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Keynesianismus auf dem Prüfstand Teil I

 

 

Gliederung:

 

1. Das Problem

2. Die Kritik Keynes am Say‘schen Theorem

3. Das theoretische Konzept von Keynes

4. Politische Schlussfolgerungen des Keynesianismus

5. Politischer Erfolg der Keynesianischen Politik?

6. Kritische Analyse der Keynes’schen Lehre

7. Sekundärwirkungen

 

 

1. Das Problem

 

In den letzten 80 Jahren wurde die wirtschaftswissenschaftliche Diskussion wie kein anderes Thema von der Auseinandersetzung der Keynesianer mit den Neoklassikern geprägt.

 

Wie wohl bei keiner anderen wissenschaftlich entwickelten Leitidee verbreiteten sich die Lehren von Keynes auf der einen Seite rasend schnell nicht nur in Großbritannien und den USA, sondern auch auf dem europäischen Kontinent, sodass es in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts nur wenige namhafte Fakultäten gab, welche nicht von keynesianischen Gedanken durchdrungen waren. Das auf J. R. Hicks  zurückgehende keynesianische IS-ML Modell fand Aufnahme in fast alle grundlegenden Lehrbücher der Wirtschaftswissenschaft.

 

Auf der anderen Seite gab es in den beiden Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg auch kaum eine größere Industrienation, in welcher nicht im Rahmen der Wirtschafts-, Geld- und Finanzpolitik die von Keynes entwickelten Rezepte Anwendung fanden.

 

Und man wird durchaus zugeben können, dass die ersten Schritte einer keynesianisch ausgerichteten Konjunkturpolitik durchaus von Erfolg gekrönt waren. Auch wenn in den USA der Abbau der Arbeitslosigkeit langsamer als in den meisten europäischen Industriestaaten verlief, brachte der New Deal Roosevelts in den USA einen gewissen Rückgang der Massenarbeitslosigkeit und der Versuch Karl Schillers, im Rahmen der ersten Großen Koalition in der BRD die erste größere Rezession der Nachkriegszeit mit Hilfe keynesianischer Rezepte zu überwinden, war ja sogar durchaus von Erfolg geprägt.

 

Es entstand also zunächst durchaus der Eindruck, als wäre mit der keynesianisch ausgerichteten Politik der entscheidende Durchbruch zur Überwindung der Massenarbeitslosigkeit gelungen. Heute fast 80 Jahre nach der Veröffentlichung der von Keynes herausgegebenen ‚The general theory of employment, interest and money’(1930) kann man sich dieses Erfolges nicht mehr sicher sein.

 

Auch dann, wenn es zur Zeit der Weltwirtschaftskrise von 1929 bis 1932 noch keine mit heute vergleichbaren exakten Statistiken über den Umfang der Arbeitslosigkeit gab und sich auch die Vorstellungen darüber, wann man von Arbeitslosigkeit spricht, verändert haben, wird man dennoch feststellen müssen, dass die Arbeitslosigkeit weltweit gegenüber damals keineswegs entscheidend zurückgegangen, ja vermutlich sogar angestiegen ist.

 

Wenn man nach der Ursache dieses langfristigen Misserfolges fragt, gibt es verschiedene Möglichkeiten der Erklärung. Ein Misserfolg kann damit zusammenhängen, dass zwar das Rezept richtig ist, dass aber die Politiker es verabsäumt haben, dieses Rezept voll umzusetzen, dass also den Keynesianischen Lehren nur sehr unvollkommen gefolgt wurde.

 

Oder aber das Rezept ist als solches nicht in der Lage, Massenarbeitslosigkeit dauerhaft zu überwinden. In diesem Falle müsste allerdings auch erklärt werden, warum die Keynesianische Politik zunächst einmal erfolgreich war.

 

Schließlich könnte der heutige Misserfolg auch einfach damit zusammenhängen, dass sich die Weltwirtschaft im Zusammenhang mit der weltweiten Globalisierung grundlegend gewandelt hat und dass die keynesianischen Rezepte eben nur für eine nicht globalisierte Welt gültig waren.

 

 

2. Die Kritik Keynes am Say‘schen Theorem

 

Fragen wir uns als erstes, wie es denn zu der Keynes’schen Lehre gekommen ist. Keynes hatte Kritik am Say‘schen Theorem geübt, da die Ersparnisse gehortet und die Investitionsnachfrage auch bei Zinssenkungen nicht erhöht würde. Er übte auch Kritik an der Quantitätstheorie, da die Liquiditäts­präferenz, der Kehrwert der Umlaufsgeschwindigkeit, vom Zinssatz abhängig sei. Bei einem Geldmengen­zuwachs könne das reale Inlandsprodukt bei Unterbeschäftigung durchaus ansteigen.

 

J. Baptist Say hatte bekanntlich nachzuweisen versucht, dass sich jedes Angebot seine Nachfrage von selbst schaffe, sodass gesamtwirtschaftliche Arbeitslosigkeit nicht auf einen Mangel an Nachfrage zurückgeführt werden könne. Der Erlös der Unternehmungen werde nämlich voll zu Einkommen, zu einem Teil verwenden die Unternehmer ihren Erlös zur Bezahlung der Faktoreinkommen, der Rest werde als Gewinn ausgewiesen. Diese Einkommen würden nun voll verausgabt, entweder als Konsumnachfrage oder als Investitionsnachfrage, welche mit den Ersparnissen, der Differenz zwischen Einkommen und Konsumausgaben, finanziert würden.

 

Gerade an dieser letzten These übte nun Keynes Kritik. Man könne nicht damit rechnen, dass der freie Markt Ersparnis und Investition stets einander angleiche. Der Kapitalmarkt funktioniere in der Realität nicht so, wie es im Rahmen der neoklassischen Theorie unterstellt werde.

 

Hierfür gebe es vor allem zwei Gründe: Erstens könne nicht damit gerechnet werden, dass alle Ersparnisse auf dem Kapitalmarkt angeboten werden, Ersparnisse würden zum Teil gehortet, also nicht zinsbringend angelegt. Aber auch dann, wenn die Ersparnisse auf dem Kapitalmarkt angeboten werden und aufgrund der Zunahme des Kapitalangebotes der Zinssatz sinkt, führe dies keinesfalls dazu, dass die Investitionsnachfrage ansteige.

 

Die industriellen Investitionen seien nämlich weitgehend zinsunelastisch. Eine hohe Zinselastizität der Investitionsnachfrage sei jedoch Voraussetzung dafür, dass entsprechend dem Say’schen Theorem die Gesamtnach­frage dem jeweiligen Angebot entspreche.

 

Wie begründete nun Keynes seine Behauptung, ein Teil der Ersparnisse werde gehortet und nicht dem Kapitalmarkt angeboten? Man könnte hierbei an Verhaltensweisen denken, welche in früheren Zeiten bei vielen Rentnern beobachtet wurden, dass sie nämlich den Banken und dem Kapitalmarkt misstrauten und aus diesen Gründen ihre Ersparnisse im Strumpf (in der eigenen Wohnung) aufbewahrten, wobei ihr Misstrauen so stark war, dass sie sogar auf diese Weise auf sonstige Zinserträge verzichteten.

 

Eine solche irrationale Verhaltensweise mag zwar in der Vergangenheit bisweilen beobachtet worden sein, sie entspricht jedoch nicht den Annahmen, welche Keynes zu seiner Theorie des Hortens veranlasst hatten. Keynes legt in seiner Theorie des Hortens (Theorie der Liquiditätspräferenz) sehr wohl rationale Verhaltensweisen der Haushalte zugrunde. Es seien hochrationale Überlegungen, welche die privaten Haushalte veranlassten, vorübergehend ihre Ersparnisse nicht zinsbringend anzulegen.

 

Um diese These besser zu verstehen, müssen wir uns darüber klar werden, dass ein Teil der risikoscheuen Haushalte die Ersparnisse vorwiegend in festverzinslichen Wertpapieren anlegt. Wir unterscheiden im Allgemeinen zwischen Aktien bzw. Aktienfonds und festverzinslichen Wertpapieren. Während mit dem Kauf von Aktien – in etwas geringerem Maße mit Aktienfonds – hohe Risiken verbunden sind, sind die Risiken beim Kauf festverzinslicher Wertpapiere im Allgemeinen begrenzt. Nach Ablauf einiger Jahre werden die festverzinslichen Wertpapiere zum vollen Nominalwert zurückgezahlt, die Zinsen bleiben – wie es der Name bereits andeutet – jedoch konstant, unabhängig davon, wie sich der aktuelle Marktzins entwickelt.

 

Es bestehen nun eindeutige Beziehungen zwischen dem aktuellen Zinssatz und dem Kurs der festverzins­lichen Wertpapiere. Steigt der aktuelle Zinssatz, so bedeutet dies, dass der bei festverzinslichen Wertpapieren gewährte konstant bleibende Zins gegenüber dem aktuellen Zins zurückbleibt. Es sind deshalb viele Besitzer festverzinslicher Wertpapiere bestrebt, ihr Papiere zu verkaufen, um Anlagen mit höheren Zinsen zu erwerben. Der Verkauf dieser Wertpapiere führt jedoch zu einem Sinken der Kurse.

 

Umgekehrtes gilt für den Fall, dass der aktuelle Zinssatz sinkt. Hier erhalten die Besitzer festverzinslicher Wertpapiere Zinsen, die über dem Marktzins liegen und gerade aus diesen Gründen werden Besitzer von Spargeldern bestrebt sein, die bestehenden festverzinslichen Wertpapiere mit einem höheren Zinssatz zu kaufen. Dieser Kauf bewirkt jedoch einen Anstieg der Kurse dieser Papiere.

 

Somit haben wir gezeigt, dass Variationen in den aktuellen Zinssätzen automatisch zu entgegengesetzt gerichteten Veränderungen in den Kursen der festverzinslichen Wertpapiere führen. Zinssteigerungen führen also zu Kurssenkungen und Zinssenkungen hingegen zu Kurssteigerungen.

 

Weiterhin müssen wir uns daran erinnern, dass der aktuelle Zinssatz – vor allem auch aufgrund der aktiven Politik der Notenbank – im Konjunkturverlauf in den Abschwungsphasen ebenfalls sinkt und somit im Konjunkturtief seinen Tiefpunkt erreicht. Je tiefer nun der aktuelle Zinssatz gefallen ist, umso wahrscheinlicher wird es, dass er bereits seinen Tiefpunkt erreicht hat und deshalb in Kürze wieder steigen wird.

 

Dies bedeutet, dass bei besonders niedrigen Zinsen mit einem baldigen Anstieg der Zinsen gerechnet wird, was – nach den gerade angestellten Darlegungen – gleichbedeutend ist, dass in naher Zukunft mit starken Kursverlusten bei den festverzinslichen Wertpapieren gerechnet werden muss. Wer also nun vor der Entscheidung steht, ob er seine Ersparnisse zinsbringend anlegen soll, muss davon ausgehen, dass der ohnehin geringe Zinsertrag in Zeiten eines Konjunkturtiefs dadurch wiederum verloren geht, dass mit Kursverlusten gerechnet wird.

 

Es kann in einer solchen Situation durchaus wahrscheinlich werden, dass die erwarteten Kursverluste höher ausfallen als die erwarteten Zinserträge. In einer solchen Situation ist es ausgesprochen rational, wenn man mit der Kapitalanlage noch wartet, also zunächst die Ersparnisse hortet und damit auf Zinserträge verzichtet.

 

Wenden wir uns nun der These zu, dass die Investitionsnachfrage auf Zinssenkungen nicht mit einer Ausweitung reagiere. Diese These wurde von Keynes zunächst für Zeiten der Rezession und Depression formuliert. Keynes verteidigte seine These, dass die Investitionsnachfrage auf Zinssenkungen kaum reagiere, mit drei Argumenten.

 

Argument 1: In Zeiten der Rezession und Depression geht der Absatz der Konsumindustrie zurück, weil Arbeitnehmer entlassen werden und deshalb über geringeres Einkommen verfügen oder weil mit weniger Arbeitsstunden gearbeitet werde und aus diesen Gründen das Einkommen zurückgehe.

 

Ein Rückgang in der Nachfrage nach Konsumgütern kann jedoch auch bei den Arbeitnehmern erwartet werden, deren Beschäftigungssituation sich noch nicht verschlechtert hat, die aber aus Furcht, dass sich ihre Einkommens­situation konjunkturbedingt in naher Zukunft verschlechtern könnte, ihre Konsumwünsche zurückhalten.

 

Dieser Rückgang der Konsumnachfrage in Zeiten des Konjunkturabschwungs hat nun unmittelbar zur Folge, dass die Konsumgüterproduzenten ihre Produktion einschränken und somit über überschüssige Kapazitäten verfügen.

 

In einer solchen Zeit könne man nicht erwarten, dass die Unternehmungen ihre nicht ausgelasteten Kapazitäten über neue Investitionen noch vergrößerten. Selbst dann, wenn der Zinssatz für Kredite sinke und eine Zinssenkung in normalen Zeiten dazu führe, dass neue Investitionsprojekte nun rentabel würden, könne in Zeiten der Konjunkturkrise nicht damit gerechnet werden, dass die Unternehmungen solche Investitionsvorhaben durchführen.

 

Argument 2: Wenn die Zinsen sinken, so bedeutet dies im Allgemeinen, dass die Kosten gesenkt werden und dass deshalb die Gewinne steigen. In Zeiten der Rezession und Depression könnten jedoch diese Gewinnsteigerungen nicht realisiert werden. Gerade weil die Nachfrage gesunken sei, werden die Unternehmungen den Versuch unternehmen, durch Preissenkungen die Nachfrage wieder auszuweiten oder zumindest eine weitere Reduzierung der Nachfrage zu verhindern.

 

Dies bedeute jedoch, dass wegen des Angebotsüberhanges die Unternehmungen unter dem Druck stünden, alle Kostensenkungen und damit auch etwaige Verringerungen in den Zinszahlungen sofort im Preis – also in Form von Preissenkungen – weiterzugeben. Selbst dann also, wenn die Zinskosten sinken, und die Unternehmungen unter normalen Bedingungen Luft für weitere Investitionen erhalten würden, kommen diese Investition steigenden Effekte in der Rezession nicht zum Zuge, da konjunkturbedingt alle Kostensenkungen an die Konsumenten weitergereicht werden. Den Unternehmungen würden deshalb selbst bei Zinssenkungen die Mittel fehlen, neue Investitionen durchzuführen.

 

Argument 3: Im Übrigen führten ganz bestimmte Abschreibungsmethoden in der Industrie dazu, dass der Umfang der Zinskosten ohnehin so gering sei, dass er vernachlässigt werden könne und dass deshalb auch bei an und für sich beachtlichen Zinssenkungen seitens der Notenbank nicht davon ausgegangen werden könne, dass auf diese Weise die gesamten Kosten entscheidend verringert werden könnten und auf diese Weise Impulse für eine Ausweitung der Nachfrage geschaffen werden würden.

 

Gedacht wird hierbei bei Keynes an die sogenannten pay-of-Methoden, welche vor allem in der Industrie angewandt würden. Danach seien die Unternehmungen bestrebt, ihre Produktionsanlagen in einem sehr kurzen Zeitraum von 3 bis 5 Jahren abzuschreiben.

 

Der Grund für ein solches Verhalten sieht Keynes in der Tatsache, dass aufgrund eines an und für sich rasanten technischen Fortschritts die Maschinenanlagen relativ schnell veralten. Da aber eine Unternehmung in der Regel erst dann bereit ist, neue Anlagen anzuschaffen, wenn die alten bisherigen Anlagen weitgehend abgeschrieben sind, sehen sich die Unternehmungen zu solchen kurzfristigen Abschreibungsmethoden gezwungen.

 

Während die Argumente 1 und 2 nur für eine spezielle Konjunkturlage – nämlich für eine Rezession und Depression – Gültigkeit besitzen, bezieht sich das dritte Argument auf spezielle Abschreibungspraktiken, welche unabhängig von der jeweiligen Konjunkturlage angewandt werden.

 

 

3. Das theoretische Konzept von Keynes

 

Aus dieser anfänglichen Kritik am Say’schen Theorem entwickelte Keynes nun ein ausgebautes System zur Erklärung der gesamtwirtschaftlichen Größen wie Volkseinkommen, Beschäftigung, Investitions­volumen und Konsumsumme. Wir wollen hier diese von Keynes entwickelte Theorie der Beschäftigung anhand eines einfachen Modells darstellen.

 

Als Problemgröße gilt hier allein die Höhe des Volkseinkommens, bei der Gleichgewicht herrscht, bei der sich also Angebot von und Nachfrage nach Konsum- und Investitionsgütern entsprechen. Wenn man will, kann man die Einkommenshöhe als Indiz für die realisierte Beschäftigung ansehen. Datengrößen des Modells sind die Konsumnachfragefunktion sowie die autonom bestimmte Investitionsnachfrage.

 

Im Mittelpunkt dieses einfachen Modells steht die These, dass die Konsumnachfrage stets kleiner sei als das Einkommen, sodass also immer oder in der Regel ein Teil des Einkommens gespart werde und gerade deshalb nicht mehr in den Kreislauf zurückfließe, also versickere.

 

Während also Say von der Annahme ausging, dass das gesamte Einkommen wiederum zu Nachfrage führe (entweder zu einer Konsumnachfrage oder zu einer Ersparnis, diese aber in eine Investitionsnachfrage umgeleitet werde), wird hier bei Keynes von dem anderen Extrem ausgegangen, dass zunächst nur die Einkommensteile wieder zu Nachfrage führen, welche unmittelbar konsumiert werden.

 

Natürlich kennt auch die Keynes’sche Theorie die Investitionsnachfrage, sie wird jedoch in den anfänglichen Modellen als eine von der Ersparnis vollkommen unabhängige Kaufkraftschöpfung aufgefasst.

 

Betrachten wir die Konsumfunktion, welche angibt, wie sich die Konsumnachfrage bei Änderungen im Einkommen verändert, etwas genauer. Wir zeichnen zu diesem Zweck ein Diagramm, auf dessen Abszisse das jeweilige Volkseinkommen (E) und auf dessen Ordinate die Konsumgüternachfrage (C) sowie die Investitionsnachfrage (I) abgetragen werden. Als erstes zeichnen wir die Konsumfunktion ein.

 

Die lila eingezeichnete Konsumfunktion schneidet die Ordinate in einem positiven Bereich. Dahinter steht die Tatsache, dass auch dann, wenn ein Haushalt über keinerlei regulären Einkommen verfügen würde, immer noch ein Konsumbedarf bestünde, der dem Existenzminimum entspricht und der notfalls über Staatshilfen (Sozialhilfe) alimentiert wird.

 

Des Weiteren stellen wir fest, dass die Konsumfunktion eine Steigung aufweist, welche geringer als eins ist und einfach der Annahme entspricht, dass nicht das gesamte Einkommen für den Konsum ausgegeben wird. Wir fragen danach, um wie viel der Konsum ansteigt (dC), wenn das Einkommen um eine Einheit (strenggenommen um eine unendlich kleine Einheit) ansteigt (dE). Wir bezeichnen hierbei diesen Quotienten (dK/dE) als Konsumneigung (c).

 

Der Einfachheit halber gehen wir von einer linearen Konsumfunktion aus. In diesem Falle ist die Konsumneigung bei jeder Einkommenshöhe gleich groß, also konstant. In Wirklichkeit können wir damit rechnen, dass sich die Konsumneigung mit wachsendem Einkommen verringert, da bei steigendem Einkommen immer mehr Teile gespart werden können. Die Zusammenhänge, welche in diesem ersten Modell veranschaulicht werden sollen, werden  durch diese Vereinfachung jedoch nicht verfälscht.

 

Von der Konsumneigung unterscheidet sich die Konsumquote (K/E), welche angibt, wie viel Prozent des Einkommens für Konsumgüter ausgegeben wird (c‘). Diese Konsumquote verändert sich – bei linearem Verlauf der Konsumfunktion – mit jeder Änderung des Einkommens.

 

Wir bestimmen nämlich die Konsumquote bei einer bestimmten Einkommenshöhe dadurch, dass wir vom Koordinatenursprung aus den Fahrstrahl zu dem Konsum­punkt legen, welcher der gewählten Einkommenshöhe entspricht. Steigendem Einkommen entspricht eine immer geringer werdende Konsumquote.

 

 

 

 

Wir wollen nun in unsere Graphik unseren zweiten Bestimmungsgrund: die Investitionsnachfrage einfügen. In diesem vereinfachten Keynesianischen Modell wird die Investitionsnachfrage als autonome Größe behandelt, dies bedeutet, dass die Investitionsnachfrage von keinen ökonomischen Größen, vor allem nicht von der Höhe des Volkseinkommens oder der Konsumnachfrage in direkter Weise abhängt. Wir können also die Investitionsnachfrage in unserem graphischen Modell dadurch berücksichtigen, dass wir eine Parallele zur Konsumnachfrage bilden, wobei der Abstand von der Konsumfunktion dem Investitionsvolumen entspricht.

 

 

 

Die in unserer Graphik gelb eingezeichnete Linie (Kurve) gibt somit an, wie sich die Gesamtnachfrage nach Gütern, also die Summe aus Konsum- und Investitionsnachfrage verändert, wenn das Einkommen variiert. Da wir von einem konstanten Investitionsvolumen ausgingen, entspricht somit auch die Ausgabenneigung insgesamt (dC+dI)/dE der Konsumneigung, auch sie ist somit geringer als eins.

 

Wenn wir uns nun in einem nächsten Schritt zu fragen haben, ob und gegebenenfalls bei welcher Höhe des Volkseinkommens ein Gleichgewicht auf den Gütermärkten existiert, müssen wir uns noch über den Verlauf der Angebotskurve Gedanken machen. Der Wert des Angebotes entspricht ex definitione dem Volkseinkommen, da Volksein­kommen und Güterangebot lediglich zwei verschiedene Seiten ein- und derselben ökonomischen Größe darstellen. Also können wir in unserem Diagramm das Angebot als 45°-Linie vom Koordinaten­ursprung aus einzeichnen.

 

Der Schnittpunkt der Kurve der gesamten Nachfrage mit der des Angebots gibt an, bei welcher Einkommenshöhe sich Angebot und Nachfrage entsprechen. Da die Nachfragekurve oberhalb des Koordina­ten­ursprungs beginnt und da ihre Steigung auf jeden Fall geringer ist als die Steigung der Angebotskurve, kann davon ausgegangen werden, dass auch stets ein Gleichgewichtspunkt (Schnittpunkt beider Kurven) existiert.

 

Fragen wir uns nun, ob wir auch erwarten können, dass dieser Gleichgewichtspunkt von einem beliebigen Ungleichgewichtszustand aus von selbst angesteuert wird, ob also auch ein stabiles Gleichgewicht vorliegt.

 

           

 

 

In unserer obigen Graphik entspricht das Einkommen EG dem Gleichgewichtseinkommen. Bei dem niedrigeren Einkommen E1 hingegen ist die Gesamtnachfrage (gelbe Linie) größer als das Angebot (45°-Linie). Es besteht also ein Nachfrageüberhang. Die Unternehmungen werden versuchen, diese Mehrnachfrage dadurch zu befriedigen, dass sie die Produktion ausweiten. Damit steigt das Einkommen und nähert sich dem Gleichgewichtseinkommen an. Es besteht also eine automatische Tendenz zum Gleichgewicht.

 

Wählen wir nun ein Einkommen, das größer ist als das Einkommen bei Gleichgewicht, das Einkommen E2. Bei diesem Einkommen übersteigt das Angebot die Nachfrage. Die Unternehmer werden das Angebot der verminderten Nachfrage anpassen und die Produktion reduzieren. Wiederum passt sich das Angebot an die Nachfrage an. Also auch von einem Angebotsüberhang aus bestehen Tendenzen hin zum Gleichgewicht.

 

Damit ist gezeigt, dass auf den Gütermärkten auch unter Keynesianischen Bedingungen mit einer Gleichgewichtstendenz gerechnet werden kann. Allerdings unterscheidet sich dieser Gleichgewichts­mechanismus in zweierlei Hinsicht von dem im Rahmen der neoklassischen Gleichgewichtstheorie geschilderten Gleichgewichtsprozess.

 

Während es erstens auf einem neoklassisch funktionierenden Markt in erster Linie die Preisvariationen sind, welche den Gleichgewichtsprozess auslösen, findet im Keynes’schen Modell der Gleichgewichtsprozess nur über Mengenveränderungen statt. Zweitens wird in der neoklassischen Theorie beschrieben, dass das Gleichgewicht im Normalfall sowohl von der Angebots- als auch von der Nachfrageseite aus angesteuert wird. Im Keynes’schen Modell sind es nur Anpassungen im Angebot, welche das Ungleichgewicht beseitigen helfen.

 

Nun wollen wir uns daran erinnern, dass die Keynesianische Theorie während der Weltwirtschaftskrise entstanden ist und den Anspruch erhebt, ein Rezept zur Reduzierung der Arbeitslosigkeit entwickelt zu haben. Von Arbeitslosigkeit und Beschäftigung war jedoch bisher allenfalls am Rande die Sprache. Wir haben nach den Bestimmungsgründen des Volkseinkommens gefragt und nicht nach den Ursachen einer zu geringen Beschäftigung.

 

Wir müssen also nun in unserem Diagramm noch die Verbindung zwischen Volkseinkommen und Beschäftigung herstellen. Wir hatten bereits angedeutet, dass das Volkseinkommen als Indikator für Beschäftigung angesehen werden kann. Steigt das reale Volkseinkommen, dann steigt normaler Weise auch die Beschäftigung. Eine genauere Analyse dieser Beziehungen folgt erst in einem späteren Abschnitt dieses Kapitels.

 

Nun hatten wir gesehen, dass in diesem einfachen C-I-Modell allein die Konsumneigung zusammen mit dem autonomen Investitionsvolumen den Gleichgewichtspunkt bestimmt. Es gibt somit keinen Grund dafür, dass sich dieses Gleichgewicht auf den Gütermärkten gerade bei einer Einkommenshöhe einstellt, bei dem auch Vollbeschäftigung herrscht.

 

Ganz im Gegenteil spricht alles dafür, dass dem Gleichgewicht auf dem Gütermarkt in aller Regel ein Ungleichgewicht auf dem Arbeitsmarkt – aber nicht unbedingt ein Angebotsüberhang, es ist auch ein  Nachfrageüberhang denkbar – entspricht.

 

Wir wollen nun unterstellen, dass das Einkommen, das Vollbeschäftigung garantieren würde, gerade bei dem Einkommen EVB  erreicht sei. Das tatsächliche Einkommen dagegen liege bei EG, dem Gleichgewichts­einkommen, das keine Vollbeschäftigung garantiert.

 

Vollbeschäftigung kann hier offensichtlich nur dann erreicht werden, wenn es gelingt, die gelbe Kurve der Gesamtnachfrage um dK nach oben zu verschieben. Dies bedeutet, dass entweder die Konsum­summe der privaten Haushalte und/oder die Investitionsnachfrage bei gleichbleibendem Einkommen um diesen Betrag erhöht werden muss.

 

 

 

Nun handelt es sich in beiden Fällen zunächst um private Nachfrage, welche nicht unmittelbar von Seiten des Staates beeinflusst werden kann. Immerhin wäre es denkbar, dass der Staat selbst die sogenannten Infrastrukturinvestitionen (wie etwa Investitionen in das Bildungswesen oder des Verkehrsnetzes), erhöhen würde oder dass er durch Subventionen den Unternehmungen einen Anreiz zur vermehrten Investitions­nachfrage bzw. durch Transfereinkommen den privaten Haushalten einen Anreiz zur vermehrten  Konsumnachfrage gibt.

 

Allerdings hatten wir bei der Vorstellung dieses einfachen Modells darauf hingewiesen, dass in diesem Modell bewusst vereinfachte Annahmen getroffen wurden, um auf diese Weise die Grundproblematik dieses Modells leichter veranschaulichen zu können. Wir können nun – nachdem wir die Grundproblematik aufgezeigt haben – einen Teil dieser wirklichkeitsfremden Annahmen aufheben.

 

Zu diesem Zweck berücksichtigen wir, dass diejenigen Teile des Einkommens, welche nicht für den Ankauf von im Inland produzierten Konsumgütern eingesetzt werden, nicht nur gespart werden können, dass sie vielmehr auch an den Staat als Steuern abgeführt werden können oder als Nachfrage von Konsumgütern, welche im Ausland produziert werden, verwandt werden.

 

Allen drei Verwendungsarten (Sparen, Einkommenssteuern, Importe) ist gemeinsam, dass Einkommen, welche im Inland erzeugt wurden, Verwendungszwecken zugeführt werden, welche nicht mehr unmittelbar in den unmittelbaren inländischen Kreislauf zurückfließen. Wir wollen deshalb diese drei Verwendungsarten des Einkommens als Stilllegung bezeichnen.

 

In ähnlicher Weise gilt es auch die Investitionsnachfrage durch einen erweiterten Begriff zu ersetzen. Wir haben in diesem Modell unterstellt, dass die Investitionsnachfrage autonom sei, also nicht von anderen ökonomischen Größen induziert wird. Nun stellt die Investitionsnachfrage natürlich nicht die einzige Nachfrage dar, welche autonom ausgeübt werden kann.

 

Neben der Investitionsnachfrage kann der Staat seine Ausgaben erhöhen, wobei an Ausgaben für Güter und Dienstleistungen, aber auch an Subventionen für Unternehmungen oder private Haushalte gedacht werden kann. Auch diese Ausgaben sind autonom, ergeben sich nicht einfach aus dem Wirken der anderen ökonomischen Größen.

 

Allerdings wirken die Staatsausgaben offensichtlich nur dann nachfragesteigernd, wenn sie defizitär finanziert werden. Würde der Staat diese Ausgaben mit zusätzlichen Steuereinnahmen finanzieren, würde ja in gleichem Umfang die private Konsumnachfrage reduziert werden, per Saldo hätte sich die autonome Nachfrage nicht oder – wie wir später noch zeigen werden – nicht wesentlich erhöht.

 

Neben Staatsausgaben kann die autonome Nachfrage auch von ausländischen Käufern ausgeübt werden, dann nämlich, wenn die Exporte stärker steigen als die Importe. Wir wollen alle drei autonomen Nachfragearten (Investitionen, defizitär finanzierte Staatsausgaben sowie Exportüberschüsse) als Kaufkraftschöpfung zusammenfassen. In unserer Graphik bedeutet dies, dass an Stelle der Investitionsnachfrage die gesamte Kaufkraftschöpfung auf die Konsumnachfrage (bzw. Stilllegung) aufgeschlagen werden muss.

 

Deshalb kann nun auch der Staat auf recht unterschiedliche Weise dafür Sorge tragen, dass das Einkommen durch Kaufkraftschöpfung auf die Höhe angehoben wird, welche für Vollbeschäftigung notwendig ist.

 

Er kann im eigenen Bereich Infrastrukturinvestitionen durchführen und mehr Beamte einstellen, er kann aber auch Unternehmungen Subventionen in Aussicht stellen, wenn sie die Investitionsnachfrage ausweiten, er kann die Steuersätze reduzieren und damit die Konsumneigung bezogen auf das Volkseinkommen erhöhen oder schließlich an die Haushalte Transfereinkommen z. B. in Form von erhöhten Renten auszahlen.

 

Bevor wir uns jedoch mit der Frage befassen, welche staatlichen Maßnahmen in concreto notwendig sind, um die Beschäftigung zu steigern, wollen wir das IC-Modell (Investitionen und Konsum) in ein SI-Modell (Sparsumme und Investition) umsetzen, da sich die Zusammenhänge zwischen staatlichen Maßnahmen und Beschäftigung in diesem Modell leichter aufzeigen lassen.

 

Wir gelangen von dem C-I-Modell zum S-I-Modell, wenn wir uns in Erinnerung rufen, dass zwischen der Konsumnachfrage (C) und der Ersparnis (S) – in einer geschlossenen Volkswirtschaft ohne wirtschaftliche Aktivität des Staates – ex definitione folgende Beziehung besteht:

S = E - C

 

Wir erhalten also den jeweiligen Wert für die Ersparnis dadurch, dass wir bei den alternativen Werten für das Volkseinkommen jeweils nicht die Konsumnachfrage, sondern die Differenz zwischen Volksein­kommen und Konsumnachfrage in unser graphisches Modell abtragen. Hierbei können wir unter S in dem vereinfachten Modell die Ersparnis oder in dem erweiterten Modell, in dem wir die außenwirtschaftlichen Beziehungen sowie die wirtschaftliche Aktivität des Staates berücksichtigen, die gesamte Kaufkraftstilllegung abtragen. In diesem Falle entspricht dem Wert von I nicht nur die Investition, sondern die gesamte Kaufkraftschöpfung.

 

In unserem neuen Diagramm zeigt der Schnittpunkt der blau eingezeichneten Sparfunktion mit der rot eingezeichneten Investitionsfunktion das Volkseinkommen E1 an, bei dem sich auf dem Kapitalmarkt Ersparnis und Investition im Gleichgewicht befinden.

 

Aufgrund der definitionsbedingten Zusammenhänge besteht auf den Kapitalmärkten genau dann ein Gleichgewicht, wenn auch auf den Gütermärkten Gleichgewicht herrscht. Vollbeschäftigung würde nur erreicht, wenn die Investition um den Betrag dB erhöht würde oder die Sparsumme bei gleichbleibendem Einkommen vermindert würde:

 

 

 

 

Fortsetzung folgt!