Startseite

 

Keynesianismus auf dem Prüfstand Teil III

 

 

Gliederung:

 

1. Das Problem

2. Die Kritik Keynes am Say‘schen Theorem

3. Das theoretische Konzept von Keynes

4. Politische Schlussfolgerungen des Keynesianismus

5. Politischer Erfolg der Keynesianischen Politik?

6. Kritische Analyse der Keynes’schen Lehre

7. Sekundärwirkungen

 

 

6. Kritische Analyse der Keynes’schen Lehre

 

Wir wollen uns nun der Frage zuwenden, inwieweit denn die von Keynes entwickelte Beschäftigungstheorie einer kritischen Analyse standhält. Immerhin kündigte Keynes eine allgemeine Theorie der Beschäftigung an und wir haben zu überprüfen, inwieweit wir tatsächlich im Zusammenhang mit der Lehre von Keynes von einer allgemein gültigen Beschäftigungstheorie sprechen können.

 

Wir wollen hierbei diese kritische Analyse anhand des von J. R. Hicks entwickelten IS-LM Schema vornehmen, eines Schemas, das Eingang in fast alle wirtschaftstheoretischen Lehrbücher gefunden hat und als die ‚klassische‘ Darstellung der von Keynes entwickelten Lehre gilt, obwohl Hicks selbst ja kein Schüler von Keynes, sondern ein Neoklassiker par excellence war, der die Absicht verfolgte, die Keynes‘schen Gedankengänge neoklassisch geschulten Ökonomen näherzubringen.

 

Wir erinnern uns, dass das Keynesianische Lehrgebäude insbesondere aus zwei Bausteinen bestand: der Kritik am Say’schen Theorem und der Gegenthese, dass die Investitionsnachfrage zinsunelastisch sei, sowie der Kritik an der Quantitätstheorie und der Entwicklung der Liquiditätstheorie. Das Hick’sche Modell versucht diese beiden Theoriestücke zu vereinen.

 

Bei Keynes werden die Verhältnisse auf den Kapitalmärkten und den Geldmärkten isoliert voneinander untersucht. Dies ist sicherlich unbefriedigend, da ja im Keynes’schen Modell beide Märkte über den Zinssatz gesteuert werden. Man könnte vielleicht diese isolierte Vorgehensweise noch dadurch zu rechtfertigen suchen, dass man zwischen einem kurzfristigen Geldmarktzins und einem langfristigen Kapitalmarktzins unterscheidet. Zwischen diesen beiden Märkten bestehen jedoch vielfältige Substitutionsbeziehungen, die zur Folge haben, dass Veränderungen des Zinssatzes auf dem einen Markt relativ schnell zu gleich­gerich­teten Veränderungen des Zinssatzes auf dem jeweils anderen Markt führen. Es ist deshalb notwendig, beide Märkte zusammenzuführen, was in dem von Hicks entwickelten IS-LM-Modell in der Tat erfolgte.

 

Betrachten wir zunächst die Beziehungen auf dem Kapitalmarkt. In einem Zwei-Quadrantenmodell haben wir den Verlauf der Ersparnis in Abhängigkeit vom Einkommen und die Investitionsnachfrage in Abhängigkeit vom Zinssatz dargestellt. Wir können diese Beziehungen nun in ein neues Diagramm überfüh­ren, auf dessen Abszisse die Einkommenshöhe und auf dessen Ordinate der jeweilige Zinssatz abgetragen wird. Steigenden Zinssätzen entsprechen sinkende Einkommen.

 

 

 

 

Diese Zusammenhänge gelten nun zunächst für den Fall, dass wir von der wirtschaftlichen Aktivität des Staates sowie von außenwirtschaftlichen Beziehungen absehen. Wir können aber sehr leicht diese restriktiven Annahmen aufheben und sowohl die wirtschaftliche Aktivität des Staates als auch die außenwirtschaftlichen Beziehungen in unserem Modell mitberücksichtigen. Anstelle der Investitionsgeraden tritt dann die Kaufkraftkurve, welche sich aus der Summe von privaten Investitionen, dem Überschuss der Staatsausgaben über die Steuereinnahmen sowie dem Leistungsbilanzüberschuss zusammensetzt.

 

Weiterhin sei angemerkt, dass wir hier aus Vereinfachungsgründen von geraden Funktionen ausgehen, obwohl in Wirklichkeit eher von gekrümmten Funktionen ausgegangen werden muss. Die hier zu entwickelnde Aussage wird hiervon nicht betroffen.

 

Als nächstes wenden wir uns dem Geldmarkt zu. Entsprechend der Liquiditätstheorie von Keynes hängt die Nachfrage nach Geld (Kasse) einmal von der Höhe des Einkommens ab, das sogenannte Transaktionsmotiv, wonach mit wachsendem Einkommen mehr Geld in Kasse gehalten wird, zum andern von der Höhe des Zinssatzes, das sogenannte Spekulationsmotiv, wonach die Nachfrage nach Kasse um so größer ist, je geringer der Zinsertrag ausfällt. 

 

Wenn wir von einem vorgegebenen konstanten Geldangebot ausgehen, können wir jedem Zinssatz ein bestimmtes Einkommen zuordnen, bei dem gerade das Angebot an und die Nachfrage nach Geld übereinstimmen. Steigt der Zins, so wird ein Gleichgewicht nur bei ebenfalls gestiegenem Einkommen erreicht. Dies bedeutet, dass die LM-Kurve, welche alle möglichen Gleichgewichtspunkte auf dem Geldmarkt verbin­det, wegen des höheren Einkommens nach oben verschoben wird.

 

 

 

Diese Beziehungen tragen wir nun in das IS-LM Schema ein. Im Schnittpunkt der IS- und der LM-Kurve erhalten wir eine Kombination von Zinshöhe und Einkommenshöhe, bei der sich sowohl der Geld- wie auch der Kapitalmarkt im Gleichgewicht befinden.

 

 

   

 

 

Wiederum wollen wir mit Keynes unterstellen, dass in diesem Schnittpunkt unter Umständen Unterbe­schäftigung bestehe und dass Vollbeschäftigung erst bei einem Einkommen E2 erreicht werde.

 

 

 

Fragen wir uns nun, auf welchem Wege denn ein Vollbeschäftigungseinkommen realisiert werden könnte. Eine Einkommens- und Beschäftigungs­steigerung könnte erzielt werden, wenn das Geldangebot ausgeweitet würde und dadurch die LM-Kurve nach rechts verschoben würde. Machen wir uns diese Zusammenhänge nochmals an dem Geldmarkt-Modell klar.

 

 

 

Diese Graphik zeigt, dass bei Erhöhung der Geldmenge das Geldmarktgleich­gewicht bei immer höheren Einkommen liegt. Dies bedeutet, dass dem gleichen Zinssatz ein immer höheres Gleichgewichtseinkommen entspricht, mit anderen Worten: Über eine Geldvermehrung kann das Gleichgewichtseinkommen im Prinzip erhöht werden, die Zinsen sinken.

 

 

 

Bei unseren bisherigen Überlegungen spielten Bewegungen in den Güterpreisen keine Rolle. Keynes ging in der Tat von der Annahme aus, dass die Güterpreise zumindest im Konjunkturabschwung ohnehin keine entscheidende Rolle spielen. Deshalb brauchten wir bisher auch nicht zwischen einer nominalen und realen Betrachtung unterscheiden. Selbstverständlich muss das reale Volkseinkommen ansteigen, wenn die Beschäftigung zunehmen soll. Wenn man allerdings von der Annahme ausgeht, dass die Güterpreise ohnehin fix sind, lässt sich – ohne große Fehler zu begehen – die Gleichgewichtsbetrachtung auch auf nominale Größen beziehen.

 

In der Realität müssen wir allerdings davon ausgehen, dass sich die einzelnen Märkte unterschiedlich schnell dem Zustand der Kapazitätsauslastung annähern und dass deshalb die Güterpreise auf diesen Märkten ansteigen, je mehr wir uns dem Zustand der Vollbeschäftigung nähern. Und dies hat hinwiederum zur Folge, dass bei einem Anstieg des nominellen Volkseinkommens die Beschäftigung immer weniger ansteigt, je mehr wir uns dem Zustand der Vollbeschäftigung nähern. Die Beschäftigungsfunktion (Beschäftigung in Abhängigkeit vom nominellen Volkseinkommen) hat also einen geringeren Anstieg als wenn wir mit Keynes davon ausgehen, dass die Güterpreise solange konstant bleiben, bis Vollbeschäftigung erreicht ist.

 

Der Beitrag von Keynes liegt nun darin, dass er auf zwei Sonderfälle aufmerksam gemacht hat: Der erste Sonderfall liegt dann vor, wenn aufgrund extrem geringer Zinselastizität der privaten Investitionen die IS - Gerade einen so steilen Verlauf aufweist, dass bei keinem positiven Zinssatz ein Schnittpunkt der IS-Kurve mit der LM-Kurve zustande kommt, welcher Vollbeschäftigung garantiert.

 

 

 

Der zweite Sonderfall liegt hingegen dann vor, wenn aufgrund einer starken Liquiditätspräferenz von einem bestimmten Zinssatz an, der über dem Gleichgewichtszins liegt, das gesamte zusätzliche Geldangebot in den Spekulationskassen verschwindet (These von der Liquiditätsfalle) mit der Folge, dass bei keiner weiteren Ausweitung der Geldmenge seitens der Notenbank der Zinssatz weiter gesenkt werden kann, da ja das zusätzliche Geld vollkommen in den Liquiditätskassen verschwindet und dass aus diesen Gründen auch kein Schnittpunkt beider Kurven im Vollbeschäftigungspunkt erreicht werden kann.

 

 

 

Wie realistisch sind nun diese beiden Sonderfälle? Müssen wir davon ausgehen, dass fast immer mit einem dieser beiden Sonderfälle zu rechnen ist oder werden hierbei lediglich Ausnahmesituationen beschrieben?

 

Keynes selbst war davon überzeugt, dass der erste Sonderfall ganz generell in Zeiten der Rezession und Depression eintritt, den zweiten Sonderfall hielt Keynes zwar für einen theoretisch sehr interessanten Fall, mit dem jedoch im Allgemeinen nicht gerechnet werden muss.

 

Wenden wir uns nun zunächst dem ersten Sonderfall zu. Keynes hatte – wie bereits gezeigt – das Vorliegen des ersten Sonderfalls vor allem damit erklärt, dass Unternehmer, welche Absatzschwierigkeiten haben, aufgrund derer sie freie Überschusskapazitäten haben, wohl kaum daran denken, die ohnehin zu große Kapazität noch zu vergrößern.

 

Dies mag richtig sein. Hierbei sind jedoch nur die Erweiterungsinvestitionen angesprochen. Investitionen dienen aber nicht nur der Erweiterung der bestehenden Kapazitäten, sondern ebenfalls der Rationalisierung. Über Rationalisierungsinvestitionen versuchen die Unternehmer die Kosten zu senken und die Qualität ihrer Produkte zu verbessern. Während nun Erweiterungsinvestitionen im Konjunkturaufschwung anstehen, bedarf eine Unternehmung in Zeiten der Rezession vor allem der Rationalisierungsinvestitionen, da sie nur auf diese Weise den rapiden Absatzrückgang wettmachen können.

 

Und in einer solchen Phase sind Kostensenkungen jeder Art aktivitätssteigernd und es ist damit zu rechnen, dass Zinssenkungen sehr wohl einen Anreiz darstellen, vermehrt zu investieren. Dies bedeutet nun für die Beantwortung unserer Frage, dass der Umfang der gesamten Investitionen nicht nur wesentlich höher als von Keynes unterstellt ausfällt, sondern dass gleichzeitig auch die Elastizität der Investitionsnachfrage auch in Zeiten der Rezession weit höher ausfällt als von Keynes unterstellt wurde. Und dies wiederum hat zur Folge, dass die Wahrscheinlichkeit des ersten von Keynes beschriebenen Sonderfalls in Wirklichkeit wesentlich geringer ist als von Keynes beschrieben.

 

Allerdings bedeutet dies nun nicht in jedem Falle, dass deshalb auch die Gefahr einer Massenarbeitslosigkeit gebannt ist. Es gibt nämlich verschiedene Arten von Rationalisierungsinvestitionen, in der Wachstumstheorie wird zwischen neutralem, arbeits- und kapitalsparenden technischen Fortschritt unterschieden.

 

Von neutralem technischen Fortschritt wird gesprochen, wenn sich die Kostenersparnisse gleichmäßig auf Arbeit und Kapital beziehen, während ein arbeitssparender (kapitalsparender) Fortschritt immer dann vorliegt, wenn sich die Kostenersparnis vorwiegend auf Arbeit (Kapital) bezieht.

 

Liegt nun ein arbeitssparender Fortschritt vor, so tragen zwar die Rationalisierungsinvestitionen dazu bei, dass das Volkseinkommen insgesamt ansteigt, dass dieser Anstieg aber gleichzeitig mit weniger Arbeit pro Einkommenseinheit erzielt werden kann. Und in diesem Falle ist es keinesfalls sicher, dass mit wachsendem Einkommen auch die Nachfrage nach Arbeit ansteigt. Zwar wird jede Zunahme in der Investition auch entsprechend dem Multiplikatoreffekt zu einem partiellen Anstieg der Arbeitsnachfrage im Investitionsbereich führen, dieser positive Beschäftigungseffekt wird jedoch gleichzeitig dadurch konterkariert, dass im Konsumgüterbereich eine Produkteinheit mit weniger Arbeit produziert werden kann.

 

Schlimmstenfalls ist dieser Einsparungseffekt größer als der Expansionseffekt mit der Folge, dass bei wachsenden Rationalisierungsinvestitionen weniger und nicht mehr Arbeit nachgefragt wird und dass deshalb die gesamtwirtschaftliche Arbeitslosigkeit sogar noch ansteigt.

 

Nun ist die Frage, welche Art des technischen Fortschritts sich durchsetzt, keinesfalls vorgegeben und deshalb unveränderbar. Vielmehr hängt die Art des technischen Fortschritts entscheidend von dem Verhältnis zwischen Lohnsatz und Zinssatz ab. Je höher der Lohnsatz im Vergleich zum Zinssatz ausfällt, um so mehr können die Unternehmer Kostensenkungen erreichen, wenn sie sich für arbeitssparenden Fortschritt entscheiden. Es gibt immer ein Lohn-Zins-Verhältnis, bei dem Vollbeschäftigung erreicht werden kann.

 

Ist Arbeit knapp und ist der Lohnsatz aus diesen Gründen hoch, so kann der Wohlstand dadurch gesteigert werden, dass man zu arbeitssparenden Techniken übergeht. Der hohe Lohnsatz veranlasst die Unternehmer zu arbeitssparenden Techniken überzugehen und dies ermöglicht, das Wachstumsniveau zu erhöhen, das wegen Arbeitsmangels ansonsten nicht erreicht werden könnte. Die Beschäftigung ist nicht in Gefahr.

 

Anderes gilt, wenn die Löhne nicht mehr die Knappheit anzeigen. In diesem Falle führt der Übergang zu arbeitssparendem Fortschritt automatisch dazu, dass die Zahl der Arbeitslosen ansteigt.

 

In Wirklichkeit kommt es hierbei weniger auf die absolute Höhe des Lohnsatzes als vielmehr auf das Lohn-Zins-Verhältnis an. Auch dann, wenn die Zinssätze aufgrund einer expansiven Geldpolitik bewusst unter dem Niveau angesetzt werden, bei dem auf den Kapitalmärkten Gleichgewicht herrscht, bleibt die Absicht der Unternehmer bestehen, vorwiegend arbeitssparende Techniken einzuführen, aufgrund der niedrigen Zinsen sind kapitalintensive und damit arbeitssparende Techniken kostengünstiger.

 

In Wirklichkeit hat die keynesianische Politik in der Tat dazugeführt, dass das Lohn-Zins-Verhältnis wegen einer Politik des billigen Geldes angestiegen ist. Zwar war Keynes selbst der Überzeugung, dass man über Zinssenkungen die Konjunktur nicht entscheidend anheben könne, da die Zinselastizität der privaten Investitionen extrem gering sei. Eine Ankurbelung der Konjunktur sei nur über fiskalpolitische Maßnahmen zu erreichen.

 

Trotzdem zeichnet sich die Keynesianische Konjunkturpolitik dadurch aus, dass eine easy-money-Politik (eine Politik des billigen Geldes) verfolgt wird. In der Vergangenheit wurde zu einer solchen Geldpolitik vor allem deshalb gegriffen, da man auf diese Weise die Zinskosten des Staates für die eingegangene Verschuldung möglichst gering halten wollte.

 

In neuerer Zeit wird eine easy money policy zusätzlich damit begründet, dass über eine leichte Inflation von zwei bis drei Prozent eine Konjunkturbelebung erreicht werden könne. Es muss jedoch bezweifelt werden, ob auf diesem Wege tatsächlich eine Konjunkturbelebung erreicht werden kann.

 

Es besteht nämlich zwischen Preisanstieg und Zunahme der unternehmerischen Aktivität nur ein indirekter Zusammenhang. Auf direkte Weise hängt die Aktivität der Unternehmer von den Gewinnerwartungen ab. Steigen diese an, so ist in der Tat damit zu rechnen, dass die Unternehmer ihre Aktivitäten ausweiten. Umgekehrt gilt, dass ein Einbruch in den Gewinnerwartungen auch dazu führen wird, dass die Unternehmer ihre Aktivitäten einschränken.

 

Ein Preisanstieg führt aber nur dann auch zu einem Anstieg in den Gewinnen, wenn die Preissteigerungen nicht von gleichhohen Kostensteigerungen begleitet werden. Die Gewinne sind definiert als Differenz zwischen Erlösen und Kosten. Nur wenn es gelingt, die Preise stärker zu steigern als die Kosten, steigen die Gewinne an.

 

In der Tat ist nun zu befürchten, dass der größte Teil der Kosten ebenfalls ansteigt, wenn die Preise der Güter steigen, sodass die Gewinne nicht oder zumindest nicht in dem erwünschten Maße ebenfalls ansteigen. Ein wichtiger Kostenfaktor sind die Lohnkosten. Nun werden die Gewerkschaften immer dann, wenn die Preise steigen, in der nächsten Tarifverhandlung eine Anpassung der Löhne fordern und auch aufgrund ihrer Streikmacht durchsetzen.

 

Solange nämlich die Löhne trotz Preissteigerungen konstant bleiben, verringert sich der Realwert des Lohneinkommens, gleichzeitig verringert sich der Anteil der Lohneinkommen am Volkseinkommen. Um dies zu verhindern, werden die Gewerkschaften eine volle Anpassung der Löhne an die Preissteigerungen durchsetzen und dies bedeutet, dass die Lohnkosten genauso steigen werden wie die Erlöse der Unternehmer.

 

Im Hinblick auf die Materialkosten gilt nicht viel anderes. Auch hier wird man damit rechnen müssen, dass die Materialkosten ansteigen werden, wenn mit den Preisen die Produktion ausgeweitet wird. Zumeist bilden die Rohstoffe bei einer Produktionsausweitung den Engpassfaktor und gerade deshalb ist damit zu rechnen, dass die Materialkosten eher stärker als schwächer steigen.

 

Es verbleiben die Kapitalkosten. Zwar vermindern sich diese Kosten bei einer Senkung der Zinssätze. Dieser positive Effekt stellt jedoch ein zweischneidiges Schwert dar. Gerade aufgrund des Umstandes, dass die Zinsen unter den Gleichgewichtszins gedrückt werden, ermöglicht es auch solchen Unternehmungen in den Markt einzudringen, welche unter normalen Bedingungen gar nicht gewinnbringend produzieren könnten. Sie kommen nun nur deshalb auf ihre Kosten, da aufgrund des vorübergehenden Nachfrageüberhanges die Preise beliebig angehoben werden können.

 

Sobald aufgrund des Rückganges in der Konjunktur wiederum normale Wettbewerbsverhältnisse eintreten, können sich diese Unternehmungen nicht mehr im Markt halten, sie gehen Konkurs und dies stellt den Sargnagel für die nächste Rezession dar, welche nun um so stärker ausfällt. Insgesamt kann also nicht damit gerechnet werden, dass über eine easy money policy die Konjunktur nachhaltig angekurbelt werden kann.

 

Die Situation verschlechtert sich um ein Weiteres, wenn die Gewerkschaften über eine expansive Lohnpolitik die Konjunktur anzukurbeln versuchen. Von einer expansiven Lohnpolitik spricht man immer dann, wenn die Lohnsätze in stärkerem Maße angehoben werden als die Arbeitsproduktivität.

 

Viktor Agartz hatte in der Nachkriegszeit unter Berufung auf Keynes dafür plädiert, die Löhne bewusst stärker anzuheben als es dem Anstieg in der Arbeitsproduktivität entspricht. Stiegen die Löhne, so nehme auch die Konsumgüternachfrage zu und auf diesem Wege könnten mit der Mehrproduktion auch mehr Arbeitskräfte eingestellt werden.

 

Agartz hatte sich zu Unrecht bei dieser Begründung auf Keynes berufen. Im Keynes’schen Modell führt nämlich nur eine Zunahme der Konsumquote zu einer Mehrproduktion. Steigt die Konsumnachfrage nur bei gestiegenem Einkommen, liegt also eine induzierte Nachfragesteigerung vor, dann verändern sich Angebots- und Nachfragekurven nicht, es findet nur eine Bewegung entlang der gleichbleibenden Konsumfunktion statt und dies ist gleichbedeutend damit, dass die Produktionsmenge, bei der ein Gleichgewicht auf den Gütermärkten erreicht wird, unverändert bleibt und damit auch nach wie vor das Gütermarktgleichgewicht bei einem Umfang verharrt, bei dem auf dem Arbeitsmarkt Unterbeschäftigung vorherrscht.

 

Lerner, ein Keynesianer, hat zwar die Vermutung geäußert, dass bei einer Lohnsenkung die Einkommensverteilung zugunsten der Arbeitnehmer verschoben werde und dass dies auch eine Zunahme der gesamtwirtschaftlichen Konsumneigung zur Folge habe, da Arbeitnehmer eine geringe Sparneigung als Selbständige aufweisen.

 

Demgegenüber hat Kaldor, ebenfalls Keynesianer, nachgewiesen, dass es den Gewerkschaften nur gelingen kann, die Lohnquote zu erhöhen, wenn die Sparquote der Arbeitnehmer angehoben werde. Der Versuch, die Einkommensverteilung zugunsten der Arbeitnehmer allein auf dem Wege von Lohnerhöhungen zu verändern, bleibe wirkungslos, weil die Unternehmer jederzeit die Möglichkeit hätten, Lohnsteigerungen, welche über dem Produktivitätswachstum liegen, auf den Güterpreis abzuwälzen, weil ohne Zunahme der Sparneigung auch die Nachfrage nach Konsumgütern ansteige.

 

Halten wir also fest: In dem Maße, in dem auf politischem Wege das Lohn-Zins-Verhältnis gesteigert wird, wird die Arbeitslosigkeit gesteigert und nicht – wie erhofft – reduziert. Der erste Sonderfall einer zu steilen IS-Kurve im Hicks-Modell dürfte somit eher eine Ausnahme als ein Regelfall darstellen.

 

Wenden wir uns nun dem zweiten Sonderfall zu: der Liquiditätsfalle. Wir können uns hier kurz fassen. Nicht nur, dass Keynes selbst diesen Fall für nicht besonders realistisch angesehen hat, wir haben zu berücksichtigen, dass die  Notenbanken zur Zeit ohnehin den Leitzins auf nahezu null gesetzt haben. Es ist unrealistisch anzunehmen, dass der Kapitalzins, welcher Vollbeschäftigung garantiert, einen negativen Wert erreicht, das hieße, das Kapital nicht nur ein freies Gut wäre, sondern sogar einen negativen Wert hätte. Es ist auch unwahrscheinlich, dass zusätzliches Geld zu 100% in der Liquiditätsfalle verschwindet, solange noch Arbeitslosigkeit größeren Umfangs besteht.

 

Wir kommen somit zu dem Ergebnis, dass es Keynes mit seiner Beschäftigungstheorie nicht gelungen ist, nachzuweisen, dass in der Realität in Zeiten der Rezession ohne eine staatliche Verschuldung keine Vollbeschäftigung erreicht werden kann. Es bleibt bei der Feststellung, dass es Keynes gelungen ist, auf zwei mögliche Sonderfälle hinzuweisen, bei denen der Markt nicht mehr in der Lage ist, Vollbeschäftigung herbeizuführen.

 

 

7. Sekundärwirkungen

 

Politische Maßnahmen sind immer nicht nur daraufhin zu überprüfen, inwieweit es gelingt, die Ziele zu realisieren, um derentwillen diese Maßnahmen durchgeführt wurden, sondern darüber hinaus muss auch zusätzlich überprüft werden, inwieweit andere Ziele der Wirtschafts- uns Sozialpolitik auf diesem Wege beeinträchtigt werden.

 

Diese Prüfung ist auch für eine Keynesianische Beschäftigungspolitik notwendig. Diese Sorge gilt sowohl im Hinblick auf die Frage, inwieweit die demokratische Ordnung gefährdet wird als auf die weitere Frage, inwieweit denn die eigentliche Aufgabe eines jeden Wirtschaftssystems: die Lösung des Knappheitsproblems überhaupt noch erfüllt werden kann.

 

Wenden wir uns zunächst der ersten Frage zu. Im Mittelpunkt der Keynesianischen Lehre steht die Forderung, durch ein bewusst herbeigeführtes Defizit im Staatsbudget das Ziel der Vollbeschäftigung zu erreichen. Im Allgemeinen wird gegen dieses Konzept einer staatlichen Verschuldungspolitik eingewandt, dass eine Verschuldung des Staates auf Kosten der zukünftigen Generationen gehe und deshalb abzulehnen sei.

 

Rein formal betrachtet ist dieser Vorwurf in dieser allgemeinen Form nicht berechtigt. Im Grunde wird hier ein Zusammenhang, welcher für den einzelnen privaten Haushalt gilt, unberechtigter Weise auf den Haushalt des Staates übertragen, obwohl das Borgen eines Staates etwas grundsätzlich anderes darstellt.

 

Wenn ein privater Haushalt sich etwas leiht, ist der Kreditgeber stets ein anderes Wirtschaftssubjekt. Dies bedeutet, dass in Zukunft, wenn der Kredit ausläuft, der kreditnehmende Haushalt Wohlfahrt verliert.

 

Wenn sich hingegen der Staat verschuldet und die Kreditnehmer der gleichen Staatengemeinschaft angehören, nimmt der Staat in seiner Eigenschaft als Vertreter seiner Bürger von eben einem Teil dieser Bürger einen Kredit auf. Mit anderen Worten: Hier finden Prozesse zwischen den Mitgliedern einer Gemeinschaft statt. Ein Vergleich mit dem privaten Haushalt gilt nur in den Fällen, in denen der Staat sich gegenüber dem Ausland verschuldet.

 

Wenn der Staat bei einer inländischen Verschuldung in Zukunft seine in der Vergangenheit eingegangenen Schulden zurückzahlt, dann muss zwar der zukünftige Steuerzahler letztendlich diese Schulden begleichen. Er zahlt jedoch diese Geldbeträge an inländische Gläubiger, sodass also in Toto die zukünftige Generation nichts verliert. Es findet allerdings eine Umverteilung statt.

 

Dies bedeutet allerdings nicht, dass die heute eingegangene Verschuldung des Staates keinerlei Wirkung auf das Wohlfahrtsniveau der zukünftigen Generation hat. Es gilt zunächst nur, dass kein direkter zwingender Zusammenhang zwischen heutiger Verschuldung und Wohlfahrtsniveau der zukünftigen Generationen besteht.

 

Wie sich das Wohlfahrtsniveau der zukünftigen Generation im Zusammenhang mit dem heutigen Verhalten entwickeln wird, hängt entscheidend von der heutigen Wachstumsrate ab. Je größer die heutige Wachstumsrate ausfällt, um so größer ist auch das Wohlfahrtsniveau der zukünftigen Generation. Und dies bedeutet, wenn das heutige Verhalten zu einer Verringerung der Wachstumsrate führt, dann verringert sich auch das zukünftige Wohlfahrtsniveau, ausgedrückt im Volkseinkommen der Zukunft.

 

Die heutige Wachstumsrate wird nun in erster Linie vom heutigen Investitionsvolumen bestimmt. Und dies bedeutet, dass immer dann, wenn die mit Krediten aufgenommene Geldsumme für konsumtive Zwecke verwendet wird und wenn auf diese Weise für private Investitionen eine geringere Geldsumme zur Verfügung steht, das zukünftige Volkseinkommen ceteris paribus geringer ausfällt, dass also die zukünftige Generation aufgrund der heute eingegangenen Verschuldung Schaden erleidet.

 

Auch dann, wenn der Staat im Zusammenhang mit seiner Verschuldung die zusätzlich eingenommenen Gelder investiv anlegt, ist nicht in jedem Falle bereits garantiert, dass das Volkseinkommen der zukünftigen Generation nicht doch verringert wird.

 

Als erstes kann man davon ausgehen, dass im Allgemeinen Investitionen, welche der Staat durchführt, für die Volkswirtschaft einen geringeren Nutzen versprechen einfach deshalb, weil der Anreizmechanismus im privaten Sektor stärker wirkt als im öffentlichen System. In der privaten Wirtschaft erhält der Investor eine starken Anreiz das Richtige zu tun dadurch, dass der Gewinn bei Erfolg ihm selbst anfällt, er aber gleichzeitig bei Misserfolg die Kosten zu tragen hat. Der Politiker oder staatliche Beamte wird weder bei Erfolg materiell belohnt noch bei Verlust materiell bestraft.

 

Zweitens muss befürchtet werden, dass der Staat dann, wenn er die durch Verschuldung erhaltenen Gelder zur Förderung privater Investitionen einsetzt, weniger nach der Produktivität der einzelnen Investitionen fragt und seine Entscheidungen vorwiegend an politischen Kriterien ausrichtet.

 

Drittens schließlich muss damit gerechnet werden, dass bei einer staatlichen Verschuldung der Anteil der Kollektivgüter am Inlandsprodukt stärker als volkswirtschaftlich erwünscht auf Kosten der Individualgüter ausgeweitet wird.

 

Damit ist das wohl wichtigste grundsätzliche Argument gegen eine staatliche Verschuldung benannt, das nicht nur im Hinblick auf die Auswirkung gegenüber der zukünftigen Generation von Bedeutung ist, sondern gleichzeitig die Frage beeinflusst, inwieweit in einer repräsentativen Demokratie sichergestellt ist, dass die Politiker auch dem Willen der Bevölkerung entsprechen.

 

In einer repräsentativen Demokratie erhalten diejenigen Politiker das Mandat zur Regierung, denen es gelingt, die Wähler davon zu überzeugen, dass ihre Programme den Wünschen der Bevölkerung am nächsten kommen. Damit jedoch die Wähler überhaupt in der Lage sind, zu beurteilen, welche Parteien ihren Wunschvorstellungen am besten entsprechen, muss den Wählern bekannt sein, was die einzelnen Parteiprogramme den Wähler kosten.

 

Verspricht also ein Politiker z. B. die Ausweitung des Angebots von Kindertagesstätten, so entspricht diese Maßnahme genau dann dem Willen der Wähler, wenn der Nutzen dieser Maßnahme größer ausfällt als der Nutzenverlust, der dadurch entsteht, dass die die für diese Maßnahmen notwendigen materiellen Ressourcen bei Verwirklichung dieser Programme nun nicht mehr für die Produktion von Individualgüter zur Verfügung stehen.

 

Sind die Politiker gehalten, ihre Maßnahmen ausschließlich mit Steuereinnahmen zu finanzieren, dann erfährt der Wähler auch unmittelbar, was für Kosten ihm aufgrund dieser Maßnahmen entstehen, jede Erhöhung der Steuern bedeutet für den Wähler eine gleichgroße Reduzierung des privat verfügbaren Einkommens. Der Wähler ist also in diesem Falle in der Lage, den Nutzen der politischen Maßnahme mit dem Nutzenverlust aufgrund der Reduzierung seines privat verfügbaren Einkommens zu vergleichen.

 

Wenn der Staat hingegen seine Projekte defizitär finanziert, bleibt dem Wähler verborgen, welcher Nutzenverlust ihm dadurch entsteht, er kann nun nicht mehr Nutzenzunahme und Nutzenverlust miteinander vergleichen. Es wird ihm vorgegaukelt, er erhalte den Nutzen aus den staatlichen Projekten kostenlos, da ja die Steuern in diesem Falle nicht angehoben werden müssen.

 

In Wirklichkeit führen die staatlichen Projekte – gleichgültig auf welche Weise diese Ausgaben finanziert werden – dazu, dass materielle Ressourcen zur Produktion der versprochenen Kollektivgüter eingesetzt werden und dass diese nicht mehr wie bisher zur Produktion Individualgüter eingesetzt werden können.

 

De facto hat der Wähler bei einer defizitären Finanzierung staatlicher Maßnahmen die Kosten indirekt dadurch zu tragen, dass bei gleichbleibendem privat verfügbaren Einkommen das Güterangebot geringer ausfällt und aus diesen Gründen die Preise ansteigen und das reale verfügbare Einkommen in gleicher Weise wie bei einer Steuerfinanzierung zurückgeht.

 

Dieser Mangel tritt übrigens auch dann ein, wenn bisher Arbeitslosigkeit vorherrschte und die defizitär finanzierten Staatsausgaben zu einer Verminderung der Arbeitslosigkeit führen. Zwar ist es richtig, dass in diesem Falle gegenüber den vergangenen Perioden das reale Einkommen nicht zurückgeht, aber es bleibt bestehen, dass diese bisher nicht beschäftigten Ressourcen auf dem Wege anderer politischer Maßnahmen (beispielsweise durch Subventionierung von Individualgütern) eingesetzt hätten werden können. Und die Entscheidung, welcher dieser Wege beschritten werden soll, sollte eigentlich beim Wähler liegen.

 

Warum aber sollte die Entscheidung darüber, wie das gesamte Inlandsprodukt auf Kollektiv- und Individualgüter aufgeteilt werden soll, beim Wähler liegen? Der Grund für diese Forderung liegt einfach darin, dass es kein in der Natur der Sache liegendes Kriterium gibt, das feststellt, bei welcher Aufteilung die Bevölkerung ein Optimum erreicht. Diese Frage kann niemals objektiv festgestellt werden, die Beantwortung dieser Frage hängt von den Einstellungen der Bevölkerung ab und ist erfahrungsgemäß von Bevölkerung zu Bevölkerung sehr unterschiedlich.

 

Generell können wir davon ausgehen, dass das Verhältnis zwischen Kollektiv- und Individalgüteranteil darüber entscheidet, in welchem Verhältnis Wohlstand, ökonomische Sicherheit und Verteilung erreicht werden können. Alle drei Ziele stehen in einem Konfliktverhältnis zueinander, es ist nicht möglich, alle drei Ziele vollständig zu realisieren, ein Mehr für das eine Ziel bedeutet im allgemeinen ein Weniger für die beiden anderen Ziele. Wichtig ist hierbei, dass es keinen für alle Länder festgelegten Mix dieser drei Ziele gibt, welcher ein Optimum bestimmt. Vielmehr unterscheiden sich die Bevölkerungen der einzelnen Volkswirtschaften darin, welchen Mix sie bevorzugen.

 

Man kann sich dafür entscheiden, dass die knappen materiellen Ressourcen einer Volkswirtschaft vorwiegend für die Produktion von Privatgütern eingesetzt werden und dass für Kollektivgüter lediglich ein notwendiges Minimum vorgesehen wird.

 

Die Entscheidung zugunsten der Produktion von Individualgütern bringt es mit sich, dass über die Selbstverantwortung jedes Einzelnen starke Leistungsanreize ausgelöst werden, der durchschnittliche Wohlstand kann auf diese Weise gesteigert werden, es wird mehr produziert und die Produktion kann an den unterschiedlichen individuellen Bedürfnissen besser ausgerichtet werden.

 

Der Preis für diese Entscheidung besteht darin, dass fast alle Entscheidungen mit einem hohen Risiko verbunden sind. Die Freiheit des Konsumenten hat seinen Preis. Wenn der Konsument jederzeit seine Entscheidungen über die Einkommensverwendung korrigieren kann, kann der Produzent niemals über seinen Umsatz sicher sein.

 

Entscheidet sich hingegen eine Bevölkerung für einen  möglichst hohen Kollektivgüteranteil, können diese Unsicherheiten zu einem großen Teil vermieden werden, es ist hier ja der Staat, der festlegt, welche Kollektivgüter erwünscht sind, er ist sozusagen Anbieter und Nachfrager in einer Person, da er festlegt, was produziert werden soll.

 

Weiterhin stehen Kollektivgüter in aller Regel allen Bürgern in gleichem Umfang zur Verfügung, sodass die sozialen Ziele einer möglichst niedrigen Differenzierung im Wohlstand sehr viel besser realisiert werden können als bei der Produktion von Individualgüter.

 

Wenn der Staat nun den Versuch unternimmt, mit Hilfe eines defizitären Budgets Vollbeschäftigung zu erzielen, wird der Wille des Wählers auf zweierlei Weise beeinträchtigt: Auf der einen Seite bleibt ihm unbekannt, was eine Ausweitung des Kollektivgüteranteils ihn kostet, er kann also auch keine rationale Entscheidung fällen, welche der konkurrierenden Parteien seinen Bedürfnissen (im Hinblick auf die Aufteilung der materiellen Ressourcen auf Kollektiv- und Individualgüter) am ehesten entsprechen.

 

Auf der anderen Seite neigen keynesianisch orientierte Politiker dazu, den Kollektivgüteranteil auszuweiten. Prinzipiell wäre zwar eine keynesianische Beschäftigungspolitik auch auf die Weise denkbar, dass der Staat die Produktion von Individualgütern forciert. De facto besteht jedoch die Gefahr, dass sich die vom Staat ausgehende Mehrnachfrage vorwiegend in einer Ausweitung des Kollektivgüteranteils manifestiert und dass auf diesem Wege der Kollektivgüteranteil höher wird als er von der Bevölkerung gewünscht wird.

 

Die Lehre von Keynes beschränkt sich weiterhin auf Makroökonomie und hier zunächst nur auf die Bestimmungsgründe der gesamtwirtschaftlichen Beschäftigung. Sie vernachlässigt auf diese Weise diejenigen Probleme, welche im Rahmen der klassischen Wirtschaftslehre im Mittelpunkt standen. Hier ging es gerade nicht um die Bestimmung der makroökonomischen Variablen.

 

Vielmehr war das eigentliche Thema der Wirtschaftstheorie die Frage, welche Variablen die Ausrichtung der Produktion an den Bedürfnissen der Konsumenten bestimmen, die sogenannte Allokationsproblematik und auf welchem Wege die Knappheit materieller Ressourcen vermindert werden kann sowie auf welchem Wege denn die bestmögliche Aufteilung der Ressourcen erfolgt.

 

Diese Fragen rücken bei Keynes vollkommen in den Hintergrund, nicht nur, dass diese Problematik im Rahmen der Keynesianischen Lehre ausgeklammert wird, für Keynes ist die Verwendung der knappen Ressourcen ohne jede Bedeutung, nach Keynes können die wirtschaftspolitischen Ziele auch dann erreicht werden, wenn vollkommen nutzlose Güter wie Pyramiden (!) gebaut werden würden.

 

Die Zusammenhänge zwischen Beschäftigung und Verteilung werden zumindest in seiner ‚General Theory‘ aus der Betrachtung ausgeschlossen und dies obwohl wir gesehen haben, dass es vorwiegend Verteilungseffekte waren, welche den anfänglichen Erfolg der Keynesianischen Politik verursacht haben.

 

Sein früheres Werk ‚The Treatise on money‘ befasste sich sehr wohl mit Verteilungsfragen, welche jedoch in seinen weiteren Arbeiten keine Bedeutung mehr erlangt haben, ganz im Gegensatz zu Carl Föhl (oftmals als Deutschkeynesianer bezeichnet), welcher etwa zur gleichen Zeit wie Keynes ebenfalls eine makroökonomische Theorie entwickelt hatte und im Rahmen dieser Theorie auch die Bedeutung der Einkommensverteilung unterstrichen hatte.

 

Erst Nicholas Kaldor, einer der bedeutendsten Anhänger von Keynes, hatte dann später den Versuch unternommen, die Lehren von Keynes dadurch weiter zu entwickeln, dass er auch die makroökonomischen Bestimmungsgründe in Zeiten der Hochkonjunktur untersuchte und sich im Rahmen dieser Theorie ex pressis verbis mit den Determinanten der Einkommensverteilung befasste.

 

Aber selbst hier gelang es Kaldor nicht, diese makroökonomische Verteilungstheorie auch wiederum auf die Zeiten der Rezession und Depression auszuweiten, er geht vielmehr von Vollbeschäftigung aus. In dem Augenblick, in welchem man die Kaldorianische Theorie auch auf die Zeiten der Unterbeschäftigung anzuwenden versucht, erhält man einen Freiheitsgrad, sodass die Verteilung unbestimmt bleibt, solange man nicht weitere Annahmen über das Verhalten der Produzenten in das Modell aufnimmt.

 

Es nimmt deshalb auch kein Wunder, dass die Keynesianische Politik diesem Beispiel ihres Lehrmeisters folgte und sowohl die allokations- wie auch verteilungspolitischen Implikationen einer Keynesianischen Beschäftigungspolitik ignorierte.

 

Wir hatten bereits darauf hingewiesen, dass der Anfangserfolg der Keynesianischen Konjunkturpolitik vor allem darauf beruhte, dass die defizitär finanzierte Mehrnachfrage des Staates zu einer Erhöhung der Gewinne führte und dass in dem Augenblick, von dem ab die Gewerkschaften eine Anpassung der Lohnsätze erzwangen und damit die Umverteilung zugunsten der Gewinnempfänger rückgängig gemacht wurde, auch der weitere Erfolg der Keynes’schen Politik ausblieb.

 

Und diese Nichtberücksichtigung der allokativen und distributiven Zusammenhänge in der Keynesianischen Theorie führte dann dazu, dass immer dann, wenn die Ergebnisse des marktwirtschaftlichen Prozesses aus sozialpolitischer Sicht nicht befriedigten, nicht wie es eigentlich notwendig wäre, in einem ersten Schritt nach den Ursachen dieser Misserfolge gefragt wurde, um dann in einem zweiten Schritt diese Ursachen zu beseitigen, der Marktprozess vielmehr außer Kraft gesetzt wurde und die sozialpolitisch erwünschten Ergebnisse per Gesetz angeordnet wurden.

 

Man übersah hierbei, dass der freie Markt nur dann reibungslos funktionieren und zu einigermaßen befriedigenden Ergebnisse führen kann, wenn man es dem Markt gestattet, sich zu entfalten. Ein Markt kann seine Aufgaben aber nur erfüllen, wenn Ungleichgewichte zu Preisvariationen und Preisvariationen zu Anpassungen in Angebot und Nachfrage führen können.

 

Dadurch, dass per Gesetz diese Anpassungsprozesse immer stärker ausgesetzt wurden, wurden gerade die Vorteile des freien Marktes (automatischer Abbau von Marktungleichgewichten sowie Ausrichtung der Produktion am Bedarf der Konsumenten) Schritt für Schritt abgebaut. Es wurde hierbei übersehen, dass die sozialpolitisch erwünschten Zustände auch in einer Marktwirtschaft durchaus herbeigeführt werden können, sofern man sich darauf beschränkt, die erwünschten Ziele mit marktkonformen Mitteln zu realisieren.

 

Auch die jüngsten Versuche der europäischen Notenbank, unter Hinweis auf keynesianische Konzepte, wonach nur bei einer leichten Inflation überhaupt Vollbeschäftigung erreicht werden könne, haben letzten Endes dazu geführt, dass wichtige Märkte ihre Funktionen nicht mehr erfüllen können. Diese Politik der schleichenden Inflation hat größte Verwerfungen sowohl im Wohnungsmarkt wie bei Lebensversicherungen hervorgerufen.

 

So hat die Nullzinspolitik der Notenbank dazugeführt, dass Grundstücke bevorzugt als Anlageform ausgewählt wurden, da diese Anlagen im Gegensatz zu anderen Anlagen noch eine weitgehend sichere Anlage darstellten. Diese vermehrte Nachfrage führte jedoch zunächst zu einem Anstieg in den Grundstückpreisen, der in keinster Weise der Knappheitslage der Grundstücke entspricht und der Anstieg in den Grundstückpreisen führte selbst wiederum zu einem Anstieg in den Mieten, in einem Umfang, der den ohnehin kränkelnden Wohnungsmarkt noch stärker als bisher beeinträchtigte.

 

Auch der Markt für Lebensversicherungen brach aufgrund dieser verfehlten Notenbankpolitik nahezu zusammen. Lebensversicherungen können nämlich ihre Aufgabe nur dann erfüllen, wenn sie ihre Rücklagen in sicheren Wertpapieren anlegen können. Sie sind verpflichtet, ihre Auszahlungen stetig vorzunehmen, dies ist aber nur möglich, wenn man auf den Zinsertrag absolut sicherer festverzinslicher Wertpapiere zurückgreifen kann.

 

Bei einer normalen Geldanlage kann man dem jeweiligen Besitzer durchaus zumuten, dann, wenn der Wertpapierkurs konjunkturbedingt niedrig ausfällt, den beabsichtigten Verkauf dieser Wertpapiere zu verschieben, bis die Wertpapierkurse wieder ansteigen.

 

Die Lebensversicherungen können jedoch ihre monatlichen Auszahlungen nicht verschieben und sie können somit ihren Verpflichtungen nur dann nachkommen, wenn sie ihr Kapital in absolut sicheren Wertpapieren angelegt haben, wenn sie nicht befürchten müssen, dass der Verkauf dieser Wertpapiere, der zur Finanzierung der auszuzahlenden Renten notwendig ist, zu erheblichen Kursverlusten führt.

 

Gleichzeitig rentiert sich das Geschäft der Lebensversicherungen für Lebensversicherer nur dann, wenn die sicheren Wertanlagen einen normalen Zins abwerfen. Aber gerade diese Möglichkeit wurde durch die Nullzinspolitik der Europäischen Notenbank zunichte gemacht. Nur noch hoch riskante Wertpapiere weisen einen normalen Zins auf und erreichen gerade hierdurch auch einen permanenten Kursgewinn.

 

Die sicheren Wertpapiere hingegen bringen kaum mehr einen Zinsgewinn, gerade deshalb verringert sich die Nachfrage nach ihnen und diese verringerte Nachfrage führt dann zu Kurssenkungen, die sich bei den Lebensversicherungen als Verlust niederschlagen.

 

Die Folge einer solchen Entwicklung liegt darin, dass die Angebote der Lebensversicherungen nun für diejenigen, welche eine Lebensversicherung abschließen wollen, nicht mehr günstiger ausfallen als dann, wenn sie ihr Kapital auf einem normalen Geldkonto belassen und monatlich einen bestimmten Geldbetrag abheben. Der Markt für Lebensversicherungen bricht dann notwendiger Weise zusammen.

 

Schließlich führt die Nullzinspolitik der Notenbank dazu, dass gerade bei den Empfängern geringer Einkommen immer weniger gespart wird. Diese Entwicklung hat jedoch eine gravierende Folge für das langfristige Wachstum. Entweder wird nämlich aufgrund des Rückgangs der Ersparnis auch das Investitionsvolumen verringert oder aber die Investitionen werden in Form einer Selbstfinanzierung über Preissteigerungen finanziert, was wiederum – wie Kaldor gezeigt hat – die Einkommensverteilung zu Lasten der Arbeitnehmer verschiebt.