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Berühmte Irrtümer Teil II

 

 

Gliederung:

 

  1. Inflation Voraussetzung für Konjunkturbelebung?

  2. Macht Reichtum wirklich glücklich?

  3. Sicherheit durch Überwachung und korrektes Verhalten?

  4. Moralisches Handeln stets im Interesse jedes einzelnen?

  5. Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch den Verstand

  6. Lügen haben kurze Beine

  7. Abschreckungsstrategie verhindert Atomkrieg?

  8. Rationale Entscheidung stets besser als Intuition?

  9. Bilder lügen nicht

10. Wo Rauch, da Feuer

11. Angriff ist die beste Verteidigung

12. Recht auf Waffe erhöht die Sicherheit

 

 

Kapitel 6: Lügen haben kurze Beine

 

 

Gliederung:

 

1. Das Problem

2. Das Wahrheitsproblem in der Familie

3. Wahrheit in der Politik

4. Wahrheit im Krieg

5. Wahrheit bei der Strafverfolgung

6. Wahrheit im Wirtschaftsbereich

7. Wahrheit im Gesundheitswesen

8. Wahrheit in der Wissenschaft

 

 

6. Wahrheit im Wirtschaftsbereich

 

Im folgenden Abschnitt wollen wir uns mit der Unwahrheit befassen, welche im Berufsleben und im Rahmen der Wirtschaftsordnung geäußert wird. Wir hatten schon eingangs dieses Kapitels aufgezeigt, dass das Wirtschaftsleben in einer modernen Industriegesellschaft arbeitsteilig erfolgt und dass dieser Tatbestand dazu führt, dass die Ergebnisse der Produktion vom Verhalten unserer Mitmenschen abhängt und dass sich der Einzelne darauf verlassen können muss, dass die Informationen, die er von den anderen erhält, auch der Wahrheit entsprechen.

 

Wenn z. B. ein Kunde einem Produzenten einen Auftrag erteilt, so kann der Produzent nur dann erfolgreich wirtschaften, wenn sich der Kunde an diesen Auftrag hält, wenn der Produzent also nach Fertigstellung des Produktes dieses auch an den Kunden verkaufen kann. Auch innerhalb eines Betriebes müssen in besonderem Maße die Tätigkeiten der einzelnen Arbeitnehmer aufeinander abgestimmt werden und dies funktioniert nur dann reibungslos, wenn sich der Einzelne darauf verlassen kann, dass die ihm mitgeteilten Informationen der Wahrheit entsprechen.

 

Im Grunde ist die Situation im Hinblick auf das Wahrheitsgebot auch im wirtschaftlichen Leben ähnlich wie im politischen Bereich. Genauso wie der Politiker den Wählern vor der Wahl mit seinem Wahlprogramm Versprechungen macht, genauso versucht der Unternehmer seine Waren durch Werbung an den Mann zu bringen. Auch die Werbung besteht größtenteils aus Informationen, welche dem Kunden nur dann nützen, wenn sie der Wahrheit entsprechen.

 

Im politischen Bereich mussten wir feststellen, dass Politiker wie Journalisten gerne mit Teilwahrheiten arbeiten und dass sie auf diesem Wege zumeist größere Chancen haben, als wenn sie vollkommen falsche Informationen verkünden oder die gesamte Wahrheit über ihre politischen Absichten bekannt geben. Bekanntlich hat nahezu jede politische Maßnahme nicht nur positive Wirkungen auf die angestrebte Zielgröße, sondern auch negative Nebenwirkungen auf andere Ziele der Politik.

 

Natürlich wird der Politiker mit seinem Wahlprogramm mehr Wähler an sich binden, wenn er dafür Sorge trägt, dass der Wähler vorwiegend nur die erstrebten positiven Auswirkungen erfährt, die unerwünschten negativen Nebeneffekte jedoch möglichst nicht beachtet werden. Ein ähnlicher, aber doch etwas anderer Tatbestand begegnet uns im Bereich der Werbung.

 

Aus der Sicht einer Unternehmung stellt die Werbung ein Mittel dar, um im Wettbewerb mit den Konkurrenten einen möglichst großen Anteil am Gesamtumsatz in der jeweiligen Branche zu erlangen und damit den Erlös und über den Erlös den Gewinn zu steigern.

 

Es gibt grundsätzlich zwei Wege, auf denen ein Unternehmer seinen Absatz vergrößern kann. Er kann auf der einen Seite seinen Preis reduzieren und damit eine Mehrnachfrage auslösen. Bekanntlich hängt die Nachfrage nach einem Produkt unter anderem auch von der Höhe des Preises ab, den ein Käufer entrichten muss. Auf der anderen Seite kann sich der Anbieter aber auch durch Werbung darum bemühen, dass bei gleichem Preis die Nachfrage nach seinem Produkt steigt.

 

Ob allerdings eine Werbung ein geeignetes Mittel darstellt, um den Umsatz zu steigern, ist fraglich. Ich erinnere mich an ein Gespräch, das ich vor langer Zeit mit einem Unternehmer geführt habe, in dem dieser Unternehmer seine Zweifel ausdrückte, ob es seiner Firma tatsächlich gelungen sei, den Absatz auf diesem Wege entscheidend zu steigern.

 

Er äußerte die Vermutung, dass die Gesamtnachfrage nach einem Produkt aufgrund der Werbung nicht wesentlich gesteigert werden könne und dass die Werbung nur darauf abziele, dem Konkurrenten Kunden abzuwerben. Man betreibe als Einzelunternehmer Werbung vor allem, um zu verhindern, dass Kunden gerade aufgrund der Werbung der Konkurrenten zu diesen abzuwandern.

 

In diesem Zusammenhang entsteht die Frage, ob es gesamtwirtschaftlich sinnvoll ist, überhaupt Werbung zu treiben. Schließlich werden durch die Werbung knappe Ressourcen eingesetzt, die an anderer Stelle im Produktionsprozess vielleicht einen wesentlich höheren Gesamtnutzen hätten hervorrufen können.

 

Selbst dann, wenn es möglich wäre, durch Werbemaßnahmen den Umfang des gesamten Konsums auszuweiten, bleibt die Frage, ob dies auch erwünscht ist, da ja eine Zunahme der Konsumsumme – zumindest in einer funktionierenden Marktwirtschaft – gleichzeitig mit einer Reduzierung der Sparsumme und damit auch des Investitionsumfanges verbunden  ist.

 

Aus der Sicht des Konsumenten könnte durch Werbung dadurch ein Nutzengewinn entstehen, dass der Konsument auf diesem Wege Informationen über die Qualität der einzelnen Produkte erfährt und dass er deshalb besser als ohne Werbung in der Lage ist, jeweils die Produkte nachzufragen, welche auch die Eigenschaften aufweisen, die mit diesem Produkt letzten Endes nachgefragt werden. Die Gefahr, dass der Konsument in Wirklichkeit Produkte erwirbt, die gar nicht die nachgefragten Eigenschaften aufweisen, sinke also über die Werbung.

 

Dieser positive Informationseffekt ist jedoch offensichtlich nur dann zu erwarten, wenn der Konsument auch wahrheitsgemäß über die positiven wie negativen Merkmale des jeweiligen Produktes in der Werbung unterrichtet wird.

 

Es geht hierbei allerdings nicht nur um die möglichen negativen Sekundärwirkungen, über die möglichst wenig mitgeteilt wird, vielmehr zeichnet sich ein Großteil der verbreiteten Werbung auch dadurch aus, dass die Werbetexte oftmals auf der einen Seite nur einen denkbar geringen Informationsgehalt haben, dass aber auf der anderen Seite trotzdem der Eindruck erweckt wird, es handle sich für den nicht eingeweihten Laien um eine sehr wichtige Information.

 

Empirische Untersuchungen haben darüber hinaus festgestellt, dass Käufer von PKW’s oftmals die Werbeprospekte erst nach dem vollzogenen Kauf erworben haben. Hier konnte es also gar nicht darum gehen, dem potenziellen Käufer eine Informationshilfe zu geben, um auf dieser Grundlage die Produkte gezielt auszuwählen, welche dem Bedarf am besten entsprechen. Der Kauf war ja schon getätigt, als diese Prospekte angefordert wurden.

 

Offensichtlich diente das Werbeprospekt hier dazu, um dem Käufer nach dem Kauf Argumente zu liefern, dass er eine richtige Entscheidung getroffen hatte, offensichtlich waren dem Käufer Zweifel gekommen, ob er tatsächlich die richtige Wahl getroffen hat. Um zu verhindern, sich eingestehen zu müssen, dass er eine falsche Wahl getroffen hat, dass er also sein Einkommen recht verschwenderisch ausgegeben hat, sucht er nun krampfhaft nach Argumenten, die ihn davon überzeugen sollen, dass er doch die richtige Wahl getroffen hat.

 

Was ist weiterhin von einer Werbung zu halten, welche damit wirbt, dass der Preis stimme? Prinzipiell ist davon auszugehen, dass gerade die Preisvorstellungen von Käufern und Verkäufern auseinandergehen, dass die Zielvorstellungen beider Gruppen in der Frage nach dem erwünschten Preis in einem Konfliktverhältnis zueinander stehen. Der Verkäufer ist daran interessiert, bei einer gegebenen Qualität eines Produktes einen möglichst hohen Preis zu erzielen, während der Käufer ein Interesse daran hat, bei gegebener Qualität einen möglichst niedrigen Preis zahlen zu müssen.

 

Da sich diese Feststellung an den Verbraucher richtet, wird suggeriert, dass der Preis aus der Sicht des Konsumenten ‚stimme‘. Ob der Preis jedoch aus der Sicht des Konsumenten annehmbar ist, hängt entscheidend von subjektiven Größen ab, die nur der Konsument kennen kann und die sich von Person zu Person unterscheiden.

 

Der Konsument erlangt durch den Kauf eines Gutes genau dann einen Nutzengewinn (gegenüber anderen Verwendungsarten des Einkommens), wenn der Nutzenzuwachs beim Kauf dieses Gutes die Nutzensteigerung übersteigt, welche dieser Käufer dann erfahren würde, wenn er die gleiche Geldsumme für ein anderes Produkt ausgegeben hätte.

 

Und wie dieser Nutzenvergleich ausfällt, hängt selbst wiederum von der Höhe des jeweiligen Einkommens sowie der Bedarfsgewohnheiten (,die der Wirtschaftswissenschaftler als Bedarfsstruktur bezeichnet,) ab. Beide Variablen unterscheiden sich aber von Konsument zu Konsument, der Verkäufer ist deshalb auch gar nicht in der Lage, darüber eine zuverlässige Auskunft zu geben, ob der Preis für den einzelnen Konsumenten stimme oder nicht. Diese Frage hat allein der Konsument mit sich selbst auszumachen.

 

Ganz davon abgesehen ist es gut, wenn man sich an eine Weisheit erinnert, welche bereits Lessing in seiner Minna von Barnhelm ausgesprochen hatte. Schon Gotthold Ephraim Lessing lässt in der Minna von Barnhelm im 2. Akt in der 1. Szene Franziska sagen: ‚Man spricht selten von der Tugend, die man hat; aber desto öfter von der, die uns fehlt.‘

 

Die Erzählung fährt dann fort, indem Fräulein fragt: ‚Von was für Tugenden spricht er (gemeint war Major von Tellheim, der Verlobte der Minna von Barnhelm) denn?‚ Das Fräulein antwortet: ‚Er spricht von keiner; denn ihm fehlt keine.‚ Wenig später fügt das Fräulein hinzu: ‚Warte, Franziska, ich besinne mich. Er spricht sehr oft von Ökonomie. Im Vertrauen, Franziska, ich glaube, der Mann ist ein Verschwender. Es darf deshalb auch als verdächtig erscheinen, wenn Anbieter ihr Produkt damit preisen, dass der Preis dieses Gutes auch für den Konsumenten besonders günstig sei.

 

Nehmen wir als zweites Beispiel für eine weitgehend inhaltsleere Reklame den Vergleich der eigenen Produkte mit Produkten ohne Namen (sogenannten No-Name-Produkten). So verweist z. B. ein Produkthersteller für sein Produkt darauf, dass offensichtlich (aber nicht ausgesprochen) im Gegensatz zu den anderen, nicht näher bezeichneten Konkurrenzprodukten führender Hersteller der Maschinen, für welche dieses Produkt verwendet werden soll,  das eigene Produkt wie kein anderes geeignet sein soll, diese Maschinen zu schonen.

 

Dass die Konkurrenzprodukte nicht mit Namen genannt werden, hängt damit zusammen, dass die Rechtsprechung verbietet, in der Werbung eigens auf negative Eigenschaften der Konkurrenzprodukte hinzuweisen. De facto ist trotzdem dem Adressaten der Werbung zumeist klar, welche anderen Produkte gemeint sind. Auch ist der faktische Unterschied zwischen der Aussage gering: ‚meine Produkte weisen nicht die negativen Eigenschaften anderer, nicht eigens genannter Konkurrenzprodukte auf‘ und der anderen Aussage: ‚das Produkt von  XY weist die schlechte Eigenschaft YZ auf‘.

 

Auch hier gilt es die Frage zu beantworten, aus welchen Motiven heraus denn die Maschinenhersteller dieses positive Urteil aussprechen. Es soll der Eindruck erweckt werden, als würde hier der unabhängige Fachmann sprechen (der Maschinenhersteller ist ja kein Konkurrent des Werbenden), in Wirklichkeit haben jedoch die führenden Maschinenhersteller in erster Linie ein Eigeninteresse daran, auf diesem Wege ihren eigenen Absatz zu sichern.

 

Nehmen wir ein drittes Beispiel dafür, dass sich die Werbung nur in geringem Maße auf die Eigenschaften konzentriert, die eigentlich mit diesem Produkt nachgefragt werden. Viele Werbesprüche versuchen die Nachfrage nach dem zu bewerbenden Produkt dadurch zu steigern, dass sie versuchen, mit dem Produkt insgeheim einen geheimen Wunsch der Kunden zu verbinden, der von der Sache her nichts mit den Produkteigenschaften zu tun hat.

 

So wird dem Konsumenten z. B. suggeriert, dass er beim Kauf dieses Produktes ‚den Duft der großen Welt verspüre‘ und diese Illusion wird dadurch angeregt, dass in den Reklamebildern eine Person zu sehen ist, welche dem Kreis der ‚very important person‘ (VIP) angehört und – dieses Produkt konsumierend –gerade aus einem Jet entsteigt.

 

Hier soll der Konsum des fraglichen Gutes nicht dadurch gesteigert werden, dass dem Adressaten des Werbespots nützliche Eigenschaften des Produkts genannt werden, es soll vielmehr im Unterbewusstsein eine Assoziation erzeugt werden zwischen einem lang gehegten, aber niemals erreichten Wunsch und dem Konsum dieses Gutes. Wichtig ist hierbei, dass diese Verknüpfung nur dann gelingen kann, wenn sich der Konsument dieser Assoziation nicht bewusst wird.

 

Gerade dieses letzte Beispiel macht deutlich, dass große Teile der Werbung aus moralischen Gründen äußerst fragwürdig sind. Es ist nicht erwünscht, dass der Konsum eines Gutes dadurch angefacht wird, dass man eine künstliche Verbindung zwischen Konsum eines bestimmten Gutes und einem geheimen Wunsch im Unterbewusstsein erzeugt, es ist weiterhin moralisch bedenklich, wenn der Nutzen eines Gutes durch ungenaue Informationen künstlich gesteigert wird und es ist schließlich bedenklich, wenn knappe Ressourcen eingesetzt werden, ohne dass im Endergebnis das Gesamtwohl der Bevölkerung auf diese Weise gesteigert werden kann.

 

Nach der Werbetheorie dient die Werbung nicht nur dazu, dem Käufer die für eine rationelle Entscheidung notwendigen Informationen zu liefern, sondern darüber hinaus auch dazu, einen noch nicht vorhandenen Bedarf zu wecken. Der einzelne Konsument verfüge nur über sehr vage Vorstellungen darüber, mit welchen Produkten sein Lebensstandard verbessert werden könnte. Hier sei es Aufgabe der Werbung, den Bedarf überhaupt erst richtig zu wecken und im Nachhinein stelle sich dann zumeist heraus, dass das Nutzenniveau der Konsumenten durch die Weckung neuer Bedürfnisse entscheidend angehoben werden konnte.

 

Diese Rechtfertigung begegnet jedoch einer Vielzahl von ernst zunehmenden Einwänden. Das Gefühl der Zufriedenheit hängt nämlich nicht einseitig nur davon ab, über wie viel Ressourcen der einzige Konsument verfügt und wie viel Bedürfnisse befriedigt werden können. Zufriedenheit kann gerade dadurch erreicht werden, dass sich der einzelne darum bemüht, seinen Bedarf bewusst auf seine Möglichkeiten zu beschränken. Es ist die Knappheit, die Frustration und Unzufriedenheit erzeugt und der Grad der Knappheit wird nicht durch den Umfang der zur Verfügung stehenden Ressourcen, sondern durch das Verhältnis zwischen zur Verfügung stehenden Ressourcen und dem Bedarf bestimmt.

 

Es besteht leicht die Gefahr, dass Menschen gerade dadurch nie das Ziel einer ausgewogenen Zufriedenheit erlangen, dass sie immer neue Bedürfnisse entwickeln und in dem Versuch, zusätzliche Ressourcen für diese neuen Bedürfnisse zu erlangen, in eine ausgesprochene Stresssituation gelangen, die selbst wiederum Unzufriedenheit erzeugt.

 

Angesichts der großen weltweiten Knappheit, aufgrund derer noch nicht einmal die lebensnotwendigen Güter für Millionen von Menschen sichergestellt werden können, ist es sicherlich nicht berechtigt, auch noch über Reklame Bedürfnisse, welche nur dem Luxus einer kleinen Schicht Privilegierter dienen, künstlich zu erwecken.

 

Neben der Werbung zählt auch die Wirtschaftsspionage zu den Problemfeldern im Hinblick auf das Wahrheitsgebot. Ähnlich wie feindliche Nationen, welche in einem Kriegsverhältnis zueinanderstehen, bemüht sind, möglichst viele Informationen über die Lage des Feindes zu erhalten und gleichzeitig durch gezielte Desinformation den feindlichen Staaten falsche Informationen zuzuspielen, genauso bemühen sich viele Unternehmungen auf der einen Seite Informationen über die wirtschaftliche Lage sowie über die Forschungsentwicklungen der konkurrierenden Unternehmungen zu erhalten und auf der anderen Seite zu verhindern, dass ihre Konkurrenten über die eigene Lage Informationen erhalten.

 

In einem Punkt weicht jedoch die Wirtschaftsspionage von der politischen Spionage ab. Die Spionage im politischen Bereich vollzieht sich in einem weitgehenden rechtlich freien Raum, es gibt keine übergreifende politische Weltordnung und soweit man überhaupt kriegerische Handlungen akzeptiert, wenn sie zur Verteidigung gegenüber Angriffen feindlicher Nationen dienen, wird man auch immer einräumen müssen, dass ein Staat das Recht hat, auch eine bewusste Desinformation zu betreiben, um auf diese Weise die eigenen Menschenverluste so gering wie möglich zu halten. Der Schaden, der durch eine Lüge entsteht, ist viel geringer als der Schaden aufgrund von Menschenopfern.

 

Das wirtschaftliche System eines Staates entfaltet sich hingegen innerhalb einer rechtlichen Ordnung, die im Allgemeinen jede Form von Wirtschaftsspionage unter Strafe stellt. Selbst dort, wo Wirtschaftsspionage zwischen Unternehmungen verschiedener Staaten betrieben wird, gibt es zahlreiche Abkommen zwischen diesen Nationen, welche eine Wirtschaftsspionage unter Strafe stellen.

 

Bei der Wirtschaftsspionage handelt es sich wie bei der politisch relevanten Spionage um Informationen, auf die der Empfänger keinen Anspruch hat und welche von Seiten der Spionage treibenden Personen eigentlich nicht an außenstehende Personen weitergegeben werden dürfen.

 

Der Grund hierfür liegt im Folgenden: Die Entwicklung neuer Techniken ist in aller Regel mit hohem Forschungsaufwand verbunden. Eine Unternehmung, welche diesen Aufwand betreibt, hat auch ein Anrecht, nach Ausreifung dieser Techniken die hierdurch erzielten Mehrerträge in Anspruch zu nehmen.

 

Wir können davon ausgehen, dass zumindest ein Großteil dieser Erfindungen langfristig der Volkswirtschaft zu einem höheren wirtschaftlichen Wohlstand verhilft und diese Wachstumsimpulse wären gefährdet, wenn andere Unternehmungen, welche diese Kosten nicht aufgewandt haben, in den Genuss dieser Erträge kämen. Keine Unternehmung hätte in diesem Falle noch ein Interesse daran, solch hohe Entwicklungskosten aufzubringen. Die Folge wäre, dass es eben dann auch nicht zu diesen wachstumssteigernden Erfindungen käme.

 

Gerade wegen dieser Gefahren wurde schon sehr früh in der Entwicklung der industrialisierten Länder die Patenschutzgesetzgebung entwickelt. Fertig entwickelte, bisher unbekannte Verfahren und Produkte können zum Patent angemeldet werden. In diesem Falle ist auch die Möglichkeit, Unternehmungen rechtlich leichter zu belangen, größer geworden, welche solche patentierten Verfahren durch Spionage unrechtmäßig erwerben und anwenden.

 

Allerdings weist die Art und Weise, wie diese Gesetzgebung gehandhabt wird, zwei gravierende Mängel auf. Auf der einen Seite greift der Patentschutz erst, nachdem das technische Verfahren oder Produkt zum Patent angemeldet wurde. In der langwierigen Zeit, in der diese Technik noch nicht ausgereift ist, kann sie auch noch nicht zum Patent angemeldet werden mit der Folge, dass in dieser Zeit, vor allem kurz vor dem Ausreifen der Technik, diese durch Spionage an konkurrierende Unternehmungen weitergegeben werden kann.

 

Gerade in dieser frühen Entwicklungsphase bedürfen die technischen Pläne zur Entwicklung einer neuen Technologie eines besonderen Schutzes, früher wurden deshalb diese Pläne in Tresoren gelegt, die jedoch von versierten Dieben geknackt werden konnten. Heute bemühen sich die Unternehmungen ihre Pläne in einem Computersystem zu hinterlegen und den Zugang zu den entsprechenden Dateien durch Sicherheitscodes abzusichern. Aber auch hier gilt, dass erfahrene Hacker durchaus auch in der Lage sind, nahezu jede Art von Sicherheitscodes zu knacken.

 

Auf der anderen Seite bringt der Patentschutz für eine recht lange Zeit von etwa 40 Jahren dem Patentinhaber eine Monopolstellung. Er allein darf das patentierte Gut produzieren und die patentierte Technik anwenden. Nun kommt jedoch dem Wettbewerb in einer Marktwirtschaft eine essentielle Bedeutung zu. Nur bei Wettbewerb sind die Ergebnisse des Wirtschaftsprozesses befriedigend.

 

Der Wettbewerb sorgt dafür, dass Unternehmungen immer wieder neue Techniken erfinden, weiterhin, dass die Unternehmungen sich gezwungen sehen, die Kostensteigerungen an die Verbraucher weiterzugeben, vor allem aber kann sich nur dann, wenn sich eine Vielzahl von Unternehmungen in die Produktion teilen, das Haftungsprinzip durchsetzen, dass nämlich derjenige, welcher mit einer riskanten Investition Verluste erzielt, auch für diese Verluste mit seinem Vermögen haftet.

 

Teilen sich einige wenige Unternehmungen in den Markt und kommt es zu einer ernsthaften Absatzkrise, bleibt dem Staat gar nichts anderes übrig, als diese Unternehmungen mit Steuergeldern zu stützen, da ein Konkurs zu einer Massenarbeitslosigkeit führen würde.

 

In diesem Falle streichen zwar die Unternehmer die Gewinne riskanter Investitionen ein, haften aber nicht mehr für mögliche Verluste mit dem verhängnisvollen Ergebnis, dass die Unternehmungen immer waghalsigere riskante Investitionen tätigen. Bestünde in einem Wirtschaftszweig hingegen eine Vielzahl kleinerer oder mittlerer Unternehmungen, so könnte ohne Gefahr einer Massenarbeitslosigkeit sehr wohl der Bankerott einzelner Unternehmungen zugelassen werden. Auch die hierdurch entlassenen Arbeitskräfte könnten sehr viel leichter in Konkurrenzunternehmungen einen neuen Arbeitsplatz finden.

 

Diese Gefahren könnten weitgehend vermieden werden, wenn bei neuen Erfindungen anstelle eines Patentes, das einem einzigen Unternehmer das Anrecht der Anwendung garantiert, Lizenzen an eine geringe Zahl von Bewerbern erteilt werden würden. Hier würden die Unternehmungen davor geschützt, dass andere Unternehmungen die Produktion aufnehmen könnten, ohne sich an den Kosten der Erfindung zu beteiligen.

 

Jede Unternehmung, welche über eine Lizenz verfügt, wendet ebenfalls Kosten auf, es besteht aber zu der heute praktizierten Regelung durchaus eine Konkurrenz zwischen den einzelnen Unternehmungen. Diese Möglichkeit sieht auch das Patentgesetz ex pressis verbis für den Fall vor, dass auf anderem Wege gesamtwirtschaftliche Ziele verletzt werden, nur dass die Gerichte von dieser Möglichkeit nur sehr selten Gebrauch machen.

 

 

7. Wahrheit im Gesundheitswesen

 

Wir wollen uns im Folgenden mit dem Gesundheitswesen im Zusammenhang mit dem Wahrheitsgebot befassen. Dem Arzt kommt hier eine Schlüsselrolle zu. Er ist der Sachverständige, welcher im konkreten Einzelfall klären muss, welche Krankheit vorliegt, welche Gefahren von dieser Krankheit für die Gesundheit des Patienten ausgehen und welche Therapie zur Ausheilung der Krankheit und zur Verringerung der mit der Krankheit verbundenen Schmerzen möglich ist. Da der Gesetzgeber vorgesehen hat, dass Medikamente, welche besonders große Risiken aufweisen, nur gegen Rezept verabreicht werden dürfen, ist es schließlich auch Aufgabe des Arztes, solche Medikamente bei Bedarf zu verschreiben.

 

Da stets damit zu rechnen ist, dass es kein Medikament gibt, das die Krankheitssymptome in jedem Einzelfall erfolgreich bekämpft und keine Operation, welche in jedem Einzelfall erfolgreich verlauft, ist es zusätzlich die Aufgabe des Arztes, den Patienten über das Risiko zu informieren, das bei Einnahme der Medikamente oder bei der Durchführung einer Operation eingegangen wird. Unser Wissen über die wahren Ursachen einer Krankheit und über die Heilungschancen einzelner Medikamente ist genau so wie das menschliche Wissen ganz generell stets unvollkommen, da nie bekannt sein kann, ob in den empirischen Untersuchungen wirklich alle Wirkfaktoren und Zusammenhänge erkannt wurden.

 

Die Entscheidung darüber, ob und welche vorgeschlagenen Mittel (Medikamente sowie Operationen) durchzuführen sind, ist dann eigentlich Sache des Kranken, sofern dieser überhaupt noch entscheidungsfähig ist. Es ist in einem freiheitlichen Rechtsstaat das Recht jedes Menschen – oder es sollte es zumindest sein –, über das Leben und die Lebensführung im Rahmen der gesetzlichen Ordnung selbst zu bestimmen. Aus diesen Gründen muss vor einer Operation der betroffene Kranke nach Möglichkeit auch die Erlaubnis zu diesem Eingriff erteilen. 

 

Es ist selbstverständlich, dass der Arzt diese Informationen nach bestem Wissen und Gewissen zu geben hat, wobei er natürlich nur weitergeben kann, was der vorherrschenden Lehre entspricht. Gerade weil unser Wissen immer begrenzt ist und auch jeder Mensch mehr oder weniger unvollkommen ist und deshalb Fehler machen kann, ist niemals auszuschließen, dass im Einzelfall nicht der erwünschte Heilungserfolg eintritt oder dass sogar Krankheit und Leiden vergrößert werden.

 

Haftbar ist der Arzt immer nur in dem Rahmen des Möglichen, er hat seine Antworten und Therapien nach bestem Wissen und Gewissen zu geben bzw. durchzuführen und wenn ihm in dieser Hinsicht keine Fehler unterlaufen sind, kann er auch nicht für die tatsächlich aufgetretenen Fehler haften.

 

Wenn also auch ganz klar ist, dass die Menschenrechte eines Jeden gebieten, dass die eigentliche Entscheidung über die einzuschlagende Therapie beim Patienten selbst – falls möglich – zu liegen hat, sind Ärzte oftmals bestrebt, diese Entscheidung den Patienten abzunehmen. Da sie sich für die Fachleute halten, meinen sie auch, darüber bestimmen zu dürfen, welche Therapie einzuschlagen ist. Hier liegt jedoch ein Irrtum vor. Es lässt sich nämlich niemals aus Sachgesetzmäßigkeiten allein auf das Sollen schließen, stets bedarf es einer Bewertung und die Bewertung über das eigene Leben sollte eigentlich beim Patienten selbst liegen.

 

Es ist also das gute Recht eines Patienten, die Einnahme eines Medikamentes oder die Durchführung einer Operation zu verweigern, mögen die Folgen für den Patienten noch so gefährlich sein und der Arzt darf nur (falls der Patient noch entscheidungsfähig ist) auf die möglichen Gefahren hinweisen, aber die Therapie nicht selbstherrlich gegen den ausdrücklichen Willen des Patienten erzwingen.

 

Dieses Recht des Patienten bezieht sich allerdings zunächst nur auf die Frage, ob der Patient einer bestimmten vorgeschlagenen Therapie zustimmt. Die Rechte des Patienten gehen andererseits auch nicht soweit, dass er eine Vielzahl von Therapien selbst wiederum erzwingen kann, auch dann, wenn der behandelnde Arzt ein solches Vorgehen für nicht notwendig hält.

 

Der Grund  für diese Feststellung liegt darin, dass Patienten im Allgemeinen gegen Krankheit versichert sind und dass die Versicherungs- und Versorgungssysteme weitgehend die Kosten einer Therapie übernehmen. Würde nun ein Patient auch dann noch eine bestimmte, gar nicht erforderliche Therapie erzwingen können, so würde er dies auf Kosten der Versichertengemeinschaft tun, er würde also in diesem Falle auch über die materielle Wohlfahrt der Versicherten allgemein entscheiden. Selbstverständlich wäre nichts dagegen einzuwenden, wenn er die nicht notwendigen Therapien aus eigener Tasche bezahlen würde.

 

Ärzte neigen oftmals dazu, auch diagnostische Untersuchungen sowie Therapien (vor allem Operationen) zu empfehlen und durchzuführen, welche nach dem Stand des allgemeinen medizinischen Wissens als nicht notwendig eingestuft werden. Die Ärzte gehen hierbei oftmals nach der Maxime vor, es sei in dieser Frage wesentlich besser, etwas zu viel als zu wenig zu unternehmen. Diesem Standpunkt muss entschieden widersprochen werden.

 

Erstens ist es ja nicht ganz richtig, dass diagnostische Methoden keinerlei Gefahren beinhalten. So ist bekannt, dass sich das Krebsrisiko bei Menschen, welche zu oft Röntgenstrahlungen ausgesetzt werden, entscheidend erhöht. Auch können hierbei die Erbanlagen, welche eine Mutter mit der Geburt ihrer Kinder an diese überträgt, unter Umständen krankhaft verändert werden.

 

Vor allem aber müssen wir davon ausgehen, dass die Gesundheit nicht das einzige Gut darstellt, das lebensnotwendig ist. Materielle Ressourcen werden für eine Vielzahl von genauso wichtigen Aufgaben benötigt, die in gleicher Weise lebensnotwendig sind.

 

Da die materiellen Ressourcen knapp sind, also nicht ausreichen, um noch nicht einmal die wichtigsten menschlichen Bedürfnisse zu befriedigen, gilt es bei jedem Einsatz zu überprüfen, ob der Einsatz gerade im Gesundheitssektor einen größeren Nutzen stiftet als er in den anderen Verwendungsarten gestiftet hätte, wären diese Ressourcen nicht von diesen Verwendungsarten abgezogen worden. Es wäre ein leichtes, das gesamte Inlandsprodukt einer Volkswirtschaft im Gesundheitsbereich einzusetzen, also gilt das ökonomische Prinzip auch bei Entscheidungen rund um den Gesundheitssektor.

 

Bisweilen wird die Tatsache, dass de facto z. B. zu viele Operationen durchgeführt werden, einseitig allein damit erklärt, dass Kliniken immer stärker unter dem Druck der Wirtschaftlichkeit stehen. Dieses Urteil ist sicherlich zu einseitig. Fehlentscheidungen ergeben sich fast immer aus einer Vielzahl falscher Entscheidungen. Gerade wenn stets überprüft wird, ob der Nutzen einer diagnostischen oder therapeutischen Maßnahme wirklich höher ist als der Nutzen dieser materiellen Ressourcen in anderen Bereichen, wird automatisch Sorge dafür getragen, dass Ressourcen in der Regel nur dann eingesetzt werden, wenn sie in diesem Bereich auch tatsächlich einen höheren Nutzen stiften. Und die Anwendung des Wirtschaftlichkeitsprinzips ist nichts andere als eben dieser Vergleich.

 

Fehlentscheidungen liegen nicht nur daran, dass die Klinikleitungen aus wirtschaftlichen Gründen unter Umständen nicht wirklich notwendige Operationen oder diagnostische Maßnahmen durchführen, Fehlentscheidungen werden auch dadurch ausgelöst, dass offensichtlich bei der Ausbildung der Mediziner zu wenig darauf hingewiesen wurde, dass es für einen guten Arzt nicht nur darauf ankommt, Leben unter allen Umständen zu verlängern, sondern auch einen sparsamen Umgang mit der Anwendung kostenintensiver Geräte zu pflegen.

 

Weiterhin können nur dann Missstände im Gesundheitssektor verringert werden, wenn auch der Staat die Rahmenordnung schafft, die bewusstes Fehlverhalten eindeutig unter Strafe stellt und der Staat zusätzlich bereit ist, Vergehen gegen diese Ordnung zu verfolgen.

 

Hierbei muss stets berücksichtigt werden, dass es keine, noch so perfekte Ordnung geben kann, die dazu führt, dass keinerlei Fehlentscheidungen und fehlerhafte Handlungen stattfinden. Auch Ärzte und Pflegepersonal sind Menschen mit allen menschlichen Schwächen sowohl was die Fertigkeit als auch das moralische Verhalten angeht. In allen größeren Gesellschaftssystemen erfolgt die Auswahl der einzelnen Führungskräfte nach Kompetenz und nicht nach dem moralischen Standard. Also muss man auch davon ausgehen, dass das durchschnittliche moralische Niveau bei den Ärzten gar nicht größer sein kann, als in jeder anderen größeren Berufsschicht.

 

Eine weitere Verpflichtung eines Arztes besteht darin, dass er keine Auskünfte über den Gesundheitszustand seiner Patienten an dritte Stellen, wie Staat, Arbeitgeber, Versicherungen etc. geben darf. Der Grund für dieses Verbot gilt in ähnlicher Weise wie das bereits angesprochene Verbot eines Rechtsanwaltes, über die Kenntnisse, welcher der Klient seinem Anwalt mitgeteilt hat, an Dritte, also auch nicht an den Staatsanwalt, Polizei oder Gerichte, weiterzugeben.

 

Auch die Schweigepflicht des Arztes erfolgt zum Schutze des Patienten. Es wird unterstellt, dass der Patient nur dann stets offen über seine Krankheitssymptome berichtet, wenn er nicht befürchten muss, dass diese Kenntnisse Dritten gegenüber bekannt werden. Der Arzt kann jedoch nur dann die richtige Diagnose finden, wenn er auch von allen Krankheitssymptomen seines Patienten erfährt.

 

Sicherlich bestünde die Gefahr, dass knappe Ressourcen vergeudet werden, auch dann, wenn der Arzt über die Krankheit seines Patienten vom Patienten selbst keinerlei Hinweise darüber erhalten würde, wo und wann bestimmte Schmerzen auftreten oder nicht. Durch die Hinweise des Patienten über seine Krankheitssymptome kann der Arzt gezielt bestimmte Untersuchungen vermeiden und sofort  mit der Untersuchung nach den wahrscheinlicheren Ursachen beginnen. Gerade weil keine therapeutische Maßnahme einen 100%igen Erfolg verspricht, braucht der Arzt auch wiederum die Auskünfte, wieweit denn die eingeschlagenen Methoden bereits zum Erfolg geführt haben.

 

In der Öffentlichkeit wird oft die Frage kontrovers diskutiert, ob der Arzt verpflichtet sei, dem Patienten auch dann die Ergebnisse seiner Untersuchungen vollständig mitzuteilen, wenn ein baldiger Tod bevorsteht. Auf der einen Seite hat jeder Patient ein Recht darauf, zu erfahren, wann er krankheitsbedingt mit einem baldigen Ableben rechnen muss.

 

Auf der anderen Seite gilt sicherlich für manche Menschen, dass gerade diese Auskunft, er müsse bald sterben, dazu führt, dass er in den restlich verbleibenden Tagen kein zufriedenstellendes Leben mehr führen kann, dass er insgesamt ein sehr viel ruhigeres Leben hätte führen können, wenn er von diesem nahen Tode nicht erfahren hätte.

 

Und dieses Argument gilt um so mehr, als ja auf der einen Seite keine Prognose absolut sicher ist, es hätte ja auch sein können, dass bei den Untersuchungen fehlerhafte Schlussfolgerungen gezogen wurden oder dass in naher Zukunft neue Verfahren entdeckt werden, aufgrund derer die Lebenswahrscheinlichkeit vergrößert werden kann.

 

Auf der anderen Seite kann jeder Mensch aufgrund vieler nicht voraussehbarer Zufälligkeiten (z. B. durch einen Verkehrsunfall) unmittelbar in den nächsten Tage zu Tode kommen, sodass jeder Mensch der Gefahr ausgesetzt ist, plötzlich unerwartet sterben zu müssen und sich dann ebenso wenig auf das Ende seines Lebens vorbereiten kann.

 

Eine Lösung dieses Dilemmas könnte darin gesehen werden, dass die Patienten rechtzeitig vor einer eingehenden Untersuchung in einer Art Patientenverfügung dem Arzt mitteilen, ob sie dann, wenn eine tödliche Krankheit diagnostiziert wird, auf diesen tödlichen Ausgang hingewiesen werden sollen.

 

Wenn Ärzte ein Medikament verschreiben, so kann man in aller Regel davon ausgehen, dass sie dieses Medikament verschreiben, weil dieses Medikament Wirkstoffe enthält, von denen bestimmte heilende Wirkungen bei der Einnahme dieses Arzneimittel ausgehen.

 

Nun haben allerdings empirische Untersuchungen ergeben, dass Patienten oftmals auch schon heilende Wirkungen aufgrund der Einnahme von Medikamenten erfahren haben, die gar keinen Wirkstoff enthielten, von denen aber der Patient überzeugt war, dass das eingenommene Medikament diesen Wirkstoff enthalten hätte. Man spricht in diesem Zusammenhang von einem Placebo.

 

Es wurde zusätzlich nachgewiesen, dass dieser Placeboeffekt bei einem Teil der Testpersonen besonders stark ausgeprägt war, wenn auch der Arzt, der dieses Medikament verschrieben hatte, von der Erwartung ausging, dass er ein wirksames Arzneimittel verschrieben habe, während bei den Testpersonen, bei denen der Arzt sehr wohl über diese Placeboeigenschaft des Medikamentes Bescheid wusste, also nur die Testperson selbst davon ausging, echte Tabletten verschrieben bekommen zu haben, zwar immer noch gewisse heilende Wirkungen ausgingen, diese aber deutlich geringer ausfielen als in den Fällen, in denen auch der verschreibende Arzt von der Placeboeigenschaft des Medikamentes nichts wusste.

 

Man erklärt sich diese positive Wirkung damit, dass für den Heilungserfolg auch die psychische Einstellung des Patienten maßgeblich ist. Eine Heilung kann nur erwartet werden, wenn der Patient auch darauf vertraut, dass die eingeschlagenen Maßnahmen zum Erfolg führen. Wer umgekehrt fest davon überzeugt ist, dass das verschriebene Medikament keinen Einfluss haben wird, muss auch befürchten, dass gerade durch diese negative Einstellung der Heilungserfolg zumindest behindert wird.

 

 Wie steht es nun mit dem Wahrheitsanspruch im Hinblick auf das Placebo? Wortwörtlich genommen wird ja der Patient, der ein Placebo verschrieben erhält, belogen, ihm wird vorgemacht, er erhalte ein Medikament mit dem entsprechenden Wirkstoff, in Wirklichkeit enthält jedoch dieses Arzneimittel gar keinen Wirkstoff.

 

Dieser negativen Bewertung kann man jedoch widersprechen. Der Arzt verspricht ja eigentlich nur, dass bei Einnahme dieses Placebo ein heilender Effekt erwartet werden kann. Und dieser heilende Effekt ist ja tatsächlich eingetreten. Auch der Hinweis, dass dieser Placebo-Effekt nicht bei allen Menschen zu erwarten sein wird, verändert an der positiven Einschätzung des Placebo nur wenig, schließlich müssen wir davon ausgehen, dass es kein Medikament gibt, das restlos in allen Fällen seine positive Wirkung aufweist.

 

Ein verantwortungsvoller Arzt wird auch die Placebos nur dann verschreiben, wenn er selbst davon überzeugt ist, dass ein Patient sich dadurch auszeichnet, dass allein sein Glaube an den  Erfolg bereits Wirkung zeigt.

 

Wir gingen bei unseren bisherigen Überlegungen stillschweigend davon aus, dass der Patient, der in aller Regel ein medizinischer Laie ist, auf jeden Fall des ärztlichen Rates bedürfe. Nun wird bisweilen von der Vorstellung ausgegangen, dass jeder Patient sich heutzutage im Internet diese Informationen einholen könne, dass er aus diesen Gründen auch des Rates der Ärzte gar nicht mehr bedürfe.

 

Diese Überlegungen sind aus mehreren Gründen nicht stichhaltig. Als erstes gilt es darauf hinzuweisen, dass ja die Tätigkeit eines Arztes nicht nur darin besteht, dass er Diagnosen aufgrund seines theoretischen Wissens stellt, die diagnostischen Möglichkeiten haben sich in der Zwischenzeit so verkompliziert, dass auch bereits die Durchführung der Diagnose mittels umfangreicher Methoden unter Verwendungen von medizinischen Geräten erfolgt, die nur ein hierin geschulter Arzt (Arzthelfer) bedienen kann.

 

Zweitens sind wissenschaftlich ernst zunehmende Artikel aus dem Internet zumeist nur dann mit Erfolg zu verstehen, wenn der Leser ein medizinisches Grundwissen aufweist.

 

Drittens schließlich enthält das Internet heutzutage zu fast allen Themen eine Vielzahl von teilweise sich widersprechender Auskünfte. Um nun zu erkennen, ob der Widerspruch dadurch entsteht, dass neben ernst zunehmenden Wissenschaftlern auch Scharlatane ihre Meinung geäußert haben und welcher Artikel denn dem medizinischen Standard entspricht, bedarf es wiederum recht guter Kenntnisse über die Vielzahl der Personen, welche diese Beiträge geschrieben haben.

 

Nur ein ausgebildeter Mediziner kann feststellen, ob sich die widersprüchlichen Artikel auf Themen beziehen, welche wissenschaftlich noch gar nicht geklärt sind, in denen also durchaus kontroverse Auffassungen vertreten werden, oder ob neben den ernst zunehmenden Artikel auch ein Scharlatan seine Meinung von sich gegeben hat.

 

Das Wissen, das aus dem Internet herausgeholt wird, ist zumeist ungeprüft, während man davon ausgehen kann, dass ein Arzt eine Reihe von Prüfungen über sich ergehen lassen musste, bevor er dass Recht erhält, eine ärztliche Praxis zu eröffnen.

 

Für Medikamente wird genauso geworben wie für andere Produkte, somit müssen wir auch damit rechnen, dass im Zusammenhang mit der Werbung für Arzneimittel ebenfalls Verstöße gegen den Wahrheitsanspruch stattfinden. Dies gilt in erster Linie für die sogenannten Nahrungsergänzungsmittel.

 

Bei den echten Medikamenten ist die Gefahr, dass in den Werbetexten bewusst falsche Versprechungen gemacht werden, insgesamt etwas geringer. Schließlich schreibt der Gesetzgeber für die Ausgabe von Medikamenten eine Vielzahl von Voraussetzungen vor, die verhindern sollen, dass über unwahre Werbeschriften Unwahrheiten behauptet werden.

 

Für jedes Medikament ist eine Reihe von Tests bestimmter Standards vor seiner Freigabe im Handel vorgeschrieben. Erst dann, wenn in klinischen Untersuchungen der Erfolg des Arzneimittels nachgewiesen wurde und darüber hinaus die möglichen Nebenwirkungen mit der Wahrscheinlichkeit ihres Auftretens erkannt wurden, dürfen diese Medikamente verkauft werden.

 

Sind die Gefahren von Nebenwirkungen besonders groß, wird vorgeschrieben, dass nur ein Arzt dieses Medikament verschreiben darf und dass ohne ärztliches Rezept diese Medikamente nicht frei verkauft werden dürfen. Damit ist die Gefahr, dass den Medikamenten heilsame Wirkungen angedichtet wurden, gering. Vor allem bei den verschreibungspflichtigen Arzneimittel kann auch der Arzt überprüfen, ob diese angepriesenen Wirkungen auch zu erwarten sind.

 

Bei den Nahrungsergänzungsmittel sind die Gefahren, dass die heilsamen Wirkungen in der Werbung übertrieben werden, sehr viel größer. Auf der einen Seite unterliegt der Verkauf der Nahrungsergänzungsmittel nicht den besonderen Kontrollen, welche jedes Medikament erfüllen muss. Weit weniger eingreifende und begrenzende Vorschriften gibt es für Nahrungsmittel, die natürlich auch beim Verkauf von Nahrungsergänzungsmittel eingehalten werden müssen, gelten sie doch als Nahrungsmittel. 

 

Auf der anderen Seite beschränken sich die Werbeprospekte der Nahrungsergänzungsmittel im Allgemeinen auf die positiven Wirkungen, welche den entsprechenden natürlichen Stoffen generell zugesprochen werden. Es bleibt jedoch vollkommen offen, ob diese Wirkstoffe auch dann noch, wenn sie aus der natürlichen Umgebung der pflanzlichen Stoffe extrahiert wurden und in einer Häufung eingenommen werden, welche in den natürlich Speisen längst nicht in diesem Umfang eingenommen werden, diese positiven Wirkungen immer noch erfüllen.

 

Fortsetzung folgt!