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Volkswirtschaftslehre für Laien

 

 

 

 Gliederung:

 

  1. Genügt der gesunde Menschenverstand?

  2. Was heißt Wirtschaften?

  3. Wie funktioniert ein Markt?

  4. Ist von ‚Arbeitsmarkt‘ zu sprechen entwürdigend?

  5. Ist das Eigeninteresse moralisch verwerflich?

  6. Die Rolle des Wettbewerbs

  7. Umverteilung zu Lasten der Millionäre?

  8. Moral Hazard und Versicherung

  9. Von ideologischen Betrachtungsweisen

10. Können Werturteile wissenschaftlich bewiesen werden?

11. Die Rolle des Staates in einer sozialen Marktwirtschaft

12. Staatliche Planwirtschaft versus Marktwirtschaft

 

 

  4. Ist von ‚Arbeitsmarkt‘ zu sprechen entwürdigend?

 

 

Gliederung:

 

1. Problematik

2. Sklavenmarkt

3. Marx’sche Interpretation

4. Natürliches Nachfragemonopol auf den Arbeitsmärkten

5. Erich Preiser: Eigentumslosigkeit führt zu Lohnsenkung

6. Kaldor: Durch Sparen erhöhtes Realeinkommen

7. Fremdbestimmung der Arbeit

 

 

 

1. Problematik


In der öffentlichen Diskussion begegnet man wiederholt dem Vorwurf, es sei menschenverachtend, wenn man in Zusammenhang mit den Beziehungen zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern von einem Markt, dem ‚Arbeitsmarkt‘ spreche. Es wird die Vorstellung entwickelt, dass es auf einem Markt um Waren gehe, also dass auf Märkten leblose Gegenstände veräußert und getauscht würden, während es als entwürdigend angesehen wird, wenn man nun diese Beziehungen auch auf den Menschen und seine Fähigkeit, Leistungen zu vollbringen, übertrage.

 

Der einzelne Arbeitnehmer sei in erster Linie ein Mensch mit freiem Willen und der darüber hinaus auch Empfindungen habe. Es sei falsch, wenn man von allen menschlichen und höchstpersönlichen Merkmalen eines Arbeitnehmers absehe und so tue, als könne man von diesen Merkmalen abstrahieren, als ginge es bei den Beziehungen zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern nur um die Übereignung bestimmter Ressourcen, welche für die Produktion von Waren benötigt werden. Es sei auch falsch, wenn man die Beziehungen zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern lediglich auf den Teil beschränke, bei dem es um Übergabe einer Leistung gehe und dann so tue, als ginge es hierbei lediglich darum, um einen angemessenen Preis der Arbeitsleistung zu ‚schachern‘.

 

Nun muss man sich allerdings die Frage stellen, gegen was sich denn diese Kritik in Wirklichkeit richtet. Geht es nur oder auch nur vorwiegend darum, dass bestimmte reale Beziehungen zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern falsch bezeichnet werden, dass also fälschlicherweise eine Bezeichnung für bestimmte in der Realität bestehende Beziehungen gewählt wurde oder geht es nicht in Wirklichkeit darum, dass in der Realität bei den Beziehungen zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern Merkmale übertragen wurden, welche bei dem Tausch von Waren angewandt werden? Will man also nicht in Wirklichkeit die realen Verhältnisse auf dem Arbeitsmarkt geißeln?

 

Es liegt ja sicherlich nichts verwerfliches darin, dass z. B. Karl Marx, dem man sicherlich nicht nachsagen kann, dass er die Arbeitnehmer beleidigen wollte, die Verhältnisse in diesen Arbeitnehmer-Arbeitgeber­beziehungen als Marktbeziehungen charakterisiert und behauptet, dass bei diesen Verhältnissen die gleichen Gesetzmäßigkeiten Anwendung fänden, die wir auch auf den Warenmärkten vorfänden. Nicht derjenige, der über bestimmte unter Umständen zu verurteilende Zustände berichtet, begeht hier die menschen­verachtende Haltung, sondern derjenige, welcher für diese Zustände verantwortlich ist. Es wurde schon immer als ein legitimes Mittel angesehen, zu kritisierende Zustände möglichst hautnah darzustellen, um auf diese Weise das öffentliche Interesse zu wecken und dazu beizutragen, dass diese Verhältnisse überwunden werden können.

 

Wer denjenigen, der lediglich über verachtenswerte Zustände berichtet, anklagt, handelt fast so, wie dies im Altertum Könige und Fürsten mit denjenigen taten, welche über die Niederlage in einer Schlacht zu berichten hatten und dann für diesen Bericht geköpft wurden.

 

Auf jeden Fall gilt es zwischen zwei grundverschiedenen Formen der Kritik am Arbeitsmarkt zu unterscheiden, der einen Kritik, wonach sich die Zustände in den Beziehungen zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern nicht als Marktbeziehungen beschreiben lassen und der ganz anderen Kritik, welche zwar davon ausgeht, das sich die realen Beziehungen als Marktbeziehungen beschreiben lassen, dass aber gerade diese realen Beziehungen höchst reformbedürftig seien.

 

Im Hinblick auf die erste Art der Kritik können wir uns kurz fassen. Sicherlich mag man zugeben, dass der überaus größte Teil der Tauschobjekte auf Märkten Waren darstellen. Aber man kann wohl kaum aus der Tatsache, dass auf den meisten Märkten Waren gehandelt werden, zwingend ableiten, dass sich deshalb Märkte nur für den Tausch von Waren eignen und dass es deshalb unangebracht sei, von Märkten auch bei anderen Beziehungen zu sprechen. Genauso wie es falsch wäre, bei der Bestimmung des Vorstandes einer Gewerkschaft nur deshalb nicht von Wahl zu sprechen, weil ursprünglich von Wahlen im Zusammenhang mit der Bestellung von Politikern gesprochen wurde.

 

Für welche Beziehungen von Märkten gesprochen werden soll, kann einzig und allein daran gemessen werden, ob der Markt ein geeignetes Instrument darstellt, um bestimmte Aufgaben sachgerecht zu erfüllen. Die Ablehnung, auch die Beziehungen zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern als Marktbeziehungen zu bezeichnen, wäre noch einigermaßen verständlich, wenn Marktbeziehungen per se etwas mit den Eigen­schaften einer Ware zu tun hätten. Dies ist jedoch – wie wir in den beiden vorhergehenden Kapiteln dieser Vorlesung gezeigt haben – nicht der Fall. Ein Problem wird nicht deshalb zu einem wirtschaftlichen Problem, weil es hierbei um Waren geht, sondern allein deshalb, weil es sich um Tatsachen handelt, die knapp sind, bei denen also die Nachfrage größer ist als die Tatsachen, welche vorhanden sind.

 

Genauso gilt, dass ein Markt nicht deshalb zu einem Markt wird, weil Waren getauscht werden, sondern deshalb, weil der Markt eine Institution darstellt, die geeignet ist, die Informationen zu liefern, welche zu einer sachgerechten Lösung eines Problems notwendig sind.

 

Es ist zu vermuten: Die weitverbreitete Ansicht, dass Märkte es mit Waren zu tun haben und dass deshalb jeder Versuch, auch andere Problemfelder als Märkte zu bezeichnen, falsch sei, hat etwas damit zu tun, dass man von einer moralischen Sicht aus die einzelnen Gesellschaftssysteme einordnen möchte, dass an oberster Stelle das kulturelle System stehe und dass das wirtschaftliche System in dieser Wertskala an unterster Stelle anzusiedeln sei. Dass dies nicht möglich ist und ein  ganz falsches und entstelltes Bild unserer Werteskala darstellt, möchte ich an Hand zweier Beispiele klar machen.

 

Einige Ordensschwestern haben es sich zur Aufgabe gemacht, den Opfern der Naturkatastrophen in Südostasien mit Rat und Tat zu helfen. Diese Hilfe kann nur mit massivem Einsatz von Geldspenden gelingen. Der Umstand, dass hier also materielle Mittel benötigt werden, mindert in keiner Weise die moralisch hochstehenden Ziel­setzungen dieses Ordens. Die Zielsetzung als solche gilt es moralisch zu bewerten und nicht die Frage, ob zur Realisierung dieser Ziele materielle Mittel benötigt werden.

 

Nehmen wir als zweites Beispiel das um sich greifende Mobbing am Arbeitsplatz. Gemobbt werden kann auch ein Arbeitnehmer ohne jeglichen Einsatz materieller Mittel. Trotzdem bleibt dieses Verhalten verab­scheuungswürdig und wird in keiner Weise dadurch, dass es hier gar keiner materiellen Mittel bedarf, auch nur einen Deut besser.

 

 

2. Sklavenmarkt

 

Wenden wir uns nun den Vorwürfen zu, mit denen die tatsächlichen Verhältnisse in den Beziehungen zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern angeprangert wurden. Diese Vorwürfe sind sehr viel ernster zu nehmen und bedürfen einer sehr genauen Analyse der tatsächlichen Vorgänge.

 

Wir wollen mit dem unumstrittenen Tatbestand beginnen, dass seit dem Altertum, über das Mittelalter bis weit in die Neuzeit Menschen vor allem nach der Unterwerfung ganzer Völker massenweise versklavt und an die Herrschenden der obsiegenden Völker verkauft wurden. Hier sprach man zu Recht von einem Warenmarkt, dem Sklavenmarkt, bei dem in der Tat die Sklaven wie eine Ware verkauft wurden und oft sogar unwirscher behandelt wurden als Käufer von sachlichen Gütern je mit ihrer gekauften Ware umgegangen sind.

 

Hier trafen in der Tat alle die oben aufgezählten Vorwürfe zu. Aber auch hier hatte derjenige, der diese Vorgehensweisen und Zustände beschrieb, die realen Verhältnisse zumeist treffend dargestellt und hatte gerade durch diese Berichterstattung dazu beigetragen, dass heute ein Sklaventum weltweit geahndet wird und dass das Verbot, Menschen als Sklaven zu verkaufen und arbeiten zu lassen, zu den wichtigsten weltweit anerkannten Menschenrechten zählt.

 

Natürlich gab es auch unter den Sklavenhaltern durchaus Versuche, den Sklaven ein einigermaßen menschen­­würdiges Dasein zu ermöglichen, vor allem aus der richtigen Einsicht heraus, dass die Sklaven dann sehr viel höhere Leistungen erbringen, wenn ihnen eine gewisse Menschenwürde zugestanden wird und wenn sie vor allem ordentlich ernährt und vor gesundheitlichen Gefahren geschützt werden.

 

Diese Bemühungen mindern jedoch nicht den Vorwurf, dass ein Sklaventum auch dann, wenn die Betroffenen einigermaßen korrekt behandelt wurden, eindeutig gegen die Menschenrechte verstößt. Wenn Menschen als Sklaven eingestuft werden, haben sie keinerlei einklagbare Rechte, es sind dann nur – nicht geschuldete – Gnadenakte eines Sklavenhalters.

 

 

3. Marx’sche Interpretation

 

Wenden wir uns nun einer Interpretation eines Arbeitsmarktes zu, so wie sie Karl Marx im Rahmen seines wissenschaftlichen Sozialismus formuliert hatte. Karl Marx war – worauf vor allem Joseph A. Schumpeter hingewiesen hatte – im Hinblick auf wirtschaftliche Fragen getreuer Schüler David Ricardos, eines der Hauptvertreter der Klassik im ausgehenden 18. Jahrhundert.

 

Karl Marx übernahm vor allem die klassische Werttheorie, wonach der langfristige Preis eines Gutes, der sogenannte Wert eines Gutes von den Arbeitskosten bestimmt wird, welche zur Produktion eines Gutes benötigt werden. Danach tauschen sich zwei Güter zu Werten, die den zur Produktion notwendigen Arbeitsstunden entsprechen. Wenn also für das eine Gut X sagen wir 100 Arbeitsstunden, für das andere Gut Y hingegen 200 Arbeitsstunden aufgewandt werden mussten, war – nach dieser Theorie – der langfristig gültige Preis des Gutes Y genau doppelt so hoch als der Preis des Gutes X.

 

In einem Punkt allerdings unterschied sich Karl Marx sowohl von David Ricardo sowie den meisten der frühen Klassiker der Nationalökonomie. Die Klassiker entwickelten ihre Werttheorie ganz bewusst allein für den Gütermarkt und dachten nicht daran, diese Gesetzmäßigkeiten auch auf den Arbeitsmarkt zu übertragen. Es war Karl Marx, der den Versuch unternahm, die Arbeitskostenlehre auch expressis verbis auf den Wert der Arbeit zu übertragen.

 

Worin bestehen aber nun die Arbeitskosten, die aufgewandt werden müssen, um die Arbeitskraft  zu erzeugen? Nach Karl Marx sind dies die Kosten, die aufgewandt werden müssen, um die Arbeitskraft zu regenerieren. Damit ein Arbeiter seine Arbeitskraft nicht einbüßt, bedarf er auf der einen Seite all der Mittel, welche zur Erhaltung des Lebens notwendig sind, und dies sind in allererster Linie Nahrungsmittel und Ausgaben für Kleidung sowie Wohnung samt Wohnungseinrichtungen. Auf der anderen Seite aber bedarf der Arbeiter auch eines Minimums an Freizeit, ohne die eine Regenerierung nicht gelingen könnte.

 

Die Ungerechtigkeit des kapitalistischen Systems bestünde nun – nach Marx – darin, dass der Arbeitnehmer nur zu einem Einkommen entlohnt werde, das dem so definierten Wert der Arbeit entspreche, obwohl der Arbeiter durchaus in der Lage sei, mehr Arbeitsstunden zu arbeiten als zur Aufrechterhaltung seiner Arbeitskraft benötigt würden. Das System der kapitalistischen Gesellschaft ermögliche es, dass sich der Kapitalist (Unternehmer) diese Differenz zwischen der Anzahl der zur Regeneration benötigten Arbeitsstunden und der Anzahl der tatsächlich geleisteten Arbeitsstunden als Mehrwert aneigne. Wohlbemerkt: Es ist das System des Kapita­lismus, das zu dieser Ungerechtigkeit führt, der einzelne Unternehmer bezahle den Arbeiter keinesfalls unter Wert, sondern gewähre genau den Wert, den die Arbeitskraft – in einem kapitalistischen System – auch ausmache.

 

Nun ist diese Übertragung der Arbeitswertlehre auf die Arbeit selbst aus zweierlei Gründen zu kritisieren. Auf der einen Seite wissen wir heute, dass es der klassischen Lehre nicht gelungen war, nachzuweisen, dass sich die Waren tatsächlich im Verhältnis der zur Produktion benötigten Arbeitsstunden tauschen. Es gibt mehrere Gründe, weshalb die Arbeitswertlehre gescheitert war, der wohl wichtigste Grund besteht darin, dass David Ricardo in seinem Versuch, die Arbeitswertlehre zu begründen, fälschlicher Weise angenommen hatte, dass die Kapitalintensität bei allen Produktionen gleich hoch sei und dass deshalb die Kapitalkosten immer nur einen prozentualen Aufschlag auf die Arbeitskosten darstellten und deshalb die Wertrelationen in keiner Weise beeinflussten. Wenn die Arbeitswertlehre generell falsch ist, kann sie natürlich auch nicht mit Erfolg auf den Arbeitsmarkt übertragen werden.

 

Darüber hinaus widerspricht die Realität dem Versuch, Gesetzmäßigkeiten, welche für die Produktion von Waren entwickelt wurden, ohne weitere Begründung auf den Arbeitsmarkt anzuwenden. Die Produktion von Gütern erfolgt in Unternehmungen. Wir gehen im Allgemeinen von der Annahme aus, dass aus der Sicht der Unternehmer (nicht etwa auch aus der Sicht der gesamten Gesellschaft) Güter einzig und allein deshalb produziert werden, um auf diese Weise einen Gewinn zu erzielen. Und selbst dann, wenn ein Unternehmer z. B. auch einfach aus Freude am produktiven Schaffen die Produktion aufnehmen würde, müssten wir immer noch davon ausgehen, dass die starke Konkurrenz, der ein Unternehmer ausgesetzt ist, ihn zwingt, die Produktion jeweils an der Rentabilität auszurichten.

 

Menschen werden hingegen in Familien und nicht in Betrieben gezeugt und geboren. Weder ist es berechtigt anzu­nehmen, dass bei der Zeugung von Kindern ausschließlich oder auch nur schwergewichtig die Frage entscheidet, ob Kinder den Eltern per Saldo einen Einkommensgewinn bringen, noch können wir davon ausgehen, dass der einzelne durch die Verhaltensweisen seiner Mitbürger zu einem solchen rentabilitäts­orientierten Verhalten mehr oder weniger gezwungen wird.

 

Die Frage von Kosten und Gewinnen aufgrund der Geburt von Kindern spielt allenfalls eine untergeordnete, keinesfalls ausschlaggebende Rolle. In einer großen Zahl der Fälle ist ohnehin die Zeugung gar nicht bewusst geplant, sondern – wenn man einmal die Möglichkeit der Verhütung berücksichtigt – aus Unachtsamkeit entstanden. Ein weiterer großer Teil tatsächlicher Zeugungen erwächst aus dem Wunsch, sich selbst weiter zu pflanzen und oft wünscht man sich bewusst Kinder einfach auch aus Freude am Kind.

 

Schließlich mag es zwar richtig sein, dass im Mittelalter und im Übergang zur industrialisierten Gesellschaft die eigene Nachkommen­schaft für das Leben im Alter notwendig war. Aufgrund der Tatsache, dass jedoch in fast allen modernen Volkswirt­schaften ein umfassendes Netz von sozialen Sicherungssystemen gegenüber Alter, Krankheit, Unfall und Arbeitslosigkeit geschaffen wurde, sind die materiellen Vorteile, die früher einmal für die Eltern mit dem Vorhandensein von Kindern verbunden waren, heutzutage weitgehend entfallen. Es kommt noch hinzu, dass im Zusammenhang mit der Ausbildung Kinder von einem Ertragsfaktor zu einem Kostenfaktor geworden sind. Es ist somit ganz ausgeschlossen, dass das in einer ‚kapitalistischen‘ Gesellschaft prägende Motiv der Unternehmungen, die Produktion eines Gutes an deren Rentabilität auszurichten, auch für die Zeugung von Kindern innerhalb der Familien unterstellt werden kann.

 

 

 

4. Natürliches Nachfragemonopol auf den Arbeitsmärkten

 

Zu Beginn der Industrialisierung wurde die Meinung vertreten, dass auf Arbeitsmärkten ein natürliches Nachfragemonopol seitens der Arbeitgeber bestehe und dass aus diesen Gründen der Lohnsatz unter das Wertgrenzprodukt fallen könne, das bei Vorliegen einer vollständigen Konkurrenz erreicht worden wäre. Unter einem natürlichen Monopol versteht man eine monopolistische Marktform, welche nicht durch einen Zusammenschluss einer Marktseite entstanden sei, sondern welche sich aus den natürlichen Gegebenheiten des jeweiligen Marktes ergeben habe.

 

Man begründete diese Auffassung damit, dass zu der damaligen Zeit in vielen Gemeinden praktisch nur eine Unternehmung als Arbeitgeber auftrat und dass aufgrund dieses Nachfragemonopols der Lohnsatz unter den Konkurrenzlohn gesunken wäre. Dem einzelnen Arbeitnehmer blieb gar nichts anderes übrig, als in dieser Unternehmung Arbeit zu suchen, er sei deshalb, weil ihm keine Möglichkeit offen stehe, bei Unzufriedenheit mit dem Lohnangebot zu einem anderen Unternehmer zu wechseln, auf Gedeih und Verderb auf seinen bisherigen Arbeitgeber angewiesen.

 

In der Zwischenzeit ist sicherlich dieser Grund für eine Ausbeutung der Arbeitnehmer durch die Arbeitgeber in den meisten Fällen entfallen. Auf der einen Seite haben Staat und Gemeinden das Verkehrsnetz stark ausgebaut, sodass nahezu alle Nachbargemeinden durch fest angelegte Straßen miteinander verbunden wurden. Auf der anderen Seite war ein Großteil der Arbeitnehmer aufgrund der rasanten Entwicklung von Personenkraftwagen, Motorrädern und auch einfachen  Fahrrädern in der Lage, ein Fahrzeug zu erwerben, mit dessen Hilfe der einzelne Arbeitnehmer jederzeit auch in einer Nachbargemeinde einen Arbeitsplatz aufsuchen kann. Schließlich gibt es heutzutage öffentliche Verkehrsmittel (Eisen- und Straßenbahnen), welche es den Arbeitnehmern ermöglichen, einer erwerbswirtschaftlichen Arbeit auch außerhalb ihrer Wohngemeinde nachzugehen.

 

Auf diese Weise konnten die Unternehmungen in immer weniger Fällen aus diesen Gründen auf den Arbeitsmärkten eine Monopolstellung erlangen, sie standen nun vielmehr in Konkurrenz zu anderen Arbeitgebern und sahen sich gerade deshalb gezwungen, die Löhne auf das bei Konkurrenz realisierbare Lohnniveau anzuheben.

 

Gerade wegen dieser anfänglichen natürlichen Monopolstellung der Unternehmer auf den Arbeitsmärkten war der Gesetzgeber bereit, den Gewerkschaften in ihrer Auseinandersetzung mit den Arbeitgebern sehr viel weitergehende Rechte zuzugestehen, als dies gegenüber sonstigen Verträgen gilt, die zwischen Privatpersonen abgeschlossen werden.

 

Tarifverträge, die zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften abgeschlossen werden, genießen auf der einen Seite den Unabdingbarkeitsschutz, wonach der in den Tarifverhandlungen vereinbarte Tariflohn vom einzelnen Arbeitgeber auch dann nicht unterschritten werden darf, wenn der betroffene Arbeitnehmer der Lohnkür­zung zugestimmt hätte. Gleichzeitig räumt der Gesetzgeber den Gewerkschaften ein Streikrecht ein, das heißt, unter bestimmten Bedingungen die Arbeit vorübergehend ohne Kündigung ruhen zu lassen, um auf diese Weise für die Arbeitnehmer bessere Verhandlungsergebnisse in den Tarifverhandlungen zu erzielen.

 

Ganz generell gilt nun in einer Marktwirtschaft der Grundsatz, dass Monopole, also Zusammenschlüsse einer Marktseite entweder verboten sind oder zumindest einer Monopolaufsicht unterliegen, da ein intensiver Wettbewerb unter den Anbietern für befriedigende Marktergebnisse unerlässlich ist. Da aber aus natürlichen Gründen gar kein Wettbewerb auf den Arbeitsmärkten möglich sei, hielt man diese Ausnahme als gerechtfertigt.

 

Diese Begründung wurde dadurch noch untermauert, dass John Kenneth Galbraith im Rahmen seiner Theorie der Gegenkräfte darzulegen versuchte, dass bei einem bilateralen Monopol dem Spiel der Gegenkräfte die Rolle zufalle, die der Liberalismus ursprünglich dem Wettbewerb zugedacht hatte.

 

Nun fragt es sich natürlich, ob durch den Wegfall dieser natürlichen Monopolstellung der Unternehmer auf den Arbeitsmärkten nicht auch die Rechtfertigung für diese Sonderstellung der Gewerkschaften weggefallen ist.

 

Trotz Zunahme der Konkurrenz der Unternehmungen im Zuge des Ausbaus des Verkehrsnetzes lassen sich auch heute noch Gründe dafür finden, dass ohne einen gewerkschaftlichen Schutz die Masse der Arbeit­nehmer immer noch auf den Arbeitsmärkten gegenüber den Arbeitgebern benachteiligt wären. Der Grund hierfür liegt in einer Art Informationsmonopol der Arbeitgeber.

 

Beim Abschluss von Arbeitsverträgen haben die Arbeitnehmer in aller Regel einen Nachteil gegenüber den Arbeitgebern. Der einzelne Arbeitnehmer steht nur in sehr wenigen Fällen vor der Aufgabe, mit seinem Arbeitgeber einen Arbeits­vertrag abzuschließen, nämlich dann, wenn er seinen Arbeitsplatz wechselt und dies findet in der Mehrzahl der Arbeitnehmer nur einige wenige Mal statt. Für den Arbeitgeber hingegen ist der Abschluss von Arbeitsverträgen ein alltägliches Geschäft, das vor allem bei Großunternehmungen viele hundert oder sogar tausend Mal notwendig wird. Der Arbeitgeber erlangt deshalb eine viel größere Routine im Abschluss solcher Verträge, er kann eine eigene Personalabteilung bilden und Sachverständige beschäftigen oder zumindest den Rat eines sachverständigen Rechtsanwaltes einholen. Aus diesen ungleichen Startbedingungen heraus ergeben sich nach wie vor Startnachteile für den Arbeitnehmer.

 

 

5. Erich Preiser: Eigentumslosigkeit führt zu Lohnsenkung

 

Erich Preiser hat darauf hingewiesen, dass eine Benachteiligung der Arbeitnehmer gegenüber den Unterneh­mungen nicht nur aufgrund monopolistischer Marktformen auf dem Arbeitsmarkt auftreten kann. Auch dann, wenn wir auf den Arbeitsmärkten die Marktform der vollständigen Konkurrenz verwirklicht hätten, wären die Arbeitnehmer gegenüber den Arbeitgebern benachteiligt. Dieser Nachteil rühre daher, dass die Arbeitnehmer über kein Vermögen verfügten, auf das sie bei Arbeitslosigkeit zurückgreifen könnten.

 

Diese Eigentumslosigkeit schlage sich auf dem Arbeitsmarkt darin nieder, dass die Elastizität des Arbeitsangebotes im Hinblick auf den Lohnsatz äußerst gering sei. Habe der Arbeitnehmer Lohnsenkungen zu befürchten, könne er mangels anderer Einkommensquellen nicht das Arbeitsangebot reduzieren. Würde er über Eigentum verfügen, könnte er notfalls eine gewisse Zeit vorübergehender Arbeitslosigkeit dadurch überbrücken, dass er von den Zinsen seines Vermögens leben oder vielleicht auch durch Auflösung dieses Vermögens Zeiten der Einkommenslosigkeit überbrücken könnte.

 

Diese verringerte Elastizität des Arbeitsangebotes wirke sich nun auf dem Arbeitsmarkt lohnsenkend aus. Machen wir uns die Zusammenhänge anhand einer Graphik klar. Wir tragen auf einem Diagramm auf der Abszissenachse das Arbeitsangebot, auf der Ordinatenachse hingegen den Lohnsatz ab. Mit der traditionellen Theorie unterstellen wir einen  normalen Verlauf der Angebotskurve. Steigende Lohnsätze führen somit zu einer Ausweitung des Arbeitsangebotes (z. B. durch Überstunden).

 

Wir wollen nun unterstellen, der bisherige Lohnsatz betrage l0. Konjunkturbedingt gehe nun die Nachfrage nach Arbeitskräften zurück. Dies bedeutet, dass die grün eingezeichnete Arbeitsnachfragekurve der Unter­neh­mer nach unten verschoben werde und nun der gestrichelten grünen Kurve entspreche. Der neue Lohnsatz betrage dann im Gleichgewicht nur noch l1. Da eine sehr geringe Elastizität des Arbeitsangebotes unterstellt wurde und da deshalb die Arbeitsangebotskurve sehr steil verläuft, fällt die Lohnsenkung stark aus.

 

 

 

 

Wir wollen nun unterstellen, dass das Arbeitsangebot elastisch auf Lohnsenkungen reagiere, da die Arbeit­nehmer über Vermögen verfügten. Die Arbeitsangebotskurve verläuft deshalb sehr viel flacher. Dies bewirkt, dass die Lohnsenkung, die aufgrund des Rückganges in der Nachfrage nach Arbeit zu erwarten ist, dementsprechend geringer als bei starrem Arbeitsangebot ausfällt. Der Lohnsatz sinkt nun nur auf l2.

 

 

 

 

 

Nun gelten diese Überlegungen Preiser’s nur für die Anfangsphase der Industrialisierung. In der Zwischen­zeit werden Löhne zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern ausgehandelt. Mit dem Recht zu streiken, haben die Gewerkschaften ein wirksames Mittel, Lohnsteigerungen zu erzwingen, welche die Arbeitgeber ohne Gewerkschaftsmacht nicht genehmigt hätten.

 

Des Weiteren muss darauf hingewiesen werden, dass die Arbeitslosenversicherung, die seit Ende der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts eingeführt wurde, den Arbeitnehmern einen sehr viel besseren Einkommens­schutz während vorübergehender Arbeitslosigkeit gewährt als dies ein persönliches Vermögen der Arbeit­nehmer je gewähren könnte.

 

Schließlich hängt die Machtposition der Arbeitnehmer ggf. auch davon ab, welche Eigentumsform gewählt wurde. Verfügt ein Arbeitnehmer über ein Eigenheim, das u. U. noch mit Krediten des Arbeitgebers mitfinanziert wurde, so ergibt sich hieraus eher eine Zu- als Abnahme der Abhängigkeit des Arbeitnehmers von seinem Arbeitgeber.

 

Alles in allem verfügen immer mehr Arbeitnehmer auf der einen Seite über eigene Ersparnisse, sie sind gegen die sozialen Risiken abgesichert und sie werden von machtvollen Gewerkschaften vertreten, sodass die von E. Preiser hervorgehobene Machtverschiebung zuungunsten der Arbeitnehmer für die heutige Zeit nicht mehr als allgemein gültig angesehen werden kann.

 

 

6. Kaldor: Durch Sparen erhöhtes Realeinkommen 

 

Auf einen etwas anderen Zusammenhang zwischen Vermögensbildung und Lohnquote machte Nicholas Kaldor aufmerksam. Die von N. Kaldor entwickelte Verteilungstheorie übernimmt die wichtigsten Annahmen der keynesianischen Theorie: Die Marktergebnisse werden nur von Nachfragefaktoren bestimmt und hierzu zählen insbesondere die Konsumgüternachfrage, bzw. ihr Pendant: die Sparquote sowie die Investitions­neigung der Unternehmer.

 

Zu den wichtigsten Annahmen der Kaldorianischen Verteilungstheorie zählt die Annahme einer konstanten Investitionsquote, die weitere Annahme, dass die partielle Sparquote der Lohnempfänger geringer ist als die partielle Sparquote der Gewinnempfänger und schließlich die Annahme einer Vollbeschäftigung und einer vollen Auslastung der Produktionskapazität, die eine Konstanz im realen Inlandsprodukt bei wachsender Nachfrage zur Folge hat.

 

Die gesamtwirtschaftliche Sparquote wird von drei Faktoren bestimmt: von der Höhe der Sparquote der Arbeitnehmer, von der jeweiligen Gewinnquote und schließlich von der Differenz zwischen den beiden partiellen Sparquoten. Der Schnittpunkt zwischen der Linie der Investitionsquote und der gesamtwirt­schaftlichen Sparquote markiert die Einkommensverteilung, bei der die Kapitalmärkte und damit auch die Konsumgütermärkte ins Gleichgewicht kommen.

 

 

 

Unter den von Kaldor gemachten Annahmen kann davon ausgegangen werden, dass der Marktprozess eine Tendenz zu diesem Gleichgewicht aufweist. Ist die aktuelle Gewinnquote geringer als die gleichgewichtige, dann besteht auf den Märkten ein Nachfrageüberhang, der Preissteigerungen auslöst, die sich in Gewinnsteigerungen niederschlagen.  Die aktuelle Gewinnquote nähert sich der gleichgewichtigen an.

 

Analog dazu gilt, dass dann, wenn die aktuelle Gewinnquote die gleichgewichtige übersteigt, aufgrund der Angebotsüberhänge auf den Märkten Preissenkungen eintreten, die sich in Gewinnminderungen nieder­schlagen. Wiederum nähert sich die aktuelle Gewinnquote der gleichgewichtigen.

 

Die wichtigste Schlussfolgerung, die aus dieser Theorie gezogen werden kann, besteht darin, dass eine bloße Lohnsatzsteigerung nicht ausreicht, um die Einkommensverteilung langfristig zugunsten der Arbeitnehmer zu verändern. Die Höhe des Lohnsatzes geht nämlich nicht in die Bestimmungsgründe der Einkommens­verteilung ein. Eine Veränderung im Lohnsatz führt weder zu einer Verschiebung der Investitionsfunktion noch der Sparfunktion; aber nur dann, wenn sich mindestens eine dieser beiden Kurven verschieben würde, würde sich die Lohnquote, bei der Gleichgewicht herrscht, verändern.

 

Kurzfristige Erhöhungen im Lohneinkommen werden somit durch anschließende Gleichgewichtsprozesse wieder abgebaut. Erklären lässt sich dieses Ergebnis damit, dass eine Lohnerhöhung automatisch zu einer Steigerung der Konsumgüternachfrage führt, aufgrund derer die Unternehmer in die Lage versetzt werden, die Lohnkostensteigerungen voll auf den Güterpreis abzuwälzen, ohne dass sie mit Absatzverlusten rechnen müssen.

 

Bei einer Erhöhung der Sparquote der Arbeitnehmer hingegen verschiebt sich die Sparfunktion der Arbeitnehmer so, dass der neue Gleichgewichtspunkt bei einer geringeren Gewinnquote (höheren Lohnquote) liegt. Erklären lässt sich dieser positive Einfluss dadurch, dass die gesparten Einkommensteile nicht mehr zu Nachfrage werden und dass deshalb der Versuch der Unternehmungen, die Lohnkostensteigerungen auf den Güterpreis abzuwälzen, nun zu Absatzrückgängen führen müsste. Also könnte die Einkommensverteilung nur dann zugunsten der Arbeitnehmer verschoben werden, wenn es gelingt, die Arbeitnehmer dazu zu bewegen, einen größeren Teil ihres Einkommens zu sparen. Die Einführung eines Investivlohnes, bei dem ein Teil des Einkommens vorübergehend nicht konsumiert werden darf,  stellt einen solchen Versuch dar.

 

 

 

 

 

7. Fremdbestimmung der Arbeit

 

Es gibt noch einen weiteren Grund, weshalb sich die Lage der Arbeitnehmer von denen der Anbieter auf den Gütermärkten in der Regel unterscheidet. Während bei den meisten Käufen von Waren die Beziehungen zwischen beiden Marktpartnern mit dem Abschluss des Kaufvertrages enden und der Käufer frei über die Verwendung des gekauften Gutes entscheiden kann, ohne dass hierdurch die Lage des Verkäufers in irgendeiner Weise beeinträchtigt wird, begründet ein Arbeitsvertrag eine dauerhafte Beziehung zwischen Unternehmer und Arbeitnehmer. In aller Regel kann der Unternehmer – natürlich im Rahmen der Gesetze  – bestimmen, für welche Tätigkeiten er die beschäftigten Arbeitnehmer einteilen kann.

 

Die Arbeit der Arbeitnehmer ist also in diesem Falle fremdbestimmt. Die gesamte Wohlfahrtsposition des Arbeitnehmers hängt hier ganz entscheidend davon ab, inwieweit der Unternehmer von sich aus bereit oder auch nur in der Lage ist, auf die persönlichen Belange des Arbeitnehmers Rücksicht zu nehmen.

 

Nun muss man sich natürlich darüber im Klaren sein, dass die Aufgabe einer Unternehmung, bestimmte Produkte anzufertigen, einen Plan notwendig macht, in dem klar gestellt wird, welche Aufgaben auf die einzelnen Beschäftigten zukommen. Es gibt wohl kaum eine Möglichkeit, den einzelnen Arbeitnehmer selbst bestimmen zu lassen, welche Tätigkeiten er verrichten möchte und auch zu welchen Tageszeiten diese Arbeit verrichtet wird. Die Notwendigkeit einer Koordination und Unterordnung des einzelnen Beschäftigten ergibt sich also aus der Sache.

 

Allerdings gibt es Möglichkeiten, diesen Charakter der Fremdbestimmung zugunsten der Arbeitnehmer zu beeinflussen. So sieht z. B. in der BRD das Betriebsverfassungsgesetz vor, dass mit Ausnahme von Minibetrieben mit weniger als 5 Beschäftigten in jedem Betrieb von den Beschäftigten ein Betriebsrat zu bilden ist, welcher gewisse Mitbestimmungsrechte erhält und auf diesem Wege die Interessen der Arbeit­nehmer vertreten kann. Gleichzeitig sieht das Mitbestimmungsgesetz für Kapitalgesellschaften mit mehr als 2000 Beschäftigten eine weitgehend gleichberechtigte Mitwirkung von Arbeitnehmervertretern in den Aufsichtsräten vor. Weiterhin sind hier die Arbeitnehmer durch ein Mitglied im Vorstand (durch den Arbeits­direktor) vertreten.

 

Diese Regelung ändert zwar nichts an dem Umstand, dass der einzelne Beschäftigte nicht unmittelbar mitzuentscheiden hat, aber immerhin werden hier im Namen der Belegschaft Arbeitnehmervertreter bei den wichtigen Unternehmungsentscheidungen beteiligt und damit eine gewisse Gewähr dafür gegeben, dass bei den unternehmerischen Entscheidungen nicht einseitig gegen die Interessen der Arbeitnehmer verstoßen wird.

 

Einen anderen Weg, die Fremdbestimmung der Arbeitnehmer zu ändern, besteht in den Vorschlägen, die Arbeitnehmer dadurch zu Miteigentümern zu machen, dass sie Anteile am Unternehmungsvermögen erwerben können. Hier wirken dann die Arbeitnehmer in ihrer Eigenschaft als Miteigentümer genauso wie normale Aktionäre in den Hauptversammlungen der Aktiengesellschaften bei wichtigen Unternehmer­entscheidungen mit.

 

Allerdings sollte man sich hier auch keine zu großen Illusionen über die Mitbestimmungsmöglichkeit der einzelnen Arbeitnehmer machen. Zwar übt hier im Gegensatz zu dem Mitbestimmungsmodell der einzelne Arbeitnehmer in seiner Eigenschaft als Miteigentümer selbst ein direktes Stimmrecht aus. Der Einfluss des einzelnen ist trotzdem (vernachlässigbar) klein, da er eben nur einen geringen Bruchteil des Gesamt­vermögens besitzt und da ohnehin in Kapitalgesellschaften die wichtigen Entscheidungen im Auf­sichts­rat und nicht in der Hauptversammlung gefällt werden.

 

Schließlich können an dieser Stelle die Pläne einer radikalen Dezentralisierung im Betrieb bis hin zu den einzelnen Arbeitsplätzen erwähnt werden, so wie sie bisweilen von Wissenschaftlern (z. B. von Dieter Schmidtchen) vorgeschlagen wurden. Hinter diesen Vorschlägen steht der Grundgedanke einer jeden Marktwirtschaft. Im Gegensatz zu einer zentralen Verwaltungswirtschaft kommt in einer Marktwirtschaft bei der Aufteilung der Ressourcen auf die einzelnen Verwendungsarten das Zusammenspiel einer Vielzahl von Einzelakteuren zum Tragen.

 

Der Liberalismus war der Überzeugung, dass eine staatliche Planwirtschaft überfordert ist, wenn sie Verrechnungspreise festzusetzen hat, welche den Knappheiten zu entsprechen haben. Nur der dezentrale Markt sei hierzu in der Lage. Es fragt sich nun, warum man diesen Grundgedanken der Unterlegenheit zentraler Pläne nicht auch auf die Unternehmungsebene übertragen kann. Auch die Unternehmungen werden von einer zentralen Unternehmungsebene aus geplant und gesteuert, auch hier entsteht die Frage, ob nicht auch eine unternehmerische Planungsbehörde von einer bestimmten Größe an der automatischen marktähn­lichen Koordination von Entscheidungen jedes einzelnen Arbeitnehmers unterlegen ist.

 

Der einzelne Arbeitnehmer wird in diesem Falle zum Selbständigen, der das Recht hat, an einem bestimmten Arbeitsplatz eigene Produktionsentscheidungen zu vollziehen. Die Aufgabe der Unternehmungen bestünde dann vorwiegend darin, den Maschinenpark mit den einzelnen Arbeitsplätzen zu errichten, zu verwalten und an Arbeitnehmer zu mieten.

 

Es fragt sich natürlich, wieweit sich solche Pläne einer radikalen Dezentralisierung technisch überhaupt realisieren lassen und nicht bereits an der Kompliziertheit der technischen Ausführung einer Produktion scheitern müssen.