen, also mit dem ausländischen Zahlungsmittel oder aber auch mit Gold, einer Art internationaler Währung beglichen werden können. Die internationalen Händler werden jeweils mit dem Zahlungsmittel ihre Rechnungen begleichen, das für sie billiger kommt.

 

Wenn nun die Importe die Exporte übersteigen, also die Devisenerlöse aus dem Exportgeschäft nicht ausreichen, um alle Importe zu bezahlen, müssen die Importeure immer mehr für eine Deviseneinheit bezahlen, Devisen werden knapp und erlangen deshalb einen höheren Preis, sodass es sehr bald für sie billiger wird mit Gold zu bezahlen, da es einen festen Ankaufspreis für Gold gibt. Übersteigt somit die Wertsumme der Importe die der Exporte, wird die Differenz mit Gold bezahlt. Man spricht hierbei von einer aktiven Leistungsbilanz.

 

Nun entsprechen sich die Leistungsbilanzen des In- und Auslandes insofern, als ex definitione die Importe des Auslandes zugleich die Exporte des Inlandes und in gleicherweise die Exporte des Auslandes die inländischen Importe darstellen. In diesem Sinne bedeutet eine aktive Leistungsbilanz des Inlandes immer, dass in gleichem Umfang die ausländischen Leistungsbilanzen zusammen notwendiger Weise passiv sind.

 

Wenn wir nun unterstellen, dass die Wohlfahrt einer Volkswirtschaft ceteris paribus (unter sonst gleichbleibenden Annahmen also) steigt, je höher der Exportüberschuss ist und dementsprechend sinkt, je höher der Importüberschuss ist, können wir daraus automatisch den Kernsatz des Merkantilismus ableiten: Es ist erstrebenswert, eine aktive Handelsbilanz zu erzielen, dies bedeutet jedoch automatisch, dass das Ausland gegenüber unserer Volkswirtschaft eine passive Handelsbilanz erzielt, was entsprechendes dieser Vorstellungen einem Wohlfahrtsverlust gleichkommt.

 

Wir müssen nun nur noch abschließend klären, warum denn die Merkantilisten davon ausgingen, dass eine aktive Handelsbilanz in jedem Falle für eine Volkswirtschaft erwünscht sei. Widerspricht diese Vorstellung nicht dem Augenschein? Wenn wir mehr Importgüter vom Ausland erhalten als wir selbst ins Ausland exportieren, vermehren wir doch unseren Reichtum, je mehr Waren wir für eine Exporteinheit erhalten, umso besser geht es uns doch?

 

Diese Betrachtung wäre allerdings zu oberflächlich. Wenn uns das Ausland mehr Waren zur Verfügung stellt als wir im Austausch dafür dem Ausland Waren liefern, erhalten wir diesen Warenüberschuss ja nicht geschenkt, wir müssen ihn mit Gold bezahlen, verlieren also durch den Goldexport wiederum Wohlfahrt, da wir Gold jederzeit zum Ankauf von Gütern verwenden könnten.

 

Trotzdem kann festgestellt werden, dass zumindest für einen Teil der einheimischen Unternehmer eine aktive Handelsbilanz wegen ihrer unmittelbaren Folgen höchst unerwünscht ist. Überwiegen nämlich die Exporte die Importe, dann werden auch mehr Devisen vereinnahmt als wir zur Bezahlung der Importe benötigen. Dies bedeutet auf einem freien Devisenmarkt, dass auch das Angebot an Devisen die Nachfrage übersteigt mit der Folge, dass der Devisenkurs fällt.

 

Dies ist wiederum ex definitione gleichbedeutend damit, dass der Wert unserer eigenen Währung steigt. Gleichzeitig stehen die einheimischen Unternehmer in verstärkter Konkurrenz mit den ausländischen Unternehmungen, da diese nun in Währung unseres Landes berechnet einen geringeren Preis verlangen können, um den im Ausland geltenden Dollarpreis zu erhalten. Mit anderen Worten: Bei einer aktiven Handelsbilanz verschärft sich der internationale Wettbewerb, die einheimischen Unternehmer laufen nun Gefahr, dass sie wegen erhöhter Konkurrenz in Zukunft insgesamt weniger exportieren können. Warum soll dies aus der Sicht der gesamten Volkswirtschaft ein Vorteil sein?

 

Die Antwort liegt natürlich darin, dass der absolutistische Herrscher seine Ziele nur dann erreichen kann, wenn die Volkswirtschaft blüht. Die Ziele des Absolutismus können nämlich nur dann verwirklicht werden, wenn der Staat seine Einnahmen vergrößert, also höhere Steuern erheben kann und selbstverständlich steigt die Aussicht auf erhöhte Steuereinnahmen in dem Maße, in dem auch die gesamte Volkswirtschaft wächst. Nach Vorstellung der Merkantilisten hängt jedoch das Wachstum der Volkswirtschaft selbst wiederum davon ab, ob die Volkswirtschaft mit ausreichendem Geld versorgt wird. Wir hatten zur Zeit des Absolutismus eine Goldwährung und Frankreich war ein Land, das über keine eigenen Goldminen verfügte, sodass die Goldmenge einzig und allein aufgrund einer aktiven Handelsbilanz vergrößert werden konnte.

 

Abschließend wollen wir festhalten, dass der Merkantilismus als eine Lehre angesehen werden muss, welche den Vorteil einer Nation als Ergebnis von Konflikten zwischen den Volkswirtschaften ansieht.

 

 

 

6. Gegenmodell: Harmonie

 

Als Gegenvision entwickelte der Liberalismus ein Modell der Harmonie. Wenn wir darauf verzichten, auf dem Wege von Importzöllen eine aktive Handelsbilanz zu erzwingen und damit in Kauf nehmen, dass die anderen Länder, mit denen wir einen Außenhandel betreiben, eine passive Handelsbilanz notwendiger Weise  hinnehmen müssen, kann der hierdurch entstandene Freihandel dazu führen, dass alle beteiligten Staaten davon profitieren.

 

Der Liberalismus hat gezeigt, dass Importzölle nur vorübergehend zu einer Verbesserung der eigenen Terms of Trades führen. Hierbei geben die Terms of trade an, wie viel Exportgütereinheiten ein Land hergeben muss, um eine Importgütereinheit zu erwerben. Die Erhebung von Importzöllen hat nun zur Folge, dass auf der einen Seite zwar die Terms of Trades  der importerhebenden Nation verbessert werden, dass aber gleichzeitig das Außenhandelsvolumen zurückgeht. Auf lange Sicht werden sich die benachteiligten Länder dadurch wehren, dass auch sie Importzölle erheben. Dies wird notwendiger Weise dazu führen, dass sich die Terms of trade wieder zurückentwickeln und dass das Handelsvolumen erneut schrumpft. Der positive Effekt des ersten Landes verschwindet somit wieder, die Schrumpfung des Handelsvolumens steigt jedoch erneut an, was letzten Endes beiden Staaten schadet.

 

Folgt man also den Empfehlungen Adam Smith’s und gibt den Außenhandel frei, so kann sich der Handel wieder beleben und beide Nationen profitieren von dem Verzicht auf Zölle. Also kann man mit Smith davon sprechen, dass die Einführung von Freihandel letztlich allen beteiligten Volkswirtschaften hilft, der Vorteil des einen wird begleitet vom Vorteil des anderen.

 

Man könnte also davon sprechen, dass der Merkantilismus von einem Konflikt-Modell, der Liberalismus hingegen von einem Harmonie-Modell ausgeht. Allerdings lassen sich die Unterschiede zwischen beiden Systemen (Merkantilismus versus Liberalismus) damit nur sehr unvollkommen beschreiben. In Wirklichkeit kennen nämlich beide Systeme sowohl harmonische wie auch konfliktbehaftete Beziehungen, nur eben an unterschiedlichen Stellen.

 

Das System des Merkantilismus ist im Grunde ein System staatlicher Planung. Eine staatliche Behörde schreibt vor, was zu tun und was zu lassen ist. Die Vorgaben der Behörde werden quasi harmonisch von den Untergegebenen und von den Privatpersonen erfüllt. Wenn der Staat einer Unternehmung ein Regal ( eine Erlaubnis) z. B. zur alleinigen Förderung von Kohle einräumt, kann diese Unternehmung als Monopolist (als einziger Anbieter) agieren. Konflikte bestehen dann erst im Ergebnis, das die einzelnen Staaten erzielen. Der Gewinn des einen Landes schlägt sich als Verlust des jeweils anderen Landes nieder.

 

In einem marktwirtschaftlichen System haben wir im Gegensatz hierzu davon auszugehen, dass zwischen den einzelnen agierenden Unternehmer Konkurrenz besteht. Wir müssen sogar davon ausgehen, dass es nicht nur in der Realität zu einem Wettbewerb unter den Unternehmungen kommt. Dieser Wettbewerb ist nämlich wesentliche Voraussetzung dafür, dass das System reibungslos funktioniert, dass also genau die Güter produziert werden, welche auch von den Konsumenten nachgefragt werden. Während also für den Merkantilismus gilt, dass man über harmonische Beziehungen im Ergebnis zu einem Konflikt kommt, gilt für den Liberalismus, dass die Konfliktbeziehungen der einzelnen Unternehmer untereinander schließlich zu einem harmonischen Gesamt­ergebnis führen.

 

Der Harmoniegedanke des Liberalismus gilt nun nicht nur für die wirtschaftlichen Beziehungen mehrerer Staaten zueinander. Auch für die Binnenwirtschaft gehen die Liberalen davon aus, dass ein vom Staat unbeeinflusster Handel letzten Endes allen Beteiligten Vorteile bringen. Sie versuchen nachzuweisen, dass immer dann, wenn die Unternehmer gerade die Produkte produzieren, die ihnen den höchstmöglichen Gewinn versprechen, auch die Produktion gerade auf die Güter gelenkt wird, bei denen auch die Konsu­menten ihren Nutzen maximieren.

 

Wesentliche Voraussetzung dafür ist allerdings das Vorhandensein eines intensiven Wettbewerbs zwischen den Unternehmungen. Zur Beweisführung gehen wir von einer bestimmten Aufteilung des Volkseinkommens aus und unterstellen nun, dass die Konsumenten eine andere Aufteilung ihres Einkommens bevorzugen. In einem Modell, in dem wir lediglich von zwei Güterarten X und Y ausgehen, schlägt sich dieser Bedarfswandel z. B. so nieder, dass sie von Gut X etwas weniger und von Gut Y etwas mehr nachfragen.

 

Der Rückgang der Nachfrage nach Gut X wird nun auf diesen Märkten des Gutes X dazu führen, dass die Preise sinken, da die Unternehmer befürchten müssen, dass sie ohne Preissenkung leer ausgehen. Gleichzeitig dürfte jedoch der Anstieg der Güternachfrage nach Gut Y dazu führen, dass der Preis dieses Gutes ansteigt, da in diesem Falle die Käufer befürchten müssen, dass sie bei dem bisherigen Preis leer ausgehen.

 

Diese Verschiebung in den Preisen wird nun auf lange Sicht die Produzenten des Gutes X veranlassen, wegen des geringeren Preises dieses Gut weniger zu produzieren. Gleichzeitig werden jedoch die Produzenten des Gutes Y bestrebt sein, von diesem Gut mehr zu erzeugen. Damit passt sich jedoch die Produktion an den Bedarfswandel vollkommen an. Der Bedarfswandel bestand darin, dass von Gut X weniger und von Gut Y mehr nachgefragt wird. Die Entscheidungen der Unternehmer als Reaktion auf die Preisänderungen führen nun genau dazu, dass die Unternehmer ihre Produktion diesem Bedarfswandel anpassen. Sie tun dies, obwohl – oder vielleicht gerade deshalb – sie ihre Entscheidungen vorwiegend daran ausrichten, ihren Gewinn zu maximieren.

 

Entscheidend bei dieser Beweisführung ist nun, dass der Bedarfswandel zu einer Änderung der Preisver­hältnisse führt. Diese Preisänderung zeigen hierbei an, dass sich aufgrund des Bedarfswandels die Knappheitsverhältnisse verschoben haben, von Gut X wurde ohne Anpassung der Produktion an den Bedarfs­wandel zu viel, von Gut Y zu wenig produziert.

 

Damit allerdings die auf dem freien Markt ausgelöste Änderung in den Preisen auch wirklich die neuen Knappheitsverhältnisse wiederspiegeln, ist es notwendig, dass zwischen den Unternehmungen ein intensiver Wettbewerb besteht. Solange nämlich die Unternehmungen eine Monopolstellung innehaben, haben sie auch nicht zu befürchten, dass nach dem Bedarfswandel Kunden zur Konkurrenz abwandern, deshalb ist der Zwang zur Produktionsanpassung an den Bedarfswandel auch sehr viel geringer.

 

Nur dann, wenn die Unternehmer in starker Konkurrenz zueinander stehen, verzichten sie darauf, die Preise zu beeinflussen. Unter den Konkurrenzbedingungen lohnt sich jedoch der Versuch nicht, dadurch einen größeren Gewinn zu erzielen, dass man die Preise aktiv beeinflusst. Eine Preissteigerung führt nämlich bei vollständiger Konkurrenz dazu, dass die Kunden zu den konkurrierenden Unternehmungen abwandern und dass gerade deshalb keine Gewinnsteigerung erwartet werden kann.

 

 Der Versuch, über eine Preissenkung einen Gewinnzuwachs zu erzielen, führt ebenfalls ins Leere, weil ja eine Ausweitung der Produktion nur dazu führen würde, dass die Grenzkosten über den Preis anstiegen, mit der Folge, dass der Gewinn zurückgehen würde. Das der Unternehmer unter Konkurrenzbedingungen nicht mehr produziert als er produziert, liegt nicht daran, dass er keinen Absatz für weitere Produkte finden würde, sondern dass eine Ausweitung der Produktion sich gewinnmindernd auswirken würde.

 

Dass der Liberalismus das Streben nach Eigennutz positiv bewertet, liegt auch daran, dass der Liberalismus in der freien Entscheidung des einzelnen ein Wert an und für sich sieht. Das Selbstbestimmungskriterium, wonach der einzelne selbst zu bestimmen hat, was für ihn gut oder schlecht ist, gehört zu den grundlegenden Wertaxiomen der liberalen Wohlfahrtstheorie.

 

Selbst dann, wenn der einzelne eine Entscheidung getroffen hätte, welche sich im Einzelfall und im objektiven Sinne als falsch erweisen würde, läge in der Tatsache, dass sich der einzelne selbst entscheiden konnte, ein Gewinn. Er wird sich dann sehr wohl – vielleicht in einem langwierigen error and trial -Verfahren (man kommt über anfängliche Irrtümer schließlich zur geeigneten Lösung) auf die Lösung zu bewegen, die für ihn auch in objektiver Sicht die beste ist. Solche Lösungen könnten jedoch gerade dadurch, dass sich jeder einzelne selbst dazu entschieden hatte, von allen leichter akzeptiert werden.