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Volkswirtschaftslehre für Laien

 

 

 

 Gliederung:

 

  1. Genügt der gesunde Menschenverstand?

  2. Was heißt Wirtschaften?

  3. Wie funktioniert ein Markt?

  4. Ist von ‚Arbeitsmarkt‘ zu sprechen entwürdigend?

  5. Ist das Eigeninteresse moralisch verwerflich?

  6. Die Rolle des Wettbewerbs

  7. Umverteilung zu Lasten der Millionäre?

  8. Moral Hazard und Versicherung

  9. Von ideologischen Betrachtungsweisen

10. Können Werturteile wissenschaftlich bewiesen werden?

11. Die Rolle des Staates in einer sozialen Marktwirtschaft

12. Staatliche Planwirtschaft versus Marktwirtschaft

 

 

 

2. Was heißt Wirtschaften?

 

Gliederung:

 

1. Problemeinführung

2. Ein Rundgang durch wirtschaftliche Stätten

3. Knappheit als Voraussetzung

4. Mehrverwendbarkeit

5. Fehlende Konsumreife

 

 

 

1. Problemeinführung

 

Wir wollen uns in diesem Kapitel mit der zentralen Frage jeder Wirtschaftswissenschaft befassen, nämlich mit der Frage, was man denn überhaupt unter ‚Wirtschaften‘ versteht. Gibt es überhaupt ein zentrales Problem, das immer angesprochen ist, wenn man von Wirtschaft oder vom Wirtschaften spricht. Muss lediglich eine Bedingung erfüllt sein, damit man von Wirtschaften spricht oder müssen mehrere Voraus­setzungen zusammenfallen?

 

Weiter: Besteht überhaupt innerhalb der Wirtschaftswissenschaft Einigkeit darüber, was als Wirtschaft zu gelten hat, hat sich dieser Begriff im Verlaufe der Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehr­meinungen gewandelt, hängt die Rolle, die das Wirtschaften erfüllt, vielleicht selbst wiederum davon ab, auf welcher Entwicklungsstufe die Menschen jeweils stehen?

 

Welchen Stellenwert hat denn das Wirtschaften innerhalb unserer Gesellschaft? Gibt es etwa eine eindeutige Rangordnung der einzelnen Gesellschaftssysteme in dem Sinne, das an oberster Stelle das kulturelle System steht, dass dann die jeweilige politische Ordnung kommt und dass das Wirtschafts­system an unterster Stelle steht, das vielleicht nur eine dienende Rolle einnimmt und nur darin seine Existenz­berechtigung erfährt, dass es notwendig ist, um die übergeordneten Ziele der Politik und des kulturellen Systems zu realisieren?

 

Oder müssen wir mit Marx davon ausgehen, dass die eigentlichen bewegenden Kräfte von den materiellen Gegebenheiten bestimmt werden und dass die Ideen und Meinungen nur einen ideolo­gischen Überbau darstellen, den die jeweiligen Führungskräfte zur Verteidigung ihrer Interessen einsetzen?

 

Wir wollen in diesem Kapitel dieses recht schwierige Problem so angehen, dass wir in einem ersten Schritt sozusagen einen Rundgang im Geiste durch die einzelnen gesellschaftlichen Einrichtungen unternehmen und jeweils überprüfen, ob die einzelnen besuchten Stätten eindeutig dem wirtschaftlichen Bereich zugeordnet werden können, welche anderen Einrichtungen auf jeden Fall als nichtwirt­schaftlich eingestuft werden müssen und ob die Zuordnung unter Umständen strittig ist und vielleicht von dem Standpunkt abhängt, den wir einnehmen?

 

Wir wollen dann die einzelnen zentralen Begriffe einer jeden Theorie, welche sich mit der Notwendigkeit des Wirtschaftens befasst, etwas ausführlicher behandeln, es werden in diesem Zusammenhang die Rolle der Knappheit, der Mehrverwendbarkeit der materiellen Ressourcen sowie der Zuführung der einzelnen Güter zur Konsumreife diskutiert.

 

 

2. Ein Rundgang durch wirtschaftliche Stätten

 

Beginnen wir also damit, dass wir im Geiste die unterschiedlichen gesellschaftlichen Einrichtungen unserer Gemeinde aufsuchen und uns jeweils fragen, inwieweit wir in diesen Einrichtungen eine wirtschaftliche Stätte sehen oder bei anderen Stätten eindeutig der Meinung sind, dass sie eben nicht als wirtschaftliche Einrichtungen angesehen werden können. Wir fragen danach, was denn den Stätten, die wir als wirtschaft­liche Einrichtungen erkannt haben, gemeinsam ist und in welchen Punkten wiederum Unterschiede bestehen, die aber dennoch nicht für so groß gehalten werden, dass wir trotzdem von wirtschaftlichen Stätten sprechen können.

 

Wir besuchen als erstes eine Bäckerei sowie eine Fabrik, in welcher Kugellager der verschiedensten Art und Größe hergestellt werden. Es besteht unter den Besuchern wohl Einigkeit darüber, dass beide Einrichtungen eindeutig als wirtschaftliche Stätten bezeichnet werden können. Das Backen von Brot und Kuchen findet in einem handwerklichen Betrieb statt, während die Unternehmung, in welcher Kugellager hergestellt werden, einen industriellen Betrieb darstellt.

 

Beiden Einrichtungen ist gemeinsam, dass es sich hierbei um Produktions­stätten handelt, in denen Güter hergestellt werden und es besteht weiterhin Einigkeit darüber, dass damit der wohl wichtigste und auch größte Teil wirtschaftlicher Einrichtungen überhaupt angesprochen ist. Beide Unternehmungen machen weiterhin deutlich, dass sie nach der Art der Produktion eingeteilt werden können und dass zu den wichtigsten Wirtschaftszweigen unserer modernen Gesellschaft die handwerkliche  sowie die industrielle Produktion gezählt werden.

 

Hierbei wird bei der handwerklichen Produktion der Handarbeit und Handfertigkeit noch eine entscheidende Rolle zuerkannt, auch dann, wenn heutzutage in Bäckereien eine ganze Reihe Maschinen und andere Geräte eingesetzt werden. Das wichtigste Merkmal eines industriellen Betriebes liegt dann darin, dass hier der Einsatz von Maschinen im Mittelpunkt der Produktion steht.

 

Wir wollen nun unterstellen, dass gerade in dem Augenblick, in dem wir den industriellen Betrieb aufgesucht haben, bei der Produktion eine Panne passiert sei, dass ein beachtlicher Teil der Kugellager schwerwiegende Mängel aufweist. Ein Ingenieur dieses Betriebes habe nach den Ursachen dieser Mängel Ausschau gehalten und schlage nun vor, dass ein ganz neues Verfahren Anwendung finden müsse.

 

Auch hier sind sich die Besucher zwar einig, dass die Frage nach der richtigen technischen Methode im Mittelpunkt jeder Produktion steht und nicht nur ausnahmsweise dann, wenn bei der Produktion Mängel auftreten. Dieses Übergewicht der technischen Fragen hat dann auch bei einer Reihe von Unternehmungen dazu geführt, dass an der Spitze der Unternehmung ein Ingenieur und nicht ein Ökonom steht. Meinungsverschiedenheiten unter den Besuchern treten jedoch im Hinblick auf die Frage auf, ob das hier diskutierte inblickProblem wirklich ein wirtschaftliches Problem darstellt oder nicht doch eigentlich als technisches, naturwis­sen­schaftliches Problem angesehen werden müsste.

 

Bezeichnender Weise war es ein Ingenieur, welcher die Ursache des Problems untersucht hatte und hierauf den Vorschlag unterbreitete, ein anderes technisches Verfahren anzuwenden. Es erhebt sich hier die Frage, ob dann, wenn es sich um ein wirtschaft­liches Problem gehandelt hätte, nicht ein in Wirtschaftswissenschaft ausgebildeter Akademiker hätte zu Rate gezogen werden müssen. Sicherlich hätte dann, wenn tatsächlich ein Ökonom herangezogen worden wäre und die gleiche Ursache vorgelegen hätte, dieser zumindest in seiner Eigenschaft als Ökonom keine geeigneten Vorschläge  zu dem vorliegenden Problem machen können.

 

Es wäre allerdings ein voreiliger Schluss, wenn wir aus diesen Vorfällen den Schluss ziehen wollten, dass immer dann, wenn technische Verfahren zur Diskussion stehen würden, es sich dann um technische und nicht wirtschaftliche Probleme handeln würde.

 

Um diese Zusammenhänge besser zu erkennen, wollen wir unterstellen, dass bei unserem Besuch im Kugellagerbetrieb nicht etwa aufgrund mangelhafter Kugellager, sondern aus ganz anderen Gründen die Forderung erhoben wurde, zu einem anderen technischen Verfahren überzugehen. Ein Vorstandassistent wäre nämlich aufgrund einer internen Überprüfung zu dem Ergebnis gekommen, dass man beachtliche Kosten einsparen könnte, wenn man das bisherige Verfahren aufgebe und zu einem anderen technischen Verfahren übergehe.

 

Einen solchen Vorschlag hätte vermutlich der Ingenieur zumindest nicht aufgrund seiner Ausbildung machen können, zu Recht kam der Vorschlag von einem Vorstandsassistenten, der – so wollen wir unterstellen – ein wirtschaftswissenschaftliches Studium absolviert hatte.

 

Offensichtlich hat die Tatsache, dass bei einem im Betrieb aufgetretenem Problem Kosteneinsparungen eine entscheidende Rolle spielten, dazu beigetragen, dass wir hier wiederum von einem wirtschaftlichen Problem sprechen. Allerdings ist noch keinesfalls geklärt, warum denn eigentlich Probleme, bei denen es um Kosten oder ganz generell Geldgrößen handelt und bei denen Bemühungen bestehen, diese zu reduzieren, als wirtschaftlich eingestuft werden. Diese Frage muss also später noch einmal aufgeworfen werden.

 

Wir fahren in unserem Rundgang fort und besuchen eine Theateraufführung. Die Frage, ob es sich hierbei um eine wirtschaftliche Stätte handelt, werden die meisten Besucher verneinen, sie weisen das Theater in die Kategorie kultureller Stätten ein. Auch hier fehlt uns zunächst die nähere Begründung für diese Ent­scheidung. Man wird geneigt sein, dass man kulturelle Veranstaltungen im moralischen Sinne als sehr viel höher einstuft als dies für die meisten wirtschaftlichen Stätten zu gelten hat.

 

Aber diese Begründung kann nicht überzeugen. Denn unterstellen wir einmal, dass es sich bei unserem Theater­besuch nicht um ein klassisches Stück gehandelt habe, dass ein Stück eines Tingeltangel-Theaters mit fragwürdigem Wert aufgeführt werde. Dann müssten wir – ginge es uns nur um die bewertende Einstufung – diese Aufführung als nicht kulturell bezeichnen. Umgekehrt müssten wir aber auch bei einem Handwerks­betrieb, der sich auf Holzschnitzereien spezialisierte, von einem kulturellen Betrieb sprechen, falls dem Handwerkmeister eine künstlerisch wertvolle Figur gelungen ist. Aber eine solche Einteilung kann sicherlich nicht befriedigen.

 

Man könnte natürlich auch darauf hinweisen, dass in einer wirtschaftlichen Unternehmung in aller Regel Waren angefertigt werden, während im Theater Texte vorgetragen und gespielt werden. Will man für diese Tätigkeiten einen wirtschaftlichen Begriff heranziehen, so könnte man von Leistungen sprechen. Aber sofort wird diese Einteilung fragwürdig. Es mag zwar sein, dass vor 50 - 60 Jahren Unternehmungen fast aus­schließlich Waren produziert haben, in der Zwischenzeit stieg jedoch die Zahl der wirtschaftlichen Unterneh­mungen, welche Leistungen (Dienstleistungen) anbieten, rapide an, in einigen besonders hoch entwickelten Volkswirtschaften wie die USA oder auch die BRD übersteigt sogar der Anteil der Dienstleistungen an der wirtschaftlichen Wertschöpfung den der Industrie. Also müssen wir die Beantwortung auch dieser Frage auf später vertagen.

 

Wir überqueren in unserem geistigen Rundgang den Marktplatz, wo gerade der Wochenmarkt abgehalten wird, wir sehen eine Vielzahl von Händlern, die ihre Waren feilbieten. Wiederum dürfte Einigkeit darüber bestehen, dass wir diese Einrichtung dem wirtschaftlichen Bereich zuordnen, schließlich hat die Einrichtung des Marktes den Namen für unser gesamtes Wirtschaftssystem (Marktwirtschaft) abgege­ben.

 

Bei den bisher besuchten Stätten konnten wir feststellen, dass Waren angefertigt (produziert) wurden und vielleicht war der eine oder andere der Besucher versucht, die Produktion als eine notwendige Voraussetzung dafür zu halten, dass es sich um wirtschaftliche Aktivitäten handelt. Es hat nun den Anschein, als ob auf dem Markt diese Aktivitäten nicht beobachtet werden können. Es werden auf dem Markt bereits fertig produzierte Waren zum Verkauf angeboten, aber offensichtlich keine Waren produziert.

 

Die Wirtschaftswissenschaft ist nun schon lange dazu übergegangen, eine ganz andere Definition für den  Begriff ‚Produktion‘ zu verwenden als in diesem Urteil zum Vorschein kommt. Als produktive Leistung werden alle Aktivitäten bezeichnet, welche dazu beitragen, dass der Endverbraucher die Güter, welche er erwerben will, auch konsumieren kann. Man sieht deshalb den wirtschaftlichen Kern einer Produktion in der Herbei­führung einer Konsumreife eines Gutes. Alles, was also dazu beiträgt, dass der Endverbraucher ein bestimmtes Gut konsumieren kann, was ihn zu der Möglichkeit des Konsums hinführt, trägt zur Konsum­reife bei und wird deshalb als Produktion im weiteren Sinne des Wortes bezeichnet.

 

Gehen wir von diesem Begriff aus, so hat auch der Händler, dem wir auf dem Markt begegnet sind, vielfältige Aufgaben der Produktion übernommen. So hat der Händler erstens dem Verbraucher die mühsame und auch kostspielige Suche eines geeigneten Unternehmers, der das gesuchte Produkt (technisch) angefertigt hat, abgenommen. Er hat zweitens die Ware vom Standort des Produzenten bis zum Standort des Verbrauchers (hier des Marktes) – wiederum unter Aufwendung von Kosten – gebracht. Er hat drittens unter Umständen die Ware zwischengelagert, wenn der Konsum erst in einem späteren Zeitpunkt nach Abschluss der Produktion erfolgen soll. Er ist viertens auch der Ansprechpartner, wenn die Ware Mängel aufweist, sodass sich der Käufer nicht an den Produzenten zu wenden braucht. Er kann fünftens unter Umständen den Kunden beraten, in dem er auf die Eigenarten dieser Ware hinweist und diese mit anderen Waren vergleicht.

 

Die letztere Aufgabe – Vergleich verschiedener Waren – wird zum Teil auch unmittelbar durch die Eigenschaft des Marktes erfüllt. Märkte zeichnen sich dadurch aus, dass in der Regel eine Vielzahl von Produkten angeboten wird. Soweit es sich um Substitute handelt, die also in Konkurrenz zueinander stehen, kann sich der Marktbesucher unmittelbar ein Bild über die unterschiedlichen in Konkurrenz zueinander stehenden Waren machen. Soweit hingegen komplementäre Beziehungen zwischen den Gütern bestehen, hat der Marktbesucher den Vorteil, dass er an ein- und demselben Platz eine Vielzahl von Waren erstehen kann; er spart dadurch das Aufsuchen der unterschiedlichsten Händler. Diese Aufgabe wird heutzutage noch sehr viel besser von Warenhäusern erfüllt. Zum Teil übernehmen diese damit die Aufgaben eines Marktes, nur zum Teil deshalb, da ein Vorteil eines Marktes eben darin besteht, dass mehrere konkurrierende Anbieter auftreten, während in einem Warenhaus das Angebot von einem Händler ausgeht.

 

Nach dem Marktbesuch machen wir einen kurzen Abstecher bei einem Auktionator, welcher gerade einige seltene Stiche von Rubens versteigert. Die Zuordnung dieses Auktionshauses war bei den Besuchern sehr geteilt, ein Teil hatte offensichtlich wie bei der Einordnung der Theateraufführung dafür plädiert, diese Einrichtung dem kulturellen und damit nichtwirtschaftlichen Bereich zuzuordnen. Anderen Besuchern fiel diese Entscheidung sehr viel schwerer, werden doch oftmals Auktionshäuser für Kunstgegenstände als Messen oder Märkte für den Kunst­bereich bezeichnet. Ganz davon abgesehen, dass es ja auch Auktionen zum Verkauf von Rohstoffen oder von wertvollen Tieren gibt.

 

In der Tat weisen ja Auktionen und Märkte gemeinsame Merkmale auf, in beiden Fällen handelt es sich um einen Ort, auf dem Anbieter und Nachfrager bestimmter Güter zusammentreffen. In einem Punkt unterscheidet sich aber das Auktionshaus vom Markt und auch der Messe. Während auf einem normalen Markt eine Vielzahl von Anbietern neben einander ihre Waren anbieten, leitet der Auktionator den Verkauf, er sorgt dafür, dass die verschiedenen Angebote und Kaufgesuche zusammengeführt werden und er ermittelt vor allem den Gleichgewichtspreis, bei dem sich Angebot und Nachfrage entsprechen.

 

Aber gerade diese Funktion einer Zusammenführung von Angebot und Nachfrage gilt als eine der wichtigsten Aufgaben der Märkte. Nicht immer bedarf es eines Leiters, welcher den Gleichgewichtspreis eigens ermittelt, oft gehen Liberale von der Vorstellung aus, dass diese Aufgabe der Ermittlung des Gleichgewichtspreises von selbst erfolgt, Adam Smith sprach von einer unsichtbaren Hand, kein einziger Marktteilnehmer bemüht sich darum, diesen Gleichgewichtspreis zu ermitteln, jeder hat nur ein Interesse daran, seine eigenen Ziele zu verfolgen, trotzdem führt das Zusammenspiel aller Marktteilnehmer automatisch dazu, dass am Ende dieses Prozesses der Gleichgewichtspreis erreicht wurde.

 

Leon Walras, einer der Hauptbegründer der neoklassischen Lausanner-Schule sah sogar in der Einrichtung eines Auktionators den Idealfall eines reinen Marktprozesses. Also werden wir auf jeden Fall das Auktions­haus – unabhängig davon, welche Gegenstände versteigert werden – dem wirtschaftlichen Bereich zuordnen.

 

 

3. Knappheit als Voraussetzung

 

Wenn wir es bisher auch nicht eigens ausgesprochen haben, wirtschaftliche Aktivitäten, denen wir in unserem Rundgang begegnet sind, haben es immer damit zu tun, dass Menschen bestimmte Ziele verfolgen, dass sie zur Realisierung dieser Ziele bestimmte materielle Güter benötigen und dass es immer darum geht, diese Ziele bestmöglich zu realisieren.

 

Um die eigentliche Bedeutung des ‚Wirtschaftlichen‘ besser zu erkennen, wollen wir uns fragen, ob wir uns eine Welt vorstellen könnten, in der es keiner wirtschaftlichen Aktivität bedarf. Die Antwort lautet ganz einfach, dass in einem Schlaraffenland, in dem keine Knappheit besteht, in dem also für alle Bedürfnisse, die wir äußern und befriedigen wollen, ausreichend Güter zur Verfügung stehen, es auch keiner wirtschaftlichen Aktivitäten bedürfte. Nur deshalb, weil ein Missver­hältnis zwischen den Bedürfnissen besteht, welche wir befriedigen wollen, und dem Vorrat an Ressourcen, den wir zur Befriedigung dieser Bedürfnisse benötigen, ist es notwendig zu wirtschaften.

 

Früher brachte man als Beispiel für einen Bedarf, bei dem keine Knappheit besteht, die Luft, die wir zum Atmen benötigen oder das Wasser, ohne dass wir ertrinken würden. Heute sind diese Verhältnisse etwas komplizier­ter. Natürlich gilt auch heute noch, dass niemand Luft, die er zum Atmen benötigt, eigens hierfür zuvor käuflich erwerben muss. Er kann so viel Luft einatmen, wie er benötigt oder auch wie ihm zumute ist. Trotzdem ist es nicht mehr richtig, dass wir in  der Luft ein Gut sehen, das uns unbegrenzt zur Verfügung steht und das sich bereits in einem Zustand befindet, den wir für unsere Zwecke benötigen.

 

Durch vielfältige Abgase, welche von Unternehmungen, aber auch von PKW fahrenden Personen in die Luft entlassen werden, hat die Luft schon lange nicht mehr die Qualitäten, die wir für unser Leben benötigen. Vor allem der massenweise Ausstoß von Kohlendioxid in die Luft hat die Ozonschicht zerstört, führt zu einer Erwärmung der Erde, damit zu einem Abschmelzen des Polareises und damit letztendlich dazu, dass ganze Landstriche vor allem in Asien überschwemmt werden. Man kann deshalb davon sprechen, dass zwar vielleicht Luft als bloße Quantität immer noch im ausreichenden Maße zur Verfügung steht, dass aber reine Luft, die wir zum Überleben der Menschheit benötigen, schon lange nicht mehr ein freies Gut darstellt, dass also Anstrengungen notwendig werden, um die Luft rein zu halten, Anstrengungen, bei denen knappe Ressourcen eingesetzt werden müssen.

 

Bei der Zurverfügungstellung von Wasser gilt schon sehr lange, dass auch der Verbraucher einen hohen Preis für die Entnahme des Wassers und darüber hinaus auch für die Entsorgung des verschmutzten Wassers ins Erdreich zahlen muss, vielleicht wird dies manchem nicht bewusst, da er beim Abfüllen von Wasser aus der Wasserleitung in der Wohnung nicht eigens ein Entgelt zu zahlen hat.

 

Welche Bedeutung kommt nun der Knappheit der materiellen Ressourcen als Voraussetzung des „Wirtschaftens“ zu. Ganz generell lassen sich vier Arten von Voraussetzungen unterscheiden: Voraus­setzungen können sein:

 

-         notwendig, aber nicht ausreichend oder

-         ausreichend, aber nicht notwendig oder

-         notwendig und gleichzeitig ausreichend oder schließlich

-         weder notwendig noch ausreichend.

 

Im Allgemeinen können wir davon ausgehen, dass Knappheit eine notwendige Bedingung dafür darstellt, dass man überhaupt ‚Wirtschaften‘ muss. Wie bereits gezeigt, ohne Knappheit wären keinerlei wirtschaftliche Aktivitäten notwendig, da annahmegemäß die vorhandenen Ressourcen ausreichen, um alle Bedürfnisse zu befriedigen. Es gibt allerdings scheinbar einen Ausnahmefall. Es wäre denkbar, dass zwar die Ressourcen als solche ausreichen würden, alle denkbaren Bedürfnisse zu befriedigen, dass sich aber die Ressourcen noch nicht im Zustand der Konsumreife befänden, dass also die benötigten Güter erst produziert werden müssten und dass bei dieser Produktion wiederum knappe Ressourcen eingesetzt werden müssten. Hier wäre also ein Wirtschaften im Hinblick auf bestimmte nicht knappe Ressourcen trotzdem notwendig. Aber es bleibt trotzdem dabei, dass die Knappheit „Wirtschaften“ notwendig macht.

 

Fragen wir uns zweitens, ob Knappheit auch eine ausreichende Bedingung dafür ist, dass ein Wirtschaften notwendig ist? Wir kommen hier zu dem Ergebnis, dass auch bei Vorliegen von Knappheit jeder Versuch, durch Wirtschaften die Knappheit zu überwinden, scheitern müsste, dann nämlich, wenn es immer nur eine einzige Verwendungsform einer Ressource gäbe und wenn kein Bedürfnis durch alternative Ressourcen befriedigt werden könnte.

 

Wie kann nun Knappheit überwunden werden? Es gibt im Wesentlichen drei Ansätze zur Verminderung der Knappheit. Da Knappheit das Missverhältnis zwischen Vorrat und Bedarf darstellt, besteht grundsätzlich die Möglichkeit, entweder den Vorrat zu vergrößern oder den Bedarf zu reduzieren.

 

Der Vorrat an materiellen Ressourcen gilt kurzfristig gesehen als vorgegeben und konstant. Langfristig hingegen kann der Versuch unternommen werden, neue Vorräte ausfindig zu machen. Das gilt z. B. für Rohstoffe, deren Vorkommen auf dieser Erde sicherlich noch nicht bis zum letzten erforscht sind. Unter Umständen stehen in Zukunft auch Rohstoffvorkommen im Weltall zur Diskussion. Hierbei gilt es zu berücksichtigen, dass das Auffinden und die Ausbeute neuer Rohstoffquellen selbst hohe Investitionskosten verursachen, sodass dann stets überprüft werden muss, ob aufgrund neuer Rohstoffvorkommen tatsächlich per Saldo eine Wertvermehrung stattgefunden hat.

 

Bei bestimmten Rohstoffquellen z. B. der Sonnen- und Windenergie ist der Vorrat als solcher oft bekannt und auch unermesslich, es hängt aber dann von der Entwicklung neuer Technologien ab, ob diese Vorkom­men auch ausgebeutet werden können.

 

Andere Probleme bestehen im Zusammenhang mit der Ressource: Arbeitskraft. Zwar wäre es denkbar, dass über ein Bevölkerungswachstum die zur Verfügung stehende Anzahl an Arbeitskräften vergrößert werden könnte. Das Wohlfahrtsniveau hängt aber weniger von der Gesamtzahl der Arbeitskräfte ab, da zwar bei einem Bevölkerungswachstum die Zahl der potenziellen Arbeitnehmer ansteigt, gleichzeitig aber auch die Zahl der Konsumenten. Da Wachstum in allererster Linie am Pro-Kopf-Einkommen gemessen wird, kann durch reine Vermehrung der Bevölkerung der pro Kopf zur Verfügung stehende Vorrat nicht entscheidend vergrößert werden. Wegen des Gesetzes vom abnehmenden Grenzertrag der Arbeit ist sogar damit zu rechnen, dass bei einer Zunahme der Bevölkerung das Pro-Kopf-Einkommen zurückgeht, falls dieser Rückgang nicht dadurch wieder wettgemacht wird, dass effizientere Techniken entdeckt werden aufgrund derer die Arbeitsproduktivität erneut ansteigt.

 

Es verbleibt aber die Möglichkeit, den Wert der Arbeit durch Ausbildung zu vergrößern. Da Ausbildung immer auch mit Kosten verbunden ist, muss allerdings immer überprüft werden, inwieweit eine Qualifi­zierung der Arbeit durch mehr Ausbildung den Wert der Arbeit auch per Saldo erhöht.

 

Ganz andere Probleme bestehen bei dem Versuch, die Knappheit dadurch zu reduzieren, dass man den Bedarf reduziert. Es hängt nun von den letztlichen Grundwerten ab, ob man in diesem Weg eine Lösung sieht, welche ergriffen werden sollte. Wenn man von einem hedonistischen Weltbild (dem Utilitarismus) ausgeht, gilt es als oberstes Ziel, soviel Nutzen wie nur möglich zu erzielen und ein Versuch, die Knappheit über eine Reduzierung der Bedürfnisse zu überwinden, käme einem Verzicht auf Nutzenmaximierung gleich. Andere Weltbilder heben nicht so sehr auf ein Maximum an Lust und Nutzen ab, sondern sehen in der Bedarfsreduzierung eine mit der Vorratsausweitung gleichwertige Alternative. Oberstes Ziel ist hier, ein Maximum an Zufriedenheit herbeizuführen und dieses Ziel kann auch oder gerade dadurch erreicht werden, dass man seine Bedürfnisse an die realen Möglichkeiten anpasst.

 

Eine dritte Strategie einer Knappheitsüberwindung hängt damit zusammen, dass auf der einen Seite bestimmte Bedürfnisse mit mehreren alternativen Ressourcen befriedigt werden können und dass auf der anderen Seite eine Ressource auch zumeist für alternative Verwendungsarten eingesetzt werden kann. Wir wollen in diesem Zusammenhang von der Mehrverwendbarkeit der materiellen Ressourcen sprechen. Die Problematik, welche aus dieser Eigenschaft der Ressourcen erwächst, soll Gegenstand des nächsten Ab­schnitts sein.

 

 

4. Mehrverwendbarkeit

 

Wir wollen also festhalten: Es ist nicht nur die Knappheit, welche ein Wirtschaften sinnvoll sein lässt, es muss hinzukommen, dass mit dem gegebenen Vorrat an Ressourcen recht unterschiedliche Verwendungsarten gewählt werden können bzw. dieselben Verwendungsarten mit unterschiedlichen Einsatzverhältnissen der Ressourcen produziert werden können. Erst die Tatsache dass wir eine Wahl haben, was (Gut X oder Gut Y) und wie (arbeitsintensiv oder kapitalintensiv) wir produzieren, lässt die Frage entstehen, welche der möglichen Verwendungsarten bzw. Einsatzverhältnisse denn nun gewählt werden soll, oder anders formuliert, bei welchen Verwendungsarten wir ein Maximum an Wohlfahrt erreichen.

 

Wenden wir uns zunächst der Frage nach den unterschiedlichen Verwendungsarten der gegebenen Ressour­cen zu. Die anstehenden Probleme werden anhand des unten stehenden Diagramms erörtert, auf dessen Koordinaten die Gütermengen abgetragen werden. Wir wollen im ersten Schritt überprüfen, welche Möglichkeiten es gibt, einen bestehenden Bestand an materiellen Ressourcen auf die einzelnen Verwendungs­arten aufzuteilen. Diese Möglichkeiten lassen sich anhand der sogenannten Transformationskurve ablesen. Wir gehen von zwei materiellen Ressourcen und zwar von einer bestimmten Zahl an Arbeitsstunden sowie einer bestimmten Menge an Kapital aus. Als Verwendungsarten beschränken wir uns auf lediglich zwei Güterarten, auf Gut X1 sowie Gut X2. Es sei weiterhin unterstellt, dass jede beliebige Aufteilung der Ressourcen auf die beiden Güter technisch gesehen möglich wäre. Alle Kombinationen der beiden Güter, welche auf oder unterhalb dieser Transformationskurve liegen, seien technisch gesehen produzierbar.

 

Als erstes überprüfen wir, wie viel von Gut X1 produziert werden könnte, wenn wir die gesamten Ressourcen für dieses Gut einsetzen würden. Die Antwort liefert uns der Schnittpunkt der Transformationskurve mit der Ordinate, in diesem Fall würde gerade eine Menge X1t hergestellt werden können. In gleicher Weise belehrt uns der Schnittpunkt der Transformationskurve mit der Abszisse, wie viel von Gut X2 hätte produziert werden können, wenn wir den gesamten Ressourcenbestand für die Produktion des Gutes X2 eingesetzt hätten.

 

Diese Extremfälle bieten in den allermeisten Fällen keine optimale Lösung dar, in Wirklichkeit wird fast immer irgendeine Kombination der beiden Güter angesteuert. Nehmen wir an, man hätte sich dafür entschieden, die Kombination X11 sowie X21 auszuwählen. Diese Kombination wurde dadurch erreicht, dass wir vom Anfangszustand aus von Gut X1 eine Einheit weniger produzieren und die hierdurch freigesetzten Ressourcen für die Produktion des Gutes X2 eingesetzt hätten. Wir sehen, dass wir auf diese Weise von Gut X2 die Menge dX21 hätten mehr produzieren können.

 

Wir wollen nun eine weitere Einheit des Gutes X1 weniger herstellen und wiederum die hierdurch frei gewordenen Ressourcen bei der Produktion X2 einsetzen. Wiederum zeigt uns die Graphik, dass wir nun von Gut X2  die Menge dX22 mehr hätten produzieren können. Ein Vergleich der Mengen dX21 und dX22 zeigt uns, dass offensichtlich im zweiten Schritt der Verzicht auf eine Einheit des Gutes X1 einen sehr viel geringeren Zuwachs des Gutes X2 erbracht hatte.

 

Der Grund für diese Abnahme liegt in dem Gesetz vom abnehmenden Grenzertrag (Ertragszuwachs). Danach führt der vermehrte Einsatz der Ressourcen von einer Einheit zwar zu einem Anstieg der Gütermenge, aber zu immer geringer werdenden Zuwächsen. Da also aufgrund dieser Substitution von Gut X2 immer mehr produziert wird, sinkt der Zuwachs der Produktion bei Gut X2 immer mehr. Da aber dieses Gesetz vom abnehmenden Grenzertrag auch bei der Produktion des Gutes X1 gilt, bedeutet dies gleichzeitig, dass aufgrund der Abnahme der Gütermenge X1 immer weniger Ressourcen pro verminderte Einheit freigesetzt werden. Dies bedeutet, dass die sukzessive Verringerung der Gütermenge X1 aus zweierlei Gründen zu einem immer geringer werdenden Zuwachs bei Gut X2 führt. Auf der einen Seite werden bei einer Substitution immer weniger Ressourcen freigesetzt, auf der anderen Seite steigt die Gütermenge bei Gut X2 pro Ressourcen­einheit immer weniger.

 

Wir können nun auf diese Weise fortfahren, Gut X1 durch Gut X2 zu ersetzen, bis wir schließlich alle Ressourcen nur noch für die Produktion des Gutes X2 einsetzen. Die hier erzielte Gütermenge von Gut X2 entspricht dem Schnittpunkt der Transformationskurve mit der Abszissenachse.

 

Es leuchtet ohne weiteres ein, dass Lösungen, welche unterhalb der Transformationskurve liegen, suboptimal sind, da von jedem beliebigen Punkt unterhalb der Transformationskurve eine Kombination auf der Transformationskurve gewählt werden kann, bei der zumindest von einem Gut mehr Einheiten verwendet werden können, was auf jeden Fall eine höhere Wohlfahrt bedeutet.

 

 

 

 

Nachdem wir aufgezeigt haben, welche Güterkombinationen von Gut X1 sowie Gut X2 mit einem gegebenen Ressourcenvorrat de facto produziert werden könnten, wollen wir uns in einem zweiten Schritt der Frage zuwenden, wie denn die einzelnen Güterkombinationen bewertet werden. Wir verwenden hierzu die von Vilfredo Pareto und Francis Ysidro Edgeworth entwickelten Indifferenzkurven. Eine Indifferenzkurve fasst alle Güter­kombi­nationen zusammen, welche das gleiche Nutzenniveau stiften. Wiederum verwenden wir ein Diagramm, auf dessen Abszisse das Gut X2 und auf dessen Ordinate das Gut X1 abgetragen werde.

 

Ausgangspunkt bildet eine beliebige Güterkombination X11 sowie X21. Wir wollen nun von Gut X1 eine Einheit weniger konsumieren, was natürlich ceteris paribus zu einem Nutzenverlust führt. Diesen Nutzenverlust wollen wir nun dadurch kompensieren, dass wir von Gut X2 so viel Gütereinheiten mehr konsumieren, dass wir wiederum auf das bisherige Nutzenniveau gelangen. Das bisherige Nutzenniveau werde gerade bei einer Gütermenge X22 wieder erreicht. Wir fahren nun in der Substitution des Gutes X1 durch das Gut X2 fort. Um die Reduzierung der Gütermenge X1 auf X13 zu kompensieren, bedarf es eines Zuwachses bei Gut X2 auf X23. Vergleichen wir nun die notwendigen Zuwächse bei Gut X2 beim  ersten und zweiten Schritt, so stellen wir fest, dass offensichtlich mit wachsender Substitution des Gutes X1 durch das Gut X2 immer größere Mengen von X2 benötigt werden, um den Nutzenverlust einer Einheit bei Gut X1 gerade auszugleichen.

 

Der Grund für diese Notwendigkeit besteht im Gesetz vom abnehmenden Grenznutzen. Dieses Gesetz besagt, dass ein vermehrter Konsum eines Gutes mit wachsender Substitution zwar zu einem Nutzenzuwachs führt, dass aber dieser Nutzenzuwachs (Grenznutzen genannt) immer geringer wird. Da auch diese Gesetzmäßigkeit für beide Güter gilt, wird die benötigte Menge des Gutes X2 aus zweierlei Grün­den immer größer. Auf der einen Seite wird der Nutzenverlust, den ich bei vermindertem Konsum des Gutes X1 erleide, immer größer, auf der anderen Seite ist jedoch der Nutzengewinn bei Gut X2 bei wachsender Substitution immer geringer.

 

Wir können nun mit der Substitution fortfahren und erhalten hierdurch eine Indifferenzkurve, welche alle Güterkombinationen, die ein bestimmtes Nutzenniveau garantieren, zusammenfasst. Wir können weiterhin im Prinzip für alle denkbaren Kombinationen (Punkte in unserem Diagramm) solche Indifferenzkurven entwickeln. Für diese Indifferenz­kurven gilt, dass sie alle einen konkaven (zum Koordinatenursprung gekrümmten) Verlauf aufweisen. Vergleichen wir zwei Indifferenzkurven miteinander, so gewährt die Indifferenzkurve, welche gegenüber der Referenzkurve weiter vom Ursprung entfernt ist, ein höheres Nutzenniveau, da ja zumindest von einem Gut mehr Einheiten konsumiert werden können als auf allen Punkten  der Referenzkurve.

 

Aus logischen Gründen können sich diese Indifferenzkurven nicht schneiden, denn im Schnittpunkt beider Kurven müsste ja die gleiche Güterkombination zwei unterschiedliche Nutzenniveaus garantieren, was logisch nicht möglich sein kann.

 

 

 

 

Wir können nun beide Systeme, die Transformationskurve sowie die Schar der Indifferenzkurven in einem neuen Diagramm berücksichtigen, zur besseren Übersicht tragen wir allerdings nur die Indifferenzkurve ein, welche die Transformationskurve tangiert, sowie eine weitere Kurve mit niedrigerem Nutzenniveau. Dieser grün eingezeichnete Tangentialpunkt stellt nun die Kombination beider Güter dar, welche bei gegebenem Ressourcenbestand den höchstmöglichen Nutzen gewährt. Ein höherer Nutzen könnte nur erreicht werden, wenn der gewählte Punkt jenseits der Transforma­tionskurve liegen würde. Aber kein Punkt jenseits der Transformationskurve kann annahmegemäß realisiert werden. Würden wir jedoch einen anderen Punkt auf der Transformationskurve z. B. einen der beiden gelb eingezeich­neten Kombinationen wählen, so würde dieser auf einer Indifferenzkurve liegen, der näher am Koordinatenursprung liegt als die Indifferenzkurve mit dem Tangentialpunkt und würde damit annahme­gemäß ein niedrigeres Wohlstandsniveau anzeigen. Damit ist bewiesen, dass der Tangentialpunkt das Nutzenmaximum anzeigt.

 

 

 

 

Diese Kombination zeichnet sich dadurch aus, dass die Grenzrate der Substitution, das subjektive Austauschverhältnis zwischen beiden Gütern mit der Grenzrate der Transformation, dem objektiven Austauschverhältnis entspricht.

 

Unsere Darstellung beschränkte sich aus Gründen der Übersichtlichkeit auf zwei Güter (auf zwei Verwen­dungs­arten der Ressourcen). Nun gelten diese Schlussfolgerungen auch für die Fälle, bei denen eine beliebige Zahl von Verwendungsarten der Ressourcen unterstellt wird. Allerdings lassen sich die Beweise dann nur noch analytisch zeigen, graphisch könnten wir maximal drei Verwendungsarten in einem dreidimensionalen Raum berücksichtigen.

 

Wenn wir jedoch davon ausgehen können, dass diese Beweisführung auch für beliebig viele Verwendungs­arten gültig ist, können wir den oben besprochenen Fall, dass man die Knappheit dadurch zu überwinden sucht, dass man den Vorrat an Ressourcen vergrößert, als Sonderfall der hier aufgezeigten Lösung ansehen. Wir müssen hierzu einfach unterstellen, dass ein Explorationsverfahren zur Auffindung neuer Ressourcen­vorräte eine dieser möglichen Verwendungsarten darstellt. Wir setzen in diesem Falle einen Teil der knappen Ressourcen dafür ein, zusätzliche Ressourcen zu gewinnen. Und  nur dann, wenn es keine andere Verwen­dungs­art dieser so verwendeten Ressourcen gibt, welche einen höheren Nutzen stiftet, wäre dieses Explorationsverfahren erwünscht.

 

 

5. Fehlende Konsumreife

 

Wir hatten bei unserem virtuellen Rundgang gesehen, dass ein Großteil der wirtschaftlichen Aktivitäten in der Produktion von Waren und Dienstleistungen besteht. Wir hatten allerdings den Begriff der Produktion weiter gefasst als üblich und immer dann von Produktion gesprochen, wenn durch die wirtschaftlichen Aktivitäten das Gut näher zur Konsumreife geführt wird. Befassen wir uns etwas näher mit diesem Begriff der Konsumreife. Wir können hierbei verschiedene Stufen der Konsumreife unterscheiden. An entferntester Stelle steht die Förderung der Rohstoffe, welche für die Erzeugung eines Gutes benötigt werden. An zweit­ent­fern­tester Stelle stehen dann die Bemühungen, aus den Rohstoffen Halbfabrikate herzustellen. Eine dritte Stufe würde sich dann auf die Produktion jener Endprodukte beziehen, welche von den Unternehmungen nachgefragt werden und zumeist aus Maschinen, Anlagen und Handwerkszeug bestehen.

 

In einer vierten Stufe würden dann die Endprodukte fabriziert, welche von den Konsumenten nachgefragt werden. In einer fünften Stufe würden dann die Verkehrsleistungen sowie die Dienstleistungen des Handels zusammenzufassen sein, die sich alle dadurch auszeichnen, dass hier die Leistung bereits sehr konsumnah angeboten wird. Auf einer letzten sechsten Stufe würden dann alle Verrichtungen innerhalb der Haushalte erwähnt werden, die dem unmittelbaren Verzehr (Verbrauch) vorangehen, wie z. B. das Kochen von Mahlzeiten.

 

Wir hatten ebenfalls bereits festgestellt, dass die Probleme, welche die Produktion aufwirft, zum Teil technischer und nicht wirtschaftlicher Natur sind. Die Frage, welche Produktionsfaktoren zur Produktion benötigt werden, in  welchen Kombinationen diese Faktoren eingesetzt werden können, mit welchen einzelnen Verfahren sich die Güter herstellen lassen, inwieweit sich die technischen Verfahren darin unterscheiden, welche Faktoren eingesetzt werden, die weitere Frage, welche Gefahren bei Einsatz dieser Verfahren eintreten können und wie sie vermieden oder zumindest reduziert werden können und welche Gütermengen maximal produziert werden können, sind Fragen rein technischer Natur und können immer nur vom technischen Personal beantwortet werden.

 

Zu einem wirtschaftlichen Problem wird die Produktion überhaupt erst deshalb, weil die Technik weder vorschreibt, wie viel Gütereinheiten innerhalb der Kapazitätsgrenze produziert werden sollen noch angeben kann, welche alternativen technischen Verfahren ausgewählt werden sollen. Es handelt sich hierbei um das gleiche Problem, das wir bereits unter dem Stichwort der Mehrverwendbarkeit im vorhergehenden Abschnitt diskutiert haben. Die Tatsache, dass die Technik zumeist mehrere Verfahren kennt, um bestimmte Güter zu produzieren, lässt überhaupt erst die Frage entstehen, welche dieser Möglichkeiten dem Unternehmungsziel am besten entspricht. Es ist eine wirtschaftliche Aufgabe festzustellen, welche unterschiedlichen Kosten bei alternativen Verfahren entstehen und welches Verfahren deshalb als kostengünstigstes die Ziele der Unternehmung am besten erfüllt.