Startseite

 

 

Berühmte Irrtümer Teil II

 

 

Gliederung:

 

  1. Inflation Voraussetzung für Konjunkturbelebung?

  2. Macht Reichtum wirklich glücklich?

  3. Sicherheit durch Überwachung und korrektes Verhalten?

  4. Moralisches Handeln stets im Interesse jedes einzelnen?

  5. Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch den Verstand

  6. Lügen haben kurze Beine

  7. Abschreckungsstrategie verhindert Atomkrieg?

  8. Rationale Entscheidung stets besser als Intuition?

  9. Bilder lügen nicht

10. Wo Rauch, da Feuer

11. Angriff ist die beste Verteidigung

12. Recht auf Waffe erhöht die Sicherheit

 

Kapitel 7: Abschreckungsstrategie verhindert Atomkrieg?

 

 

Gliederung:

 

1. Das Problem

2. Die Grundidee

3. Strategie bisher erfolgreich?

4. Voraussetzung Nr. 1: Rationalität

5. Voraussetzung Nr. 2: Erkennungsstrategie

6. Voraussetzung Nr. 3: Begrenzung auf 2 Atommächte

7. Ausweg Nr. 1: Abrüstung

8. Ausweg Nr. 2: Ausbau der Bekämpfungsstrategie

9. Ausweg Nr. 3: Umlenkung der feindlichen Raketen

 

 

 

1. Das Problem

 

Als Ende des zweiten Weltkriegs Amerika und später auch die Sowjetunion über Atomwaffen verfügte und ein Wettrüsten entstand, aufgrund dessen beide Atommächte die Möglichkeit erlangten, ihren Gegner jeweils total zu vernichten, entstand das Ziel, eine neue Strategie zu entwickeln, aufgrund derer trotz dieser Bedrohung ein Überleben der kriegsführenden Länder möglich wurde.

 

In der Abschreckungsstrategie hoffte man eine solche Lösung gefunden zu haben. Man entwickelte ein Abwehrsystem, das der jeweils angegriffenen Großmacht die Möglichkeit eröffnete, den Gegner auch nach einem atomaren Erstschlag mit Atomwaffen vernichtend zu schlagen. So kam es, dass beide Großmächte schließlich die theoretische Möglichkeit besaßen, den Gegner sogar mehrfach zu vernichten.

 

In der Folgezeit erkannte man, dass es eine absolut sichere Lösung auch mit dieser Abschreckungsstrategie nicht geben kann und allmählich entwickelten sich die Beziehungen der Großmächte zueinander – zunächst zögerlich, aber mit der Zeit doch in entscheidenden Schritten –  zu einem wechselseitigen Abrüsten und damit zu einer Abkehr der Abschreckungsstrategie.

 

Mehrere Entwicklungen in den letzten Jahren verschlechterten die Beziehungen der USA und Europas zu Russland, so dass die Gefahr besteht, dass die Staaten wiederum zu einem kalten Krieg zurückkehren und dass die atomare Bedrohung wiederum ansteigt.

 

Diese Entwicklung hat nun zu der Frage geführt, ob die traditionelle Abschreckungsstrategie nach wie vor ausreicht, um einen dritten Weltkrieg zu vermeiden. Zwar ist es richtig, dass seit dem Ende des zweiten Weltkrieges de facto der Frieden zwischen den beiden Großmächten erhalten blieb. Wie wir weiter unten noch sehen werden, waren es jedoch eher Zufälligkeiten, welche den Ausbruch eines dritten Weltkrieges verhindert haben. Auf jeden Fall stand die Welt seit Ende des zweiten Weltkrieges mehrfach vor einer Situation, welche sehr wohl einen neuen Weltkrieg hätte auslösen können.

 

Weiterhin hat sich die globale Situation – wie wir ebenfalls weiter unten zeigen werden – so verändert, dass auch dann, wenn diese Abschreckungsstrategie in der Vergangenheit erfolgreich eingesetzt wurde, nicht unbedingt damit gerechnet werden kann, dass diese Sicherheit auch für die nahe Zukunft gilt.

 

Es hat also den Anschein, als ob ein neues Wettrüsten beginnt, dass die Zeiten eines kalten Krieges zwischen USA und Russland wiederum aufleben und dass deshalb die Abschreckungsstrategie eine neue Bedeutung erlangt. Fragen wir uns als erstes, worin denn die Grundidee dieser Abschreckungsstrategie gelegen hat.

 

 

2. Die Grundidee

 

Die Abschreckungsstrategie geht davon aus, die beiden Großmächte (die USA und Russland, damals noch die Sowjetunion) verfügen über ein so großes Atomwaffenarsenal, dass sie in der Lage sind, ihren jeweiligen Feind vernichtend zu schlagen. Das Atomwaffenarsenal sowohl der USA wie auch etwas später der Sowjetunion war in den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts in der Tat so stark angewachsen, dass sie in der Lage waren, mit Hilfe der Atombomben das gesamte Land ihres Gegners sogar mehrfach zu vernichten.

 

Es bestand also zunächst die Gefahr, dass beide Atommächte  in einem Überraschungsangriff in der Lage wären, ihren Gegner vernichtend zu schlagen. Gerade um diese Gefahr auszuschalten wurde die Abschreckungsstrategie entwickelt.

 

Danach müssen beide Atommächte in die Lage versetzt werden, auch dann noch atomar zurückschlagen zu können, wenn der Gegner in einem überraschenden Erstanschlag bereits Atombomben auf dem feindlichen Gebiet abgeworfen hat bzw. einen solchen Angriff gestartet hat.

 

Denn auch dann, wenn bei einem noch so großen Überraschungsanschlag weite Teile des gegnerischen Landes atomar verseucht wurden, wäre der Gegner immer noch in der Lage, den Angreifer atomar vernichtend zu schlagen. Es kann somit durch einen Überraschungsanschlag kein Krieg gewonnen werden. Der Angreifer muss stets befürchten, dass sich der Gegner wie auch vor der atomaren Bedrohung wehren kann. Es besteht also die Gefahr, dass der Angreifer auf diese Weise ebenfalls vernichtend geschlagen wird.

 

Gegenüber der Zeit vor einer atomaren Bedrohung sind jedoch die Aussichten des Angreifers – so scheint es – in diesem Kampf zu siegen, fast auf null gesunken. Erstens muss der Angreifer mit absoluter Sicherheit befürchten, dass der Gegner auch zurückschlägt, er ist auf der einen Seite stets zu einem Zurückschlag in der Lage. Und da er nur dann Aussicht auf ein Überleben hat, wenn er atomar zurückschlägt, wird er auf der anderen Seite auch mit Sicherheit von dieser Möglichkeit Gebrauch machen.

 

Dies bedeutet jedoch, dass eine Atommacht, welche zu einem Erstschlag ausholt, damit rechnen muss, dass sie mit Sicherheit ebenfalls vernichtend geschlagen wird. Im Gegensatz zu der voratomaren Zeit lohnen sich somit Angriffskriege nicht mehr. Und in diesem Falle können – so hoffte man  – beide Atommächte relativ vor einem Überraschungsangriff sicher sein.

 

Damit aber dieser Gegenschlag gelingt, ist es notwendig, dass die jeweils angegriffene Großmacht in der Lage ist, den Erstschlag baldmöglichst zu erkennen. Sie muss ja nach dem Abfeuern der atomaren Sprengköpfe ebenfalls noch Atomraketen gegen den Angreifer abfeuern können.

 

Zwei Möglichkeiten sind hierbei denkbar. Entweder erkennt die angegriffene Großmacht den Abschuss der feindlichen Rakete so früh, dass noch vor dem atomaren Einschlag  im eigenen Land eine mit Atomsprengköpfen gezündete Rakete abgefeuert werden kann.

 

Oder aber die angegriffene Großmacht verfügt über mobile Abschussvorrichtungen, über ein Atomboot z. B., welches irgendwo im Meer stationiert ist und von dem aus auch dann noch Raketen abgefeuert werden können, wenn die feindliche Atombombe bereits das eigene Land erreicht hat und einen Gegenschlag von dem eigenen Land aus unmöglich macht.

 

 

3. Strategie bisher erfolgreich?

 

Fragen wir uns nun in einem weiteren Schritt, wieweit denn diese Abschreckungsstrategie in der Vergangenheit erfolgreich war. Zunächst hat es den Anschein, als ob diese Strategie tatsächlich zum Erfolg geführt habe. Schließlich gab es in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg keinen atomaren, dritten Weltkrieg zwischen den beiden Großmächten USA und Russland.

 

Natürlich war die Welt seit dem zweiten Weltkrieg keineswegs friedlich. In den letzten 70 Jahren tobten weltweit sogar zahlreiche und sehr erbittert geführte Kriege. Sie bezogen sich jedoch nicht auf die beiden Großmächte, obwohl diese sehr wohl in den Kriegsgebieten strategische Interessen verfolgten und durchaus auch in diese Kriege eingriffen. Aber eine offene Kriegserklärung zwischen den beiden Großmächten blieb aus und vor allem kam es in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg zu keinem atomaren Einsatz.

 

Während dieser Zeit tobte allerdings ein sehr umfangreicher kalter Krieg zwischen den USA und der Sowjetunion und ein Ende dieses Wettstreites wurde vermutlich nur dadurch herbeigeführt, dass die eine dieser beiden Großmächte – die Sowjetunion – aus inneren Widersprüchen heraus Anfang der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts ohne Auslösung einer Revolution zusammengebrochen war.

 

Einen kalten Krieg konnte also die Abschreckungsstrategie nicht verhindern, aber dies war auch nicht die Zielsetzung dieser Strategie, es ging ja lediglich darum, auf diesem Wege zu verhindern, dass es bei den Auseinandersetzungen zwischen einzelnen Staaten zum Einsatz der Atombomben kommt und damit die Vernichtung weiter Teile der Erde herbeigeführt worden wäre.

 

Diese Gefahr schien in der Tat gebannt, vielleicht könnte man sogar in der Tatsache, dass seit Ende des 2. Weltkrieges ein besonders intensiv geführter kalter Krieg stattfand, als Bestätigung des Erfolgs dieser Strategie ansehen, da trotz intensiver Ursachen und gegensätzlicher Interessen zwischen den beiden Großmächten ein heißer Krieg trotzdem verhindert werden konnte.

 

Doch dieser Eindruck trügt, ein Erfolg trat – wie wir in den kommenden Abschnitten zeigen werden – nur mehr zufällig ein. Ohne diese Zufälligkeiten bestand in den letzten 70 Jahren mehrmals die Gefahr, dass es zum atomaren Schlag gekommen wäre und es wäre in diesen Fällen sogar tatsächlich zu dem Einsatz von Atomwaffen gekommen, wenn alles planmäßig, so wie es die Abschreckungsstrategie eigentlich vorsah, eingetreten wäre.

 

Mindestens drei Fälle sind bisher bekannt, bei denen die Abschreckungsstrategie auf der Kippe stand und nur aus Zufall kein Atomkrieg ausgelöst wurde.

 

Der erste Fall trat ein, als Chruschtschow den Versuch machte, heimlich Basen für mit Atomsprengköpfen bestückten Raketen in Kuba zu installieren. In letzter Minute konnte der amerikanische Geheimdienst diesen Versuch erkennen und durch ein mutiges Eingreifen Kennedys wurde diese Gefahr in letzter Minute abgewendet.

 

Die Gefahr eines atomaren Ausbruchs war hier besonders groß, da die Abstreckungsstrategie nur funktionieren kann, wenn zwischen Abschuss einer mit Atomsprengköpfen bestückten Rakete und Einschlag am Zielort eine so große Zeitspanne liegt, dass das angegriffene Land genügend Zeit hat, den Gegenanschlag auch noch tatsächlich durchzuführen.

 

Dies wäre sicherlich äußerst erschwert gewesen, da hier ja die Raketenbasen gewisser Maßen vor der Haustür der USA gelegen hätten und zwar nicht irgendwo in den USA, sondern vor den Machtzentren im Osten der USA, sodass ein Überraschungsschlag in wenigen Sekunden hätte durchgeführt werden können.

 

Selbst dann, wenn man berücksichtigt, dass die USA über mobile Abschussrampen außerhalb der USA verfügten, blieb die Situation äußerst gefährlich, da ja bei einem Erstschlag, der vollkommen überraschend gekommen wäre, vermutlich die Machtzentrale der USA vernichtend geschlagen worden wäre. Zwar kann die Machtzentrale für diese Situationen in einen atomsicheren Bunker verlagert werden, dies setzt aber voraus, dass auch der bevorstehende atomare Angriff den politischen Führungskräften  rechtzeitig bekannt ist.

 

Ein zweiter Fall, bei dem ein dritter Weltkrieges beinahe ausgebrochen wäre, trat in den 70er Jahren ein. Aufgrund eines Versagens des sowjetrussischen Überwachungssystems wurde fälschlicher Weise der sowjetrussischen Führung mitgeteilt, dass ein US-Amerikansiches Flugzeug mit Atombomben in Richtung Russland gestartet sei.

 

Für einen solchen Fall sah die Abschreckungsstrategie vor, dass ohne Zeitverzögerung ein atomarer Gegenschlag von Seiten der Sowjetunion mehr oder weniger automatisch ausgelöst wurde. Der hierfür zuständige russische Offizier war jedoch nicht davon überzeugt, dass tatsächlich ein US-amerikanisches Flugzeug mit der Absicht eines atomaren Erstschlages gestartet sei. Seiner Meinung nach sprach das Verhalten der amerikanischen Regierung gegen einen solchen Versuch. Er leitete somit auch keinen Gegenschlag ein, obwohl er eigentlich hierzu dienstlich verpflichtet gewesen wäre.

 

Auf diese Weise verhinderte das kluge, aber regelwidrige Verhalten eines einzelnen russischen Offiziers den Ausbruch eines atomaren Weltkrieges zwischen den USA und der Sowjetunion. Er wurde trotzdem, obwohl er auch Russland eine verheerende Verwüstung erspart hatte, von der Sowjetführung getadelt und degradiert. Offensichtlich war es der Sowjetführung wichtiger, dass in Zukunft die Abschreckungsstrategie einwandfrei funktioniere auch dann, wenn eben durch ein striktes Einhalten der Spielregeln dieser Strategie die Gefahr besteht, dass ein Atomkrieg aufgrund einer Fehlinformation ausbricht.

 

Der dritte bekannte Fall ereignete sich in den 80er Jahren. Die Nato hatte ein großangelegtes Manöver eingeleitet, in dem sich die maßgeblichen Führungskräfte der Nato in einen atombombensicheren Bunker begaben, um von dort aus möglichst wirklichkeitsgetreu das Verhalten in einem Atomkrieg zu simulieren.

 

Die Sowjetführer erfuhren von diesem Manöver und deuteten dieses Vorgehen der Nato dahingehend falsch, dass sie der Auffassung waren, dass dieses Manöver in Wirklichkeit einen atomaren Erstschlag der westlichen Länder einleiten würde.

 

Aufgrund dieser Fehleinschätzung der sowjetischen Führungskräfte planten diese, den für diese Fälle vorgesehenen Gegenschlag einzuleiten. Der US-Geheimdienst erfuhr von dieser Absicht der Sowjetführung und leitete diese Information an den amerikanischen Präsidenten weiter. Dieser ließ unmittelbar das Nato-Manöver abbrechen und zeigte sich hierauf in seinem Ferienort, wo er für die Öffentlichkeit sichtbar mit Kindern spielte.

 

Nun wurde es auch für die Sowjetführung sichtbar, dass die USA und die Nato offensichtlich keinen atomaren Erstschlag planten, da sich in diesem Falle der USA-Präsident auf jeden Fall an seinem Amtssitz oder in den atomsicheren Bunkern aufhalten hätten müssen. So verhinderte das kluge Verhalten des amerikanischen Präsidenten schließlich, dass aus Versehen und aufgrund einer falschen Einschätzung des Verhaltens der Nato seitens der Sowjetführer ein Atomkrieg ausbrechen konnte.

 

 

4. Voraussetzung Nr. 1: Rationalität

 

Wir haben gesehen, dass die Abschreckungsstrategie in der Vergangenheit keineswegs so sicher war, wie die Verfechter dieser Strategie uns glauben machen wollen und wie es auch auf den ersten, aber nur oberflächlichen Blick zu sein schien. Fragen wir uns deshalb danach, welche Voraussetzungen denn erfüllt sein müssen, damit diese Strategie auch tatsächlich den Ausbruch eines Atomkrieges sicher verhindern kann.

 

Eine erste  Voraussetzung für den sicheren Erfolg einer solchen Strategie besteht darin, dass die verantwortlichen Führer der Atommächte bei allen Entscheidungen, welche im Zusammenhang mit dieser Strategie anfallen, stets rational handeln.

 

Rationalität bedeutet hierbei zweierlei. Auf der einen Seite muss die oberste Zielsetzung der beiden Großmächte darin bestehen, dass sie im Wohl ihrer Bevölkerung das wichtigste Ziel ihrer Politik sehen und dies bedeutet in unserem Zusammenhang, dass sie auf jeden Fall verhindern wollen, dass das gesamte Territorium ihres Landes durch Atomwaffen verseucht und auf lange Zeit zerstört wird.

 

Natürlich wird es wohl kaum einen maßgebenden Politiker geben, welcher diese Zielsetzung öffentlich verneint. Politiker können sich im Allgemeinen nur dadurch an der Macht halten, dass sie dieses Versprechen auch abgeben. Ein Politiker im Rahmen der parlamentarischen Demokratie würde bei der nächsten Wahl abgewählt werden, wenn er dieses Versprechen nicht glaubhaft abgeben würde. Und selbst ein Diktator müsste ohne diese Versprechen befürchten, dass er durch eine Revolution gestürzt würde.

 

Trotzdem wäre es jedoch durchaus denkbar, dass ein Politiker zwar nach außen vorgibt, stets das Wohl der gesamten Bevölkerung zu verfolgen, dass er aber de facto nur sein eigenes Wohl im Auge hätte.

 

Im Hinblick auf eine atomare Bedrohung könnte dies beispielhaft bedeuten, dass der Diktatur durchaus in Kauf nimmt, dass durch einen von ihm selbst hervorgerufenen Atomkrieg weite Teile seines Territoriums zerstört werden, dass er aber hofft, in einem atomsicheren Bunker zu überleben und dass er der tödlichen Strahlung auf diesem Wege entgehen könnte.

 

Wenn wir also somit niemals ausschließen können, dass es ein Politiker mit seiner Beteuerung, er habe stets das Wohl seiner gesamten Bevölkerung im Auge, auch ernst meint und in Wirklichkeit nur sein eigenes Wohl anstrebt, können wir trotzdem umgekehrt durchaus davon ausgehen, dass es primär gar nicht so sehr darauf ankommt, in welchem Maße ein Politiker sein eigenes Wohl in den Vordergrund stellt.

 

Wir haben nämlich davon auszugehen, dass es in Wirklichkeit Automatismen gibt, welche darauf abzielen, dass gerade dann, wenn ein Politiker sein eigenes Wohl verfolgt, auch sicher gestellt ist, dass das Wohl der gesamten Bevölkerung gesichert ist.

 

Es war der Liberalismus, welcher nachzuweisen versuchte, dass die Interessen der Konsumenten gerade dann am besten realisiert werden, wenn die Unternehmer ihre Entscheidungen stets an ihrem eigenen Interesse ausrichten und stets bestrebt sind, ihren eigenen Gewinn zu maximieren.

 

So ging Adam Smith, der Begründer der Volkswirtschaftslehre davon aus, dass die Interessen der Unternehmer und der Bevölkerung wie durch eine unsichtbare Hand so zusammengeführt werden, dass gerade das Gewinnstreben der Unternehmer auch ein Maximum an Nutzen für die Konsumenten zur Folge habe. Wenn nämlich unter den Unternehmern Wettbewerb herrsche, so könne der Unternehmer genau dann seinen Gewinn vergrößern, wenn er seine Produkte an den Wünschen der Konsumenten ausrichte.

 

In gleicher Weise kann man davon ausgehen, dass die Spielregeln einer repräsentativen Demokratie ebenfalls die Interessen der Politiker mit denen der Wählerschaft so kanalisiert, dass ein Politiker die Wahlen immer nur dann gewinnt, wenn er auch bereit ist, die Wunschvorstellungen der Wähler bestmöglich zu erfüllen.

 

Und dies bedeutet, dass im Zusammenhang mit der Frage, inwieweit die Interessen der Bevölkerung bestmöglich vertreten werden, nicht bereits dann die Interessen der Gesamtbevölkerung vernachlässigt werden, wenn nachgewiesen wird, dass die Politiker primär ihr eigenes Wohl im Auge haben.

 

Inwieweit die Interessen der Gesamtbevölkerung vertreten werden, lässt sich immer nur daran messen, in wieweit tatsächlich die Interessen der Bevölkerung erfüllt werden und nicht daran, von welchen Zielen sich die Politiker leiten lassen.

 

Ein Politiker kann durchaus sein eigens Wohl im Auge haben und trotzdem Maßnahmen ergreifen, welche der Gesamtbevölkerung zugute kommen. So verfolgte z. B. Bismarck mit der Einführung der Sozialversicherung das primäre Ziel, die Position der preußischen Krone zu stärken, trotzdem galt die Bismarcksche Sozialgesetzgebung lange Zeit in Europa als vorbildlich.

 

Auf der anderen Seite mag ein Diktator vorgeben, er habe bei seinen Handlungen stets nur das Gesamtwohl und eben nicht sein eigens Wohl im Auge und trotzdem de facto Maßnahmen durchführen, welche das Gesamtwohl der Bevölkerung verringern.

 

Rationalität setzt zweitens voraus, dass die Machthaber der Atommächte auch bereit sind, die Maßnahmen zu treffen, welche notwendig sind, damit aufgrund der Abschreckungsstrategie auch tatsächlich verhindert wird, dass es zu einem atomaren Erstschlag kommt.

 

Und dies bedeutet, dass sich diese Politiker vor ihren Entscheidungen darüber klar werden, welche Möglichkeiten es überhaupt gibt, um die Gefahr eines Atomkrieges zu vermeiden oder zumindest zu verringern und dass sie dann auch diejenigen Maßnahmen ergreifen, welche diese Aufgabe unter den bekannten Maßnahmen am besten realisieren helfen.

 

Gerade in dieser Frage schien es in der Vergangenheit nicht zum Besten gestanden haben. Chruschtschow war ein Politiker, welcher oftmals impulsiv und verletzend handelte, bevor er sich der Auswirkungen seines Handelns bewusst wurde.

 

So war auch die Entscheidung, heimlich Raketenbasen in Kuba zu errichten, sicherlich nicht rational durchdacht. Immerhin war er bereit, in dem Augenblick, in dem klar wurde, dass diese Entscheidung zu verheerenden Folgen, nämlich zu dem Ausbruch eines dritten Weltkrieges führen könnte, diese Entscheidung auch sofort wiederum zurückzunehmen.

 

Insofern kann man durchaus davon sprechen, dass es Chruschtschow letzten Endes nicht an der notwendigen Rationalität fehlen ließ. Es fragt sich jedoch, ob dieses Urteil auch für die Nachfolger von Chruschtschow gelten kann. In dem zweiten oben erwähnten Beispiel kann man in dem Verhalten der sowjetischen Führung sicherlich nicht von rationalen Entscheidungen sprechen.

 

Immerhin hatte der erwähnte Offizier den Ausbruch eines dritten Weltkrieges verhindert und wurde dann für diese Tat auch noch durch eine Degradierung bestraft. In diesem Falle wäre es rational gewesen zuzugeben, dass die bisherigen Vorkehrungen zur Feststellung, ob der Feind einen atomaren Erstschlag plant, nicht ausreichend waren, dass das Überwachungssystem fehlerhaft war, in dem es fälschlicher Weise einen Angriff des Gegners festgestellt hatte.

 

Aber nicht das offensichtlich fehlerhafte Überwachungssystem wurde korrigiert, sondern der Offizier, welcher die verheerenden Folgen dieses Fehlers in letzter Minute durch eine überlegte und äußerst mutige Handlung abgewendet hatte, wurde für sein Handeln bestraft.

 

Es wurde auch davon gesprochen, dass die Nachfolger von Chruschtschow geradezu von der Idee besessen waren, dass jeden Tag ein atomarer Erstschlag der USA bevorstehe, obwohl objektiv betrachtet die Westmächte ein solches Verhalten nicht erkennen ließen.

 

In dem oben erwähnten dritten Beispiel kann man hingegen durchaus davon sprechen, dass die Reaktion Reagans nach Bekanntwerden der Fehleinschätzungen der Sowjetführer durchaus als rational bezeichnet werden kann. Es war die einzig richtige Entscheidung, das groß angelegte Manöver der Nato sofort abzubrechen und ein Verhalten an den Tag zu legen, aus dem eindeutig hervorging, dass der Westen keinen atomaren Erstschlag plane.

 

Halten wir also fest, dass die Abschreckungsstrategie nur bei völlig rationalem Verhalten aller beteiligten Politiker überhaupt funktionieren kann und dass es eine sehr heroische und durchaus unrealistische Annahme ist, dass die Politiker durchgehend rational entscheiden. Gerade im Hinblick auf diktatorische Systeme muss bezweifelt werden, ob die Politiker durchgehend rational entscheiden.

 

 

5. Voraussetzung Nr. 2: Erkennungsstrategie

 

Wenden wir uns nun einer weiteren Voraussetzung zu, von der es abhängt, inwieweit die Abschreckungsstrategie tatsächlich zum Erfolg führt.

 

Die Abschreckungsstrategie setzt – wie gezeigt – voraus, dass die jeweiligen Atommächte rechtzeitig erkennen können, dass der jeweilige Gegner einen Erstschlag eingeleitet hat. Denn nur dann können sie rechtzeitig, bevor sie bereits aufgrund des Erstschlages des Gegners vernichtend geschlagen wurden, überhaupt den für den Angreifer tödlich schadenden Gegenangriff starten.

 

Wir hatten bereits gesehen, dass der Versuch Chruschtschows, in Kuba Raketenbasen zu installieren, die Voraussetzungen der USA für einen Gegenschlag unmöglich gemacht hätte. Denn vom Abschuss der Rakete in Kuba bis zum Einschlag in den USA würden dann nur wenige Sekunden vergehen und es fehlte die Zeit, welche die angegriffene USA benötigt, um überhaupt zu erkennen, dass von Kuba aus eine atomar bestückte Rakete gezündet wurde.

 

Beide Atommächte bedürfen somit einer Technologie, welche rechtzeitig – und dies bedeutet wenige Sekunden oder Minuten nach dem Beginn des Erstschlages –, in der Lage ist, diesen Beginn eindeutig zu erkennen.

 

Erfolgt der Erstschlag dadurch, dass Atombomben von einem Flugzeug abgeworfen werden, muss selbstverständlich das Aufsteigen des Flugzeugs festgestellt werden können, da die Zeit vom Abwerfen der Atombombe bis zum Einschlag im gegnerischen Lager zu kurz ist, um einen Gegenschlag auszulösen.

 

Erfolgt der Abschuss einer atomar bestückten Rakete von einer Raketenbasis aus, ist weiterhin zwischen einer festen – zumeist im eigenen Land befestigten – Basis und mobilen Basen zu unterscheiden, bei denen die Atom bestückte Rakete von einem U-Boot aus abgefeuert werden wird.

 

Der Standort fester Raketenbasen dürfte im Allgemeinen dem Gegner bekannt sein, während der Standort einer mobilen Basis dem Gegner unbekannt sein dürfte, da ein U-Boot untertauchen und seinen Standort beliebig verändern kann.

 

Das Erkennen des Beginns eines atomaren Erstschlages bezieht sich hierbei auf zweierlei. Es muss erstens sichergestellt werden, dass auch jeder Erstschlag möglichst von Beginn an erkannt wird, denn nur dann kann der Gegenschlag rechtzeitig gestartet werden und nur dann muss der Aggressor mit Sicherheit mit einem tödlichen Gegenschlag rechnen und verliert dadurch jedes Interesse an einem Erstschlag.

 

Es ist jedoch genauso wichtig, dass das Erkennungssystem des jeweiligen Gegners nicht aus Versehen einen Erstschlag meldet, obwohl ein solcher Erstschlag in Wirklichkeit gar nicht erfolgt ist.

 

Genau eine solche Fehlmeldung erfolgte ja in dem oben erwähnten zweiten Beispiel. Hier meldete irrtümlicher Weise das sowjetische System den Start eines amerikanischen Erstschlages, obwohl in Wirklichkeit ein solcher Start seitens der USA gar nicht erfolgt war.

 

Es ist klar, dass die Abschreckungsstrategie auch dann nicht funktionieren kann, wenn fälschlicher Weise Erstschläge gemeldet werden. Denn in diesem Falle erfolgt ja entsprechend der zwingenden Logik dieser Strategie der Gegenschlag des vermeintlich Angegriffenen und dies hinwiederum löst dann selbst wiederum einen Gegenschlag bei dem so angegriffenen Gegner aus. Es findet also dann der atomare Krieg gerade wegen des fehlerhaften Erkennungssystems statt, obwohl dieser Kriegsausbruch vermutlich ohne diese Strategie gar nicht stattgefunden hätte.

 

Dass eine solche Situation möglich ist, haben wir mit unserem zweiten Beispiel gezeigt. Und in der Tat hätte dieser Fehler im Erkennungssystem unweigerlich einen dritten Weltkrieg ausgelöst, wenn nicht der verantwortliche Offizier nicht so reagiert hätte, wie er entsprechend dieser Abschreckungsstrategie tatsächlich normwidrig gehandelt hatte.

 

Aber wir haben nun zu klären, ob es sich hierbei um eine Ausnahmesituation handelte, mit der eigentlich nicht gerechnet werden musste, welche vielleicht nur in einer von Millionen von Situationen zu erwarten wäre?

 

In Wirklichkeit müssen wir davon ausgehen, dass es gar kein absolut sicheres Erkennungssystem gibt und auch gar nicht geben kann, da nicht nur für diese spezielle Aufgabe, sondern für alle von Menschen ausgedachten Methoden generell gilt, dass wir uns niemals über den Erfolg dieser Maßnahme absolut sicher sein können. Wir müssen vielmehr davon ausgehen, dass es aus grundsätzlichen Überlegungen heraus gar nicht möglich ist, dass uns Menschen jemals eine Technik gelingt, die absolut, also in 100% der Fälle und damit ausnahmslos funktioniert.

 

Diese Unmöglichkeit ergibt sich zwingend aus der Art und Weise, wie wir zu unserem Wissen gelangen. Wissen über die Wirklichkeit vollzieht sich stets in einem Zweierschritt. Wir machen in einem ersten Schritt mit Hilfe unserer Sinne Beobachtungen und ziehen dann aus diesen Beobachtungen mit Hilfe unseres Verstandes logische Schlussfolgerungen.

 

Soweit es sich hierbei um allgemein gültige Gesetzmäßigkeiten und nicht einmalige Ereignisse handelt, stellen wir fest, dass ein bestimmtes Ereignis x in aller Regel (immer?) von einem anderen Ereignis begleitet wird. Wir stellen aufgrund dieser Beobachtung die Hypothese auf, dass offensichtlich das Ereignis x ein anderes Ereignis y auslöst.

 

Natürlich reicht es im Allgemeinen nicht aus, dass wir aus der Tatsache, dass wir an einem konkreten Beispiel diesen Zusammenhang feststellen, bereits den Schluss ziehen können, dass x in jedem Falle y auslöst. Oftmals waren weitere Voraussetzungen notwendig, damit y auch in Folge von x ausgelöst wurde.

 

Um größere Gewissheit über diese Zusammenhänge zu erhalten, ist es nun notwendig, dass wir in bewusst herbeigeführten Experimenten das gleichzeitige Auftreten beider Ereignisse wiederholt testen. Und erst dann, wenn weitere Untersuchungen ergeben haben, dass immer dann, wenn x auftritt, in Folge auch mit dem Auftreten von y zu rechnen ist, können wir die Hypothese formulieren, dass offensichtlich das Ereignis x das andere Ereignis y auslöst.

 

Wir können uns allerdings in dieser Frage keinesfalls absolut sicher sein, wir können nur feststellen, dass es uns in zahlreichen Untersuchungen nicht gelungen ist, diese Hypothese zu widerlegen, wir müssen jedoch einräumen, dass in Zukunft auch Situationen auftreten können, bei denen das Auftreten von x nicht ausreicht, um das Ereignis y auszulösen.

 

Der Grund für diese stets geltende Unsicherheit besteht darin, dass die empirischen Zusammenhänge in aller Regel nicht so einfach sind, dass bestimmte Ereignisse (x) stets ein anderes Ereignis auslösen. Aufgrund der Komplexität der empirischen Zusammenhänge ist vielmehr in den meisten Fällen damit zu rechnen, dass das Ereignis y als Folge von x nur dann eintritt, wenn gleichzeitig ein Satz weiterer Bedingungen u1un gegeben ist und wenn zusätzlich ein weiterer Satz von Bedingungen v1 …. vm  gerade nicht gegeben ist.

 

Die Unsicherheit über die Gültigkeit der empirischen Gesetzmäßigkeiten ergibt sich hierbei aufgrund zweierlei Tatbestände. Auf der einen Seite gibt es kein Verfahren, aufgrund dessen wir mit Sicherheit erkennen können, ob wir bereits alle Faktoren, von deren Existenz oder auch Nichtexistenz das Vorliegen einer Gesetzmäßigkeit abhängt, erkannt haben. Um diese Frage beantworten zu können, bedarf es einer bestätigten Theorie und infolgedessen könnten wir diese Frage nur beantworten, wenn wir über dieses Wissen bereits verfügen würden, das mit Hilfe dieser Experimente überhaupt erst erkundet werden soll.

 

Aber selbst dann, wenn wir in der Lage wären, anzugeben, ob nun wirklich alle Variablen, welche einen empirischen Zusammenhang mitbestimmen, bereits erkannt sind,  müssten wir immer noch befürchten, dass in Zukunft neue Variablen auftreten, welche die bisher unterstellten Zusammenhänge in Frage stellen.

 

Wir leben nämlich nicht in einer geschlossenen, sondern in einer offenen Welt und wir müssen stets damit rechnen, dass innerhalb unseres Systems Änderungen von außen herbeigeführt werden.

 

Dies gilt einmal in dem Sinne, dass z. B. das bisher angewandte Verfahren zur Erkennung atomarer Erstschläge einfach deshalb fehlerhaft wird, weil der Gegner eine neue Methode für das Abfeuern atomarer Waffen gefunden hat und anwendet. Es gilt aber auch in dem Sinne, dass aufgrund kosmischer Veränderungen z. B. der Weg einer vom Gegner abgefeuerten atomaren Rakete nicht mehr einwandfrei erkannt werden kann.

 

Wir kommen somit zu dem Ergebnis, dass aus grundsätzlichen Überlegungen heraus ein Versagen der Abschreckungsstrategie niemals mit absoluter Sicherheit ausgeschlossen werden kann.

 

 

6. Voraussetzung Nr. 3: Begrenzung auf 2 Atommächte

 

Eine dritte Voraussetzung dafür, dass die Abschreckungsstrategie erfolgreich ist, liegt in der Anzahl der Atommächte. Generell gilt, dass diese Strategie um so weniger zum Erfolg führt, je mehr Atommächte es gibt. Eine relative Sicherheit eines Erfolges wäre eigentlich nur dann gegeben, wenn sich allein zwei Atommächte gegenüber stünden.

 

Nun war selbst diese Voraussetzung in den ersten Jahren nach Beendigung des zweiten Weltkrieges nur wenige Jahre gegeben. Zunächst hatten nur die USA Atombomben, die Sowjetunion folgte bald und auch Frankreich und Großbritannien erreichten sehr schnell den Status einer Atommacht.

 

Trotzdem konnte man in den folgenden Jahren des Kalten Krieges davon ausgehen, dass es nur zwei Blöcke von Atommächten gab. Auf der einen Seite standen die USA, Großbritannien und Frankreich, welche in der Nato gemeinsam die Sowjetunion bekämpften, auf der anderen Seite die Sowjetunion, welche das Ziel verfolgte, die westlichen Mächte zunächst auf dem Wege eines nur kalten Krieges zu vernichten. Man begeht also keinen großen Fehler, wenn man für diese ersten Jahren nach dem Ende des zweiten Weltkrieges de facto von nur zwei Atommächten ausgeht.

 

Wenn wir nun unterstellen könnten, dass die beiden zuerst genannten Voraussetzungen in dieser Zeit gegeben gewesen wären, dann hätte man  bei Vorliegen von lediglich zwei sich bekämpfenden Atommächte in der Tat von einer Abschreckungsstrategie sprechen können, welche in sehr hohem Maße die Sicherheit gab, dass es de facto zu keiner atomaren kriegerischen Auseinandersetzung kommen würde.

 

Denn immer dann, wenn die Erkennungssysteme melden würden, dass atomar bestückte Raketen abgefeuert wurden oder mit Atombomben beladene Flugzeuge ihren Flug begonnen hatten, konnten die Politiker des angegriffenen Landes davon ausgehen, dass diese Bedrohung von der atomaren Gegenmacht ausging, man wusste also, welches Land diesen Erstschlag eingeleitet hat und konnte somit bei Vorliegen der beiden anderen Voraussetzungen zum erfolgreichen Gegenschlag ausholen.

 

Diese Sicherheit geht jedoch verloren, wenn mehr als zwei Atommächte bestehen, wobei wir stets einen Zusammenschluss mehrere Länder zu einem gemeinsamen Verteidigungsbündnis als nur eine Atommacht ansehen.

 

Wenn es z. B. drei in diesem Sinne unabhängige Atommächte gibt, kann sich ein Land dann, wenn seine Erkennungssysteme das Einleiten eines Erstschlages melden, nicht sicher sein, von welchem Land diese Bedrohung ausgeht, zumindest dann, wenn wir berücksichtigen, dass atomare Waffen nicht vom Boden des Landes abgefeuert werden, welches den Erstschlag durchführt. Die Existenz von mobilen Raketenbasen z. B. auf Ubooten, deren Standort immer wieder verändert werden kann, macht es einem Land unmöglich zu erkennen, von welchem Land nun der Erstschlag erfolgte.

 

Und es ist klar, dass die Erfolgsaussichten einer Abschreckungsstrategie in dem Maße sinken, in dem die Zahl der unabhängig agierenden Atommächten ansteigt. Gerade kleinere Atommächte erlangen hier die Möglichkeit, die größeren Atommächte dadurch auszuschalten, dass sie vortäuschen, ein Erstschlag ginge von einer dieser Großmächte aus, obwohl de facto der Erstschlag von einem dritten Land ausgelöst wurde.

 

 

7. Ausweg Nr. 1: Abrüstung

 

In Anbetracht dessen, dass die Abschreckungsstrategie keinesfalls sicher ist und in der Vergangenheit mehrmals der Ausbruch eines dritten Weltkrieges nur aus Zufall verhindert wurde, wird schon sehr lange eine atomare Abrüstung gefordert.

 

Wenn es tatsächlich zu einer totalen Vernichtung aller Atombomben käme und wenn alle tatsächlichen und potentiellen Atommächte in Zukunft darauf verzichten würden, weiterhin an der Weiterentwicklung einer atomaren Bedrohung weiterzuforschen und auch für die Zukunft keine neuen atomaren Waffen produzieren würden, wäre in der Tat die Gefahr einer verheerenden Verwüstung und atomarer Verseuchung ganzer Gegenden gebannt.

 

Allerdings kann man nicht hoffen, dass auf diese Weise auch die Gefahr kriegerischer Auseinandersetzungen, noch nicht einmal der Ausbruch eines dritten Weltkrieges ebenfalls beseitigt oder zumindest in starkem Maße vermindert werden würde.

 

Die Ursachen für kriegerische Auseinandersetzungen liegen in den zahlreichen Interessenkonflikten zwischen den Ländern und liegen auch historisch gesehen weit zurück und nur eine Beseitigung oder Verminderung dieser Ursachen könnte diese Gefahr bannen. Ganz im Gegenteil ist sogar zu befürchten, dass diese Gefahr bei Verzicht auf eine atomare Bewaffnung vermutlich sogar ansteigen würde, da die Gefahren bei kriegerischen Auseinandersetzungen für Angreifer wie Verteidiger nun etwas geringer wurden.

 

Wenn überhaupt könnte eine Abrüstung nur dann eine spürbare Entlastung bringen, wenn lediglich zwei Atommächte vorhanden wären, wie es ja in den ersten Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg der Fall war. Beide Großmächte, die in der Nato verbundenen USA, Großbritannien und Frankreich auf der einen und die Sowjetunion auf der anderen Seite hätten auf der einen Seite ein starkes Interesse, die Gefahr des Ausbruches einer atomaren Bedrohung zu verringern und wären gerade deshalb bereit, auch die Vereinbarungen über den Abbau des Atomarsenals einzuhalten.

 

Sehr viel schwieriger dürfte es sein, zu einer effektiven Abrüstung zu kommen, je mehr Atommächte vorhanden sind. Hier besteht stets die Gefahr, dass sich einige kleinere Atommächte nicht an diese Vereinbarungen halten, dass sich die Politiker dieser Staaten sogar eine massive internationale Verstärkung versprechen, wenn auf der einen Seite die beiden Großmächte abrüsten und auf der anderen Seite jedoch diese kleineren Staaten selbst über Atomwaffen nach wie vor verfügen könnten.

 

Aber unabhängig von der Frage, ob eine Abrüstung überhaupt erfolgreich zu Ende geführt werden könnte, eine wirklich Entlastung und eine wesentliche Verminderung der Gefahr, dass Interessenkonflikte auf kriegerischem Wege ausgetragen werden, könnte nur erhofft werden, wenn gleichzeitig parallel zur Abrüstung neue Wege eingeführt würden, um auf der einen Seite die Ursachen für landesweite Interessenkonflikte vermindert   und neue Wege eingeschlagen würden, um die nach wie vor bestehenden Interessenkonflikte zwischen den einzelnen Staaten auf friedlichem Wege abzubauen.

 

 

8. Ausweg Nr. 2: Ausbau der Bekämpfungsstrategie

 

Gerade aus diesen Gründen sind in den letzten Jahrzehnten die Bemühungen für einen Abbau des Atomwaffenarsenals zurückgegangen. Gleichzeitig bemühen sich immer mehr kleinere Staaten, ebenfalls über Atomwaffen zu verfügen. Und die großen Atommächte versuchen lediglich zu verhindern, dass weitere Staaten Atomwaffen erwerben können.

 

Statt eines Abbaus der bestehenden Atomwaffenarsenale bemühen sich seit einiger Zeit die beiden Großmächte USA und Russland vielmehr darum, die Möglichkeiten der Abwehr gegenüber feindlichen Atomwaffen zu verbessern, indem sie neue Abwehrtechnologien entwickelten.

 

Allerdings zeichnen sich diese Technologien dadurch aus, dass sie nicht nur in der Lage sind, feindliche Raketen abzuwehren, sie sind zumeist gleichzeitig Angriffswaffen. Sie gestatten zwar unter Umständen feindliche Raketen vor dem Eintreffen dieser Raketen im eigenen Territorium abzuschießen. Diese Gegenwehr zeichnet sich jedoch dadurch aus, dass die feindlichen Raketen durch die eigenen Abwehrraketen abgeschossen werden. Und dies bedeutet, dass die gleichen Raketenbasen auch wiederum für aggressive Ziele eingesetzt werden könnten.

 

Dies bedeutet, dass die Versuche, atomare Bedrohungen zu vermindern, auf zweierlei Weise zum Scheitern verurteilt sind. Auf der einen Seite gelingt die Abwehr auf diese Weise immer nur bedingt und auf kurze Zeit, da die jeweiligen Gegner auch ihre Technologien weiterentwickeln und bemüht sind, den Erfolg der Abwehrraketen zu reduzieren. Mehr Sicherheit wird auf diese Weise immer nur für kurze Zeit erreicht, in der die potentiellen Angreifer mit ihren Bemühungen, ihre eigenen Technologien anzupassen, noch keinen Erfolg hatten.

 

Auf der anderen Seite erhöht sich auch das Angriffspotential der Staaten, welche sich durch diese Abwehrsysteme in erster Linie zu verteidigen versuchen. Da aber wie erwähnt, die Abwehrsysteme in gleicher Weise in der Lage sind, aggressiv vorzugehen und einen Erstschlag gegen einen potentiellen Gegner zu starten, tragen diese Versuche gleichzeitig dazu bei, bei den jeweiligen Gegnern sich auch gegen diese neue Waffen dadurch zu wehren, dass sie weiter aufrüsten.

 

In einer solchen Situation ist auch dann wenig gewonnen, wenn diejenigen Nationen, welche diese neuen Abwehrsysteme einführen, beteuern, dass sie hiermit lediglich das Ziel verfolgen, sich möglicher Erstschläge zu erwehren. Es kommt hier weniger darauf an, welche Absichten eine Nation verfolgt, sondern inwieweit der potentielle Gegner die Möglichkeit für einen Erstschlag besitzt. Das gegenseitige Verhandlungsklima ist grundlegend verseucht, kein Staat wird sich auf das bloße Versprechen der jeweiligen Gegner verlassen.

 

Und dieses gegenseitige Misstrauen steigt in dem Maße, in dem die Anzahl der Atommächte ansteigt. Hätten wir lediglich zwei Atommächte wäre es noch denkbar, dass sich diese beiden Mächte auf ein Abrüsten verständigen und vor allem auch im eigenen Interesse darauf verzichten, sich weiter aufzurüsten. Da es aber in der Zwischenzeit eine Vielzahl von Atommächten gibt, steigt auch die Gefahr, dass eine Atommacht ausschert und gerade dann mit der Bedrohung fortfahrt, wenn die jeweils anderen Staaten tatsächlich abrüsten würden.

 

Gerade die Kenntnis dieser Gefahren trägt selbst wiederum dazu bei, dass die größeren Atommächte auf keinen Fall bereit sind, ihr Atomwaffenpotential vollständig zu vernichten. Man wird auch zugeben müssen, dass die Sicherheit vor einer atomaren Kriegsführung angesichts der großen Zahl bereits bestehender Atommächte durch Abrüstung nicht mehr garantiert werden kann.

 

 

9. Ausweg Nr. 3: Umlenkung der feindlichen Raketen

 

Wenn eine Abrüstung aller Atomwaffen um so unwahrscheinlicher wird, je mehr es Atommächte gibt, fragt es sich wie es überhaupt möglich sein wird, die atomare Bedrohung jemals zu überwinden.

 

Wir haben gesehen, dass eine Abrüstung vor allem deshalb scheitert, weil sich gerade die kleineren Atommächte Chancen ausrechnen, bei einer Abrüstung der großen Atommächte an Macht zu gewinnen. Und die beiden großen Atommächte (USA und Russland) werden kaum ihr Atomwaffenarsenal vollkommen aufgeben, da stets die Gefahr besteht, dass gerade in einer sonst weltweiten atomfreien Welt Terroristen die Macht an sich reißen können.

 

Wir haben schließlich gesehen, dass der Versuch der Großmächte, ihre Position dadurch zu verbessern, dass sie Abwehrraketen entwickelten, um Atomgeschosse abzufangen, vor allem deshalb keine Lösung bringen kann, weil diese Waffen nicht nur zur Verteidigung dienen, sondern jederzeit auch als Angriffswaffen eingesetzt werden können.

 

Eine Lösung aus diesem Dilemma könnte nur dann erreicht werden, wenn Waffen entwickelt werden könnten, welche zwar erfolgreich Atomwaffen bekämpfen können, welche aber nicht gleichzeitig für Angriffsziele verwendet werden könnten.

 

Atomwaffen werden in aller Regel automatisch durch Computerprogramme gesteuert. Wenn es nun möglich wäre, dass die jeweils feindlichen Mächte in diese Programme eindringen können, könnte es unter Umständen auch möglich werden, die Bahn dieser Geschosse so umzulenken, dass die Geschosse in Richtung des Territoriums gelenkt werden, von dem aus diese Raketen abgefeuert würden.

 

Wenn eine solche Umprogrammierung möglich würde, hätte kein Staat mehr ein Interesse daran, mit Hilfe eines Erstschlages den Gegner zu vernichten, weil in diesem Falle ja gar nicht der Gegner, sondern der Aggressor selbst vernichtet würde.

 

Es wäre im diesem Falle noch nicht einmal notwendig, dass diese Technologie hundertprozentig, das heißt in jedem einzelnen Falle zum Erfolg führt, was ohnehin wie oben bereits erwähnt gar nicht möglich wäre. Es würde ausreichen, dass eine hohe Wahrscheinlichkeit besteht, dass eine solche Umlenkung der abgeschossenen Raketen stattfindet, um jeden potentiellen Angreifer davon abzuhalten, solche Geschosse abzuschießen.

 

In dem Augenblick jedoch, in dem das Atomwaffenarsenal gar nicht mehr mit Erfolg eingesetzt werden kann, verlieren diese Waffen ihren Wert und dann dürfte die Bereitschaft, diese unnütz gewordenen Waffen auch zu vernichten, steigen.