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Gliederung der Vorlesung:

 

01. Einführung                    

02. Das Ziel der Vollbeschäftigung

03. Das Ziel der Geldwertstabilität

04. Das Ziel eines angemessenen wirtschaftlichen Wachstums

05. Die theoretischen Grundlagen der Beschäftigungspolitik

06. Die theoretischen Grundlagen der Stabilisierungspolitik

07. Die theoretischen Grundlagen der Wachstumspolitik

08. Die geld- und außenwirtschaftspolitischen Mittel

09. Die finanzpolitischen Mittel

10. Die einkommenspolitischen Mittel

11. Institutionelle Maßnahmen

12. Die Träger der Konjunktur- und Wachstumspolitik

 

 

 Kapitel 11: Institutionelle Maßnahmen

 

 

Gliederung:

 

01. Arbeitszeitsenkung beschäftigungssteigernd ?

02. Die Kündigungsschutzgesetzgebung

03. Gewinnbeteiligung

04. Öffnung der Tarifverträge

 

 

01. Arbeitszeitsenkung beschäftigungssteigernd ?

 

Die keynesianische Beschäftigungstheorie geht von der Annahme aus, dass Arbeitslosigkeit vor allem damit zusammenhängt, dass der Kapitalmarkt nicht in der Lage ist, einen Überhang der Sparsumme über Zinssenkungen automatisch abzubauen. Es wird aber stets stillschweigend unterstellt, dass eine Zunahme der Investition und damit auch der Ausweitung der Produktionskapazität durchaus erwünscht ist und Arbeitslosigkeit abbauen hilft.

 

Bisweilen wird jedoch auch die Vorstellung vertreten, eine keynesianische Beschäftigungspolitik scheitere daran, dass die gesamtwirtschaftliche Nachfrage gar nicht ausgeweitet werden sollte. Diese Aussage wird entweder auf die Hypothese zurückgeführt, dass aufgrund allgemeinen Wohlstandes eine Sättigung in der Güternachfrage eingetreten sei (Sättigungshypothese) oder dass der technische Fortschritt zwangsweise dazu führe, dass immer mehr Arbeit durch Maschinen ersetzt würde (Robotisierungshypothese). Eine Lösung des Beschäftigungsproblems könnte deshalb auch nicht einfach darin bestehen, dass die Nachfrage nach Gütern ausgeweitet werde.

                                                                                                              

Beide Hypothesen sind falsch. Nach wie vor ist für breite Schichten der Bevölkerung keine Sättigung eingetreten. Auch ist der technische Fortschritt im Durchschnitt nur dann arbeitssparend, wenn der Lohn in Relation zum Zins zu hoch ist.

 

Trotzdem wird vor allem von Seiten der Gewerkschaften oftmals gefordert, die Arbeitslosigkeit dadurch zu bekämpfen, dass die Arbeitszeit jedes einzelnen Arbeitnehmers reduziert wird und dass auf diese Weise auch ohne Ausweitung der Güternachfrage die Anzahl der Beschäftigten gesteigert werden könnte.

 

Die wichtigste Annahme dieses Ansatzes besteht darin, dass die gesamtwirtschaftliche Nachfrage nach Arbeitsstunden bei einer solchen Maßnahme konstant bleibt. Es wird damit gefordert, die Arbeitsplätze gerecht umzuverteilen. Man geht von folgender Ausgangsformel aus:

N = const. = A * a ,

wobei gilt:  

                    

N: Zahl der nachgefragten Arbeitsstunden,

A: Zahl der beschäftigten Arbeitnehmer

a: Arbeitsstundenzahl pro Arbeitnehmer

 

Eine Reduzierung der Arbeitszeit (a) um x% führt danach zu einer Beschäftigungssteigerung (A) um auch etwa x%. Die untenstehende Graphik macht diese Zusammenhänge deutlich. Wir tragen auf der Abszisse die Zahl der Beschäftigten (A) und auf der Ordinate die durchschnittliche Arbeitsstundenzahl pro Arbeitnehmer (a) ab.

 

Da wir unterstellt haben, dass eine Reduzierung der Arbeitsstundenzahl keinen Einfluss auf die Gesamtzahl der Arbeitsstunden in einer Volkswirtschaft (a*A) habe, lassen sich die Beziehungen zwischen Beschäftigtenzahl (A) und Arbeitsstundenzahl (a) in einer isoelastischen Kurve (rote Linie) verdeutlichen. Es wird also unterstellt, dass die Unternehmer eine ganz bestimmte Menge an Arbeitsstunden nachfragen und dass es ihnen gleichgültig ist, von wie viel Beschäftigten diese Gesamtstundenzahl geleistet wird.

 

Beispielsweise könnte eine Gesamtnachfrage nach 1 Mill. Arbeitsstunden dadurch sichergestellt werden, dass 100.000 Arbeitnehmer jeweils 10 Stunden (pro Zeiteinheit) ihre Arbeit verrichten oder dass 200.000 Beschäftigte jeweils nur 5 Stunden pro Tag an Arbeit verrichten.

 

Notwendiger Weise entspricht einer negativen Änderung in a (-da) eine positive Änderung in A (+dA).

 

 

 

Es bestehen nun verschiedene Pläne zur Realisierung einer Beschäftigungserweiterung auf dem Wege einer Arbeitszeitverkürzung:

 

·        Reduzierung der wöchentlichen Arbeitszeit; die tarifliche Arbeitszeit wird reduziert. Wenn die Arbeitnehmer entsprechend dem gültigen Tarifvertrag bisher beispielsweise 40 Stunden pro Woche gearbeitet haben, würde ein neuer Tarifvertrag die Arbeitszeit auf 35 Stunden beschränken.

 

·        Reduzierung der Überstunden; es werden Überstundenkontingente festgelegt, welche nicht überschritten werden dürfen. Da viele Arbeitnehmer pro Zeiteinheit mehr Arbeitsstunden leisten als im Tarifvertrag vorgesehen ist, besteht die Möglichkeit, bei unveränderter tariflicher Arbeitszeit durch Überstundenabbau die effektive Arbeitszeit zu reduzieren. Oftmals wird auch vorgesehen, dass zwar Überstunden nach wie vor erlaubt werden, dass sie aber innerhalb einer bestimmten Frist durch Urlaubstage abgefeiert werden müssen.

 

·        früheres Ausscheiden aus dem Erwerbsleben. Das Alter, von dem ab die Arbeitnehmer aus dem Erwerbsleben ausscheiden und deshalb Renten beziehen können, wird verringert. Statt mit 65 gehen in diesem Falle beispielsweise die Arbeitnehmer bereits mit 64 in Rente.

 

 

Gegen diese Pläne richtet sich folgende Kritik:

 

Die gesamtwirtschaftliche Nachfrage nach Arbeitsstunden ist erstens in Wirklichkeit nicht konstant. Bestimmte Aufgaben, vor allem Führungsaufgaben, lassen sich nicht beliebig teilen.

 

Die Inflexibilität der Arbeitsnachfrage ist zweitens Folge institutioneller Regulierungen und nicht vorgegeben. An und für sich hängt die Nachfrage nach Arbeit von der Höhe der aufzuwendenden Kosten ab. Eine andere Aufteilung der Aufgaben auf die einzelnen Arbeitnehmer erfordert Änderungen in der Technik, mit der Folge, dass die Kosten ansteigen. Wenn z. B. die Arbeit einer Sekretärin auf zwei halbe Stellen aufgeteilt wird und sich die Arbeitszeiten beider Teilstellen überlappen, müssen zusätzliche Arbeitsplätze eingerichtet werden.

 

Die Freiheit des einzelnen Arbeitnehmers wird hier drittens stark eingeschränkt. Es ist eigentlich erwünscht, dass im Rahmen der technischen Möglichkeiten der Einzelne je nach Bedarf selbst bestimmen kann, inwieweit er durch Überstunden seine Arbeitszeit ausweitet. Werden die Möglichkeiten von Überstunden begrenzt, kann der Arbeitnehmer nicht mehr seine individuellen Pläne im Hinblick auf Freizeit und Arbeitszeit verwirklichen.

 

Es findet viertens eine Lösung des Arbeitslosenproblems durch eine Verschärfung der Rentenkrise statt. Sofern diese Pläne eine vorzeitige Verrentung vorsehen, wird im Grunde genommen das eine Problem der Arbeitslosigkeit auf Kosten eines anderen Problems, der Sicherheit und Finanzierbarkeit des Rentensystems, gelöst.

 

Die gesetzliche Rentenversicherung steht vor dem Problem, dass aufgrund demographischer Entwicklungen immer weniger beitragszahlende Arbeitnehmer auf einen Rentner entfallen. Dies bedeutet, dass die Beiträge zur Rentenversicherung eines einzelnen Arbeitnehmers einen immer größeren Teil der Rentenansprüche der Rentner abdecken müssen.

 

Um zu verhindern dass entweder die Beitragssätze in starkem Maße angehoben werden müssen oder die Renten ein extrem geringes Niveau aufweisen, müsste das Jahr, in dem die Arbeitnehmer aus dem Erwerbsleben ausscheiden, eigentlich erhöht werden. Mit den Plänen einer Arbeitszeitverkürzung wird genau das Gegenteil erreicht. Die Arbeitnehmer scheiden früher als bisher aus dem Erwerbsleben aus.

 

Eine Überstundenreduzierung verringert fünftens die Anpassungsfähigkeit der Märkte und vergrößert dadurch die Gefahr der Arbeitslosigkeit um ein Weiteres. Über die Möglichkeit, durch Überstunden die effektive Arbeitszeit auszuweiten, werden im Grunde genommen zwei Probleme gelöst. Auf der einen Seite wird hier dem einzelnen Arbeitnehmer die Möglichkeit eröffnet, bei Bedarf mehr Arbeitsstunden zu leisten als im Tarifvertrag vorgesehen sind. Auf der anderen Seite können aber die Unternehmungen auf diese Weise vorübergehende Ungleichgewichte zwischen Angebot und Nachfrage von Gütern vermeiden.

 

Wenn z. B. eine Unternehmung nach langer Rezession zusätzliche Aufträge erhält, sich aber noch nicht sicher sein kann, dass diese Aufträge auch in Zukunft anhalten, dass also bereits ein anhaltender Konjunkturaufschwung eingeleitet wurde, können sie diese Aufträge durch Überstunden bedienen.

 

Solange die Unternehmer noch nicht sicher sein können, dass die Nachfrage auf Dauer angestiegen ist, werden sie nicht neue Arbeitskräfte einstellen, da aufgrund einer restriktiven Kündigungsgesetzgebung diese Arbeitnehmer kurzfristig nicht mehr entlassen werden könnten, wenn diese zusätzlichen Arbeitskräfte mangels Güternachfrage nicht mehr benötigt werden. In diesen Fällen werden die Unternehmer auf diese Aufträge verzichten, wenn ihnen die Möglichkeit von Überstunden verbaut wird. Aber gerade dadurch wird die Gefahr einer zusätzlichen Arbeitslosigkeit noch größer als sonst.

 

Diese Beschäftigungsformel trifft vor allem in Kleinbetrieben auf Schwierigkeiten. Die neu eingestellten Arbeitnehmer müssten eigentlich recht unterschiedliche Tätigkeiten verrichten, da ja nicht ganze Arbeitsplätze wegfallen. Nehmen wir als Beispiel einen kleinen Betrieb mit insgesamt 10 Beschäftigten. Indem die wöchentliche Arbeitszeit der Beschäftigten um 10% reduziert wird, soll eine neue Arbeitskraft eingestellt werden. Dieses Ziel kann jedoch vermutlich in dieser Unternehmung gar nicht realisiert werden, da jeder Beschäftigte eine andere Aufgabe zu erfüllen hatte und somit die neue Arbeitskraft eigentlich die Fähigkeit haben müsste, jeweils 10% der Tätigkeit aller anderen 10 Beschäftigten wahrzunehmen.

 

Eine befriedigende Lösung kann erst in einer Unternehmung gefunden werden, welche bei einer 10%igen Reduzierung der wöchentlichen Arbeitszeit für jede einzelne Berufsgruppe zumindest 10 Arbeitsstellen aufweist. Wenn also z. B. die Unternehmung bisher 10 Fremdsprachensekretärinnen beschäftigt hätte, könnte eine zusätzliche Stelle für Fremdsprachensekretärinnen geschaffen werden, in dem einfach jede dieser 10 Beschäftigten 10 Prozent seiner Aufgaben abgeben würde.

 

Ein Erfolg dieser Arbeitszeitverkürzung ist darüber hinaus nur zu erwarten, wenn kein vollständiger Lohnausgleich stattfindet, wenn also auf die Forderung:     

 

L = l * a = konstant

  

verzichtet wird.

 

Wir haben zu berücksichtigen, dass die Nachfrage nach Arbeit von der Höhe der Kosten abhängt. Zu den Kosten zählen vor allem die Arbeitskosten. Je höher die Stückkosten der Arbeit sind, um so geringer ist die Zahl der nachgefragten Arbeitsstunden. Voller Lohnausgleich bedeutet aber, dass in dem Maße, in dem die Arbeitszeit verkürzt wird, der Lohnsatz steigt, weil nur auf diese Weise das Lohneinkommen (l*A) unverändert bleibt. Also wird die Nachfrage nach Arbeit nur dann unverändert bleiben, wenn auf einen Lohnausgleich ganz verzichtet würde. Je höher der Lohnausgleich ist, je weniger also die Arbeitnehmer eine Kürzung ihres Lohneinkommens hinnehmen müssen, um so größer dürfte der hierdurch hervorgerufene Rückgang in der Arbeitsnachfrage ausfallen.

 

Die Kosten steigen im Allgemeinen auch dadurch, dass die Pläne zur Reduzierung der Arbeitszeit einen zusätzlichen Kapitalbedarf hervorrufen. Damit steigen die Kosten und mit ihnen steigt die Arbeitslosigkeit erneut an. Der Umfang der Kostensteigerung und der Verringerung der Arbeitsnachfrage hängt allerdings von der Arbeitsnachfrageelastizität ab. Wir wollen unterstellen, dass die Elastizität der Arbeitsnachfrage > 1 sei. Wie das unten angeführte Schaubild zeigt, ergibt sich dieser Elastizitätswert automatisch, wenn wir eine Cobb-Douglas-Produktionsfunktion unterstellen.

 

 

 

Aus untenstehender Graphik lässt sich erkennen, wie sich eine Verkürzung der Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich und Unterstellung einer Cobb-Douglas-Produktionsfunktion auf die Beschäftigung auswirkt. Wir zeichnen diese Zusammenhänge in ein Vier-Quadranten-System ein. Im Nordost-Quadranten sehen wir die Beschäftigungsfunktion, welche aufzeigt, wie sich Lohnveränderungen auf die Nachfrage nach Arbeit auswirken. Im Nord-West-Quadranten werden die Zusammenhänge zwischen Lohnsatz und Arbeitszeit aufgezeigt. Wenn wir vollen Lohnausgleich und damit ein konstantes Lohneinkommen unterstellen, lässt sich das Lohneinkommen als isoelastische Kurve darstellen.

 

Zu Beginn lag – so sei unterstellt – die Arbeitszeit bei a1. Bei einem Lohnsatz von l1 ergab sich eine Nachfrage nach Arbeit von N1. Nun werde die Arbeitszeit auf a2 verkürzt. Um einen vollständigen Lohnausgleich zu erzielen, muss der Lohnsatz auf l2 ansteigen. Bei diesem Lohnsatz sinkt jedoch die Nachfrage nach Arbeitsstunden auf N2. Im Süd-West-Quadranten können wir am Tangenswinkel (A) ablesen, wie sich die Nachfrage nach Arbeitnehmer verändert hat. Die Graphik zeigt, dass auch die Nachfrage nach Arbeitskräften aufgrund der Arbeitszeitverkürzung von A1 auf A2 gesunken ist.

 

Natürlich hängt die exakte Veränderung in der Zahl der Arbeitskräfte von den Parametern der Produktionsfunktion ab. Nicht in jedem Falle ist zu befürchten, dass die Arbeitsnachfrage sogar zurückgeht, obwohl doch eigentlich diese Maßnahme eingeleitet wurde, um die Arbeitslosigkeit zu verringern. Auf jeden Fall kann man jedoch aufgrund dieser Zusammenhänge nachweisen, dass die Zunahme in der Beschäftigung von Arbeitskräften auf keinen Fall den Umfang der Arbeitszeitverkürzung erreicht. In praxi müssen wir davon ausgehen, dass eine zehnprozentige Arbeitszeitverkürzung zu einer Zunahme der Beschäftigtenzahl von deutlich weniger als 10% führen wird.

 

 

 

 

02. Die Kündigungsschutzgesetzgebung

 

Der Kündigungsschutz wird in der BRD durch Gesetz, Tarifvertrag und Rechtsprechung bestimmt. Das Ziel besteht in einer Vermeidung von willkürlichen Entlassungen. Man rechtfertigt den gesetzlichen Kündigungsschutz damit, dass auf diese Weise eine natürliche Monopolstellung der Arbeitgeber oder zumindest deren Auswirkungen vermieden werden sollen.

 

Gilt diese Arbeitsmarktlage auch heute noch? Früher bestand eine natürliche Monopolstellung des Unternehmers aufgrund einer geringen regionalen Mobilität der Arbeiter. Heute ist die regionale Mobilität der meisten Arbeitnehmer wesentlich höher. Trotzdem besteht oftmals nach wie vor eine natürliche Monopolstellung der Unternehmer und zwar aufgrund eines Informationsmonopols des Arbeitgebers. Ein effizienterer Schutz vor Arbeitslosigkeit wäre allerdings auch bei Wettbewerb gegeben. Wenn ein echter Wettbewerb der Unternehmungen auf den Arbeitsmärkten bestehen würde, hätte der einzelne Arbeitnehmer die Möglichkeit, bei Unzufriedenheit seine Arbeit einem anderen Unternehmer anzubieten.

 

Wenn auch der Kündigungsschutz in der Lage ist, willkürliche Entlassungen von Arbeitnehmern weitgehend zu verhindern, so findet durch einen Kündigungsschutz keine Erhöhung der Anzahl der Arbeitsplätze statt! Ganz im Gegensatz hierzu erhöht jeder Kündigungsschutz die Kosten und vermindert damit die Nachfrage nach Arbeitskräften und erhöht auf diese Weise sogar die Arbeitslosigkeit.

 

Einmal muss damit gerechnet werden, dass die Unternehmer aufgrund eines Rückgangs in der Nachfrage nach Gütern einen Teil der bisher beschäftigten Arbeitnehmer nicht mehr für die Produktion benötigt, trotzdem aber diese Arbeitnehmer wegen des Kündigungsschutzes nicht entlassen kann.

 

Des Weiteren kann aufgrund einer schlechten Absatzlage eine Unternehmung gezwungen sein, zu rationalisieren, auf diese Weise die Kosten der Produktion zu verringern und aus diesem Grunde eigentlich Arbeitskräfte zu entlassen. Diese für die Verbesserung der Wettbewerbslage notwendige Rationalisierung kann jedoch daran scheitern, dass wegen des Kündigungsschutzes Arbeitnehmer vorerst gar nicht entlassen werden dürfen.

 

Es kann hier sogar der Fall eintreten, dass eine Unternehmung gerade deshalb, weil sie auf Rationalisierungen weitgehend verzichten muss, ihre Wettbewerbsfähigkeit verliert und gerade aus diesen Gründen Konkurs anmelden muss. In diesem Falle hat sich sogar trotz oder eigentlich gerade wegen der Kündigungsschutzgesetzgebung die Arbeitslosigkeit letztlich sogar vergrößert.

 

Es entstehen in diesem Zusammenhange Konflikte mit den Interessen der Arbeitslosen, insbesondere der Langzeitarbeitslosen. Gerade dann, wenn der Unternehmer bisherige Arbeitskräfte wegen des Kündigungsschutzes nicht entlassen kann, kann er auch in geringerem Maße neue Arbeitskräfte einstellen, sodass die bereits Arbeitslosen größere Schwierigkeiten haben, eine neue Arbeitsstelle zu erhalten. Der Kündigungsschutz mag zwar die Wahrscheinlichkeit der bereits beschäftigten Arbeitnehmer, nicht arbeitslos zu werden, vergrößern, gleichzeitig verringert dieselbe Gesetzgebung aber auch die Chancen der bereits Arbeitslosen, einen neuen Arbeitsplatz zu finden.

 

Diese Verteilung der Arbeitsplatzmöglichkeiten ist jedoch sowohl aus Gründen der Effizienz wie der Gerechtigkeit unerwünscht. Die Unternehmungen können sich nun nicht mehr frei dafür entscheiden, die jeweils produktivste Arbeitskraft zu beschäftigen. Ist ein Arbeitnehmer einmal beschäftigt, dann hat er auf diesen Arbeitsplatz unabhängig von seiner Leistungsfähigkeit viel größere Chancen als ein anderer arbeitsloser Arbeitnehmer, auch dann, wenn dieser Arbeitslose an und für sich die höhere Qualifikation aufweist.

 

Da aber gerade der Arbeitslose in viel stärkerem Maße schutzbedürftig ist als alle übrigen Arbeitnehmer, welche bereits beschäftigt sind, wird durch diese Regelung auch massiv gegen das Gerechtigkeitsgebot verstoßen. 

 

 

03. Gewinnbeteiligung

 

Vorschläge zur Gewinnbeteiligung der Arbeitnehmer verfolgen zumeist das Ziel, die Verteilung der Vermögen zugunsten der Arbeitnehmer zu verändern. Martin Weitzman hatte hingegen vorgeschlagen, die Arbeitslosigkeit durch Einführung einer Gewinnbeteiligung zu verringern. Der von Weitzman entwickelte Plan versuchte dieses Ziel über eine Verlagerung der Entlohnungsformen zu leistungs- und ertragsabhängigen Entlohnungen zu erreichen. Weitzman entwickelte hierbei folgende These:

 

Die Nachfrage nach Arbeit sei bei einem ertragsabhängigen Lohn ceteris paribus höher als bei vorgegebenen, festen Löhnen. Den Grund sah Weitzman darin, dass eine Gewinnbeteiligung zu einem geringeren Unternehmensrisiko führen würde. Gleichzeitig würde bei Gewinnbeteiligung die Anpassung an Datenänderungen schneller vollzogen, sodass die Anpassungsverluste im Zusammenhang mit Datenänderungen verringert werden könnten.

 

Machen wir uns die Wirkungsweise einer Gewinnbeteiligung anhand folgender Graphik klar. Wir tragen auf der Abszisse die produzierte Menge (X) und auf der Ordinate den jeweils erzielten Preis (p) für diese Güter ab. Die rot gekennzeichnete Linie zeigt die Angebotskurve, welche darlegt, welche Gütermenge die Unternehmer bei alternativen Preisen anzubieten gewillt sind. Die blau gekennzeichnete Linie hingegen markiert die Nachfrage der Haushalte bei alternativen Preisen.

 

Zusätzlich zu diesen beiden Kurven zeichnen wir in unser Diagramm eine Kurve ein, die den Verlauf der Gewinnsumme bei alternativen Gütermengen aufzeigt. Ein positiver Gewinn wird erst ab einer bestimmten Gütermenge erzielt, da ja gewisse Fixkosten auch dann entstehen, wenn die Unternehmung überhaupt nichts produzieren würde. Der Gewinn steigt zunächst bei wachsender Produktionsmenge, da die Differenz zwischen dem Grenznutzen der Konsumenten und den Grenzkosten zunächst noch relativ hoch ist.

 

Da aber mit wachsender Gütermenge der Grenznutzen der Konsumenten zurückgeht und gleichzeitig die Grenzkosten der Unternehmung ansteigen, werden auch die Gewinnzuwächse, welche bei einer Ausdehnung der Produktion erzielt werden, immer geringer. Bei einer bestimmten Gütermenge – und zwar genau dort, wo sich Angebots- du Nachfragekurve schneiden – erreicht der Gewinn sein Maximum, um dann bei weiterer Ausdehnung der Produktionsmenge wiederum abzunehmen.

 

 

 

Vor Einführung einer Gewinnbeteiligung sei das Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage bei einer Gütermenge X0 erreicht worden. Nun wird angenommen, dass die Unternehmer einen Teil der Entlohnung ihrer Arbeiter über eine Ertragsbeteiligung vornehmen. Dies bedeutet zweierlei. Auf der einen Seite werden die Arbeitnehmer am Gewinn der Unternehmungen beteiligt, auf der anderen Seite sinkt ihr fester Lohn, wobei die gesamten Einkünfte der Arbeitnehmer (Lohnsumme plus Gewinnbeteiligung) gegenüber früher nicht verändert werde. Den Ertragsanteil der Arbeitnehmer halten wir in unserer Graphik dadurch fest, dass wir vom Bruttogewinn jeweils den Ertragsanteil, der den Arbeitnehmern zufließt, abziehen.

 

Wir erhalten auf diese Weise eine zweite Gewinnkurve, die über die den Unternehmern verbleibenden Nettogewinne unterrichtet. Sie folgt der Kurve der Bruttogewinne, dort, wo der Bruttogewinn null ist, ist auch der Nettogewinn null und bei der Gütermenge, bei der der Bruttogewinn sein Maximum erreicht, erzielt auch der Nettogewinn seinen höchsten Betrag. Nur dass eben der Nettogewinn immer nur einen bestimmten Teil des Bruttogewinnes ausmacht.

 

Die Umstellung in der Entlohnungsform wirkt sich automatisch darin aus, dass sich die Angebotskurve nach unten verschiebt. Wir erinnern uns: Die Angebotskurve ist aus der Grenzkostenkurve abgeleitet, die Unternehmer dehnen ihr Angebot solange aus, als die Grenzkosten geringer als der beim Verkauf erzielte Preis sind. Eine Verminderung der festen Lohnkosten führt jedoch zu einer Reduzierung der Grenzkosten bei jeder Ausbringungsmenge, die Grenzkostenkurve und damit auch die Angebotskurve verschieben sich nach unten.

 

Um den Einfluss dieser Umstellung in der Entlohnungsform der Arbeitnehmer besser zu erkennen, wollen wir nun zusätzlich unterstellen, dass konjunkturbedingt die Nachfrage nach den Gütern zurückgeht. Diese Datenänderung wirkt sich in einer Verschiebung der Nachfragekurve nach unten aus. Bei allen möglichen Preisen ist die Nachfrage zurückgegangen. Wir wollen nun überprüfen, wie sich dieser Rückgang in der Güternachfrage einmal bei festen Löhnen, zum andern dann auf die Beschäftigung auswirkt, wenn ein Teil der Entlohnung der Arbeitnehmer als Gewinnbeteiligung ausgezahlt wird.

 

Ohne Gewinnbeteiligung würde aufgrund des Rückgangs in der Nachfrage das neue Marktgleichgewicht (der neue Schnittpunkt der Angebots- und Nachfragekurve) bei einer Gütermenge X1, also bei einer geringeren Gütermenge liegen. Im Gegensatz hierzu liegt jedoch der neue Gleichgewichtspunkt bei einer Gewinnbeteiligung der Arbeitnehmer bei der Menge X2, welche größer ist als ohne Gewinnbeteiligung. Da die Beschäftigung eindeutig von der Produktionsmenge abhängt und deshalb einer größeren Produktionsmenge auch eine größere Beschäftigung entspricht, hat die Einführung der Gewinnbeteiligung tatsächlich dazu geführt, dass die Beschäftigung auf diesem Wege vergrößert werden konnte.

 

Arbeitnehmer haben bei Gewinnbeteiligung zwar ein höheres Einkommensrisiko, aber ein geringeres Beschäftigungsrisiko. Entsprechend dem Ranking der Arbeitnehmer rangiert die Arbeitsplatzsicherheit stets vor einem Einkommenszuwachs. Dies bedeutet, dass dem Gesamtwohl der Arbeitnehmer auf diese Weise entsprochen werden würde.

 

Bei Gewinnbeteiligung ist auch ein motivationsbedingter Produktivitätszuwachs möglich. Da sich Verbesserungen in der Produktion automatisch auch in einer höheren Entlohnung niederschlagen, liegt es im Interesse der Arbeitnehmer, durch besondere Sorgfalt und Anstrengung die Produktivität zu steigern. Mit einer Produktivitätssteigerung steigt jedoch auch die Möglichkeit, den Arbeitnehmern höhere Einkünfte zu gewähren.

 

Die Einführung einer Gewinnbeteiligung im Sinne der Vorstellungen Weitzman’s könnte auch helfen, aus der augenblicklichen Sackgasse auf dem Arbeitsmarkt herauszuführen. In der 1. Hälfte der 90er Jahre überstiegen die Lohnzuwächse den Zuwachs in der Arbeitsproduktivität, die Beschäftigung blieb dennoch kurzfristig konstant, obwohl man eigentlich hätte erwarten können, dass diese expansive Lohnpolitik entweder zu Preissteigerungen geführt hätte, wenn die Notenbank bereit gewesen wäre, die Einkommenssteigerungen durch Ausweitung der Geldmenge zu alimentieren oder aber eine Reduzierung der Beschäftigung ausgelöst hätte.

 

Mitte der 90er Jahre fielen die Lohnsteigerungen  geringer aus als die Produktivitätszuwächse, die Beschäftigung stieg jedoch kurzfristig dennoch nicht an, obwohl man auch hier eigentlich hätte erwarten müssen, dass diese Mäßigung der Gewerkschaften entweder zu einem Rückgang in den Preissteigerungen oder aber zu einer Zunahme in der Beschäftigung hätte führen müssen. Wie sind diese Widersprüche zu erklären?

 

Diese Entwicklungen bedeuten nun keinesfalls, dass die bisherigen Thesen, wonach sich Lohnsteigerungen, welche über dem Zuwachs der Arbeitsproduktivität liegen, entweder – je nach Haltung der Notenbank – preissteigernd oder aber beschäftigungsmindernd auswirken, falsch sind.

 

Falsch ist allerdings die Vorstellung, dass sich diese negativen Wirkungen einer expansiven Lohnpolitik unmittelbar nach Abschluss dieser Tarifverträge auswirken, genauso wie es falsch ist, zu erwarten, dass sich eine gemäßigte Lohnpolitik der Gewerkschaften im Sinne einer Begrenzung der Lohnforderungen auf die Zuwächse in der Arbeitsproduktivität unmittelbar danach auszahlen müsse.

 

Wir müssen uns nämlich darüber klar werden, dass die befürchteten oder erhofften Wirkungen der gewerkschaftlichen Lohnpolitik dadurch eintreten, dass es für die Unternehmungen vorteilhaft wird, zu einer anderen Kapitalintensität überzugehen. Wir hatten bereits an anderer Stelle gesehen, dass die Frage, welche Kapitalintensität von den Unternehmungen angesteuert wird, zumeist nur dadurch entschieden werden kann, dass sie im Rahmen ihrer Investitionsprogramme die Produktionstechnik umstellen.

 

Hierbei ist zwischen einer kurzfristigen und einer langfristigen Sicht zu unterscheiden. Auf lange Sicht bedeutet jede Erhöhung der Lohn-Zinsrelation, dass sich kapitalintensivere Verfahren lohnen. Dies bedeutet aber keineswegs, dass eine Unternehmung kurzfristig auf diese Veränderungen mit einer Umstellung der Kapitalintensität unmittelbar antwortet. Mit Investitionen werden stets Anlagen errichtet, welche für mehrere Jahre die Produktionsbedingungen festlegen. Erst dann, wenn eine Produktionsanlage bereits mehrere Jahre im Betrieb war und deshalb weitgehend abgeschrieben wurde, ist es für eine Unternehmung sinnvoll, die Produktionsanlagen zu wechseln.

 

Dies bedeutet aber gleichzeitig, dass sich Veränderungen in der Lohnpolitik erst auf lange Sicht, also erst ein zwei Jahre nach der Änderung auf Preisniveau oder Beschäftigung auswirken werden. Die Mäßigung in den Lohnforderungen zahlt sich für die Arbeitnehmer erst langfristig aus, da die Beschäftigung erst dann wieder steigt, wenn aufgrund neuer Investitionen neue Arbeitsplätze entstehen.

 

Gerade weil diese Zusammenhänge aber recht komplex sind und deshalb keineswegs für einen wirtschaftswissenschaftlichen Laien unmittelbar erkennbar sind, besteht die Gefahr, dass sich eine expansive Lohnpolitik auch dann für längere Zeit halten kann, wenn die langfristigen Wirkungen gerade auch einen Schaden der Arbeitnehmer bedeuten.

 

Und weiterhin hat es für Gewerkschaften, welche sich mit den Grundsätzen einer produktivitätsorientierten Lohnpolitik konform verhalten und gemäßigte Lohnforderungen durchgesetzt haben, den Anschein, dass die erwünschte Verbesserung in Preisniveau und Beschäftigung scheinbar ausgeblieben ist. Es ist dann für diese Gewerkschaften schwer, die gemäßigte Lohnpolitik fortzusetzen, da es den Anschein hat, dass sie sich nicht bewährt habe und es besteht die Gefahr, dass die Gewerkschaften selbst bei gutem Willen und Überzeugung, dass diese Politik auf lange Sicht erfolgreich ist, es schwierig haben, diese Politik vor ihren Mitgliedern zu verteidigen, da es ja den Anschein hat, dass sich die Arbeitnehmer schlechter stellen, da sie auf expansive Lohnforderungen ohne Notwendigkeit verzichten.

 

Die Gewinnbeteiligung stellt einen Ausweg aus dieser Sackgasse dar. Die Beschäftigung steigt, da zumindest eine mittelfristige Bindung der Arbeitseinkommen und damit eine höhere Flexibilität erreicht wird. Die Unternehmer können davon ausgehen, dass auch mittelfristig die Einkünfte der Arbeitnehmer nur dann steigen, wenn auch die Erträge zunehmen.

 

 

05. Öffnung der Tarifverträge

 

Ausgangspunkt bildet  die Tatsache, dass wir in der BRD eine dezentrale, aber überbetriebliche Tarifvertragspraxis haben. Es ist zwar erlaubt, dass die in den Tarifverträgen vereinbarten Lohnbedingungen durch zusätzliche betriebliche Vereinbarungen zwischen einer Unternehmung und dem Betriebsrat ergänzt werden. Es gilt aber das Prinzip der Unabdingbarkeit. Danach dürfen die in den betrieblichen Vereinbarungen getroffenen Abmachungen keinesfalls schlechter ausfallen als im Tarifvertrag. Als Argument zugunsten der Beibehaltung überbetrieblicher Tarifverträge wird wie folgt argumentiert: Es sei effizienter und auch gerechter, wenn gleiche Probleme in überbetrieblichen Verträgen gelöst werden.

 

Dieses Prinzip der Unabdingbarkeit wird nun von den Arbeitsgerichten sehr rigoros ausgelegt. So wird z. B. eine betriebliche Vereinbarung, in der geringere Lohnsätze als im Tarifvertrag vorgesehen werden, als rechtlich nichtig angesehen, auch dann, wenn die Billigung eines niedrigeren Lohnes zur Folge hätte, dass sich die Unternehmungen verpflichten, keine oder zumindest weniger als bisher geplante Reduzierungen der Beschäftigung vorzunehmen.

 

Nun wurde wiederholt in Umfragen festgestellt, dass die Arbeitnehmer mehrheitlich der Sicherheit des Arbeitsplatzes eine höhere Priorität einräumen als der Erzielung höherer Lohnsätze. In diesem Falle würde jedoch ein betrieblicher Vertrag, der eine höhere Sicherheit der Arbeitsplätze mit einem Abschlag bei den auszuzahlenden Löhnen vorsieht, eindeutig die Wohlfahrt der Beschäftigten erhöhen. Und in diesem Falle ist es auch nicht berechtigt, solche Verträge als rechtlich nicht erlaubt hinzustellen. Es wäre also viel gewonnen, wenn die Arbeitsgerichte bei ihren Entscheidungen weniger die Frage überprüfen, inwieweit einzelne Bestimmungen – wie z. B. die Festlegung der Lohnsätze – durch den betrieblichen Vertrag unterschritten werden, sondern überprüfen, wie die gesamte Wohlfahrt der Beschäftigten durch diese zusätzlichen Vereinbarungen beeinflusst wird.

 

Natürlich wird man zugeben müssen, dass es sehr viel schwieriger ist, solche Bewertungen an und für sich subjektiver Größen vorzunehmen als festzustellen, ob bestimmte Lohnsätze (oder auch andere Arbeitsbedingungen) unterschritten werden. Trotzdem zeigt das Beispiel der Umfragen, dass eine Höherbewertung der Arbeitsplatzsicherheit vor dem Ziel einer Lohnsteigerung trotzdem in konkreten Einzelfällen  objektiv nachgewiesen werden kann.

 

 

Zusammenfassung:

 

01. Eine Kürzung der Arbeitszeit wird als Mittel empfohlen, um die knappen Arbeitsplätze gerechter zu verteilen. Die Verfechter solcher Lösungen gehen davon aus, dass die gesamtwirtschaftliche Nachfrage nach Arbeitsstunden nicht erhöht werden könne, dass aber eine Reduzierung der Arbeitszeit pro Arbeitnehmer dazu führe, dass mehr Arbeitnehmer beschäftigt werden.

 

02. Die Vorstellung, dass die gesamtwirtschaftliche Nachfrage nicht ausgeweitet werden könne, wird entweder auf die Hypothese zurückgeführt, dass aufgrund allgemeinen Wohlstandes eine Sättigung in der Güternachfrage eingetreten sei (Sättigungshypothese) oder dass der technische Fortschritt zwangsweise dazu führe, dass immer mehr Arbeit durch Maschinen ersetzt werde (Robotisierungshypothese).                                                                                  

 

03. Beide Hypothesen sind falsch. Nach wie vor ist für breite Schichten der Bevölkerung keine Sättigung eingetreten. Der technische Fortschritt ist im Durchschnitt nur dann arbeitssparend, wenn der Lohn in Relation zum Zins zu hoch ist. Die Umsetzung geringerer Arbeitszeit in neue Arbeitsplätze funktioniert nur in Großbetrieben, sodass die Arbeitszeit in viel stärkerem Maße reduziert werden müsste, als neue Arbeitsplätze hierdurch geschaffen werden könnten.

 

04. Die Umsetzung einer Arbeitszeitreduzierung durch Schaffung neuer Arbeitsplätze ist in der Regel mit einem erheblichen Anstieg der Kapital- und Arbeitskosten verbunden. Wie stark die Kapitalkosten steigen, hängt davon ab, wieweit z. B. durch Einführung von Schichtbetrieb die Organisation des Produktionsablaufes reformiert werden kann.

 

05. Wieweit die Arbeitskosten steigen, hängt davon ab, ob die Arbeitsreduzierung mit einem Lohnausgleich verbunden wird. Die Arbeitskosten würden nur dann nicht steigen, wenn überhaupt kein Lohnausgleich durchgesetzt würde. Mit den Stückkosten geht jedoch auch die gesamtwirtschaftliche Nachfrage nach Arbeitskräften wiederum zurück.

 

06. Der Kündigungsschutz wurde eingeführt, um Arbeitnehmer vor willkürlicher Entlassung zu schützen. Der beste Schutz gegen Willkür ist ein starker Wettbewerb der Unternehmer; da aber immer wieder Monopolsituationen auftreten werden, ist ein gewisser Kündigungsschutz aus sozialpolitischer Sicht unerlässlich.

 

07. Allerdings ist es aus beschäftigungspolitischer Sicht gefährlich, wenn auch Kündigungen unterbunden werden, die betriebsbedingt notwendig werden (rigoroser Kündigungsschutz). Durch Kündigungsschutz wird kein einziger neuer Arbeitsplatz geschaffen, es werden diejenigen geschützt, die bereits einen Arbeitsplatz haben auf Kosten der bereits Arbeitslosen. Sozialpolitik verlangt jedoch stets Schutz des jeweils Schwächeren.

 

08. Rigoroser Kündigungsschutz erhöht (teilweise auch durch das Phänomen des Arbeiterhortens) stets die Stückkosten, da der Unternehmer zu zweitbesten Produktionslösungen gezwungen wird. Dadurch steigt jedoch die Arbeitslosigkeit. Rigoroser Kündigungsschutz verhindert einen schnellen Aufschwung, da der Unternehmer in diesem Falle nur dann sofort neue Arbeitskräfte einstellen wird, wenn er sicher ist, dass der Aufschwung von Dauer ist.

 

09. In den 80er und 90er Jahren wurde der gesetzliche Kündigungsschutz weitgehend liberalisiert, sodass der Handlungsbedarf vor Bildung der rot-grünen Regierung weniger in einer Reform der Kündigungsschutzgesetzgebung als in der Umsetzung dieser Liberalisierung lag. Die Regierungen danach haben allerdings die Reformmaßnahmen teilweise zurückgenommen.

 

10. Beschäftigungspolitisch wäre es erwünscht, wenn in Zukunft die Partizipation der Arbeitnehmer am Wachstum weniger in Form von Lohnsteigerungen als in Form von Gewinnbeteiligungen vollzogen würde. Die Unternehmer würden auf diese Weise größere Möglichkeiten erhalten, bei Absatzkrisen mit Preissenkungen zu reagieren, das Unternehmerrisiko würde reduziert werden.

 

11. Die Arbeitnehmer würden durch eine Erhöhung der Arbeitsplatzsicherheit eine Nutzensteigerung erfahren, und zudem indirekt durch eine motivationsbedingte Produktivitätssteigerung diesen Effekt sogar noch verstärken. Auf diese Weise könnte ein Weg aus der Sackgasse gefunden werden, in der sich die Tarifverhandlungen oftmals befinden.

 

12. Da Arbeitsplätze vor allem durch Investitionsentscheidungen geschaffen oder vernichtet werden, wirkt sich sowohl eine moderate wie auch eine expansive Lohnpolitik zeitlich immer erst verzögert aus.

 

13. Expansive Lohnsteigerungen scheinen sich nicht unmittelbar negativ auf die Beschäftigung auszuwirken, die Gewerkschaften werden in ihrem Verhalten bestärkt. Treten dann verzögert Beschäftigungsminderungen ein und reagieren die Gewerkschaften mit einer moderaten Lohnpolitik, so ist wiederum keine sofortige Besserung in der Beschäftigtenlage festzustellen. Es hat den Anschein, als würde die Zurückhaltung der Arbeitnehmer nicht belohnt. Gleichzeitig weist der Anstieg in den Gewinnen auf eine ungerechte Umverteilung hin. Die Bereitschaft der Gewerkschaften zur moderaten Lohnpolitik wird aufgekündigt.

 

14. Im allgemeinen wird davon ausgegangen, dass eher betriebliche als überbetriebliche Tarifverträge zu beschäftigungsneutralen Lohnsteigerungen führen. Die Betriebsnähe zwinge die Arbeitnehmervertreter, in den Verhandlungen die Beschäftigungslage stärker zu berücksichtigen.

 

15. Bei einer Öffnung der Tarifverträge werden zwar die Tarifverhandlungen nach wie vor auf überbetrieblicher Ebene geführt, der Tarifvertrag lässt jedoch zu, dass betriebliche Zusatzvereinbarungen abgeschlossen werden, die im Hinblick auf den Lohnsatz auch unterhalb des Tariflohnes liegen können, sofern auf diese Weise Arbeitsplätze geschaffen werden, bzw. der sonst drohende Abbau von Arbeitsplätzen vermieden werden kann.

 

16. So könnte z. B. auf betrieblicher Ebene beschlossen werden, für eine Zeit von mehreren Jahren Verbesserungen in der Entlohnung nur in Form von Gewinnbeteiligungen zu gewähren, um auf diesem Wege den Arbeitsplatzabbau zu reduzieren.

 

 

Fragen zu Kapitel 11:

 

01. Von welcher Annahme gehen die Pläne aus, über eine Reduzierung der Arbeitszeit die Beschäftigung zu steigern?

 

02. Welche drei Vorschläge wurden in diesem Zusammenhang diskutiert?

 

03. Worin bestehen die besonderen Schwierigkeiten, diese Pläne in  Kleinbetrieben zu realisieren?

 

04. Bei welchen gewerkschaftlichen Forderungen insbesondere lässt sich eine Mehrbeschäftigung nicht realisieren?

 

05. Wann spricht man von einem rigorosen Kündigungsschutz?

 

06. Haben  die Arbeitgeber auch heute noch eine natürliche Monopolstellung auf den Arbeitsmärkten?

 

07. Was sieht der Weitzman-Plan vor?

 

08. Warum wird bei Einführung einer Gewinnbeteiligung die durch Lohnsenkungen hervorgerufene Mehrnachfrage nach Arbeit nicht wiederum durch Mindernachfrage kompensiert?

 

09. Warum ist bei einer Gewinnbeteiligung die Gefahr von Entlassungen geringer?

 

10. Was besagt die Unabdingbarkeitsklausel?

 

 

Antworten zu Kapitel 11:

 

01. Die Pläne zur Beschäftigungssteigerung über eine Reduzierung der Arbeitszeit unterstellen stillschweigend, dass die gesamte Nachfrage nach Arbeitskräften in Arbeitsstunden gerechnet von der Arbeitszeitreduzierung nicht berührt wird.

 

02. Eine Arbeitszeitreduzierung wird erhofft aufgrund einer Reduzierung der wöchentlichen Arbeitszeit, der Überstunden sowie der Lebensarbeitszeit.

 

03. In Kleinbetrieben müssten die neu eingestellten Arbeitnehmer recht unterschiedliche Tätigkeiten verrichten, da ja nicht ganze Arbeitsplätze wegfallen.

 

04. Eine Mehrbeschäftigung wäre nur dann zu erwarten, wenn die Gewerkschaften keinen vollen Lohnausgleich (gleiches Lohneinkommen trotz Reduzierung der Arbeitsstundenzahl) fordern würden.

 

05. Ein rigoroser Kündigungsschutz liegt immer dann vor, wenn aufgrund des Kündigungsschutzes Kündigungen ausgeschlossen werden, welche betriebsnotwendig sind.

 

06. Vor allem in Großbetrieben haben die Unternehmungen oftmals auch heute noch eine Monopolstellung inne aufgrund eines Informationsvorsprungs.

 

07. Der Weitzman-Plan sieht vor, einen Teil der Entlohnung der Arbeitnehmer in Form von Gewinnbeteiligungen zu gewähren.

 

08. Das Gewinnoptimum wird durch Einführung einer Gewinnbeteiligung nicht beeinflusst. Nach wie vor wird der maximale Gewinn bei der gleichen Produktionsmenge realisiert wie vor der Einführung der Gewinnbeteiligung.

 

09. Bei einer Gewinnbeteiligung sind Entlassungen weniger notwendig, da die Unternehmer die Möglichkeit erhalten, auf Absatzrückgänge mit Preissenkungen zu reagieren.

 

10. Die Unabdingbarkeitsklausel bestimmt, dass die im Tarifvertrag festgelegten Arbeitsbedingungen nicht durch betriebliche oder individuelle Arbeitsverträge unterlaufen werden dürfen.