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Gliederung der Vorlesung:

 

01. Einführung                    

02. Das Ziel der Vollbeschäftigung

03. Das Ziel der Geldwertstabilität

04. Das Ziel eines angemessenen wirtschaftlichen Wachstums

05. Die theoretischen Grundlagen der Beschäftigungspolitik

06. Die theoretischen Grundlagen der Stabilisierungspolitik

07. Die theoretischen Grundlagen der Wachstumspolitik

08. Die geld- und außenwirtschaftspolitischen Mittel

09. Die finanzpolitischen Mittel

10. Die einkommenspolitischen Mittel

11. Institutionelle Maßnahmen

12. Die Träger der Konjunktur- und Wachstumspolitik

 

 

Kapitel 2: Das Ziel der Vollbeschäftigung Forts.

 

 

Gliederung:

 

01. Beschränkung auf den Produktionsfaktor Arbeit

02. Die verschiedenen Dimensionen des Beschäftigungsgrades

03. Vollbeschäftigung im Sinne eines Gleichgewichtes

04. Vollbeschäftigung im Sinne eines bestimmten Beschäftigungsgrades

05. Das Problem der Langzeitarbeitslosigkeit

06. Erfassbare versus erforderliche Konjunkturdaten

07. Selbstbestätigung und Selbstwiderlegung von Prognosen

08. Das Problem einer differenzierenden Konjunkturdiagnostik

09. Zur Problematik der Frühindikatoren

10. Das Konjunkturbarometer des Sachverständigenrates

11. Gesellschaftspolitische Gründe

12. Wachstumspolitische Gründe

13. Staatspolitische Begründung

14. Konflikte zwischen Vollbeschäftigung und Geldwertstabilität

15. Konflikte zwischen Vollbeschäftigung und Einkommensverteilung

 

 

 

11. Gesellschaftspolitische Gründe

 

Es besteht ein hoher Eigenwert des Vollbeschäftigungszieles. Es finden nämlich Wohlfahrtsverluste aufgrund von Arbeitslosigkeit statt. Arbeitslosigkeit führt unter anderem zu:

 

-         geringerem Einkommen,

-         geringeren Aufstiegsmöglichkeiten,

-         einem Prestigeverluste in Familie und Nachbarschaft.

 

Zwar erhält ein Arbeitnehmer während seiner Arbeitslosigkeit ein Arbeitslosengeld. Dieses ist jedoch wesentlich geringer als das reguläre Lohneinkommen, auch gilt es zu berücksichtigen, dass Arbeitslosengeld nicht unbegrenzt gezahlt wird, der einzelne Arbeitnehmer muss eine gewisse Zeit regulär beschäftigt gewesen sein, um überhaupt einen Anspruch auf Arbeitslosengeld zu haben. Liegen diese Voraussetzungen nicht vor, erhält der Arbeitslose zwar immer noch eine Unterstützung im Rahmen der Sozialhilfe (Hartz IV), aber diese ist um ein weiteres niedriger als das  normale Arbeitslosengeld.

 

Aber die Verringerung des Einkommens ist nicht der einzige Tatbestand, den ein Arbeitsloser trifft. Die Möglichkeiten, zeit seines Lebens zu qualifizierenden Tätigkeiten aufzusteigen und damit auch das Einkommen zu erhöhen, gehen zumeist verloren. Wenn ein Arbeitnehmer längere Zeit arbeitslos wird und wenn ihn dieses Los vor allem mehrfach trifft, schwinden zumeist alle Aussichten auf einen Aufschwung in der Hierarchie der Arbeitsplätze.

 

 

12. Wachstumspolitische Gründe

 

Arbeitslosigkeit bedeutet Vergeudung knapper Ressourcen. Eine Beseitigung der Arbeitslosigkeit könnte das Wachstumsniveau erhöhen. Allerdings ist damit zu rechnen, dass die Arbeitsproduktivität mit wachsender Beschäftigung zurückgeht. Entsprechend dem Gesetz vom abnehmenden Grenzertrag lässt sich zwar bei vermehrtem Arbeitseinsatz der Gesamtertrag steigern, der Ertragszuwachs, der sogenannte Grenzertrag sinkt jedoch. Folgende Graphik zeigt den Verlauf der Ertragsfunktion. Auf der Abszisse tragen wir die Beschäftigung, auf der Ordinate den jeweiligen Grenzertrag ab:

 

 

 

 

Dieser Rückgang im Grenzertrag hat mehrere Gründe:

 

In dem Maße, in dem sich eine Volkswirtschaft dem Zustand der Vollbeschäftigung nähert, sinken die Leistungsanreize. Werden seitens der Unternehmer genügend Arbeitsplätze angeboten, kann der Arbeitnehmer weitgehend sicher sein, dass er auch dann, wenn er keine außerordentliche Leistung erbringt, immer noch einen Arbeitsplatz findet. Solange ein Arbeitnehmer jedoch befürchten muss, dass er wegen einer zu geringen Anzahl von Arbeitsplätzen leer ausgeht, hat er einen starken Anreiz, sich besonders anzustrengen, um auf diese Weise eine Beschäftigung zu finden.

 

Die Arbeitsproduktivität hängt aber auch davon ab, ob es einem Unternehmer gelingt, den „richtigen Arbeitnehmer“ am „richtigen Arbeitsplatz“ einzusetzen. Wir können nicht davon ausgehen, dass ein Arbeitnehmer an jedem Arbeitsplatz eine gleiche Leistung erbringen kann. Die Leistungsfähigkeit eines Arbeitnehmers hängt stets von mehreren Faktoren ab, der eine Arbeitnehmer kann eine bestimmte Leistung besser erbringen als ein anderer Arbeitnehmer und dieser hinwiederum bringt unter Umständen bei anderen Verrichtungen die besseren Voraussetzungen mit. Die geforderte Kunst eines Arbeitgebers besteht gerade darin, die einzelnen Arbeitskräften so auf die einzelnen Arbeitsstellen zu verteilen, dass ein Maximum an Leistung erbracht werden kann.

 

Drittens gilt es zu bedenken, dass die durchschnittliche Leistungsfähigkeit mit wachsender Beschäftigung sinkt. Beschäftigt ein Unternehmer nur eine geringe Zahl von Arbeitnehmern, kann er die am meisten qualifizierten Arbeitskräfte einstellen. Je mehr Arbeitskräfte bereits eine Beschäftigung haben, sehen sich die Unternehmer gezwungen, auch Arbeitnehmer mit geringerer Leistungsfähigkeit zu beschäftigen.

 

Die Produktivität kann nicht nur dadurch gesteigert werden, dass jeder einzelne Arbeitnehmer an den richtigen Arbeitsplatz gesetzt wird, sondern auch dadurch, dass eine optimale Zusammensetzung zwischen Anzahl der beschäftigten Arbeitnehmer und Kapitaleinsatz angesteuert wird.

 

Wenn wir von einer gegebenen Technik ausgehen, gibt es eine ganz bestimmte Arbeitsintensität (ein ganz bestimmtes zahlenmäßiges Verhältnis zwischen dem Einsatz an Arbeit und Kapital). Die zum Einsatz kommende Technologie legt fest, bei welchem zahlenmäßigen Verhältnis von Arbeit und Kapital eine optimale Kombination erreicht wird. Werden bei bestehender Produktionskapazität mehr oder auch weniger Arbeitskräfte beschäftigt, kommt es zu unoptimalen Kombinationen. Wird also die Produktion über diesen optimalen (kostenminimalen) Punkt ausgedehnt oder auch verringert, sinkt in beiden Fällen die Produktivität.

 

 

13. Staatspolitische Begründung

 

Es besteht weiterhin ein Zusammenhang zwischen politischer und wirtschaftlicher Stabilität: Wirtschaftliche Instabilität führt zu politischer Instabilität. Arbeitslose sind nämlich radikalen Gedanken eher zugetan als Beschäftigte. Ein Beispiel lieferte die Weimarer Republik. Hohe Arbeitslosigkeit sowie Konkurse, also eine wirtschaftliche Depression, führten dazu, dass sich ein Großteil der Wähler radikalen Parteien zuwendete, Arbeiter in stärkerem Maße der kommunistischen Partei, Handwerker und Händler stärker der nationalsozialistischen Partei. Damit waren die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass die demokratische Ordnung von den Nationalsozialisten zerschlagen werden konnte.

 

Auch das Wahlrecht hat diese Entwicklung begünstigt. Die USA waren während der Weltwirtschaftskrise politisch stabiler als Deutschland, da das Mehrheitssystem sensitiver auf Unzufriedenheit reagiert. Im Rahmen eines Mehrheitswahlrechtes führt eine Unzufriedenheit der Wähler sehr viel schneller zu einer Abwahl des Kandidaten als in einem Verhältniswahlsystem. Gerade weil bei einem Verhältniswahlrecht eine Abwahl der Regierung einen sehr hohen Stimmenverlust voraussetzt, besteht hier die Gefahr, dass immer mehr Wähler sich Parteien zuwenden, welche gar nicht auf dem Boden der bestehenden Demokratie stehen und dass es auf diese Weise zum Sturz der Verfassung kommt.

 

Inwieweit die bestehende Ordnung instabil ist, hängt schließlich auch von der materiellen Absicherung der Arbeitslosen ab. Da in der Nachkriegszeit die Arbeitnehmer einen Anspruch auf ein Arbeitslosengeld hatten, das nur wenig unter dem regulären Lohneinkommen lag, bestand nun weniger die Gefahr, dass die Arbeitslosen den Parolen der radikalen Parteien von links und rechts zuneigen. Die Demokratie war in der Nachkriegszeit trotz teilweise hoher Arbeitslosigkeit stabiler als in der Weimarer Republik, da die Arbeitslosen aufgrund der Arbeitslosenversicherung im Gegensatz zur Zeit der Weimarer Republik materiell abgesichert waren.

 

 

14. Konflikte zwischen Vollbeschäftigung und Geldwertstabilität

 

Zunächst gilt es festzustellen, dass keine logisch bedingten Zielkonflikte bestehen. Beide Ziele (das der Vollbeschäftigung und der Geldwertstabilität) verlangen eine Realisierung des Gleichgewichts und somit ist es möglich auf dem Wege einer Ansteuerung eines Gleichgewichtes beide Ziele zur gleichen Zeit zu realisieren. Massenarbeitslosigkeit wird verhindert, wenn es gelingt, Angebotsüberhänge zu vermeiden, während ungekehrt Geldwertstabilität garantiert wird, wenn Nachfrageüberhänge abgebaut werden. Beide Ziele lassen sich realisieren, wenn Angebot und Nachfrage übereinstimmen. Bei einem Gleichgewicht werden auf der einen Seite Nachfrageüberhänge vermieden und damit Geldwertstabilität garantiert. Auf der anderen Seite werden hier aber auch Angebotsüberhänge vermieden und damit das Ziel der Vollbeschäftigung garantiert.

 

Jedoch bestehen sehr wohl faktisch bedingte Konflikte und zwar durch:

 

-         die Existenz von Flaschenhälsen,

-         Preissteigerungen, welche bereits eintreten, obwohl noch Unterbeschäftigung besteht.

-         steigende gesamtwirtschaftliche Stückkosten. Eine Reduzierung der Produktion führt zu Kostensteigerungen und damit auch zu Preissteigerungen.

 

Von Flaschenhälsen spricht man immer dann, wenn Engpässe entstehen, also z. B. aufgrund der Knappheit eines Rohstoffes oder fehlender Produktionskapazitäten die Produktion gedrosselt werden muss. Hier passt sich das Angebot nur verzögert an die steigende Nachfrage an und gerade deshalb können hier die Preise auch dann steigen, wenn insgesamt noch Angebotsüberhänge bestehen.

 

Wir hatten weiterhin bereits darauf hingewiesen, dass ein Konjunkturaufschwung keineswegs synchron verläuft, und zwar in dem Sinne, dass nicht alle Wirtschaftszweige gleichzeitig durchstarten und mit der gleichen Stärke sich ausweiten. Auch hier ist die Folge, dass in bestimmten Wirtschaftszweigen bereits die Kapazitätsgrenze erreicht ist und deshalb wegen Knappheit die Preise steigen, obwohl in der gesamten Volkswirtschaft noch sehr wohl Arbeitslosigkeit herrscht und freie Kapazitäten vorhanden sind.

 

An und für sich können wir zwar davon ausgehen, dass in Zeiten des Konjunkturabschwungs, dann also, wenn die Nachfrage zurückgeht und das Angebot sich an diese verringerte Nachfrage anpassen muss, die Preise sinken. Die Unternehmer reduzieren hier die Preise, um den Rückgang in der Nachfrage zu stoppen oder zumindest zu mildern.

 

Wir haben aber bereits darauf hingewiesen, dass bei Vorhandensein hoher Fixkosten die Stückkosten gerade bei einem Rückgang der Produktion ansteigen und dass deshalb die Unternehmer auch die Preise anzuheben versuchen. Fixkosten zeichnen sich dadurch aus, dass die Gesamtkostensumme anfällt, unabhängig davon, ob und wie viel Güter produziert werden. Dies hat zur Folge, dass sich bei einem Anstieg der Produktion die Fixkosten pro Stück verringern. Sehen sich deshalb die Unternehmer gezwungen, die Produktion zu reduzieren, so steigen also die fixen Stückkosten an.

 

Nun lässt sich im Allgemeinen dieser Kostenanstieg dadurch kompensieren, dass neben fixen auch variable Kosten anfallen, die bei Verringerung der Produktion fallen. Wenn jedoch der Anteil der Fixkosten sehr hoch ist, werden auch die gesamten Stückkosten bei einem Rückgang der Produktion ansteigen.

 

Wie bereits gezeigt, verhindert oder erschwert zumindest die Unsicherheit über den Konjunkturverlauf eine effektive Konjunkturpolitik. Eigentlich müssten kontraktive Maßnahmen schon vor Erreichen der Vollbeschäftigung eingeleitet werden, aber die Unsicherheit über die Zukunft verhindert ein rechtzeitiges Umschwenken. Auch ist es für Politiker unzumutbar, bereits in Zeiten der Arbeitslosigkeit kontraktive Maßnahmen einzuleiten.

 

Dieser Zielkonflikt ist vor allem abhängig von der jeweiligen Konjunkturphase:

 

In der Depression findet eine generelle Unterbeschäftigung auf allen Märkten mit relativ konstanten Preisen statt.

 

Im Aufschwung wird Vollbeschäftigung nahezu erreicht: Es kommt zu Preissteigerungen auf Einzelmärkten und trotzdem besteht Unterbeschäftigung auf anderen Märkten;

 

Bei überhitzter Hochkonjunktur schließlich lässt sich Überbeschäftigung mit Preissteigerungen auf fast allen Märkten feststellen.

 

 

 

In der Literatur wird das Phillips-Kurventheorem im Allgemeinen zur Erklärung des hier vorliegenden Zielkonfliktes herangezogen.

 

Der empirische Befund für dieses Theorem bestand darin, dass A. W. Phillips auf einen trade off zwischen Arbeitslosenrate und Lohnsteigerungen hingewiesen hatte. Die theoretische Interpretation hingegen wurde von R. G. Lipsey geliefert. Auf der Abszisse eines Diagramms zeichnen wir die Arbeitslosenrate, auf der Ordinate die Lohnsteigerungsrate ab.

 

Ausgangspunkt ist die negativ geneigte Phillipskurve, welche eine negative Beziehung zwischen Lohnsteigerungsrate und Arbeitslosenrate aufzeigt:

 

 

 

 

Danach lassen sich um so weniger Lohnsteigerungen durchsetzen, je größer die Arbeitslosenrate (u) ist.

 

Nach Lipsey lässt sich der Verlauf der Phillipskurve im Rahmen einer dynamischen Preistheorie (Lohntheorie) erklären. Danach ist mit Lohnsteigerungen immer dann zu rechnen, wenn Nachfrageüberhänge, bzw. mit Lohnsenkungen, wenn Angebotsüberhänge bestehen. Die Änderungsrate der Lohnsätze lässt sich somit als Funktion der Ungleichgewichte darstellen.

 

Wir gehen vom Koordinatenursprung aus, der ein Gleichgewicht auf den Arbeitsmärkten signalisiert. Die Arbeitslosenrate (u) ist hier null und gerade deshalb gibt es auch keinen Grund dafür, dass sich auf einem freien Arbeitsmarkt die Löhne verändern: Die Veränderungsrate des Lohnsatzes dl/dt ist also in diesem Punkt ebenfalls null. Es entsteht auf diese Weise eine negativ geneigte Kurve, welche durch den Ursprung geht.

 

 

 

Wenn wir nun berücksichtigen, dass aus strukturellen Gründen stets eine natürliche Arbeitslosigkeit besteht, können wir die Phillipskurve aus einer Verschiebung der Lipseykurve um den Umfang der natürlichen Arbeitslosenrate nach rechts erhalten. Die Phillipskurve geht also von der natürlichen Arbeitslosenrate aus und informiert darüber, welche Lohnsatzsteigerungen bei alternativen Arbeitslosenraten erwartet werden können.

 

P. A. Samuelson hatte nun eine modifizierte Phillipskurve vorgeschlagen: Aufgrund von Zusammenhängen zwischen Löhnen und Preisen lässt sich nämlich aus dem Lipsey-Modell ein Modell des Zielkonfliktes zwischen Preisniveaustabilität und Vollbeschäftigung nachweisen.

 

Die von Samuelson eingeführte Modifizierung erhalten wir nun dadurch, dass wir annehmen, dass Lohnsteigerungen, die über den Produktivitätszuwächsen liegen, preissteigernd wirken. Die Differenz zwischen Lohnsteigerungen und Produktivität ergibt dann die Veränderung der Inflationsrate in Abhängigkeit von der Arbeitslosenrate.

 

 

 

 

Politische Schlussfolgerungen lassen sich im Rahmen der keynesianischen Theorie ableiten:

 

Beschäftigungsprogramme stellen eine Bewegung entlang der Phillipskurve dar und sind deshalb geeignet, die Arbeitslosigkeit zu reduzieren. Die Beschäftigungssteigerungen führen jedoch zu Preissteigerungen.

 

 

 

Milton Friedman hat Kritik an diesen Schlussfolgerungen geübt:

 

Langfristig werde nämlich die Phillipskurve zu einer Parallelen der Ordinaten-Achse. Den Grund hierfür sieht Friedman in Folgendem: Die Tarifpartner setzen Lohnanpassungen durch, diese vermindern die Gewinne und mit ihnen den Anreiz zur Mehrbeschäftigung.

 

 

 

Edmond Malinvaud hat schließlich in diesem Zusammenhang daraufhin gewiesen, dass die Kritik Friedmans nur unter den Bedingungen klassischer Arbeitslosigkeit gelte. Bei keynesianischer Arbeitslosigkeit komme es primär nicht auf die Gewinnhöhe, sondern auf die Absatzmöglichkeiten an, diese verminderten sich jedoch bei einer Lohnerhöhung nicht!

 

Trotzdem wird man davon ausgehen müssen, dass Unternehmungen an Produktion und Absatz nur solange interessiert sind, als sie erstens mit den Erlösen auch alle Kosten abdecken können und zweitens eine Mindestrendite erzielen. Da nahezu alle Produktionen und Investitionen mit einem gewissen Risiko verbunden sind, wird es wohl kaum Unternehmungen geben, die bereit sind, diese Risiken auf sich zunehmen, wenn sie nicht mit einer gewissen Rendite rechnen können.

 

 

15. Konflikte zwischen Vollbeschäftigung und Einkommensverteilung

 

Unsere bisherigen Überlegungen legen den Schluss nahe, dass die Ziele der Vollbeschäftigung und einer gerechten Einkommensverteilung miteinander harmonieren. Die Phillipskurve scheint ja zu bestätigen, dass in dem Maße, in dem die Arbeitslosenrate sinkt, gleichzeitig auch die Veränderungsrate des Lohnsatzes steigt.

 

Dieser Zusammenhang ist jedoch keineswegs so eindeutig, wie es die Phillipskurve anzudeuten scheint. Bei der Überprüfung möglicher Zielkonflikte dürfen wir nicht nur auf die unmittelbaren Beziehungen beider Ziele achten. Zielkonflikte können ja auch – wie wir dies in der Einführungsvorlesung gesehen haben – aufgrund der Wahl der eingesetzten Mittel auftreten. In der Tat scheint das von Keynes propagierte Mittel zur Beseitigung von Arbeitslosigkeit gleichzeitig damit verbunden sein, dass der Einkommensanteil der Arbeitnehmer zurückgeht.

 

 

Keynes war zwar der Überzeugung, dass eine expansive Geldpolitik allein nicht in der Lage sei, durch Zinssenkungen und durch Ausweitung der Geldmenge die Konjunktur anzukurbeln. Den Grund für diesen Mangel sah Keynes in der Tatsache, dass in Zeiten des Konjunkturtiefs die Unternehmungen über freie Produktionskapazitäten verfügten und deshalb auch bei einer Zinssenkung nicht willens seien, ihre Kapazitäten zu erhöhen, zumal die Gewinne, welche eventuell bei einer Ausweitung der Produktion und bei einer Verminderung der Kapitalkosten unter Umständen entstehen könnten, aufgrund des auf den Märkten bestehenden Angebotsüberhanges in Form von Preissenkungen sofort wieder an die Verbraucher weitergegeben werden müssen.

 

Nur eine Ausweitung der Staatsausgaben sei in der Lage, der Konjunktur nachhaltig einen Aufschwung zu ermöglichen. Allerdings müssten diese Ausgabensteigerungen des Staates mit Krediten finanziert werden, da ansonsten die staatliche Mehrnachfrage nur an die Stelle einer weiteren Schrumpfung der Konsumausgaben aufgrund der dann notwendigen Steuererhöhung treten würde. Und hier kommt nun die Rolle der Geldpolitik ins Spiel.

 

Die staatliche Konjunkturpolitik könne – entsprechend dieser Konzeption – nur dann erfolgreich durchgeführt werden, wenn die durch das Defizit im Staatsbudget verursachte Mehrnachfrage mit zusätzlichem Geld alimentiert werde. Wenn nämlich die Notenbank nicht bereit wäre, im Umfang der vom Staat ausgelösten Mehrnachfrage zusätzliches Geld zur Verfügung zu stellen, käme es zu Zinssteigerungen. Diese Zinssteigerungen könnten jedoch nun den Erfolg der staatlichen Konjunkturpolitik in Frage stellen, da der Staat dann einen immer höheren Anteil seiner Einnahmen zur Zahlung von Schuldzinsen ausgeben müsste.

 

Die Keynes’sche Politik bedarf also der Unterstützung durch die Notenbank und im keynes’schen Sinne ist eine expansive Geldpolitik in Zeiten des Konjunkturtiefs notwendig, nicht, weil durch die Zinssenkungen die Investitionsnachfrage unmittelbar gesteigert werden könnte, wohl aber deshalb, weil nur auf diese Weise der Staat erfolgreich eine Politik des Budgetdefizites durchsetzen könne.

 

Nun hat Keynes einmal davon gesprochen, dass es für den konjunkturpolitischen Erfolg vollkommen gleichgültig sei, welche Güternachfrage aufgrund der staatlichen Beschäftigungspolitik gesteigert werde. Es komme nur darauf an, dass die Gesamtnachfrage ansteige, ob diese Steigerung bei den Kollektivgütern oder bei den unternehmerischen Investitionen oder schließlich bei den Konsumausgaben erfolge, sei für den konjunkturellen Erfolg vollkommen unerheblich. Der Staat könne auch in der Wüste Pyramiden bauen, die offensichtlich nach Anschauung von Keynes vollkommen nutzlos sind (?!), es komme hier eben nicht darauf an, dass nutzbringende Güter vermehrt angeboten werden, sondern allein, dass mehr Arbeitskräfte beschäftigt werden.

 

Trotz dieser Auffassung hat sich die von den einzelnen Regierungen eingeleitete keynesianische Beschäftigungspolitik fast ausschließlich darauf beschränkt, bei den Unternehmungen mehr Güter (vor allem Investitionsgüter) zu kaufen oder über Subventionen die Investitionsbereitschaft der Unternehmungen anzureizen.

 

In der Tat war diese Politik im Hinblick auf die Beschäftigung in den ersten Jahren, in denen die Politiker weltweit den Versuch unternahmen, mit Hilfe dieser keynesianischen Strategie das Problem der Massenarbeitslosigkeit in den Griff zu bekommen, durchaus erfolgreich.

 

Aufgrund der Mehrnachfrage des Staates (die Ausgabensteigerung wurde defizitär finanziert) stiegen die Güterpreise an, mit den Preisen stiegen die Gewinne und die damit verbundene Erwartung, dass diese Gewinnsteigerungen anhalten, führte dazu, dass die Unternehmungen ihre Produktion ausweiteten und damit zusätzliche Arbeitskräfte einstellten. So kam es tatsächlich zu einer (anfänglichen) Verringerung der Arbeitslosigkeit. Es schien, als sei diese Strategie erfolgreich.

 

In Wirklichkeit hielt dieser Erfolg nur solange an, als die Unternehmer und Gewerkschaften ihre Strategien nicht ihrerseits an diese veränderte Situation angepasst hatten.

 

Da bei Preis- und Gewinnsteigerungen ceteris paribus das reale Lohneinkommen sinkt und da sich damit der Anteil der Lohneinkommen am Inlandsprodukt verringert, waren die Gewerkschaften bemüht, in den folgenden Tarifverhandlungen eine Lohnerhöhung zu erzwingen. Sie wollten einerseits die Verringerung der realen Einkommen aufgrund der Preissteigerungen nicht hinnehmen, anderseits wollten sie auch an den Gewinnsteigerungen der Unternehmer partizipieren.

 

Soweit jedoch die Gewerkschaften Erfolg hatten, veränderte sich auch die Situation der Unternehmer erneut. Wenn es nämlich den Gewerkschaften gelingt, in den erkämpften Lohnsteigerungen einen vollen Ausgleich für die Preissteigerungen zu erzielen, dann ist dies gleichbedeutend damit, dass auch die – aufgrund der staatlichen Mehrnachfrage hervorgerufenen – Zusatzgewinne wiederum verschwinden, dass die Unternehmungen also auch ihre Gewinnerwartungen korrigieren müssen, es spricht nun nichts dafür, dass sich die Gewinnerwartungen gegenüber dem Zustand vor Beginn der staatlichen Mehrnachfrage verbessert hatten und dass deshalb diese Beschäftigungspolitik auch langfristig Erfolge verbuchen kann.

 

Nun könnte man meinen, dass zumindest ein einmaliger Konjunkturschub erzeugt werde und dass vielleicht dieser positive Schub ausreiche, um mit Hilfe dieser Initialzündung einen Konjunkturaufschwung auszulösen.

 

Diese Meinung ist jedoch irrig. Auch die Unternehmer lernen aus vergangenen  Erfahrungen. Sie wissen sehr bald, dass die Gewerkschaften bei Preissteigerungen alsbald eine Lohnerhöhung erkämpfen werden und dass deshalb die anfängliche Mehrproduktion nicht aufrechterhalten werden kann. Sie wissen aber auch, dass Arbeitnehmer, welche neu eingestellt wurden, nicht ohne Weiteres wieder entlassen werden können, wenn sich herausstellt, dass die anfänglichen Aufträge nicht bereits einen anhaltenden Konjunkturaufschwung eingeläutet haben.

 

Eine rigoros gehandhabte Kündigungsgesetzgebung verhindert oftmals, dass Unternehmer auch dann nicht Arbeitnehmer entlassen können, wenn Arbeitskräfte gar nicht mehr zur Weiterproduktion benötigt werden. In diesem Falle werden die Unternehmer den Versuch unternehmen, die zusätzlichen Staatsaufträge dadurch zu bedienen, dass die bereits beschäftigten Arbeitnehmer Überstunden erbringen. In diesem Falle ist jedoch die erhoffte Mehrbeschäftigung nicht eingetreten. Diese Beispiele zeigen, dass die keynesianische Beschäftigungspolitik nur zu Beginn erfolgreich war und dies deshalb, weil sich die Marktpartner (Gewerkschaften und Unternehmer) erst nach einer gewissen Zeit an die veränderte Strategie des Staates angepasst haben.

 

Wir haben also gesehen, dass die tatsächlich erfolgte keynesianische Geld- und Beschäftigungspolitik nur solange erfolgreich war, als es gelang, die Einkommensverteilung zugunsten der Gewinne und damit zugleich zu Lasten der realen Lohneinkommen zu verändern. Es besteht also sehr wohl auch ein Konflikt zwischen dem Ziel der Vollbeschäftigung und dem Ziel  einer gerechten Einkommensverteilung.

 

Der Rückgang in der Lohnquote war also offensichtlich der Preis, den man zu zahlen bereit war, um auf diesem Wege die Massenarbeitslosigkeit zu verringern. Entweder kam es im Zuge des Abbaus von Arbeitslosigkeit zu Preissteigerungen, dann ging diese Politik zu Lasten der Lohnempfänger. Oder aber diese Politik scheiterte daran, dass die Gewerkschaften es nicht zuließen, dass die realen Lohneinkommen im Zuge der Beschäftigungspolitik zurückgingen. In diesem Falle blieb der Erfolg der Beschäftigungspolitik aus.

 

Auf lange Sicht konnte auf jeden Fall im Vergleich zu der Situation Anfang der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts der Umfang der Massenarbeitslosigkeit nachhaltig nicht entscheidend verringert werden. Auch heute stehen die meisten westlichen Volkswirtschaften genauso wie vor 80 Jahren, als Keynes seine Botschaft verkündete, vor dem Problem einer anhaltenden und immer wiederkehrenden Massenarbeitslosigkeit.

 

Hierbei verwundert es etwas, warum gerade die Sozialdemokraten lange Zeit ‚stramme Keynesianer‘ waren, obwohl doch im Hinblick auf die Einkommensverteilung die Arbeitnehmer hierdurch benachteiligt wurden. Zwar wird man einwenden können, dass die Sicherheit am Arbeitsplatz von den meisten Arbeitnehmern in den meisten Meinungsbefragungen einen wesentlich höheren Stellenwert einnahmen als der Wunsch nach einer Lohnsteigerung. Aber dieses Argument würde eigentlich nur dann ziehen, wenn diese Politik erfolgreich wäre. Gelingt es nicht, die Massenarbeitslosigkeit auf diesem Wege zu verhindern, liegt es sicherlich nicht im Interesse der Arbeitnehmerschaft, trotzdem eine Reduzierung ihrer realen Lohneinkommen hinzunehmen.

 

Hier rächt sich, dass Keynes in seinen beschäftigungstheoretischen Analysen das Problem der Einkommensverteilung völlig ausgeklammert hatte. Dies im Übrigen im Gegensatz zu Carl Föhl, welcher etwa zur gleichen Zeit, aber unabhängig von Keynes, eine gesamtwirtschaftliche Theorie entwickelt hatte, in der ex pressis verbis die Rolle der Einkommensverteilung als bestimmende und als bestimmbare Variable problematisiert wurde. Die Frage, wie einerseits die Einkommensverteilung die Beschäftigung mitbestimmt und andererseits die staatliche Beschäftigungspolitik ihrerseits die Einkommensverteilung beeinflusst, wurde von Keynes vollkommen ausgeklammert.

 

Später hatte dann Nicholas Kaldor, ebenfalls ein Anhänger der keynesianischen Theorie, dieses Versäumnis nachgeholt und die Einkommensverteilung zum eigentlichen Thema seiner Analyse gemacht. Auch er kam zu dem Ergebnis, dass das Lohneinkommen keineswegs durch Nachfragesteigerungen verbessert werden kann. Jeder Versuch, durch Erhöhung der nominellen Lohneinkommen den im Zuge der Beschäftigungspolitik verminderten Anteil der Lohneinkommen am Inlandsprodukt wiederum anzuheben, führe zwangsläufig dazu, dass auch die Preise angehoben würden, da die Einkommenshöhe, bei der Angebot und Nachfrage übereinstimmen (also der Schnittpunkt der effektiven Nachfrage mit der Güterangebotskurve), durch bloße Lohnerhöhungen nicht beeinflusst würde.

 

Der Nachfrageüberhang bleibe bestehen und mit ihm würden alle Kostensteigerungen in Preissteigerungen weitergegeben. Nur dann, wenn es den Gewerkschaften gelinge, die Sparquote der Arbeitnehmer zu erhöhen, könnte auf lange Sicht dieser Teufelskreis einer Lohnerhöhung und der daran anschließenden Preissteigerung überwunden werden.

 

 

Zusammenfassung:

 

01. Die Situation auf dem Arbeitsmarkt wird nicht nur durch die Arbeitslosenrate umschrieben. Weitere Indikatoren sind: gesetzliche und tarifliche Arbeitszeit,

Umfang an Überstunden, an Kurzarbeit und an Teilzeitarbeitsplätzen.

 

02. Vollbeschäftigung könnte sich erstens auf das totale Gleichgewicht auf den Arbeitsmärkten beziehen. Vollbeschäftigung wird jedoch oftmals einem gesamtwirtschaftlichen Gleichgewicht auf dem Arbeitsmarkt gleichgesetzt. Dieser Begriff lässt außer Acht, dass aufgrund falscher Anreize die tatsächliche Zahl der Arbeitslosen von der Zahl der registrierten Arbeitslosen abweichen kann. Hebt man auf die Unterschiede zwischen strukturell und gesamtwirtschaftlich bedingter Arbeitslosigkeit ab, lässt sich der Umfang der konjunkturell bedingten Arbeitslosigkeit an der Differenz zwischen der Zahl der Arbeitslosen und der Zahl der offenen Stellen berechnen.

 

03. Die Bezugnahme auf eine vorgegebene strukturelle Komponente bei der Definition der Vollbeschäftigung wäre nur sinnvoll, wenn diese längerfristig konstant bliebe. De facto ist jedoch der Anteil der strukturellen Arbeitslosigkeit großen Schwankungen ausgesetzt.

 

04. Von der sozialen Zielsetzung her kommt es vor allem darauf an, die Langzeitarbeitslosigkeit zu bekämpfen. Der Anteil der Langzeitarbeitslosigkeit ist jedoch in den einzelnen Ländern sehr unterschiedlich hoch. Vor allem die europäischen Staaten mit Ausnahme der BRD weisen hohe Langzeitarbeitslosigkeit auf.

 

05. Die konjunkturpolitische Situationsanalyse wird dadurch bestimmt, dass die erfassbaren Konjunkturdaten zeitlich von den erforderlichen Daten abweichen, und zwar einmal deshalb, weil immer nur Vergangenheitswerte bekannt sind, zum andern deshalb, weil eine effiziente Politik die Kenntnis zukünftiger Daten voraussetzt. Heute eingeleitete Maßnahmen wirken sich erst nach etwa 1 1/2 Jahren aus. Diese Verzögerung ist teilweise aufgrund politischer (inside-lag), teilweise aufgrund wirtschaftlicher Faktoren (outside lag) hervorgerufen.

 

06. Im Zusammenhang mit der Prognose entsteht die Schwierigkeit, dass Prognosen die prognostizierten Ereignisse mit beeinflussen. So kommt es teilweise zu einer Selbstbestätigung, teilweise zu einer Selbstwiderlegung von Prognosen. Dieser Sachverhalt verschlimmert die Lage dann, wenn politisch zu bekämpfende Ereignisse (z. B. Inflation) prognostiziert werden; er erleichtert die Sachlage, wenn zu bekämpfende Ereignisse (z. B. Gefahr von Überkapazitäten) durch die Prognose verhindert werden. Prognosen können dann sogar als konjunkturpolitisches Mittel eingesetzt werden.

 

07. Der Anteil der saisonalen Arbeitslosigkeit lässt sich dadurch bestimmen, dass man anhand des Verlaufes der Arbeitslosigkeit in den vergangenen Jahren überprüft, wie sich die aktuellen Zahlen von den vergangenen Zahlen unterscheiden.

Diese Vergleiche sind jedoch nur solange aussagekräftig, solange die strukturellen Daten längerfristig konstant bleiben. Der Anteil der strukturellen Arbeitslosigkeit lässt sich durch Vergleich zwischen Arbeitslosenzahl und offenen Stellen ermitteln.

 

08. Der Versuch zur Entwicklung von Frühindikatoren (Havard-Barometer) ist gescheitert, da es keine gleichbleibende Abfolge konjunktureller Gesetzmäßigkeiten gibt. Der Sachverständigenrat hat in der Nachkriegszeit ein Instrument zur Konjunkturdiagnose entwickelt. Eine Vielzahl von Konjunkturindikatoren wird aufgrund von Erfahrungswerten normiert und der arithmetische Durchschnitt  aller Indikatoren zeigt die Entwicklung der Gesamtkonjunktur an. Da dieser Indikator sowohl Mengen- wie auch Preiskomponenten enthält, hat er sich in seiner ursprünglichen Fassung nicht für Stagflationsereignisse geeignet, da sich hier Mengen- und Preiskomponenten gegenseitig aufheben. Abhilfe ergibt sich, wenn man Mengen- und Preisgrößen getrennt erfasst.

 

09. Das Vollbeschäftigungsziel wird in erster Linie um seiner selbst willen angestrebt. Mit der Arbeitslosigkeit sind hohe materielle wie auch immaterielle Wohlfahrtsverluste verbunden. Trotzdem wirkt sich Vollbeschäftigung auch im Hinblick auf das wirtschaftliche Wachstum günstig aus, da knappe Ressourcen vermehrt eingesetzt werden. Allerdings wird ein Teil dieses Wachstumseffektes dadurch wiederum kompensiert, dass die Arbeitsproduktivität mit wachsender Beschäftigung oftmals ceteris paribus zurückgeht.

 

10. Hohe Arbeitslosigkeit stärkt radikale Parteien und gefährdet deshalb die Stabilität demokratischer Ordnungen. Allerdings ist dieser negative Einfluss bei Mehrheitswahlsystemen geringer als bei Proporzsystemen. In Mehrheitswahlsystemen kann eine Partei nur die Mehrheit erlangen, wenn sie mehrere Bevölkerungsgruppen anspricht, in Proporzwahlsystemen kann eine Partei in eine Koalitionsregierung eintreten, auch wenn sie nur eine kleine Interessengruppe vertritt.

Auch die Existenz einer Arbeitslosenversicherung kann verhindern, dass Arbeitslosigkeit die politische Ordnung gefährdet.

 

11. Vollbeschäftigung und Geldwertstabilität setzen beide einen Abbau von gesamtwirtschaftlichen Ungleichgewichten voraus und sind insofern von der Zielsetzung her harmonisch. Trotzdem gibt es zwischen beiden Zielen Konflikte, die teilweise technisch (durch den Verlauf der Kostenfunktion), teilweise wirtschaftlich (durch unterschiedliche Konjunkturentwicklung auf den einzelnen Märkten), teilweise auch politisch bestimmt sind. Ein Politiker hat es nämlich schwer, bereits kontraktive Maßnahmen einzuleiten, solange noch größere Arbeitslosigkeit besteht.

 

12. Im Rahmen des Keynesianismus wird ein Zielkonflikt aufgrund der Phillipskurvenproblematik behauptet. Arthur W. Phillips hatte empirisch einen Trade off zwischen der Entwicklung in der Arbeitslosenrate und der Lohnhöhe nachgewiesen. Richard G. Lipsey hatte diesen Befund mit Hilfe der dynamischen Preistheorie zu erklären versucht. Danach sind Lohnsteigerungen bei einem Nachfrageüberhang, Lohnsenkungen bei einem Angebotsüberhang zu erwarten. Paul A. Samuelson hatte unter Hinzunahme der Beziehung zwischen Lohn- und Preissteigerungen auf einen Konflikt zwischen Geldwertstabilität und Vollbeschäftigung aufmerksam gemacht. Milton Friedman schließlich hat aufgezeigt, dass bei klassischer Arbeitslosigkeit dieser Trade off nur kurzfristig gilt. Mit Hilfe der Ungleichgewichtstheorie von Edmond Malinvaud kann man aufzeigen, dass die Kritik von Milton Friedman nur bei Vorliegen klassischer Arbeitslosigkeit gilt.

 

 

Fragen zu Kapitel 2:

 

01. Auf welche beiden Dimensionen bezieht sich das Ziel der Vollbeschäftigung?

 

02. Auf welche Weise kann die effektive Arbeitszeit pro Beschäftigten variieren?

 

03. Wann liegt Vollbeschäftigung im Sinne eines totalen Gleichgewichtes auf den Arbeitsmärkten vor?

 

04. Wann spricht man von einem gesamtwirtschaftlichen Gleichgewicht?

 

05. Ist es zweckmäßig, die Realisierung von Vollbeschäftigung an der Arbeitslosenrate festzumachen?

 

06. Ist die kurzfristige oder langfristige Arbeitslosigkeit von größerer Bedeutung?                                                

 

07. Auf welche 2 Schwierigkeiten stößt eine konjunkturelle Situationsanalyse?

 

08. Bringen Sie ein Beispiel für die Selbstbestätigung von Prognosen.

 

09. Bringen Sie ein Beispiel für die Selbstwiderlegung von Prognosen.

 

10. Warum eignet sich der Indikator des Sachverständigenrates nicht für Zeiten der Stagflation?

 

11. Wie wird der Konflikt zwischen dem Ziel der Vollbeschäftigung und der Geldwertstabilität erklärt?

 

12. Warum verläuft nach Friedman die Phillipskurve langfristig parallel zur Ordinatenachse?

 

 

Antworten zu Kapitel 2:

 

01. Das Ziel der Vollbeschäftigung bezieht sich einmal auf die Anzahl der zu beschäftigenden Arbeitnehmer, zum andern auf die Arbeitsstunden pro Monat (Woche).

 

02. Die effektive Arbeitszeit wird erstens durch die tarifliche oder gesetzliche Arbeitszeit bestimmt, hängt zweitens von der Anzahl der Überstunden, drittens vom Umfangs der Kurzarbeit und viertens von der Verbreitung der Teilzeitarbeit ab.

 

03. Ein totales Gleichgewicht auf den Arbeitsmärkten liegt nur dann vor, wenn alle arbeitsfähigen und arbeitswilligen Arbeitnehmer über einen Arbeitsplatz verfügen würden und wenn gleichzeitig alle von den Unternehmern angebotenen Arbeitsplätze besetzt wären.

 

04. Von einem gesamtwirtschaftlichen Gleichgewicht spricht man dann, wenn die Zahl der angebotenen der Zahl der nachfragten Arbeitsplätze  entsprechen würde.

 

05. Es wäre nur sinnvoll, die Realisierung des Zieles der Vollbeschäftigung an der Arbeitslosenrate festzumachen, wenn man davon ausgehen könnte, dass es eine im Zeitablauf konstante Sockelarbeitslosigkeit gäbe.

 

06. Auf der einen Seite lässt sich die kurzfristige Arbeitslosigkeit nicht restlos beseitigen, auf der anderen Seite bringt vor allem die langfristige Arbeitslosigkeit schwerwiegende soziale Probleme mit sich.

 

07. Jede konjunkturelle Situationsanalyse wird dadurch erschwert, dass auf der einen Seite die Statistiken hinter der Entwicklung hinterherhinken und dass auf der anderen Seite Zeit verstreicht, bis die heute eingeleiteten Maßnahmen greifen.

 

08.  Eine Preissteigerung werde prognostiziert und aufgrund dieser Prognose würde die Nachfrage und mit ihr der Preis ansteigen, da es vorteilhaft wäre, die Nachfrage zeitlich vor zu verlagern.

 

09. Es werde eine Überkapazität prognostiziert. Aufgrund dieser Prognose würden die Unternehmer ihre Investitionspläne reduzieren und damit die Gefahr der Überkapazität vermindern.

 

10. Da bei Stagflation sowohl die Inflationsrate wie die Arbeitslosenrate ansteigt, kompensieren sich Mengen-und Preisgrößen, sodass trotz hoher Arbeitslosigkeit und Inflation eine Stabilität angezeigt wird.

 

11. Der Konflikt zwischen Vollbeschäftigung und Geldwertstabilität wird üblicherweise mit Hilfe der Phillipskurve erklärt.

 

12. Friedman geht davon aus, dass Beschäftigungsprogramme langfristig nur dann greifen würden, wenn die Gewinne der Unternehmer nachhaltig ansteigen würden, dass aber der anfängliche Gewinnzuwachs aufgrund der Preissteigerungen dadurch wiederum zusammenschrumpfen würde, da die Gewerkschaften in der nächsten Tarifrunde eine Lohnanpassung durchsetzen.