Startseite

 

 

Berühmte Irrtümer Teil II

 

 

Gliederung:

 

  1. Inflation Voraussetzung für Konjunkturbelebung?

  2. Macht Reichtum wirklich glücklich?

  3. Sicherheit durch Überwachung und korrektes Verhalten?

  4. Moralisches Handeln stets im Interesse jedes einzelnen?

  5. Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch den Verstand

  6. Lügen haben kurze Beine

  7. Abschreckungsstrategie verhindert Atomkrieg?

  8. Rationale Entscheidung stets besser als Intuition?

  9. Bilder lügen nicht

10. Wo Rauch, da Feuer

11. Angriff ist die beste Verteidigung

12. Recht auf Waffe erhöht die Sicherheit

 

Kapitel 11: Angriff ist die beste Verteidigung

 

 

Gliederung:

 

1. Das Problem

2. Verschiedene Grade der Aggression

    a) Aufrüstung

    b) Drohung

    c) Angriff

3. Warum diese Rechtfertigung

4. Warum soll Angriff beste Verteidigung sein?

 

 

 

1. Das Problem

 

Machthaber und Kriegsherren haben in der Vergangenheit wiederholt ihren Angriff auf ein benachbartes Land vor der Öffentlichkeit damit gerechtfertigt, dass dieses Land eine Aggression plane und dass man diesem Vorhaben des Feindes am besten damit begegnet, dass man dem Gegner zuvor kommt und ihn angreift und damit eine bessere Ausgangssituation erreichen kann.

 

Ein Beispiel für ein solches Verhalten war der Krieg, den Hitler 1939 gegen Polen startete und damit den Auftakt zum zweiten Weltkrieg gab. Am 1. September 1939 verkündete Hitler vor dem Reichstag, dass Polen begonnen habe, Deutschland anzugreifen und dass deshalb „seit 5 Uhr 45 zurückgeschossen!“ werde. Heute wissen wir, dass Polen weder mit den kriegerischen Handlungen begonnen hatte noch dass es die Absicht hatte, Hitler-Deutschland anzugreifen.

 

Peinlich war nur, dass in Wirklichkeit bereits deutsche Truppen mit der Beschießung polnischer Gebiete zu einem Zeitpunkt begonnen hatten, bevor entsprechend den Aussagen Hitlers vor dem Reichstag die Polen angeblich mit den kriegerischen Handlungen begonnen haben sollen.

 

Wir wollen in diesem Kapitel diese Meinungen, dass man durch eigenen Angriff einem feindlichen Angriff zuvorkommen und den wahren Aggressor auf diesem Wege schlagen könne, hier aufgreifen. Zwei Fragen stehen hierbei zur Diskussion.

 

Als erstes gilt es zu klären, warum die eigentlichen Aggressoren dieser zumeist ohnehin falschen Begründung ihres Handelns überhaupt bedürfen, warum sie nicht ihre aggressiven Handlungen als das ausgeben, was sie sind, nämlich eine Aggression. Schließlich waren in der Vergangenheit wiederholt Aggressoren ohne Rechtfertigungen in fremdes Land eingefallen, warum also muss vor der Öffentlichkeit ein solches Verhalten mit fadenscheinigen Argumenten begründet werden?

 

Als zweite Frage soll untersucht werden, wieweit denn diese These, Angriff sei die beste Verteidigung, der Wirklichkeit entspricht. Stimmt es wirklich, dass dann, wenn ein Land einer befürchteten Aggression dadurch zuvorkommt, dass es selbst den vermuteten Angreifer angreift, sich in jedem Falle oder auch in der Mehrzahl der Fälle besser stellt, als wenn es erst dann mit kriegerischen Handlungen beginnt, wenn es bereits angegriffen wurde?

 

Wir werden sehen, dass die Beantwortung dieser beiden Fragen von verschiedenen Voraussetzungen abhängt und dass es deshalb keineswegs sicher ist, dass in jedem Falle ein Angriff für dieses Land selbst und auch im Hinblick auf das Wohl der Staatengemeinschaften insgesamt einem Verhalten vorzuziehen ist, bei dem erst dann zu Gegenschlägen gegriffen wird, wenn das Land angegriffen wurde.

 

Bevor wir jedoch mit der Analyse dieser beiden Fragen beginnen, wollen wir mit einer Einteilung möglicher aggressiver Handlungsweisen starten, so wie sie im Rahmen der Konflikttheorie allgemein vorgenommen wird.

 

 

2. Verschiedene Grade der Aggression

    a) Aufrüstung

 

In der Konflikttheorie unterscheidet man nach dem Umfang der Bedrohung verschiedene Grade der Aggression. Den geringsten Grad nimmt die Aufrüstung ein. Man bewaffnet sich also, um gegen mögliche Angriffe eines äußeren Angreifers gewappnet zu sein. Oder um ein zweites Beispiel aus dem Bereich der Tarifverhandlungen zu nennen, die Gewerkschaften legen einen Streikfonds an, der sie in die Lage versetzt, gegebenenfalls einen Streik auszurufen und die Durchführungskosten eines Streikes zu übernehmen sowie die Auszahlung eines Streikgeldes an die streikenden Mitglieder vorzunehmen.

 

Diese erste Stufe einer Aggression hat den Vorteil, dass hier keinerlei Drohungen ausgesprochen werden müssen. Allein der Umstand, dass die Gewerkschaft (oder im ersten Beispiel der Staat) in der Lage ist, sich gegen Angriffe zu wehren oder vielleicht sogar den Gegner als ersten anzugreifen, wirkt wie eine Drohung, sie ist dem potentiellen Feind bewusst und es besteht die Hoffnung, dass diese Tatsache allein ausreicht, um den Gegner zu veranlassen, auf aggressive Akte zu verzichten oder sogar auf die Forderungen ohne Gegenwehr einzugehen.

 

Der Vorteil dieser ersten aggressiven Stufe liegt vor allem darin, dass offene Drohungen als solche fast immer das politische Klima vergiften. Auch Politiker oder Gewerkschaftsfunktionäre sind Menschen mit all ihren Schwächen und dies bedeutet, dass durch die gegenseitigen Beschimpfungen vor möglichen Verhandlungen Misstrauen entsteht, was mögliche friedliche Verhandlungen erschwert. Gerade von Diktatoren ist bekannt, dass sie besonders misstrauisch sind und sich gerade deshalb oftmals irrational verhalten und auch dort aggressive Handlungen begehen, wo sie aus eigenem Interesse eigentlich bei friedlichen Verhandlungen auch für das eigene Land  mehr erzielt hätten.

 

Obwohl also diese erste Stufe der Bedrohung noch den geringsten Umfang an Aggressivität aufweist, besteht auch bei ihr bereits die Gefahr, dass der Frieden ernsthaft bedroht wird und dass eines Tages ein offener Kampf ausbricht.

 

Denn der Umstand, dass sich der eine Gegner eine Verteidigungsmacht aufgebaut hat, veranlasst den anderen Gegner, ebenfalls gleichzuziehen und möglichst eine gleich große Gegenmacht zu errichten. Der Umstand, dass der potentielle Gegner aufgerüstet hat, bedeutet ja für den jeweils anderen Gegner die Gefahr, dass dieser eines Tages einen Angriffskrieg beginnt. Die Erhaltung des Friedens ist nur dann einiger Maßen garantiert, wenn das eigene Land eine etwa gleichgroße Verteidigungsmacht aufweist und der potentielle Gegner befürchten muss, bei einem Erstschlag unter Umständen den Kampf auch zu verlieren.

 

Entscheidend ist hierbei, dass die eigentliche Stärke weniger von dem absoluten Umfang der Waffen als vielmehr von dem Verhältnis der eigenen Machtbasis im Vergleich zur Machtbasis des potentiellen Gegners abhängt.

 

Dieser Zusammenhang bringt es dann auch mit sich, dass in dem Maße, in dem der eine Gegner seine Macht durch Aufrüstung vergrößert, der andere sich gezwungen sieht, nachzuziehen. Es kommt dann in Wirklichkeit zum Wettrüsten.

 

Unter gewissen Bedingungen bestehen aber durchaus Chancen, dass dieses Wettrüsten beendet wird. Denn, wenn die eigene Macht in erster Linie von dem relativen und nicht dem absoluten Umfang der Streitmacht abhängt, würden zwei Gegner sich nicht schlechter stellen, wenn sie in gleichem Umfang abrüsten würden.

 

Sie würden sich sogar in diesem Falle besser stellen, da ja jede Aufrüstung mit Kosten verbunden ist und dies bedeutet, dass in dem Umfang, in dem man mehr materielle Mittel für die Aufrüstung einsetzt, andere Projekte der Regierung aufgegeben werden müssen.

 

Die Machtposition eines Machthabers hängt aber nicht nur von seiner Machtposition gegenüber anderen Ländern ab, sondern auch von der Akzeptanz, über welche der Machthaber im eigenen Land verfügt. Diese wird aber entscheidend davon bestimmt, wie viel Ressourcen zugunsten der eigenen Bevölkerung aufgewandt werden.

 

Aus diesem Grunde hat auch ein an und für sich aggressiver Machthaber durchaus ein Interesse an einer wechselseitigen Abrüstung. Denn sofern nur beide Gegner gleichmäßig abrüsten, verringert sich ihre Machtposition gegenüber dem Ausland nicht, gleichzeitig kann der jeweilige Machthaber die frei gewordenen materiellen Mittel dafür einsetzen, die eigene Bevölkerung durch Wohltaten stärker an sich zu binden.

 

Allerdings ist die Chance, dass zwei Gegner zur wechselseitigen Abrüstung auch wirklich bereit sind, um so geringer, je mehr potentielle Gegner es gibt. Wenn nur zwei Großmächte sich gegenseitig bedrohen, besteht die Chance, dass es tatsächlich zum Abrüsten kommt. Jeder weiß, dass eine Abrüstung nicht nur ihm, sondern auch dem Gegner nützt und vertraut gerade deshalb auch darauf, dass der Gegner ihn nicht hintergeht.

 

Die Situation sieht ganz anders aus, wenn eine Vielzahl von potentiellen Gegnern besteht. Nicht nur, dass hier multinationale Verhandlungen stattfinden müssen und dieser Umstand allein die Chance einer Einigung vermindert. Entscheidend ist, dass stets die Gefahr besteht, dass neue Feinde auftauchen, welche das Machtvakuum ausnützen werden, um eine neue Angriffsmacht aufzubauen.

 

Diese Gefahr besteht vor allem auch im Hinblick auf ein Abrüsten in der Bedrohung durch das Atompotential. Auch hier können wir davon ausgehen, dass eine massive Abrüstung im Interesse der beiden Großmächte USA und Russland durchaus im Interesse beider Nationen liegt oder lag.

 

Trotzdem wird es niemals zu einer vollkommenen Abrüstung des atomaren Materials kommen. In der Zwischenzeit gibt es bereits so viele Atommächte, dass stets befürchtet werden muss, dass einer der vielen kleinen Atommächte ausschert und nicht abrüstet, vielleicht sogar aufrüstet.

 

In Anbetracht dessen, dass beim Zusammenbruch der Sowjetunion einiges Atommaterial verschwunden ist, besteht sogar die Gefahr, dass einige Terroristen über dieses Material verfügen und dann, wenn die Großmächte tatsächlich ihr gesamtes Atommaterial vernichtet hätten, die Regierungen der ganzen Welt bedrohen und erpressen würden.

 

De facto bedeutet dies, dass zwar ein gewisser gegenseitiger Abbau des vorhandenen Atommaterials stattfindet, einfach deshalb, weil die beiden Großmächte über soviel Atommaterial verfügen, dass sie ihre Gegner ohnehin mehrfach vernichten könnten.

 

Für Aufrechterhaltung der Abschreckung reicht es aber durchaus aus, den potentiellen Gegner auch dann vernichten zu können, wenn er einen Erstschlag unternehmen würde. Und diese Möglichkeit wäre immer noch gegeben, wenn jede Großmacht die jeweils andere (nur) einmal vernichtend schlagen könnte.

 

Aufgrund dieser Gefahr werden die beiden Großmächte keinesfalls ihre gesamte Atommacht vernichten und aufgrund der aufgezeigten verheerenden Gefahren wäre eine totale Vernichtung des Atommaterials noch nicht einmal erwünscht.

 

In den letzten Jahren wurde die Abrüstungsphase von einer erneuten Aufrüstungsphase abgelöst. Der Grund hierfür lag vor allem darin, dass neue Technologien der Abwehr von atomaren Angriffen entwickelt wurden.

 

Durch Installierung solcher Abwehrraketenbasen versuchen die Staaten ihre Chance zu verbessern, Angriffe auch dadurch zu verhindern, dass etwaige feindliche Raketen abgeschossen werden können, bevor sie ihr Ziel erreichen.

 

Aber gerade diese Bemühungen führen zu einem erneuten Wettrüsten, da ja auf der einen Seite der Erfolg der bisherigen atomaren Systeme vermindert wird und da auf der anderen Seite gleichzeitig die neuen Raketenbasen selbst wiederum für erneute Angriffe eingesetzt werden können.

 

Eine echte Chance für eine Sicherheit vor atomaren Angriffen wäre nur dann gegeben, wenn Abwehrsysteme entwickelt würden, welche nur für Verteidigungs-, nicht aber für Angriffszwecke eingesetzt werden können. Wenn es z. B. gelänge, in das Steuerungssystem der feindlichen Raketen einzudringen und die Richtung der abgefeuerten Raketen so umzulenken, dass die Raketen das Land des Aggressors vernichten, würde jede Atommacht ihr Interesse an einem atomaren Erstschlag verlieren.

 

Selbst dann, wenn ein solches Verteidigungssystem nicht 100% sicher wäre – und dies kann keine Technologie garantieren – wäre die Wahrscheinlichkeit der eigenen Vernichtung doch so groß, dass Erstschläge zumindest bei rationalem Verhalten unterbleiben würden.

 

 

    b) Drohung

 

Einer etwas stärkere Bedrohung liegt vor, wenn der potentielle Angreifer seinem Gegner offen mit Worten droht. Hierbei besteht die Drohung darin, dass man den Gegner auffordert, etwas zu tun oder zu unterlassen und ihm mit einem Angriff droht, falls er nicht bereit ist, auf diese Drohung einzugehen und das geforderte Verhalten einzulösen.

 

Die offen ausgesprochene Drohung stellt sicherlich einen stärkeren Umfang aggressiven Verhaltens dar als die bloße Aufrüstung. Bleibt es bei der Aufrüstung, so liegt zwar eine versteckte Drohung vor. Aber gerade deshalb, weil die Drohung im zweiten Fall offen ausgesprochen und präzisiert wird, steigt die Gefahr einer kriegerischen Auseinandersetzung. Im Gegensatz zur Aufrüstung wird hier auf der einen Seite präzisiert, welches Verhalten vom Gegner gefordert wird, auf der anderen Seite wird auch bestimmt zum Ausdruck gebracht, mit welchen Folgen der Gegner rechnen muss, falls dieser sich der Forderung widersetzt.

 

Ein weiterer Unterschied zur bloßen Aufrüstung liegt darin, dass eine offene Drohung das wechselseitige Klima zwischen beiden Gegnern vergiftet. Wenn wir auf beiden Seiten ein vollkommen rationales Verhalten unterstellen könnten, dürfte zwar der Umstand, dass scharfe Worte gewechselt wurden, keinen Einfluss auf das dann folgende Handeln haben. Aber in der Realität müssen wir davon ausgehen, dass auch die Machthaber menschliche Schwächen aufweisen und sich von den Beleidigungen der Gegenseite in ihrem Handeln beeinflussen lassen.

 

Auf jeden Fall können wir davon ausgehen, dass eine friedliche Lösung der zwischen zwei Ländern aufgetretenen Probleme erschwert wird, da solche Übereinkommen gegenseitiges Vertrauen voraussetzen, was bei zuvor geäußerten Drohungen zumindest verringert wird.

 

Im Allgemeinen geht natürlich der Drohende von der Annahme aus, dass der Bedrohte aufgrund der ausgesprochenen Drohung eingeschüchtert wird und aus Angst klein nachgeben wird. Und in diesem Falle hätte sich ja die offen ausgesprochene Drohung für den Drohenden gelohnt.

 

Aber im Allgemeinen reagieren die Bedrohten nicht auf diese Weise und geben auch nicht klein bei. Auch hier müssen wir davon ausgehen, dass die Bedrohten nicht immer vollkommen rational handeln, also wenn sie schwächer als die Drohenden sind, in ihrem Verhalten einlenken. Dieses Einlenken wird zumeist als nationale Demütigung empfunden und es wird mit gleicher Münze auch dann zurückgezahlt, wenn es rational betrachtet dem Bedrohten geringere Einbußen bringen würde, wenn er auf die Forderung des Drohenden eingehen würde.

 

Nun wird oftmals davon ausgegangen, dass bellende Hunde gewissermaßen nicht beißen, dass also der Drohung keine Taten folgen. Aber ein solches Verhalten kann sich der Drohende gar nicht leisten. Eine Drohung ist nur in dem Maße glaubwürdig, wie sie auch gegebenenfalls, wenn also der Bedrohte auf die Drohung nicht eingeht, realisiert wird.

 

Der Drohende kann es sich gar nicht erlauben, immer wieder Drohungen auszusprechen, die zu keinen Taten führen. Je häufiger Drohungen nicht wahr gemacht werden, um so geringer ist die Wirkung dieser Drohung, das drohende Schwert wird also in diesem Falle stumpf.

 

Und dieser Zusammenhang gilt sogar für die Aufrüstung. Wenn ein Machthaber zwar ‚bis zu seinen Zähnen‘ bewaffnet ist, aber noch nie diese Macht auch angewandt hat, besteht ebenfalls die Gefahr, dass sich die Gegenseite auch gar nicht mehr von dieser verstecktem Drohung beeindrucken lässt. Da dieser noch nie zugeschlagen hatte, traut man ihm auch gar nicht mehr zu, dass er im Ernstfall von dieser Waffe Gebrauch macht.

 

Gerade um dies zu verhindern, sehen sich Machthaber oftmals veranlasst, auch dann loszuschlagen oder zumindest mit den Waffen zu rütteln, wenn diese aggressive Haltung gar nicht notwendig wäre. Er tut dies, um sicher zu stellen, dass er im Ernstfall auch in der Lage ist, seine Interessen notfalls auch mit seinen Waffen durchzusetzen.

 

 

    c) Angriff

 

Der stärkste Grad einer Aggression besteht schließlich darin, dass ein Gegner angegriffen wird. Es gibt jedoch sehr unterschiedliche Begründungen und Rechtfertigungen dieser Form einer Aggression. Allgemeine Akzeptanz ist zu erwarten, wenn ein Land von außen angegriffen wird und wenn es seine Streitmacht lediglich dafür einsetzt, um sich gegen diesen Angriff zu wehren.

 

Weniger Zustimmung finden kriegerische Handlungen allerdings dann, wenn eine übergeordnete Instanz Strafmaßnahmen durchführt, da sich ein Teilstaat nicht an die Vereinbarungen gehalten hat und wenn sich das so bestrafte Land gegen diese Maßnahmen kriegerisch zur Wehr setzt.

 

Denken wir zu. B. daran, dass ein Mitglied der Europäischen Währungsunion seine Verpflichtungen nicht eingehalten hat und sich in stärkerem Maße als 3% des Inlandsproduktes verschuldet hat und wenn nun die europäischen Behörden wegen dieses Vergehens Strafmaßnahmen eventuell sogar unter Einsatz von Polizeigewalt durchzuführen beschlossen hätten, das aber die Polizei oder auch das Militär des zu bestrafenden Landes die europäischen Behörden an der Durchführung dieser Maßnahmen hindern würde.

 

Oder nehmen wir als zweites Beispiel, dass irgendwo auf der Welt kriegerische Kämpfe stattfinden und dass der Sicherheitsrat der UNO beschließen würde, eine der Großmächte zu ermächtigen, diese kriegerischen Handlungen mit Waffengewalt zu unterbinden und dass nun von Seiten des zu bestrafenden Landes selbst wiederum versucht würde, diese von der UNO veranlassten Eingriffe mit Waffengewalt zu verhindern.

 

Keine internationale Rechtfertigung erfährt weiterhin Waffengewalt, welche in Form eines Angriffs gegen ein anderes Land durchgeführt wird, nachdem dieses Land nicht bereit war, bestimmte Handlungen zugunsten des Aggressors freiwillig vorzunehmen, obwohl das angreifende Land diese Maßnahmen angedroht hatte für den Fall, dass es nicht den Forderungen des Aggressors entspreche.

 

Moralisch lässt sich eine solche Handlung nicht rechtfertigen, sie gilt eindeutig als Aggression, welche stets zu verurteilen ist. Aber immerhin liegt einer solchen Handlung eine gewisse Logik zugrunde. Wird nämlich ein Land eine zuvor ausgesprochene Drohung auch dann nicht wahrmachen, wenn der angedrohte Staat trotz Drohung nicht bereit war, diesen Forderungen zu entsprechen, verliert die Drohung ihre Kraft, es gilt dann der bereits oben erwähnte Satz: ‚bellende Hunde beißen nicht‘ und immer weniger potentielle Gegner sind bereit, auf Drohungen in dem vom drohenden Staat erwünschten Sinne zu handeln.

 

Wir kommen nun zu der Spielart einer Aggression, welche Gegenstand dieses Kapitels ist, zu der Behauptung nämlich, man greife den Gegner an, weil dieser selbst einen Angriffskrieg geplant habe. In Wirklichkeit sei der Gegner der eigentliche Aggressor und man selbst reagiere nur auf diese aggressive Haltung des Gegners, in dem man ihm zuvorkommt und ihn nur deshalb angreife.

 

In der Bewertung einer solchen Handlung kommt es ganz entscheidend darauf an, ob diese Behauptung, der angegriffene Gegner plane selbst einen Angriff, der Wahrheit entspricht bzw. ob der Angreifende davon ausgehen musste, dass der angegriffene Gegner selbst eine Aggression vorbereitet habe.

 

Wenn auch generell jede Art von Angriffskrieg international verurteilt wird und deshalb zu unterlassen ist, lässt sich sehr wohl für einen solchen Angriffskrieg ein gewisses Verständnis erübrigen. Warum in aller Welt sollte ein Staat, der mit Sicherheit davon ausgehen muss, dass der Gegner selbst einen Angriff plant, sich nicht dadurch zur Wehr setzen dürfen, dass er dem eigentlichen Aggressor zuvorkommt und ihn ebenfalls angreift?

 

Dass trotzdem eine solche Art von Aggression in der Literatur oftmals abgelehnt wird, hängt damit zusammen, dass in aller Regel nicht eindeutig festgestellt werden kann, dass der Gegner einen solchen Angriff plant und dass bei genereller Anerkennung dieses Grundsatzes der Umfang kriegerischer Handlungen stark ansteigen dürfte.

 

Noch größere Verurteilung dürfte jedoch ein Angriff erfahren, der auch dann durchgeführt wird, wenn es sicher ist, dass der angegriffene Staat keinerlei aggressive Ziele verfolgt. Im Hinblick auf die Motive, die einen Aggressor veranlassen, einen Angriffskrieg zu starten, sind sicherlich solche Aggressionen mehr zu verurteilen, welche ohne innere Notwendigkeit begonnen werden. Wenn im Altertum oder auch im Mittelalter Volksstämme deshalb, weil sie entweder ebenfalls aus ihrer Heimat vertrieben wurden oder aber ihr bisheriger Nahrungsraum versiegte, eine so motivierte Aggression ist eher nachzuvollziehen und zu rechtfertigen, als Aggressionen, welche lediglich zur Erweiterung eines durchaus funktionsfähigen Territoriums begonnen wurden.

 

Schließlich können Aggressionen auch danach unterschieden werden, ob sie aufgrund außer- oder innerpolitischer Ziele begonnen werden. Wenn Hitler der Sowjetunion den Krieg erklärte, so erfolgte diese aggressive Handlung vorwiegend aus außenpolitischen Gründen, weil Hitler der Auffassung war, dass der Boden Deutschlands nicht ausreiche, um die deutsche Bevölkerung ausreichend mit Nahrungsmitteln und Rohstoffen zu versorgen.

 

Wir wissen aber, dass Diktatoren sehr oft Konflikte mit anderen Ländern aus vorwiegend innenpolitischen Gründen auslösen. In diesem Falle haben die Diktatoren zu befürchten, die Zustimmung der Bevölkerung zu verlieren. Um diese Gefahr zu verringern, zetteln sie Konflikte mit dem Ausland an.

 

Wenn ein Land nämlich von außen bedroht wird, dann – so wird behauptet – müssten die innenpolitischen Auseinandersetzungen zurückgestellt werden und alle Bürger eines Landes müssten gemeinsam bemüht sein, der Bedrohung von außen zu widerstehen.

 

So hatte bereits Kaiser Wilhelm II von Deutschland beim Ausbruch des ersten Weltkrieges davon gesprochen, dass er nun nur noch Deutsche kenne, dass die Rivalitäten zwischen Kaiser und den Gewerkschaften und Sozialisten nun vergessen werden sollten.

 

  

3. Warum diese Rechtfertigung?

 

Wir kommen nun zu der ersten hier in diesem Kapitel zu behandelnden Frage: Warum sehen sich die Aggressoren überhaupt veranlasst, ihr Handeln zu begründen? Nach allgemeinem Verständnis ist nur eine Verteidigung gerechtfertigt und werden nur kriegerische Handlungen akzeptiert, wenn ein Land von einem anderen Land zuvor angegriffen wurde.

 

Der Aggressor gibt durch sein Verhalten kund, dass er sich über diese Normen hinwegsetzen möchte, dass er auch Aggression für erlaubt hält und dass die Frage der Erwünschtheit eines aggressiven Verhaltens allein eine Frage ist, die aufgrund des Eigeninteresse des Aggressors zu beantworten ist.

 

Nun müssen wir zwischen zwei Varianten aggressiven Handelns unterscheiden. Entweder ist der Aggressor fest davon überzeugt, dass ein Angriff seines Gegners zu erwarten ist, dass er durch seine Aggression nur sicher stellen will, dass er auch faire Chancen der Verteidigung erreicht. Oder aber er geht davon aus, dass der Angegriffene nicht von selbst einen Krieg angezettelt hätte, er belügt die Öffentlichkeit und will nur nach außen den Eindruck erwecken, dass er gar keine aggressiven Absichten verfolge.

 

Im ersten Fall fühlt sich der Aggressor an und für sich an das internationale Recht gebunden, er bejaht den Grundsatz, dass an und für sich nur Verteidigungskriege gerechtfertigt sind. Er ist aber auch davon überzeugt, dass er durch seine Aggression nur scheinbar diesen Grundsatz verletzt, dass er sich in Wirklichkeit nur verteidigt und dass er nur deshalb zur Aggression greift, weil er sich allein auf diese Weise erfolgreich gegen den zu erwartenden Angriff erwehren kann.

 

Mit anderen Worten: Der Hinweis, es handle sich in Wirklichkeit um eine Verteidigungsmaßnahme, dient allein dazu, sich vor der unbeteiligten Öffentlichkeit damit zu rechtfertigen, dass der angreifende Staat nur scheinbar die öffentliche Moral verletze. Und wir haben bereits erwähnt, dass ein solches Verhalten zwar nach wie vor für unerwünscht angesehen wird, dass aber diesem Staat oftmals durchaus ein gewisses Verständnis entgegengebracht wird, dass gewissermaßen mildernde Umstände vorlägen.

 

Ganz anders ist der zweite Fall zu beurteilen. Wir erwähnten bereits, dass hier der Aggressor ganz bewusst gegen internationales Recht verstoßen will, dass er im Innern durchaus zugibt, gegen internationales Recht zu verstoßen, dass es nur ein Vorwand ist, dass er nur der Aggression des angegriffenen Landes zuvorkommen wolle.

 

Wenn dieser Staat aber ohnehin die Grundsätze des internationalen Strafrechts nicht anerkennt, warum fühlt er sich veranlasst, sein Handeln vor der Öffentlichkeit zu rechtfertigen? Warum hatte also z. B. Hitler den Einmarsch in Polen vor der Öffentlichkeit damit gerechtfertigt, dass in Wirklichkeit Polen mit den aggressiven Akten begonnen hätte?

 

Sicherlich können wir nicht davon ausgehen, dass er selbst davon überzeugt gewesen wäre, Polen hege aggressive Absichten oder dass Hitler im Grunde die Grundsätze des internationalen Rechts, nach denen jede Aggression zu verurteilen ist und nur Verteidigungskriege gerechtfertigt sind, überhaupt bejaht hätte.

 

Der Grund dafür, dass trotzdem eine aggressive Handlung vor der Öffentlichkeit als Verteidigungsmaßnahme zu rechtfertigen sei, liegt offensichtlich darin, dass Hitler bei offensichtlicher Aggression die Gefahr lief, dass die Westmächte Polen zu Hilfe gekommen wären und dass ein solcher Schritt den eigenen Erfolg behindert hätte.

 

Im Falle Polens bestanden in der Tat zwischen Großbritannien bezw. Frankreich Beistandsverträge mit Polen, welche diese Staaten verpflichteten, Polen zu Hilfe zu kommen, wenn es von einem anderen Staate angegriffen werden sollte.

 

Ein ähnliches Verhalten hatte Hitler auch schon vorher gezeigt, als er die Tschechoslowakei zerschlagen und in das Deutsche Reich einverleiben wollte und aufgrund einer Vermittlung Benito Mussolinis einer friedlichen Lösung zähneknirschend  zustimmen musste.

 

Hitler stimmte dieser internationalen Vereinbarung nur sehr widerwillig zu, da sie für ihn eine Verzögerung seiner aggressiven Politik bedeutete, er war jedoch offensichtlich noch davon überzeugt, dass er die Weltmeinung immer noch berücksichtigen müsse und dass bei Nichtbeachtung dieser Meinung immer noch die Gefahr bestünde, dass die Westmächte ihm durch ihren Angriff schaden könnten.

 

 

4. Warum soll ein Angriff die beste Verteidigung sein?

 

Wenden wir uns nun der zweiten Hauptfrage dieses Kapitels zu, der Frage also, warum denn ein Angriffskrieg die beste Verteidigung sein soll, warum also mit anderen Worten ein Land, das ein anderes Land überfällt, seine Chancen, den Gegner zu besiegen, deutlich vergrößern kann.

 

Hören wir zunächst, mit welchen Argumenten, diejenigen, welche zu diesem Mittel greifen, ihre Haltung im Allgemeinen selbst verteidigen. Hinter dieser Argumentation steht die Erwartung, dass derjenige, welcher nach dieser Devise handelt, die Bedingungen, unter denen ein Kampf stattfindet, zu seinen Gunsten verbessern kann.

 

Wenn er also im anderen Falle nur gleich hohe Siegeschancen wie sein Gegner gehabt hätte, würde nun das Pendel zu seinen Gunsten umschlagen und selbst dann, wenn er ohne diese Taktik eindeutig den Kürzeren gezogen hätte, könnte er immer noch hoffen, dass nun wiederum etwa gleiche Chancen eintreten würden und dass er immer noch siegen könnte, obwohl die generellen Ausgangsbedingungen für den Sieg seines Gegners sprechen.

 

Worin bestehen nun – nach Meinung derjenigen, welche zu diesem Mittel greifen – die verbesserten Ausgangsbedingungen? Er kann erstens den Feind überraschen und dies bedeutet in aller Regel, dass der Gegner noch keine ausreichenden Vorkehrungen für die kriegerischen Auseinandersetzungen getroffen hat. So könnten z. B. noch nicht alle für eine Schlacht benötigten Soldaten eingezogen sein. Oder aber es besteht die Gefahr, dass das Kriegsgerät noch nicht an die Stellen gebracht worden ist, welche einen sofortigen Einsatz ermöglichen.

 

Vor allem aber kann derjenige, welcher angreift, die Wahl des genauen Zeitpunktes und des genauen Ortes einer Schlacht bestimmen und diese so auswählen, dass er selbst gute und/oder sein Gegner besonders schlechte Voraussetzungen erhält.

 

Dass der Angriff hier jedoch überhaupt gerechtfertigt wird und dass also der Aggressor nicht einfach zum Angriff schreitet, hängt damit zusammen, dass er entweder selbst bereit ist, die Spielregeln des Völkerrechtes einzuhalten, nach denen kriegerische Handlungen nur zur Verteidigung berechtigt sind oder aber der Aggressor ist in Wirklichkeit gar nicht willens, nur dann zu kriegerischen Handlungen zu greifen, wenn er angegriffen wird.

 

Er geht aber trotzdem von der Überzeugung aus, dass sich seine Chancen verschlechtern, wenn er zur Aggression greift und nicht behauptet, diese Handlungen würden nur erfolgen, um sich in Wahrheit gegen eine sicher zu erwartende Aggression des nun angegriffenen Gegners zu erwehren.

 

Er will also mit anderen Worten die Öffentlichkeit davon überzeugen, dass seine Handlungen in Wirklichkeit nur eine Verteidigung darstellen und dass deshalb die anderen Mächte diese Argumentation billigen und deshalb nicht dem Angegriffenen zu Hilfe eilen.

 

Aber stimmen denn diese Argumente oder sind sie vielleicht nur vordergründig wahr? Die Kritik beginnt bereits mit der Frage, wie realistisch denn die Annahme ist, dass der potentielle Gegner tatsächlich einen Angriff plant, den man auf diesem Wege zuvorkommen muss? Der amerikanische Präsident Bush hatte bekanntlich Irak angegriffen mit der Begründung, der Irak verfüge über Atombomben und zur Sicherung des Weltfriedens sei es unumgänglich, dieses atomare Material zu zerstören.

 

In Wirklichkeit konnten nach der Besiegung des irakischen Machthabers keine atomaren Waffen gefunden werden. Und die längerfristigen Auswirkungen der Zerschlagung des irakischen Landes hatte nicht nur für die Einwohner dieses Landes, sondern vor allem auch für die Sicherheit der gesamten Welt fatale Folgen, denken wir nur an das Anwachsen des Terrorismus, zunächst der Al Kaida, später des IS.

 

Darüber hinaus mag es zwar richtig sein, dass ein Überraschungskrieg tatsächlich in der Mehrzahl der Fälle dazu führt, dass die ersten Schlachten zugunsten des Angreifers ausfallen. So gelang es Hitler in einem Blitzkrieg Belgien, die Niederlande sowie Frankreich zu besiegen.

 

Er hat trotzdem den von ihm angezettelten zweiten Weltkrieg vernichtend verloren. Wenn es nämlich nicht gelingt, in einem Überraschungskrieg unmittelbar den Gegner vernichtend zu schlagen, hängt der Ausgang des Krieges weniger von den Anfangserfolgen ab, sondern von den Faktoren, welche allgemein darüber entscheiden, welches Land als Sieger aus einem Krieg hervorgehen wird. So konnte der Russlandfeldzug genauso wenig gewonnen werden wie es auch Napoleon nicht gelungen war, Russland zu besiegen.

 

Weiterhin muss stets berücksichtigt werden, dass jeder Kampf auch bei einem Überraschungskampf zu Verlusten am Menschen und Material beider streitenden Staaten führt und dass es deshalb keinesfalls sicher ist, dass der angreifende Partner per saldo mit einem Gewinn aus den Auseinandersetzungen hervorgeht und dass der Gewinn schließlich insgesamt geringer ausfallen würde, als wenn sich beide Staaten in Verhandlungen um einen fairen Kompromiss bemüht hätten.

 

Fragen wir und also abschließend, von welchen Faktoren es denn im Algemeinen abhängt, welche der kriegsführenden Nation schließlich den Sieg davon trägt.

 

Als erstes gilt der Grundsatz, dass die relative Stärke der beiden Armeen, die Anzahl der zur Verfügung stehenden Soldaten sowie die Ausrüstung mit Waffen darüber entscheidet, welches Land am Schluss den Sieg erlangt. Nur sehr selten haben Länder einen Krieg gewonnen, bei denen der Gegner eine überwältigende Stärke aufwies. Überraschungsschläge haben zwar bisweilen in einer ersten Schlacht zu Siegen des Angreifers geführt, haben aber zumeist an den endgültigen Siegeschancen wenig geändert.

 

Das galt nicht nur für Hitler, sondern auch für Napoleon, dem es auch zunächst gelang, die Nachbarstaaten, einen Staat nach dem andern, zu überrennen, der aber dann dennoch schließlich in der Schlacht von Waterloo besiegt werden konnte.

 

Neben der relativen Stärke der beiden kriegsführenden Staaten hängt der endgültige Erfolg eines kriegsführenden Landes zweitens auch davon ab, welche Waffentechnik angewandt wird. Wenn im Mittelalter und in der beginnenden Neuzeit einige Beispiele bekannt sind, in denen das Land mit der geringeren Streitmacht dennoch den Sieg davon trug, so lag dies zumeist daran, dass das siegende Heer den Sieg dadurch erreicht hat, dass eine neue Waffentechnologie angewandt wurde, während der geschlagene Gegner noch mit der bisherigen Technologie ausgerüstet war.

 

Eine weitere Rolle spielt die Frage der Motivation der Soldaten. Zwar kann man davon ausgehen, dass die Soldaten von Berufsheeren zumeist eine bessere, erfolgsversprechende Ausbildung erfahren haben. Trotzdem haben in der Geschichte wiederholt Länder schließlich den Kampf für sich entschieden, welche ihre Soldaten aus der Bevölkerung rekrutierten.

 

So konnten die nordamerikanischen Kolonien schließlich ihre Abhängigkeit von England abschütteln, die Motivation der weniger in Kriegstechnik ausgebildeten Nordamerikaner war dennoch wesentlich höher und trug zum endgültigen Sieg bei als die Motivation der Söldnerheere Englands. Auch der Umstand, dass Napoleon mit einem Volksheer die Nachbartstaaten bekämpfte, während diese sich zunächst auf Söldnerheere beschränkt haben, konnte zum anfänglichen Sieg Napoleons führen.

 

Auch hier konnte jedoch die Wende eingeleitet werden, als in  den anfangs besiegten Ländern wie Preußen und Österreich auch in diesen Ländern schließlich die Soldaten als Bürger einer neu erweckten Nation ihr Vaterland verteidigten.

 

Fassen wir zusammen:

 

1. Dass ein Angriff die beste Verteidigung darstellt, entspricht allenfalls in Ausnahmefällen der Wahrheit.

 

2. Zumeist erlangt der Aggressor allein in den ersten Schlachten einen eindeutigen Vorteil und zwar dadurch, dass er den Gegner überrascht und damit Ort und Zeitpunkt der Schlacht bestimmen kann.

 

3. Für den weiteren Verlauf der kriegerischen Auseinandersetzungen sind jedoch die relative Stärke und Ausrüstung der Kriegsgegner von entscheidender Bedeutung. Wesentlich ist darüber hinaus die Stärke der materiellen Ressourcen, also die Frage, inwieweit ein Staat auch bei Zerstörung des vorhandenen Kriegsmaterials die Möglichkeit hat, neues Kriegsmaterial herzustellen bzw. zu besorgen.

 

4. Neben der relativen Stärke der Armeen entscheidet aber auch die jeweils angewandte Technologie über den Ausgang der Schlachten. So konnten im Verlauf der Geschichte wiederholt auch im Hinblick auf die reine Stärke schwächere Heere den Sieg erlangen, wenn sie eine neue Waffentechnologie eingesetzt haben gegenüber einem Gegner, der noch mit der bisherigen, nun überholten Waffentechnologie, ausgerüstet war.

 

5. Auch die Motivation der Soldaten kann in einer Schlacht den Ausschlag geben. Wenn die Soldaten überzeugt sind, ihr Land gegenüber äußeren Feinden verteidigen zu müssen, sind sie Söldnerheeren oftmals überlegen.

 

6. Die Annahme, dass der Feind selbst eine Aggression vorbereite und dass man deshalb dem Feind zuvor kommen müsse, basiert oftmals auf falschen Annahmen. Und da auch bei Überraschungskriegen der Angreifer keinesfalls immer den gesamten Krieg gewinnt, ist ein Angriffskrieg stets riskant. Es muss damit gerechnet werden, dass auch der Angreifer wie Napoleon und Hitler am Ende trotz Anfangserfolgen besiegt werden.

 

7. Schließlich ist ein Angriffskrieg auch deshalb fragwürdig, weil auf der einen Seite jede kriegerische Auseinandersetzung auch mit hohen eigenen Verlusten an Menschen und Material verbunden ist und der Gegner darüber hinaus bei einer friedlichen Lösung zu Zugeständnissen durchaus bereit sein könnte, welche per saldo dem sonst angreifenden Staat genau so große Nettovorteile bringen kann wie ein gewonnener Sieg gebracht hätte.