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Gliederung der Vorlesung:

 

01. Einführung                    

02. Das Ziel der Vollbeschäftigung

03. Das Ziel der Geldwertstabilität

04. Das Ziel eines angemessenen wirtschaftlichen Wachstums

05. Die theoretischen Grundlagen der Beschäftigungspolitik

06. Die theoretischen Grundlagen der Stabilisierungspolitik

07. Die theoretischen Grundlagen der Wachstumspolitik

08. Die geld- und außenwirtschaftspolitischen Mittel

09. Die finanzpolitischen Mittel

10. Die einkommenspolitischen Mittel

11. Institutionelle Maßnahmen

12. Die Träger der Konjunktur- und Wachstumspolitik

 

 

Kapitel 7 Die theoretischen Grundlagen

der Wachstumspolitik Teil I

 

 

Gliederung:

 

01. Wachstumstheorie ausreichende Grundlage?

02. Die wichtigsten Bestimmungsgründe des Wachstums

03. Die Bedeutung der natürlichen Ressourcen

04. Die quantitative Vermehrung der Arbeitsmenge

05. Die Verbesserung der Arbeitsqualität

06. Intensives Wachstum und Arbeitskräfteeinsatz

07. Kapital und postkeynesianische Wachstumstheorie

08. Kapital und neoklassische Wachstumstheorie

09. Sparförderung versus Investitionsförderung

10. Wirtschaftliches Wachstum und Kapitalstruktur

11. Die Rolle des technischen Fortschrittes

12. Stagnation aufgrund einer zu geringen Nachfrage?

 

 

01. Wachstumstheorie ausreichende Grundlage?

 

Die traditionelle Wachstumstheorie beschränkt sich auf die Frage, unter welchen Bedingungen mit einem gleichgewichtigen Wachstum gerechnet werden kann. Ein gleichgewichtiges Wachstum setzt hierbei voraus, dass Nachfrage wie Angebot nach bzw. von Gütern die gleiche Wachstumsrate aufweisen, sodass also zumindest dann, wenn wir von einem Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage in der ersten Periode der Betrachtung ausgehen, auch keine Ungleichgewichte in den folgenden Perioden zu erwarten sind.

 

Nun mag zwar diese Bedingung unerlässlich sein, um auf Dauer ein störungsfreies Wachstum zu ermöglichen, eine Wachstumstheorie kann nur dann ihre Aufgaben erfüllen, wenn auch die Frage beantwortet wird, von welchen Bestimmungsgründen es denn abhängt, ob und gegebenenfalls wie hoch die Wachstumsrate ausfällt. Wir haben also zu klären, auf welche Ursachen sich Veränderungen in der Wachstumsrate zurückführen lassen.

 

 

02. Die wichtigsten Bestimmungsgründe des Wachstums

 

Ausgangspunkt unserer folgenden Analyse soll der Datenkranz von Walter Eucken sein. Danach hängt die wirtschaftliche Aktivität und damit auch das wirtschaftliche Wachstum von insgesamt 6 Daten ab: Hierzu zählen:

 

·        die natürlichen Ressourcen einschließlich des Bodens,

·        die Arbeitskraft,

·        das Kapital,

·        das technische Wissen,

·        die Bedarfsstruktur und

·        die rechtliche und institutionelle Ordnung.

 

Es ist nun die Produktionsfunktion, welche die Zusammenhänge zwischen Input und Output erkennen lässt. Der Output, also die Produktionsmenge (X) hängt vom Einsatz aller Produktionsfaktoren, also der Anzahl der Arbeitnehmer bzw. der geleisteten Arbeitsstunden (A), weiterhin von der eingesetzten Menge an natürlichen Ressourcen (B) einschließlich der für die Produktion benötigten Grundstücke, sowie der Menge an – für die Produktion benötigtes – Kapital (K) ab. Es gilt die Formel:

X  =  f(A, B, K)

 

·        X: ausgebrachte Gütermenge

·        A: Einsatz an Arbeitskräften

·        B: Einsatz an natürlichen Ressourcen

·        K: Einsatz an Kapital

 

Bisweilen werden die sachlichen Produktionsfaktoren Boden und Kapital zusammengefasst, sodass dann die Produktmenge als Funktion von Arbeit und Kapital im weiteren Sinne verstanden werden kann:

X  =  f(A, K)

 

Die Rolle des technischen Fortschrittes weist auf die Strukturparameter der Produktionsfunktion hin. Es hängt von der jeweils angewandten Technik ab, wie viel Gütereinheiten mit einem gegebenen Bestand an Arbeit und Kapital produziert werden können, bzw. wie viel Arbeit und Kapital benötigt wird, um eine ganz bestimmte Menge an Gütern herzustellen.

 

Im Allgemeinen gehen wir in der Produktionstheorie von ganz bestimmten Eigenschaften einer Produktionsfunktion aus, so wie sie von Cobb und Douglas im Rahmen empirischer Untersuchungen beschrieben wurden. Danach weisen die Produktionsfunktionen folgende Struktur auf:

 

            

 

Der allgemeine Wachstumsparameter gibt hierbei an, welche Produktivitätsmerkmale alle Faktoren verbessern helfen, während der Parameter alpha sich nur auf den Faktor Arbeit bezieht und angibt, um wie viel Prozent das untersuchte Gut ansteigt, wenn der Faktor Arbeit um einen Prozentsatz zunimmt.

 

Es gehört zu den Eigenarten dieser Cobb-Douglas-Produktionsfunktion, dass die Potenzen für Arbeit und Kapital in ihrer Summe stets eins ergeben. Materiell bedeutet diese Struktur, dass bei einer Zunahme nur eines der beiden Produktionsfaktoren der Ertragszuwachs mit wachsender Güterproduktion zurückgeht, während dann, wenn beide Produktionsfaktoren in gleichem Umfang angehoben werden, der Ertragszuwachs konstant bleibt, dass also das Grenzniveauprodukt gleich eins ist.

 

Nun unterscheiden wir im Allgemeinen zwischen einem neutralen, einem arbeitssparenden und einem kapitalsparenden technischen Fortschritt. Der neutrale Fortschritt zeichnet sich dadurch aus, dass sich die Produktivitätssteigerungen auf beide (alle) Produktionsfaktoren verteilen, während bei einem arbeitssparenden (kapitalsparenden) Fortschritt zur Produktion der gleichen Menge wie bisher weniger Arbeit (weniger Kapital) benötigt wird.

 

Die Klassiker der Wirtschaftstheorie gingen von einer etwas anderen Produktionsfunktion aus. Während bei Unterstellung einer Cobb-Douglas Produktionsfunktion das Gesetz vom abnehmenden Grenzertrag bei allen Arbeitseinsätzen gilt, wird im Rahmen der klassischen Produktionsfunktion davon ausgegangen, dass zunächst der Grenzertrag bei wachsenden Faktoreinsatz sogar ansteigt und erst nach Überschreiten einer kritischen Produktionsmenge der Grenzertrag sinkt. Hinter der klassischen Produktionsfunktion steht die Vorstellung, dass es bei gegebener Technik ein ganz bestimmtes Faktoreinsatzverhältnis gibt, bei dem ein Optimum erzielt werden kann, während jede Abweichung von diesem optimalen Einsatzverhältnis (sowohl eine Erhöhung wie auch eine Verringerung) zu einer suboptimalen Produktion führt.

 

Auch die Nachfrage bestimmt das Wachstum. Die Produktionsfunktion zeigt zunächst nur auf, welche Gütermenge produziert werden könnte. In einer Marktwirtschaft werden aber nur die Güterarten und Gütermengen produziert, nach denen ein durch Nachfrage bekundeter Bedarf besteht. Güter, die nicht nachgefragt werden, werden gar nicht erst produziert. Insofern hängt die tatsächlich realisierte Wachstumsrate des Inlandsproduktes immer auch von der Wachstumsrate der Nachfrage ab. Damit ein Wachstum zustande kommt, sind sowohl die Produktionsmöglichkeiten als auch die Nachfrageentwicklungen notwendige Voraussetzungen.

 

Ob und in welchem Umfang ein wirtschaftliches Wachstum möglich ist, hängt schließlich auch von der jeweils realisierten institutionellen Ordnung ab. Eine Wirtschaftsordnung legt fest, welche Werte realisiert werden sollen. Aus dem Katalog der zu erhaltenden Werte lässt sich dann darauf schließen, welche Handlungsweisen zur Erhaltung dieser Werte notwendig sind und welche anderen Handlungen diese Werte gefährden.  Eine Ordnung besteht auch immer aus den Anreizen, das geforderte Verhalten herbeizuführen, sei es, dass über Strafen die wirtschaftenden Personen davon abgehalten werden sollen, die nicht erlaubten Handlungen trotzdem zu begehen, sei es, dass die gewünschten Handlungsweisen belohnt werden.

 

 

03. Die Bedeutung der natürlichen Ressourcen

 

Im Altertum waren Rohstoffe und natürliche Verkehrswege die wichtigste Grundlage für wirtschaftliches Wachstum.

 

Mit der Industrialisierung sank die Bedeutung der natürlichen Ressourcen für das Wachstum. Natürliche Rohstoffe können durch künstliche ersetzt werden. Die Fruchtbarkeit der Böden kann durch Düngung verbessert werden. Es können künstliche Verkehrswege gebaut werden.

 

Heutzutage kommt der Natur wiederum eine größere Rolle zu: Wir haben vor allem das Problem der Umweltverschmutzung: Bei der industriellen Produktion entstehen Umweltschäden, aufgrund derer die Zahl und Stärke der Naturkatastrophen ansteigt.

 

Damit ist auch das Problem der knappen Rohstoffe angesprochen: Aufgrund der Knappheit der Rohstoffe entstand die Forderung der Nachhaltigkeit, den nachfolgenden Generationen Rohstoffe in ausreichendem Maße zu belassen. Dies erfolgt zum Teil durch Recycling, zum Teil durch Entwicklung neuer Ressourcen wie z. B. die alternative Energie aus Sonnen- und Windkraft oder die Biomasse.

 

 

04. Die quantitative Vermehrung der Arbeitsmenge

 

Fragen wir uns nun, inwieweit der Produktionsfaktor Arbeit (A) den Output (X), das Inlandsprodukt beeinflusst. Hierbei ist zwischen einer rein quantitativen und einer qualitativen Beziehung zu unterscheiden. Diese Unterscheidung gilt gleichermaßen für den Input wie für den Output. Prinzipiell müssen wir davon ausgehen, dass eine Verbesserung in der Qualität der Arbeitskraft zu einer Qualitätssteigerung auch im Produkt führt.

 

Aber es ist auch denkbar, dass eine bloße Zunahme der Arbeitseinheiten zu einer verbesserten Qualität der Produkte führt. Nehmen wir an, dass deshalb, weil bei der Produktion neue Arbeitskräfte eingestellt werden und deshalb jeder einzelne Arbeitnehmer für weniger Produkte verantwortlich ist, er gerade deshalb seine Aufmerksamkeit auf die verbleibenden Gütermengen lenken kann, sodass weniger Ausschuss produziert und die verbleibenden Waren weniger Mängel aufweisen und auf diesem Wege die Qualität der Waren steigt.

 

Genauso kann jedoch umgekehrt die Quantität der Produkte auch durch eine verbesserte Arbeitsqualität vergrößert werden. So ist es denkbar, dass aufgrund eines neuen Verfahrens die Qualität der zu produzierenden Güter deutlich verbessert werden kann, dass aber bei diesem Verfahren neue Maschinen angeschafft werden müssen, welche eine besondere Ausbildung der Facharbeitskräfte voraussetzt. Allerdings ist die vermehrte Produktion in diesem Falle eigentlich eher der veränderten Technik zuzurechnen, welche ihrerseits eine verbesserte Qualität der Arbeit voraussetzt.

 

Wir beginnen die Analyse mit dem Versuch, die Produktion zu steigern oder auch qualitativ zu verbessern, indem der Faktor Arbeit quantitativ vermehrt eingesetzt wird.

 

Zahlreiche Determinanten beeinflussen den Arbeitskräfteeinsatz. Die Zahl der zur Verfügung stehenden Arbeitsstunden wird bestimmt:

 

·        von der Geburten- und Sterberate; es werden mehr Kinder geboren oder es sterben weniger Arbeitnehmer, bevor sie aus dem Erwerbsleben ausgeschieden sind. Hier gilt es allerdings zu berücksichtigen, dass die heute geborenen Kinder erst nach etwa 20 Jahren ins Erwerbsleben eintreten, sodass sich also die Arbeitnehmerzahl deshalb sehr stark verzögert aus diesem Grunde vergrößert.

 

·        von der Nettoeinwanderung (der Differenz zwischen der Einwanderung und der Auswanderung); es stehen insgesamt in einer Volkswirtschaft mehr Arbeitskräfte zur Verfügung, wenn mehr junge, arbeitsfähige Personen einwandern als zur gleichen Zeit auswandern.

 

·        von dem Erwerbseintritts- und Pensionierungsalter; die Zahl der Arbeitskräfte wird hier dadurch vergrößert, dass die Arbeitnehmer entweder früher ins Erwerbsleben treten oder aber später als bisher aus dem Erwerbsleben ausscheiden. Allerdings gilt es hier zu berücksichtigen, dass in der Realität zumeist die umgekehrten Prozesse stattfinden, dass also wegen Verlängerung der Ausbildungszeit der Eintritt ins Erwerbsleben erst mit einem höheren Lebensalter erfolgt oder dass das Verrentungsalter früher eintritt.

 

·        von der Veränderung in der Arbeitnehmer-Quote der Erwerbspersonen; weiterhin kann die Zahl der Arbeitskräfte auch dadurch verändert werden, dass Personen, welche bisher selbstständig waren, ihre Selbstständigkeit verlieren, in diesen Falle vergrößert sich die Zahl der Arbeitnehmer oder aber dass Personen, welche bisher als Arbeitnehmer galten, nun als Selbstständige erwerbswirtschaftlich tätig sind. Natürlich kann die Zahl der Arbeitnehmer auch dadurch verändert werden, dass Arbeitnehmer überhaupt ihre Erwerbstätigkeit aufgeben, also z. B. obdachlos werden oder aus Krankheitsgründen nicht mehr erwerbstätig sein können.

 

·        vom Umfang der Arbeitslosigkeit; wenn Arbeitnehmer zwar arbeitswillig sind, aber keinen Arbeitsplatz finden, ist die Zahl der zur Verfügung stehenden Arbeitsstunden insgesamt geringer als sie ohne Arbeitslosigkeit sein könnten. Insofern kann eine erfolgreiche Bekämpfung von Arbeitslosigkeit die Zahl der zur Verfügung stehenden Arbeitskräfte vergrößern helfen.

 

·        von der Zunahme oder Abnahme von Teilzeitarbeitskräften; während die bisher aufgezählten Veränderungen im Faktor Arbeit die Zahl der Arbeitskräfte verändert hat, kann der Umfang des Arbeitseinsatzes auch dadurch verändert werden, dass die durchschnittliche Anzahl von geleisteten Arbeitsstunden verändert wird. Stets müssen wir damit rechnen, dass ein Teil der Arbeitnehmer nicht ganztags arbeiten. Wenn sich nun der Anteil der Teilzeitbeschäftigten verändert, wirkt sich dieser Wandel auch auf die durchschnittliche Arbeitszeit pro Arbeitnehmer aus. Gleiches gilt, wenn wegen Rückgang der Güternachfrage Arbeitskräfte Kurzarbeit leisten müssen.

 

·        von einer eventuellen Erhöhung der effektiven Arbeitszeit; die gleiche Wirkung ist allerdings auch dann zu erwarten, wenn sich die effektive Arbeitszeit verändert, so etwa, wenn in den Tarifverträgen die vertraglich vorgesehene Arbeitszeit verkürzt wird. Allerdings muss hier mit der Möglichkeit gerechnet werden, dass die effektive Arbeitszeit bisweilen von diesen Veränderungen in den Tarifverträgen unberührt bleibt, wenn die Arbeitnehmer in gleichem Umfang ihre übertarifliche Arbeitszeit in Form von Überstunden vergrößern. Über einen Anstieg oder auch Abbau der Überstunden kann natürlich auch unabhängig von tariflichen Veränderungen der Umfang der effektiven Arbeitszeiten variieren.

 

·        von der Verringerung des Krankenstandes und der Unfallhäufigkeit; Krankheit und Unfall können zu einer vorübergehenden Arbeitsunfähigkeit führen und damit die Zahl der zur Verfügung stehenden Arbeitsstunden reduzieren. Bei Unfällen kann bisweilen die Arbeitsfähigkeit auf Dauer eingeschränkt sein. Fortschritte in der Medizin können schließlich dazu führen, dass die zur Verfügung stehenden Arbeitsstunden wieder ansteigen.

 

 

05. Die Verbesserung der Arbeitsqualität

 

Wenden wir uns nun den Möglichkeiten zu, den Output dadurch zu verbessern, dass die Arbeitsqualität erhöht wird. Die Arbeitsqualität lässt sich vor allem durch zwei Maßnahmenkomplexe erhöhen:

 

einmal durch Bildungspolitik: Dadurch, dass einem größeren Teil der Jugendlichen der Zugang zu den weiterbildenden Schulen und Hochschulen ermöglicht wird, lässt sich die Arbeitsproduktivität vergrößern. Bisweilen entsteht bei den nicht ausgebildeten Arbeitnehmern Arbeitslosigkeit einfach deshalb, weil technischer Fortschritt zu Produktionsanlagen führen kann, die von den Arbeitskräften eine immer höhere Ausbildung verlangen. Durch Qualifizierung der bisher ungelernten Arbeitnehmer kann auf diese Weise verhindert werden, dass sie aufgrund eines technischen Fortschrittes arbeitslos werden.

 

zum andern durch Mobilitätspolitik: Die Erhöhung der Mobilität führt dazu, dass die Arbeitnehmer verstärkt dort eingesetzt werden können, wo sie die höchste Produktivität erzielen. Es ist oftmals davon auszugehen, dass einzelne Arbeitnehmer bei ihrer ersten Anstellung noch nicht den Arbeitsplatz gefunden haben, der ihrer Fähigkeiten entspricht. Bestünden keine Möglichkeiten, dass für die einzelnen Arbeitnehmer ein Arbeitsplatzwechsel stattfindet, wäre deren Arbeitsproduktivität auf Dauer suboptimal. Durch Arbeitsplatzwechsel kann erreicht werden, dass die Arbeitsproduktivität langfristig ansteigt, auch dann, wenn jeder Wechsel Kosten der Anpassung mit sich bringt.

 

 

06. Intensives Wachstum und Arbeitskräfteeinsatz

 

Bei unseren bisherigen Überlegungen hatten wir uns mit dem extensiven Wachstum befasst. Wir gingen von einer Produktionsfunktion aus und frugen nach den Bestimmungsgründen dafür, das der Output aufgrund eines erhöhten oder auch verbesserten Arbeitseinsatzes zum Positiven hin verändert werden kann. Wir hatten jedoch bereits darauf hingewiesen, dass das wirtschaftliche Wachstum in allererster Linie als Maßstab der gesamtwirtschaftlichen Wohlfahrt angesehen wird.

 

Die Wohlfahrt einer Bevölkerung hängt jedoch weniger vom extensiven als vom intensiven Wachstum ab. Eine Bevölkerung wird nicht automatisch dadurch reicher, dass das Inlandsprodukt steigt, weil mehr Arbeitskräfte zur Verfügung stehen. Das Inlandsprodukt ist hier zwar angestiegen, aber auch die Zahl derjenigen, auf die dieses Produkt aufgeteilt werden muss. Die einzelnen Bürger erlangen nur dann einen Wohlfahrtsgewinn wenn entweder das Pro Kopf-Einkommen oder die Arbeitsproduktivität ansteigt. Wenden wir uns also deshalb nun der Frage zu, welche Beziehungen denn zwischen Arbeitseinsatz und intensivem Wachstum bestehen.

 

Betrachten wir hierzu die einzelnen Determinanten des Arbeitskräfteeinsatzes und zwar als erstes ein Bevölkerungswachstum, das durch Einwanderung hervorgerufen wird (B). Das Inlandsprodukt steigt (Y); es ist jedoch unklar, ob auch das Pro-Kopf-Einkommen ansteigen wird.

 

Das Pro-Kopf-Einkommen errechnet sich aus dem Quotienten aus Inlandsprodukt und Bevölkerung: Y/B. Bei einer Einwanderung steigen beide Größen, Zähler und Nenner. Je nachdem, ob das Inlandsprodukt stärker oder weniger steigt als die Bevölkerung, steigt oder sinkt das Pro-Kopf-Einkommen.

 

Betrachten wir nun als zweites die Zunahme der Geburtenrate und das hierdurch ausgelöste Bevölkerungswachstum. Zunächst sinkt möglicherweise das Angebot der Arbeitnehmer, da u. U. mehr Frauen zunächst nur im eigenen Haushalt tätig sind und nicht mehr einer außerfamiliären Erwerbstätigkeit nachgehen. Das Pro-Kopf-Einkommen sinkt in diesem Falle sogar vorübergehend, da die Frauen vor und unmittelbar nach der Geburt vorübergehend nicht beschäftigt sind. Die Zahl der Arbeitnehmer und damit auch das Inlandsprodukt bei gleicher Bevölkerungsgröße sinkt somit.

 

Langfristig, nachdem die heute geborenen Kinder in Zukunft erwerbstätig werden, steigt jedoch wiederum die Zahl der Arbeitnehmer und damit das Inlandsprodukt.  

 

Als dritter Bestimmungsgrund eines intensiven Wachstums sei eine erhöhte Arbeitszeit unterstellt. Bei konstanter Arbeitnehmerzahl kommt es zu einer Zunahme des Arbeitsangebotes in Stunden gerechnet.

 

Aufgrund des Gesetzes von abnehmenden Grenzertrag der Arbeit führt dies jedoch zu einer Reduzierung der Arbeitsproduktivität. Das Inlandsprodukt steigt, aber es steigt weniger als die Zahl der Arbeitsstunden. Das Pro-Kopf-Einkommen steigt somit zwar, die Produktivität der Arbeit sinkt jedoch gleichzeitig.

 

Nun unterscheiden wir – wie bereits erwähnt – im Allgemeinen zwischen zwei verschiedenen Ertragsfunktionen. Die klassische Theorie ging von folgender Ertragsfunktion aus: Eine Vermehrung des Arbeitseinsatzes führt danach zunächst zu einem Anstieg nicht nur in den Gütermengen, sondern auch in dem Durchschnittsertrag der Arbeit, da im Hinblick auf eine optimale Faktorkombination die Arbeitskraft zunächst in zu geringem Umfang vorhanden ist. Steigt nun die Produktion weiter, so wird schließlich eine kritische Schwelle erreicht, von der ab zwar nach wie vor die Produktmenge bei zusätzlichem Arbeitseinsatz weiter ansteigt, der Durchschnittsertrag jedoch abnimmt. 

 

Zugrunde liegt hier die Vorstellung, dass es ein optimales Einsatzverhältnis von Kapital und Arbeit gibt. Ist dieses optimale Einsatzverhältnis (A/K) gegeben, hat die Produktivität ihren höchstmöglichen Wert erreicht. Diesseits und jenseits dieses Einsatzverhältnisses jedoch, also bei höherem wie niedrigerem Arbeitseinsatz ist die Produktivität geringer und somit suboptimal.

 

Der genaue Ort dieser Schwelle liegt natürlich nicht in der Natur der Produktionsfaktoren. Vielmehr hängt es von der Art des technischen Fortschrittes ab, bei welchem Einsatzverhältnis dieses Optimum erzielt wird. Eine Änderung der Technik verändert deshalb auch zumeist den Punkt, bei dem der Durchschnittsertrag sein Optimum erreicht.

 

Nehmen wir als Beispiel eine Unternehmung, welche eine Änderung der Technik anstrebt, um auf diese Weise bestimmte Arbeitsgriffe, welche bisher von Arbeitnehmern vorgenommen wurden, nun von Maschinen verrichten zu lassen und damit Arbeit einzusparen. Es wird so eine neue Produktionsanlage konstruiert, welche dieses Ziel möglichst genau erfüllt und welche einen ganz bestimmten Kapitaleinsatz erfordert. Dieser Kapitaleinsatz ist somit bei Einführung dieses neuen Verfahrens vorgegeben und zusammen mit dem für diese neue Produktionsanlage vorgesehenen Faktoreinsatzverhältnis errechnet sich dann auch die Menge an Arbeit, bei welcher diesem Optimum erzielt wird.

 

 

 

Für die Entwicklung in der Arbeitsproduktivität ist somit in erster Linie die Art des technischen Fortschrittes verantwortlich. Wir unterscheiden zwischen neutralem, arbeitssparenden und kapitalsparenden technischen Fortschritt.

 

Bei neutralem technischen Fortschritt erfolgen Einsparungen im Grundsatz bei allen relevanten Produktionsfaktoren. Neutraler Fortschritt wird hierbei in der Wachstumstheorie unterschiedlich definiert. Harrod spricht von neutralem Fortschritt dann, wenn bei konstantem Zinssatz die Kapitalproduktivität konstant bleibt:

 

K / Y = constant   für  i = const.

 

Für Hicks hingegen liegt neutraler Fortschritt dann vor, wenn bei konstant bleibendem Lohn-Zinsverhältnis die Kapitalintensität konstant bleibt:

 

K / A = constant    für  l / i = const.

 

Solow schließlich spricht auch dann von einem neutralen technischen Fortschritt, wenn bei konstant bleibendem Lohnsatz die Arbeitsproduktivität konstant bleibt:

 

A / Y = const.    für  l = const.

 

Von einem arbeitssparenden Technischen Fortschritt wird weiterhin immer dann gesprochen, wenn durch den technischen Fortschritt vorwiegend nur Arbeit eingespart wird.

 

Analog hierzu spricht man von kapitalsparendem Technischen Fortschritt, wenn sich die Einsparungen vorwiegend auf den Kapitaleinsatz beziehen. Es ist davon auszugehen, dass auch in diesem Falle das Durchschnittsprodukt der Arbeit ansteigen kann, genauso wie bei arbeitssparendem Fortschritt auch das Durchschnittsprodukt des Kapitals zunehmen kann.

 

 

Zusammenfassung:

 

01. Die traditionelle Wachstumstheorie beschränkt sich im wesentlichen auf die Frage, unter welchen Bedingungen damit gerechnet werden kann, dass Angebot und Nachfrage mit der gleichen Rate wachsen. Die für eine effiziente Wachstumspolitik entscheidende Frage nach den Ursachen für unterschiedliches Wachstum wird von der traditionellen Wachstumstheorie nur am Rande beantwortet.

 

02. Aufschluss auf mögliche Determinanten eines unterschiedlichen Wachstums im Inlandsprodukt bringt ein Vorschlag von Walter Eucken, der sechs Daten wirtschaftlichen Geschehens unterscheidet: Arbeit, Natur, Kapital, Technik, Bedarf und Ordnung.

 

03. Die Bedeutung dieser 6 Daten für das wirtschaftliche Wachstum lässt sich anhand einer Produktionsfunktion erläutern.

 

04. Im Altertum und im Mittelalter war die Ausstattung mit natürlichen Ressourcen die wichtigste Voraussetzung für Wachstum und darauf aufbauend für eine politische Vormachtstellung. Hierbei spielten die natürlichen Ressourcen einmal als Träger von Rohstoffen, zum andern als natürliche Verkehrswege (Flüsse und Zugang zum Meer) die ausschlaggebende Rolle.

 

05. Nach der Industrialisierung ging das Gewicht der natürlichen Ressourcen zunächst zurück. Natürliche Rohstoffe wurden teilweise durch künstliche ersetzt (z. B. Nylon), teilweise durch internationalen Handel gegen Industrieprodukte ausgetauscht. Der Mangel an natürlichen Verkehrswegen konnte durch Bau von Straßen und anderen künstlichen Verkehrswegen ausgeglichen werden.

 

06. Heute gewinnen die natürlichen Ressourcen wiederum eine entscheidende Rolle, da Natur und Umwelt nicht mehr als freies Gut zur Verfügung stehen und da besondere Anstrengungen zur Wiederverwendung von Rohstoffen (Recycling) und Erschließung neuer Energiequellen (Sonnenenergie etc.) notwendig wurden.

 

07. Das Arbeitskräftepotenzial einer Volkswirtschaft wird durch zahlreiche Determinanten bestimmt: Geburten- und Sterberate, Nettosaldo der Wanderungen, Ein- und Austrittsalter in bzw. aus dem Erwerbsleben, Anteil der Erwerbstätigen an der gesamten Bevölkerung, Inanspruchnahme von Freizeit, Umfang von Fehlzeiten im Zusammenhang mit Unfällen und Krankheiten, Ausmaß der Arbeitslosigkeit.

 

08. Der Wert des Arbeitskräftepotenzials kann auch durch Qualifizierung (Ausbildung) gesteigert werden, wobei allerdings eine Zunahme in der Ausbildung in der Regel gleichzeitig das quantitative Angebot an Arbeit reduziert. Während der Ausbildung stehen nämlich die Auszubildenden nicht als Arbeitskräfte zur Verfügung. Weiterhin kann durch verstärkte Mobilität die Arbeitsqualität insoweit verbessert werden als sichergestellt wird, dass die Arbeit dort eingesetzt wird, wo sie die höchste Produktivität aufweist.

 

09. Im Allgemeinen wirken sich nur die Qualifizierungsmaßnahmen auch positiv auf das intensive Wachstum aus. Ein Anstieg der Bevölkerung vergrößert nur das extensive Wachstum, das Pro-Kopf-Einkommen kann sogar (bei ansteigenden Stückkosten) zurückgehen. Eine Zunahme der Arbeitszeit wird zwar das Pro-Kopf-Einkommen in der Regel erhöhen, dieser materielle Zuwachs wird jedoch durch eine Reduzierung der immateriellen Wohlfahrt (Freizeit) teilweise kompensiert.

 

 

Fragen zu Kapitel 7a:

 

01. Warum ist die Kenntnis der traditionelle Wachstumstheorie nicht ausreichend für eine effiziente Wachstumspolitik?

 

02. Welche sechs Variablen bilden den Eucken‘schen Datenkranz?

 

03. Welche der 6 Daten gehen in die Produktionsfunktion unmittelbar ein?

 

04. Inwieweit werden die Produktionstechnik sowie die rechtliche Ordnung in der Produktionsfunktion mittelbar berücksichtigt?

 

05. Inwiefern fiel vor und zu Beginn der Industrialisierung der Natur die entscheidende Rolle für die wirtschaftliche Aktivität zu?

 

06. Warum drängte die Industrialisierung die Bedeutung der Natur zunächst zurück?

 

07. Inwiefern steigt die Bedeutung der Natur in der jüngsten Zeit wiederum?

 

08. Inwieweit kann auch bei gleichbleibender Bevölkerungsstärke die Arbeitsmenge ausgeweitet werden?

 

09. Wie kann die Zahl der Arbeitnehmer bei konstanter Geburten- und Sterberate und bei gleichbleibenden Arbeitszeitregelungen erhöht werden?

 

10. Durch welche beiden Maßnahmenkomplexe lässt sich die Qualität der Arbeitskraft verbessern?

 

11. Führt ein positiver Einwanderungssaldo in jedem Falle zu einer Steigerung des intensiven Wachstums?

 

12. Wie verändert sich das Arbeitskräftepotenzial bei einem Anstieg der Geburtenrate?

 

 

Antworten zu Kapitel 7a:

 

01. Die traditionelle Wachstumstheorie beschränkt sich danach zu fragen, bei welchen Wachstumsraten mit einem gleichgewichtigen Wachstum gerechnet werden kann. Die für eine effiziente Wachstumspolitik notwendige Kenntnis der Ursachen des Wachstums stehen in der traditionellen Wachstumstheorie im Hintergrund.

 

02. Der von Walter Eucken definierte Datenkranz umfasst die Natur, die Arbeit, das Kapital, die Technik, den Bedarf sowie die rechtliche Rahmenordnung.

 

03. Von den 6 Daten gehen die drei Produktionsfaktoren Boden, Arbeit und Kapital unmittelbar in die Produktionsfunktion ein.

 

04. Die Produktionstechnik findet in den Strukturparametern der Produktionsfunktion mittelbare Berücksichtigung, die rechtliche Ordnung setzt Anreize, die auch in der Art der eingesetzten Technik Eingang in die Produktionsfunktion finden.

 

05. Vor und zu Beginn der Industrialisierung spielte die Natur die entscheidende Rolle, als der Reichtum einer Nation wesentlich davon bestimmt wurde, ob eine Volkswirtschaft über Rohstoffe verfügte und ob das Land natürliche Verkehrswege (Flüsse und einen Zugang zum Meer) aufwies.

 

06. Im Zuge der Industrialisierung konnten Substitute für Rohstoffe entwickelt und künstliche Verkehrswege eingerichtet werden.

 

07. Die Bedeutung der Natur steigt in der jüngsten Zeit wiederum an,  da der Vorrat vor allem an Energierohstoffen zu Ende geht und da im Zuge der Produktion die Natur durch Abgase und Abwässer beeinträchtigt wird.

 

08. Die Arbeitsmenge kann durch Veränderung des Eintrittsalters in das Erwerbsleben und des Alters, in welchem die Erwerbstätigen in den Ruhestand treten, beeinflusst werden.

 

09. Die Anzahl der Arbeitnehmer kann auch dadurch erhöht werden, dass mehr Arbeitnehmer ein- als auswandern.

 

10.  Die Qualität der Arbeitskraft lässt sich durch bildungspolitische Maßnahmen erhöhen. Gleichzeitig kann bei einer Erhöhung der Mobilität dafür gesorgt werden, dass die Arbeitskräfte jeweils an den Produktionsstätten eingesetzt werden, an denen sie den höchstmöglichen Ertrag bringen.

 

11. Ein positiver Einwanderungssaldo kann auch zu einer Verringerung im Pro-Kopf-Einkommen führen, wenn der Zuwachs in der Produktion mit sinkenden Grenzerträgen erfolgt.

 

12. Bei einem Anstieg der Geburtenrate sinkt unter Umständen kurzfristig das Arbeitskräfteangebot, weil Frauen vor, während und unmittelbar nach der Gebärzeit ihre Erwerbstätigkeit unterbrechen. Sobald die Neugeborenen in das Erwerbsalter eintreten, steigt jedoch die Zahl der Arbeitnehmer.