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Gliederung der Vorlesung:

 

01. Einführung                    

02. Das Ziel der Vollbeschäftigung

03. Das Ziel der Geldwertstabilität

04. Das Ziel eines angemessenen wirtschaftlichen Wachstums

05. Die theoretischen Grundlagen der Beschäftigungspolitik

06. Die theoretischen Grundlagen der Stabilisierungspolitik

07. Die theoretischen Grundlagen der Wachstumspolitik

08. Die geld- und außenwirtschaftspolitischen Mittel

09. Die finanzpolitischen Mittel

10. Die einkommenspolitischen Mittel

11. Institutionelle Maßnahmen

12. Die Träger der Konjunktur- und Wachstumspolitik

 

 

 Kapitel 1: Einführung Forts.

 

 

 

Gliederung:

 

01. Definitionen

02. Unterscheidung unterschiedlicher Konjunkturphasen

03. Unterscheidung unterschiedlich langer Konjunkturzyklen

04. Aktualität des Konjunkturbegriffes

05. Definition "wirtschaftliches Wachstum"

06. Wichtigste Gründe für eine Konjunkturpolitik

07. Unterschiede und Gemeinsamkeiten

08. Die Entwicklung der Konjunkturpolitik

09. Die Entwicklung der Wachstumspolitik

 

 

06. Wichtigste Gründe für eine Konjunkturpolitik

 

Wir kennen vor allem zwei Ziele der Konjunkturpolitik:

 

Es geht einmal um die Beseitigung der gesamtwirtschaftlichen Arbeitslosigkeit: Als arbeitslos gilt jeder Arbeitnehmer, welcher erstens arbeitsfähig ist und zweitens auch arbeitswillig ist, aber trotzdem keinen Arbeitsplatz gefunden hat und somit in keinem Arbeitsverhältnis steht.

 

Es geht zum andern um die Bekämpfung der Inflation: Von Inflation sprechen wir immer dann, wenn der Durchschnitt der Güterpreise einschließlich der Preise für Dienstleistungen ansteigt. Das Ausmaß einer Inflation messen wir hierbei an der Inflationsrate, welche angibt, um wie viel Prozent das Preisniveau pro Periode (z. B. Jahr) ansteigt.

 

In beiden Fällen (Bekämpfung der Arbeitslosigkeit sowie der Inflation) liegt die eigentliche Ursache für die Nichterreichung dieser beiden Ziele in der Tatsache, dass im Rahmen einer Marktwirtschaft die wirtschaftlichen Aktivitäten weder konstant bleiben noch stetig wachsen oder schrumpfen, sondern sich in zyklischen Bewegungen äußern.

 

Joseph Alois Schumpeter hat dieses Fortschreiten der Konjunktur mit den Bewegungen eines Schaukelstuhls verglichen. Die Ursache dafür, dass sich der Schaukelstuhl bewegt, liegt darin, dass er von außen angeschoben wird. Die Art und Weise hingegen, wie sich diese Bewegungen vollziehen, liegt in der Konstruktion des Schaukelstuhls begründet. In ähnlicher Weise lässt sich davon sprechen, dass auch die Konjunkturbewegungen durch die spezifischen Eigenschaften eines marktwirtschaftlichen Systems bestimmt werden, obwohl auch hier unterstellt werden muss, dass der Anstoß zu Veränderungen in den Ergebnissen einer Marktwirtschaft immer auch von den Entscheidungsveränderungen der wirtschaftenden Individuen (Haushalte sowie Unternehmungen) erfolgt.

 

Aber gerade deshalb, weil Konjunkturbewegungen ein spezifisches Merkmal einer marktwirtschaftlichen Ordnung darstellen, finden wir in anderen Wirtschaftssystemen auch keine Konjunktur und damit natürlich auch keine Notwendigkeit, durch Konjunkturen ausgelöste Mängel zu bekämpfen. Konjunkturpolitik ist somit eine spezifische Aufgabe, welche nur dann notwendig wird, wenn das vorherrschende Wirtschaftssystem marktwirtschaftlich organisiert wurde.

 

Allerdings wurde im Rahmen der Politischen Ökonomik darauf hingewiesen, dass auch in repräsentativen Demokratien zyklische Bewegungen stattfinden, die zwar etwas anders verlaufen als die marktwirtschaftlich ausgelösten Konjunkturbewegungen, welche aber trotzdem aufgrund gewisser Ähnlichkeiten mit Konjunkturbewegungen verglichen werden können.

 

Diese Zusammenhänge werden nun im Rahmen der Konjunkturpolitik vor allem deshalb zum Problem, weil zumindest von den Anhängern einer keynesianischen Theorie ja gerade dem Staat eine entscheidende Rolle bei der Bekämpfung von Arbeitslosigkeit sowie Inflation zugesprochen wird. Hier entsteht die Frage, ob denn überhaupt ein System (die repräsentative Demokratie) in der Lage ist, die Konjunktur im gewünschten Sinne zu beeinflussen, wenn aus politischen Zusammenhängen heraus die Staatsausgaben selbst zyklischen Bewegungen ausgesetzt sind.

 

Wie kann durch eine Fiskalpolitik des Staates auf dem Wege einer Anpassung der Staatsausgaben an den fehlenden Umfang der privaten Nachfrage überhaupt eine stabilisierende (die konjunkturellen Schwankungen dämpfende) Wirkung erwartet werden, wenn die Staatsausgaben selbst aus inneren Gründen einer repräsentativen Demokratie Schwankungen ausgesetzt sind. In der Tat wurde deshalb auch vor allem von Nordhaus bezweifelt, dass der Staat in einer repräsentativen Demokratie eine effiziente Konjunkturpolitik verfolgen kann und es wurde die These aufgestellt, dass ganz im Gegensatz zu diesen Erwartungen vom Staat selbst Anstöße ausgehen, welche die zyklischen Schwankungen der Konjunktur sogar verschärfen und zum Teil auslösen.

 

Wenn also trotz allem konjunkturelle Zyklen letzten Endes dafür verantwortlich sind, dass Massenarbeitslosigkeit sowie inflatorische Prozesse auftreten, so muss doch darauf hingewiesen werden, dass es nicht nur die konjunkturellen Schwankungen in den wirtschaftlichen Aktivitäten sind, welche Arbeitslosigkeit sowie Inflation auslösen. Es gibt andere Ursachen für Arbeitslosigkeit und Inflation, welche nichts mit der Konjunktur zu tun haben und gerade deshalb kann auch nicht jede Arbeitslosigkeit oder Inflation dadurch bekämpft werden, dass der Staat über fiskalpolitische Maßnahmen die konjunkturellen Schwingungen zu dämpfen versucht. Andere Ursachen verlangen eine andere Therapie.

 

So müssen wir davon ausgehen, dass z. B. der Anstieg der Rohstoffpreise dazu führen kann, dass aufgrund zu hoher Kosten Unternehmungen ihre Produktion einschränken und damit Arbeitslosigkeit auslösen. Zwar wird auf diese Weise gerade die Konjunktur beeinflusst, es kommt zu einem konjunkturellen Abschwung, trotzdem liegen die Ursachen für eine Arbeitslosigkeit hier nicht in einer zu geringen Nachfrage nach Gütern und deshalb kann auch die keynesianische Rezeptur, welche in einem Anstieg der staatlichen Nachfrage besteht, in diesem Falle zu keiner Verringerung der Arbeitslosigkeit führen. Es ist hier der Anstieg der Rohstoffpreise, der sowohl die Arbeitslosigkeit ansteigen lässt sowie die Konjunktur schwächeln lässt.

 

Bekämpfung von Arbeitslosigkeit ist somit nur teilweise ein Problem der Konjunkturpolitik und spielt deshalb auch im Rahmen der Strukturpolitik eine entscheidende Rolle. In gleicher Weise gibt es natürlich auch nichtkonjunkturelle Ursachen für inflatorische Prozesse.

 

So befürchteten die Klassiker der Wirtschaftstheorie, dass dann, wenn privaten Banken die Erlaubnis erteilt würde, Banknoten nach eigenem Gutdünken auszugeben, ein inflatorischer Prozess ausgelöst werde, da ja der Warenwert einer Banknote im Allgemeinen den Wert der Banknote als Geldmittel bei weitem übersteigt und weil deshalb die Banken bestrebt wären, die Menge an Banknoten – unabhängig vom Handelsvolumen  – stets auszuweiten. Wir werden auf diese Problematik in weiteren Kapitel dieser Vorlesung noch ausführlich eingehen.

 

 

07. Unterschiede und Gemeinsamkeiten

 

Fragen wir uns nun, inwieweit Konjunktur- und Wachstumspolitik einerseits gemeinsame Merkmale aufweisen, andererseits sich jedoch auch von einander unterscheiden.

 

Der Hauptunterschied zwischen Konjunktur- und Wachstumspolitik besteht in einer anderen Zielsetzung. Das Ziel der Wachstumspolitik besteht in der Einflussnahme auf den langfristigen Trend, das Ziel der Konjunkturpolitik hingegen in einer Dämpfung der kurzfristigen Schwankungen.

 

Gemeinsamkeiten zwischen Konjunktur- und Wachstumspolitik ergeben sich aus folgendem Zusammenhang: Die langfristigen Bewegungen des Wachstumstrends werden überlagert von den kurzfristigen Konjunkturbewegungen. Betrachten wir hierzu zunächst die tatsächliche Entwicklung im Inlandsprodukt.

 

 

 

Wir zeichnen nun in diese Graphik die Trendlinie, indem wir die durchschnittliche langfristige Steigung des Inlandsproduktes ermitteln und als Gerade in unser Diagramm einzeichnen.


Wir können nun dadurch, dass wir jeweils den Trend der Entwicklung herausrechnen, den idealtypischen Verlauf der Konjunkturbewegung bestimmen.

 

 

Es handelt sich aber bei den konjunkturellen und trendbestimmten Merkmalen keineswegs um zwei Größen, die von ihrer Entstehung her unabhängig voneinander sind. Vielmehr hängt die Wachstumsrate selbst wiederum vom Ausmaß der Schwankungen ab: Ein Wachstum setzt nämlich eine gewisse Stabilität voraus. Wachstum wird vor allem dadurch ausgelöst, dass Unternehmer investieren und innovativ aktiv sind. Beide Handlungsweisen sind jedoch mit Unsicherheit verbunden, in aller Regel kann sich kein Unternehmer absolut sicher sein, dass Investitionen und Innovationen in jedem Falle zu dem erhofften Erfolg führen. Die Unternehmer erwarten zwar einen bestimmten Erfolg und nur deshalb führen sie diese Aktivitäten durch, aber absolut sicher können sie nicht sein.

 

Die Abhängigkeit der Investitionen und Innovationen von der Unsicherheit hat jedoch auch zur Folge, dass die Unternehmer nur bis zu einer kritischen Grenze bereit sind, Risiken zu tragen. Steigt der Umfang der Unsicherheit, so sinkt damit die Bereitschaft zu Investition und Innovation, wobei sich die einzelnen Unternehmer sehr wohl in der Frage unterscheiden, ab welchem Unsicherheitsgrad sie nicht mehr bereit sind, trotz Unsicherheit zu investieren und Erneuerungen einzuführen.

 

Eine gegenseitige Abhängigkeit von Wachstum und Konjunktur ergibt sich aber auch daraus, dass die Konjunkturpolitik als Mittel der Wachstumspolitik dient: Durch Abbau freier Ressourcen und damit auch Reduzierung der Arbeitslosigkeit kann das Wachstumsniveau gesteigert werden.

 

Eine Gemeinsamkeit zwischen Konjunktur- und Wachstumspolitik ergibt sich drittens daraus, dass in beiden Teilen der Wirtschaftspolitik die Einflussnahme auf Wachstum und Konjunktur über das Investitionsvolumen stattfindet: Vor allem im Rahmen des Keynesianismus wird sowohl die Konjunktur als auch das Wachstum vorwiegend über das Investitionsvolumen gesteuert. Dieser Zusammenhang scheint ein harmonisches Verhältnis zwischen Konjunktur- und Wachstumspolitik anzudeuten.

 

Es bestehen aber auch Zielkonflikte zwischen Wachstum und Stabilität: Eine keynesianische Wachstumspolitik kann zu Inflation führen, eine Stabilitätspolitik kann kurzfristig Wachstumseinbußen auslösen. Eine keynesianische Politik konzentriert sich auf einen Anstieg in den Staatsausgaben. Diese werden in aller Regel damit finanziert, dass die Notenbank den Umfang der Banknoten vergrößert.

 

Diese Zunahme in der Gesamtnachfrage nach Güter soll und kann auch unter bestimmten Bedingungen die produzierte Gütermenge steigern helfen. Dies ist jedoch entsprechend der Fisher’schen Verkehrsgleichung nur eine Möglichkeit unter mehreren, welchen Weg diese zusätzliche Geldmenge im Einzelnen einschlägt. Nach dieser Formel:

G * U = P * X

 

Kann sich ein Zuwachs in der Geldmenge erstens in einem Rückgang der Umlaufsgeschwindigkeit äußern, das Geld wird vorläufig gehortet. Zweitens muss mit der Möglichkeit gerechnet werden, dass die Güterpreise steigen. Drittens kann der Geldmengenzuwachs über eine Zunahme in der Güternachfrage auch zu einer Mehrproduktion führen.

 

Natürlich wird man in Zeiten der Nichtauslastung der Produktionskapazitäten damit rechnen können, dass ein gewisser Teil dieser zusätzlichen Geldmenge tatsächlich zu einer Mehrproduktion führt, aber eben nur immer ein gewisser Teil. Dass in der Realität in aller Regel nicht damit gerechnet werden kann, dass der gesamte Geldmengenzuwachs zu einer gleichgroßen Ausweitung der Produktion führt, hängt einmal damit zusammen, dass die Unternehmer Zeit brauchen, um die Produktion anzukurbeln, sodass die Mehrnachfrage zunächst zu Preissteigerungen führt, welche überhaupt erst die Unternehmer veranlassen, mehr Güter zu produzieren.

 

Zum andern können wir nicht davon ausgehen, dass sich ein konjunktureller Aufschwung darin äußert, dass ein Aufschwung in allen Branchen gleichzeitig und in gleichem Umfang stattfindet. Vielmehr werden einige Wirtschaftszweige vorpreschen, andere folgen erst nach einer gewissen Zeit, wieder andere sind gar nicht in der Lage, z. B. mangels ausreichender Rohstoffe die Produktion auszuweiten.

 

Dieser asynchrone Konjunkturverlauf bringt es jedoch notwendiger Weise mit sich, dass in den Branchen, welche eine Vorreiterrolle übernommen haben, bereits Engpässe auftreten, welche zu Preissteigerungen führen, wenn in anderen Branchen immer noch hohe Überschusskapazitäten vorhanden sind und vor allem noch nicht alle Arbeitnehmer eine Beschäftigung gefunden haben.

 

Verfolgt man nun das Ziel der Vollbeschäftigung, dann bedeutet dies gleichzeitig, dass die Maßnahmen zur Realisierung der Vollbeschäftigung zu einer Vernachlässigung des Zieles der Geldwertstabilität führen können.

 

 

08. Die Entwicklung der Konjunkturpolitik

 

Konjunkturbewegungen sind auf Marktwirtschaften beschränkt.

 

Vor der Weltwirtschaftskrise fand keine Konjunkturpolitik in einem engeren Sinne statt. Es wurden nur bereits eingetretene Krisen bekämpft. Hierbei spielte die Diskontsatzpolitik eine überragende Rolle, weiterhin beschränkte sich der Staat weitgehend auf die Gewährung von Arbeitslosenunterstützungen sowie  die Durchführung von Notstandsarbeiten, um auf diese Weise den Arbeitslosen eine Beschäftigung zu ermöglichen.

 

Ein grundlegender Wandel in dieser Frage fand während der Weltwirtschaftskrise statt: Sowohl Heinrich Brüning (Kanzler in der Weimarer Republik, 1930 – 32) als auch Herbert Clark Hoover (Präsident der USA, 1929 – 33) versuchten die Weltwirtschaftskrise durch eine Deflationspolitik zu bekämpfen.

 

Im Gegensatz hierzu versuchten Franklin Delano Roosevelt (Präsident der USA, 1933 – 45) und die Nationalsozialisten in Deutschland die Konjunktur durch expansive Maßnahmen anzuregen.

 

Weiterhin wurde in der Weimarer Republik die Mindestreservepolitik eingeführt, zunächst zur Verhinderung von Bankenkrisen, in der Nachkriegszeit auch als Steuerungsinstrument der Notenbank.

 

Schließlich findet nun eine Einflussnahme der Konjunktur vor allem durch eine staatliche Fiskalpolitik statt.

 

Die Stabilitätspolitik nach dem 2. Weltkrieg war geprägt von einem neuen geldpolitischen Instrument: der Offenmarktpolitik. Weiterhin wurde die keynesianische Fiskalpolitik auch zur Inflationsbekämpfung eingesetzt.

 

In den 60er Jahren wurde eine Konzertierte Aktion eingeführt, um inflationäre Auswirkungen der Lohnpolitik zu verhindern.

 

Neue Schwierigkeiten traten jedoch auf sowohl durch das Entstehen von Stagflationserscheinungen, als auch dem Phänomen der Hysterese. Unter Stagflation versteht man das gleichzeitige Vorliegen von Stagnationsphänomenen als auch Inflationserscheinungen. Erklärt wird dieses Phänomen insbesondere damit, dass der Anteil der Fixen Kosten in der Nachkriegszeit stark gestiegen ist, dass deshalb bei einem Rückgang der Produktion die Stückkosten steigen und die Unternehmer den Versuch unternehmen, diese Kostensteigerung durch Preissteigerungen einzufangen. So kommt es zur gleichen Zeit zu einem Beschäftigungsrückgang sowie zu einem Anstieg der Preise.

 

Das Phänomen der Hysterese kommt dadurch zum Ausdruck, dass der Arbeitsmarkt erst verzögert auf die konjunkturellen Umschwünge auf den Gütermärkten reagiert. Ein Rückgang in der Konjunktur wirkt sich vor allem deshalb nicht sofort in einem Ansteigen der Arbeitslosigkeit aus, da die Unternehmer Kündigungsfristen einhalten müssen.

 

Bisweilen wird auch vor allem Fachkräften bei einem Rückgang der Produktion nicht gekündigt, da die Unternehmer befürchten, dass sie bei dem nächsten Konjunkturaufschwung nicht rechtzeitig Facharbeitskräfte anwerben können und dass neue Arbeitskräfte zunächst für ihre Arbeit angelernt werden müssen. Dadurch entstehen Kosten, welche bisweilen höher ausfallen als dann, wenn sie diese Arbeitskräfte trotz mangelnden Bedarfs weiter beschäftigt hätten.

 

Aber gerade deshalb, weil die Unternehmer zum Teil zu Beginn eines Konjunkturaufschwungs bereits über die Arbeitskräfte verfügen, welche sie zur Mehrproduktion benötigen, brauchen sie zu diesem Zeitpunkt noch keine zusätzlichen Arbeitskräfte anwerben. Erst dann, wenn die Konjunktur anzieht – also zeitlich versetzt zum Aufschwung auf der Güterseite – steigt auch die Nachfrage nach zusätzlichen Arbeitskräften.

 

Diese Tendenz wird dann dadurch noch verstärkt, dass zu Beginn eines konjunkturellen Aufschwungs die Unternehmer noch unsicher sind, ob die neuen Aufträge einmaliger Natur sind oder bereits einen nachhaltigen Aufschwung ankündigen. Gerade weil die Unternehmer Arbeitskräfte bei mangelndem Bedarf nicht sofort kündigen können, neigen die Unternehmer dazu, während dieser anfänglichen, noch unsicheren Zeit die Zusatzaufträge mit Überstunden der bestehenden Belegschaft auszuführen.

 

Schließlich zwang das bis zur Schaffung der Eurozone bestehende System fester Wechselkurse zu einer internationalen Koordination der Konjunkturpolitik. Wenn z. B. in USA durch eine Herabsetzung des Leitzinses der Notenbank die Konjunktur angekurbelt wird, so führt dies über kurz oder lang auch zu Zinssenkungen in Europa. Diese Staaten folgen dann dem Trend in den USA.

 

Wäre hingegen in den USA der Versuch unternommen worden, im Sinne der keynesianischen Politik über Ausgabensteigerungen des Staates und einer Zunahme des Budgetdefizites die Konjunktur zu beleben, würde sich diese Politik unter Umständen auf die europäischen Staaten sogar konjunkturdämpfend auswirken. Wäre nämlich die amerikanische Notenbank nicht bereit, die staatliche Politik durch eine Expansion der Geldmenge zu unterstützen, würde die durch den Anstieg im Staatsbudget verursache Mehrnachfrage zu Zinssteigerungen führen, welche dann in Europa eine Drosselung der Konjunktur zur Folge hätte.

 

Angesichts dieser Zusammenhänge sind die einzelnen Staaten bestrebt, ihre Konjunkturprogramme so aufeinander abzustimmen, dass möglichst negative Auswirkungen in den betroffenen Ländern ausbleiben.

 

 

09. Die Entwicklung der Wachstumspolitik

 

Wachstumspolitik findet sich vorwiegend in Planwirtschaften. Aber auch die Staaten, die eine keynesianische Politik verfolgen, bemühen sich um eine Einflussnahme ihres wirtschaftlichen Wachstums. Eine Wachstumspolitik i. e. S. lässt sich allerdings erst seit der Nachkriegszeit feststellen.

 

Eine Wachstumspolitik wurde in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg vor allem im Zusammenhang mit dem Wettbewerb der Systeme notwendig. Die USA und die Sowjetunion wetteiferten um die Vormachtstellung in der Welt. Ein wirtschaftliches Wachstum wurde vor allem einmal deshalb notwendig, weil das militärische Gleichgewicht nur gewahrt blieb, wenn beide Weltmächte (USA wie Sowjetunion) etwa einen gleichen Rüstungsumfang sicher stellten.

 

Zum andern wurde dieser Wettbewerb aber auch über das Bestreben ausgetragen, dass das durchschnittliche Konsumniveau der Bürger beider Systeme nicht zu stark voneinander abwich.

 

Je geringer nun die Wachstumsrate des einen Staates im Vergleich mit der Wachstumsrate des jeweils anderen Staates war, um so weniger konnte dieser Staat seine beiden Ziele (gleichstarkes Rüstungsniveau, um bei einem Kampf nicht unterlegen zu sein und gleichstarkes Konsumniveau, um die eigenen Bürger an sich zu binden) erreichen.

 

Nun zeigt die Wirtschaftstheorie, dass die Marktwirtschaft in aller Regel einer staatlichen Planwirtschaft in der Frage des Produktivität überlegen ist. Es ist auch bekannt, dass der USA-Präsident Ronald Reagan ganz bewusst den Versuch unternahm, die Wachstumsrate der USA zu steigern, um auf diese Weise die Sowjetunion in die Knie zu zwingen. Und in der Tat  brach ja das Sowjetreich an seinen wirtschaftlichen Unzulänglichkeiten schließlich zusammen.

 

Mit der Wachstumspolitik nach Beendigung des zweiten Weltkrieges sollte zunächst in erster Linie das allgemeine Wohlfahrtsniveau angehoben werden. Nachdem aber der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Okun aufgrund empirischer Forschungen – meines Erachtens allerdings zu Unrecht – die These aufstellte, dass das Ziel der Vollbeschäftigung nur dann erreicht werden könne, wenn eine jährliche Wachstumsrate von etwa 3% garantiert sei, diente die Wachstumspolitik vorrangig nun auch dem Ziel, Vollbeschäftigung zu erreichen.

 

Neuerdings finden sich Ansätze zu einer qualitativen Wachstumspolitik, in der es weniger um ein Mengenwachstum als um Verbesserungen der Umwelt geht. Gerade weil lange Zeit über die Industrialisierung die Umwelt Schaden nahm, entwickelte sich langsam die Zielsetzung, nicht einfach eine möglichst hohe Wachstumsrate zu erzielen, sondern wirtschaftliches Wachstum so zu gestalten, dass die Umwelt keinen Schaden nimmt und dass auch die nachfolgenden Generationen über ausreichend materielle Ressourcen verfügen (Forderung nach Nachhaltigkeit).

 

 

Zusammenfassung:

 

01. Unter dem Begriff "Konjunktur- und Wachstumspolitik" werden alle Maßnahmen und Einrichtungen zusammengefasst, die den Zweck verfolgen, die Konjunktur zu stabilisieren und das wirtschaftliche Wachstum zu fördern.  Unter dem Begriff “Konjunktur“ versteht man periodische Schwankungen in gesamtwirtschaftlichen Größen wie Inlandseinkommen, Preisniveau und Beschäftigung und zwar als Bewegungen um das gesamtwirtschaftliche Gleichgewicht.

 

02. Es werden vier Konjunkturphasen unterschieden, je nachdem, ob eine Aufwärts- oder eine Abwärtsbewegung und ob eine Bewegung weg oder hin zum Gleichgewicht stattfindet (Aufschwung, Hochkonjunktur, Rezession, Depression).

 

03. Im Aufschwung steigen die gesamtwirtschaftlichen Größen ausgehend von einem Angebotsüberhang an, es findet eine Bewegung zum Gleichgewicht statt. In der Hochkonjunktur steigen die gesamtwirtschaftlichen Größen an, obwohl bereits ein Gleichgewicht erreicht ist, es entstehen Nachfrageüberhänge. Die Rezession besteht in einem Fallen der gesamtwirtschaftlichen Größen; da sie von einem Nachfrageüberhang ausgeht, werden Ungleichgewichte abgebaut. Die Depression besteht in einem Fallen der gesamtwirtschaftlichen Größen; das Fallen geht über das gesamtwirtschaftliche Gleichgewicht hinaus; es entstehen Angebotsüberhänge.

 

04. Man unterscheidet zwischen kurzfristigen Kitchin-Wellen (2 - 3 Jahre), mittelfristigen Juglar-Wellen (8 - 9 Jahre) und langfristigen Kondratieff-Wellen (50 - 60 Jahre). Die Kitchin-Wellen werden durch Lagerdispositionen des Handels, die Juglar-Wellen durch innovative Tätigkeit der Unternehmer und die Kondratieff-Wellen durch den Umstand, dass Schlüsselerfindungen mehrere Aufschwünge alimentieren, hervorgerufen. Allerdings alimentieren die Schlüsselerfindungen die Juglar-Wellen in immer geringerem Umfang. Unter Konjunkturbewegungen ohne nähere Angaben werden im allgemeinen die Juglar-Zyklen verstanden.

 

05. Nach wie vor kann beobachtet werden, dass konjunkturelle Gesetzmäßigkeiten insoweit auch heute noch auftreten, als sich Bewegungen weg vom Gleichgewicht eine gewisse Zeit verstärken und dass deshalb die Gleichgewichtstendenz der Märkte erst nach einer gewissen Zeit einsetzt. Walter Eucken ging davon aus, dass jeder Konjunkturzyklus einmalig sei.

 

06. Der Begriff Wachstum bezieht sich auf das Inlandsprodukt (Nationaleinkommen), und zwar auf das reale Nettoinlandsprodukt pro Kopf.

 

07. Konjunkturschwankungen werden vor allem deshalb bekämpft, weil Abschwünge mit Arbeitslosigkeit und Aufschwünge mit Inflationen verbunden sind.

 

08. Die Trennung zwischen Wachstum und Konjunktur erfolgt dadurch, dass sich das Wachstum auf den langfristigen Trend, die Konjunktur jedoch auf die Bewegungen um diesen Trend bezieht.

 

09. Verbindungen zwischen Wachstum und Konjunktur entstehen daraus, dass die tatsächlichen Schwankungen dadurch erklärt werden können, dass in der Realität immer eine Überlagerung unterschiedlich langer Zyklen stattfindet, dass Wechselwirkungen zwischen Wachstum und Konjunktur bestehen, dass im Rahmen des Keynesianismus die Investition für Wachstum wie Konjunktur verantwortlich gemacht wird und dass in der Neoklassik Preisstabilität als Voraussetzung für ein starkes Wachstum angesehen wird.

 

10. Nicht nur die Konjunktur ist für Arbeitslosigkeit und Inflation verantwortlich, es gibt auch saisonale und säkulare Arbeitslosigkeit; auch die Inflation kann durch nicht konjunkturelle Elemente (z. B. durch die Geld- und Währungsverfassung) bedingt sein.

 

11. Die Konjunkturpolitik hat sich in den letzten 100 Jahren entscheidend gewandelt. Der Wandel bezieht sich auf die wechselnde Rolle von Notenbank und Staat, auf die Ausweitung des Instrumentariums der Notenbank, auf das unterschiedliche Gewicht von Beschäftigungssicherung und Inflationsbekämpfung,  auf Änderungen in der Charakteristik der Konjunktur (Auftreten von Stagflation und Hysterese), und auf die zunehmende Bedeutung internationaler Beziehungen.

 

12. Die Wachstumspolitik der Nachkriegszeit war vorwiegend vom Wettbewerb der Systeme bestimmt. Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks wurden diese Probleme zurückgedrängt zugunsten der Frage, wie angesichts der Ressourcenknappheit ein langfristiges Wachstum auch für künftige Generationen gesichert werden kann. Hierbei spielt die Umweltpolitik eine zentrale Rolle.

 

 

Fragen zu Kapitel 1:

 

01. Zählt nur der Staat als Träger der Konjunkturpolitik?

02. Liegt immer Konjunkturpolitik vor, wenn die Konjunktur tatsächlich beeinflusst wird?

03.  Welche drei Merkmale werden mit dem Begriff der Konjunktur verbunden?

04. Worin besteht der Unterschied zwischen einer Rezession und einer Depression?

05. Welcher Zusammenhang besteht zwischen Juglar- und Kondratief-Wellen?

06. Wodurch wird eine Kondratief-Welle ausgelöst?

07. Ist es sinnvoll auch heute noch von Konjunkturwellen zu sprechen?

08. Was spricht dafür, das Wachstum an der Veränderung des Erwerbsvermögens zu messen?

09. Worin bestehen die beiden wichtigsten Ziele einer Konjunkturpolitik?

10. Worin bestehen die Unterschiede zwischen einer Konjunktur- und einer Wachstumspolitik?

11. Was haben Konjunktur- und Wachstumspolitik gemeinsam?

12. Sind konjunkturelle Schwankungen stets Ursache für Arbeitslosigkeit?

 

 

Antworten zu Kapitel 1:

 

01. Neben dem Staat im engeren Sinne wird auch allgemein die Notenbank als Träger der Konjunkturpolitik angesehen.

 

02. Um eine Maßnahme der Konjunkturpolitik zuzurechnen, kommt es weniger darauf an, ob diese Maßnahmen die Konjunktur tatsächlich beeinflussen, sondern darauf, ob diese Maßnahmen das Ziel verfolgen, die Konjunktur zu stabilisieren. Es gibt erfolglose Konjunkturpolitik und es gibt Maßnahmen z. B. der Verteilungspolitik, welche die Stabilisierung der Konjunktur behindern.

 

03. Eine Konjunkturbewegung wird bestimmt durch Auf-und Abwärtsbewegungen in den makroökonomischen Variablen, welche sich zeitweise darin äußern, dass eine Bewegung zum Gleichgewicht, zeitweise aber auch weg vom Gleichgewicht stattfindet. 

 

04. Beiden Konjunkturphasen ist gemeinsam, dass eine Abwärtsbewegung der makroökonomischen Variablen stattfindet. Während jedoch in der Rezession noch ein Abbau des Nachfrageüberhangs der vorhergehenden Hochkonjunkturphase erfolgt, werden in der Depression neue Angebotsüberhänge aufgebaut.

 

05. Die lange Kondratief-Welle besteht aus einer Vielzahl von Juglarwellen, die sich allerdings immer mehr abschwächen.

 

06. Folgt man der Theorie Schumpeters, so werden Kondratief-Wellen durch Schlüsselerfindungen wie z. B. die Erfindung der Dampfkraft oder des Elektromotors ausgelöst.

 

07. Auch wenn sich die Merkmale der Konjunktur entscheidend verändert haben, lässt sich auch heute noch von konjunkturellen Bewegungen der wirtschaftlichen Aktivität sprechen.

 

08. Nicht das heute erreichte Inlandsprodukt, sondern das Erwerbsvermögen entscheidet über die langfristigen Wachstumsmöglichkeiten.

 

09.  Die beiden wichtigsten Ziele der Konjunkturpolitik bestehen in dem Ziel der Vollbeschäftigung sowie der Geldwertstabilität.

 

10. Im Rahmen der Konjunkturpolitik geht es darum, die Konjunkturausschläge zu vermindern, im Rahmen der Wachstumspolitik hingegen um die Einflussnahme auf den langfristigen Trend.

 

11. Das langfristige Wachstum hängt auch vom Ausmaß der Konjunkturschwankungen ab. Andererseits dient die Konjunkturpolitik auch als Mittel der Wachstumspolitik.

 

12. Arbeitslosigkeit kann auch säkulare Ursachen haben. So ging Alvin Hansen von der Annahme aus, dass die Bevölkerungsstagnation auch auf lange Sicht Arbeitslosigkeit auslösen könne.