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Die schönsten Erzählungen der Bibel

 

 

 

Gliederung:

 

 

 

 

  1. Einführung

  2. Schöpfungsbericht

  3. Sündenfall

  4. Kain und Abel

  5. Die Arche Noah

  6. Abraham hadert mit Gott

  7. Isaaks Opferung

  8. Verkauf des Erstgeburtsrechts an Jakob

  9. Josef und seine Brüder

10. David gegen Goliath

11. David und die Frau des Hethiters

12. Esthers Rettung der Juden

13. Josef in Ägypten

14. Moses vor dem Pharao

15. Hiobs Leid und Gottvertrauen

16. Die Verleugnung Petrus

17. Der Verrat Judas

18. Der barmherzige Samariter

19. Die Hochzeit zu Kanaan

20. Die Tempelreinigung

21. Das Gleichnis vom verlorenen Sohn

22. Jesus und die Ehebrecherin

23. Jesus am Ölberg

24. Der ungläubige Thomas

 

 

 

17. Der Verrat Judas

 

 

 

 

 

Gliederung:

 

1. Einführung

2. Die Darstellung der Bibel

3. Habgier als Motiv des Verrats?

4. Handelte Judas in göttlichem Auftrag?

5. Falsches Verständnis des Glaubens an den Messias

6. Der Verrat des Judas im Vergleich zum Verrat des Petrus

 

 

 

1. Einführung

 

Wohl keine Person des Neuen Testamentes wird in der Literatur im Hinblick auf ihre Handlungen sowie ihrer Motive so unterschiedlich beurteilt wie Judas Iskariot. Judas Iskariot war einer der zwölf Apostel Jesu und stammt vermutlich als einziger der zwölf Apostel aus dem Stamme Juda, während die meisten anderen Apostel aus Galiläa kamen. Judas war und ist unter Juden ein sehr gebräuchlicher Vorname, auch unter den sonstigen Aposteln gibt es einen weiteren Jünger namens Judas mit dem Beinamen Thaddäus, auch ein Bruder Jesu trug den Namen Judas.

 

Die unterschiedlichen Einschätzungen des Judas Iskariot reichen von dem Vorwurf, er sei vom Teufel versucht worden und habe Jesus aus niedrigen Beweggründen, nämlich aus Geld- und Habgier, an die Römer und jüdischen Kirchenbehörden verraten bis hin zu der Behauptung, dass Judas bei seinem angeblichen Verrat im Auftrage Gottes gehandelt habe und deshalb nichts Unrechtes und Verwerfliches tat, sondern sogar Jesus einen unerlässlichen Dienst erwiesen habe, da nur auf diesem Wege die Erlösung der Menschen durch Jesu Tod und Auferstehung überhaupt erreicht werden konnte.

 

Zwischen diesen beiden extremen Beurteilungen liegt die Vermutung, dass sich Judas Jesus als Jünger vorwiegend deshalb angeschlossen hatte, weil er ihn für den Messias gehalten hatte und weil er mit vielen anderen Juden der damaligen Zeit von der Überzeugung ausging, dass der Messias gekommen sei, um die Juden von der als schändlich empfundenen römischen Gewaltherrschaft zu befreien. Als er erkannt hatte, dass Jesus gar nicht die Absicht hatte, sich gegen die römische Besatzungsmacht aufzubäumen und zur Befreiung der Juden aufzurufen, hätte er sich nach dieser dritten Deutung enttäuscht von Jesus abgewandt und ihn deshalb an die Römer und an den Hohepriester ausgeliefert.

 

Nach einer gewissen Abart dieser dritten Hypothese wollte Judas eigentlich gar nicht, dass Jesus abgeurteilt und hingerichtet werde, er hätte vielmehr mit diesem Schritt Jesus zwingen wollen, sozusagen Farbe zu bekennen und das Zeichen zum offenen Aufstand gegen die Römer zu setzen. Angegriffen von den Mächtigen sei Jesus gar nichts anderes übrig geblieben, sich zu wehren und da er als Messias der Sohn Gottes sei, habe er auch die Mittel, einen Umsturz herbeizuführen.

 

Wir wollen uns in diesem Aufsatz mit diesen drei möglichen Deutungen des Verhaltens von Judas Iskariot kritisch auseinandersetzen und überprüfen, welche dieser drei alternativen Hypothesen am ehesten sich in die Gesamtthematik der Heiligen Schrift einordnet. Wir werden in einem ersten Schritt vom Text der vier Evangelien, in denen über diesen Verrat berichtet wird, ausgehen und überprüfen, welche Einschätzung die Handlungen Judas, welche zur Verhaftung Jesu führten, in diesen Schriften erfuhr. Wir werden dann uns in drei weiteren Schritten ausführlich mit diesen drei alternativen Hypothesen befassen, überprüfen, inwieweit diese Deutungen durch die Berichte der Evangelien gedeckt sind, aber auch untersuchen, inwieweit der Gesamtinhalt der Heiligen Schrift die eine oder andere Hypothese wahrscheinlich sein lässt. In einem letzten Abschnitt soll überprüft werden, ob der Verrat des Judas im Vergleich zur Verleugnung des Petrus in den offiziellen Lehren als zu hoch bewertet wird.

 

Hierbei gilt es sich daran zu erinnern, dass alle vier Evangelien erst 40 bis 70 Jahre nach Jesu Leben und Sterben aufgezeichnet wurden, dass nach Auffassung vieler Exegeten die vier Evangelisten keine Augenzeugen waren, welche Jesu Wirken selbst als Jünger miterlebt hatten, dass also die Evangelien über Dinge berichteten, welche zunächst über mehrere Generationen hinweg mündlich weiter erzählt wurden. Wir haben uns vor allem auch darüber klar zu werden, dass die Texte über Leben und Tod Jesu wie alle Texte der Heiligen Schrift gar nicht so sehr in erster Linie Tatsachenberichte darstellen sollen, sondern in erster Linie die Absicht verfolgen, bestimmte Glaubenswahrheiten zu verkünden und die Berichte über Jesus Wirken nur das Mittel darstellen, um diese Verkündigung möglich überzeugend den Gläubigen herüberzubringen.

 

 

2. Die Darstellung der Bibel

 

Alle vier Evangelien, das des Markus, des Matthäus, des Lukas und des Johannes, berichten ausführlich über Leiden und Tod Jesu. Sie stellen die Ereignisse um die Verhaftung im Großen und Ganzen mit gleichen Worten dar, wobei der Hauptunterschied der Darstellungen vor allem darin besteht, dass der eine oder andere Evangelist gegenüber den anderen Berichten einige Passagen hinzufügt oder auslässt.

 

Die Geschichte um den Verrat Jesu durch Judas beginnt damit, dass sich Judas sechs Tage vor dem Paschafest – unmittelbar nachdem eine Frau Jesu Haar mit kostbarem Öl in Betanien gesalbt hatte – an die jüdische Kirchenbehörde wandte, um mit ihnen die Möglichkeiten einer Ergreifung Jesu zu erörtern. So lesen wir bei Lukas in Kapitel 22,3-6:

 

‚Der Satan aber ergriff Besitz von Judas, genannt Iskariot, der zu den Zwölf gehörte. Judas ging zu den Hohenpriestern und den Hauptleuten und beriet mit ihnen, wie er Jesus an sie ausliefern könnte. Da freuten sie sich und kamen mit ihm überein, ihm Geld dafür zu geben. Er sagte zu und suchte von da an nach einer Gelegenheit, ihn an sie auszuliefern, ohne dass das Volk es merkte.‘

 

Halten wir fest, dass Lukas und ähnlich auch Johannes davon spricht, dass er vom Teufel ergriffen wurde. Markus und Matthäus sprechen zwar nicht ex pressis verbis davon, dass sich Judas vom Teufel zu seiner Tat hinreißen ließ, aus dem Gesamttext lässt sich jedoch keinesfalls herauslesen, Judas habe sozusagen im Auftrag Gottes diesen Verrat geübt. So wird bei der Erwähnung Judas Iskariot in allen Evangelien fast immer hinzugefügt, dass es sich um den Jünger handle, der Jesus verraten habe.

 

Von Bedeutung für die Beurteilung der einzelnen alternativen Bewertungen scheint mir auch der Zusatz Lukas Kapitel 22,6 zu sein, dass Judas bemüht war, Jesus an den Hohen Rat auszuliefern, ohne dass das Volk es merkte. Wir werden weiter unten auf diesen Zusatz nochmal zu sprechen kommen.

 

Judas Verrat wird dann wiederum bei dem letzten Abendmahl angesprochen, das Jesus mit seinen Jüngern unmittelbar vor seiner Auslieferung abgehalten hatte. Bei Johannes Kapitel 13, 16-30 heißt es:

 

‚Amen, amen, ich sage euch: Der Sklave ist nicht größer als sein Herr und der Abgesandte ist nicht größer als der, der ihn gesandt hat. Selig seid ihr, wenn ihr das wisst und danach handelt. Ich sage das nicht von euch allen. Ich weiß wohl, welche ich erwählt habe, aber das Schriftwort muss sich erfüllen: Einer, der mein Brot aß, hat mich hintergangen. Ich sage es euch schon jetzt, ehe es geschieht, damit ihr, wenn es geschehen ist, glaubt: Ich bin es. Amen, amen, ich sage euch: Wer einen aufnimmt, den ich sende, nimmt mich auf; wer aber mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat.

 

Nach diesen Worten war Jesus im Innersten erschüttert und bekräftigte: Amen, amen, das sage ich euch: Einer von euch wird mich verraten. Die Jünger blickten sich ratlos an, weil sie nicht wussten, wen er meinte. Einer von den Jüngern lag an der Seite Jesu; es war der, den Jesus liebte. Simon Petrus nickte ihm zu, er solle fragen, von wem Jesus spreche. Da lehnte sich dieser zurück an die Brust Jesu und fragte ihn: Herr, wer ist es? Jesus antwortete: Der ist es, dem ich den Bissen Brot, den ich eintauche, geben werde. Dann tauchte er das Brot ein, nahm es und gab es Judas, dem Sohn des Simon Iskariot. Als Judas den Bissen Brot genommen hatte, fuhr der Satan in ihn. Jesus sagte zu ihm: Was du tun willst, das tu bald! Aber keiner der Anwesenden verstand, warum er ihm das sagte. Weil Judas die Kasse hatte, meinten einige, Jesus wolle ihm sagen: Kaufe, was wir zum Fest brauchen!, oder Jesus trage ihm auf, den Armen etwas zu geben. Als Judas den Bissen Brot genommen hatte, ging er sofort hinaus. Es war aber Nacht.‘

 

Und Matthäus fügt in Kapitel 26,24 hinzu:

 

‚Der Menschensohn muss zwar seinen Weg gehen, wie die Schrift über ihn sagt. Doch weh dem Menschen, durch den der Menschensohn verraten wird. Für ihn wäre es besser, wenn er nie geboren wäre.‘

 

Auch in dieser Passage wird wieder im Zusammenhang mit dem angekündigten Verrat davon gesprochen, dass der Satan in Judas gefahren sei. Auch sagt Jesus: ‚Einer, der mein Brot aß, hat mich hintergangen.‘ Und bei Matthäus fügt Jesus noch hinzu, dass es für ihn (Judas) besser gewesen wär, wenn er nie geboren wäre. Deutlicher lässt sich nicht zum Ausdruck bringen, dass auch Jesus selbst – nach dem Zeugnis der vier Evangelien – Judas Tat als verabscheuungswürdig angesehen hatte.

 

Der Hinweis auf die Schrift, die erfüllt werden muss, bezieht sich vor allem auf Jesaja Kapitel 53,3-5

 

‚Er wurde verachtet und von den Menschen gemieden, ein Mann voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut. Wie einer, vor dem man das Gesicht verhüllt, war er verachtet; wir schätzten ihn nicht. Aber er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen. Wir meinten, er sei von Gott geschlagen, von ihm getroffen und gebeugt. Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen, wegen unserer Sünden zermalmt. Zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt.‘

 

Über die Gefangennahme Jesu wird dann u.a. bei Matthäus Kapitel 26,47-56 berichtet:

 

‚Während er noch redete, kam Judas, einer der Zwölf, mit einer großen Schar von Männern, die mit Schwertern und Knüppeln bewaffnet waren; sie waren von den Hohenpriestern und den Ältesten des Volkes geschickt worden. Der Verräter hatte mit ihnen ein Zeichen verabredet und gesagt: Der, den ich küssen werde, der ist es; nehmt ihn fest. Sogleich ging er auf Jesus zu und sagte: Sei gegrüßt, Rabbi! Und er küsste ihn. Jesus erwiderte ihm: Freund, dazu bist du gekommen? Da gingen sie auf Jesus zu, ergriffen ihn und nahmen ihn fest. Doch einer von den Begleitern Jesu zog sein Schwert, schlug auf den Diener des Hohenpriesters ein und hieb ihm ein Ohr ab.

 

Da sagte Jesus zu ihm: Steck dein Schwert in die Scheide; denn alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen. Oder glaubst du nicht, mein Vater würde mir sogleich mehr als zwölf Legionen Engel schicken, wenn ich ihn darum bitte? Wie würde dann aber die Schrift erfüllt, nach der es so geschehen muss? Darauf sagte Jesus zu den Männern: Wie gegen einen Räuber seid ihr mit Schwertern und Knüppeln ausgezogen, um mich festzunehmen. Tag für Tag saß ich im Tempel und lehrte und ihr habt mich nicht verhaftet. Das alles aber ist geschehen, damit die Schriften der Propheten in Erfüllung gehen. Da verließen ihn alle Jünger und flohen.‘

 

Und bei Johannes Kapitel 18,4-9 erfahren wir:

 

‚Jesus, der alles wusste, was mit ihm geschehen sollte, ging hinaus und fragte sie: Wen sucht ihr? Sie antworteten ihm: Jesus von Nazaret. Er sagte zu ihnen: Ich bin es. Auch Judas, der Verräter, stand bei ihnen. Als er zu ihnen sagte: Ich bin es!, wichen sie zurück und stürzten zu Boden. Er fragte sie noch einmal: Wen sucht ihr? Sie sagten: Jesus von Nazaret. Jesus antwortete: Ich habe euch gesagt, dass ich es bin. Wenn ihr mich sucht, dann lasst diese gehen! So sollte sich das Wort erfüllen, das er gesagt hatte: Ich habe keinen von denen verloren, die du mir gegeben hast.‘

 

Hier wird Bezug genommen auf Johannes Kapitel 6,39:

 

‚Es ist aber der Wille dessen, der mich gesandt hat, dass ich keinen von denen, die er mir gegeben hat, zugrunde gehen lasse, sondern dass ich sie auferwecke am Letzten Tag.‘

 

Jesus redet zwar Judas mit ‚Freund‘ an, aber es geht aus dieser Formulierung keinesfalls zwingend hervor, dass Christus Judas als eine Art Verbündeten ansieht, der durch seine Tat dazu beiträgt, dass Gottes Wille erfüllt werde. In Anbetracht dessen, dass Jesus vorher davon gesprochen hatte, dass es für denjenigen, der ihn verraten habe, besser gewesen wäre, er wäre gar nicht geboren, ist das Wort ‚Freund‘ eher so zu deuten, dass nach seiner Grundüberzeugung das Gebot der Feindesliebe gegenüber jeden gelte und somit jeder Mensch, auch ein Verräter, zu achten sei.

 

Von Bedeutung für die Einordnung der Judas-Tat ist auch die Stelle, nach der Jesus sich bei denen, die ihn verhafteten, mit den Worten beklagte:

 

‚Wie gegen einen Räuber seid ihr mit Schwertern und Knüppeln ausgezogen, um mich festzunehmen. Tag für Tag saß ich im Tempel und lehrte und ihr habt mich nicht verhaftet.‘

 

Schließlich erfahren wir bei Matthäus Kapitel 27,3-10, welches Ende Judas genommen hatte:

 

‚Als nun Judas, der ihn verraten hatte, sah, dass Jesus zum Tod verurteilt war, reute ihn seine Tat. Er brachte den Hohenpriestern und den Ältesten die dreißig Silberstücke zurück und sagte: Ich habe gesündigt, ich habe euch einen unschuldigen Menschen ausgeliefert. Sie antworteten: Was geht das uns an? Das ist deine Sache. Da warf er die Silberstücke in den Tempel; dann ging er weg und erhängte sich.

 

Die Hohenpriester und die Ältesten nahmen die Silberstücke und sagten: Man darf das Geld nicht in den Tempelschatz tun; denn es klebt Blut daran. Und sie beschlossen, von dem Geld den Töpferacker zu kaufen als Begräbnisplatz für die Fremden. Deshalb heißt dieser Acker bis heute Blutacker. So erfüllte sich, was durch den Propheten Jeremia gesagt worden ist: Sie nahmen die dreißig Silberstücke – das ist der Preis, den er den Israeliten wert war – und kauften für das Geld den Töpferacker, wie mir der Herr befohlen hatte.‘

     

Wichtig ist hier der Hinweis, dass Judas nach Auskunft der Bibel seine Tat bereute und gegenüber dem Hohenpriester (es gab immer nur einen amtierenden Hohenpriester) davon gesprochen hatte, dass er gesündigt habe und einen unschuldigen Menschen ausgeliefert habe. Wenn Judas wirklich im Auftrag Gottes gehandelt hätte, wäre es unerklärlich, warum er seine Tat bereute und sich schließlich umbrachte.

 

 

3. Habgier als Motiv des Verrats?

 

Wir wollen uns nun im folgenden Teil dieses Artikels mit den eingangs erwähnten drei Thesen zum Verrat von Judas beschäftigen und mit der Analyse der These vom Verrat aus Geld- und Habgier zuwenden. Wir können innerhalb dieser These drei Aussagen unterscheiden. Es wird erstens von dem Sachverhalt der Überlieferung von Jesus an die Schergen der jüdischen Kirchenbehörde gesprochen, zweitens wird diese Handlung als böse Tat gebrandmarkt und drittens gilt als wichtigstes Motiv dieser Tat Geld- und Habgier.

 

Die erste Aussage, also die bloße Feststellung, Judas habe dazu beigetragen, dass Jesus verhaftet wurde, ist vor allem dann, wenn wir auf jede Bewertung dieses Aktes verzichten, weitgehend unbestritten. In diesem Punkt sind sich alle vier Evangelisten einig und auch zwischen den hier zu behandelnden Thesen bestehen in dieser Frage keine Meinungsunterschiede, jede der drei Thesen geht von dem Faktum aus, dass Jesus übergeben wurde und dass Judas an dieser Übergabe mitgewirkt hat.

 

Unterschiedliche Bewertungen sind jedoch in der Frage festzustellen, ob diese Handlung als eine böse oder eine ausgesprochen gute Tat angesehen werden kann. Die vier Evangelisten sind sich ebenfalls in dieser Frage weitgehend einig, dass man hier von einem verabscheuungswürdigen Verrat sprechen muss. Zwar sprechen nur Lukas und Johannes ex pressis verbis davon, dass Judas vom Satan heimgesucht wurde. Trotz allem werden gerade die beiden anderen Evangelisten (Markus und Matthäus) nicht müde, bei fast jeder Erwähnung des Judas Iskariot hinzuzufügen, dass es sich um den Jünger handle, welcher Jesus verraten hatte.

 

Anderes gilt jedoch für die beiden anderen hier zu behandelnden Thesen. Die zweitaufgeführte These geht demgegenüber davon aus, dass Judas sogar im Auftrag Gottes gehandelt habe und deshalb eine notwendige und ausgesprochen gute Tat mit der Überlieferung Jesu begangen habe. Bei der dritten, zuletzt genannten These lag der Grund für die Beteiligung an der Übergabe zunächst nur darin, dass Judas eines Tages zu der Überzeugung kam, dass Jesus gar nicht die Absicht hatte, als Messias die Juden von der römischen Gewaltherrschaft zu befreien und sich deshalb von Jesus trennte. Die Trennung als solche ist sicherlich nicht als etwas verwerfliches zu bezeichnen, böse ist allein, dass Judas aus diesen Gründen Jesus an die Ältesten und an die Römer ausgeliefert hatte. Halten wir allerdings als wichtigsten Grund dieser Tat die Absicht, auf diesem Wege Jesus dazu zwingen, seine Rolle als Messias und damit Befreier von Judäa zu erfüllen, kann man sogar auch hier davon sprechen, dass es vielleicht ein falsche, keinesfalls aber eine böse Tat war, welche Judas hier begangen hatte.

 

Wie steht es aber mit der Aussage, dass Judas aus Geldgier gehandelt habe? Zumindest einige Argumente sprechen gegen eine solche Einschätzung. Als erstes haben wir uns die Frage zu stellen, ob Judas Iskariot die Persönlichkeit war, der man eine so niederträchtige Tat zumuten kann. Judas war nicht irgendein beliebiger Bürger aus Judäa, er war auch nicht nur einer der zahlreichen Jünger, er gehörte vielmehr zu dem engeren Kreis der zwölf Apostel und hatte offensichtlich Beruf und Familie verlassen, um sich Jesus vollkommen anzuschließen. Aus dieser Sicht ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass er von einem glühenden Anhänger schließlich zu einem Verräter wird, welcher aus niederen und unlauteren Motiven heraus handelt. Nur bei Johannes  in Kapitel 12, Johannes 12,3–11 finden wir einen Hinweis, dass Judas auch bisher schon Gelder der Jünger veruntreute:

 

‚Da nahm Maria ein Pfund echtes, kostbares Nardenöl, salbte Jesus die Füße und trocknete sie mit ihrem Haar. Das Haus wurde vom Duft des Öls erfüllt. Doch einer von seinen Jüngern, Judas Iskariot, der ihn später verriet, sagte: Warum hat man dieses Öl nicht für dreihundert Denare verkauft und den Erlös den Armen gegeben? Das sagte er aber nicht, weil er ein Herz für die Armen gehabt hätte, sondern weil er ein Dieb war; er hatte nämlich die Kasse und veruntreute die Einkünfte.‘

 

Es fällt immerhin auf, dass diese Einschätzung (Judas als Dieb) allein in dem Evangelium erwähnt wird, welches am spätesten (etwa 70 Jahre nach dem Tod Jesu) aufgeschrieben wurde. Die übrigen drei Evangelien (etwa 40 Jahre nach Jesu Tod geschrieben) erwähnen diesen Charakterzug nicht, obwohl es doch nahegelegen hätte, dass man eine Person, bei deren Erwähnung man fast immer hinzufügte, es sei der Jünger gewesen, der Jesus verraten habe, auch als Dieb benennt, wenn man davon überzeugt gewesen wäre, dass Judas tatsächlich die Kasse der Jünger veruntreut hatte.

 

Bei der Beurteilung dieser Handlung spielt sicherlich auch die Frage eine gewisse Rolle, von welchem Geldbetrag bei Verrat Jesu durch Judas die Rede ist. Es wird von 30 Silberstücken gesprochen. Gemeint ist sicherlich der römische Denar, welcher bei seiner Einführung zwar einen hohen Wert besaß, mit der Zeit jedoch immer mehr entwertet wurde und zur Zeit Jesu einen Warenwert besaß, der in etwa 12 bis 15 € entsprach. Danach wurde also der Dienst Judas mit etwa 300 bis 500 € entlohnt.

 

Nun müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass Mengenangaben in der Heiligen Schrift fast nie im exakten Wortsinne gebraucht werden, sie sollen vielmehr eine plastische Vorstellung zum Ausdruck bringen, bei 30 Silberstücken handelt es sich hierbei sicherlich nicht um eine beachtliche Geldsumme. Auch liegt in der Wahl der Bezifferung der Versuch, die gegenwärtige Handlung des Judas in einen Kontext aus dem Alten Testament zu stellen und hier wurde bei Sacharja Kapitel 11,12-13 bereits von 30 Silberstücken geredet:

 

‚Ich sagte zu ihnen: Wenn es euch recht scheint, so bringt mir meinen Lohn; wenn nicht, so lasst es! Doch sie wogen mir meinen Lohn ab, dreißig Silberstücke. Da sagte der Herr zu mir: Wirf ihn dem Schmelzer hin! Hoch ist der Preis, den ich ihnen wert bin. Und ich nahm die dreißig Silberstücke und warf sie im Haus des Herrn dem Schmelzer hin.‘

 

Das Buch Sacharja zerfällt in zwei deutlich voneinander geschiedene Teile. Der erste Teil (Kap. 1 – 8) befasst sich mit dem Plan Gottes zur Wiederherstellung des zerstörten Jerusalem und zur Neuordnung des begnadigten Gottesvolkes. Dieser Teil geht vermutlich auf die Verkündigung des Propheten Sacharja zurück, der in den Jahren 520–518 v. Chr. in Jerusalem aufgetreten ist.  Der zweite Teil des Buches (Kap. 9 – 14) fällt jedoch vermutlich in eine spätere Zeit, er befasst sich mit dem Endgeschehen. Dieser Teil befasst sich mit der Bedrängnis Jerusalems durch die gottwidrige Heidenwelt und mit der damit verbundenen Läuterung des Gottesvolkes, aber handelt auch vom Auftreten des Messias und von der Offenbarung der Gottesherrschaft für die ganze Welt.

 

Es ist nun recht unwahrscheinlich, dass die jüdische Kirchenbehörde für die Auslieferung Jesu nur einen so geringen Geldbetrag bereit war auszuzahlen und es ist genauso unwahrscheinlich, dass Judas, der doch offensichtlich die notwendigen Geldgeschäfte der Jünger besorgte, also so etwas wie der ‚Finanzminister‘ oder Kassenwart der Jünger war, den geringen Wert von 30 Denaren nicht richtig einschätzte und für diesen kleinen Betrag eine so wichtige Entscheidung getroffen haben soll.

 

Wie steht es nun mit der Auskunft, dass die jüdische Kirchenbehörde die Mithilfe Judas benötigte, um zu erfahren, an welchen Stellen Jesu gelehrt habe und deshalb aufzufinden war? Dass es hierzu der Mithilfe von Judas bedurfte, ist recht unwahrscheinlich. Jesus hat ja nicht im Geheimen, also in geheim gehaltenen Klubs, sondern in aller Öffentlichkeit immerhin etwa drei Jahre lang gelehrt und wanderte von einem Ort zum andern. Wer wollte, konnte sehr wohl den jeweiligen Aufenthaltsort von Jesus erkunden. Auch Jesus selbst hatte ja bei seiner Verhaftung den jüdischen Schergen, welche ihn verhafteten, vorgeworfen: ‚Wie gegen einen Räuber seid ihr mit Schwertern und Knüppeln ausgezogen, um mich festzunehmen. Tag für Tag saß ich im Tempel und lehrte und ihr habt mich nicht verhaftet.‘

 

Das Lukasevangelium Kapitel 22,6 gibt jedoch einen Hinweis, warum die jüdische Kirchenbehörde doch unter Umständen einer Mithilfe eines Jüngers bei der geplanten Verhaftung Jesu bedurfte: ‚Er (Judas) sagte zu und suchte von da an nach einer Gelegenheit, ihn an sie auszuliefern, ohne dass das Volk es merkte.‘ Hier bestand in der Tat eine ernst zunehmende Gefahr für diejenigen, welche Jesus verhaften wollten. Als Jesus einige Zeit vor seiner Haftung auf einer Eselin in Jerusalem einzog, war er von einer großen Schar von ihm zujubelnden Juden umgeben. Bei Matthäus Kapitel 21,7-9 erfahren wir:

 

‚Sie (die Jünger) brachten die Eselin und das Fohlen, legten ihre Kleider auf sie, und er (Jesus) setzte sich darauf. Viele Menschen breiteten ihre Kleider auf der Straße aus, andere schnitten Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. Die Leute aber, die vor ihm hergingen und die ihm folgten, riefen: Hosanna dem Sohn Davids! Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn. Hosanna in der Höhe!‘

 

Und bei Lukas Kapitel 19,37-38  heißt es:

 

‚Als er an die Stelle kam, wo der Weg vom Ölberg hinabführt, begannen alle Jünger freudig und mit lauter Stimme Gott zu loben wegen all der Wundertaten, die sie erlebt hatten. Sie riefen: Gesegnet sei der König, der kommt im Namen des Herrn. Im Himmel Friede und Herrlichkeit in der Höhe!‘

 

Bei einem so freudigen Empfang bestand in der Tat die Gefahr, dass sich die Jesus begleitenden Juden gegen eine Verhaftung gewehrt hätten und dass es sehr leicht zu einem offenen Aufruhr gegen die römische Besatzung hätte kommen können. Diese Gefahr aber mussten die Juden, welche Jesus verhaften wollten, auf jeden Fall vermeiden, da ein offener Aufruhr sehr leicht die Sonderstellung, welche die oberste Priesterkaste der Sadduzäer bei den Römern genossen hatte, hätte gefährden können. Eine Verhaftung ohne Gefahr, dass sie in einen offenen Aufruhr eskaliere, war also nur möglich an einem Ort und zu einer Zeit, an dem bzw. in der Jesus sich nur mit einer kleinen Schar von Jüngeren aufhielt. 

 

Diese Einschätzung ergibt sich auch aus  Matthäus Kapitel 26,1-5

 

‚Als Jesus seine Reden beendet hatte, sagte er zu seinen Jüngern: Ihr wisst, dass in zwei Tagen das Paschafest beginnt; da wird der Menschensohn ausgeliefert und gekreuzigt werden. Um die gleiche Zeit versammelten sich die Hohenpriester und die Ältesten des Volkes im Palast des Hohenpriesters, der Kajaphas hieß, und beschlossen, Jesus mit List in ihre Gewalt zu bringen und ihn zu töten. Sie sagten aber: Ja nicht am Fest, damit kein Aufruhr im Volk entsteht.  

 

Der wohl wichtigste Grund dafür, dass die jüdische Kirchenbehörde Jesus nicht schon viel früher gefangen genommen hatte, lag aber darin, dass sie sich offensichtlich uneinig waren, mit welcher Anklage sie denn Jesus verhaften und den Römern zur Hinrichtung übergeben sollten. Als Jesus nach seiner Verhaftung vor den Hohen Rat geführt wurde, hatte es – wenn man die Bibelstellen zugrunde legt – nicht den Anschein, als könnte der Hohe Rat mit einer fertigen Anklageschrift den Prozess gegen Jesus beginnen lassen.

 

Bei Matthäus 26,57-68 ist zu lesen:

 

‚Nach der Verhaftung führte man Jesus zum Hohenpriester Kajaphas, bei dem sich die Schriftgelehrten und die Ältesten versammelt hatten…. Die Hohenpriester und der ganze Hohe Rat bemühten sich um falsche Zeugenaussagen gegen Jesus, um ihn zum Tod verurteilen zu können. Sie erreichten aber nichts, obwohl viele falsche Zeugen auftraten. Zuletzt kamen zwei Männer und behaupteten: Er hat gesagt: Ich kann den Tempel Gottes niederreißen und in drei Tagen wieder aufbauen. Da stand der Hohepriester auf und fragte Jesus: Willst du nichts sagen zu dem, was diese Leute gegen dich vorbringen? Jesus aber schwieg.

 

Darauf sagte der Hohepriester zu ihm: Ich beschwöre dich bei dem lebendigen Gott, sag uns: Bist du der Messias, der Sohn Gottes? Jesus antwortete: Du hast es gesagt. Doch ich erkläre euch: Von nun an werdet ihr den Menschensohn zur Rechten der Macht sitzen und auf den Wolken des Himmels kommen sehen. Da zerriss der Hohepriester sein Gewand und rief: Er hat Gott gelästert! Wozu brauchen wir noch Zeugen? Jetzt habt ihr die Gotteslästerung selbst gehört. Was ist eure Meinung? Sie antworteten: Er ist schuldig und muss sterben.‘

 

Da also offensichtlich bis zur Verhaftung Jesu unter den Ältesten keine Einigkeit darüber bestand, was man eigentlich Jesus vorwerfen wolle und aufgrund welcher Anklage er den Tod verdient habe, hätte Judas als Vertrauter Jesu durchaus auch Hinweise darüber liefern können, aufgrund welcher Äußerungen glaubhaft Jesu der Prozess gemacht werden könne.

 

Legt man also die vier Evangelien zugrunde, gibt es wenige schlüssige Argumente dafür, dass Judas aus Geld- und Habgier Jesus verraten hatte. Nachdem man aber Judas als Verräter gebrandmarkt hatte, lag es nahe, im Nachhinein ihm alle möglichen Schandtaten zuzutrauen. Wenn er schon für lächerliche 30 Silberstücke Jesus verrät, dann kann man ihm auch zutrauen, dass er als Kassenwart der Jünger auch bisher schon die ihm anvertrauten Gelder veruntreut hat. Man traut es ihm zu und aus der Möglichkeit wird dann ohne genauen Beweis sehr schnell eine Gewissheit (ein Vorurteil).

 

Schlimmer aber als dass man Judas weiterer Schandtaten bezichtigte, war, dass mit der Zeit schon im Altertum bis zum zweiten Vatikanischen Konzil in der jüngsten Zeit Judas mehr oder weniger als Stellvertreter für alle Juden gestempelt wurde und damit ‚die Juden‘ schlechthin für den Tod Jesu verantwortlich gemacht wurden.

 

Nun wird man ganz allgemein niemals die Verurteilung einer ganzen Bevölkerungsgruppe oder sogar einer Bevölkerung insgesamt akzeptieren können. In einer Bevölkerungsgruppe gibt es immer sehr unterschiedliche Verhaltensweisen. Für die Juden zur damaligen Zeit muss jedoch festgestellt werden, dass nur eine relativ kleine Gruppe der damaligen Bevölkerung Judäas die Hinrichtung Jesu aktiv betrieb, dass wohl weit mehr als 90% der Bevölkerung nichts mit dem Leidensweg Jesu zu tun hatte.

 

Die Hinrichtung Jesu wurde einmal von der Priesterkaste, den Sadduzäern betrieben und dies waren ganze 40 Familien zur Zeit Jesu. Ein aktives Interesse an einer Verurteilung von Jesus hatten auch die Herodianer, die Anhänger des Fürsten Herodes. Beide Gruppen hatten sich mit der römischen Besatzungsmacht arrangiert, sie waren eine Art Kollaborateure. Sie anerkannten die Besatzungsmacht, waren bereit zu akzeptieren, dass in Jerusalem heidnische Götter und sogar der Kaiser selbst als Gott verehrt wurde – eigentlich für einen streng gläubigen Juden ein unerhörtes Sakrileg – sorgten dafür, dass sich das jüdische Volk den römischen Besatzern unterwarf und friedlich blieb und erhielten im Gegenzug das Recht, auch den jüdischen Gott im Tempel nach wie vor zu verehren und genossen darüber hinaus auch zahlreiche Privilegien und eingeschränkte Rechte einer Staatsmacht.

 

 

4. Handelte Judas in göttlichem Auftrag?

 

Wenden wir uns nun der zweiten These zu, nach der Judas keineswegs aus böser Absicht Jesus an die Römer ausgeliefert habe, sondern ganz im Gegenteil wesentlich dazu betrug, dass der Wille Gottes vollzogen wurde. Er stand danach mit Gott im Bunde, schlimmstenfalls war er nur ein willenloses Werkzeug Gottes, aus einer etwas für Judas freundlicheren Sicht heraus betrachtet handelte er im Auftrag Gottes, er hat sich sozusagen für das Wohl der Menschen geopfert und das schmutzige Geschäft des Verrats und damit eine Ächtung für alle Zeiten hier auf Erden auf sich genommen.

 

Ausgangspunkt dieser schwer verstehbaren Deutung der Ereignisse um Jesus ist die christliche Lehre, wonach Jesus gerade durch seinen Tod am Kreuze und durch die danach erfolgte Auferstehung am dritten Tage die Menschheit von ihren Sünden erlöst hat. Und war es danach Gottes Wille, dass er Jesus, seinen Sohn auf die Erde schickte, um dieses Werk zu vollbringen?

 

In diesem Sinne lesen wir z. B. im Hebräerbrief Kapitel 10, 11-14 von Paulus:

 

‚Jeder Priester steht Tag für Tag da, versieht seinen Dienst und bringt viele Male die gleichen Opfer dar, die doch niemals Sünden wegnehmen können. Dieser aber (Jesus) hat nur ein einziges Opfer für die Sünden dargebracht und sich dann für immer zur Rechten Gottes gesetzt; denn durch ein einziges Opfer hat er die, die geheiligt werden, für immer zur Vollendung geführt.‘

 

Oder im Römerbrief Kapitel 5,12-19 erfahren wir:

 

‚Durch einen einzigen Menschen kam die Sünde in die Welt und durch die Sünde der Tod und auf diese Weise gelangte der Tod zu allen Menschen, weil alle sündigten. …. Doch anders als mit der Übertretung verhält es sich mit der Gnade; sind durch die Übertretung des einen die vielen dem Tod anheim gefallen, so ist erst recht die Gnade Gottes und die Gabe, die durch die Gnadentat des einen Menschen Jesus Christus bewirkt worden ist, den vielen reichlich zuteil geworden..… Wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die vielen zu Sündern wurden, so werden auch durch den Gehorsam des einen die vielen zu Gerechten gemacht werden.

 

Ähnlich wird im Korintherbrief Kapitel 15,21 davon gesprochen:

 

Da nämlich durch einen Menschen der Tod gekommen ist, kommt durch einen Menschen auch die Auferstehung der Toten.‘

 

War also der Tod Jesu offensichtlich von Gott gewollt? Diese These, dass Judas im Auftrag Gottes gehandelt habe, fand dann Auftrieb, als im Jahre 2006 die amerikanische National Geographic die erstmalige Übersetzung des Judasevangeliums der Öffentlichkeit vorstellte und als die Entdeckung dieses Evangeliums in der Presse als eine Art revolutionäre Sichtweise gefeiert wurde.

 

Die Existenz einer solchen apokryphen (also nicht in den offiziellen Kanon aufgenommenen Schrift) war zwar schon dem Kirchenvater Irenäus (140 bis circa 200) und späteren Bischof von Lyon bekannt, der dann auch den in dieser Schrift verbreiteten Lehren eine klare Absage erteilt hatte, eine Verurteilung,  der auch die offizielle Kirche gefolgt war, in dem sie den Gnostizismus als Häresie verwarf.

 

Das Judasevangelium war von der gnostischen Lehre bestimmt, welche bereits in der Frühkirche das Kirchenvolk spaltete. Entsprechend dieser Lehre wurde die Welt dualistisch interpretiert: es gibt das Gute und das Böse. Die materielle Welt sei das Böse von einem Demiurgen (den Schöpfergott des Alten Testamentes!) erschaffen, das Gute sei (der göttliche Funken) in dieser Welt gefangen und müsse erlöst werden, wobei in der christlichen Variante dieser Lehre Christus die Aufgabe zufiel, diese Befreiung herbeizuführen. 

 

Judas wird nun im Judasevangelium als die Person gefeiert, die als Vertrauter Jesu dieses Erlösungswerk in Gang setzte, indem er Jesus an die Römer auslieferte. Die vollständige und nun abgeschlossene Übersetzung des Judasevangeliums hat jedoch dieser offensichtlich revolutionären Deutung der Gefangennahme Jesus und der Rolle, die Judas an diesem Geschehen übernahm, einen deutlichen Dämpfer aufgesetzt.

 

Einerseits ist Judas zwar den übrigen Jüngern überlegen und empfängt Jesu geheime Lehre. Entsprechend dem Text des Judasevangeliums hat Jesus Judas selbst aufgefordert, ihn an die römische Besatzungsmacht auszuliefern um damit den Willen Gottes zu erfüllen. Andererseits äußerte sich Jesus diesem Evangelium zufolge über Judas ausgesprochen negativ. (siehe z. B. Samuel Vollenweider Neue Zürcher Zeitung, 29. 03. 2013).

 

Fragen wir uns nun, inwieweit denn die Vorstellung, dass Judas in Wirklichkeit wesentlich dazu beigetragen hat, dass der göttliche Auftrag an Jesu erfüllt werde, mit den anderen Aussagen des Neuen Testamentes übereinstimmt. Jesus hat bekanntlich in Gleichnissen gesprochen und eines seiner bekanntesten Gleichnisse, das Gleichnis von den bösen Winzern, berichtet über die Aufgabe des Menschensohns, so wie sie von Jesus selbst verstanden wurde. Bei Markus Kapitel 12,1-12 erfahren wir:

 

‚Jesus begann zu ihnen (wieder) in Form von Gleichnissen zu reden. (Er sagte:) Ein Mann legte einen Weinberg an, zog ringsherum einen Zaun, hob eine Kelter aus und baute einen Turm. Dann verpachtete er den Weinberg an Winzer und reiste in ein anderes Land. Als nun die Zeit dafür gekommen war, schickte er einen Knecht zu den Winzern, um bei ihnen seinen Anteil an den Früchten des Weinbergs holen zu lassen. Sie aber packten und prügelten ihn und jagten ihn mit leeren Händen fort. Darauf schickte er einen anderen Knecht zu ihnen; auch ihn misshandelten und beschimpften sie. Als er einen dritten schickte, brachten sie ihn um. Ähnlich ging es vielen anderen; die einen wurden geprügelt, die andern umgebracht.

 

Schließlich blieb ihm nur noch einer: sein geliebter Sohn. Ihn sandte er als letzten zu ihnen, denn er dachte: Vor meinem Sohn werden sie Achtung haben. Die Winzer aber sagten zueinander: Das ist der Erbe. Auf, wir wollen ihn töten, dann gehört sein Erbgut uns. Und sie packten ihn und brachten ihn um und warfen ihn aus dem Weinberg hinaus.

 

Was wird nun der Besitzer des Weinbergs tun? Er wird kommen und die Winzer töten und den Weinberg anderen geben. Habt ihr nicht das Schriftwort gelesen: Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, er ist zum Eckstein geworden; das hat der Herr vollbracht, vor unseren Augen geschah dieses Wunder? Daraufhin hätten sie Jesus gern verhaften lassen; aber sie fürchteten die Menge. Denn sie hatten gemerkt, dass er mit diesem Gleichnis sie meinte. Da ließen sie ihn stehen und gingen weg.‘

 

Es ist klar: Der Weingutbesitzer ist Gott selbst, die Winzer sind die Menschen, die Knechte, welche der Weinbergbesitzer den Winzern sendet, sind die Propheten und der geliebte Sohn, den der Weinbergbesitzer schließlich zu den Winzern entsendet, ist Jesus selbst. Wenn der Weinbergbesitzer die Knechte zu den Winzern schickt, damit diese den Anteil an den Früchten des Weinbergs holen, so bedeutet dies nichts anderes, als dass Gott die Menschen an die Gebote erinnern will, die er durch Moses den Menschen auferlegt hat und dass diese Entsendung notwendig wurde, da die Menschen diese Gebote immer wieder verletzt haben.

 

Als Grund dafür, dass Gott schließlich seinen Sohn auf die Erde entsandt hat, wird in diesem Gleichnis angegeben, dass er darauf vertraute, dass die Menschen vor seinem Sohn mehr Achtung als vor den bisher gesandten Propheten hätten.

 

Vielleicht ist von genauso großer Bedeutung, dass man sich darüber klar wird, was über den Auftrag des Menschensohnes in diesem Gleichnis nicht gesagt wurde. Es ist keine Rede davon, dass der Weinbergbesitzer seinen Sohn mit dem festen Vorsatz zu den Winzern gesandt hatte, damit sein Sohn genauso getötet werde wie vorher einige seiner Knechte. Und der Umstand, dass dann die Winzer den Sohn genauso wie die Knechte getötet hatten, führte dazu, dass der Weinbergbesitzer traurig oder vielleicht wütend war und die Täter bestrafte und es ist keine Rede davon, dass der Weinbergbesitzer nun auch noch das Töten seines Sohnes als von ihm selbst gewollt und bewusst herbeigeführt ansieht.

 

Das Gleichnis fährt vielmehr fort, dass ‚der Stein, den die Bauleute verworfen haben, er ist zum Eckstein geworden; das hat der Herr vollbracht.‘ Obwohl es also rein äußerlich zunächst so aussah, als hätten die Winzer durch das Töten des Sohnes verhindert, dass der Sohn des Weinbergbesitzers seinen Auftrag erfüllen konnte, hat es – diesem Gleichnis zufolge – Gott letzten Endes doch bewirkt, dass gerade dadurch, dass Jesus nicht nur gestorben, sondern am dritten Tage wieder auferstanden ist, den Menschen der Weg gezeigt wurde, wie sie zum ewigen Leben gelangen können. Das Auferstehen, das Weiterleben in einer anderen Welt bringt die entscheidende Wendung und damit Jesus auferstehen kann, musste er zuvor Sterben.

 

Zu der These, dass Judas im Auftrag Gottes gehandelt habe, steht weiterhin die Annahme, dass Judas seine Tat bereut und durch Selbstmord seinem Leben ein Ende gesetzt hat, in krassem Widerspruch. Wie soll er eine Tat bereuen, welche er im Auftrag Gottes erfüllt hat? Und wenn man von dem Glauben ausgeht, dass es Gottes Wille war, dass Jesus gekreuzigt wurde, kann man ja auch davon ausgehen, dass dieser Auftrag an Judas erfolgreich zu Ende geführt wurde. Vor allem erwartet man von einem Gottes fürchtigen Menschen nicht, dass er sich selbst umbringt. Folgerichtig wird im Judasevangelium auch nicht davon berichtet, dass sich Judas nach seinem Verrat umgebracht habe.

 

 

5. Falsches Verständnis des Glaubens an den Messias

 

Wir wollen uns nun mit der eingangs erwähnten dritten These etwas ausführlicher befassen, wonach Judas anfangs Jesus für den Messias gehalten hatte, weiterhin von dem damals durchaus weitverbreiteten Glauben ausging, der Messias werde die Juden von der römischen Besatzung befreien, er habe jedoch in seiner Zeit als Jünger und Apostel erfahren müssen, dass Jesus überhaupt nicht willens war, zu einem Aufstand gegen die Römer aufzurufen und sich an die Spitze dieser Aufrührer zu setzen. Eine solche These findet sich z. B. in dem Buch Jesus Menschensohn von Rudolf Augstein.

 

In der Tat finden sich im Alten Testament mehrere Stellen, welche nicht nur das Erscheinen eines Messias verkünden, welche vielmehr auch ankündigen, dass dieser Messias eine Rettung des Jüdischen Volkes herbeiführe. So lesen wir z. B. bei Jesaya in Kapitel 52,1-9

 

Wach auf, Zion, wach auf, zieh das Gewand deiner Macht an! Zieh deine Prunkkleider an, Jerusalem, du heilige Stadt! Denn Unbeschnittene und Unreine werden dich nicht mehr betreten. Schüttle den Staub von dir ab, steh auf, du gefangenes Jerusalem! Löse die Fesseln von deinem Hals, gefangene Tochter Zion!

 

Wie willkommen sind auf den Bergen die Schritte des Freudenboten, der Frieden ankündigt, der eine frohe Botschaft bringt und Rettung verheißt, der zu Zion sagt: Dein Gott ist König. Horch, deine Wächter erheben die Stimme, sie beginnen alle zu jubeln. Denn sie sehen mit eigenen Augen, wie der Herr nach Zion zurückkehrt. Brecht in Jubel aus, jauchzt alle zusammen, ihr Trümmer Jerusalems! Denn der Herr tröstet sein Volk, er erlöst Jerusalem.

 

Selbst im 4. Buch Moses in Kapitel 24,17 findet sich eine Stelle, die auf das Kommen eines Messias in fernen Zeiten hinwies:

 

‚Ich sehe ihn, aber nicht jetzt; ich schaue ihn, aber nicht von nahem. Es wird ein Stern aus Jakob aufgehen und ein Zepter aus Israel aufkommen und wird zerschmettern die Schläfen der Moabiter und den Scheitel aller Söhne Sets.‘

 

Und im Buch Micha in Kapitel 5,1 findet sich ein Hinweis, dass gerade Jesus, der in nach Auskunft der Evangelien in Bethlehem geboren wurde, dieser Messias sei: 

 

‚Und du, Bethlehem Efrata, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist.‘

 

Es entsprach also der jüdischen Tradition und dem vorherrschenden Glauben vieler Juden zur Zeit Jesu, dass das Joch der Fremdherrschaft endgültig aufgehoben werde, wenn der Messias, welcher dem Hause David entstammt, erscheine.

 

In diesem Zusammenhang muss auch die Rolle der Zeloten erwähnt werden. Die Zeloten waren eine innerjüdische radikale Bewegung, welche sich während der Regierungszeit Herodes des Großen gebildet hatte und welche zum offenen Aufstand gegen die Römer aufgerufen hatte. Sie sahen in der Anerkennung des heidnischen römischen Kaisers einen Verstoß gegen die Gebote Gottes. Der Aufstand der Zeloten zur Zeit Jesu wurde relativ schnell von den Römern niedergeschlagen. Später waren dem Historiker Flavius Josephus zufolge die Zeloten auch an der jüdischen Rebellion im Jahre 66-70 n. Chr. und bei der Verteidigung der Festung Masada beteiligt. Diese Rebellion wurde dann von den Römern unter Titus niedergeschlagen und endete mit der Zerstörung des Tempels von Jerusalem.

 

Aufgrund des Beinamens „Iskariot“, der von dem Wort „Sikarier“ abgeleitet werden kann, was Messerstecher oder Dolchträger bedeutet, wird von Judas oftmals angenommen, er sei  Mitglied der Zeloten gewesen, bevor er sich Jesus angeschlossen hatte. In diesem Falle wäre es verständlich gewesen, dass sich Judas vor allem deshalb den Jüngern Jesu angeschlossen habe, weil er Jesus als Messias und Befreier von der römischen Gewaltherrschaft gehalten hatte.

 

Folgt man dieser Deutung, so wird Judas während seiner Zeit als einer der zwölf Apostel allmählich klar geworden sein, dass Jesus keinesfalls die Absicht hatte, entsprechend dieser Auffassungen über die Aufgabe des Messias zum Aufstand gegen die Römer aufzurufen.

 

Dass sich Judas erst relativ spät am Ende der Wanderjahre Christi zu dieser Erkenntnis und zu seinem Entschluss, Jesus den Römern auszuliefern, durchgerungen hatte, mag noch erklärt werden können. Ein erfolgreicher Aufstand wird erst dann möglich sein, wenn sich genügend Jünger um Jesus geschart haben. Auch gewisse Äußerungen Jesu scheinen diese Ansicht zu unterstützen: Nach Johannes Kapitel 7,6 sagte Jesus zu ihnen (seinen Jüngern):

 

‚Meine Zeit ist noch nicht gekommen, für euch aber ist immer die rechte Zeit.‘

 

Nachdem nun Jesus auf einer Eselin in Jerusalem einzog und eine große Schar von Anhängern Jesus feierte, war offensichtlich für Judas zweierlei klar: Auf der einen Seite bekannte sich nun eine große Schar von Juden zu Jesus und diese wären also sicherlich bereit gewesen, sich mit Jesus an einem Aufstand gegen die Römer zu beteiligen, auf der anderen Seite war schon der äußere Umstand, dass Jesus nicht auf einem Schlachtross wie die Römer, sondern auf einer als friedfertig geltenden Eselin in Jerusalem einzog, Beweis genug, dass von Jesus nicht mehr erwartet werden konnte, dass er zur offenen Rebellion gegen die Römer aufrufen würde.

 

Es ist dann nur konsequent, wenn sich Judas von Jesus abwandte und nicht mehr Jünger Jesu sein wollte. Ist es aber auch verständlich, dass Judas deshalb Jesus an die Römer auslieferte? Nach Sachlage musste er davon ausgehen, dass dieser Schritt  notwendigerweise zur Hinrichtung Jesu führen musste. Die jüdischen Hohenpriester und Ältesten wollten seinen Tod, da sie sich von den Lehren Jesu bedroht fühlten, die Römer hingegen ließen jeden kreuzigen, welcher zur Rebellion aufrief und ein Mensch, der als Messias gefeiert wurde, war in den Augen der Römer jemand, dessen vorrangiges Ziel darin bestand, die römische Fremdherrschaft abzuschütteln.

 

Eine Auslieferung Jesu an die Römer wäre eigentlich nur dann verständlich gewesen, wenn Jesus das Zusammengehen der Sadduzäer und Herodianer mit der römischen Besatzungsmacht und das ausdrückliche Dulden einer Verehrung heidnischer Götter in Jerusalem verteidigt hätte. Das war aber nicht der Fall. Jesus geißelte das Verhalten der jüdischen Behörden, wenn auch vielleicht aus anderen Gründen als die Zeloten. Auf die Frage nach der Berechtigung römischer Steuern antwortete Jesus nach Matthäus Kapitel 22,21 ja nicht nur: ‚So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört‘, sondern er fügte hinzu ‚und Gott was Gott gehört‘.

 

Auch dann, wenn Jesus nicht Judas Messiashoffnung erfüllte, so verfolgte Jesus dennoch durchaus auch gleiche Ziele wie die Zeloten und wohl auch Judas, nämlich sich insbesondere für die Armen und Kranken einzusetzen. Die Haltung Jesu zu den Armen kommt in der Aussage Jesu in Matthäus Kapitel 25, 37-40 deutlich zum Ausdruck:

 

‚Dann werden ihm die Gerechten antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen gegeben, oder durstig und dir zu trinken gegeben? Und wann haben wir dich fremd und obdachlos gesehen und aufgenommen, oder nackt und dir Kleidung gegeben? Und wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? Darauf wird der König ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.‘

 

Dass es auch Judas darum ging, sich für die Armen und Kranken einzusetzen, ist z. B. bei Johannes Kapitel 12,5  angedeutet:

 

‚Doch einer von seinen Jüngern, Judas Iskariot, der ihn später verriet, sagte: Warum hat man dieses Öl nicht für dreihundert Denare verkauft und den Erlös den Armen gegeben?‘

 

Allerdings fügte Johannes in seinem Evangelium hinzu, dass Judas nur vorgegeben hätte, ein Herz für die Armen zu haben.

 

Eher verständlich wird das Motiv von Judas zur Überlieferung Jesu an die jüdische Kirchenbehörde und an die Römer dann, wenn man Judas unterstellt, dass er mit dieser Handlung gar nicht die Absicht hatte, dass Jesus tatsächlich abgeurteilt und hingerichtet werden sollte, sondern dass er auf diese Weise Jesus zwingen wollte, sozusagen Farbe zu bekennen und sich offen als Messias zu bekennen und zum Aufstand gegen die Römer aufzurufen. Werde nämlich Jesus angegriffen und werde versucht, ihn zu verhaften, bliebe Jesus nach der hier Judas unterstellten Vorstellung gar nichts anderes übrig, als sich mit Waffengewalt zu verteidigen und damit eine Rebellion auszulösen. Judas ging nach dieser Interpretation keinesfalls davon aus, dass Jesus sich kampflos ergeben könnte und deshalb verurteilt und hingerichtet werden könnte.

 

Und weil dieses Vorhaben dann doch gescheitert war, da Jesus jegliche Verteidigung ablehnte (‚Steck dein Schwert in die Scheide; denn alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen.‘   Matthäus Kapitel 26,52), habe sich Judas aus Verzweiflung das Leben genommen.

 

Gegen eine solche Interpretation spricht allerdings der Umstand, dass sich Judas entschieden hatte, der jüdischen Kirchenbehörde ausgerechnet einen Ort und eine Zeit zur Verhaftung Jesu zu benennen, an dem bzw. an der Jesus nur von dem engsten Kreis seiner Jünger umgeben war und deshalb jeder Versuch einer Verteidigung von vornherein zum Scheitern verurteilt war. Aus der Sicht der verhaftenden Juden und Römer war dies zwar ein ausgesprochen guter Platz, aber wenn es – wie in dieser dritten These unterstellt wurde –, darum ging, Jesus zum Aufstand zu ermutigen, war es ein denkbar schlechter Platz.

 

 

6. Der Verrat des Judas im Vergleich zum Verrat des Petrus

 

(Da dieser Vergleich zwischen den Verfehlungen des Petrus und des Judas auch bereits im vorhergehenden Kapitel behandelt wurde, wurde er nur für diejenigen wiederholt, welche das Kapitel über Petrus nicht gelesen haben.)

 

Bisweilen – so etwa bei Heinrich Böhl und Pinchas Lapide – wird moniert, dass man in den offiziellen Verlautbarungen der christlichen Kirchen Judas mit seinem Verrat an Jesu nicht gerecht geworden sei. Während der Verrat des Petrus als Bagatelle abgetan werde, verfalle Judas der denkbar höchsten Verurteilung.

 

Ich bezweifle, dass durch diesen Vergleich wirklich die Handlungen oder Untaten beider Apostel in das richtige Licht gerückt werden können. Versuchen wir doch diese beiden Handlungen eines Verrats mit den gleichen Prinzipien zu beurteilen, welche in den modernen Rechtsstaaten bei der Aburteilung von Straftaten angewandt werden.

 

Als erstes hängt die bewertende Einstufung einer Handlung von der Schwere des Schadens ab, den diese Tat verursacht hat. Es ist klar, dass ein Kapitalverbrechen wie z. B. das Tötungsdelikt schwerer wiegt und deshalb auch eine größere Strafe zur Folge hat als z. B. der Diebstahl eines relativ geringen Vermögenswertes. Aus der Sicht dieses Kriteriums hat der Verrat des Judas zur Folge gehabt, dass Jesus nicht nur verhaftet, sondern schließlich zum Tode – sogar zu einem besonders grausamen Tode verurteilt wurde –, obwohl der Vorwurf, Jesu habe einen Umsturz geplant, nicht bewiesen werden konnte. Petrus hingegen hat durch seine Verleugnung Jesu gegenüber einer Magd im Vorhofe des Hohenpriesters Kaiphas allenfalls sich selbst geschadet, er hat durch seine Aussage, diesen Menschen nicht zu kennen, vor allem Jesus selbst nicht geschadet, der Tod war bei der Verhaftung Jesu schon beschlossene Sache, auch wird eine Äußerung, welche ganz inoffiziell in einem Vorhof gegenüber einer Person gemacht wurde, welche keinerlei Einfluss auf das Prozessverfahren hat, keinerlei Wirkung herbeiführen können.

 

Im Rahmen der Rechtssprechung eines Rechtsstaates ist zweitens von entscheidender Bedeutung, ob eine Handlung geplant und bewusst herbeigeführt wird oder ob sie unbeabsichtigt nur aus dem Zusammenwirken vieler Zufälligkeiten erfolgt ist. Es ist klar, dass ein geplanter Totschlag, also ein Mord sehr viel stärker wiegt und mit einer wesentlich höheren Strafe geahndet wird als ein Totschlag, der gar nicht gewollt war und nur dadurch zustande kam, dass sich der Täter einem Angriff zu erwehren versuchte.

 

Judas Tat war eindeutig geplant und überlegt. Er hatte mit Vertretern der jüdischen Kirchenbehörde ausgemacht, sie zwecks Verhaftung an den Aufenthaltsort zu führen. Petrus Verrat erfolgte aber eindeutig spontan. Petrus war wie die anderen Jünger, welche sich bei der Verhaftung Jesu in seiner Nähe aufgehalten hatten, panisch geflohen und hatte in diesem Zustand auf eine Frage einer Magd im Vorhof von Kaiphas wohl aus Angst ausgerufen, dass er diesen Menschen (gemeint war Jesus) nicht kenne. Die dreifache Leugnung war somit sicherlich nicht geplant. Insofern ist auch unter diesem zweiten Gesichtspunkt der Verrat des Petrus nicht mit dem Verrat des Judas zu vergleichen.

 

Bei der Strafzumessung wird in einem Gerichtsverfahren eines modernen Rechtsstaates drittens auch nach mildernden, den Strafumfang mindernden Umständen gefragt. So wird ein Täter, welcher  glaubhaft seine Tat bereut mit einem geringeren Strafmaß belegt als ein Angeklagter, welcher verstockt bleibt und nicht bereit ist, seine Schuld einzugestehen.

 

Nun haben offensichtlich beide ‚Verräter‘ Reue gezeigt. Über Petrus erfahren wir bei Matthäus Kapitel 26,75: 

 

‚Petrus erinnerte sich an das, was Jesus gesagt hatte: Ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Und er ging hinaus und weinte bitterlich.‘

 

Über Judas erfahren wir bei Matthäus Kapitel 27,3-10:

 

‚Als nun Judas, der ihn verraten hatte, sah, dass Jesus zum Tod verurteilt war, reute ihn seine Tat. Er brachte den Hohenpriestern und den Ältesten die dreißig Silberstücke zurück und sagte: Ich habe gesündigt, ich habe euch einen unschuldigen Menschen ausgeliefert.‘

 

Zumindest nach christlichem Verständnis reicht es nicht aus, dass ein sündiger Mensch in dem Sinne bereut, dass er einräumt, in der Vergangenheit einen Fehler, eine Sünde begangen zu haben. Zu jeder echten Reue gehört die Bereitschaft, umzukehren und alles mögliche daran zusetzen, dass er in Zukunft mit diesen Sünden nicht mehr fortfährt. Dies bedeutet nicht, dass eine Reue nicht schon dann unglaubhaft war, wenn der Sünder in Zukunft wiederum sündigt; aber es bedeutet, dass der Einzelne alles für ihn mögliche tun muss, um möglichen Versuchungen in Zukunft auszuweichen.

 

Gemessen an diesem Kriterium war Petrus nach seiner Reue bereit, während seines gesamten folgenden Lebens sich offen zu Jesus zu bekennen, auch dann noch, als er wegen dieses Bekenntnisses zunächst von den jüdischen Behörden, später in Rom von den römischen Machthabern verfolgt wurde und schließlich wie Jesus seinen Glauben mit dem Tod bezahlen musste.

 

Von Judas hingegen erfahren wir bei Matthäus Kapitel 27,5:

 

‚Da warf er die Silberstücke in den Tempel; dann ging er weg und erhängte sich.‘

 

 Offensichtlich hatte er sich nach seiner Reue nicht mehr für Jesus und seine Lehre eingesetzt, er beging Selbstmord, eine Tat, welche niemand zugute kam oder zur Verbreitung der Lehre Jesu beigetragen hätte. Auch entspricht es christlichem Glauben, dass das Leben heilig ist und dass deshalb niemand berechtigt ist, fremdes, aber auch nicht das eigene Leben zu beenden. Nach diesem Verständnis folgte also auf die Reue eine weitere sündige Tat.

 

Die hier behandelte Kritik an der offiziellen Bewertung der Tat des Judas bemängelt auch, dass die offizielle Kirche die Vergebung der Sünden dem Menschen Judas verweigere, die eigentlich nach christlicher Lehre allen Menschen, auch wenn ihre Schuld noch so schwer wiegen sollte, von Gott angeboten worden sei.

 

Wenn Jesus, der nicht nur wahrer Mensch, sondern auch zugleich göttlichen Ursprungs ist, so wie wir Christen glauben zu Unrecht gekreuzigt wurde, so ist es weniger Sache der Menschen, demjenigen zu verzeihen, der durch seinen Verrat zur Hinrichtung beigetragen hat, sondern allein Sache des gekreuzigten Jesus. Jesus aber hatte, als er bereits am Kreuze hing, für diejenigen, welche ihn hingerichtet haben, gebetet:

 

‚Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.‘ (Lukas Kapitel 23,34).

 

Zu denjenigen, für welche Jesus hier gebetet hatte, gehörten sicherlich nicht nur die Soldaten, welche die Kreuzigung durchführten, der römische Statthalter und die Ältesten der Juden, welche diese Hinrichtung beschlossen hatten, sondern alle, welche zu dieser Hinrichtung beigetragen haben und damit auch Judas.