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Gliederung der Vorlesung:

 

01. Einführung                    

02. Das Ziel der Vollbeschäftigung

03. Das Ziel der Geldwertstabilität

04. Das Ziel eines angemessenen wirtschaftlichen Wachstums

05. Die theoretischen Grundlagen der Beschäftigungspolitik

06. Die theoretischen Grundlagen der Stabilisierungspolitik

07. Die theoretischen Grundlagen der Wachstumspolitik

08. Die geld- und außenwirtschaftspolitischen Mittel

09. Die finanzpolitischen Mittel

10. Die einkommenspolitischen Mittel

11. Institutionelle Maßnahmen

12. Die Träger der Konjunktur- und Wachstumspolitik

 

 

 Kapitel 10: Die einkommenspolitischen Mittel Forts.

 

 

Gliederung:

 

01. Zum Begriff Einkommenspolitik

02. Lohnsenkung als Beschäftigungsmittel

03. Lohnexpansion als Beschäftigungsmittel

04. Die produktivitätsorientierte Lohnpolitik

05. Gesamt- versus branchenwirtschaftliche Orientierung

06. Auswirkungen von Arbeitszeitverkürzungen

07. Zur Problematik der Konstanz der Konsumquote

08. Konsequenzen bei kostentheoretischem Ansatz

09. Konsequenzen bei quantitätstheoretischem Ansatz

10. Das Bündnis der Arbeit

 

 

 

07. Zur Problematik der Konstanz der Konsumquote

 

Die Annahme einer konstant bleibenden Konsumquote muss im Zusammenhang mit Investivlohnverträgen korrigiert werden, da hier vorgesehen ist, dass ein Teil des Lohnzuwachses (vorübergehend) zwangsweise gespart wird.

 

Ausgangpunkt ist wiederum die Forderung, dass die Lohnerhöhung keine Steigerung des Preisniveaus verursachen soll. Nach keynesianischer Vorstellung wird dies – wie gezeigt – genau dann erreicht, wenn die Nachfragesteigerung der Angebotssteigerung entspricht. Die Konsumnachfrage der Arbeitnehmer ist hierbei definiert als das Produkt aus Lohnsatz (l), Arbeitsstundenzahl (A) und Konsumquote (c).

 

Die Nachfrageänderung, die sich aus Veränderungen sowohl des Lohnsatzes als auch der Konsumquote ergibt, entspricht schließlich der Summe der Lohnsatzerhöhungen und der Veränderung in der Konsumquote in absoluten Beträgen gerechnet. Da die Konsumquote bei Investivlöhnen zurückgeht (es wird ja mehr gespart), darf eine geldwertneutrale Lohnsatzerhöhung in diesem Falle höher ausfallen als die Produktivitätssteigerungsrate, ohne dass Preissteigerungen aufgrund des Lohnzuwachses zu befürchten sind.

 

Politisch relevant wurde diese Überlegung durch Investivlohnverträge (ein Teil des Lohnes wird vorübergehend zwangsweise gespart). Es gilt die Nachfragegleichung:

N = l * c * A

 

Die Nachfragesteigerung hängt nun sowohl von der Lohnsatzänderung als auch der Veränderung der Konsumquote ab. Auch hier kommen wir durch Kürzungen schließlich zu dem Ergebnis, dass sich die Nachfragesteigerung aus zwei Termen zusammensetzt, sie entspricht nun der Summe aus Lohnsatzsteigerung (dl/l) sowie Veränderung der Konsumquote (dc/c).

 

 

 

 

Weiterhin wird das Güterangebot durch das Produkt aus Arbeitsproduktivität (X/A) und Arbeitsstundenzahl (A) bestimmt. Abgeleitet nach der Arbeitsproduktivität entspricht die Zuwachsrate des Güterangebotes gerade der Zuwachsrate der Arbeitsproduktivität. Nachfrage- und Angebotssteigerung entsprechen sich somit gerade dann, wenn die Summe aus Lohnsatzsteigerung und Erhöhung der Sparrate gleich der Produktivitätssteigerung entspricht.

 

Durch Anpassung der Gleichung erhalten wir schließlich die Feststellung, dass die Lohnsatzsteigerung der Summe aus Produktivitätssteigerung und Konsumquotenänderung entsprechen muss, will man Geldwertstabilität erreichen. Da die Konsumquote bei Investivlöhnen verringert wird, darf die Lohnerhöhung in diesem Falle den Produktivitätszuwachs übersteigen:

 

 

 

·        X: Produktmenge

·        A: Arbeitsmenge in Arbeitsstunden

·        pi :  Arbeitsproduktivität

·        l:  Lohnsatz

·        c: Konsumquote

 

 

08. Konsequenzen bei kostentheoretischem Ansatz

 

Welche Konsequenzen gelten nun für die Frage, unter welchen Voraussetzungen eine Lohnpolitik geldwertneutral ist, wenn wir mit den Neoklassikern einen kostentheoretischen Ansatz zugrunde legen? Ausgangspunkt ist eine einzelwirtschaftliche Betrachtung. Die Unternehmer schlagen auf die Lohnstückkosten (k) einen branchenüblichen Gewinnzuschlag (g) auf. Es gilt also die Formel:

 

p = k + g * k = k ( 1 + g )

 

g: branchenüblicher Gewinnzuschlag

 

Hierbei berechnen sich die Lohnstückkosten als Produkt von Lohnsatz (l) und Arbeitsproduktivität (A/X):

 

 

 

Bei eine gesamtwirtschaftlichen Betrachtung ersetzen wir den Einzelpreis (p) durch das Preisniveau (P), sowie die Stückkosten eines einzelnen Produktes (k) durch die durchschnittlichen Kosten des Inlandsproduktes (kges). Wir erhalten so für die gesamte Volkswirtschaft die Formel:

 

 P = k ges * (1 + g)

 

 

Wiederum können wir davon ausgehen, dass auch die gesamtwirtschaftlichen Lohnstückkosten konstant bleiben, wenn in allen Branchen die Lohnsatzsteigerung auf die Steigerung in der Arbeitsproduktivität begrenzt wird. Allerdings steigen die gesamtwirtschaftlichen Stückkosten auch dann, wenn sich die Anteile der einzelnen Branchen an der Gesamtproduktion so verändern, dass die Branchen mit überdurchschnittlichen Stückkosten einen größeren Anteil erlangen.

 

Dies bedeutet, dass im Grundsatz auch die neoklassische Theorie genauso wie die keynesianische Theorie zu dem Ergebnis kommt, dass Lohnsteigerungen solange geldwertneutral sind, als sie sich auf die Steigerungen in der Arbeitsproduktivität beschränken.

 

Allerdings kommen beide Theorien zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen in der Frage, wie sich Investivlöhne auf das Güterpreisniveau auswirken. Wir hatten gesehen, dass bei einer keynesianischen Betrachtung eine Reduzierung der Konsumquote dazu führt, dass die Lohnsatzsteigerungen die Produktivitätssteigerung um die prozentuale Änderung der Konsumquote übersteigen dürfen, ohne dass sich Preissteigerungen ergeben.

 

 

 

Bei  einer Angebotsorientierung hingegen steigen die Stückkosten an, wenn die Löhne stärker steigen als die Arbeitsproduktivität und mit ihnen auch das Güterpreisniveau:

 

 

 

 

09. Konsequenzen bei quantitätstheoretischem Ansatz

 

Fragen wir uns kurz, zu welchen Ergebnissen wir gelangen, wenn wir unseren Überlegungen einen quantitätstheoretischen Ansatz zugrunde legen. Unter diesen Annahmen kommt man zu dem Ergebnis, dass allein die Geldmenge das Güterpreisniveau bestimmt. Es gilt die Verkehrsgleichung:

 

 

·         G: Geldmenge

·         U: Umlaufgeschwindigkeit 

·         P: Güterpreisniveau

·         X: Handelsvolumen      

 

 

In der neueren, vor allem von Milton Friedman entwickelten Form berücksichtigt allerdings die Quantitätstheorie, dass mit Zunahme des wirtschaftlichen Wachstums ein immer größerer Teil der Geldmenge in Kasse gehalten wird (Luxusgeldhypothese) und dass deshalb mit einem langfristigen Rückgang der Umlaufsgeschwindigkeit gerechnet werden muss.

 

Legen wir diese Quantitätstheorie unserer Betrachtung zugrunde, so muss man zu dem Ergebnis kommen, dass von Lohnsteigerungen allein keine unmittelbaren inflationären Tendenzen ausgehen können, dass nur eine expansive Geldpolitik, welche die umlaufende Geldmenge stärker ansteigen lässt als das reale Inlandsprodukt – vielleicht korrigiert durch den vermehrten Bedarf an Kasse – für Preisniveausteigerungen verantwortlich ist.

 

Nun sprachen wir von dem unmittelbaren Einfluss einer expansiven Lohnpolitik. Indirekt muss natürlich mit der Möglichkeit gerechnet werden, dass sich die Notenbank gezwungen sieht, eine expansive Lohnpolitik, bei welcher die Lohnsatzsteigerungen die Zunahme in der Arbeitsproduktivität übersteigen, mit einer Ausweitung der Geldmenge zu beantworten, um auf diese Weise eine Verminderung in der Beschäftigung in Folge einer expansiven Lohnpolitik zu verhindern.

 

Die Quantitätstheoretiker ziehen aus dieser Möglichkeit allerdings nicht den Schluss, dass deshalb die Lohnpolitik der Tarifpartner beeinflusst werden müsste, sondern dass es wichtig sei, der Notenbank die Aufgabe zu übertragen, für Geldwertstabilität zu sorgen und gleichzeitig die Autonomie der Notenbank so zu stärken, dass die Notenbank auch die Instrumente erhält, um dieses Ziel zu erreichen.

 

Nun könnte der Misserfolg der Notenbank nicht nur damit erklärt werden, dass die von der Notenbank ausgegebene Banknotenmenge im Hinblick auf das Ziel der Geldwertstabilität zu hoch ist, sondern auch damit, dass der aufgrund einer expansiven Lohnpolitik entstandene zusätzliche Geldbedarf durch Schaffung von Giralgeld befriedigt wird. Man könnte auch davon sprechen, dass sich die Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes bei einer expansiven Lohnpolitik erhöhe und dass auf diese Weise das Produkt aus Geldmenge und Umlaufsgeschwindigkeit ansteige.

 

Auch hier entspricht es den Vorstellungen der Quantitätstheoretiker, dass in diesem Falle der Bankenapparat so umgestaltet werden müsse, dass die Notenbank über ihre Instrumente das gesamte Geldangebot (Notenbankgeld plus Giralgeld) kontrollieren könne. Wiederum sei es nicht Sache der Politik, durch Eingriff in den Arbeitsmarkt inflationäre Tendenzen zu verhindern.

 

 

10. Das Bündnis der Arbeit

Das im Jahre 1967 verabschiedete Stabilitätsgesetz erlaubte dem Bundesminister für Wirtschaft die Einberufung einer Konzertierten Aktion. Hierbei sollten sich die Regierung und die Tarifpartner gemeinsam auf Orientierungsdaten für die anstehenden Tarifverhandlungen einigen. Diese Lohnleitlinien waren jedoch nicht bindend.

 

Karl Schiller (damaliger Wirtschafts- und Finanzminister der Bundesregierung) hatte diese Ordnungskonzeption entwickelt, da er der Auffassung war, dass das Ziel der Geldwertstabilität den Charakter eines Kollektivgutes besitze und deshalb – entsprechend einer von Mancur Lloyd Olson entwickelten Theorie – in unzureichendem Maße nachgefragt werde.

 

Mancur Lloyd Olson hatte aufgezeigt, dass Kollektivgüter in zu geringem Maße nachgefragt würden. Der Grund hierfür liege darin, dass bei Kollektivgütern die den Produzenten zufließenden privatwirtschaftlichen Grenzerträge stets geringer seien als die der gesamten Volkswirtschaft entstehenden Grenzerträge mit der Folge, dass der Schnittpunkt zwischen der Nachfrage- und der Angebotskurve (das privatwirtschaftliche Gleichgewicht) bei einer geringeren Ausbringungsmenge liege als der Schnittpunkt zwischen gesamtwirtschaftlichen Grenzerträgen und der Angebotskurve (dem Wohlfahrtsoptimum). Folgende Graphik verdeutlicht diese Zusammenhänge:

 

 

Beschreibung: ger21

 

 

Die rote Linie zeige den Verlauf der Angebots- (Grenzkosten-) kurve, die hellblau dargestellte Kurve die gesamtwirtschaftliche, die dunkelblau eingezeichnete Kurve schließlich die privatwirtschaftliche Grenzertragskurve. (xp) markiere das privatwirtschaftliche, (xg) hingegen das gesamtwirtschaftliche Gleichgewicht.

 

Da der Schnittpunkt mit der privatwirtschaftlichen Grenzertragskurve bei einer geringeren Ausbringungsmenge liegt als der Schnittpunkt mit der gesamtwirtschaftlichen Kurve, ist nachgewiesen, dass von den Kollektivgütern eine zu geringe Menge nachgefragt wird. Jeder ist an dem Kollektivgut ‚Geldwertstabilität’ interessiert, trotzdem werden zu wenig Anstrengungen unternommen, um dieses Gut zu erhalten. Dieser Konflikt wird in der Literatur als Kollektivgutdilemma bezeichnet.

 

Karl Schiller hat nun die Konzertierte Aktion zur Überwindung dieses Kollektivgutdilemmas vorgeschlagen. Werden die Lohnsätze in den einzelnen Tarifverhandlungen beschlossen, so muss befürchtet werden, dass oftmals auch Lohnsteigerungen durchgesetzt werden, welche die Geldwertstabilität gefährden.

 

Die einzelne Gewerkschaft würde sich besser stellen, wenn sie geringere Lohnsteigerungen fordern würde und wenn gleichzeitig die Geldwertstabilität gewahrt bliebe. Hierfür wäre jedoch Voraussetzung, dass alle Gewerkschaften preisniveauneutrale Lohnforderungen durchzusetzen versuchten. Eine einzelne Gewerkschaft würde sich somit nur dann bei einer preisniveauneutralen Lohnsteigerung besser stellen, wenn sie fest damit rechnen könnte, dass sich auch die übrigen Gewerkschaften Geldwert bewusst verhielten.

 

Da sie jedoch damit nicht rechnen können, werden sie Lohnsteigerungen durchsetzen, welche preisniveausteigernd wirken. Verhält sich nämlich eine Einzelgewerkschaft konform zur Geldwertstabilität, folgen ihr jedoch die übrigen Gewerkschaften in diesem Verhalten nicht, so fallen auf der einen Seite die realisierten Lohnsteigerungen in diesen Wirtschaftszweigen unterdurchschnittlich hoch aus, auf der anderen Seite tragen die Arbeitnehmer in diesen Wirtschaftszweigen jedoch die von den übrigen Gewerkschaften verursachten Preissteigerungen mit. Es lohnt sich somit für die Gewerkschaften nicht, sich Geldwert konform zu verhalten.

 

Hier setzt nun der Vorschlag der Konzertierten Aktion ein. Wenn alle Gewerkschaften zusammen mit der Regierung festlegen, welche Lohnsteigerungen als geldwertneutral eingestuft werden und damit gesamtwirtschaftlich verkraftet werden können, dann könne auch jede einzelne Gewerkschaft damit rechnen, dass sich alle übrigen Gewerkschaften an die gemeinsam festgelegten Beschlüsse halten. Wenn jedoch eine Gewerkschaft davon ausgehen kann, dass sich alle übrigen Gewerkschaften Geldwert konform verhalten, ist es auch für sie zweckmäßig, sich diesem konzertierten Verhalten anzuschließen und sich ebenfalls Geldwert konform zu verhalten.

 

In den ersten Jahren nach der Einführung der Konzertierten Aktion auf dem Arbeitsmarkt konnten gewisse Anfangserfolge erzielt werden. Die von den Gewerkschaften durchgesetzten Lohnsteigerungen blieben zunächst weitgehend preisniveauneutral, entsprachen also dem Wachstum der Arbeitsproduktivität. Dieser anfängliche Erfolg konnte jedoch nicht auf längere Zeit beibehalten werden.

 

Diese historische Entwicklung (anfängliche Erfolge sowie Versagen in langfristiger Hinsicht) lässt sich theoretisch leicht erklären. Man kann Interessengruppen sehr wohl dazu bewegen, aus gesamtwirtschaftlicher Verantwortung heraus ihre Einzelinteressen einmalig hinter das Gemeinwohl hintanzustellen. Es wird jedoch nicht gelingen, ein solches verantwortungsbewusstes Verhalten auf Dauer herbeizuführen. Aufgabe der Interessengruppen ist nun einmal die Vertretung ihrer eigenen Interessen, von diesem Ziel wird man keine Gruppe langfristig abbringen können.

 

In Wirklichkeit ist es auch nicht gelungen, mit der Einführung der Konzertierten Aktion das Kollektivgutdilemma aufzulösen. In Wirklichkeit gehen nämlich von der Einrichtung der Konzertierten Aktion ebenfalls Fehlanreize aus, welche denjenigen belohnen, welcher sich nicht an die gemeinsam beschlossenen Lohnleitlinien hält und denjenigen materiell bestraft, der sich Lohnleitlinien konform verhält. Setzt nämlich eine Einzelgewerkschaft Lohnsteigerungen durch, welche über der Leitlinie liegen, so erhält sie auf der einen Seite eine überdurchschnittlich hohe nominelle Lohnsteigerung, die hierdurch verursachten Preissteigerungen müssen jedoch von allen getragen werden, sodass deren Realeinkommen zurückgeht.

 

Es dürfte sich nun folgende Dynamik ergeben: Zunächst einmal halten sich fast alle Gewerkschaften an die gemeinsam beschlossenen Lohnleitlinien; da sich alle daran halten, werden ihre Erwartungen auch bestätigt. Über kurz oder lang wird jedoch eine Einzelgewerkschaft aus diesem Konzert ausbrechen und höhere Lohnforderungen durchsetzen, entweder weil in diesem Tarifbereich ein besonders hoher Nachholbedarf besteht oder auch deshalb, weil aufgrund überdurchschnittlich hoher Gewinne die Unternehmungen diesen Forderungen nachgeben werden.

 

Der Erfolg dieser Einzelgewerkschaft wird in den nächsten Tarifrunden weitere Gewerkschaften in diesem inkonformen Verhalten folgen lassen. Nun da mehrere Gewerkschaften aus dem Konzert ausbrechen, werden die hierdurch bedingten Preissteigerungen immer größer und dies bedeutet, dass konformes Verhalten immer mehr materiell bestraft wird und dass gerade deshalb die Gefahr besteht, dass immer mehr Einzelgewerkschaften aus der Konzertierten Aktion ausbrechen. Eines Tages bricht deshalb die Konzertierte Aktion schließlich notwendigerweise zusammen. Diese Prognose ist in der Tat auch eingetreten.

 

Auch die innere Logik, nach der Tarifverhandlungen stattfinden, spricht gegen einen langfristigen Erfolg der Konzertierten Aktion. Tarifverhandlungen sind langfristig erfolgreich, wenn beide Tarifpartner zu Kompromissen bereit sind und deshalb keine Tarifseite auf Dauer ihr Gesicht verliert. Um aber überhaupt Kompromisse schließen zu können, werden die Arbeitgeber die Tarifverhandlungen mit Lohnzugeständnissen beginnen, welche deutlich unter dem Lohnniveau liegen, welches sie bereit sind zuzugestehen, während umgekehrt die Gewerkschaften mit Lohnforderungen in die Tarifverhandlungen eintreten, welche deutlich über dem Lohnniveau liegen, welche sie für realistisch ansehen.

 

Wenn nun im Rahmen einer Konzertierten Aktion eine bestimmte Lohnsteigerung als akzeptabel und erwünscht beschlossen wird, so ist es für die Arbeitgeber kaum möglich, die Tarifverhandlungen mit einem Angebot zu beginnen, welches deutlich unterhalb dieser Lohnleitlinie liegt. Schließlich wurde ja bereits hoch offiziell eine höhere Lohnsteigerung als erwünscht akzeptiert. Die Arbeitgeber müssen also wohl oder übel mit einer Lohnbewilligung in die Tarifverhandlungen einsteigen, welche der von der Konzertierten Aktion beschlossenen Lohnleitlinie weitgehend entspricht.

 

Jedes andere Verhalten wäre widersprüchlich und würde auch den Erfolg weiterer Runden der Konzertierten Aktion gefährden, da die Arbeitgeber nicht einerseits in der Konzertierten Aktion den beschlossenen Lohnleitlinien zustimmen können, andererseits aber in den nachfolgenden Tarifverhandlungen diesen gemeinsam beschlossenen Leitlinien widersprechen können.

 

In diesem Falle fehlt jedoch den Arbeitgebern der Spielraum für weitere Konzessionen im Verlaufe der Tarifverhandlungen; das Verhandlungsklima verschärft sich, es wird nun schwieriger, zu einem Ergebnis zu gelangen. Auf jeden Fall werden die Tarifverhandlungen in der Regel mit höheren Lohnsteigerungen enden, als in der Konzertierten Aktion als erwünschte Lohnsteigerungen bezeichnet wurden.

 

Nun könnte man diesem Einwand dadurch begegnen, dass man vorschlägt, in der Konzertierten Aktion solle bei der Festlegung der Lohnleitlinie dieser Zusammenhang berücksichtigt werden und etwas geringere Lohnsteigerungen festgelegt werden, als tatsächlich erwünscht sind. Betrage also z. B. die erwartete Steigerung der Arbeitsproduktivität 3%, so müsse eben nur eine 2%ige Lohnsteigerung als Lohnleitlinie ausgegeben werden, damit dann während des Verlaufs der Tarifverhandlungen die eigentlich erwünschte Lohnsteigerung von 3% erreicht würde. Aber gerade damit würden sicherlich die Gewerkschaften im Rahmen der Konzertierten Aktion nicht bereit sein und gesamtwirtschaftliche Argumente dafür anführen, dass die volkswirtschaftlich erwünschte Lohnsteigerung eben 3% betrage.

 

Ein weiteres Argument kommt hinzu. De facto haben wir davon auszugehen, dass in den Verhandlungen einer Tarifrunde unterschiedliche Lohnabschlüsse vereinbart werden, da die einzelnen Gewerkschaften über unterschiedliche Machtpositionen verfügen und da die einzelwirtschaftlichen Steigerungen der Arbeitsproduktivität in den einzelnen Wirtschaftszweigen unterschiedlich ausfallen. Solche unterschiedlichen Abschlüsse mögen sogar in begrenztem Umfang volkswirtschaftlich erwünscht sein, da sich die Knappheitsrelationen der einzelnen Wirtschaftszweige immer wieder verändern und deshalb auch Veränderungen in der Lohnstruktur notwendig werden.

 

Wird nun jedoch im Rahmen der Konzertierten Aktion eine generelle Lohnleitlinie festgelegt, so werden auch diejenigen Gewerkschaften diese allgemein akzeptierte Lohnsteigerung durchzusetzen versuchen, welche aufgrund der Besonderheiten in den einzelnen Branchen durchaus ansonsten mit etwas unterdurchschnittlich hohen Lohnsteigerungen zufrieden gewesen wären. Der Druck der Mitglieder auf die gewerkschaftlichen Verhandlungsführer wird größer, wenn generelle Lohnleitlinien beschlossen werden, mag die Regierung oder auch die Wissenschaftler noch so sehr darauf hinweisen, dass eine Lohnleitlinie nur den Durchschnitt der Lohnsteigerungen festlege.

 

Liegen hingegen die in der Konzertierten Aktion beschlossenen Lohnleitlinien unterhalb dem Niveau, das die Gewerkschaften in diesem Wirtschaftszweig anstreben, werden sie Argumente finden, weshalb in ihrem Tarifbereich ein Abweichen in der Lohnhöhe nach oben angezeigt ist. Sie melden vielleicht einen Nachholbedarf an, weil in den vergangenen Tarifrunden nur eine unterdurchschnittlich hohe Lohnsteigerung durchgesetzt wurde oder aber in der eigenen Branche werden überdurchschnittlich hohe Gewinn erzielt, welche es aus verteilungspolitischen Gründen notwendig werden lassen, an diesem überdurchschnittlich hohem Wachstum beteiligt zu werden.

 

Auch gilt es zu berücksichtigen, dass in der Konzertierten Aktion niemals alle Verhandlungsführer beteiligt werden können, zu groß ist wegen der dezentralen Struktur die Zahl der einzelnen Tarifverhandlungen, die in der BRD stattfinden, nur die Vertreter der Spitzenverbände und einzelner sehr großer Gewerkschaften können an der Sitzung der Konzertierten Aktion teilnehmen.

 

In diesem Falle aber fällt es einem Verhandlungsführer sehr viel leichter, sich von den Beschlüssen der Konzertierten Aktion zu distanzieren; sie selbst haben ja an diesen Beschlüssen in der Regel gar nicht teilgenommen. Damit entfällt jedoch eine der wesentlichen Voraussetzungen für das Gelingen der Konzertierten Aktion. Karl Schiller wollte ja gerade dadurch das Kollektivgutdilemma der Geldwertstabilität überwinden, dass die Gewerkschaften in den Tarifverhandlungen die Lohnleitlinien als ihre eigenen Beschlüsse akzeptieren und sich deshalb auch an diese Beschlüsse halten.

 

 

Zusammenfassung:

 

 

14. Erhöhen die Arbeitnehmer ihre Ersparnis und sinkt deshalb die Konsumquote, so dürfen die Löhne stärker steigen als die Produktivität, ohne dass inflationäre Tendenzen von der Lohnerhöhung ausgehen. Diese Schlussfolgerung gilt allerdings nur unter der Annahme einer nachfrageorientierten Inflationstheorie.

 

15. Die Forderung nach produktivitätsorientierter Lohnpolitik lässt sich auch mit Hilfe der angebotsbezogenen Inflationstheorie rechtfertigen. Entsprechend dieser Theorie kann eine Inflation nur dann vermieden werden, wenn die gesamtwirtschaftlichen Stückkosten konstant gehalten werden. Die Lohnstückkosten bleiben jedoch konstant, wenn die Löhne nur im Umfang der Produktivitätssteigerung angehoben werden. Allerdings wirken sich unter angebotstheoretischer Sicht Investivlohnsteigerungen genauso preissteigernd aus wie Barlohnerhöhungen.

 

16. Legt man einen quantitätstheoretischen Ansatz zugrunde, gehen die Lohnsätze nicht in den Kranz der Bestimmungsgründe der Inflationsrate ein. Allerdings könnten Lohnsteigerungen insofern eine Inflation bewirken, als sich die Notenbank veranlasst sieht, die durch Lohnsteigerungen bedingte Mehrnachfrage nach Geld mit einer Ausweitung der Geldmenge bei gleichbleibendem Zinssatz zu beantworten.

 

17. Arbeitsplätze werden immer nur durch die Entscheidungen der einzelnen Unternehmungen geschaffen. Ein Bündnis der Arbeit auf gesamtwirtschaftlicher Ebene kann keine neuen Arbeitsplätze schaffen. Die dort gefällten Beschlüsse stellen lediglich Prognosen dar.

 

18. Erweisen sich diese als zutreffend, war das Bündnis der Arbeit zwar wirkungslos, aber harmlos. Stellt sich jedoch heraus, dass die Prognosen zu optimistisch formuliert wurden, besteht die Gefahr, dass die Gewerkschaften aufgrund der Enttäuschung, dass die Arbeitgeber diese Versprechungen nicht einhalten und keine neuen Arbeitsplätze schaffen, ihre bisherige moderate Lohnpolitik aufgeben.

 

 

Fragen zu Kapitel 10a:

 

13. Was versteht man unter Investivlöhnen?

 

14. Gilt die Forderung nach produktivitätsorientierter Lohnpolitik auch im Hinblick auf die Investivlöhne?

 

15. Inwieweit kann von Lohnsteigerungen überhaupt ein Einfluss auf das Preisniveau ausgehen, wenn man die Quantitätstheorie unterstellt?

 

16. Was für ein Dilemma wollte Karl Schiller mit der Einrichtung der Konzertierten Aktion lösen?

 

17. Warum war die Konzertierte Aktion auf dem Arbeitsmarkt auf lange Sicht nicht erfolgreich?

 

18. Inwiefern erschwert eine Konzertierte Aktion den Verhandlungsprozess der Tarifpartner?

 

 

Antworten zu Kapitel 10b:

 

13. Von Investivlöhnen spricht man immer dann, wenn ein Teil einer Lohnerhöhung den Arbeitnehmern nicht bar ausgezahlt wird, sondern als zwangsweise Ersparnis für die Arbeitnehmer angelegt wird.

 

14. Legt man eine angebotsorientierte Inflationstheorie zugrunde, kommt man zu dem Ergebnis, dass auch Investivlöhne inflationär wirken können, sofern die Lohnerhöhung höher ausfällt als der Zuwachs in der Arbeitsproduktivität. Geht man jedoch von einer nachfrageorientierten Inflationstheorie aus, dann geht von Investivlöhnen keine inflationäre Wirkung aus, da Investivlöhne ex definitione zu keiner Nachfragesteigerung führen.

 

15. Geht man von der Quantitätstheorie aus, so können Lohnsteigerungen nur auf indirektem Wege preissteigernd wirken, dann nämlich, wenn die Notenbank bereit ist, den durch Lohnsteigerungen ausgelösten Mehrbedarf an Kasse bei konstantbleibenden Zinsen voll zu befriedigen.

 

16. Karl Schiller war der Auffassung, dass bei Einrichtung der Konzertierten Aktion auf dem Arbeitsmarkt das Kollektivgutdilemma aufgelöst werden könne, wonach die Arbeitnehmer zwar von einer Geldwertstabilität profitieren würden, trotzdem aber Lohnsteigerungen fordern würden, welche sich preissteigernd auswirken. Da die Einzelgewerkschaften nie sicher sein könnten, dass sich auch die anderen Gewerkschaften an die Forderung nach einer produktivitätsorientierten Lohnpolitik halten würden und da einer Gewerkschaft eine gemäßigte Lohnpolitik nur dann zugute kommt, wenn alle Gewerkschaften sich in ihren Lohnforderungen mäßigen würden, bestehe stets die Gefahr, dass die Gewerkschaften wegen dieser Unsicherheit möglichst hohe Lohnforderungen stellen würden.

 

17. Die Konzertierte Aktion war auf lange Sicht nicht erfolgreich, weil von ihr Fehlanreize ausgingen. Arbeitnehmer, welche sich an die Vereinbarungen der Konzertierten Aktion hielten, wurden dadurch bestraft, dass andere Gewerkschaften preissteigernde Lohnerhöhungen durchsetzten, wobei diese Preissteigerungen auch denjenigen Arbeitnehmern zu Lasten fielen, welche sich konform verhalten haben.

 

18. Der Einigungsprozess der Tarifverhandlungen setzt voraus, dass beide Seiten zu Kompromissen bereit sind. Dies können sie jedoch nur dann, wenn sie nicht bereits zu Beginn der Verhandlungen das äußerst mögliche Zugeständnis machen müssen. Wenn mit Mitwirkung der Bundesregierung festgestellt wird, dass Lohnerhöhungen von x% erwünscht und möglich sind, werden die Arbeitgeber unglaubwürdig, wenn sie zu Beginn der Verhandlungen unter dieser Marge blieben. Im allgemeinen stellen jedoch die Lohnleitlinien auch bereits die äußerste Grenze für die Arbeitgeber dar. Die Lohnleitlinien beziehen sich in aller Regel auf den Produktivitätszuwachs. Es ist zwar erwünscht, dass die tatsächliche Lohnerhöhung nicht unter dieser Marge liegt, aber eben auch nicht diese übersteigt, da ja in diesem Falle die Lohsteigerungen inflationär wirken würden.