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Gliederung der Vorlesung:

 

01. Einführung                    

02. Das Ziel der Vollbeschäftigung

03. Das Ziel der Geldwertstabilität

04. Das Ziel eines angemessenen wirtschaftlichen Wachstums

05. Die theoretischen Grundlagen der Beschäftigungspolitik

06. Die theoretischen Grundlagen der Stabilisierungspolitik

07. Die theoretischen Grundlagen der Wachstumspolitik

08. Die geld- und außenwirtschaftspolitischen Mittel

09. Die finanzpolitischen Mittel

10. Die einkommenspolitischen Mittel

11. Institutionelle Maßnahmen

12. Die Träger der Konjunktur- und Wachstumspolitik

 

 

 Kapitel 10: Die einkommenspolitischen Mittel

 

 

Gliederung:

 

01. Zum Begriff Einkommenspolitik

02. Lohnsenkung als Beschäftigungsmittel

03. Lohnexpansion als Beschäftigungsmittel

04. Die produktivitätsorientierte Lohnpolitik

05. Gesamt- versus branchenwirtschaftliche Orientierung

06. Auswirkungen von Arbeitszeitverkürzungen

07. Zur Problematik der Konstanz der Konsumquote

08. Konsequenzen bei kostentheoretischem Ansatz

09. Konsequenzen bei quantitätstheoretischem Ansatz

10. Das Bündnis der Arbeit

 

 

 

01. Zum Begriff Einkommenspolitik

 

Im Rahmen der Einkommenspolitik findet eine Einflussnahme auf die Einkommen statt mit dem Ziel, Stabilität und Vollbeschäftigung zu garantieren. Positiv formuliert geht es um gesamtwirtschaftliche Ziele, im negativen Sinne ist festzuhalten, dass mit diesen Maßnahmen keine Verteilungspolitik beabsichtigt ist.

 

Allerdings lassen sich nicht alle Einkommen beeinflussen. Die Einkommenspolitik wird vorwiegend nur für Lohneinkommen angewandt, Einkommen der Selbstständigen lassen sich auf direkte Weise in einer freien Marktwirtschaft ohnehin nicht unmittelbar beeinflussen. Der Gewinn stellt sich als Restgröße dar, welche übrig bleibt, wenn von den Verkaufserlösen alle Kosten für Rohstoffe und Halbfabrikate sowie für die Einfünfte aus Arbeit, Boden und Kapital abgezogen sind.

 

Es gibt unterschiedliche Arten der Einkommenspolitik: Entweder werden wie vor allem im Ausland, neuerdings aber auch in der BRD Höchst- oder Mindestlöhne festgesetzt, oder aber es werden – wie zeitweise früher in der Bundesrepublik zusammen mit den Tarifparteien – Lohnleitlinien vereinbart, welche allerdings in aller Regel nicht bindend sind.

 

 

02. Lohnsenkung als Beschäftigungsmittel

 

Ziel einer politisch verordneten Lohnsenkung ist die Beschäftigungssteigerung (z. B. die Deflationspolitik von Brüning während der Weltwirtschaftskrise in Deutschland). Es wird hierbei unterstellt, dass die Beschäftigung von der Höhe des Reallohnes abhängt.

 

Wie verändert aber nun eine Nominallohnsenkung den Reallohn? Politisch lässt sich ja nur der Nominallohn auf direkte Weise verändern. Der Reallohn ergibt sich immer erst als Reaktion auf bestimmte politische Eingriffe.

 

Unter quantitätstheoretischen Annahmen ist bei einer Senkung des Nominallohnes mit einem Rückgang der Preise zu rechnen. Eine Lohnsenkung führt zunächst zu einer Mehrproduktion; bei gleichbleibender Geldmenge müssen die Güterpreise sinken. Trotzdem ist ein Rückgang des Reallohnes zu erwarten. Wie stark der Reallohn beeinflusst wird, hängt von den  Elastizitäten des Angebotes und der Nachfrage ab.

 

Ausgangspunkt sei ein Vier-Quadranten Diagramm. Im ersten Quadranten (NO) werde auf der Abszisse die Arbeitsmenge (A), auf der Ordinate der Reallohnsatz (l/P) abgetragen. Im zweiten Quadranten (SO) wird auf der Ordinate die Produktionsmenge (X) abgelesen. Der dritte Quadrant (SW) ordnet der Produktionsmenge ein Preisniveau (P) zu. Der Winkel vom Koordinatenursprung des vierten Quadranten (NW) schließlich lässt die Veränderung im Reallohn erkennen.

 

 

 

Gehen wir nun von einem gegebenen Arbeitsmarktungleichgewicht (A*- A0), also einem Angebotsüberhang aus. Dieses Ungleichgewicht führe auf freien Märkten zu einer Lohnsenkung (l/P*), bei der Vollbeschäftigung herrscht. In einem ersten Schritt bleibe das Preisniveau noch konstant. Aufgrund der damit verbundenen Zunahme der Beschäftigung kommt es auch zu einer Zunahme der Produktion. 

 

Da bei konstanter Geldmenge und gleichbleibender Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes entsprechend der Quantitätsgleichung das Preisniveau um den selben Prozentsatz zurückgehen muss, wie die Gütermenge angestiegen ist, wird notwendigerweise das Preisniveau sinken. Folglich bleibt es nicht bei der anfänglichen Abnahme des Reallohnes und damit auch nicht bei dem anfänglichen Anstieg in der Beschäftigung.

 

Zunächst bleibt es unklar, ob im Endeffekt der Reallohn gesunken und damit die Beschäftigung gestiegen ist. Die Graphik zeigt allerdings, dass es (bei Konstanz der Geldmenge und der Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes) auf jeden Fall einen Reallohn gibt, bei dem auf dem Arbeitsmarkt ein Gleichgewicht erreicht wird und diesem Zuwachs an Beschäftigung entspricht eine Zunahme der Gütermenge und eine gleichgroße Reduzierung des Preisniveaus.

 

Damit ist jedoch nur bewiesen, dass ein Gleichgewicht auf dem Arbeitsmarkt existiert (Frage nach der Existenz eines Gleichgewichtes). Es bleibt jedoch zunächst unklar, ob der Markt von sich aus aufgrund seiner Gleichgewichtskräfte von einem beliebigen Ausgangspunkt zu diesem Gleichgewicht hinführt (Frage nach den Tendenz zum Gleichgewicht). Ob eine solche Gleichgewichtstendenz besteht, hängt entscheidend einmal davon ab, wie groß die Elastizität der Arbeitsnachfrage auf Lohnveränderungen ist, zum andern, ob die Notenbank die Geldmenge weiterhin – trotz Deflation – konstant hält.

 

Nehmen wir den Fall an, dass die Elastizität der Arbeitsnachfrage gerade eins sei. Dies bedeutet, dass ein Rückgang im Reallohn von 1% zu einem Zuwachs der Arbeitsnachfrage von ebenfalls 1% führt. Wenn nun auch die Produktion um gerade diesen einen Prozentpunkt steigen würde, müsste (bei Konstanz der Geldmenge und der Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes) notwendigerweise das Preisniveau um einen Prozent sinken.

 

Dies würde bedeuten, dass Nominallohnsatz und Preisniveau im Endergebnis genauso stark gefallen sind und dass es somit nicht gelungen ist, den Reallohn auf Dauer zu senken. Damit würde jedoch auch die anfängliche Steigerung der Beschäftigung zurückgenommen. Das Gleichgewicht auf dem Arbeitsmarkt könnte nicht von selbst erreicht werden.

 

Wir kommen also zu dem Ergebnis, dass eine Gleichgewichtstendenz nur dann zu erwarten ist, wenn eine einprozentige Lohnsenkung zu einer Ausweitung der Produktion von weniger als einem Prozent führt. In diesem Falle fällt die induzierte Preissenkung geringer aus als die Nominallohnsenkung mit der Folge, dass der Reallohn auch auf Dauer reduziert wurde und damit die Voraussetzung dafür geschaffen wurde, dass die Beschäftigung langfristig steigen kann und dass ein freier Arbeitsmarkt auch eine Gleichgewichtstendenz aufweist.

 

Im Allgemeinen gehen wir davon aus, dass das Gesetz vom abnehmenden Grenzertrag der Arbeit gilt und dies bedeutet, dass die Produktion und mit ihr auch das Preisniveau stets in geringerem Maße als die Beschäftigung steigt. Es bestehen also gewisse Aussichten, dass ein freier Arbeitsmarkt über Lohnsenkungen durchaus zu einer Beschäftigungssteigerung führen könnte.

 

Es gibt noch einen weiteren Grund dafür, dass in der Realität von nominellen Lohnsenkungen bei Arbeitslosigkeit gewisse Gleichgewichtstendenzen ausgehen. Wir hatten bisher unterstellt, dass trotz Lohn- und Preissenkungen die umlaufende Geldmenge unverändert bleibt. Aber gerade diese Annahme ist unwahrscheinlich. Im Allgemein sind die Notenbanken bestrebt, allgemeine Preissenkungen nicht zuzulassen, da Deflationsprozesse zu einem Konjunkturrückgang führen müssten.

 

Wir wollen hier an dieser Stelle die Frage offenlassen, inwieweit diese These von den kontraktiven Effekten einer Deflation empirisch belegt ist. Wir gehen an dieser Stelle einfach davon aus, dass die Notenbanken bei Erwartung einer Deflation versuchen dadurch gegenzusteuern, dass sie die Geldmenge ausweiten. Von einer Geldmengenvermehrung gehen jedoch selbst wiederum partielle Preissteigerungen aus mit der Folge, dass im Endergebnis das Preisniveau in viel geringerem Maße als der Lohnsatz – wenn überhaupt – sinken wird. In diesem Falle kommt es bei Nominallohnsenkungen tatsächlich auch zu Verringerungen im Reallohn und dies wiederum bewirkt, dass Arbeitslosigkeit tatsächlich abgebaut wird.

 

 

03. Lohnexpansion als Beschäftigungsmittel

 

Vor allem von Gewerkschaftsseite wurde in der Vergangenheit im Gegensatz zu dieser Deflationspolitik der Versuch gemacht, durch eine expansive Lohnpolitik, das heißt also durch Anheben der Löhne, die Beschäftigung zu steigern. Grundlage dieser Modelle ist die Theorie von Keynes. Unter expansiver Lohnpolitik versteht man hierbei eine Lohnerhöhung, welche über den Zuwachs der Arbeitsproduktivität hinausgeht.

 

Ausgangspunkt dieser Betrachtung ist die „naive“ Kaufkrafttheorie, wie sie von Agartz vertreten wurde:

 

 

 

Wenn die Lohnsätze (l) erhöht werden, steigt bei zunächst konstanter Beschäftigung (B) die Lohnsumme (L = l * B) und mit ihr die Konsumsumme (C), das Inlandsprodukt (Y) und schließlich die Beschäftigung (B).

 

Diese Argumentation lässt sich jedoch kritisieren. Statt eines Beweises wird das Ergebnis vorausgesetzt. Es liegt also eine petitio principii vor. Diese Argumentation geht ja stilschweigend von der Annahme aus, dass die Lohnerhöhung in einem ersten Schritt zu keiner Verringerung in der Beschäftigung führt. Dies ist jedoch genau der Streitpunkt, der durch diese These geklärt werden soll.

Die Klassiker der Wirtschaftstheorie gehen davon aus, dass im Normalfall Lohnsatzsteigerungen zu einer verminderten Nachfrage nach Arbeit führen. Diese Reaktion ergibt sich unmittelbar aus dem Umstand, dass die Nachfrage nach Arbeitskräften durch den Verlauf der Kurve des Grenzertrages der Arbeit bestimmt wird.

 

Indem nun die Vertreter einer expansiven Lohnpolitik unterstellen, dass diese Annahme falsch ist, dass ganz im Gegensatz hierzu trotz Lohnsatzsteigerung kein Rückgang in der Beschäftigung zu befürchten ist, nehmen sie das Ergebnis, das mit Hilfe dieser Argumentation bewiesen werden soll, vorweg.

 

Es steigt weiterhin nur die induzierte Konsumnachfrage, eine Beschäftigungssteigerung wäre jedoch nur bei einem Anstieg der autonomen Nachfrage zu erwarten. Von induzierter Nachfrage sprechen wir dann, wenn die Konsumnachfrage deshalb steigt, weil zuvor das Einkommen gestiegen ist. Eine Steigerung der autonomen Nachfrage liegt hingegen nur dann vor, wenn bei gleichem Einkommen die Konsumnachfrage ansteigt.

 

Legt man die keynesianische Theorie zugrunde, so wird das Gütergleichgewicht maßgebend vom Verlauf der Konsumfunktion bestimmt. Nur dann, wenn es gelingen würde, den Verlauf der Konsumfunktion zu verändern, würde das Gütermarktgleichgewicht bei einer geänderten Produktionsmenge und damit auch Beschäftigungsmenge liegen. Die Beschäftigung hängt danach von der effektiven (autonomen) Nachfrage ab.

 

Nachfrage- und Angebotswert der Güter steigen nämlich bei Lohnerhöhungen in gleichem Maße. Es tritt deshalb auch keine Änderung des Gleichgewichtspunktes ein. Das Lohneinkommen erhöht sich bei gleichbleibender Beschäftigung genau um den Prozentsatz der Lohnsatzsteigerung. Aber gleichzeitig erhöht sich um denselben Betrag der Kostenwert des Angebotes. Eine Verringerung des Angebotsüberhanges würde jedoch nur dann vorliegen, wenn die Nachfrage stärker steigen würde als der Wert des Angebotes.

 

Das Gleichgewicht liegt nach wie vor bei der bisherigen, zu geringen Beschäftigungsmenge. Zwar mag das Angebot zunächst aufgrund der Mehrnachfrage auch ansteigen, da aber eine deflatorische Lücke entsteht, sinkt das Angebot wiederum auf die ursprüngliche Gütermenge. Die Unternehmer stellen fest, dass sie nicht alle zusätzlich produzierten Güter absetzen können, also werden sie die Produktion und mit ihr die Beschäftigung wiederum reduzieren.

 

 

 

A. P. Lerner hat allerdings ein Modell entwickelt, aus dem man unter Unterstellung keynesianischer Annahmen ableiten kann, dass Lohnsteigerungen unter bestimmten Bedingungen zu einem Zuwachs in der Beschäftigung führen können.

 

Lerner unterstellt, dass eine Lohnsatzerhöhung zu einer Steigerung der Lohnquote führt. Wenn man nun gleichzeitig von der Annahme ausgeht, dass die Arbeitnehmer eine höhere Konsumquote aufweisen als die Unternehmer, führt eine Lohnquotensteigerung automatisch zu einem Zuwachs der gesamtwirtschaftlichen Konsumquote. Damit verschiebt sich die C+I-Kurve nach oben und der neue Gleichgewichtspunkt liegt bei einem höheren Inlandsprodukt und damit auch bei einer höheren Beschäftigung. 

 

 

 

Berücksichtigen wir allerdings die Ergebnisse der ebenfalls keynesianisch orientierten Verteilungstheorie von Nicholas Kaldor, wird die Lohnquote (l/Y) keinesfalls bereits dann ansteigen, wenn expansive Lohnsteigerungen durchgesetzt werden. Vielmehr tritt nur dann eine Lohnquotensteigerung ein, wenn die Arbeitnehmer einen höheren Prozentsatz des Einkommens für Ersparnisse (s) einsetzen.

 

Eine bloße nominelle Lohnsteigerung würde von den Unternehmungen auf die Güterpreise weitergewälzt, mit der Folge, dass weder die Reallöhne noch die Lohnquote ansteigen würden. In diesem Falle entfällt jedoch auch der von Lerner aufgezeigte Beschäftigungseffekt nomineller Lohnsteigerungen.

 

 

 

 

Bei der Frage, welche Beschäftigungseffekte von einer Lohnerhöhung ausgehen, gilt es weiterhin zu berücksichtigen, dass von Lohnvariationen mehrere Nebeneffekte ausgehen, welche sich letztlich recht unterschiedlich auf den Beschäftigungsgrad auswirken können.

 

 

Beginnen wir mit dem Liquiditätseffekt. Wenn das Lohneinkommen steigt, wird im Durchschnitt auch mehr Geld in Kasse gehalten. Dies bedeutet, dass die Nachfrage nach Geld (LP für Liquiditätspräferenz) ansteigt. Auf dem Geldmarkt wird deshalb der Zinssatz ansteigen, dies führt zu einem Rückgang im Investitionsvolumen und dies wiederum bewirkt einen Rückgang in der Beschäftigung.

 

Was besagt weiterhin der Pigou-Effekt? Die Unternehmer werden Lohnsatzsteigerungen im Verkaufspreis weitergeben, somit steigt das Preisniveau. Da sich damit der reale Wert der Kassenbestände verringert, versuchen die Haushalte durch erhöhtes Sparen diesen Wertverlust der Kassenbestände auszugleichen. Die dadurch bedingte Reduzierung der Konsumnachfrage führt zu einer Reduzierung von Einkommen und Beschäftigung.

 

Der Substitutionseffekt besagt, dass ein Anstieg des Lohnsatzes bei gleichbleibendem Zinssatz auch das Lohn-Zins-Verhältnis verbessert. Für Unternehmungen lohnt es sich deshalb zu kapitalintensiveren Produktionen überzugehen. Bei gleichbleibender Produktmenge sinkt deshalb die Beschäftigung.

 

Die Unterschiede zwischen Substitutions- und Rationalisierungseffekt lassen sich anhand folgender Graphik verdeutlichen:

 

 

 

Auch dann, wenn wir von unverändertem Wissen über die Technik ausgehen, können durch Substitution von Arbeit durch Kapital gewisse Ertragssteigerungen erzielt werden, sofern wir von einer klassischen Produktionsfunktion ausgehen. Danach gibt es ein ganz bestimmtes optimales Einsatzverhältnis von Arbeit zu Kapital. Solange dieses Optimum noch nicht erreicht ist, solange also auf die Kapitaleinheit zu wenig Arbeitskräfte entfallen, kann durch Ausweitung der Beschäftigung der Durchschnittsertrag gesteigert werden. Sobald allerdings dieses Optimum erreicht ist, würde eine Mehrbeschäftigung zu einer Reduzierung des Durchschnittsertrages führen.

 

Ändert sich allerdings das technische Wissen, kann die Ertragsfunktion nach oben verschoben werden mit der Folge, dass auch bei gleichem Einsatzverhältnis von Arbeit und Kapital höhere Durchschnittserträge (X/A) erzielt werden können.

 

 

04. Die produktivitätsorientierte Lohnpolitik

 

Die Festlegung der Lohnsätze ist in der BRD Aufgabe der Tarifpartner. Der Staat hat danach nicht das Recht, die Lohnsätze auf politischem Wege festzulegen. Die Tarifpartner verfolgen in erster Linie verteilungspolitische Ziele. Da aber die Festlegung von Lohnsätzen selbst wiederum Einfluss hat auf das Güterpreisniveau und dem Staat (einschließlich der Notenbank) die Aufgabe zufällt, die Geldwertstabilität zu garantieren, besteht von Seiten der Politik ein legitimes Interesse daran, dass bei der Festsetzung der Lohnsätze die Nebenwirkungen von Lohnerhöhungen auf das Preisniveau mitberücksichtigt werden.

 

Es entstand deshalb die Forderung von Seiten der Politik, nur solche Lohnsteigerungen zuzulassen, welche das Ziel der Geldwertstabilität nicht gefährden. Im Allgemeinen wird davon ausgegangen, dass von den Lohnsteigerungen nur dann keine Verletzung des Stabilitätszieles zu befürchten ist, wenn die Lohnsteigerungen auf die Zuwächse in der Arbeitsproduktivität beschränkt werden.

 

Die Beweisführung, dass gerade bei einer Beschränkung der Lohnsteigerungen auf den Zuwachs in der Arbeitsproduktivität die Geldwertstabilität erhalten bleibt, erfolgt etwas unterschiedlich, je nachdem ob wir zur Begründung eine nachfrageorientierte, also eine keynesianische Theorie zugrunde legen oder ob wir angebotstheoretisch und damit klassisch argumentieren.

 

Wenn wir einen nachfragetheoretischen Ansatz zugrunde legen, gilt:

d p/p = 0, wenn dN / N = d X / X

 

·        dN/N: jährliche Steigerungsrate der Konsumnachfrage

·        dX/X: jährliche Steigerungsrate der Produktion von Konsumgütern   

 

Eine Preisstabilität kann danach nur dann erwartet werden, wenn sich Nachfrage- und Angebotssteigerung gerade entsprechen.

 

 

 

 

Wir gehen in einem ersten Schritt von einer konstant vorgegebenen Konsumquote (c) aus. Gleichzeitig wollen wir auch unterstellen, dass die Beschäftigungsmenge ebenfalls konstant bleibt. Wir fragen als erstes nach der Nachfrage nach Gütern. Der Einfachheit halber wird von der Nachfrage der selbstständigen Haushalte abgesehen. In diesem Falle entspricht die Gesamtnachfrage nach Konsumgütern (N) dem Produkt aus Konsumquote (c) und Lohneinkommen (L), das selbst wiederum dem Produkt aus Lohnsatz (l) * Beschäftigung (A) gleich ist.

 

Die Nachfragesteigerung (dN/N) errechnet sich danach aus dem Quotienten (dl * c * A) bezogen auf die Nachfrage (c * l * a). Hier lassen sich die als konstant geltende Konsumquote (c) sowie die ebenfalls gleichbleibende Arbeitsmenge im Zähler und Nenner kürzen, sodass die Nachfragesteigerung (dN/N) gleich der Lohnsatzsteigerung (dl/l) ist.

dN/N = (dl * c * A)/(l * c * A) = dl/l

 

Wenden wir uns nun der Angebotsseite zu.

 

Die Produktmenge (X) hängt einmal davon ab, wie hoch der Durchschnittsertrag einer Arbeitseinheit (X/A) ist, zum andern wie viel Arbeitseinheiten (A) eingesetzt werden. Der Durchschnittsertrag einer Arbeitseinheit wird hierbei Arbeitsproduktivität (pi) genannt:

 

Somit gilt für den Zuwachs an Gütermengen (dX/X):

 

 

Auch hier lässt sich der Ausdruck (A) in Zähler und Nenner kürzen, sodass der Zuwachs der Gütermenge der Veränderung in der Arbeitsproduktivität entspricht. Es gilt die Formel:

 

Wir kommen somit zu dem Ergebnis, dass die Voraussetzung dafür, dass das Preisniveau konstant bleibt und nicht von den Lohnsteigerungen beeinflusst wird, darin besteht, dass der Anstieg im Lohnsatz gerade dem Zuwachs der Arbeitsproduktivität entspricht.

 

 

05. Gesamt- versus branchenwirtschaftliche Orientierung

 

Die Forderung nach einer produktivitätsorientierten Lohnpolitik wird in zwei Varianten diskutiert. In der einen Variante wird die Forderung erhoben, die in den einzelnen Wirtschaftszweigen vereinbarten Tariflöhne sollten sich an der gesamtwirtschaftlichen Produktivität ausrichten. Demgegenüber verlangt eine zweite Variante dieser Forderung eine Ausrichtung an der Produktivität der Branche, für die gerade Tarifverhandlungen geführt werden.

 

Wenn diese beiden Regeln in allen Wirtschaftszweigen Anwendung finden würden, wäre der Forderung nach einer produktivitätsorientierten Lohnpolitik voll entsprochen. Sowohl dann, wenn die Tarifpartner stets ihre Lohnforderungen an der gesamtwirtschaftlichen Arbeitsproduktivität oder stets an der Produktivität der jeweiligen Branche ausrichten würden, wäre sicher gestellt, dass auch der gesamtwirtschaftliche Durchschnitt der Lohnsteigerungen die gleiche Höhe erreicht wie der gesamtwirtschaftliche Arbeitsproduktivitätszuwachs.

 

Zugunsten einer gesamtwirtschaftlichen Orientierung spricht jedoch folgendes Argument: De facto werden sich die Arbeitnehmer in Branchen unterdurchschnittlicher Produktivität nicht mit einer unterdurchschnittlichen Lohnsteigerung zufrieden geben. Es gibt vor allem Bereiche (Verbände, staatliche Behörden), in denen keine Produktivitätssteigerung stattfindet, da die Leistungen hier nicht auf einem Markt angeboten werden und da somit keine Markterträge vorliegen. Mangels eines Wertes für den Output misst man in diesen Branchen den Wert des Outputs am Wert des Inputs. In diesem Fall ist jedoch die Arbeitsproduktivität stets gleich eins, es lassen sich keine Produktivitätssteigerungen feststellen. Und dieser Mangel liegt nicht etwa darin, dass die Staatsdiener faul sind, sondern allein an der Tatsache, dass sich kein Marktwert für die Leistungen der Behörden feststellen lässt.

 

Man wird nun aber nicht erwarten können, dass die Beschäftigten in diesen Branchen für immer darauf verzichten, eine Anpassung der Löhne an die allgemeine Lohnentwicklung zu erfahren. Auch sie werden Lohnsteigerungen erkämpfen und folglich würden bei branchenbezogener Anpassung die gesamten Löhne stärker steigen als die Produktivität. Aus diesen Gründen lässt sich eine produktivitätsorientierte Lohnpolitik nur dadurch verwirklichen, dass in allen Wirtschaftszweigen eine Anpassung der Löhne am Zuwachs der gesamtwirtschaftlichen Produktivitätssteigerung erfolgt.

 

 

06. Auswirkungen von Arbeitszeitverkürzungen

 

Eine Produktivitätssteigerung kann auf zweierlei Weise dazu dienen, die Wohlfahrt der Bürger zu vergrößern. Eine Produktivitätssteigerung kann sowohl für mehr Freizeit als auch für mehr Einkommen eingesetzt werden. Wenn mehr Freizeit in Anspruch genommen wird, geht dies auf Kosten der Einkommenssteigerung.

 

Es gilt die Formel:

 

Summe aus Freizeit- und Einkommenszuwachs = Steigerung der Produktivität.

 

 

 

 

Wir gehen von der Gleichung der gesamtwirtschaftlichen Konsumnachfrage aus. Da wir die Einkommen der Selbstständigen vernachlässigt haben, entspricht die Gesamtnachfrage dem Produkt aus Konsumquote (c), Lohnsatz (l) und Arbeitsstundenzahl (A).

 

Wenn wir nun diese Gleichung nach l und A ableiten, erhalten wir einen Term für die Veränderung der Nachfrage aufgrund einer Veränderung des Lohnsatzes, sowie einen Term für die Veränderung der Arbeitsstundenzahl. Im ersten Term lässt sich der ‚Wert für c und A, im zweiten Term der Wert für c und l herauskürzen. Wir kommen somit zu dem Ergebnis, dass sich die prozentuale Veränderung in der Nachfrage zusammensetzt aus der Summe Veränderungsrate des Lohnsatzes sowie Veränderungsrate der Arbeitszeit.

 

 

 

 

In gleicher Weise können wir auch das Angebot (X) als Produkt der Arbeitsmenge (A) mit der Arbeitsproduktivität (pi) verstehen. Wiederum können wir diese Gleichung für das Angebot sowohl nach l und A ableiten und wiederum lässt sich die Veränderung im Angebot als Summe zweier Terme verstehen, welche aufzeigen, wie eine Veränderung in der Arbeitsproduktivität sowie der Arbeitsmenge das Güterangebot beeinflussen.

 

Wenn wir nun zum Schluss diese Ausdrücke für die Veränderung im Angebot und Nachfrage in unserer Gleichgewichtsbedingung (dX/X = dN/N) einsetzen, erhalten wir das Ergebnis, dass genau dann die Lohnpolitik den Geldwert nicht beeinflusst, wenn die Lohnsatzsteigerung gerade der Produktivitätssteigerung entspricht.

 

 

 

Diese Schlussfolgerung scheint auf den ersten Blick der These zu widersprechen, dass bei einer Zunahme der Freizeit der Lohnsatz geringer ansteigen kann als die Produktivität, will man inflationäre Tendenzen vermeiden. Dieser Widerspruch löst sich auf, wenn wir zwischen dem Lohnsatz (l) und dem Lohneinkommen (L = l * A) unterscheiden.

 

Bei einer Freizeitzunahme darf das Lohneinkommen (l * A) nur geringer ansteigen als die Arbeitsproduktivität, der Lohnsatz (l) jedoch kann in gleichem Maße angehoben werden wie die Arbeitsproduktivität. Bei gleichem Lohnsatz sinkt nämlich das Lohneinkommen, wenn die Arbeitsstundenzahl reduziert wird.

 

 

 

 

Zusammenfassung:

 

01. Im Gegensatz zur Verteilungspolitik werden mit einkommenspolitischen Maßnahmen gesamtwirtschaftliche Ziele verfolgt. Obwohl mit dem Begriff "Einkommenspolitik" angedeutet werden soll, dass alle Einkommen beeinflusst werden sollen, wurden de facto im Rahmen dieser Politik immer nur Lohneinkommen beeinflusst.

 

02. Im Ausland setzten sich bisweilen Maßnahmen des Lohnstopps durch, während man sich in der BRD lange Zeit auf Maßnahmen des "moral suasion" beschränkte.

 

03. Während der Weltwirtschaftskrise versuchte die Regierung Brüning durch Deflationspolitik - u. a. durch Druck auf die Löhne - die Depression zu überwinden. Die Regierung stützte sich hierbei auf die neoklassische Theorie, wonach Arbeitslosigkeit darauf zurückgeführt werden muss, dass die Löhne über dem Gleichgewichtsniveau liegen.

 

04. Allerdings können die Politiker immer nur den Nominallohn beeinflussen, obwohl nur eine Senkung des Reallohnes eine Beschäftigungszunahme zur Folge hätte. Bei konstanter Geldwertsumme muss jedoch das Güterpreisniveau sinken, wenn durch die Lohnsenkungen die Gütermenge ansteigt. Dadurch wird jedoch die anfängliche Reallohnsenkung teilweise wiederum zurückgenommen.

 

05. Gewerkschaften fordern oftmals expansive Lohnerhöhungen auch aus beschäftigungspolitischen Gründen. Entsprechend der keynesianischen Theorie müsse Arbeitslosigkeit mit zu geringer Güternachfrage erklärt werden, ein Anstieg der Löhne erhöhe die Konsumnachfrage und damit das Inlandsprodukt und den Beschäftigungsgrad.

 

06. Mit dieser Begründung ist die Kaufkrafttheorie falsch, da nicht nur die Nachfrage, sondern auch der Kostenwert des Angebotes ansteigt und deshalb der Angebotsüberhang nicht abgebaut wird; entsprechend der Theorie von Keynes kann der Beschäftigungsgrad nur dann steigen, wenn die autonome effektive Nachfrage steigt, lohnbedingte Nachfragesteigerungen sind jedoch induziert, sie stellen Bewegungen entlang der Konsumfunktion dar, obwohl nur eine Verschiebung der Kurve selbst nach oben das Gütergleichgewicht nach rechts verschieben würde.

 

07. Eine Verschiebung der Konsumfunktion nach oben wäre nur zu erwarten, wenn die Lohnquote und mit ihr die gesamtwirtschaftliche Konsumquote vergrößert würde. In der Tat ging Lerner von der Annahme aus, dass Lohnsatzsteigerungen zu einer Umverteilung zugunsten der Lohnempfänger führten. Da die Arbeitnehmer eine höhere Konsumneigung als die Selbstständigen aufweisen, steigt unter diesen Bedingungen auch die Konsumquote.

 

08. Lohnquotensteigerungen treten jedoch nach Kaldor nur dann ein, wenn die Sparquote der Arbeitnehmer ebenfalls ansteigt. Auch ist zu bedenken, dass dem möglichen positiven Effekt weitere negative Beschäftigungseffekte gegenüberstehen (Liquiditätseffekt, Pigou-Effekt, Substitutionseffekt, Rationalisierungseffekt).

 

09. In den 60er Jahren wurde die Forderung nach einer produktivitätsorientierten Lohnpolitik erhoben. Danach soll der Zuwachs in den Lohnsätzen am Produktivitätszuwachs ausgerichtet werden. Entsprechend der keynesianischen Inflationstheorie können Preissteigerungen vermieden werden, wenn die Nachfrage nach Gütern nicht stärker steigt als das Güterangebot.

 

10. Bei einer produktivitätsorientierten Lohnpolitik steigt die durch Lohnerhöhungen ausgelöste Konsumnachfrage um den Prozentsatz der Lohnsteigerungen, wenn man Konstanz der Arbeitsnachfrage und der Konsumquote unterstellt. Das Güterangebot steigt unter diesen Annahmen entsprechend der Produktivität. Damit ist nachgewiesen, dass von einer produktivitätsorientierten Lohnpolitik keine inflationären Tendenzen ausgehen.

 

 11. Die Produktivitätsorientierung muss sich stets auf den gesamtwirtschaftlichen Produktivitätszuwachs beziehen, da man nicht erwarten kann, dass sich die Gewerkschaften in den Sektoren mit unterdurchschnittlicher Produktivitätssteigerung auch mit einer unterdurchschnittlichen Lohnsteigerung zufrieden geben.

 

12. Da die Arbeitsmenge sowohl die Güternachfrage als auch das Güterangebot bestimmt, macht eine Veränderung in der Beschäftigung keine Korrektur der Produktivitätsformel notwendig.

 

13. Allerdings bezieht sich diese Formel auf die Lohnsätze und nicht auf die Lohneinkommen; das Lohneinkommen kann nur in dem Umfang ausgeweitet werden, in dem eine Produktivitätssteigerung nicht für eine Erhöhung der Freizeit eingesetzt wurde. Eine Verringerung des Lohneinkommens ergibt sich nicht aufgrund einer Lohnsatzsenkung, sondern aufgrund einer Reduzierung der Arbeitszeit.

 

 

Fragen zu Kapitel 10a:

01.  Welche Ziele werden mit der Einkommenspolitik verfolgt?

 

02. Welche zwei Arten von Einkommenspolitik lassen sich unterscheiden?

 

03. Inwieweit wirken Lohnsenkungen beschäftigungssteigernd?

 

04. Reichen nominelle Lohnsenkungen aus, um den erwünschten Beschäftigungseffekt zu erzielen?

 

05. Warum muss man unter klassischen Bedingungen davon ausgehen, dass Lohnsenkungen teilweise zu Preissenkungen führen?

 

06. Was versteht man unter expansiver Lohnpolitik?

 

07. Wie wird im Rahmen der Kaufkrafttheorie erklärt, dass eine über die Produktivitätssteigerung hinausgehende Lohnsatzsteigerung  einen Beschäftigungszuwachs auslösen soll?

 

08. Warum kann man bei einer solchen Argumentation von einer Petitio principii sprechen?

 

09. Worin unterscheidet sich die von Lerner formulierte Kaufkrafttheorie von der von Agartz vorgetragenen Version? 

 

10. Warum führt eine produktivitätsorientierte Lohnpolitik nur dann zum Erfolg, wenn die Tariflöhne in den einzelnen Tarifgebieten an der gesamtwirtschaftlichen Arbeitsproduktivität ausgerichtet werden?

 

11. Werden die gesamtwirtschaftlichen Ziele der Geldwertstabilität und der Vollbeschäftigung verletzt, wenn trotz Arbeitszeitverkürzung die Löhne im Umfang des Produktivitätszuwachses angehoben werden?

 

12. Inwiefern kommen die nachfrageorientierte und die angebotsorientierte Inflationstheorie im Hinblick auf Investivlöhne zu unterschiedlichen Ergebnissen?

 

 

Antworten zu Kapitel 10:

 

01. Mit der Einkommenspolitik wird das Ziel verfolgt, den Geldwert stabil zu halten und Vollbeschäftigung zu garantieren. Verteilungspolitische Ziele stehen nicht im Vordergrund.

 

02. Es können Höchstlöhne verordnet werden oder nicht bindende Lohnleitlinien.

 

03. Wenn der aktuelle Lohn über dem Gleichgewichtslohn liegt, führen Lohnsenkungen bei normalen Marktreaktionen zu Beschäftigungssteigerungen.

 

04. Beschäftigungssteigerungen sind nur zu erwarten, wenn auch die realen Lohnsätze sinken. Die Problematik liegt darin, dass politisch immer nur die nominellen Lohnsätze beeinflusst werden können.

 

05. Unterstellt man die Quantitätstheorie, so wird die durch Lohnsenkungen ausgelöste Mehrproduktion bei gleichbleibender Geldmenge zu einer Reduzierung der Preise führen.

 

06. Man spricht von expansiver Lohnpolitik, wenn die Tariflöhne stärker steigen als die Arbeitsproduktivität.

 

07. In Anwendung der Theorie von Keynes wird im Rahmen der Kaufkrafttheorie argumentiert, dass Lohnsteigerungen zu Einkommenssteigerungen, diese jedoch zu Steigerungen in der Konsumnachfrage führen. Ein Zuwachs in der Konsumnachfrage führe jedoch zu einer Mehrproduktion und damit auch zu einer Steigerung in der Beschäftigung.

 

08. Indem die Kaufkrafttheorie von der Annahme ausgeht, dass eine Lohnsatzsteigerung in jedem Falle zu einer Steigerung des Lohneinkommens und damit auch der Beschäftigung führt, wird das erst zu beweisende Ergebnis als Annahme vorweg genommen. Die neoklassische Theorie versucht nachzuweisen, dass Lohnsatzsteigerungen zu einem Rückgang in der Beschäftigung führen, was sich automatisch in einem partiellen Rückgang im Lohneinkommen auswirkt.

 

09. Lerner unterstellt, dass eine Lohnsatzsteigerung die Lohnquote erhöht. Da die Arbeitnehmer eine höhere Konsumquote aufweisen als die Selbstständigen, führe diese Veränderung in der Einkommensverteilung zu einer höheren gesamtwirtschaftlichen Konsumquote mit dem Ergebnis, dass  das Gütermarktgleichgewicht bei einer höheren Produktion und damit auch bei einer höheren Beschäftigung liegt.

 

10. Eine Orientierung der Tariflöhne an den branchenwirtschaftlichen Produktivitätssteigerungen hätte nur dann Erfolg, wenn in allen Branchen die Tariflöhne an die branchenwirtschaftliche Produktivitätssteigerung angepasst würden. De facto ist jedoch damit zu rechnen, dass in den Branchen, in denen keine Produktivitätssteigerung stattfindet oder in denen der Produktivitätszuwachs unterdurchschnittlich hoch ausfällt, trotzdem eine Lohnforderung erhoben wird, welche sich zumindest am gesamtwirtschaftlichen Zuwachs ausrichtet.

 

11. Generell gilt, dass die Summe der prozentualen Steigerung im Lohneinkommen sowie in der Freizeit dem Produktivitätszuwachs entsprechen muss. Allerdings findet die relative Reduzierung im Lohneinkommen bereits durch die Reduzierung der Arbeitszeit statt. Der Lohnsatz bleibt hiervon unberührt.

 

 12. Die nachfrageorientierte Inflationstheorie kommt zu dem Ergebnis, dass Lohnsteigerungen über den Produktivitätszuwachs keine negativen Auswirkungen auf die gesamtwirtschaftlichen Ziele haben, wenn sie als Investivlöhne vereinbart werden. Investivlöhne führen nämlich zu keinen Steigerungen im Konsum. Für die Angebotstheoretiker stellen jedoch auch die Investivlöhne Kosten dar, welche die Güterpreise genauso wie Barlöhne beeinflussen.

 

Fortsetzung folgt!