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Volkswirtschaftslehre für Laien

 

 

 

 Gliederung:

 

  1. Genügt der gesunde Menschenverstand?

  2. Was heißt Wirtschaften?

  3. Wie funktioniert ein Markt?

  4. Ist von ‚Arbeitsmarkt‘ zu sprechen entwürdigend?

  5. Ist das Eigeninteresse moralisch verwerflich?

  6. Die Rolle des Wettbewerbs

  7. Umverteilung zu Lasten der Millionäre?

  8. Moral Hazard und Versicherung

  9. Von ideologischen Betrachtungsweisen

10. Können Werturteile wissenschaftlich bewiesen werden?

11. Die Rolle des Staates in einer sozialen Marktwirtschaft

12. Staatliche Planwirtschaft versus Marktwirtschaft

 

 

 

10. Können Werturteile wissenschaftlich bewiesen werden?

 

 

Gliederung:

 

1. Problem

2. Max Webers Postulat der Wertfreiheit

3. Drei verschiedene Schlussfolgerungen aus diesem Postulat

4. Wertbezüge

 

 

 

1. Problem

 

Wir wollen uns in diesem Kapitel mit der Problematik von Werturteilen im Rahmen der Wirtschafts­wissenschaften auseinandersetzen. Die Volkswirtschaftslehre versteht sich als eine empirische Wissenschaft, welche sachliche Beziehungen im Zusammenhang mit wirtschaftlichen Aktivitäten untersucht. Die Volkswirtschaftslehre befasst sich also mit explikativen Zusammenhängen, ihre Theorien wollen etwas aussagen über sachliche Zusammenhänge und es ist nicht primäres Anliegen, diese Zusammenhänge zu bewerten, also normative Aussagen zu treffen. Ein Volkswirt fragt z. B. nach den Ursachen einer Inflation oder einer Massenarbeitslosigkeit und leistet im Grunde genommen keinen Beitrag zu der ganz anderen Frage, ob eine Inflation etwas Gutes oder Schlechtes darstellt. Oder um ein zweites weniger eindeutiges Problem anzusprechen. Ob es erwünscht ist, eine aktive Handelsbilanz zu erzielen wie von den Merkantilisten behauptet wurde, ist im Grunde eine Frage, die den Wirtschaftswissenschaftler wenig berührt. Er beschränkt sich im Wesentlichen auf die Frage, unter welchen Umständen denn eine Handelsbilanz überhaupt ungleichgewichtig wird, also die Exporterlöse von den Importausgaben abweichen.

 

Der Politiker wie auch der wirtschaftswissenschaftliche Laie interessiert sich demgegenüber für die Frage, wie bestimmte politische Probleme, die als unhaltbar angesehen werden, gelöst werden können, sie wollen wissen, was getan werden muss, damit bestimmte Probleme aus der Welt geschafft werden. Der Sachzusammenhang als solcher gerät als rein theoretisches Problem im Allgemeinen nicht in das Interessenfeld des Politikers.

 

Es hat also zunächst den Anschein, als liege die Problematik der Theoretiker und der Politiker weit auseinander. Was den einen interessiert, interessiert den anderen nicht. Trotzdem gibt es eindeutige Zusammenhänge zwischen den politischen und wissenschaftlichen Bereichen und eine der wichtigsten Aufgaben der Wirtschaftswissenschaft gegenüber der praktischen Politik besteht eben gerade darin, dem Politiker Sachkenntnisse zu liefern, welche zur Lösung der anstehenden politischen Probleme unerlässlich sind.

 

Ein politisches Problem lässt sich nämlich – wie wir noch zeigen werden – nur auf der Grundlage einer Theorie lösen. Es gibt keine politische Handlung, der keine Theorie zugrunde liegt. Auch wenn der Politiker der Auffassung ist, dass er theoriefrei agieren könne, erfolgen seine Handlungen sehr wohl aufgrund gewisser Hypothesen über bestimmte Sachzusammenhänge, in welche durch die politischen Maßnahmen eingegriffen werden soll. Es handelt sich eben hier nur in aller Regel um Hypothesen, welche vielleicht in der Vergangenheit einmal auch von den Wissenschaftlern unterstellt wurden, aber in der Zwischenzeit aufgrund zahlreicher empirischer Untersuchungen längst als falsifiziert verworfen wurden.

 

Um diese These besser zu verstehen, müssen wir uns deshalb mit der Frage befassen, welche Beziehungen denn nun zwischen den politischen Handlungen und den Theorien, also zwischen Theorie und Praxis bestehen. In Wirklichkeit lässt sich nämlich ein sehr einfacher Zusammenhang zwischen theoretischer Aussage und politischer Handlung, sofern diese nur aus rationalen Überlegungen hervorgeht, konstruieren. Man spricht hierbei von einer soziotechnischen Umformulierung. Machen wir uns diesen Zusammenhang anhand eines konkreten Problems klar.

 

Wir wollen davon ausgehen, dass in der Realität ein starker Anstieg der Arbeitslosigkeit beobachtet werde und dass die Politiker bemüht wären, Maßnahmen zu ergreifen, aufgrund derer die Arbeitslosigkeit abgebaut werde. Die Theorie, welche in diesem Zusammenhang angewandt werden sollte, ist die sogenannte Beschäftigungstheorie. Diese Theorie untersucht, auf welche Ursachen eine Veränderung der Beschäftigung, also der Nachfrage nach Arbeitskräften zurückgeführt werden muss.

 

Diese Frage wird übrigens im Bereich der Wirtschaftswissenschaft kontrovers diskutiert, es gibt Theoretiker, die sogenannten Keynesianer, welche Arbeitslosigkeit auf eine zu geringe private Nachfrage nach Konsum- und Investitionsgütern zurückführen. Andere Wissenschaftler, die sogenann­ten Angebotstheoretiker, unterstellen, dass vor allem Steigerungen in den Stückkosten einen Rückgang in der Beschäftigung auslösen.

 

Wir wollen uns hier der Keynesianischen Betrachtung anschließen und also von der theoretischen Aussage ausgehen, dass die Ursache einer Verringerung in der Beschäftigung stets in einem Rückgang der privaten Güternachfrage gesehen wird. Es gilt also folgender theoretischer Zusammenhang:

 

B = f(X,K)

 

mit B: Anzahl der beschäftigten Arbeitnehmer  X: Inlandsprodukt  K: eingesetztes Kapital.

 

Wenn wir dann noch davon ausgehen können, dass der Kapitaleinsatz (die Produktionsanlagen) in kurzfristiger Sicht als konstant und vorgegeben angesehen werden kann, haben wir eine einfache Beziehung zwischen der Beschäftigungsmenge und der Höhe des Inlandsproduktes. Wir haben eine Problemgröße B (Beschäftigung), die es zu erklären gilt und eine unabhängige Größe: X (Inlandsprodukt), welche die Problemgröße bestimmt, auf die also der Beschäftigungsgrad zurückgeführt wird. Wir haben also eine Wenn-dann-Beziehung, in unserem Falle gilt: Wenn das Inlandsprodukt eine bestimmte Größe erreicht, dann ist ein bestimmtes Beschäftigungsvolumen zu erwarten.

 

Der Politiker hingegen geht von einem Ziel aus. Er strebt an, eine bestimmte Beschäftigungsmenge (z. B. die Anzahl an Beschäftigten, bei der alle arbeitsfähigen und arbeitswilligen Arbeitnehmer beschäftigt sind) zu erreichen. Er fragt nach dem Mittel, das eingesetzt werden muss, um das genannte Ziel zu erreichen.

 

Dies bedeutet, dass der Theoretiker dem Praktiker der Politik eine Entscheidungshilfe geben kann, wenn es gelingt, die Wenn-dann-Beziehung in eine Ziel-Mittelrelation soziotechnisch umzuformulieren. Und genau diese soziotechnische Umformulierung ist jederzeit möglich. Dem Ziel: Vollbeschäftigung in der Politik entspricht die Wirkungsgröße in der Theorie und das Mittel in der Politik kann aus der Wirkungsgröße gewonnen werden. Es gilt folgender Zusammenhang: Wenn eine Zunahme des Inlandsproduktes (Ursache) zu einer Steigerung der Beschäftigung (Wirkung) führt, dann kann das Ziel (Beschäftigungssteigerung) genau dann erreicht werden, wenn als Mittel eine Zunahme der Produktion, ausgelöst durch eine Mehrnachfrage nach Gütern, eingesetzt wird.

 

Es scheint also gelungen, eine explikative Aussage der Wirtschaftstheorie durch eine soziotechnische Umformulierung in eine normative Aussage umzuwandeln und damit ist die grundsätzliche Möglichkeit einer Entschei­dungs­hilfe von Seiten der Wissenschaft für die Politik geschaffen. Es handelt sich allerdings nur um eine bedingte und nicht eine kategorische normative Aussage. Der Wissenschaftler kann nicht in seiner Eigenschaft als Wissenschaftler die Empfehlung aussprechen, dass auf jeden Fall eine Steigerung der Nachfrage nach Gütern durchgeführt werden muss. Er kann lediglich darauf hinweisen, dass dann, wenn das Ziel verfolgt wird, die Beschäftigung zu steigern, die Nachfrage nach Gütern erhöht werden sollte.

 

Nun scheint aber gerade diese Beschränkung den Politikern nicht zu genügen. Über Churchill wird folgende Anekdote erzählt: Er habe sich einmal abfällig über die wissenschaftlichen Beratergremien der englischen Regierung geäußert. Er bemängelte, dass man von diesen Herren keine eindeutige Antwort auf die Frage erhalte, welche Maßnahmen denn zur Lösung eines ganz bestimmten Problems notwendig seien. Vielmehr gäbe es genauso viele Antworten wie das Beratergremium Mitglieder habe. Und er fügte etwas gehässig hinzu: Wenn Lord Keynes diesem Gremium angehöre, gäbe es sogar eine Meinung mehr als dieses Gremium Mitglieder enthalte.

 

Was kann mit dieser Aussage gemeint sein? Offensichtlich gehören dem Beratergremium Gelehrte aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Schulen an. Und in der Tat werden im Rahmen der Wissenschaft bei sehr vielen politischen Problemen die möglichen Lösungen kontrovers diskutiert. Es gibt oftmals – wie auch in der Frage der Verursachung von Arbeitslosigkeit – unterschiedliche Antworten.

 

Dies ist vor allem dann der Fall, wenn neue bisher unbekannte Probleme diskutiert werden und wenn deshalb noch gar keine allgemein anerkannte Theorie über die Entstehung dieser Probleme vorliegt. Es beginnt hier eine neue Diskussion, indem verschiedene Theoretiker  unterschiedliche Hypothesen zur Erklärung der neuen Phänomene formulieren und erst dann, wenn mehrere empirische Untersuchungen zu dieser Frage durchgeführt wurden und über die möglichen Fehler in diesen Theorien wissenschaftliche Diskussionen durchgeführt wurden, hat sich dann eine Theorie herausge­bildet, die allgemeine Anerkennung findet.

 

Bisweilen gehen jedoch Unterschiede in den angewandten Theorien auch auf grundlegende Meinungs­verschiedenheiten über letztliche Wertaxiome zurück. Im Verlauf der wirtschaftswissenschaftlichen Lehrgeschichte streiten sich immer wieder erneut wirtschaftliche Leitbilder, die der Freiheit der Produzenten und Konsumenten eine unterschiedliche Bedeutung zuweisen. Planwirtschaftliche Modelle eines Merkantilismus werden durch liberale Modelle abgelöst und diese hinwiederum haben erneut interventionistische Modelle ausgelöst. Das eine Modell löst das andere ab.

 

Immer dann, wenn solche grundlegenden Meinungsverschiedenheiten zwischen den Wissenschafts­schulen bestehen, bleibt den Praktikern gar nichts anderes übrig, als sich entweder den wissenschaft­lichen Schulen zuzuwenden, welche überwiegend vertreten werden oder auch denen, welche in den Wertaxiomen der Praktiker weitgehend übereinstimmen.

 

Wie ist es aber zu verstehen, dass auch ein und derselbe Forscher (Lord Keynes nach Überzeugung Winston Churchill‘s) offensichtlich unterschiedliche Antworten gab. Entweder machte er damit aufmerksam, dass die Frage nach dem geeigneten Mittel auch davon abhängt, welche weiteren Ziele der Politiker verfolgt. Nehmen wir nochmals den Fall einer Politik, welche zu einer Steigerung der Beschäftigung führen soll und unterstellen wir weiterhin, dass auf der Grundlage einer keynesianischen Theorie argumentiert werde. In diesem Falle könnte der Wissenschaftler darauf hinweisen, dass zwar eine Beschäftigungssteigerung sowohl durch eine Erhöhung der Konsumausgaben als auch der Investitionsausgaben erzielt werden könnte, dass aber die Frage, welches dieser beiden Mittel eingesetzt werden solle, davon abhänge, welche langfristigen Wachstumsziele verfolgt würden. Konsumausgaben würden verpuffen, während Investitionsausgaben auch eine Steigerung des wirtschaftlichen Wachstums ermöglichen würden.

 

Oder aber es wäre auch möglich, dass der betreffende Wissenschaftler so ehrlich ist und den Politiker darauf aufmerksam machen möchte, dass seine Meinung nicht von allen Wissenschaftlern geteilt werde, dass es also auch andere Reformvorschläge gäbe als seine eigenen Ratschläge.

 

In beiden Fällen wird man eigentlich zu dem Ergebnis kommen müssen, dass die Antworten der Wissenschaftler einwandfrei sind, da die Fragen, welche von der Wissenschaft nicht beantwortet wurden, eben Fragen darstellen, deren Antworten von den Wissenschaftlern gar nicht gegeben werden können, die also von den Politikern selbst beantwortet werden müssen. Ob also z. B. neben den Beschäftigungswirkungen auch Wachstumsimpulse erwünscht sind, ist eindeutig eine Frage, welche aus den Grundlagen der Wissenschaft allein nicht beantwortet werden kann.

 

Wir wollen nun diese Meinungsverschiedenheiten zum Anlass nehmen, zu untersuchen, welche Bedeutung denn Bewertungen im Rahmen der Wissenschaft einnehmen. Welche Bewertungen sind möglich und welche können von der Wissenschaft allein nicht vorgenommen werden.

 

 

2. Max Webers Forderung nach wertfreier Wissenschaft

 

Die Vertreter der historischen Schule wurden zum einen wegen ihrer Methode angegriffen. Sie waren überzeugt, dass Wissenschaften, welche sich mit  menschlichen Verhaltensweisen befassen, niemals in der Lage seien, ähnlich wie die Naturwissenschaften die beobachtenden Ereignisse exakt zu erklären. Menschliches Verhalten könne man nur im Nachhinein verstehen und nicht erklären, exakte Prognosen seien schon deshalb nicht möglich, weil der Mensch in seiner Entscheidung frei sei. Die äußeren Erscheinungen könnten noch so sehr ein bestimmtes Verhalten nahelegen, der Mensch könne sich aber immer auch anders verhalten, als aufgrund der Begleitumstände vermutet werde. Dieser Fragestellung soll hier nicht näher nachgegangen werden.

 

Man machte den Vertretern der historischen Schule zum andern zum Vorwurf, dass sie Werturteile wissenschaftlich zu begründen versuchten. Vor allem Max Weber trat demgegenüber als Verfechter einer wertfreien Wissenschaft auf. Eine empirische Sozialwissenschaft könne nur darüber Auskunft geben, wie bestimmte soziale Probleme tatsächlich gelöst werden können, nicht wie sie am besten gelöst werden sollten. Ein Werturteil könne nur aufgrund einer weltanschaulichen Position gefällt, nicht aber wissenschaftlich bewiesen werden.

 

Bereits David Hume hatte festgestellt, dass aus dem Sein niemals ein Sollen unmittelbar abgeleitet werden könne. Die Vernunft allein sei auch nicht in der Lage, moralische Vorschriften abzuleiten. Stets seien moralische Vorstellungen durch Gefühle hervorgerufen. Die Verwerflichkeit z. B. eines Mordes ergebe sich nicht allein aus Vernunftüberlegungen, sondern zu allererst aus dem Gefühl der Missbilligung.

 

Mittels eines logischen Schlussverfahrens (Deduktion genannt) könnten aus zwei oder mehreren Sachaussagen immer nur weitere Sachaussagen abgeleitet werden, nicht aber normative Aussagen. Wenn ich z. B. von der (erwiesenen) Theorie ausgehe, dass sich alle Unternehmer, welche einem starken Wettbewerb ausgesetzt sind, gezwungen sehen, jede mögliche Gewinnchance auszunutzen und wenn weiterhin feststeht, dass Herr Xaver Maier ein in Konkurrenz stehender Unternehmer ist, dann kann ich aus diesen beiden Aussagen die dritte Aussage ableiten, dass auch Herr Xaver Maier jede Gewinnchance auszunutzen versucht. Ich kann aber nie und nimmer aus diesen beiden Sachaussagen irgendeine bewertende Aussage ableiten, etwa dass ein solches Verhalten lobenswert oder vielleicht auch tadelnswert sei.

 

Umgekehrt gilt, dass dann, wenn man mit Hilfe eines logischen Schlusses eine ganz bestimmte Norm ableiten möchte, der Kranz der unterstellten Annahme notwendiger Weise mindestens eine normative Aussage enthalten muss. So kann ich zunächst das normative Gebot aufstellen, dass alle Bürger der BRD alle vom Bundestag erlassenen Gesetze befolgen müssen. Wenn ich nun zusätzlich feststelle, dass Markus Feininger ein Bundesbürger ist, dann kann ich aus diesen beiden Annahmen eindeutig schließen, dass auch Herr Markus Feininger die vom Bundestag erlassenen Gesetze einhalten muss.

 

Dies bedeutet also, dass auch im Rahmen der Wissenschaft einwandfrei normative Aussagen durchaus abgeleitet werden können, wenn in dem Kranz der unterstellten Daten mindestens eine normative Aussage enthalten ist. Aber genauso ist es richtig, dass die letzten Wertaxiome von Seiten der Wissenschaft nicht mehr erklärt werden können. Es ist im Rahmen der Wissenschaft weder möglich, letzte Grundwerte zu beweisen noch zu widerlegen.

 

Nun wird bisweilen bei bestimmten Theorien der Eindruck erweckt, als könne man doch auch aus Tatsachen allein Bewertungen unmittelbar ableiten. So wird z. B. im Rahmen der Darwin’schen Lehre davon gesprochen, dass sich in einem langwierigen Entwicklungsprozess die einzelnen Arten an die Veränderung der Außenbedingungen anpassen und dass sich jeweils die besten Arten durchsetzen. Hier hat es in der Tat den Anschein, als wolle man aus einer Tatsache, einem Entwicklungsprozess, unmittelbar eine Bewertung ableiten, nämlich den Hinweis, dass die tatsächliche Entwicklung auch die jeweils beste sei.

 

Eine genauere Analyse dieser Theorie zeigt allerdings, dass hier wiederum – allerdings versteckt – von einer bewertenden Prämisse ausgegangen wird. Der Umstand, dass sich eine ganz bestimmte Art im Wettbewerb der Arten schließlich durchgesetzt hat, wird hier als solches positiv bewertet. Aber warum sollten Arten, welchen es nicht gelungen ist, in diesem Wettkampf zu obsiegen, nur deshalb auch als schlechtere Arten bewertet werden?

 

Im ähnlichen Sinne finden wir auch in den religiös begründeten Naturrechtslehren bereits versteckte Wertprämissen. Rein äußerlich mag hier die bloße Tatsache, dass bestimmte Regeln eingehalten werden, als Beweis dafür gehalten werden, dass diese Regeln auch positiv zu bewerten sind. Aber auch dieses Verfahren geht von der Wertprämisse aus, dass das Geschehen gottgewollt sei und gerade deshalb auch als wünschenswert hingestellt wird. Es ist eine Wertprämisse, davon auszugehen, dass das Geschehene auch gottgewollt ist und deshalb positiv bewertet werden soll.

 

Wenn Max Weber davon spricht, dass der Wissenschaftler keine letztlichen Bewertungen vornehmen kann und deshalb auch nicht sollte, so wollte Max Weber den Wissenschaftler keineswegs von der politischen Diskussion ausschließen. Max Weber hat selbst wiederholt in die politische Diskussion eingegriffen und damit bekundet, dass das politische Engagement eines Wissenschaftlers nicht dem Ideal einer wertfreien Wissenschaft widerspreche. Wohl solle der Wissenschaftler seinen Zuhörer (Leser) nicht im Unklaren darüber lassen, wann er sich auf die Analyse von Sachzusammenhängen bezieht und wann er sich zu politischen Fragen bewertend äußert. Er wollte mit dieser Forderung verhindern, dass persönliche Werturteile im wissenschaftlichen Gewande vorgetragen werden und auf diese versteckte und erschlichene Weise einen höheren Wahrheitsgehalt beanspruchen, als ihnen de facto zukommt.

 

 

3. Drei verschiedene Schlussfolgerungen aus diesem Postulat

 

Akzeptiert man dieses Prinzip der Werturteilsfreiheit, so gibt es im Grunde nur drei verschiedene Positionen einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit normativen Aussagen. Man kann erstens mit Hans Albert die Meinung vertreten, dass ein Wissenschaftler sich darauf zu beschränken habe, Faktenzusammenhänge im Sinne einer Sachanalyse zu untersuchen.

 

Der Wissenschaftler könne also z. B. untersuchen und darlegen, wie sich eine keynesianische Fiskalpolitik auf die Inflation auswirke, er sei aber nicht in der Lage, mit Hilfe wissenschaftlicher Methoden über die Erwünschtheit dieser Maßnahmen als Wissenschaftler zu urteilen. Er habe sich also – in seiner Eigenschaft als Wissenschaftler –  jeglicher normativer Aussagen über die Erwünschtheit politischer Maßnahmen oder Zustände zu enthalten.

 

Eine zweite Position nahm Gerhard Weisser (der Lehrer Hans Alberts) in dieser Frage ein. Der Wissenschaftler könne – ohne mit dem Prinzip der Werturteilsfreiheit in Konflikt zu geraten – sehr wohl zu normativen Aussagen über politische Maßnahmen und Zustände vorstoßen, wenn er zuvor die Wertprämissen offen lege, auf Grund derer er zu diesen Aussagen gelangte.

 

Eine wissenschaftliche Analyse entsprechend dieses von Gerhard Weisser formulierten wissen­schaftlichen Normativismus beginnt danach stets mit der Offenlegung der Wertprämissen des einzelnen Forschers, gefolgt von der dann korrekten Ableitung normativer Aussagen aus diesen offengelegten Wertprämissen für konkrete politische Maßnahmen. Ein solches Vorgehen sei dem von Hans Albert vorgeschlagenen Weg deshalb vorzuziehen, da der Wissenschaftler viel besser als ein normaler, wirtschaftswissenschaftlich nicht ausgebildeter Bürger in der Lage sei, Schlussfolgerungen aus Wert­prämissen und Sachzusammenhängen zu ziehen.

 

Kritisch wäre hier allerdings anzumerken, dass diese Schlussfolgerungen in diesem Falle immer nur für diejenigen Bürger Gültigkeit besitzen, welche die Werturteile des Wissenschaftlers teilen. Es besteht hier die Gefahr, dass die Gruppe der Wissenschaftler in weltanschaulich gegliederte Teilgruppen zerfällt und dass damit auch der Anspruch, dass die wissenschaftlichen Aussagen unabhängig von der  weltanschaulichen Position des einzelnen Wissenschaftlers Gültigkeit besitzen sollten, verloren geht.

 

Es besteht hier weiterhin die Gefahr, dass wissenschaftliche Auseinandersetzungen vorwiegend nur noch innerhalb weltanschaulich geprägter Zirkel stattfinden und dass durch diese Begrenzung der wissenschaftliche Fortschritt leidet. Zwar mag es richtig sein, dass sich auch ohne eine weltanschauliche Gliederung wissenschaftliche Schulen bilden und dass der größte Teil der wissenschaftlichen Diskussionen innerhalb und nicht zwischen diesen wissenschaftlichen Schulen stattfindet. Es besteht aber ein entscheidender Unterschied zwischen der Untergliederung in wissenschaftliche Schulen und in Gruppierungen um die wichtigsten politischen Parteien. Die Unterschiede zwischen den wissenschaft­lichen Schulen erwachsen zumeist aus methodischen Ansätzen, beziehen sich also auf wissenschaftliche Kriterien und ergeben sich somit aus der Sache, während die Zugehörigkeit zu unterschiedlichen Parteien im Grunde keine Bedeutung für den wissenschaftlichen Fortschritt haben dürfte.

 

Eine dritte Position nahm die traditionelle Wohlfahrtstheorie ein. Sie versuchte in einem ersten Schritt zu überprüfen, welche letztlichen Wertprämissen von der überwiegenden Mehrheit der Bürger akzeptiert werden, um dann in einem zweiten Schritt zu klären, welche konkreten Maßnahmen und Wirtschaftssysteme notwendig sind, um diese allgemein akzeptierten Grundziele zu realisieren. Auch diese dritte Position widerspricht nicht dem von Max Weber formulierten Prinzip der Werturteils­freiheit.

 

So geht die traditionelle Wohlfahrtstheorie von zwei Wertaxiomen aus: der Prämisse dass die Wohlfahrt einer Gemeinschaft unmittelbar von der Wohlfahrt der einzelnen Mitglieder dieser Gemein­schaft abhängt. Entsprechend dem Paretokriterium kann man dann von einer Wohlfahrtssteigerung  einer Gemeinschaft – hervorgerufen durch eine bestimmte Maßnahme – sprechen, wenn mindestens ein Mitglied individuelle Wohlfahrtszuwächse erfährt, aber kein anderes Mitglied Wohlfahrtsverluste erleidet.

 

Eine zweite Wertprämisse stellt das sogenannte Selbstbestimmungskriterium dar. Danach kann nur das einzelne Individuum bestimmen, ob bestimmte Auswirkungen einer Maßnahme ihm eine Steigerung oder eine Minderung seiner Wohlfahrt hervorrufen. Meritorisches Handeln des Staates, wonach der Staat – in wohlwollender Absicht – festlegt, was für den einzelnen gut ist, ist also danach abzulehnen.

 

 

4. Wertbezüge

 

Aus dem von Max Weber formulierten Postulat einer wertfreien Wissenschaft folgt keinesfalls, dass eine Wissenschaft nichts mit Werten zu tun hat. Wir möchten im Folgenden einige Wertbezüge aufzeigen, die durchaus mit dem Ideal einer wertfreien Wissenschaft vereinbar sind.

 

Es dürfte unbestritten sein, dass Werte und Bewertungen als Studienobjekt in die empirische Sozialwissenschaft eingehen. Das Zustandekommen sozialer Bewertungsprozesse ist sogar ein Hauptproblem jeder Sozialwissenschaft. Die traditionelle Nationalökonomie untersucht primär die Bestimmungsgründe der Preise. Aber was stellt der Preis anderes dar als eine Bewertung der Güter?

 

Drei Fragenkomplexe interessieren in diesem Zusammenhang. Eine empirische Sozialwissenschaft fragt zunächst nach den Bestimmungsgründen sozial relevanter Werte und Bewertungen. So zeigt die Wirtschaftstheorie auf, dass der Preis eines Gutes als Resultante aus Angebots- und Nachfragestruktur entsteht. Weiterhin haben wir danach zu fragen, welche sozialen Folgen sich aus einer bestimmten Bewertung ergeben. So kann etwa eine Lohnsteigerung – eine Umbewertung der Arbeit – produktivitätssteigernd wirken. Schließlich ist es ein berechtigtes Anliegen einer Wissenschaft, die logischen und faktischen Beziehungen einzelner Werte zu beleuchten. Unsere Umwelt ist so kompliziert geworden, dass wir nicht mehr ohne weiteres erkennen, ob sich zwei Werte gegenseitig bedingen oder ausschließen. Wer will ohne theoretische Vorkenntnisse entscheiden, ob sich die Ziele der Preisstabilität und der Vollbeschäftigung gegenseitig ausschließen?

 

Eine empirische Sozialwissenschaft will in erster Linie Sachzusammenhänge aufdecken. Dieses Ziel darf aber nicht zum Selbstzweck werden. Die Kenntnis dieser Sachzusammenhänge dient uns vielmehr dazu, Entscheidungen in der Politik und im Alltagsleben zu erleichtern. Wir stehen immer wieder vor Entscheidungen. Wir können der Sache nach mehrere Wege beschreiten und wir haben uns darüber klar zu werden, welche der möglichen Alternativen wir beschreiten wollen.

 

Wenn wir uns rational verhalten, entscheiden wir uns für die Alternative mit den meisten Vor- und den geringsten Nachteilen. Welcher Weg uns am vorteilhaftesten erscheint, kann zwar nur durch Bewertung geklärt werden. Dieser hat jedoch die Kenntnis vorauszugehen, welche Konsequenzen mit den einzelnen Alternativen verbunden sind. Bewerten heißt nichts anderes, als die Wirkungen abzuschätzen und zu gewichten. Die Kenntnis über diese Wirkungen vermittelt jedoch der Wissenschaftler. Indem dieser dem Praktiker die Voraussetzungen für eine rationale Entscheidung gibt, erfüllt er eine seiner wichtigsten Funktionen gegenüber der Gesellschaft.

 

Wenn indessen eine rationale Entscheidung die vorherige Kenntnis der Sachzusammenhänge voraussetzt, kann es sein, dass wir unsere politischen Entscheidungen aufgrund neuen Wissens überprüfen müssen. Zwar ist es nicht möglich, vom Sein unmittelbar auf das Sollen zu schließen. Das heißt aber nicht, dass Änderungen im Sein nicht auch Änderungen im Sollen bedingen können.

 

Das Wissen ist nicht nur Voraussetzung für eine rationale Bewertung. Es hängt selbst wiederum in vielfältiger Weise von unseren Wertvorstellungen ab. Es ist ein alter und immer wieder erneut bestätigter Erfahrungssatz, dass die Weltanschauung des einzelnen Wissenschaftlers wie auch seiner Zeit ganz entscheidend den wissenschaftlichen Fortschritt beeinflusst. Das Weltbild kann den wissenschaftlichen Fortschritt hemmen, aber auch fördern. Weltbild und Wissenschaft sind nur im Logischen, nicht aber im Faktischen voneinander zu trennen.

 

Wahrheiten sind oft unbequem und dem eigenen Interesse abträglich und bleiben deshalb oftmals unausgesprochen. Es ist weiterhin eine bekannte Tatsache, dass wir Dinge, die wir nicht sehen wollen, bisweilen auch gar nicht sehen. Wir beobachten die Dinge nicht so, wie sie sind, sondern wie wir sie zu sehen gelernt haben. Jede noch so objektive Beobachtung kommt als Resultante aus den verschiedensten psychischen Faktoren zustande.

 

Freilich sollten wir aus diesem Erfahrungssatz keine Maxime machen. Wenn auch psychologische und ideologische Faktoren auf unsere wissenschaftliche Arbeit vielfach einwirken, so ist dies kein Grund, diese Beeinflussung als Ideal hinzustellen. Im Gegenteil: Gerade die Tatsache, dass ein solcher Einfluss prinzipiell möglich erscheint, mahnt uns zu doppelter Aufmerksamkeit. Unsere Forderung, diesen Einfluss wo immer nur möglich auszuschalten, bleibt bestehen.

 

Allerdings sollten wir diesen Einfluss auch nicht überschätzen. Die Wissenschaft hat Methoden entwickelt, ihn  einzudämmen. Für einen einzelnen Wissenschaftler mag der Zusammenhang zwischen Weltbild und Wissen beachtlich sein. Was jedoch für den einzelnen Wissenschaftler gilt, mag noch lange nicht für die Wissenschaft insgesamt gelten. Auch das Wissen entsteht heute immer mehr aus einer arbeitsteiligen Zusammenarbeit.

 

Wenn ein einzelner Wissenschaftler aufgrund seiner empirischen Untersuchungen zu neuen Hypothesen gelangt, so ist der Entstehungsprozess dieses Wissens keinesfalls bereits abgeschlossen. Lediglich der erste Schritt ist getan. Damit aus unserer Hypothese eine allgemein anerkannte Theorie wird, bedarf es einer eingehenden wissenschaftlichen Diskussion. Gerade in dieser Einrichtung liegt eines der wesentlichen Elemente wissenschaftlichen Arbeitens überhaupt. Auf diese Weise kann eine Hypothese kritisiert und gegebenenfalls falsifiziert werden. Das Ergebnis dieser Diskussion ist in viel geringerem Maße gegenüber Weltanschauung und Interesse anfällig als die Hypothesen eines einzelnen Wissen­schaftlers.

 

Weltbild und Interesse können auf den wissenschaftlichen Entstehungsprozess nicht nur einen negativen Einfluss ausüben. Ganz im Gegenteil können vom Weltbild des einzelnen Forschers starke Anreize ausgehen, die den Wissensprozess fördern. Auf lange Sicht dürfte gerade der Umstand, dass der weltanschauliche Kampf auch auf der wissenschaftlichen Tribüne ausgefochten wird, dazu beitragen, alteingesessene Vorurteile zu revidieren. Man sollte deshalb bei dem Versuch einer Entideologisierung der Wissenschaften vorsichtig sein. Auch hier kann es ein  Zuviel geben, auch hier besteht die Gefahr, dass wir mit dem Weltbild das Interesse an neuem Wissen beseitigen.

 

Von den Verfechtern einer wertgebundenen Wissenschaft wird oft gegen das Konzept einer wertfreien Wissenschaft eingeworfen, bereits die in jeder Wissenschaft notwendige Abstraktion und Auswahl der Probleme bringe eine Bewertung mit sich. Die Wirklichkeit sei so kompliziert, dass wir uns immer auf einige wenige Wirkungszusammenhänge beschränken müssen. Damit gäben wir jedoch bestimmten Problemen den Vorrang, mit anderen Worten: Wir bewerten.

 

Die Tatsache als solche wird von den Anhängern einer wertfreien Wissenschaft nicht geleugnet. Es handle sich indessen hierbei um eine ganz andere Art von Bewertung, die keine praktischen Empfehlungen an die Politik erlaube. Trotzdem muss eingeräumt werden, dass der Praktiker diese Auswahl bisweilen im Sinne einer Empfehlung versteht.

 

Darüber hinaus weist uns dieses Auswahlproblem darauf hin, dass wir erst aufgrund bestimmter Bewertungen überhaupt zu Wissen gelangen können. Wir hatten oben bereits gezeigt: Wann wir eine Hypothese als von der Wirklichkeit bestätigt ansehen, kann mit wissenschaftlichen Mitteln allein nicht entschieden werden. Wir haben bereits gesehen, dass eine hundertprozentige Bestätigung einer generellen Aussage logisch gar nicht möglich ist. Es bedarf einer Konvention darüber, wann eine These als verifiziert gilt. Diese Absprache ist bereits eine Bewertung.

 

Von den Anhängern einer wertfreien Wissenschaft wird also nicht gefordert, dass unser Wissen ohne Bewertungen entstehen müsse; dies ist gar nicht möglich. Es wird vielmehr allein bezweifelt, dass aus der empirischen Arbeit heraus aufgrund wissenschaftlicher Ergebnisse unmittelbar wertende Schlussfolgerungen gezogen werden können.

 

Der Wissenschaftler hat sich somit bei seiner Arbeit an gewisse Spielregeln zu halten. Diese haben nicht nur den Sinn, den Erfolg der Wissenschaft zu garantieren, sondern auch negative Sekundärwirkungen, die von der wissenschaftlichen Betätigung ausgehen können, soweit wie möglich auszuschalten. Nicht selten könnte unser Wissen durch gewagte und zweifelhafte Experimente verbessert werden. Die Mehrheit der Wissenschaftler lehnt solche Praktiken ab, da diese mit den menschlichen Grundwerten in Konflikt geraten. In der Anerkennung dieser Spielregeln dringt ein weiteres Bewertungselement in den Bereich der Wissenschaft ein. Aber auch dieses Bewertungselement gerät mit dem Ideal einer wertfreien Wissenschaft nicht in Widerspruch.

 

Soziale Tatbestände können – wie wir gesehen haben  – als Ursache-Wirkungszusammenhang oder als Zweck-Mittel-Relation dargestellt werden. In beiden Fällen beschränkt sich der Wissenschaftler auf eine Sachanalyse und enthält sich jeden Werturteils. Den gleichen Sachverhalt können wir in eine Zweck-Mittel-Relation umformulieren. Mit dieser bedingten Empfehlung spricht der Wissenschaftler keine Bewertung aus, er verbleibt im Rahmen einer Sachanalyse. Wir könnten sogar diese Aussage so umformulieren, dass ihr konditionaler Gehalt gar nicht mehr auf den ersten Blick erkennbar ist und zunächst wie eine kategorische Empfehlung aussieht: Zur Steigerung des Beschäftigungsgrades bedarf es einer Zunahme der Konsumnachfrage.

 

Die Forderung nach einer wertfreien Wissenschaft besagt schließlich auch nicht – wie ebenfalls bereits gezeigt –, der Wissenschaftler solle sich ganz der politischen Stellungnahme enthalten. Wie jeder Staatsbürger hat auch er das Recht, sich an der politischen Willensbildung zu beteiligen. Wohl sollte er seinen Gesprächspartner stets wissen lassen, wann er Ergebnisse einer wissenschaftlichen Sachanalyse und wann er persönliche Willensentscheidungen vorträgt.

 

Diese Forderung gilt vor allem in einer pluralistischen Gesellschaft, in der über letzte Grundwerte keine Einigkeit besteht. Hier liegt die Gefahr nahe, dass der Wissenschaftler sein eigenes Weltbild im Gewande wissenschaftlicher und damit für alle gültiger Ergebnisse ausgibt und sich damit unberech­tigte Startchancen sichert.

 

Eine politische Stellungnahme besonderer Art kann darin liegen, dass sich der Wissenschaftler weigert, dem Politiker oder Praktiker gewisse Sachauskünfte zu geben. Besonders aktuell wird diese Frage in Diktaturen. Auch dann, wenn sich der Wissenschaftler auf die Beantwortung von Sachfragen beschränkt, können seine Antworten den Diktator befähigen, die Bevölkerung stärker als bisher zu unterdrücken. Aber auch hier muss gesagt werden, dass dieses Verweigerungsrecht in keiner Weise dem Ideal einer wertfreien Wissenschaft widerspricht.

 

Fassen wir die Ergebnisse unserer Überlegungen zusammen: Die Forderung nach wertfreier Wissenschaft im Sinne Max Webers darf nicht zu wörtlich genommen werden. Jede Wissenschaft hat es mit Werten und Bewertungen zu tun. Das wird von den meisten Anhängern einer wertfreien Wissenschaft auch gar nicht bestritten. Wenn man will, besteht das Programm einer wertfreien Wissenschaft aus einer Binsenwahrheit und aus einer wohl von den meisten Wissenschaftlern gebilligten Forderung: Aus der Binsenwahrheit, dass man Sollsätze aus Seinssätzen allein nicht logisch ableiten kann, dass also jede politische Stellungnahme auch einen Kern persönlicher Willensentscheidung enthält, und aus der von den meisten gebilligten Forderung, dass bei der Diskussion um politische Werte die persönliche Bewertung eines Wissenschaftlers nicht mehr wiegen sollte als die eines anderen Bürgers.