Startseite

 

 

 

 

01. Einführung                    

02. Das Ziel der Vollbeschäftigung

03. Das Ziel der Geldwertstabilität

04. Das Ziel eines angemessenen wirtschaftlichen Wachstums

05. Die theoretischen Grundlagen der Beschäftigungspolitik

06. Die theoretischen Grundlagen der Stabilisierungspolitik

07. Die theoretischen Grundlagen der Wachstumspolitik

08. Die geld- und außenwirtschaftspolitischen Mittel

09. Die finanzpolitischen Mittel

10. Die einkommenspolitischen Mittel

11. Institutionelle Maßnahmen

12. Die Träger der Konjunktur- und Wachstumspolitik

 

 

 Kapitel 6 Die theoretischen Grundlagen

der Stabilisierungspolitik Teil I

 

 

 

Gliederung:

 

01. Die drei wichtigsten alternativen Konzeptionen    

02. Die Grundaussage der Quantitätstheorie

03. Politische Schlussfolgerungen

04. Die Kritik an der Quantitätstheorie

05. Die Grundaussage der nachfrageorientierten Inflationstheorie

06. Politische Schlussfolgerungen

07. Die Kritik an der nachfrageorientierten Inflationstheorie

08. Grundaussagen der angebotsorientierten Inflationstheorie

09. Politische Schlussfolgerungen

10. Die Kritik an der angebotsorientierten Inflationstheorie

 

 

 

01. Die drei wichtigsten alternativen Konzeptionen   

Wir wollen uns in diesem Kapitel mit den theoretischen Grundlagen der Stabilisierungspolitik befassen. Drei alternative Konzeptionen werden hier vertreten:

 

Erstens die Quantitätstheorie:

 

Danach werden Inflationen vorwiegend mit einem Geldmengenwachstum erklärt, dem keine gleichgroße Steigerung der Produktion entspricht.

 

Zweitens die nachfrageorientierte Inflationstheorie:

 

Entsprechend dieser Theorie sind es die Nachfrageüberhänge auf den Gütermärkten, welche Inflationsprozesse verursachen.

 

Drittens die angebotsorientierte Theorie:

 

Hier werden Steigerungen in den Stückkosten als wichtigste Ursache für Inflationen benannt.

 

 

02. Die Grundaussage der Quantitätstheorie

 

Wenden wir uns als erstes der Quantitätstheorie zu. Hiernach sind es also vorwiegend Vermehrungen in der umlaufenden Geldmenge, welche Inflationen auslösen. Ausgangspunkt ist die Fisher’sche Verkehrsgleichung:

 

Das Produkt aus Geldmenge (G) und Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes (U) ist stets gleich dem Preisniveau (P) multipliziert mit dem Handelsvolumen (H).

 

G x U = P x H

 

 

Zunächst weist diese Gleichung nur auf einen tautologischen Zusammenhang hin. In einer Geldwirtschaft finden im Prinzip keine direkten Tauschakte, Ware gegen Ware statt, vielmehr vermittelt das Geld als allgemeines Tauschmittel alle Tauschakte. Der Nachfrager nach einem Gut bietet Geld an, der Anbieter von Gütern fragt Geld nach. Also muss notwendiger Weise das Geldangebot dem Güterangebot in seiner Summe entsprechen, Geld- und Güterangebot sind nur zwei verschiedene Seiten ein- und desselben indirekten Tauschaktes und müssen sich deshalb stets ex definitione in ihrer Summe entsprechen.

 

Wenn man will, kann man in der Verkehrsgleichung auch eine Definitionsgleichung der Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes sehen. Dies wird sofort deutlich, wenn man in obiger Gleichung die Umlaufsgeschwindigkeit isoliert, also beide Seiten durch die Geldmenge dividiert:

 

U = (P x H)/G

 

Die Umlaufsgeschwindigkeit (U) gibt mit anderen Worten an, wie oft im Durchschnitt ein Geldschein innerhalb einer Periode einen Tauschakt vermittelt.

 

Trotz ihres tautologischen Charakters lassen sich auf der Grundlage der Verkehrsgleichung zwei Teilhypothesen formulieren:

 

Erste Teilhypothese:

 

Wenn die Geldmenge vergrößert wird, steigt auch das Preisniveau in gleichem Umfange. Hier wird also unterstellt, dass kurzfristig sowohl die Umlaufsgeschwindigkeit als auch das Handelsvolumen von dieser Geldmengenzunahme unberührt bleiben:

 

 

Diese Aussage ist keinesfalls tautologisch und damit auf keinen Fall ohne informativen Gehalt. Sie gilt nur unter der Annahme, dass sowohl die Umlaufsgeschwindigkeit von Geldmengenvariationen unberührt bleibt und dass weiterhin auch die Menge der gehandelten Güter trotz verstärktem Geldangebot und damit auch trotz vermehrter Güternachfrage konstant bleibt.

 

Es sind also diese beiden, keinesfalls selbstverständlichen Annahmen, die hinter dieser ersten Teilhypothese der Quantitätstheorie stehen. Im Gegensatz zur Verkehrsgleichung handelt es sich also bei der Quantitätstheorie um eine informative und deshalb falsifizierbare Hypothese.

 

Hinter der ersten Annahme (kurzfristige Konstanz der Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes) steht die aus der Erfahrung gewonnene Beobachtung, dass die Wirtschaftssubjekte ganz bestimmte Gepflogenheiten beim Umgang mit dem Geld pflegen, dass also z. B. zu Beginn einer Periode die Lohneinkommen ausgezahlt werden und die Kassen bzw. die Girokonten der Arbeitnehmerhaushalte gefüllt werden und dass dann diese Gelder nur sukzessive für den Ankauf von Waren und Dienstleistungen wieder ausgegeben werden.

 

Dies bedeutet, dass die Geldscheine eine gewisse Zeit in den Kassen verbleiben und dass aus diesen Gründen ein Geldschein im Durchschnitt weniger Tauschakte alimentieren kann als dann, wenn jede Wirtschaftseinheit das vereinnahmte Geld sofort nach Erhalt wiederum ausgeben würde. Man geht davon aus, dass sich in einer Gesellschaft ganz bestimmte Gepflogenheiten durchsetzen, welche sich kurzfristig kaum verändern und dass deshalb die Annahme einer kurzfristigen Konstanz der Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes durchaus realistisch ist.

 

Hinter der zweiten Annahme, dass auch das Handelsvolumen von Geldvariationen unberührt bleibt, steht die Vorstellung, dass in einer funktionierenden Marktwirtschaft eine Tendenz zur Vollbeschäftigung besteht, dass also über Preisvariationen vorübergehende Ungleichgewichte abgebaut werden und dass deshalb dann, wenn man von ganz kurzfristigen Veränderungen im Handelsvolumen absieht, alle materiellen Ressourcen einschließlich des Arbeitsangebotes voll beschäftigt werden.

 

In diesem Falle kann man jedoch von der Überzeugung ausgehen, dass zumindest in einer mittelfristigen Sicht das gesamte Angebot an materiellen Ressourcen vorgegeben ist und deshalb auch nicht durch eine bloße Vermehrung des Geldangebotes verändert werden kann. Und wenn dann der Markt dafür Sorge trägt, dass in mittelfristiger Sicht auch alle angebotenen materiellen Ressourcen eingesetzt (also beschäftigt) werden, kommt man in der Tat zu dem Ergebnis, dass das Handelsvolumen kurzfristig von Geldmengenvariationen unberührt bleibt. Auch hier handelt es sich um eine keinesfalls selbstverständliche Annahme. In der Tat wurden – wie wir im übernächsten Abschnitt sehen werden – im Verlaufe der wirtschaftswissenschaftlichen Lehrgeschichte beide Annahmen in Zweifel gezogen.

 

Bevor wir jedoch auf diese Kritik eingehen, wollen wir uns noch kurz mit der zweiten Teilhypothese der Quantitätstheorie befassen. Es wird festgestellt, dass Steigerungen in den Güterpreisen immer nur dadurch verursacht werden können, dass auch die Geldmenge angehoben wurde.

 

Das Geldmengenwachstum ist entsprechend den Thesen der Quantitäts­theorie somit nicht nur ausreichende, sondern auch notwendige Voraussetzung dafür, dass es zu Preis­steigerungen kommt. Es wird unterstellt, dass sowohl jede Geldmengenausweitung zu Preissteigerungen führt als auch jede Preissteigerung auf einen Geldmengenzuwachs zurückzuführen ist. In einer sehr stringenten Variante wird sogar behauptet, dass sich die Veränderungen in den Geldmengen und im Handelsvolumen auch in ihrem Umfang vollständig entsprechen.

 

Auch diese zweite Teilhypothese ist keinesfalls selbstverständlich. Wie wir noch weiter unten sehen werden, wurde auch dieser zweite Teil der Quantitätstheorie im Verlauf der wirtschaftswissenschaftlichen Lehrgeschichte kritisiert.

 

 

03. Politische Schlussfolgerungen

 

Bevor wir jedoch auf diese Kritik an diesen beiden Teilhypothesen eingehen, sollen zunächst die politischen Schlussfolgerungen, welche aus der Quantitätstheorie gezogen wurden, kurz dargestellt werden.

 

In erster Linie bedarf es institutioneller Vorkehrungen, um die Unabhängigkeit der Notenbank sicherzustellen:

 

·        Es wird eine Freigabe der Wechselkurse gefordert, da bei Devisenmarktinterventionen jeweils die Geldmenge verändert wird. In einem System fester Wechselkurse sind die Notenbanken verpflichtet, den Wechselkurs stabil zu halten. Sie erreichen dieses Ziel dadurch, dass sie Devisen an- oder verkaufen. Weist z. B. ein Land einen Exportüberschuss auf, so werden  nicht alle beim Export erzielten Deviseneinnahmen für die Bezahlung der Importe benötigt, es entsteht somit ein Mehrangebot von Devisen, was im Allgemeinen zu einem Absinken des Devisenkurses führen müsste. Um diese Wechselkursänderung zu verhindern, hat die Notenbank in einem System fester Wechselkurse diese überschüssigen Devisen anzukaufen. Damit wird jedoch zugleich die umlaufende Geldmenge vergrößert, das Ziel der Geldwertstabilität ist gefährdet.

 

·        Es ist eine Kontrolle der Giralgeldschöpfung - z. B. durch eine hundertprozentige Mindestreserve - notwendig (M. Friedman). Die Privatbanken können Giralgeld schaffen und damit die Kontrolle der Notenbanken über die Geldmenge erschweren. Diese Möglichkeit zur Schaffung von Giralgeld durch die Privatbanken entsteht dadurch, dass bei der Kreditgabe der größte Teil des gewähren Geldes wiederum in Form von Überweisungen in den Bankenapparat zurückfließt, sodass diese Gelder erneut als Kredite ausgegeben werden können. Wenn allerdings die Privatbanken zu einer hundertprozentigen Mindestreserve verpflichtet wären – was von Friedman gefordert wird – , wäre diese Gefahr gebannt und die Notenbanken hätten wieder eine ausreichende Kontrolle über die umlaufende Geldmenge.

 

·        Die Geldmengenexpansion ist am langfristigen Wachstum auszurichten. Der Versuch der Notenbanken, den Konjunkturverlauf durch eine go and stop Politik zu stabilisieren, vergrößert die Unsicherheit bei langfristigen Investitionen und verhindert gerade auf diesem Wege eine für Vollbeschäftigung notwendige ausreichende Investitionstätigkeit. Friedman forderte deshalb, dass die Notenbanken darauf verzichten sollten, die Konjunktur zu steuern und dass die Geldmenge am langfristigen Wachstum des Inlandsproduktes ausgerichtet werden sollte, um auf diese Weise die Stabilität des Geldwertes sicherzustellen.

 

·        Auch direkte Eingriffe in die Güter- und Arbeitsmärkte sind – entsprechend dieser Theorie – zu unterlassen. Der Versuch des Staates, Preissteigerungen dadurch zu vermeiden, dass der Staat unmittelbar in die Güter- und Arbeitsmärkte eingreift und Preis- bezw. Lohnobergrenzen festlegt, verhindert auf der einen Seite den Abbau von Ungleichgewichten, schließlich erfolgt in einer Marktwirtschaft dieser Abbau schwergewichtig durch Preisvariationen. Auf der anderen Seite trägt eine solche Politik dazu bei, Knappheiten zu verewigen. Preissteigerungen tragen schließlich dazu bei, das Angebot zu vergrößern und damit die Knappheit abzubauen.

 

 

04. Die Kritik an der Quantitätstheorie

 

Kritik an der Quantitätstheorie wurde vor allem von John Maynard Keynes erhoben.

 

Erstens sei die Umlaufsgeschwindigkeit auch kurzfristig nicht konstant:

 

Es ist nach Keynes zwischen dem Transaktions- und dem Spekulationsmotiv der Kassenhaltung zu unterscheiden. Entsprechend dem Transaktionsmotiv ist die Nachfrage nach Kasse von der Einkommenshöhe abhängig; sie steigt mit wachsenden Einkommen. Verdoppelt sich z. B. das Einkommen, so dürfte sich auch die Menge an Geld, welche sich im Durchschnitt in den Kassen der Haushalte und Unternehmungen befindet, ceteris paribus in etwa verdoppelt haben. Damit ist jedoch nachgewiesen, dass die Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes sehr wohl kurzfristigen Schwankungen unterliegt und sich mit der konjunkturellen Entwicklung der Einkommen verändert.

 

Entsprechend dem Spekulationsmotiv ist die Nachfrage nach Geld von der Zinshöhe abhängig; bei geringen Zinsen wird mit einer baldigen Zinssteigerung gerechnet und deshalb Geld vorübergehend in Kasse gehalten. Also ergeben sich auch kurzfristige Veränderungen in dem Kassenbestand und damit auch in der Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes je nach Veränderungen im Zinssatz.

 

Eine Geldmengenexpansion führt zweitens – nach Ansicht von Keynes – sehr wohl zu einer Produktionsausweitung. Es könne nicht damit gerechnet werden, dass alle Arbeitskräfte stets vollbeschäftigt und die Produktionskapazitäten voll ausgelastet seien. Vor allem ein nicht funktionierender Kapitalmarkt verhindere einen Ausgleich von Angebot und Nachfrage. Der Zinsmechanismus sei außer Kraft, da Teile der Ersparnis in Kasse gehalten und somit nicht auf dem Kapitalmarkt angeboten werden. In diesem Falle kommt es jedoch trotz eines Überhanges der Sparsumme über der Investitionssumme zu keiner Zinssenkung.

 

Aber selbst dann, wenn der Zinssatz bei einem Rückgang der Konjunktur sinken würde, würde das Absinken des Zinssatzes zweitens nicht ausreichen, die Unternehmer zu einer Steigerung der Investition zu veranlassen. Wegen der noch vorhandenen Überschusskapazitäten seien die Unternehmer nicht bereit, durch Investitionen die ohnehin in dieser Konjunkturphase nicht voll ausgelasteten Produktionskapazitäten noch auszuweiten.

 

Auch würden die Zinskostensenkungen den Unternehmern gar nicht zugute kommen, da wegen mangelnder Konsumnachfrage während des Konjunkturabschwungs und des hierdurch ausgelösten starken Wettbewerbs Kostensenkungen sofort in Form von Preissenkungen an die Verbraucher weitergegeben werden müssten.

 

Diese Kritik überzeugt allerdings nicht. Es gibt nämlich nicht nur Erweiterungsinvestitionen, sondern auch Rationalisierungsinvestitionen. Es mag zwar richtig sein, dass die Unternehmer in Zeiten der Rezession ihre Produktionskapazitäten auch bei Zinssenkungen nicht ausweiten. Aber gerade der verschärfte Wettbewerb in Zeiten der Rezession zwingt die Unternehmer, durch Rationalisierungsinvestitionen die Kosten zu senken. Zwar muss hier mit der Möglichkeit gerechnet werden, dass es zu einem arbeitssparenden technischen Fortschritt kommt und dass deshalb auf diese Weise sogar Arbeitsplätze wegrationalisiert werden.

 

Ob dies allerdings der Fall ist, hängt entscheidend vom Lohn-Zins-Verhältnis ab. Es gibt immer eine Lohn-Zins-Relation, welche Vollbeschäftigung ermöglicht. Wenn trotzdem Arbeitsplätze per saldo wegfallen, liegt dies dann an einer verfehlten Zinspolitik, bei welcher der Zinssatz von der Notenbank unter den Gleichgewichtszins gedrückt wird oder aber an einer verfehlten Lohnpolitik der Gewerkschaften, den Lohnsatz über die Grenzproduktivität der Arbeit anzuheben.

 

Unabhängig von der keynesianischen Kritik an der Quantitätstheorie lassen die jüngsten Entwicklungen der letzten Jahre Zweifel an den Thesen dieser Theorie aufkommen. Wurde nicht die Geldmenge sogar in sehr großem Umfang ausgeweitet und ist das allgemeine Preisniveau nicht in der gleichen Zeit weitgehend konstant geblieben, liegt in dieser Entwicklung nicht eine eindeutige Widerlegung der Quantitätstheorie?

 

Um diese Frage beantworten zu können, müssen wir uns darüber klar werden, wieso denn trotz enormen Geldmengenwachstum das Güterpreisniveau in dieser Zeit konstant geblieben ist. Legen wir die Fisher’sche Verkehrsgleichung zugrunde – und diese ist ja ex definitione immer richtig –, so bleibt das Güterpreisniveau bei einer Ausweitung der Geldmenge nur dann unverändert, wenn entweder zur gleichen Zeit die Güterproduktion in gleichem Umfang wie die Geldmenge vergrößert wurde oder wenn die Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes in dieser Zeit zurückgegangen ist. Eine dritte Möglichkeit ist aufgrund des tautologischen Zusammenhanges der Fisher’schen Verkehrsgleichung (M * U = P * X) nicht möglich.

 

Nun ist in der fraglichen Zeit das Inlandsprodukt nicht – oder zumindest nicht im Umfang der Geldmenge – angehoben worden. Somit kann die weitgehende Konstanz im Güterpreisniveau nur damit erklärt werden, dass zu dieser Zeit die Umlaufsgeschwindigkeit stark zurückgegangen ist.

 

In der Tat war dies auch der Fall. Die Geschäftsbanken hatten sich lange Zeit gegenseitig die nicht benötigten Barreserven wechselseitig ausgeliehen und hatten damit zu einer entscheidenden Steigerung der Umlaufsgeschwindigkeit beigetragen. Durch diese wechselseitige Zurverfügungstellung überflüssiger Barreserven konnten ja die Markttransaktionen ausgeweitet werden, ohne dass sich einzelne Banken bei der Notenbank zusätzlich verschuldet haben.

 

Aufgrund der vergangenen Finanzkrise wurde nun das gegenseitige Vertrauen der Banken untereinander entscheidend geschwächt mit der Folge, dass die Bereitschaft, sich die nicht benötigten Barreserven wechselseitig auszuleihen, drastisch verringert wurde. Mit diesem Rückgang verringerte sich jedoch automatisch auch die Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes.

 

Gleichzeitig konnte das Vertrauen in die Konjunktur trotz enormer Ausweitung der umlaufenden Geldmenge seitens der Notenbank nicht gesteigert werden. Das zusätzliche Geld wurde also nicht zum Ankauf von Gütern, insbesondere von Investitionsgütern verwandt, sondern blieb entweder auf den Geldmarktkonten entsprechend der keynesianischen Liquiditätstheorie liegen oder wurde zum Ankauf von Gold oder Immobilien verwendet.

 

Damit blieben jedoch die Voraussetzungen zur Erfüllung der in der Quantitätstheorie behaupteten Zusammenhänge aus. Entsprechend der Quantitätstheorie führt ja eine Ausweitung der Geldmenge nur dann zu Preissteigerungen, wenn die zusätzliche Geldmenge dazu verwandt wird, mehr Nachfrage nach Gütern auszuüben. Steigt aber die Güternachfrage, ohne dass das Güterangebot ebenfalls vergrößert wird, muss nach allgemeinen Marktgesetzen der Güterpreis ansteigen. Weil also in der jüngsten Vergangenheit die Nachfragesteigerungen nach Gütern trotz Geldmengenausweitung ausgeblieben sind, kam es nicht zu den von der Quantitätstheorie behaupteten Preissteigerungen.

 

Eine wichtige Annahme der Quantitätstheorie war also in Wirklichkeit in der jüngsten Vergangenheit nicht erfüllt. War aber damit die Quantitätstheorie bereits falsifiziert? Formal gesehen kann man natürlich zu dieser Schlussfolgerung gelangen. Trotzdem spricht gegen diese Schlussfolgerung folgende Überlegung.

 

Die Quantitätstheorie behauptet, dass kurzfristig die Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes konstant bleibt, da sich in der Vergangenheit ganz bestimmte Verhaltensweisen im Umgang mit dem Geld herausgebildet hatten. Und diese These entsprach ja auch in der Vergangenheit der Wirklichkeit. Die Quantitätstheorie hat nie behauptet, dass eine langfristige Änderung in der Umlaufsgeschwindigkeit unmöglich sei. Es widerspricht deshalb auch nicht den Grundaussagen dieser Theorie, wenn sich langfristig die Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes verändert hat.

 

Die Schwere der vergangenen Finanzkrise hat nun in der Tat zu einer so großen Vertrauenskrise geführt, dass die Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes verringert wurde. Es spricht jedoch wenig dafür, dass deshalb notwendiger Weise die Umlaufsgeschwindigkeit nun für längere Zeit reduziert wurde. Es kann vielmehr davon ausgegangen werden, dass bei der Überwindung der Spätfolgen dieser Finanzkrise das gegenseitige Vertrauen der Banken zueinander wieder zurückkehrt und damit durch wechselseitiges Ausleihen der Geldreserven die Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes wiederum auf das bisherige Niveau ansteigt. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass die Politik grundlegende Reformen des Bankensektors durchführt und auf diese Weise weitere allgemeine Finanzkrisen des vergangenen Ausmaßes verhindert bzw. weniger wahrscheinlich werden lässt.

 

An der Aussage der inflationären Auswirkungen einer Geldmengenvermehrung bleibt jedoch bestehen, dass dann, wenn das in der Vergangenheit geschaffene Geld eines Tages für den Ankauf von Gütern verwandt wird, das Güterpreisniveau stark ansteigen wird, sofern es nicht gelingt, entweder die Güteproduktion in kurzer Zeit in gleichem Umfang anzuheben oder wenn die Notenbank nicht in der Lage oder auch nicht bereit ist, diese überflüssige Geldmenge aus dem Kreislauf zu nehmen.

 

Aber gerade in dieser Hinsicht sind die Möglichkeiten der Notenbank begrenzt. Soweit die vergangene Geldmengenausweitung durch den Ankauf der maroden Wertpapiere erfolgt ist, fehlen der Notenbank zu einem großen Teil die Mittel für eine drastische kontraktive Geldpolitik. Diese würde ja voraussetzen, dass die Notenbank wiederum Wertpapiere abstößt und damit Geld zurücknimmt, was aber voraussetzt, dass die im Portefeuille der Notenbank vorhandenen Wertpapiere nicht marode und deshalb nicht unverkäuflich sind.

 

Weiterhin muss befürchtet werden, dass die Notenbank den Zeitpunkt des Übergangs zu einer kontraktiven Geldpolitik versäumt. Ein  Konjunkturaufschwung erfolgt ja nicht synchron in allen Wirtschaftszweigen, einige pirschen vor, andere folgen mit großer Verzögerung. Es besteht deshalb die Gefahr, dass in einigen Wirtschaftszweigen bereits wegen Vollauslastung die Preise stark anziehen und einen Anstieg der Inflationsrate bewirken, während in anderen Wirtschaftszweigen noch Arbeitslosigkeit vorherrscht.

 

Wenn sich nun die Notenbank wegen dieses Vorhandensein partieller Arbeitslosigkeit politisch außer Stande sieht, das Ruder herumzureißen und mit einer kontraktiven Geldpolitik zu beginnen, wird sich die in der Vergangenheit hervorgerufene überschüssige Geldmenge eines Tages auf jeden Fall preissteigernd auswirken.

 

 

 

05. Die Grundaussage der nachfrageorientierten  Inflationstheorie

 

Befassen wir uns nun mit der nachfrageorientierten Inflationstheorie. Sie ist Teil der Keynesianischen Betrachtung. Zwar ist es natürlich richtig, dass Keynes selbst sich sehr wenig mit der Frage befasst hat, worin denn die Bestimmungsgründe von Inflationsprozessen liegen. Für Keynes stand nicht die Geldwertstabilität, sondern der im Konjunkturverlauf entgegengesetzte Prozess der Depression und die Problematik der Massenarbeitslosigkeit zur Diskussion.

 

In der Tat war nach Überwindung der Inflation in der unmittelbaren Zeit nach dem ersten Weltkrieg für längere Zeit nicht mehr die Geldwertstabilität bedroht, wohl aber musste davon ausgegangen werden, dass in der Weltwirtschaftskrise – beginnend Ende der zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts – die Massenarbeitslosigkeit und ihre Überwindung zu den wichtigsten Problemen der Staaten wurde.

 

Wenn wir trotzdem von einer Keynesianischen Inflationstheorie sprechen können, so liegt dies daran, dass das Denkwerkzeug, das Keynes mit seiner gesamtwirtschaftlichen Theorie geschaffen hatte, in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg auf Inflationsprobleme angewandt und so über Keynes hinaus weiterentwickelt wurde.

 

Keynes hatte ja immerhin in seinem 1930 veröffentlichten Grundwerk ‘The general theory of employment, interest and money’ von einer allgemeinen Theorie gesprochen, die sich zwar schwergewichtig mit der Analyse der Beschäftigung befasst hatte, aber immerhin auch das Geld und seine Zusammenhänge in seine Analyse miteinbezog.

 

Keynesianische Betrachtungsweisen kommen nun in der nachfrageorientierten Inflationstheorie vor allem dadurch zum Zuge, dass auf der einen Seite die Marktprozesse im Gegensatz zur klassischen Theorie nicht von den Angebots-. sondern von den Nachfragefaktoren bestimmt werden und dass es auf der anderen Seite im Rahmen des Gleichgewichtsprozesses weniger auf Preisvariationen als auf Mengenvariationen ankommt, welche letzten Endes zu einem Gleichgewicht auf den Güter- und Kapitalmärkten führen.

 

Im Rahmen der Keynesianischen Theorie wird oftmals vereinfachend davon ausgegangen, dass in der Rezession und in der beginnenden Phase des Aufschwungs die Produktionskapazitäten nicht ausgelastet sind, sodass Nachfragezuwächse in relativ kurzer Zeit zu einer gleich großen Produktionssteigerung bei relativ konstanten Preisen führen. Sind dann in Zeiten der Hochkonjunktur alle Produktionskapazitäten weitgehend ausgelastet und steigt trotzdem die Nachfrage an, so schlagen sich diese Zuwächse nur noch in Preissteigerungen nieder.

 

In Wirklichkeit müssen wir damit rechnen, dass sich zwischen diese beiden extremen Situationen (zunächst nur Mengenzuwächse bei konstanten Preisen, dann sofort Preissteigerungen bei konstanter Menge) eine Zwischenperiode schiebt, in der sowohl teilweise noch die Gütermengen, aber auch schon zum Teil die Güterpreise ansteigen.

 

Diese Entwicklung (sowohl Preis- wie auch Mengenzuwächse zur gleichen Zeit) hat vor allem zwei unterschiedliche Ursachen. Auf der einen Seite gehen wir in der Produktionstheorie zumeist von Produktionsfunktionen aus, bei denen zumindest ab einer bestimmten kritischen Produktionsmenge die Grenz- und Stückkosten ansteigen. Unternehmungen werden stets versuchen, diese Kostenzuwächse auf den Güterpreis weiterzuwälzen.

 

Auf der anderen Seite verläuft der Konjunkturaufschwung in den einzelnen Wirtschaftszweigen nicht synchron, einzelne Wirtschaftszweige pirschen vor und haben auch ein schnelleres Produktionswachstum und erreichen gerade deshalb sehr viel früher als die anderen Wirtschaftszweige die Vollauslastung der Produktionskapazität, während andere Wirtschaftszweige hinterherhinken und lange noch freie Produktionskapazitäten aufweisen, wenn andere Wirtschaftszweige bereits vollbeschäftigt sind.

 

Die Folge einer solchen unterschiedlichen (asynchronen) Entwicklung der Produktion besteht dann darin, dass in einzelnen Wirtschaftszweigen bereits in Zeiten Preissteigerungen stattfinden, in denen in anderen Wirtschaftszweigen noch größere Arbeitslosigkeit vorherrscht. So lässt sich diese Zwischenperiode, in welcher zur gleichen Zeit Preis- uns Mengensteigerungen stattfinden, erklären.

 

Und es ist klar, dass eine Konjunkturpolitik, welche allein oder auch nur vorwiegend auf die Beeinflussung gesamtwirtschaftlicher Variablen setzt, in große Schwierigkeiten gerät, da sie ja dann zur gleichen Zeit Gas geben und bremsen müsste. Beides ist aber zur gleichen Zeit nicht möglich, wenn man sich auf gesamtwirtschaftliche Steuerungsprozesse beschränkt.

 

Wir können diese Entwicklung (zuerst nur Mengensteigerungen, dann Zuwächse in Mengen und Preisen und schließlich nur Preissteigerungen) in folgender Graphik einfangen. Auf der Abszisse tragen wir hier die Produktionsmenge (x), auf der Ordinate hingegen das gesamtwirtschaftliche Preisniveau (p) ab.

 

 

 

 

 

Während sich also Keynes selbst mit der ersten Phase befasst hat, in der von Preissteigerungen abgesehen werden kann, haben Keynesianer wie vor allem Kaldor in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts aufgrund der teilweise starken Inflationsprozesse den Versuch unternommen, die Keynesianische Theorie zu einer allgemeinen, auch Inflationsprozesse umfassenden gesamtwirtschaftlichen Theorie auszubauen.

 

Ausgangspunkt dieser Theorie ist also eine Überbeschäftigungssituation. Es wird unterstellt, dass das Preisniveau (p) immer dann ansteigt, wenn Nachfrageüberhänge entstehen, wobei das Ausmaß der Preissteigerung dem Ausmaß des Nachfrageüberhanges entspricht.

 

Diese Annahme stellt natürlich keine wissenschaftliche Innovation dar. Auch die neoklassische Theorie ging schon immer von der Annahme aus, dass sich Nachfrageüberhänge in Preissteigerungen niederschlagen. Dies gilt zunächst für jeden Einzelmarkt, aber gerade deshalb auch für gesamtwirtschaftliche Variablen.

 

Neu ist an der nachfrageorientierten Inflationstheorie jedoch die Annahme, dass diese Preissteigerungen nicht in der Lage sind, die Nachfrageüberhänge abzubauen. Die neoklassische Theorie war überzeugt, dass im Normalfall Preissteigerungen durchaus in der Lage sind, die Nachfrageüberhänge abzubauen und zwar dadurch, dass von Preissteigerungen in aller Regel sowohl Angebotssteigerungen wie auch Nachfrageminderungen ausgehen, sodass das Marktungleichgewicht von zwei Seiten aus automatisch, das heißt auch ohne die Notwendigkeit politischer Eingriffe abgebaut wird.

 

Nur dann, wenn Angebot und Nachfrage vollkommen unelastisch sind oder wenn sogar Angebot und Nachfrage anomal auf Preisvariationen reagieren, also Preissteigerungen mit einer Verringerung der Produktionsmengen und einem Zuwachs in der Nachfrage reagieren, versagt der Gleichgewichtsmechanismus des Marktes.

 

Worin liegt nun der Grund, dass Keynesianer von der Annahme ausgehen, dass generelle Preissteigerungen nicht in der Lage sind, einen Nachfrageüberhang abzubauen? Den wahren Grund für diese fehlende Wirkung sehen Keynesianer in den Kreislaufzusammenhängen. Steigen nämlich die Preise ganz allgemein, dann steigen in gleichem Umfang auch die Einkommen.

 

Die These, dass Preissteigerungen zu einer Verminderung der Nachfrage führen, gilt nämlich nur unter der ceteris paribus-Klausel, dass nur der Güterpreis, aber nicht gleichzeitig auch die Einkommen steigen. Bei einem Zuwachs der Einkommen wird bei normalen Reaktionen unterstellt, dass die Güternachfrage steigt. Somit wird der partielle Rückgang in der Güternachfrage aufgrund der Preissteigerungen dadurch wiederum kompensiert, dass gleichzeitig die Nachfrage aufgrund der Einkommenssteigerungen partiell ansteigt. Beide Effekte heben sich somit auf.

 

Bei einer mikroökonomischen Betrachtung könne man nun diesen Kreislaufeffekt außer Acht lassen, da der Einkommenseffekt im Vergleich zum Preiseffekt klein ist. Wenn z. B. der Preis für einen Kraftwagen um 10% steigt und deshalb auch die Beschäftigten dieser Unternehmungen ein höheres Einkommen erzielen, steigt die Nachfrage aufgrund des Einkommenseffektes eben nur bei den Arbeitnehmern, die in dieser Branche beschäftigt sind. Der Preiseffekt hingegen kommt aufgrund der Reaktion aller Konsumenten zustande, weil ja von dieser Preissteigerung alle Konsumenten dieses Gutes betroffen sind.

 

Wenn man jedoch zu einer gesamtwirtschaftlichen Analyse übergeht, beziehen sich beide Effekte (Preis- wie Einkommenseffekt) auf die gesamte Wirtschaft, sind also in etwa auch gleich groß und können deshalb nicht vernachlässigt werden.

 

Die Marktkräfte sind also – folgt man der keynesianischen Betrachtung – bei einer gesamtwirtschaftlichen Betrachtung nicht in der Lage, Nachfrageüberhänge durch Preissenkungen abzubauen. Wir können diese Zusammenhänge wiederum in einer Graphik verdeutlichen, wir tragen hierzu auf der Abszisse die gesamtwirtschaftliche angebotene sowie nachgefragte Produktionsmenge (X), sowie auf der Ordinate das gesamtwirtschaftliche  Preisniveau (p) ab:

 

 

 

 

Betrachten wir zunächst die rot eingezeichnete Angebotslinie. Ex definitione entspricht die jeweilige Größe der Ordinate der Größe der Abszisse. In beiden Fällen wird ja der Wert der angebotenen Produktionsmenge gemessen. Für die blau eingezeichnete Nachfragekurve gilt jedoch die generelle Annahme jeder Keynesianischen Theorie, dass die Konsumneigung kleiner eins ist, dass also ein Anstieg im Einkommen zwar zu einer Mehrnachfrage führt, dass aber diese Mehrnachfrage stets geringer ist als der Einkommenszuwachs, der die Nachfragesteigerung ausgelöst hat.

 

Da die Steigung der Angebotslinie 1 beträgt, die der Nachfragekurve jedoch  kleiner eins ist, schneiden sich beide Kurven in einem bestimmten Punkt (xg), bei dem also der Gütermarkt ein Gleichgewicht aufweist.

 

Entscheidend ist nun, dass das Güterpreisniveau weder als Bestimmungsgrund in die Angebots- noch Nachfragekurve eingeht, sodass also auch die Lage beider Kurven und damit natürlich auch der Schnittpunkt beider Kurven bei Preisvariationen nicht verschoben wird. Gehen wir von einem Marktungleichgewicht (etwa x1) aus, so steigt zwar annahmegemäß das Preisniveau, der Nachfrageüberhang wird aber nicht abgebaut.

 

Damit allerdings diese Preissteigerungen bei einem gesamtwirtschaftlichen Nachfrageüberhang überhaupt stattfinden können, muss zusätzlich die Annahme

 

·        eines vollkommen elastischen Geldangebotes und/oder

·        einer vollkommen elastischen Liquiditätspräferenz

 

gemacht werden.

 

 

Entsprechend der Verkehrsgleichung, welche ja ex definitione stets (als auch in der Keynesianischen Theorie) gilt, können Preissteigerungen bei Konstanz der Gütermenge (die Produktionskapazitäten sind voll ausgeschöpft!) nur dadurch alimentiert werden, dass entweder die Geldmenge und/oder die Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes dementsprechend ansteigen. In diesem Zusammenhang liegt es begründet, dass die Keynesianische Fiskalpolitik durch eine expansive Geldpolitik der Notenbank begleitet werden muss, um zu verhindern, dass der Zuwachs in den Staatsausgaben über Zinssteigerungen zu einem Rückgang in der privaten Nachfrage (zu einem sogenannten Crowding out) führt.

 

Fortsetzung folgt!