Startseite

 

 

 

 

Gliederung der Vorlesung:

 

01. Einführung                    

02. Das Ziel der Vollbeschäftigung

03. Das Ziel der Geldwertstabilität

04. Das Ziel eines angemessenen wirtschaftlichen Wachstums

05. Die theoretischen Grundlagen der Beschäftigungspolitik

06. Die theoretischen Grundlagen der Stabilisierungspolitik

07. Die theoretischen Grundlagen der Wachstumspolitik

08. Die geld- und außenwirtschaftspolitischen Mittel

09. Die finanzpolitischen Mittel

10. Die einkommenspolitischen Mittel

11. Institutionelle Maßnahmen

12. Die Träger der Konjunktur- und Wachstumspolitik

 

 

Kapitel 4. Das Ziel eines angemessenen

wirtschaftlichen Wachstums Forts.

 

 

Gliederung:

 

01. Die Unterscheidung: nominelles und reales Wachstum

02. Die Unterscheidung zwischen Brutto- und Nettoinlandsprodukt

03. Die Unterscheidung: extensives und intensives Wachstum

04. Vermögenszuwächse als Maßstab wirtschaftlichen Wachstums

05. Die Unterscheidung: maximales und optimales Wachstum

06. Was heißt optimales Wachstum?

07. Das Problem der wachstumspolitischen Situationsanalyse

08. Das wachstumspolitische Ziel als Selbstzweck

09. Die verteilungspolitische Begründung der Wachstumspolitik

10. Die außenwirtschaftliche Begründung der Wachstumspolitik

11. Wachstumspolitik als Beschäftigungspolitik?

12. Konflikte mit anderen Zielen der Wirtschaftspolitik

 

 

 

08. Das wachstumspolitische Ziel als Selbstzweck

 

Wir wollen uns nun in den folgenden Abschnitten mit der Frage befassen, aus welchen Gründen denn wirtschaftliches Wachstum überhaupt wünschenswert ist. Als erstes ist zu klären, ob in der Öffentlichkeit dem wirtschaftlichen Wachstum auch ein Eigenwert zuerkannt wird oder ob wirtschaftliches Wachstum  nur angestrebt wird, weil auf diesem Wege andere, übergeordnete Ziele erreicht werden können.

 

Wirtschaftliches Wachstum wird in der Tat auch um seiner selbst willen angestrebt, über mehr Einkommen zu verfügen, wird im Allgemeinen als solches positiv bewertet.

 

Die individuelle Wohlfahrt (Wi) jedes Einzelnen hängt danach in erster Linie vom individuellen Einkommen (Y) ab:

 

Wi = f(Y)

 

Auch immaterielle Werte (wim) wie z. B. Freizeit bestimmen allerdings ebenfalls die Wohlfahrt der einzelnen Individuen.

 

Wi = f(Y, wim)

 

Weiterhin gilt es die Umweltbelastung (Uw) zu berücksichtigen:

 

Wi = f(Y, Uw)

 

Trotz dieses Eigenwertes des Wachstumszieles wird man davon ausgehen können, dass die Wachstumspolitik im Allgemeinen vor allem deshalb ein wirtschaftliches Wachstum fordert, weil nur bei einem gewissen Wachstum andere Ziele realisiert werden können.

 

Auch wird man davon ausgehen müssen, dass eine empirische Wissenschaft wie die Wirtschaftswissenschaft zu der Frage, inwieweit dem wirtschaftlichem Wachstum ein Eigenwert beizumessen ist, keine wesentlichen Beiträge leisten kann. Ob ein Eigenwert erwünscht ist, darüber kann die Wirtschaftswissenschaft entsprechend dem von Max Weber formulierten Prinzip der Werturteilsfreiheit ohnehin nichts verbindliches aussagen. Werte lassen sich nicht empirisch als richtig oder falsch nachweisen.

 

Ist jedoch davon auszugehen, dass die Politiker wirtschaftliches Wachstum damit rechtfertigen, dass auf diese Weise andere Ziele realisiert werden können, kann die Wissenschaft überprüfen, ob diese von den Politikern unterstellten Mittel-Ziel-Zusammenhänge tatsächlich der Wirklichkeit entsprechen.

 

 

09. Die verteilungspolitische Begründung der Wachstumspolitik

 

Umverteilungsziele sind bei wachsendem Inlandsprodukt leichter durchzusetzen. Die Zunahme des Sozialbudgets lässt sich dann aus dem Einkommenszuwachs finanzieren, sodass auch keine Reduzierung des privat verfügbaren Einkommens notwendig wird.

 

Eine Ausweitung der Sozialausgaben bedeutet dann nur, dass die privaten Haushalte mit weniger Einkommenszuwächsen zufrieden sein müssen. Konsumenten verzichten aber sehr viel leichter auf sonst erwartete Einkommenszuwächse als auf Kürzungen der bisherigen Einkommen. Die Zufriedenheit der Individuen wird nämlich weniger von der absoluten Höhe ihres Einkommens bestimmt als von der Frage, inwieweit die Einkommenserwartungen erfüllt werden. Die Einkommenserwartungen werden aber in stärkeren Maße davon bestimmt, ob das bisher Erreichte erhalten werden kann als davon, ob es möglich wird, zusätzliches Einkommen zu erwerben.

 

Es gilt allerdings zu überprüfen, ob aufgrund des Wachstums tatsächlich die Zahl der Sozialhilfeempfänger zurückgeht. Im Allgemeinen wird mit wachsendem Inlandsprodukt die Streuung der Einkommen größer und damit auch die Gefahr, dass die Zahl der Sozialhilfeempfänger ansteigt. Dies hängt insbesondere damit zusammen, dass in der offiziellen Berechnung zumeist die Armutsgrenze in Beziehung zum Pro-Kopf-Einkommen gesetzt wird und somit automatisch mit wachsendem Einkommen angehoben wird.

 

Bringen wir ein Beispiel. Nehmen wir fiktiv an, dass das durchschnittliche Einkommen bisher 3000 € betrage und die Armutsgrenze auf 40% des durchschnittlichen Einkommens festgesetzt wurde, also die Armutsgrenze bisher bei einem Monatseinkommen von 1200 € gelegen habe. In den vier folgenden Perioden sei das durchschnittliche Einkommen um insgesamt 20% (das heißt jedes Jahr um 5%) auf 3600 € gestiegen. Dies bedeutet, dass auch die Armutsgrenze auf 1440 € angehoben wurde.

 

Betrachten wir nun die Situation eines Arbeitnehmers, welcher bisher gerade etwas über der Armutsgrenze gelegen habe, da er ein Einkommen von 1250 € bezogen habe. Auch er habe in der Zwischenzeit ein Anstieg seines Einkommens und zwar auf 1400 erfahren. Es geht ihm also spürbar besser, da er nun immerhin 150 € mehr als bisher erhält. Trotzdem liegt nun sein neues Einkommen (1400) unterhalb der Armutsgrenze (1440). Er ist also nun in die Armut abgesunken, obwohl er – absolut gesehen – einen Einkommenszuwachs erzielt hat.

 

Es bestehen aber auch Zielkonflikte zwischen Verteilung und Wachstum. In klassischer Betrachtung gilt: Eine Nivellierung durch Erhöhung der Lohnquote (l) führt zu einem Rückgang der Ersparnis (s) und dies wiederum reduziert das Wachstum (dY/Y). Man kann nämlich davon ausgehen, dass die Sparrate selbst mit dem Einkommen ansteigt. Da die Arbeitnehmer im Durchschnitt ein geringeres Einkommen erhalten als die Selbstständigen, führt somit ein Anstieg der Lohnquote (eine Verminderung der Gewinnquote) zu einem Rückgang in der durchschnittlichen Sparrate und damit auch indirekt zu einer Abnahme des wirtschaftlichen Wachstums:

 

Hätten wir allerdings einen keynesianischen Maßstab angelegt, so wären wir zu anderen Schlussfolgerungen gekommen. Für die keynesianische Betrachtung gilt nämlich: Ein Wachstum führt über eine Zunahme der Investition (I) zu einer Steigerung des Preisniveaus (p) und damit zu einer Steigerung der Gewinnquote (g) bzw. zu einer Verringerung der Lohnquote (l). Fragen die Unternehmer mehr Investitionsgüter nach, so steigen die Preise, zunächst der Investitionsgüter, damit aber auch der Güter, bei deren Produktion diese Produktionsanlagen eingesetzt werden. Die Preissteigerungen schlagen sich aber kurzfristig (solange die Gewerkschaften keinen Lohnanstieg durchgesetzt haben) in Gewinnsteigerungen nieder.

                                                   

 

  

 

Armut und Arbeitslosigkeit können auch aufgrund der Unfähigkeit einer immer größer werdenden Gruppe, die  produktionsbedingten Qualifikationsanforderungen zu erfüllen, entstehen.

 

Dieser Zusammenhang zwischen Armut und Wachstum ergibt sich aufgrund der Tatsache, dass Wachstum im Sinne einer Wohlfahrtssteigerung fast immer voraussetzt, dass entweder die Kosten auf dem Wege einer Rationalisierung gesenkt werden oder die Qualität der Produkte erhöht wird. Der hierdurch bedingte Einsatz hochwertiger Maschinen verlangt jedoch von einem immer größer werdenden Anteil der Arbeitnehmer steigende Qualifikationen. Ein Teil der Arbeitnehmer sieht sich jedoch außer Stande, diese Qualifikationen aufzuweisen bzw. zu erwerben. Diese Arbeitnehmer verlieren gerade deshalb ihren Arbeitsplatz und geraten auf diese Weise in die Armut. Allerdings kann diese Gefahr dadurch vermindert werden, dass man sich darum bemüht, das Bildungsniveau gerade der untersten Einkommensklassen anzuheben.

 

 

10. Die außenwirtschaftliche Begründung der Wachstumspolitik

 

Wirtschaftliches Wachstum kann auch dazu beitragen, außenwirtschaftliche Schwierigkeiten zu meistern. Eine der schwerwiegendsten Probleme der Außenwirtschaftspolitik ist dann gegeben, wenn die Devisenbilanz über längere Zeit passiv wird, das heißt, wenn die Importe die Exporte langfristig übersteigen. Wenn die Importe die Exporte übersteigen, dann reichen nämlich die Exporterlöse nicht aus, die Importausgaben zu finanzieren, dann bedarf die Volkswirtschaft eines Kredits aus dem Ausland. Kein Ausland wird aber auf Dauer dem Inland Kredite gewähren, wenn die bisherigen Kredite nicht zurückgezahlt werden und wenn es deshalb immer unwahrscheinlicher wird, dass diese Kredite jemals zurückgezahlt werden können.

 

Legt man nun die neoklassische Zahlungsbilanztheorie zugrunde, könnten die drohenden Devisenbilanzdefizite über eine Steigerung der Wachstumsrate vermieden bzw. abgebaut werden. Steigt nämlich entsprechend dieser Theorie die inländische Wachstumsrate stärker als die des Auslandes, schlägt sich diese Differenz in Devisenbilanzüberschüssen nieder, was gleichbedeutend damit ist, dass vorhandene Defizite in der Devisenbilanz abgebaut werden.

 

Die keynesianische Außenwirtschaftstheorie kommt allerdings genau zu entgegengesetzte Ergebnisse: Übersteigt die inländische Wachstumsrate die des Auslandes, dann bilden sich Devisenbilanzdefizite, welche die bereits bestehenden Defizite in der Devisenbilanz sogar noch vergrößern. Es besteht also dann – die keynesianische Theorie zugrunde gelegt –  ein Zielkonflikt zwischen Wachstums- und Außenwirtschaftspolitik.

 

Betrachten wir zunächst die neoklassische Theorie etwas näher. Im Rahmen der Zahlungsbilanztheorie wird wie folgt argumentiert: Steigen die inländischen Wachstumsraten, führt dies zunächst über einen Anstieg in den Einkommen zu vermehrter Nachfrage, welche – entsprechend der Luxusgeldhypothese – einen Anstieg in der inländischen Geldnachfrage (Liquiditätspräferenz LI) auslöst. In der Folge kommt es im Inland zu Zinssteigerungen (iI), falls das Geldangebot nicht auf diesen vermehrten Geldbedarf reagiert.

 

Wenn nun im Ausland kein Wachstum stattfindet, bzw. die Wachstumsrate niedriger ausfällt, entsteht ein Zinsgefälle, die Zinsen im Ausland bleiben niedriger mit der Folge, dass Kapital aufgrund höherer Zinserträge ins Inland eingeführt wird, es kommt also zu einem erhöhten Kapitalimport (KIm).

 

Dieser schließlich äußert sich darin, dass Devisen dem Inland angeboten werden, um mit diesem zusätzlichen ausländischen Geld im Inland Kapitalgüter zu erwerben. Das Defizit der Devisenbilanz sinkt. Mit Wachstum lassen sich also – legt man die neoklassische Theorie zugrunde – außenwirtschaftspolitische Schwierigkeiten überwinden. Es gilt:

Entsprechend der keynesianischen Theorie gilt jedoch ganz im Gegensatz hierzu: Höhere inländische Wachstumsraten (dYI) als im Ausland (dYA) führen automatisch zu Leistungsbilanz-Defiziten (LB-Def). Es wird hierbei unterstellt, dass stets ein gewisser Prozentsatz des Einkommens für den Ankauf von Importgütern verwendet wird. Steigt also das inländische Einkommen stärker als das ausländische, steigt auch der vom Inland ausgelöste Import stärker als unser Export, der ja – bezogen auf seine Wertgröße – identisch ist mit dem Import des Auslandes. Nun gilt:

 

 

 

Im:   Importsumme;

Ex:   Exportsumme

 

Mit anderen Worten: Außenwirtschaftspolitik und Wachstumspolitik stehen – folgt man der keynesianischen Theorie – in einem Zielkonflikt zueinander.

 

 

11. Wachstumspolitik als Beschäftigungspolitik?

 

Fragen wir uns nun, ob Wachstumspolitik auch als Mittel der Beschäftigungspolitik verstanden werden kann. Zunächst scheint es, dass ein ganz einfacher und eindeutiger Zusammenhang zwischen Wachstum und Beschäftigung besteht. Gehen wir hierzu von einer Produktionsfunktion aus. Danach gilt:

 

Y = f(A,K)

 

Y : reales Inlandsprodukt

A : Anzahl der Beschäftigten

K : eingesetzte Kapitalmenge

 

Steigt danach das reale Inlandsprodukt, so steigt ebenfalls bei bestehender Produktionsfunktion die Beschäftigung, da eben eine größere Produktmenge nur auch mit mehr Arbeitskräften produziert werden kann. Es besteht also eine eindeutige Beziehung zwischen Wachstum im Sinne eines Anstieges der produzierten Gütermenge und der Anzahl der beschäftigten Arbeitskräfte. Neue Arbeitskräfte werden nur benötigt, wenn mehr produziert wird und es kann nicht mehr produziert werden, wenn nicht gleichzeitig der Arbeitseinsatz vergrößert wird.

 

Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch, dass diese Zusammenhänge nicht so eindeutig und einfach sind, wie diese erste Überlegung nahegelegt. Als erstes gilt es zu bedenken, dass diese Beziehungen immer nur unter der ceteris paribus -Klausel gelten. Wir müssen von einer vorgegeben Technik (Produktionsfunktion) ausgehen und müssen weiterhin unterstellen, dass auch das Einsatzverhältnis zwischen Arbeit und Kapital (die sogenannte Kapitalintensität) unverändert bleibt.

 

Aber gerade diese beiden Annahmen sind problematisch, wenn wir uns mit Wachstumsprozessen befassen. Wachstum wird ja eigentlich fast immer deshalb ausgelöst, dass Änderungen in der angewandten Technik vollzogen werden oder dass zumindest die Kapitalintensität erhöht wird. Also wird man gerade bei der Analyse von Wachstumsprozessen diese beiden stillschweigenden Annahmen nicht unterstellen dürfen.

 

Zweitens gelten die positiven Beziehungen zwischen Wachstum und Beschäftigung zunächst nur für das extensive Wachstum, bei dem das Wachstum an dem Umfang des gesamten Inlandsproduktes gemessen wird. Wir haben aber bereits darauf hingewiesen, dass das bloße extensive Wachstum eigentlich sehr wenig darüber aussagt, wie sich die Wohlfahrt einer Bevölkerung verändert. Wenn z. B. die Zahl der Arbeitnehmer ansteigt, erhält der einzelne Arbeitnehmer trotzdem kein höheres Einkommen. Das größere Inlandsprodukt muss nun einfach auf mehr Köpfe verteilt werden.

 

Nehmen wir also das Wachstum als Wohlstandsindikator, dann haben wir uns mit den Beziehungen zwischen dem Pro-Kopf-Einkommen und der Beschäftigung zu fragen. Aber hier sind die Beziehungen zwischen Pro-Kopf-Einkommen und Beschäftigung gar nicht mehr so eindeutig. Bei intensivem Wachstum ist der Beschäftigungseffekt davon abhängig, ob die Produktion diesseits oder jenseits des Kostenminimums erfolgt. Betrachten wir hierzu folgende Graphik:

 

 

 

Bei Unterstellung einer traditionellen Durchschnittsertragskurve steigt der Durchschnittsertrag und damit auch das Pro-Kopf-Einkommen zunächst bei wachsender Beschäftigung an. Sobald aber das Ertragsmaximum erreicht ist, sinkt der Durchschnittsertrag wieder. Ob also eine Zunahme in der Produktion begleitet wird auch von einer Zunahme in der Beschäftigung hängt nun entscheidend davon ab, ob die Produktion diesseits oder jenseits des Ertragsmaximum liegt. Nicht immer führt eine Mehrbeschäftigung auch zu einer Zunahme im Pro-Kopf-Einkommen.

 

Es gibt drittens auch eine Abhängigkeit des Verhältnisses zwischen Wachstum und Beschäftigung von der Art des technischen Fortschrittes:

 

 

 

 

l/i:   Lohn-Zins-Verhältnis

TF: Technischer Fortschritt

B:    Beschäftigung

 

 

Steigt der Lohnsatz im Verhältnis zum Zinssatz, so führt dies zwar zu technischem Fortschritt und damit zu einem Wachstum. Wenn der technische Fortschritt aber arbeitssparend ist, wird die Nachfrage zumindest nach unqualifizierten Arbeitskräften eher sinken als steigen. Dieser Zusammenhang ist vor allem deshalb von Bedeutung, weil im Rahmen der keynesianischen Beschäftigungspolitik der Versuch unternommen wird, den Zinssatz künstlich niedrig zu halten, um auf diese Weise die Staatsschulden so gering wie möglich zu halten. Wenn dann noch von Gewerkschaftsseite der Versuch unternommen wird, im Rahmen einer expansiven Lohnpolitik die Lohnsätze stärker anzuheben als die Produktivität angestiegen ist, wird dieser beschäftigungshemmende Effekt sogar noch verstärkt: Das Lohnzinsverhältnis (l/i) steigt sowohl weil die Lohnsätze steigen als auch weil die Zinssätze fallen. 

 

Weiterhin gilt es zu bedenken, dass selbst dann, wenn aufgrund des Wachstums mehr Arbeitsstunden nachgefragt werden, die Anzahl der Beschäftigten nicht in jedem Falle steigt, weil sich der vermehrte Arbeitseinsatz auch in einer Zunahme der Arbeitsstundenzahl der bereits Beschäftigten niederschlagen kann.

 

Auch muss mit der Möglichkeit gerechnet werden, dass die Unternehmer einen Teil der Produktion im Ausland durchführen lassen, weil dort die Lohnsätze niedriger sind. In diesem Falle bleibt wiederum die Steigerung der inländischen Beschäftigung aus.

 

Auch ist an die Hystereseerscheinungen zu erinnern. Das Wachstum auf den Gütermärkten schlägt sich danach erst stark verzögert auf den Arbeitsmärkten nieder. Folglich bleibt es zumindest kurzfristig trotz Anstieg des Wachstums bei hoher Arbeitslosigkeit.

 

Schließlich ist zu überprüfen, ob nicht entsprechend dem nach Okun benannten Gesetz eine forcierte Wachstumspolitik zur Erreichung einer Vollbeschäftigung für unerlässlich zu gelten hat.

 

Das von Okun formulierte Gesetz besagt, dass die Arbeitslosenquote erst ab einer kritischen Wachstumsrate, der sogenannten Beschäftigungsschwelle, abgebaut wird. Liegt die tatsächliche Wachstumsrate des Inlandsproduktes unterhalb dieser Schwelle, muss sogar damit gerechnet werden, dass die Arbeitslosenquote trotz Wachstum steigt.

 

Arthur M. Okun war amerikanischer Ökonom und Keynesianer, lebte von 1928 – 1980 und befasste sich unter anderem mit Ursachen der Armut und mit den Mechanismen, welche zwischen Inlandsprodukt und Beschäftigung bestehen.

 

Das nach ihm benannte Gesetz beruht auf empirischen Untersuchungen, welche Okun für den Zeitraum 1954 bis 1962 für die USA durchgeführt hat und welche die in dem Okun’schen Gesetz behauptete Beziehung zwischen Wachstumsrate des Inlandsproduktes und Arbeitslosenrate aufzeigte.

 

In der Zwischenzeit wurden die Beziehungen zwischen Wachstumsrate und Arbeitslosenrate auch in anderen Ländern empirisch überprüft, diese Untersuchungen kamen zu dem Ergebnis, dass zwar gewisse Beziehungen zwischen beiden Variablen festgestellt werden konnten, dass aber die kritische Schwelle für das Umkippen der Arbeitslosenrate in den untersuchten Ländern bei sehr unterschiedlichen Werten lag.

 

Auch dann, wenn das Okun’sche Gesetz in die Literatur einging, gibt es bei einer Reihe von maßgeblichen Ökonomen wie z. B. bei Rudiger Dornbusch und Stanley Fischer erhebliche Zweifel, ob man hier wirklich bereits von einem Gesetz sprechen könne, schließlich wiesen die empirischen Zusammenhänge ein großes Maß an Unsicherheit auf. Die Werte der einzelnen Parameter würden im Verlauf der Jahre schwanken und die Relationen seien auch teilweise instabil. Auch wurde das Wachstum der Produktion nur durch Schätzungen bestimmt.

 

So ist es durchaus möglich, dass für eine bestimmte Zeit und für einen bestimmten Wirtschaftsbereich aufgezeigt wird, dass eine hohe Korrelation zwischen zwei Variablen (z. B. Wachstumsrate und Arbeitslosenquote) besteht. Trotzdem kann aus diesen Ergebnissen nicht bereits eindeutig geschlossen werden, dass eine ursächliche Beziehung zwischen diesen beiden Variablen vorliegt, dass also dann, wenn die eine Variable einen höheren Wert erreicht, auch die andere Variable sich in einer ganz bestimmten Weise verändert.

 

Es wäre ja auch denkbar, dass beide Variablen vollkommen unabhängig voneinander sind, dass sie aber beide von einer dritten, nicht näher bekannten und deshalb auch nicht ausgewiesenen Variablen unmittelbar abhängen, wobei diese Variable aus mehr zufälligen Gründen nur in dieser Zeit und in diesem Bereich aufgetreten ist, aber nicht unbedingt zu allen Zeiten und in allen Wirtschaftsbereichen anzutreffen sein wird.

 

Die Aussage des Okun’schen Gesetzes, wonach die Arbeitslosenquote nur dann reduziert werden kann, wenn die Wachstumsrate des Inlandsproduktes über einer kritischen Schwelle liegt, kann bei Vorliegen gewisser weiterer Bedingungen durchaus zutreffen. Diese kritische Wachstumsrate ist jedoch weder eine notwendige noch eine ausreichende Bedingung dafür, die Arbeitslosenquote zu reduzieren.

 

Eine bestimmte Wachstumsrate ist nicht notwendig für eine Reduzierung der Arbeitslosenquote, da auch bei konstantem Inlandsprodukt einfach aufgrund einer gesteigerten Flexibilisierung der Märkte Ungleichgewichte im Allgemeinen und die Arbeitslosenanzahl im speziellen Sinne reduziert werden kann.

 

Eine bestimmte Wachstumsrate ist noch nicht einmal eine ausreichende Bedingung, um Arbeitslosigkeit zu reduzieren. Es wäre z. B. denkbar, dass der wirtschaftliche Aufschwung einem arbeitssparenden technischen Fortschritt zu verdanken ist, bei dem der Freisetzungseffekt den Einkommenseffekt überkompensiert. Der arbeitssparende technische Fortschritt bewirkt hier, dass pro ausgebrachter Gütereinheit weniger Arbeitskräfte benötigt werden (Freisetzungseffekt). Da der technische Fortschritt allerdings Investitionen voraussetzt, wird die Nachfrage nach Gütern und damit indirekt auch die induzierte Nachfrage nach Arbeitskräften partiell gesteigert (Einkommenseffekt), wobei es durchaus möglich ist, dass dieser Aufschwung nicht ausreicht, um die aufgrund der Rationalisierung freigesetzten Arbeitskräfte wiederum voll in den Produktionsprozess einzugliedern. Hier kann in der Tat gerade wegen einer hohen Wachstumsrate die Arbeitslosenquote sogar ansteigen.

 

 

12. Konflikte mit anderen Zielen der Wirtschaftspolitik

 

Wir hatten bisher nur am Rande die Frage untersucht, ob das Ziel eines wirtschaftlichen Wachstums auch mit anderen Zielen der Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik in Konflikt steht. Im Mittelpunkt der bisherigen Analysen stand die hierzu entgegengesetzte Frage, inwieweit andere Ziele der Wirtschaftspolitik unterstützt werden können. Nur deshalb, weil manche dieser Begründungen als fehlerhaft erkannt werden konnten, ist die zusätzliche Frage nach möglichen Konflikten überhaupt aufgetaucht.

 

Zumindest auf den ersten Blick scheint das Ziel eines möglichst großen Wachstums mit dem umweltpolitischen Ziel der Erhaltung des Systems der Umwelt sowie der natürlichen Ressourcen für die nachfolgenden Generationen in Konflikt zu stehen. Gerade das rasante Tempo der Industrialisierung fast auf der ganzen Welt hat wesentlich dazu beigetragen, dass ein Raubbau mit den natürlichen, knappen Ressourcen betrieben wurde, dass weiterhin die Ozonschicht geschädigt wurde und dass vor allem aufgrund des Kohlendioxidausstoßes die Erde erwärmt wurde, was zu einem Abschmelzen der Gletscher und einer Erhöhung des Meeresspiegels führte, in deren Folge schließlich viele Landstriche vor allem in Ostasien ins Meer eines Tages versinken werden.

 

Man hat – wie bereits gezeigt – den Versuch unternommen, die Umweltpolitik mit der Wachstumspolitik dadurch zu befriedigen, dass man das Ziel der Wachstumspolitik nun weniger in einer maximalen Wachstumsrate, sondern in einem umweltschonenden Wachstum sieht und dass man in der Statistik die bei der Produktion entstehenden externen Kosten vom Wert des Inlandsproduktes abzieht. Insofern handelt es sich hier nur um einen mittelbedingten Zielkonflikt, man kann ihn weitgehend vermeiden, wenn man die richtigen Mittel einsetzt.

 

Dass in naher Zukunft dieser Konflikt an Schwere verlieren kann, hängt weiterhin damit zusammen, dass die Umweltverträglichkeit der Produktion entscheidend von der Art der Produkte abhängt. Es sind vor allem die Produkte der industriellen Herstellung, welche die Umwelt belastet haben und auch in Zukunft belasten werden. Andere Güter, insbesondere die verschiedenen Dienstleistungen könnten weitgehend ohne Umweltbelastung bzw. mit einer deutlich geringeren Belastung erbracht werden.

 

Nun zeichnet sich die langfristige wirtschaftliche Entwicklung in den modernen Staaten  dadurch aus, dass in der ersten Phase der landwirtschaftliche Sektor, in der zweiten Phase der Sektor der Industrie und in der dritten Phase schließlich der Dienstleistungssektor überwiegt. Während im Jahre 2013 die Landwirtschaft nur noch mit 1% und die Industrie zusammen mit dem Handwerk 30% der Gesamtproduktion bestritt, liegt der Anteil der Dienstleistungen bei 69%. Dies bedeutet, dass die langfristige Entwicklung zu den Wirtschaftszweigen führt, welche eine relativ geringe Umweltbelastung verursachen.

 

Ganz anders sieht jedoch noch die Entwicklung der gesamten Welt aus. Gemessen an der Weltbevölkerung und dem gesamten Weltprodukt überwiegen dort heute noch die Landwirtschaft. Und die Industrie, welche in erster Linie für die Umweltbelastung verantwortlich ist, wird weltweit gesehen in Zukunft sogar noch ansteigen.

 

Die These des Okun-Gesetzes, dass wir nur bei einem hohen wirtschaftlichen Wachstum das Problem der Arbeitslosigkeit lösen können, ist auch aus ökologischer Sicht bedenklich. Wäre sie richtig, so wären wir zu einem permanenten Wachstum verurteilt, um Vollbeschäftigung zu garantieren. Genau dies ist jedoch auf sehr lange Sicht gar nicht möglich. Wir müssen davon ausgehen, dass ein Großteil der natürlichen Ressourcen begrenzt ist, dass die natürlichen Ressourcen bei der Produktion verbraucht werden und dass sie nicht unbedingt und in jedem Falle ersetzt werden können.

 

Am wenigsten mag dies noch für die Energierohstoffe gelten. Die traditionellen fossilen Energierohstoffe (Kohle, Holz, Öl, Gas) sind zwar begrenzt und sie werden bei der Produktion verbraucht, es können jedoch neue Energiequellen wie vor allem Sonnenenergie, Erdgas und Windenergie gewonnen werden, auf sehr lange Sicht steht vor allem die Sonnenenergie noch für Milliarden von Jahren zur Verfügung. Trotzdem können für eine begrenzte durchaus größere Zeit bedeutende Engpässe entstehen, wenn es nicht gelingt, die Technik zur massenweisen Ausbeute der Sonnenenergie rechtzeitig zu entwickeln und das Fernstromnetz so auszubauen, dass auch die Sonnenenergie und die Energie, welche aus Windkräfte gewonnen werden, an die Plätze des Konsums gebracht werden können.

 

Wir haben hier davon auszugehen, dass sowohl Sonnenenergie als auch die Energie aus Windkraft nicht an den Konsumstandorten produziert werden, sodass es also notwendig wird, über Fernnetze den Strom auch an die entferntesten Konsumplätze zu transportieren. Die traditionellen Stromerzeugungswerke (Atomwerke sowie Kohle- und Gaswerke) hingegen konnten fast immer in den Wirtschaftsräumen errichtet werden, in denen der Strom auch nachgefragt wurde.

 

Weiterhin bedarf es eines Ausbaus der Speicherwerke. Während nämlich die traditionellen Stromwerke zu allen Jahreszeiten gleichmäßig Strom produzieren konnten, kann Strom aus Sonnen- und Windenergie nicht zu allen Zeiten produziert werden. Es gibt Zeiten der Windstille und in denen der Himmel von Wolken überzogen ist und deshalb die Stromerzeugung stark reduziert werden wird.

 

Weiterhin können teilweise Rohstoffe durch Kunststoffe ersetzt werden. Bestimmte Rohstoffe, die bei der Produktion und beim Konsum nicht endgültig verbraucht werden, können durch Recycling zurückgewonnen werden. Insgesamt gilt aber für Rohstoffe, dass sie nur in begrenztem Umfang zur Verfügung stehen und deshalb die Wachstumsmöglichkeiten einschränken.

 

Auch der Raum als solcher ist ein knappes Gut und kann nicht beliebig vermehrt werden. Natürlich hat die Erde noch lange nicht die Bevölkerungsdichte einer Großstadt erreicht. Trotzdem gibt es auch aus ökologischer Sicht räumliche Grenzen, da die Versiegelung des Bodens den Wasserhaushalt und andere natürliche Prozesse behindert.

 

Es ist eine beängstigende These, dass Vollbeschäftigung nur mit permanentem Wachstum möglich sein solle. Aber auch aus Gerechtigkeitsgründen wird man den heutigen Entwicklungsländern wohl kaum verwehren können, einen ähnlich hohen Entwicklungsstand anzustreben, wie ihn die heute bereits hoch entwickelten Industrienationen erreicht haben. In Anbetracht der Knappheit der natürlichen Ressourcen ist hier kaum Platz für ein anhaltendes reales Wachstum auch in den heutigen Industrienationen.

 

Schließlich sollte an und für sich die Entwicklung des Bedarfs, und zwar des Bedarfs, der nicht über Werbung künstlich geweckt werden muss, darüber entscheiden, ob und in welchem Umfang ein Wachstum benötigt wird und erwünscht ist.

 

***

Zusammenfassung:

 

01. Nur das reale, nicht das nominelle Inlandsprodukt stellt einen brauchbaren Wachstumsindikator dar. Man kommt vom nominellen Inlandsprodukt durch Deflationierung, d. h. durch Division mit dem Güterpreisniveau zum realen Inlandsprodukt.

 

02. Das Bruttoinlandsprodukt eignet sich weniger zum Wohlfahrtsindikator als das Nettoinlandsprodukt, da im Bruttoinlandsprodukt auch die Abschreibungen für technischen und wirtschaftlichen Verschleiß enthalten sind. Allerdings wird trotzdem bisweilen das Bruttoinlandsprodukt als Maßstab herangezogen, da produktionsbedingte Erfindungen eher mit dem gesamten Investitionsvolumen und weniger mit dem Nettoinvestitionsvolumen korrelieren.

 

03. Wohlfahrtsindikator ist weniger das extensive als das intensive Wachstum.  Während sich das extensive Wachstum auf das reale Nettoinlandsprodukt bezieht, wird das intensive Wachstum entweder am Pro-Kopf-Einkommen oder an der Faktorproduktivität gemessen. Die Faktorproduktivität gestattet im Gegensatz zum Pro-Kopf-Einkommen auch immaterielle Wohlfahrtssteigerungen aufgrund einer Ausweitung der Freizeit zu berücksichtigen.

 

04. Zur Zeit der Klassiker wurde das langfristige Wachstum weniger am Umfang der Güterproduktion als am Erwerbsvermögen gemessen. Das Inlandsprodukt wird zum großen Teil konsumiert und steht nicht wie das Erwerbsvermögen für die zukünftige Produktion zur Verfügung. Neben dem materiellen Erwerbsvermögen entscheidet jedoch auch das "human capital" über die Wachstumschancen.

 

05. Das Güterwachstum hängt entscheidend von der Sparrate und der in Anspruch genommenen Freizeit ab. Ein maximales Wachstum würde erzielt, wenn nur ein Existenzminimum für den Konsum und für die Freizeit in Anspruch genommen würde.

 

06. In der Literatur gibt es zwei Ansatzpunkte zur Bestimmung eines optimalen Wachstums. Die Wohlfahrtstheorie spricht von optimalem Wachstum, wenn die Investition den freiwilligen Sparentscheidungen der Haushalte entspricht. Die Wachstumstheorie hingegen spricht von optimalem Wachstum, wenn die Konsumsumme im Zeitablauf maximiert wird. Wenn man von nachhaltigem Wachstum spricht, berücksichtigt man etwaige Umweltschäden aufgrund der Produktion.

 

07. Entsprechend der von Ramsey entwickelten Goldenen Regel der Akkumulation wird das Optimum genau dann erzielt, wenn im Gleichgewicht der Zinssatz der Wachstumsrate des Inlandsproduktes entspricht. Wichtigste Voraussetzung hierfür ist die Gültigkeit des Ertragsgesetzes.

 

08. Die wachstumspolitische Situationsanalyse wird dadurch erschwert, dass sich auch geringe statistische Fehler langfristig kumulieren und dass bei einer langfristigen Betrachtung die Breite der möglichen Werte so groß wird, dass der Aussagewert einer Prognose minimal wird.

 

09. Zumindest für einen großen Teil der Bevölkerung ist das Wachstum des Inlandsproduktes Selbstzweck. Allerdings steht das Ziel eines materiellen Wachstums teilweise in Konflikt zur Freizeit und zum Ziel der Erhaltung der Umwelt.

 

10. Wachstum wird unter anderem auch deshalb angestrebt, weil die Bereitschaft für materielle Opfer in einer wachsenden Gesellschaft größer ausfällt als in einer stationären Wirtschaft. Allerdings besteht zwischen Wachstum und Verteilung insoweit ein Konflikt, als aufgrund einer starken Kapitalisierung der Be-darf an nicht qualifizierten Arbeitskräften immer mehr zurückgeht und diese Gruppe deshalb arbeitslos wird und verarmt, wenn es nicht gelingt, den Bildungsstand der unteren Einkommensschichten anzuheben. Auf der anderen Seite führt eine Nivellierung zu einer geringeren gesamtwirtschaftlichen Sparquote und vermindert auf diese Weise das wirtschaftliche Wachstum.

 

11. Im Rahmen der keynesianischen Zahlungsbilanztheorie wurden darüber hinaus Beziehungen zwischen Wachstum und Verteilung insoweit angesprochen,  als die Volkswirtschaft mit der höheren Wachstumsrate Leistungsbilanzdefizite erzielt, diese sich jedoch entsprechend der Verteilungstheorie von Nicholas Kaldor selbst wiederum auf die Einkommensverteilung auswirken. Entsprechend der monetären Zahlungsbilanztheorie führt eine höhere Wachstumsrate allerdings ganz im Gegensatz hierzu zu einem Devisenbilanzüberschuss.

 

12. Bei intensivem Wachstum ist der Zusammenhang zwischen Wachstum und Beschäftigung weniger eindeutig. Es besteht sogar die Gefahr, dass Arbeitsplätze im Zuge der Rationalisierung vernichtet werden. Ob Arbeitsplätze im Zuge des Wachstum geschaffen oder vernichtet werden, hängt von der Art des technischen Fortschritts ab und diese wiederum wird durch das Lohn-Zins-Verhältnis bestimmt. Wachstumspolitik wird von Politikern oftmals auch aus beschäftigungspolitischen Gründen gefordert. Gedacht wird hierbei an den in der Produktionsfunktion zum Ausdruck kommenden Zusammenhang. Hier wird jedoch nur ein extensives Wachstum angesprochen.

 

 

Fragen zu Kapitel 4:

 

01. Woran wird das reale Wachstum gemessen?

 

02. Warum werden vom Bruttoinlandsprodukt die Abschreibungen abgezogen, um mit dem Nettoinlandsprodukt einen brauchbaren Maßstab für das Wachstum zu erhalten?

 

03. Worin liegt der Unterschied zwischen einem extensiven und einem intensiven Wachstum?

 

04. Warum ist das extensive Wachstum kein geeigneter Maßstab zur Bestimmung der Wohlfahrt einer Bevölkerung?

 

05. Worin liegt der Vorteil, wenn man das intensive Wachstum an der Arbeitsproduktivität der Produktionsfaktoren und nicht am Pro-Kopf-Einkommen misst?

 

06. Was spricht dafür, die Wohlfahrt weniger am Inlandsprodukt, sondern am Erwerbsvermögen (einschließlich des human capital) zu messen?

 

07. Wann spricht man von maximalem Wachstum? 

 

08. Inwiefern unterscheidet sich das maximale Wachstum vom optimalen Wachstum?

 

09. Welche Schwierigkeiten ergeben sich bei dem Versuch, das zukünftige Wachstum zu prognostizieren?

 

10. Inwiefern bestehen nach klassischer Auffassung Konflikte zwischen dem Ziel eines Wachstums und dem Ziel einer gerechten Einkommensverteilung?

 

11. Inwiefern bestehen nach keynesianischer Auffassung Konflikte zwischen dem Ziel eines Wachstums und dem Ziel einer gerechten Einkommensverteilung?

 

12. Wie wird im Rahmen der Zahlungsbilanztheorie begründet, dass ein Zuwachs in der inländischen Wachstumsrate ceteris paribus zu Zahlungsbilanzüberschüssen führt?

 

 

Antworten zu Kapitel 4:

 

01. Das reale Wachstum wird daran gemessen, inwieweit das Bruttoinlandsprodukt stärker steigt als das Preisniveau.

 

02. Die Abschreibungen stellen den Gegenwert des Verschleißes dar, der bei der Produktion des Inlandsproduktes entsteht, also müssen die Abschreibungen vom Bruttoinlandsprodukt abgezogen werden, um einen Maßstab für die tatsächliche Wohlfahrtssteigerung zu erhalten.

 

03. Das extensive Wachstum bezieht sich im Gegensatz zum intensiven Wachstum allein auf das gesamte Inlandsprodukt, unabhängig vom Umfang der Inputfaktoren, die zur Erzeugung des Inlandsproduktes notwendig waren und auch unabhängig davon, auf wie viel Personen das Inlandsprodukt aufgeteilt werden muss.

 

04.  Nur das Pro-Kopf-Einkommen unterrichtet darüber, wie viel Güter jedes Mitglied einer Bevölkerung im Durchschnitt erhält.

 

05. Die Arbeitsproduktivität als Maßstab des intensiven Wachstums berücksichtigt auch die Wohlfahrtssteigerungen, welche aufgrund einer vermehrten Freizeit eintreten. 

 

06. Das Erwerbsvermögen unterrichtet darüber, welche Produktionsmöglichkeiten in Zukunft gegeben sind, das Inlandsprodukt nur darüber, welche Wohlfahrt sich eine Bevölkerung im Gegensatz zur Vergangenheit gegenwärtig leisten konnte.

 

07. Beim Begriff ‚maximales Wachstum‘ wird die Frage gestellt, welche Wachstumsrate möglich ist, wenn alle Produktionsmöglichkeiten ausgeschöpft werden.

 

08. Beim optimalen Wachstumsbegriff wird berücksichtigt, dass nicht jede Steigerung der Güterproduktion eine Wohlfahrtssteigerung auslöst, da u. U. der Nutzenzuwachs aufgrund der Mehrproduktion geringer ist als die Zusatzbelastung aufgrund verminderter Freizeit oder verminderten Konsums.

 

09. Wachstumsraten lassen sich nur sehr schwer prognostizieren, da sich auch kleine Ungewissheiten kumulieren und der Informationsgehalt einer Prognose um so geringer wird, je größer der Zeitraum ist, für den die Prognose aufgestellt wurde.

 

10. Nach klassischer Vorstellung führt eine Nivellierung der Einkommen zu einer Verringerung der Ersparnis und damit auch zu einem verringerten Wachstum.

 

11.  Nach keynesianischer Auffassung führt eine Zunahme in der Investitionsnachfrage über Preissteigerungen zu einem Anstieg in der Gewinnquote.

 

12. Steigt die inländische Wachstumsrate stärker als die ausländische, steigt entsprechend der Luxusgeldthese die inländische Liquiditätspräferenz und mit ihr der inländische Zins. Dieser Zinsanstieg führt zu Kapitalimporten und damit zu einem Überschuss in der Zahlungsbilanz.