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Volkswirtschaftslehre für Laien

 

 

 

 Gliederung:

 

  1. Genügt der gesunde Menschenverstand?

  2. Was heißt Wirtschaften?

  3. Wie funktioniert ein Markt?

  4. Ist von ‚Arbeitsmarkt‘ zu sprechen entwürdigend?

  5. Ist das Eigeninteresse moralisch verwerflich?

  6. Die Rolle des Wettbewerbs

  7. Umverteilung zu Lasten der Millionäre?

  8. Moral Hazard und Versicherung

  9. Von ideologischen Betrachtungsweisen

10. Können Werturteile wissenschaftlich bewiesen werden?

11. Die Rolle des Staates in einer sozialen Marktwirtschaft

12. Staatliche Planwirtschaft versus Marktwirtschaft

 

 

3. Wie funktioniert ein Markt?

 

Gliederung:

 

1. Zum Begriff Markt

2. Aufgaben eines Marktes

3. Die Existenz des Gleichgewichtes

4. Die Tendenz zum Gleichgewichtes

5. Missverständnisse

 

 

1. Zum Begriff Markt

 

Im Rahmen einer Marktwirtschaft spielt sicherlich der Markt die wichtigste Rolle bei der Erfüllung der wirtschaftlichen Ziele. Wir sind im vorhergehenden Kapitel dem Markt begegnet als eine Stätte des Zusam­men­treffens von Anbietern und Nachfragern. Hierbei kommt es allerdings nicht so sehr auf die räumliche Nähe der einzelnen Verkaufsstellen an, obwohl auch gerade dieser Nähe durchaus eine gewisse Rolle zukommt. Aber für das Vorhandensein eines Marktes ist es nicht Voraussetzung, dass die Waren der verschiedensten Anbieter an einem einzigen Platz angeboten werden. Viel entscheidender ist die Annahme, dass die Marktteilnehmer voneinander Kenntnis nehmen und sich wechselseitig beeinflussen.

 

In diesem Sinne versteht man unter einem Markt eine Institution, in der alle gehandelten Waren und Leistungen zusammengefasst werden. Tritt ein neuer Anbieter hinzu, dann beeinflusst dies zunächst die bereits vorhandenen Anbieter insofern, als das Angebot nun vergrößert ist und – sofern bisher Angebot und Nachfrage sich entsprachen–, nun bei gleichbleibendem Preis irgendein anderer Anbieter leer ausgeht. Es sind diese Konkurrenzbeziehungen untereinander, die den Markt ausmachen.

 

Eine Aktion des einen Marktpartners wird Reaktionen bei den anderen Markteilnehmern auslösen, weil das Verhalten des einen die Verkaufsaussichten des andern beeinflusst und weil das Verhalten auf der Marktgegenseite selbst wiederum die Position, in der dieser gegenüber dem Marktpartner gegenübertritt, verändert. Wird z. B. eine größere Menge als bisher angeboten, so kann der Käufer darauf hoffen, unter Umständen die Ware billiger zu bekommen, da der Anbieter befürchten muss, bei Verharren auf dem bisherigen Preis leer auszugehen. Es ist dieses Geflecht von Beziehungen, was den Markt charakterisiert.

 

Im Allgemeinen gehen wir davon aus, dass auf beiden Marktseiten mehrere Teilnehmer agieren. Das muss aber nicht sein. Ein Markt liegt auch schon dann vor, wenn sowohl auf der Angebotsseite als auch auf der Nachfrageseite nur ein Marktteilnehmer vorhanden ist. Wir sprechen hier vom bilateralen (zweiseitigen) Monopol. In praxi kommt sogar dieser Marktform eine ganz besondere Bedeutung zu, da praktisch die meisten Tarifverhandlungen nach diesem Muster ablaufen. Wir haben zumeist eine Gewerkschaft, welche die Arbeitnehmer vertritt und einen Arbeitgeberverband, welcher für die Unternehmungen die Verhand­lungen führt.

 

Trotz dieser Feststellung muss natürlich klar gesehen werden, dass der Liberalismus, welcher historisch gesehen für den Übergang zu einer Marktwirtschaft gekämpft hatte, von der Vorstellung ausging, dass ein Markt nur dann funktionieren kann und in der Lage ist, die Produktion an den Wünschen der Konsumenten auszurichten, wenn auf beiden Marktseiten ein intensiver Wettbewerb stattfindet. Nochmals: Ein Markt wird wesentlich davon bestimmt, dass Wechselbeziehungen sowohl über die Marktseiten hinweg, aber eben auch zwischen den Marktpartnern der gleichen Marktseite stattfinden und insofern hat ein Markt eine pathologische Form angenommen, wenn auf einer oder sogar auf beiden Marktseiten nur ein einziger Markteilnehmer die Marktseite bestimmt. Über die Rolle des Wettbewerbs in der Marktwirtschaft werden wir uns in einem eigenen Kapitel noch ausführlich beschäftigen.

 

Fragen wir uns nach weiteren Merkmalen eines Marktes. Im Allgemeinen werden auf einem Markt Waren angeboten und diese mit Geld nachgefragt. Aber auch hier wird man zwar davon ausgehen, dass eine geldwirtschaftliche Beziehung ganz eindeutig die Regel darstellt und dass auch hier wiederum davon gesprochen werden muss, dass ein reibungsloses Funktionieren eines Marktes nur bei monetären Beziehungen erwartet werden kann, aber rein formal ist das Zusammenkommen mehrerer Menschen, welche ihre Güter realiter tauschen möchten, ebenfalls bereits ein Markt. Auf einem Markt findet also unter Umständen ein Natural­tausch statt, in aller Regel allerdings ein Kauf und Verkauf von Waren gegen  Geld.

 

Ähnliche Überlegungen gelten auch für die räumliche und zeitliche Nähe der Tauschvorgänge. Wir sprachen von einem Marktplatz, auf dem an ganz bestimmten Tagen ein ‚Markt‘ stattfindet, man unterstellt also hier die räumliche und zeitliche Nähe, ein Markt findet eben in diesem engeren Sinne an einem bestimmten Platz und an bestimmten Tagen statt.

 

Aber auch hier ist die räumliche und zeitliche Nähe sicherlich keine notwendige Bedingung. Wir können sogar feststellen, dass der Verkauf von Waren und Dienstleistungen in aller Regel nicht auf solchen Marktplätzen stattfindet, der Konsument kauft seine Waren in aller Regel in einem Handelsgeschäft, wobei wir gesehen haben, dass die großen Warenhäuser einem Markt schon sehr ähnlich sind. Räumliche und zeitliche Nähe finden wir also nur in Ausnahmefällen auf Börsen und Messen, wobei auf Messen gar nicht so sehr der Verkauf im Vordergrund steht, sondern das Werben und  Bekanntmachen bestimmter Produkte.

 

Auch hier müssen wir einräumen, dass die räumliche und die zeitliche Nähe zwar keine wesentliche Voraus­setzung für das Vorliegen eines Marktes darstellen, dass aber das Funktionieren eines Marktes durch räumliche und zeitliche Nähe gefördert wird. Die wechselseitigen Beziehungen zwischen den Marktpartnern werden sicherlich durch räumliche und zeitliche Nähe maßgeblich gefördert. In dem Kapitel über die Bedeutung des Wettbewerbs werden wir in diesem Zusammenhang von vollkommenen Märkten sprechen.

 

 

2. Aufgaben eines Marktes

 

Was macht nun dieses Beziehungsgeflecht eines Marktes aus? Friedrich von Hayek sprach davon, dass die wichtigste Funktion eines Marktes in den Signalen liegt, welche von einem Markt ausgehen. Signale sind hier vor allem - aber keinesfalls ausschließlich – die Preise, wobei es weniger auf die absolute Höhe der Preise ankommt, sondern allein auf die Preisverhältnisse. Diese Preisstrukturen spiegeln die Knappheitsverhältnisse wieder und eine rationale Entscheidung der Marktteilnehmer ist nur bei Kenntnis dieser Knappheits­relationen möglich.

 

Man darf sich dieses Aufdecken der Knappheitsverhältnisse auch nicht zu einfach vorstellen. In die Preisstrukturen gehen im Grunde alle zur Verfügung stehenden Ressourcen, weiterhin all ihre Verwendungs­möglichkeiten und die unterschiedlichen Bedürfnisse ein. Wichtig ist hierbei, dass dieser Prozess der Preis­bildung simultan stattfindet. Die Knappheit eines Rohstoffes kann erst dann eindeutig festgestellt werden, wenn die Preise der Endprodukte bekannt sind, diese hängen aber selbst wiederum von den Preisen der Rohstoffe ab.

 

Hieraus erwachsen unmittelbar die wichtigsten Fragen, die es im Rahmen einer Markttheorie zu beantworten gilt. Bei welchem Preis werden die Waren verkauft und welche Gütermengen wechseln ihren Besitzer. Weiterhin: von welchen Bestimmungsgründen hängt es ab, zu welchem Preis ein Gut verkauft wird und welche Gütermengen gehandelt werden.

 

Hierbei gilt es zwischen dem langfristig geltenden Preis und einem nur kurzfristig geltenden Preis zu unterscheiden. Die Wirtschaftstheoretiker vor allem der Klassik sowie der Neoklassik waren im Grunde genommen nur an den langfristigen Preisen interessiert, an dem sogenannten Wert eines Gutes, wobei hierbei nur an die relativen Preisstrukturen, nur am Rande auch an die absolute Höhe eines Preises gedacht wurde.

 

Die Klassiker der Wirtschaftstheorie haben sich nur sehr wenig mit den Gründen für kurzfristige Preisschwankungen interessiert. Hierbei waren sie auch der Auffassung, dass für die Preisbildung unter­schied­liche Gesetzmäßig­keiten zum Zuge kommen, je nachdem, ob es sich um die kurzfristige oder langfristige Preisbestimmung handelt. Kurzfristig hänge der Preis von Angebot und Nachfrage ab, entstehe ein Angebotsüberhang, so löse dies Preissenkungen aus, während ein Nachfrageüberhang zu Preissteige­rungen führe. Es seien mehr oder weniger Zufälligkeiten, welche den kurzfristigen Preis bestimmen.

 

Von  Bedeutung seien nur die langfristig wirkenden Bestimmungsgründe eines Preises und die relative Höhe dieses Wertes eines Gutes werde durch die Höhe der Kosten bestimmt, welche zur Produktion dieses Gutes notwendig sind.

 

Die Neoklassiker haben diese Auffassung korrigiert, da es den Klassikern – vor allem David Ricardo – nicht gelungen war, überzeugend nachzuweisen, dass der langfristige Preis allein von den Produktionskosten bestimmt wird. Auch sie unterscheiden zwar zwischen kurzfristiger und langfristiger Sicht. Ihr Interesse gilt der Erklärung des Gleichgewichtspreises, bei dem sich Angebot und Nachfrage entsprechen. Nach Überzeugung der Neoklassiker tendiert ein freier Markt automatisch ohne politische Einflussnahme dazu, den Gleichgewichtspreis anzusteuern.

 

Dies ist im Sinne der Neoklassik der eigentlich langfristig gültige Preis, obwohl der Gleichgewichtspreis nichts darüber aussagt, wie lange ein solcher Preis anhält. Der Gleich­gewichtspreis wird von der Angebots- und Nachfragefunktion bestimmt und diese hinwiederum hängen von den Daten des wirtschaftlichen Handelns ab. Datenänderungen können sehr oft eintreten und von der Häufigkeit dieser Datenänderungen hängt es dann ab, wie lange tatsächlich ein Gleichgewichtspreis Bestand hat.

 

Es gilt dann im Wesentlichen zwei Fragen zu beantworten. Die erste Frage soll klären, ob es überhaupt einen Preis gibt, bei dem Angebot und Nachfrage übereinstimmen und bei welchem Preis und bei welcher Menge dieses Gleichgewicht möglich wird. Es ist dies die Frage nach der Existenz eines Gleichgewichtes.

 

Eine zweite Frage der neoklassischen Markttheorie gilt dem Problem, ob der Markt von einem beliebigen ungleichgewichtigen Ausgangspunkt aus in der Lage ist, sich dem Gleichgewichtspreis anzunähern. Es ist dies die Frage nach der Tendenz zum Gleichgewicht.

 

 

3. Die Existenz des Gleichgewichtes

 

Wenden wir uns zunächst der Frage nach der Existenz eines Gleichgewichtes zu. Wir betrachten hierzu ein Diagramm, auf dessen Abszisse die Gütermenge und auf dessen Ordinate der Güterpreis abgetragen wird. Wir beginnen unsere Untersuchung mit der Analyse des Angebotes.

 

Wir ordnen jedem möglichen Preis die Gütermenge zu, die bei diesem Preis von der Gesamtheit der anbietenden Unternehmer angeboten wird. Hierbei gehen wir davon aus, dass im normalen Fall eine Preissteigerung zu einer Ausweitung, eine Preissenkung hingegen zu einer Verringerung der angebotenen Gütermenge führt. Wir sprechen hierbei von der Annahme eines normalen Angebotsverhaltens. Diese Annahmen implizieren, dass die so entstehende Angebotskurve einen steigenden Verlauf nimmt.

 

 

 

Fragen wir uns, warum eine Preisvariation ein solches normales Verhalten bei den Anbietern auslöst. Wir unterstellen hierbei, dass der Unternehmer jeweils die Gütermenge anstrebt, bei der er einen größtmöglichen Gewinn erzielt, dass er aber den Preis, zu dem er seine Waren verkauft, nicht zu beeinflussen versucht.

 

Diese beiden Annahmen setzen einen intensiven Wettbewerb voraus. Der Wettbewerbsdruck sei so stark, dass ein Unternehmer stets Gefahr läuft, von den Konkurrenten aus dem Markt gedrängt zu werden, wenn er nicht jede mögliche Gewinnsteigerung ausnützt. Gleichzeitig bedeutet ein intensiver Wettbewerb, dass der Anteil eines einzelnen Unternehmers am Gesamtangebot so gering ist, dass er sich nicht in der Lage sieht, den Preis nachhaltig zu beeinflussen.

 

Wenn wir diese beiden Annahmen unterstellen (Gewinnmaximierung, Preis als Datum – man spricht hier auch von Mengenanpassung –), bestimmen die Kosten der Produktion weitgehend das Angebotsverhalten der Unternehmer. Wir haben uns also zunächst mit dem Verlauf der Kosten in Abhängigkeit zur produzierten Gütermenge zu befassen.

 

Es gehört nun zu den entscheidenden Erkenntnissen der neoklassischen Theorie, dass die Kosten mit wachsender Produktion nicht nur ansteigen, sondern dass auch die Kostenzuwächse (die sogenannten Grenzkosten) für jedes zusätzliche Produkt ansteigen. Wir sprechen hierbei vom Gesetz der steigenden Grenzkosten.

 

Diese Grenzkostenkurve zeichnen wir nun in unser Diagramm ein. Diese Kurve hat einen steigenden Verlauf. Der Einfachheit halber unterstellen wir einen linearen Verlauf dieser Kurve. In Wirklichkeit müssen wir allerdings davon ausgehen, dass diese Kurve einen gekrümmten Verlauf nimmt, dass die Produktion gar nicht unbegrenzt ausgeweitet werden kann, weil die Kosten ins unermessliche steigen würden, wollten wir die Produktion über die Kapazitätsgrenze hinaus ausdehnen. Die Schlussfolgerungen, die wir aus dieser Theorie ziehen, hängen jedoch nicht davon ab, ob diese Kurve linear oder gekrümmt verlauft, entscheidend ist allein, dass die Steigung positiv verläuft, dass also die Grenzkosten mit wachsender Produktion ansteigen.

 

Wir wollen nun das Verhalten eines Unternehmers untersuchen und unterstellen, dass dieser Unternehmer bisher die Gütermenge X1 produziert und angeboten hätte. Er überlege sich, ob die Ausweitung des Angebotes um eine Einheit seinen Gewinn vergrößern würde. Der Gewinn eines Unternehmers ergibt sich stets aus der Differenz zwischen Erlösen und Kosten, eine Gewinnsteigerung ist also genau dann zu erwarten, wenn der Erlöszuwachs größer ausfällt als die Kostenzuwächse.

 

Wenn unser Unternehmer eine Einheit mehr anbietet, so erhält er für dieses zusätzliche Produkt den Preis als Erlöszuwachs. Der Kostenzuwachs, die Grenzkostenhöhe ist an der Grenzkostenkurve abzulesen. Solange der Preis höher liegt als die Grenzkosten, wird durch die Mehrproduktion einer Gütereinheit ein Gewinnzuwachs erzielt. Erst dann, wenn Preis und Grenz­kosten zusammenfallen, ist das Gewinnmaximum erreicht, eine weitere Ausdehnung der Produktion wäre mit einem Rückgang im Gewinn verbunden, da ja dann die Kostenzuwächse (Grenzkosten) höher wären als die Erlöszuwächse (der Grenzerlös). Diese Überlegungen zeigen, dass unter den gemachten Annahmen die Angebotskurve mit der Grenzkostenkurve zusammenfällt.

 

Fragen wir uns nun nach dem Verlauf der Nachfragekurve. Sie ordnet jedem möglichen Preis eine bestimmte Nachfragemenge zu. Hier wird unterstellt, dass im normalen Falle eine Preissenkung zu einer Ausweitung, eine Preissteigerung hingegen zu einer Verminderung der Nachfrage führt. Also unterstellen wir im Normalfall eine negativ geneigte Kurve.

 

Auch hier haben wir zu klären, warum im Normallfall mit diesem Verlauf der Nachfragekurve zu rechnen ist. Genauso wie wir beim Angebot die Kosten der Produktion für die jeweilige angebotene Menge verantwortlich machten, hängt die Entscheidung der Nachfragenden von dem Nutzen ab, den die konsu­mierten Güter hervorrufen. Wir haben also nach dem Verlauf der Nutzen in Abhängigkeit der konsumierten Gütermenge zu fragen.

 

Hier geht die traditionelle Theorie davon aus, dass ein vermehrter Konsum zu einer Steigerung des Nutzens, aber zu einem immer geringer werdenden Nutzenzuwachs (den sogenannten Grenznutzen) führt. Wir sprechen hier vom Gesetz des abnehmenden Grenznutzens. Die Grenznutzenkurve verläuft somit fallend. Wiederum wollen wir aus Vereinfachungsgründen von einem linearen Verlauf dieser Grenznutzenkurve ausgehen, obwohl in Wirklichkeit wiederum damit gerechnet wird, dass die Grenznutzenfunktionen gekrümmt verlaufen.

 

 

 

Wovon hängt es nun ab, ob ein Konsument seine Nachfrage ausweitet? Genauso wie wir bei den Unterneh­mern unterstellt haben, dass sie ihren Gewinn zu maximieren versuchen, sei hier unterstellt, dass die Haushalte bestrebt sind, ein Maximum an Nutzen zu erzielen. Da unter Nutzen die unterschiedlichsten Zielsetzungen und Bedürfnisse verstanden werden können, besagt diese Annahme nicht viel mehr, als dass sich die Konsumenten rational verhalten.

 

Wir wollen nun unterstellen, dass unser Haushalt eine bestimmte Menge des untersuchten Gutes nachfragt und dass sich die Haushaltsmitglieder darüber Gedanken machen, ob eine Mehrnachfrage einer Einheit eine Nutzensteigerung bringt. Wiederum hängt die Antwort davon ab, welche Nutzen- und welche Kosten­steigerungen mit dieser Entscheidung verbunden sind. Als zusätzliche Kosten des Ankaufs einer zusätzlichen Gütereinheit fällt gerade der Güterpreis an, die Höhe des Nutzenzuwachses kann an der Grenznutzenkurve abgelesen werden.

 

Solange nun der Nutzenzuwachs größer ist als der zu zahlende Preis, solange lohnt es sich für den Haushalt seine Nachfrage auszuweiten. Er wird sein Nutzenmaximum genau bei der Menge finden, bei welcher der Grenznutzen gerade dem Preis entspricht. Dies bedeutet aber auch, dass die Nachfragekurve mit der Grenz­nutzenkurve zusammenfällt.

 

Wir sind nun in der Lage, die Frage nach der Existenz eines Gleichgewichtes zu beantworten. Ein Gleich­gewichtspreis existiert genau dann, wenn es einen Preis gibt, bei dem die angebotene und nachgefragte Gütermenge übereinstimmen. Dies ist aber genau dort der Fall, wo sich die Angebotskurve mit der Nachfrage­­kurve schneidet. Nur dann, wenn beide Kurven keinen gemeinsamen Schnittpunkt aufweisen, gibt es keinen Gleichgewichtspreis.

 

 

 

Wir sehen nun, wie wichtig es ist, dass sich Angebot und Nachfrage normal verhalten. Unter dieser Annahme kann nämlich davon ausgegangen werden, dass es in aller Regel einen Gleichgewichtspunkt gibt, nur in Ausnahmefällen muss damit gerechnet werden, dass es gar keinen Preis gibt, bei dem ein Gleichgewicht eintritt.

 

Fragen wir uns kurz, wie man sich denn den Verlauf beider Kurven vorstellen muss, wenn kein Gleich­gewicht existiert. Der wohl wichtigste Fall dürfte dann gegeben sein, wenn beide Reaktionskurven vollkom­men parallel zur Ordinatenachse verlaufen. Es wird eine ganz bestimmte Menge eines Gutes nachgefragt und angeboten, unabhängig, wie hoch der Preis ist.

 

Hier gibt es ex definitione keinen Schnittpunkt beider Kurven. Denkbar wäre dies bei der Nachfrage nach lebenswichtigen Gütern, wobei allerdings ab einem bestimmten Preis die Nachfrage wiederum zurückgehen müsste, schließlich kann niemand auf lange Sicht mehr für Güter ausgeben als er an Einkommen verfügt.

 

Eine zur Ordinatenachse verlaufende parallele Angebotskurve liegt in all den Fällen vor, in denen eine Lagerung nicht möglich ist, in denen also die Ware ungenießbar wird und bei Nichtverkauf unter Umständen höhere Kosten anfallen würden.

 

Trotzdem werden die Reaktionskurven wohl kaum auf lange Sicht vollkommen starr sein, also auf Preisänderungen nicht reagieren. Aber es ist mit der Möglichkeit zu rechnen, dass die Reaktionen so geringfügig sind, dass der Schnitt­punkt beider Kurven in einem Bereich liegt, der aus praktischen Gründen gar nicht möglich ist. So könnte der Schnittpunkt erst bei einem negativen Preis oder bei einer negativen Menge liegen, beides ist in unserer realen Welt ausgeschlossen. Oder aber der Schnittpunkt wäre nur bei so hohen Preisen oder Mengen zu erreichen, welche aufgrund stets begrenzter Ressourcen gar nicht realisiert werden können.

 

 

 

Schließlich könnte man noch den Fall erwähnen, dass beide Reaktionskurven parallel zur Abszissenachse verlaufen, auch hier gibt es keinen Schnittpunkt beider Kurven. Dieser Fall ist jedoch fast ausgeschlossen. Er unterstellt ja, dass jede beliebige Menge gekauft würde, was schon deshalb unmöglich ist, da niemand über unendlich hohes Einkommen verfügt. Aus ähnlichen Gründen kann auch ausgeschlossen werden, dass ein Anbieter jede beliebige Menge anbietet, die Produktionskapazität setzt immer gewisse Grenzen der Produktion.

 

Wir haben oben gesehen, dass bei Normalität des Marktverhaltens ein Schnittpunkt beider Kurven wahr­schein­lich wird. Allerdings ist der normale Verlauf beider Kurven keine Voraussetzung dafür, dass ein Gleichgewicht existiert. Denkbar wäre ja auch ein Schnittpunkt beider Kurven bei anomalen Verhalten der Marktpartner (siehe unten aufgeführtes Diagramm). Wir werden allerdings im nächsten Abschnitt sehen, dass die Normalität sehr wohl eine Voraussetzung dafür darstellt, dass mit wenigen Ausnahmen eine Tendenz zum Gleichgewicht nur dann besteht, wenn sich die Marktpartner normal verhalten.

 

 


 

4. Die Tendenz zum Gleichgewichtes

 

Wir kommen nun zu der Frage, unter welchen Bedingungen denn auch von einem beliebigen Ausgangspunkt aus eine Tendenz hin zu dem Gleichgewichtspreis besteht. Neben der Annahme einer normalen Angebots- und Nachfragereaktion auf Preisänderungen müssen wir nun zusätzlich annehmen, dass auch die Preise auf Ungleichgewichte normal reagieren. Unter einer normalen Preisflexibilität verstehen wir eine Preisvariation, welche bei einem Nachfrageüberhang eine Preiserhöhung, bei einem Angebotsüberhang hingegen eine Preis­senkung auslöst.

 

Wie haben wir uns dieses Verhalten zu erklären? Wenn die Nachfrage das Angebot übersteigt, müssen die Nachfrager befürchten, leer auszugehen. Sie sind deshalb zu einem höheren Preis bereit. Sie erzielen hierdurch zwar einen geringeren Nutzen als bei dem bisher niedrigeren Preis, der Nutzen ist aber immer noch bei einem höheren Preis höher als dann, wenn sie gar nicht mehr zum Zuge kommen.

 

Analog hierzu gilt, dass bei einem Angebotsüberhang die Anbieter befürchten müssen, auf ihren Waren sitzen zu bleiben. Sie werden deshalb zu Preisnachlässen bereit sein. Auch hier ist der Gewinn zwar geringer als wenn der bisherige Preis erzielt werden könnte, der Gewinn ist aber immer noch höher, als wenn sie auf ihren Waren sitzen bleiben würden.

 

Wir wollen nun zwei Fälle unterstellen. Im Fall eins nehmen wir an, dass der aktuelle Preis über dem Gleichgewichtspreis liegt. Betrachten wir hierzu unten stehende Graphik.

 

 

 

Wir gehen von einem aktuellen Preis p1 aus. Es besteht ein Angebotsüberhang. Deshalb wird bei einer normalen Preisreaktion der Preis fallen. Da wir auch ein normales Angebotsverhalten unterstellt haben, wird das Angebot reduziert. Normales Nachfrageverhalten führt gleichzeitig zu einer Ausweitung der Nachfrage. Beide Reaktionen bewirken eine Reduzierung des Angebotsüberhangs. Da nun die Preissenkung solange anhält als noch ein Angebotsüberhang besteht, dauert der Gleichgewichtsprozess bis zur vollständigen Beseitigung des Ungleichgewichtes. Hier besteht also eine Tendenz zum Gleichgewicht.

 

Nehmen wir nun den zweiten möglichen Fall an, dass der aktuelle Preis unterhalb des Gleichgewichtspreises liegt. Betrachten wir hierzu die untenstehende Graphik:

 

 

Der aktuelle Preis liegt bei p1, also unterhalb des Gleichgewichtspreises. Wie das Diagramm zeigt, wird bei diesem Preis ein Nachfrageüberschuss erzielt. Normale Preisreaktion unterstellt wird also der Preis steigen. Bei normalem Angebotsverhalten wird deshalb das Angebot ebenfalls steigen, bei normalem Nachfrage­verhalten wird hingegen die Nachfrage zurückgehen. Beide Reaktionen bewirken einen Abbau des Nachfra­ge­­überhanges. Wiederum gilt, dass dieser Prozess solange stattfindet, bis schließlich das Gleichgewicht wiederhergestellt ist.

 

Da wir mit diesen beiden Fällen jede denkbare Möglichkeit eines Ungleichgewichtes diskutiert haben, kommen wir zu dem Ergebnis, dass unter den gemachten Annahmen der Markt automatisch eine Tendenz zum Abbau von Ungleichgewichten hat.

 

Was gilt jedoch für den Fall anomalen Verhaltens? Beginnen wir zunächst mit dem Fall, dass sich Angebot und Nachfrage anomal verhalten, dass aber die Preisreaktion normal verläuft. In diesem Falle zeigt die untenstehende Graphik, dass der Marktprozess weg vom Gleichgewicht führt. Die erste Graphik bezieht sich auf einen Ausgangszustand, bei dem der aktuelle Preis über dem Gleichgewichtspreis liegt.

 

 

 

 

Die zweite Graphik bezieht sich auf einen Ausgangszustand, bei dem der aktuelle Preis unterhalb des Gleich­gewichts­preises liegt.

 

 

 

Wenden wir uns nun denjenigen Fällen zu, bei denen sich nur die eine Marktseite anomal, die andere hingegen normal verhält. Hier ist die Antwort nicht ganz genau so eindeutig. Es gibt Fälle, bei denen trotz Anomalität der einen Marktseite trotzdem eine Gleichgewichtstendenz vorhanden bleibt. Dies ist immer dann der Fall, wenn die Steigung der normal reagierenden Marktseite in absoluten Größen berechnet größer ausfällt als die der anomalen Marktseite. Sobald jedoch die anomale Marktseite eine größere Steigung aufweist, führt der Marktprozess zu einer Vergrößerung des Ungleichgewichtes. Machen wir uns diese Zusammenhänge an einem Beispiel klar.

 

Wir unterstellen, dass das Angebot anomal reagiere, dass seine Steigung aber in absolutem Sinne kleiner sei als die der normal reagierenden Nachfrageseite und dass schließlich der aktuelle Preis über dem Gleichge­wichts­preis liege. Man beachte hier, dass die kleinere Steigung des Angebotes bedeutet, dass die Mengenreaktion auf eine Preissenkung um ein Prozent geringer ausfällt als bei der Nachfrage. Optisch gesehen verläuft die Angebotskurve in unserem Diagramm steiler, aber hierauf kommt es in unserem Beispiel nicht an.

 

Folgendes Diagramm zeigt, dass in diesem Falle trotz Anomalität eine Gleichgewichts­tendenz besteht. Wir haben einen Angebotsüberhang, dies bewirkt eine Preissenkung und damit eine Tendenz zum Gleichgewicht.

 

 

 

Wenn wir allerdings unterstellt hätten, dass die Steigung der anomalen Angebotskurve steiler im absoluten Sinne verlaufen würde als die Steigung der normalen Nachfragekurve, ergäbe sich in diesem Falle eine Bewegung weg vom Gleichgewichtspreis. Wir hätten nämlich hier einen Nachfrageüberhang, dieser würde eine Preissteigerung auslösen und sich damit weg vom Gleichgewicht bewegen.

 

 

 

 

Von der Möglichkeit, dass auch die Preise anomal auf Ungleichgewichte reagieren, wollen wir hier absehen, rationales Verhalten unterstellt dürfte eine solche Reaktion auch gar nicht erwartet werden. Wohl ist es möglich und auch sehr häufig der Fall, dass Preisreaktionen kurzfristig ausbleiben, z. B. wegen Kündigungs­fristen. Dies bedeutet dann einfach, dass in dieser Zeit überhaupt keine Gleichgewichtstendenzen stattfinden, aber nicht etwa, weil der Markt versagt, sondern deshalb, weil der Gesetzgeber keine normalen Reaktionen der Marktpartner zulässt.

 

 

5. Missverständnisse

 

Wir wollen zum Abschluss dieses Kapitels auf einige Missverständnisse hinweisen. Die Gleichgewichtstheorie will nicht behaupten, dass sich die Märkte immer oder auch nur in den meisten Fällen oder sogar nur häufig im Gleichgewicht befinden. Faktisch sind die Märkte kaum oder nur rein zufällig und auch nur vorübergehend im Gleichgewicht. Dies widerspricht jedoch keineswegs der neoklassischen Gleichgewichts­theorie. Diese will überhaupt keine Aussage darüber machen, wie häufig mit gleichgewichtigen Märkten zu rechnen ist. Sie beschränkt sich auf die Aussage, dass von Ungleichgewichten automatisch Tendenzen ausgehen, die auf einen Abbau der Ungleichgewichte hinwirken. Negativ ausgedrückt besagt die Gleichge­wichts­theorie, dass im Normalfall (!) keine Kumulation von Ungleichgewichten stattfindet, welche – wenn sie vorliegen würde – irgendwann einmal zum Zusammenbruch des Marktes führen müsste.

 

Diese Feststellung ist für das Wirken von Märkten von entscheidender Bedeutung. Wir können zwar davon ausgehen, dass die einzelnen Marktteilnehmer über ein mehr oder weniger großes Vermögenspolster verfügen, welches ihnen gestattet, vorübergehende Ungleichgewichte in Form von Verlusten einstecken zu können. Kein privates Vermögen ist aber so groß, dass Verluste über sehr lange Zeit hinweg ausgehalten werden können, über kurz oder lang macht jede Unternehmung, welche über längere Zeit Verluste erwirtschaftet, Konkurs.

 

Wie groß im Einzelnen das Ungleichgewicht eines Marktes ist, hängt von dem Verhältnis der Ungleichgewicht erzeugenden und der Ungleichgewicht abbauenden Kräfte ab. Datenänderungen wie technischer Fortschritt, Bedarfsanpassungen, Entdeckung neuer Rohstoffvorkommen lösen ein mehr oder weniger großes Ungleich­gewicht aus. Wie stark innerhalb einer Periode diese Ungleichgewichte abgebaut werden, hängt dann von der Elastizität von Angebot und Nachfrage und der Preisflexibilität ab. Es ist also durchaus möglich, dass de facto das Ungleichgewicht innerhalb einer Periode nicht abgebaut wird oder dass es sogar ansteigt, obwohl die Preise flexibel auf Ungleich­gewichte reagieren und gleichzeitig Angebot und Nachfrage sehr elastisch auf Preisvariationen reagieren.

 

Ein zweites Missverständnis geht von der Annahme aus, die Gleichgewichtstheorie käme zu dem Ergebnis, dass Ungleichgewichte unerwünscht seien und deshalb so weit wie immer nur möglich vermieden werden sollten. An dieser Aussage ist nur richtig, dass von einem Ungleichgewicht in der Tat partiell Anpassungs­verluste ausgehen. Solange das neue Gleichgewicht noch nicht erreicht ist, entsprechen die tatsächlichen Preisverhältnisse nicht den Knappheitsverhältnissen, sodass während dieser Zeit eine suboptimale Ressour­cen­­verwendung stattfindet. Gleichzeitig haben wir aber gesehen, dass diese Ungleichgewichte durch Daten­änderungen ausgelöst wurden, die zumindest zum Teil wohlfahrtssteigernd wirken.

 

Nun wird man auch nicht voreilig den Schluss ziehen können, dass es erwünscht sei, das Ausmaß der Datenänderungen zu reduzieren. Ungleichgewichte lösen zwar immer Anpassungsverluste aus, diese werden jedoch durch zahlreiche Datenänderungen mehr als wettgemacht. Auch gilt es zu bedenken, dass von vorübergehenden Verlusten auch Anreize ausgehen, nach technischen Erneuerungen Ausschau zu halten.

 

Viel entscheidender ist die Tatsache, dass von ein und derselben Datenänderung ein unterschiedlich großes Ungleichgewicht ausgeht. Nehmen wir als Ausgangspunkt einen Kurssturz an der Börse. Haben wir eine Vielzahl von kleineren und mittleren Unternehmungen – ist also das Angebot atomisiert –, so kann davon ausgegangen werden, dass auf das gleiche Ereignis von den einzelnen Marktbeteiligten sehr unterschiedlich reagiert wird, die einen befürchten, dass in Zukunft weitere Kursverluste eintreten, sie werden Wertpapiere verkaufen, andere Unternehmungen vertrauen darauf, dass die Kurse über kurz oder lang wieder anziehen, sodass es sich sogar lohnt, Wertpapiere aufzukaufen um sie später mit Kursgewinn wieder verkaufen zu können.

 

Hier kompensieren sich die einzelnen Aktionen. Auf jeden Fall kann davon ausgegangen werden, dass sich in diesem Falle die Reaktionen auf eine größere Zeitspanne verteilen, dass die einen unmittelbar, die anderen erst mit einer gewissen Verzögerung reagieren. Je weniger Teilnehmer das Feld beherrschen, umso größer ist die Gefahr, dass zur gleichen Zeit und auch in die gleiche Richtung agiert wird. Besonders Ungleichgewichts belastend sind alle Maßnahmen, welche vom Staat ausgehen, weil sie Aktionen von den wirtschaftlichen Akteuren zumeist zur gleichen Zeit und in die gleiche Richtung nach sich ziehen.