Startseite

 

Berühmte Irrtümer

 

 

 

Gliederung:

 

  1. Problemeinführung

  2. Golddeckung Voraussetzung für Geldwertstabilität?

  3. Vorteil des einen stets Nachteil des anderen (Merkantilismus)

  4. Nur Arbeit erzeugt Wert?

  5. Sättigungsthese

  6. Gibt es Deterministische Prozesse?

  7. Wachstum notwendig für Vollbeschäftigung?

  8. Kaufkrafttheorie

  9. Quotenregelung geeignet zur Vermeidung  von Diskriminierungen?

10. Volkswille nur beim Verhältniswahlrecht erfüllt?

 

 

 

 

Kapitel 7. Wachstum notwendig für Vollbeschäftigung?

 

 

 

Gliederung:

 

1. Historische Einführung

2. Die Produktionsfunktion

3. Das Arbeitsangebot

4. Die Arbeitsproduktivität

5. Arbeiterhorten

6. Inflexibilitäten

7. Umweltproblematik

8. Schlussbemerkungen

 

 

1. Historische Einführung

 

Wir wollen uns in diesem Kapitel mit der Behauptung kritisch auseinandersetzen, Vollbeschäftigung könne nur dann erreicht werden, wenn die Wachstumsrate des Inlandsproduktes eine bestimmte kritische Marke überschreite. Diese Behauptung wurde vor allem im Anschluss an bestimmte theoretische und empirische Arbeiten von Arthur M. Okun aufgestellt, die als Okun’sches Gesetz in die wirtschaftswissenschaftliche Literatur Eingang fanden.

 

Das von Okun formulierte Gesetz besagt in der Tat, dass die Arbeitslosenquote erst ab einer kritischen Wachstumsrate, der sogenannten Beschäftigungsschwelle abgebaut wird. Liegt die tatsächliche Wachstumsrate des Inlandsproduktes unterhalb dieser Schwelle, müsse sogar damit gerechnet werden, dass die Arbeitslosenquote steigt.

 

Arthur M. Okun war amerikanischer Ökonom und Keynesianer, lebte von 1928 – 1980 und befasste sich unter anderem mit Ursachen der Armut und mit den Mechanismen, welche zwischen Inlandsprodukt und Beschäftigung bestehen.

 

Das nach ihm benannte Gesetz beruht auf empirischen Untersuchungen, welche Okun für den Zeitraum 1954 bis 1962 für die USA durchgeführt hat und welche die in dem Okun’schen Gesetz behauptete Beziehung zwischen Wachstumsrate des Inlandsproduktes und Arbeitslosenrate aufzeigten.

 

In der Zwischenzeit wurden die Beziehungen zwischen Wachstumsrate und Arbeitslosenrate wiederholt empirisch überprüft, diese Untersuchungen kamen zu dem Ergebnis, dass zwar gewisse Beziehungen zwischen beiden Variablen festgestellt werden konnten, dass aber die kritische Schwelle für das Umkippen der Arbeitslosenrate in den untersuchten Ländern bei sehr unterschiedlichen Werten lag. (Siehe z. B. den Wikipedia-Beitrag über das Okun’sche Gesetz und die dort zitierte Literatur.)

 

Auch dann, wenn das Okun’sche Gesetz in die Literatur einging, gibt es bei einer Reihe von Ökonomen wie z. B. bei Rudiger Dornbusch und Stanley Fischer erhebliche Zweifel, ob man hier wirklich bereits von einem Gesetz sprechen könne, schließlich wiesen die empirischen Zusammenhänge ein großes Maß an Unsicherheit auf. Die Werte der einzelnen Parameter würden im Verlauf der Jahre schwanken und die Relationen seien auch teilweise instabil. Auch wurde das Wachstum der Produktion nur durch Schätzungen bestimmt.

 

 

2. Die Produktionsfunktion

 

Die Beziehungen zwischen Produktion und Beschäftigung werden im Allgemeinen in der sogenannten Produktionsfunktion beschrieben und es liegt deshalb nahe, dass man die kritische Analyse über das Okun’sche Gesetz damit beginnt, dass man sich fragt, wie sich denn bei Zugrundelegung dieser Funktion die Beziehungen zwischen Inlandsprodukt und Arbeitslosenrate eigentlich entwickeln müssten.

 

Wir wollen hierbei unseren Überlegungen eine Cobb-Douglas-Produktionsfunktion für das Inlandsprodukt zugrunde legen, welche ebenfalls einem wiederholten empirischen Test unterzogen wurde. Danach lässt sich die Produktionsfunktion wie folgt umschreiben:

 

X = b * Aα  * K(1-α),  mit

 

 

X: reales Inlandsprodukt  b: Wachstumsfaktor  A: Arbeitseinsatz  K: Kapitaleinsatz 

α: Produktionselastizität bezogen auf den Faktor Arbeit.

 

Danach gibt es eine bestimmte Höhe des realen Inlandsproduktes (X), bei der Vollbeschäftigung gegeben ist, also ein Beschäftigungsgrad (A) erreicht wird, bei dem die Beschäftigung einem vorher definierten Beschäftigungsniveau entspricht. Ist in der Ausgangsperiode das Inlandsprodukt geringer als dieses kritische Niveau, so herrscht Arbeitslosigkeit und es bedarf einer Steigerung der Nachfrage und damit auch der Produktion, um die Arbeitslosenquote zu reduzieren. Ist jedoch einmal ein Niveau des Inlandsproduktes erreicht, bei dem Vollbeschäf­tigung erzielt wurde, so dürfte ceteris paribus Vollbeschäftigung auch in den folgenden Perioden bei Konstanz dieses Inlandsproduktes bestehen bleiben.

 

Man beachte allerdings folgende zwei Einschränkungen. Wir haben diese Beziehung unter der ceteris- paribus-Formel abgeleitet. Dies bedeutet: Das Inlandsprodukt hängt von einer Vielzahl nicht näher umschriebenen Voraussetzungen ab und nur wenn alle anderen Variablen konstant bleiben und nur der Beschäftigungsgrad variiert, gilt diese festgestellte Beziehung zwischen Inlandsprodukt und Beschäftigung. In diesem Falle gilt natürlich auch umgekehrt, dass das Inlandsprodukt sehr wohl nach Erreichen eines Vollbeschäftigungsniveaus konstant bleiben kann und dass trotzdem die Arbeitslosigkeit ansteigt.

 

Dies ist aber dann nicht bereits ein Beleg für die Gültigkeit des Okun’schen Gesetzes. Dies ist auch kein Beleg dafür, dass die Arbeitslosigkeit angestiegen ist, weil die Wachstumsrate des Inlandsproduktes unter der kritischen Beschäftigungs­schwelle geblieben ist. Es muss erstmals geklärt werden, von welchen anderen Variablen denn das Inlandsprodukt und der Beschäftigungsgrad abhängen und ob sich nicht einfach eine dieser Variablen verändert haben kann und aus diesen Gründen die Arbeitslosenrate angestiegen ist. So stieg z. B. während der beiden Ölkrisen Mitte der 70er und in den beginnenden 80er Jahren des letzten Jahrhunderts der Ölpreis drastisch an, was seinerseits einen Konjunktureinbruch und Massenarbeitslosigkeit ausgelöst hat.

 

Bei der Diskussion über die Produktionsfunktion gilt es zweitens zu berücksichtigen, dass es sich hierbei um eine Gleichgewichtstheorie handelt. Es wird nicht behauptet, dass in jedem Augenblick diese in der Cobb-Douglas-Funktion formulierte Beziehung festgestellt werden kann, sondern es wird allein festgestellt, dass sich die Werte von Inlandsprodukt und Beschäftigung im Gleichgewicht auf diese Beziehung zu bewegen. Wie schnell diese Gleichgewichtstendenz angesteuert wird und ob diese Gleichgewichtstendenz geradlinig oder in konjunkturellen Schwingungen erreicht wird, darüber besagt diese Theorie überhaupt nichts. Es widerspricht somit der in den Cobb-Douglas-Funktionen beschriebenen Theorie überhaupt nicht, wenn trotz gleichbleibendem Inlandsprodukt die Arbeitslosenrate unter Umständen zunächst steigt oder auch sinkt.

 

Wir wollen uns im Folgenden mit diesen ‘cetera‘ etwas ausführlicher befassen und klären, inwieweit einfach eine Änderung in diesen zusätzlichen Variablen die empirisch festgestellten Beziehungen (im Okun-Gesetz) ausgelöst hat, ohne dass in Wirklichkeit die fehlende Wachstumsrate für die Arbeitslosigkeit verantwortlich gemacht werden kann.

 

 

3. Das Arbeitsangebot

 

Wir beginnen unsere Überlegungen mit den Veränderungen im Arbeitsangebot. Bisher haben wir stillschweigend unterstellt, zwischen Beschäftigung und Arbeitslosenanzahl bestehe eine spiegelbildliche Beziehung: Immer dann, wenn die Beschäftigung steigt, vermindert sich die Zahl der Arbeitslosen um die gleiche Zahl und wenn die Beschäftigung sinkt, vergrößert sich die Zahl der Arbeitslosen wiederum um den gleichen Betrag. Diese Annahme gilt aber nur für den Fall, dass das Angebot an Arbeitskräften unverändert bleibt. Wir haben jedoch mit der Möglichkeit zu rechnen, dass die Zahl der Arbeitskräfte ansteigt (oder auch sinkt). In diesem Falle steigt (sinkt) auch bei konstant bleibender Beschäftigung die Zahl der Arbeitslosen.

 

Es gibt mehrere Gründe, weshalb sich das Angebot an Arbeitskräften verändern kann. Erstens kann aufgrund eines Anstieges der Geburtenrate vor etwa 18 Jahren die Zahl derjenigen, welche ins Erwerbsleben eintreten, stärker steigen als sich gleichzeitig durch das Ausscheiden aus dem Erwerbsleben die Zahl der Arbeitnehmer partiell verringert. Zweitens wäre es denkbar, dass deshalb, weil die durchschnittliche Lebensdauer stark angestiegen ist, viele Erwerbstätige erst später aus dem Erwerbsleben ausscheiden. In diesem Falle steigt wiederum die Zahl der Arbeitslosen, wenn nicht gleichzeitig die Zahl der ins Erwerbsleben eintretenden sich gleichermaßen verringert, bzw. die Beschäftigung ansteigt, immer vorausgesetzt, dass die Nachfrage nach Arbeit von diesen Entwicklungen unberührt bleibt.

 

Auch die Wanderungsbewegungen können die Zahl der Verfügung stehenden Arbeitskräfte verändern. Eine Verminderung des Arbeitskräftepotenzials tritt z. B. ein, wenn mehr – im erwerbsfähigen Alter stehende – Arbeit­nehmer auswandern als einwandern.

 

Wenn wir nur auf die offiziellen Statistiken achten, können auch veränderte Definitionen über Beschäftigung oder Arbeitslosigkeit bereits zu einer nominellen Veränderung in der ausgewiesenen Arbeitslosenzahl führen. So ist es denkbar, dass im Rahmen der offiziellen Statistik Arbeitnehmer, welche das 60. Lebensjahr überschritten haben und als nicht mehr vermittelbar gelten, nicht mehr in der Statistik als Arbeitslose geführt werden, obwohl sich in diesem Beispiel nichts an der realen Situation der betroffenen Arbeitnehmer geändert hat.

 

Nun müssen wir allerdings einschränkend hinzufügen, dass ein Anwachsen des Inlandsproduktes, das allein durch den Anstieg der arbeitsfähigen Bevölkerung hervorgerufen wurde, nichts mit dem üblichen Wachstumsbegriff zu tun hat. Üblicherweise unterscheidet man zwischen einem extensiven und einem intensiven Wachstum. Von extensivem Wachstum spricht man dann, wenn also der Anstieg im Inlandsprodukt allein durch eine gesteigerte Beschäftigtenzahl hervorgerufen wurde; ein intensives Wachstum liegt hingegen nur dann vor, wenn das Pro-Kopf-Einkommen oder vielleicht auch die Arbeitsproduktivität angestiegen ist. Wenn man nun in der Wirtschaftstheorie von Wachstum spricht, denkt man im Allgemeinen an einen Anstieg im Pro-Kopf-Einkommen, also an ein intensives Wachstum. Man benützt also hier den Wachstumsbegriff für einen Indikator einer Wohlfahrtssteigerung.

 

 

 4. Die Arbeitsproduktivität

 

Weiterhin gelten die Beziehungen zwischen Inlandsprodukt (dem Output der Produktionsfunktion) und der Beschäftigung (einem der Inputfaktoren) immer nur unter einer gegebenen Technik. In der Cobb-Douglas-Funktion werden diese technischen Festlegungen durch den b-Parameter und dem α-Parameter beschrieben. Der b-Parameter bezieht sich hierbei auf Situationen, bei denen alle Inputfaktoren gleichmäßig variiert werden, während der α-Parameter darüber unterrichtet, inwieweit die Faktorintensität die Produktivität eines einzelnen Produktionsfaktors beeinflusst.

 

Der Hinweis, dass eine Veränderung in der Arbeitsproduktivität auch Einfluss auf die Beschäftigung hat, bringt keine neuen Erkenntnisse, da ja die Arbeitsproduktivität unmittelbar von den technischen Parametern der jeweiligen Produktionsfunktion abhängt. Natürlich ist es richtig, dass bei einer Steigerung in der Arbeits­produktivität dann automatisch Arbeitslosigkeit entsteht, wenn das Inlandsprodukt sowie das Arbeitsangebot konstant gehalten werden. Diese Aussage würde uns jedoch nur dann neue Informationen liefern, wenn wir nachweisen könnten, dass Produktivitätssteigerungen immer oder zumindest in der Regel ohne eine Ausweitung der Produktmenge eintreten würden; aber genau dies ist nicht der Fall. Technischer Fortschritt fällt nicht wie Manna vom Himmel, sondern ist fast immer Folge von Investitionen, die ihrerseits die Produktionskapazität wiederum fast immer vergrößern.

 

Wir unterscheiden zwar zwischen Erweiterungs- und Rationalisierungsinvestitionen und insofern liegt die Betonung bei der Rationalisierungsinvestition in erster Linie bei der Produktivitätssteigerung, während bei einer Erweiterungsinvestition der Ausbau der Produktionskapazität im Vordergrund steht. Trotzdem gilt, dass in der Realität fast alle Investitionen gewisse Verbesserungen in der Produktivität bringen, genauso wie fast alle Investitionen sich nur dann rentieren, wenn gleichzeitig die Ausbringungsmenge vergrößert wird. Insofern müssen wir also immer damit rechnen, dass die Produktivitätssteigerungen aufgrund von Investitionen entstanden sind und diese Investitionen zumeist einen positiven Einkommenseffekt erzielen.

 

Ganz generell gilt, dass die technischen Parameter in der Produktionsfunktion vom technischen Fortschritt abhängen und dass zwischen einem neutralen, arbeitssparenden und einem kapitalsparenden Fortschritt unterschieden wird. J. R. Hicks spricht hierbei von einem neutralen Fortschritt, wenn bei gleichbleibendem Zins-Lohn-Verhältnis die Faktorintensität konstant bleibt. Arbeitssparender Fortschritt liegt hingegen dann vor, wenn bei gleichbleibendem Zins-Lohn-Verhältnis die Arbeitsintensität zurückgeht, also auf eine Kapitaleinheit weniger Arbeitseinheiten kommen. Von kapitalsparendem Fortschritt wird schließlich dann gesprochen, wenn die Kapitalintensität  bei gleichbleibendem Zins-Lohn-Verhältnis abnimmt.

 

Ein Anstieg der Arbeitslosigkeit ist also dann zu erwarten, wenn ein arbeitssparender Fortschritt vorliegt und wenn die Einsparungen an Arbeit pro Gütereinheit nicht dadurch kompensiert werden, dass aufgrund des Zuwachses in den Investitionen auch die Nachfrage und mit ihr das Güterangebot sowie die hieraus abgeleitete Nachfrage nach Arbeit steigt.

 

Welchen technischen Fortschritt die Unternehmer schließlich wählen, hängt selbst wiederum vom jeweils herrschenden Zins-Lohn-Verhältnis ab. Im Allgemeinen gibt es immer ein bestimmtes Lohn-Zins-Verhältnis, bei dem Vollbeschäftigung erreicht werden kann. Das Entstehen von Arbeitslosigkeit hängt dann entscheidend von einem falschen Zins-Lohn-Verhältnis ab, welches eine Vollauslastung aller knappen Produktionsfaktoren verhindert.

 

Zusammenfassend wird man zwar davon sprechen können, dass dann, wenn aufgrund eines arbeitssparenden technischen Fortschritts Arbeitskräfte pro produzierter Gütereinheit eingespart werden, diese Einsparungen immer dadurch kompensiert werden könnten, dass die Güterproduktion dementsprechend gesteigert wird, sodass in der Tat, von einer bestimmten Wachstumsrate an Arbeitslosigkeit größeren Ausmaßes ceteris paribus verhindert werden kann. Aus diesen Überlegungen lässt sich jedoch keineswegs folgern, dass Arbeitslosigkeit nur ab einer ganz bestimmten Wachstumsrate an verringert und letzten Endes beseitigt werden kann. Das Forcieren des wirtschaftlichen Wachstums ist allenfalls nur eine Möglichkeit, Arbeitslosigkeit zu vermindern, wie wir weiter unten noch sehen werden noch nicht einmal die empfehlenswerteste Methode.

 

 

 5. Arbeiterhorten

 

Wir wollen uns nun der Frage zuwenden, ob das Okun’sche Gesetz vielleicht einfach eine Folge des ‚Arbeitskräftehortens‘ seitens der Unternehmungen ist. Unter ‚Arbeitskräftehortens‘ verstehen wir die Tatsache, dass Unternehmungen in Zeiten des Konjunkturrückganges die für die Produktion nicht mehr benötigten Arbeitnehmer nicht entlassen, sondern weiterbeschäftigen.

 

Zwei Tatbestände sind für ein solches Verhalten verantwortlich. Erstens lohnt es sich für Unternehmungen, Facharbeitskräfte während der Rezession nicht zu entlassen. Zwar entstehen hierdurch an und für sich nicht notwendige Kosten, da ja die Löhne und die Arbeitgeberbeiträge zur Sozialversicherung weiter bezahlt werden müssen, obwohl diese Arbeitskräfte während dieser Zeit nicht produktiv eingesetzt werden können.

 

Würden jedoch die Unternehmungen ihre Facharbeitskräfte bei Beginn der Rezession entlassen, müssten sie beim nächsten Konjunkturaufschwung zusätzliche Kosten zur Anwerbung und zur Ausbildung aufbringen und diese Kosten können so hoch ausfallen, dass sie immer noch höher sind als die Lohnkosten bei der Weiterbeschäftigung dieser Facharbeitskräfte. Dies gilt vor allem deshalb, weil einer Unternehmung in den ersten Jahren der Beschäftigung eines neu eingestellten Facharbeitnehmers höhere Kosten entstehen als die Beschäftigung dieser Arbeitnehmer an Ertragszuwächsen bringt. Die Neueinstellung und Anlernung eines Facharbeitnehmers stellt eine Investition dar, welche sich erst nach einigen Jahren für die Unternehmung ausbezahlt.

 

Zweitens kann auch ein rigoroser Kündigungsschutz dazu beitragen, dass Unternehmungen Arbeitnehmer in Zeiten der Rezession nicht entlassen. Von einem rigorosen Kündigungsschutz sprechen wir immer dann, wenn aufgrund dieser Bestimmungen auch dann nicht Entlassungen möglich sind, wenn Arbeitskräfte wegen Rückgangs des Absatzes zur Produktion gar nicht benötigt werden. In einem solchen Fall steht eine Unternehmung vor der Alternative, wegen des Kündigungsschutzes Arbeitnehmer nicht entlassen zu können, obwohl diese zur Produktion nicht benötigt werden und deshalb zusätzliche Lohnkosten aufbringen zu müssen oder aber in Zeiten der Rezession Arbeitskräfte gar nicht mehr zu entlassen. Auch hier gilt natürlich, dass für fast alle Arbeitskräfte bei einer Neueinstellung zusätzliche Anwerb- und Ausbildungskosten entstehen, sodass die Weiterbeschäftigung von Arbeitnehmern immer noch die kostengünstigere Alternative darstellt.

 

Besteht nun ein rigoroser Kündigungsschutz, so wird ein Unternehmer zu Beginn des Aufschwungs nur dann neue Arbeitskräfte einstellen, wenn er damit rechnen kann, dass der Konjunkturaufschwung bereits begonnen hat. Wir müssen uns darüber klar sein, dass aus der Sicht einer Unternehmung am Ende einer Rezession nicht klar ist, ob neue Aufträge einmaliger Natur sind oder die Umkehr in der Konjunkturbewegung und damit den Aufschwung einleiten.

 

In einer solchen Situation wird eine Unternehmung bemüht sein, zusätzliche Aufträge mit Überstunden der bereits beschäftigten Belegschaft durchzuführen und sie wird eventuell dann, wenn eine solche Strategie nicht möglich ist, sogar auf den Auftrag ganz verzichten.

 

Eine solche Situation führt dann dazu, dass der Konjunkturaufschwung verzögert wird und erst später beginnt als dann, wenn kein solcher rigoroser Kündigungsschutz bestehen würde. Auf jeden Fall trägt das Arbeiterhorten dazu bei, dass der Arbeitsmarkt hinter der konjunkturellen Entwicklung der Gütermärkte hinterherhinkt.

 

Man könnte nun versucht sein, in diesem Phänomen eine Bestätigung und Begründung des Okun’schen Gesetzes zu sehen. In der Tat reicht in diesem Falle ein geringer Aufschwung, also eine geringe Wachstumsrate nicht aus, um neue Arbeitskräfte einzustellen und damit die Arbeitslosenzahl zu verringern. Erst wenn der Aufschwung voll im Gange ist, also die Wachstumsrate eine kritische Höhe überschritten hat, beginnen die Unternehmungen, neue Arbeitskräfte einzustellen.

 

Ein näheres Eingehen auf diese Zusammenhänge zeigt jedoch, dass mit der Tatsache des Arbeiterhortens allein das Okun’sche Gesetz nicht erklärt werden kann. Sobald nämlich die Unternehmungen mit der Neueinstellung von Arbeitnehmern begonnen haben, gibt es keinen Grund mehr, dass auch in Zukunft die Wachstumsrate weiter bestehen muss, um zu verhindern, dass die Zahl der Arbeitslosen wieder ansteigt. Auch dann, wenn das Inlandsprodukt in den zukünftigen Perioden konstant bliebe, also die Wachstumsrate null würde und auf jeden Fall unter der kritischen Beschäftigungsschwelle liegen würde, gäbe es ohne weitere zusätzliche Bedingungen keinen Grund dafür, dass die erreichte Beschäftigung nicht aufrechterhalten werden könnte. Nach traditionellem Verständnis würden Entlassungen erst dann wiederum zu befürchten sein, wenn die Konjunktur erneut einbricht.

 

Im Grunde genommen bewirkt eine rigorose Kündigungsgesetzgebung in erster Linie nur eine zeitliche Verschiebung des Umfangs der Arbeitslosigkeit. Ohne diesen Kündigungsschutz hätten die Unternehmer bei Rückgang der Konjunktur insgesamt mehr Arbeitnehmer entlassen. Also wäre auch bei Beginn des erneuten Konjunkturaufschwungs die Arbeitslosenzahl höher gewesen. Zwar wäre die Bereitschaft der Unternehmer, zu Beginn des Aufschwungs sofort mehr Arbeitskräfte einzustellen, ohne Kündigungsschutz insgesamt größer gewesen, trotzdem wäre jedoch die Arbeitslosenrate nicht geringer ausgefallen, da ja die Neueinstellung von Arbeitskräften von einem höheren Niveau der Arbeitslosigkeit ausgegangen wäre.

 

Auf lange Sicht gesehen bewirkt jedoch ein rigoroser Kündigungsschutz sogar eine Verringerung des Beschäftigungsgrades, da die Unternehmer in der Anfangsphase des konjunkturellen Aufschwungs zum Teil darauf verzichten, einzelne Aufträge zu bedienen und abwarten, ob sich bereits ein anhaltender Aufschwung andeutet. Zum Teil nehmen die Unternehmer zwar diese Aufträge an, versuchen diese aber nicht über eine Neueinstellung von Arbeitskräften, sondern dadurch zu bedienen, dass sie die bestehende Belegschaft zu Überstünden animieren. In diesem Falle steigt zwar die Beschäftigung in Arbeitsstunden gerechnet an. Trotzdem verringert sich in diesem Falle die Arbeitslosigkeit nicht, da die Anzahl der Arbeitsplätze nicht vergrößert wird.

 

 

6. Inflexibilitäten

 

Nach traditionellem Verständnis erklärt sich gesamtwirtschaftliche Arbeitslosigkeit in erster Linie dadurch, dass die Märkte nicht mehr – wie in der neoklassischen Theorie unterstellt – auf Datenänderungen reagieren. Ausgangspunkt ist das von Jean  Baptiste Say formulierte Theorem, nach dem sich Zunahmen im Güterangebot ihre eigene Nachfrage schaffen, sodass sich gesamtwirtschaftliche Arbeitslosigkeit auch nicht damit erklären lässt, dass es an Nachfrage nach Gütern mangle, was von den Vertretern der Unterkonsumtionstheorie (etwa Robert Malthus) behauptet wurde. Der gesamte Verkaufserlös werde zu Einkommen, entweder als Entlohnung für die Arbeit oder für den Einsatz anderer Produktionsfaktoren oder der Rest als Gewinneinkommen für die Unternehmer. Das gesamte Einkommen werde weiterhin voll zu Nachfrage; entweder als Nachfrage für Konsumgüter oder es wird für Sparzwecke reserviert, welche jedoch zu einer Mehrnachfrage nach Investitionsgüter führen werden. Der Wert der gesamten Nachfrage entspreche also genau dem Wert des Angebotes.

 

Nun ging Say noch davon aus, dass das Investitionsvolumen gerade der Sparsumme entspreche, da es die Unternehmer selbst sind, welche Ersparnisse genau dann und nur dann bilden, wenn sie diese für Investitionen in ihrer eigenen Unternehmung benötigen. Die Gefahr, dass also zu viel gespart wird, bestehe nicht, da Sparer und Investor in der Person der investierenden Unternehmung zusammenfallen.

 

Diese Annahme war sicherlich zu Zeiten Say‘s korrekt. In der Zwischenzeit stieg jedoch das Einkommen auch der Arbeitnehmer so stark an, dass auch sie Teile ihres Einkommens sparen konnten. Gleichzeitig wuchs die Unternehmungsgröße mit der Folge, dass der Kapitalbedarf nicht mehr allein durch die eigenen Ersparnisse des Unternehmers gedeckt werden konnte. Es entstanden also Kapitalgesellschaften, welche sich Kapital auf dem Kapitalmarkt besorgten, wobei ein Teil dieser auf dem Kapitalmarkt angebotenen Ersparnisse aus Nichtunternehmerhaushalten entstammt.

 

Obwohl also im Zuge der Weiterentwicklung unserer Volkswirtschaften Ersparnisse und Nachfrage nach Krediten nicht mehr in der gleichen Person zusammenfielen, also von unterschiedlichen Wirtschaftseinheiten ausgingen und obwohl deshalb nicht mehr automatisch von einer Identität der Sparsumme und der Investitions­summe ausgegangen werden konnte, gingen die Neoklassiker nach Say immer noch davon aus, dass der Markt automatisch für einen Ausgleich von Sparen und Investition sorge. Werde nämlich eine größere Sparsumme angeboten als Kredite für Investitionen nachgefragt werden, sinke der Zins, die Bereitschaft zu Sparen ginge deshalb zurück und gleichzeitig stiege die Nachfrage nach Krediten an, da bei verringerten Zinsen weitere Investitionsobjekte rentabel würden.

 

Umgekehrt gelte, dass bei einem zu geringen Sparangebot der Zins automatisch ansteige und dass auf diesem Wege die Ersparnis zunehme, aber die Investitionsnachfrage sinke. Also sorge der Zinsmechanismus bei funktionierenden Kapitalmärkten automatisch dafür, dass die Sparsumme im Gleichgewicht der Investitions­nachfrage entspreche und damit, dass das Say’sche Theorem nach wie vor gelte.

 

Hier setzt nun die Kritik von John  Maynard Keynes am Say’schen Theorem an. Es müsse nämlich auf der einen Seite davon ausgegangen werden, dass nicht alle Ersparnisse auf dem Kapitalmarkt angeboten werden, sondern dass ein Teil der Ersparnisse gehortet werde, also nicht zinsbringend angelegt würde und deshalb versickere. Dies gelte vor allem im Tiefpunkt der Konjunktur. Der Zins ist in der unmittelbaren Vergangenheit so stark gefallen, dass für die nahe Zukunft mit Zinssteigerungen gerechnet werde. Zinssteigerungen bedeuten jedoch bei festverzinslichen Wertpapieren Kursverluste. In einer solchen Situation wird es für Haushalte rentabel, ihre Ersparnisse nicht auf dem Kapitalmarkt anzulegen. Sie verzichten zwar dann auf einen Zinsgewinn, der ohnehin bei geringem Zins niedrig ist, aber müssen auch nicht befürchten, dass sie Wertpapiere kaufen, deren Kurs in nächster Zeit fällt und dass deshalb beim Verkauf der Wertpapiere Kursverluste entstehen. Diese Kursverluste können sehr wohl höher ausfallen als die möglichen Zinseinnahmen, so dass also das Horten in diesen Zeiten durchaus rentabel erscheint.

 

Auf der anderen Seite reichen jedoch Zinssenkungen nicht aus, um die Unternehmungen zu veranlassen, mehr zu investieren. In Zeiten des Konjunkturabschwungs sind die Produktionskapazitäten ohnehin nicht ausgelastet und deshalb haben die Unternehmungen auch keinen Anlass zu investieren und damit die Produktionskapazität auszuweiten. Also versagt in Zeiten der Rezession der Zinsmechanismus. Der Markt sorgt nicht mehr von selbst dafür, dass über Zinssenkungen die Investitionsnachfrage und mit ihr die gesamte Güternachfrage ansteigt und dass auf diese Weise Arbeitslosigkeit verhindert wird.

 

Nun stellt nach klassischer Sicht der Zinsmechanismus nicht der einzige Marktmechanismus dar, der für ein Gleichgewicht auf den Arbeitsmärkten Sorge trägt. Ein Ausgleich zwischen Angebot an und Nachfrage nach Arbeit erfolgt nach klassischer Auffassung in erster Linie auf dem Arbeitsmarkt selbst. Ist nämlich die Nachfrage nach Arbeit zu gering, um alle arbeitsfähigen und arbeitswilligen Arbeitnehmer zu beschäftigen, so sinkt auf einem freien Arbeitsmarkt der Lohnsatz und mit ihm steigt die Nachfrage nach Arbeit, sodass also auf einem freien und funktionierenden Arbeitsmarkt Arbeitslosigkeit von selbst abgebaut wird.

 

Auch in dieser Frage ging Keynes von der Annahme aus, dass der Lohnmechanismus nicht zu einem Abbau der Arbeitslosigkeit führt. Erstens sei der Lohnsatz aufgrund der Tarifverträge ohnehin vorgegeben und deshalb nach unten fix. Aber selbst dann, wenn wir eine Lohnflexibilität nach unten als gegeben unterstellen könnten, hätte die Lohnvariation keinen Einfluss auf die Beschäftigung. Die Höhe der Güterproduktion und davon abgeleitet die Beschäftigung werde allein von der autonomen Investitionsnachfrage und der Konsumfunktion bestimmt. Die Lage der Konsumfunktion werde jedoch von Lohnveränderungen nicht beeinflusst. Eine Lohnvariation stellt nämlich lediglich eine Bewegung entlang der vorgegebenen Konsumfunktion dar. Ein Einfluss auf die Produktion und die Beschäftigung kann jedoch nur dann erwartet werden, wenn auch die Konsumfunktion als solche verschoben werde. Dies ist jedoch nur dann der Fall, wenn bei gleichbleibendem Einkommen mehr konsumiert werden würde.

 

Keynes hat aus dieser Analyse den Schluss gezogen, dass Vollbeschäftigung nur dadurch erreicht werden könne, dass der Staat die zu geringe private Nachfrage nach Gütern durch Erhöhung der Staatsausgaben ausgleichen müsse, wobei diese Politik nur dann erfolgreich wäre, wenn die zusätzlichen Staatsausgaben defizitär finanziert würden. Wollte nämlich der Staat die zusätzlichen Staatsausgaben dadurch finanzieren, dass er die Steuersätze erhöhe, wäre nichts gewonnen, da in diesem Falle die private Nachfrage noch weiter gedrosselt werde und die staatliche Nachfrage nur an die Stelle dieser privaten Nachfrage treten  würde.

 

Nun hat die Diskussion um die Keynesianische Theorie gezeigt, dass der Markt keinesfalls immer versagt, wenn es darum geht, Arbeitslosigkeit abzubauen. So wurde z. B. darauf hingewiesen, dass es neben Erweiterungsinvestitionen auch Rationalisierungsinvestitionen gibt und dass gerade in Zeiten des Absatzrückganges Unternehmungen bestrebt sein werden, durch Rationalisierungsinvestitionen ihre Absatzchancen zu verbessern. Die These, dass die Investitionsnachfrage auf Zinssenkungen in Zeiten der Rezession nicht reagiere, gilt nur für die Erweiterungsinvestitionen. Die Nachfrage nach Investitionen wird trotzdem in Abschwungsphasen bei Zinssenkungen steigen, weil gerade in diesen Zeiten Rationalisierungen notwendig sind.

 

Wir wollen uns an dieser Stelle allerdings auf eine andere Kritik an der Keynes-Lehre beschränken. Man kann nämlich am keynesianischen Ansatz auch insofern Kritik üben, dass ein Budgetdefizit keinesfalls die einzige mögliche Strategie darstellt, um die Massenarbeitslosigkeit zu überwinden. Anstatt dass der Staat eine defizitäre Fiskalpolitik betreibt, könnte man nämlich Arbeitslosigkeit auch dadurch abzubauen versuchen, in dem man die Flexibilität der Märkte auf politischem Wege vergrößert.

 

Man räumt hier durchaus ein, dass in der augenblicklichen Situation die Märkte in der Tat nicht in der Lage sind, von selbst Vollbeschäftigung herbeizuführen. Man sieht jedoch die eigentliche Ursache für diesen Mangel nicht in natürlichen Systemdefiziten, sondern darin, dass über eine Vielzahl vorwiegend sozial­politisch motivierter Maßnahmen diese Inflexibilität überhaupt erst hervorgerufen wurde.

 

Das bisherige Vorgehen zur Vermeidung von Massenarbeitslosigkeit wird auf diese Weise äußerst fragwürdig. In einem ersten Schritt verringert man die Anpassungs­fähigkeit der Märkte, um auf diese Weise die soziale Verträglichkeit der Märkte zu erhöhen. Man nimmt aber hier in Kauf, dass gerade aufgrund der Verringerung der Anpassungsfähigkeit der Märkte ein weiteres sozialpolitisches Ziel verletzt wird. Mangelt es nämlich an Anpassungsfähigkeit auf den Arbeitsmärkten, so schlägt sich dieser Mangel in Arbeitslosigkeit nieder. Also braucht man weitere politische Maßnahmen, um diese aufgrund der bisherigen Sozialpolitik entstandene Arbeitslosigkeit wieder abzubauen.

 

Aber auch diese Politik führt erneut dazu, dass soziale Ziele vernachlässigt werden. So kann eine staatliche Defizitpolitik die zukünftigen Generationen belasten, wenn der Staat die defizitär eingesetzten Einnahmen für konsumtive Zwecke verwendet. 

 

Es wäre schon viel gewonnen, wenn man in Zukunft immer dann, wenn sozialpolitische Ziele realisiert werden sollen, überprüft, ob diese Ziele nicht auch auf Wegen erreicht werden können, ohne dass die Anpassungs­fähigkeit der Märkte um ein weiteres verringert wird. Wir können davon ausgehen, dass in aller Regel für ein politisches Ziel mehrere alternative Maßnahmen zur Diskussion stehen, die sich unter anderem darin unterscheiden, in welchem Maße die Anpassungsfähigkeit der Märkte beeinträchtigt wird.

 

Diese Frage gilt es auch für die bisher bereits durchgeführten Maßnahmen zu stellen. Wir haben hierbei davon auszugehen, dass die Anpassungsfähigkeit der Märkte von drei Determinanten bestimmt wird: Von der Preis­flexibilität, das heißt von der Frage, wie stark und wie schnell Preisvariationen möglich werden, wenn auf den Märkten Ungleichgewichte auftreten; von der Elastizität von Angebot und Nachfrage, also von der Frage, wie schnell und wie stark Preisvariationen eine Änderung in der Nachfrage oder im Angebot auslösen, wobei diese Reaktionen normal verlaufen müssen, also muss z. B. eine Preiserhöhung eine Verringerung der Nachfrage und eine Ausweitung des Angebotes auslösen.

 

Um längere Arbeitslosigkeit zu vermeiden, bedarf es einer dritten Voraussetzung. Wir haben davon auszugehen, dass in jeder Periode Datenänderungen eintreten, welche neue Ungleichgewichte hervorrufen und anderseits aber auch Marktkräfte am Werk sind, welche bestehende Ungleichgewichte wiederum abbauen. Nur dann, wenn die Gleichgewicht schaffenden und die Gleichgewicht verringernden Kräfte sich die Waage halten, kann verhindert werden, dass das Marktungleichgewicht nicht noch vergrößert wird. Aber selbst hier kann Arbeitslosigkeit größeren Umfanges auftreten, dann nämlich, wenn der Markt in der vorhergehenden Periode nicht in der Lage war, die Märkte vollkommen zu räumen.

 

Wenn dies in der Vorperiode nicht möglich war, beginnt die gegenwärtige Periode mit einer bestimmten Größe eines Ausgangsungleichgewichtes. Hier reicht es nicht aus, dass die Gleichgewicht auslösenden und abbauenden Kräfte gleichgroß sind; das anfängliche Ungleichgewicht kann nur verringert werden, wenn die Ungleichgewicht abbauenden Kräfte überwiegen.

 

Nun entstehen Ungleichgewichte durch Datenänderungen. Diese sind zum größten Teil durchaus erwünscht, eine Wohlfahrtsmehrung tritt gerade auf dem Wege von Datenänderungen ein. Entweder steigt die Wohlfahrt, weil technischer Fortschritt auftritt, oder weil die Konsumenten in der Lage sind, ihre Nachfrage an ihren Bedürfnissen auszurichten oder aber die Datenänderung besteht darin, dass die wirtschaftliche Ordnung verbessert wird, in dem z. B. Fehlanreize verhindert werden oder Anreize geschaffen werden, um die Produktion effizienter oder auch gerechter zu gestalten.

 

Es ist also sicherlich nicht erwünscht, dass Datenänderungen verhindert werden und dass auf diesem Wege der Umfang der Datenänderungen und damit auch der Ungleichgewichte verringert wird. Wohl aber ist es möglich und erwünscht, dass die Art der Datenänderungen so verändert wird, dass der Umfang der Ungleichgewichte verringert wird.

 

Ein entscheidender Vorteil einer Marktwirtschaft gegenüber einer staatlichen Planwirtschaft besteht darin, dass die wirtschaftlichen Entscheidungen atomisiert erfolgen, dass es also eine Vielzahl unabhängiger Haushalte und Unternehmungen gibt, welche zu unterschiedlichen Zeiten und auch auf unterschiedliche Weise auf Daten­änderungen reagieren. Fällt z. B. der Kurs eines Wertpapieres, so können die Marktteilnehmer auf diese Änderung unterschiedlich reagieren. Die einen befürchten, dass sich diese Kurssenkung in den folgenden Perioden fortpflanzen wird, sie werden also ihre Wertpapiere abstoßen, um  zukünftige Verluste aufgrund weiterer Kurs­senkungen zu vermeiden. Andere Marktteilnehmer gehen davon aus, dass der heutige Kursverfall nur rein zufällig ausgelöst wurde und dass hinter dieser Kursveränderung keine reale Veränderung in den Wirtschaftsdaten steht, sie werden deshalb sogar Wertpapiere dieser Art zusätzlich kaufen, da sie hoffen, diese in den zukünftigen Perioden mit einem Kursgewinn zu verkaufen. Vor allem ist der time lag, welcher von der Datenänderung bis zur Reaktion auf diese Datenänderung bei verschiedenen Personen eintritt, unterschiedlich groß.

 

Während also eine vom Staat verfügte Datenänderung (z. B. ein Gesetz) an einem ganz bestimmten Stichtag in Kraft tritt und auch bei allen betroffenen Marktteilnehmern gleichgerichtete Reaktionen auslöst, kann bei einer marktwirtschaftlichen Regelung davon ausgegangen werden, dass sich ein Teil der Reaktionen gegenseitig aufhebt, da sie entgegengesetzt gerichtet sind und dass vor allem auch die gleichgerichteten Maßnahmen nicht zur gleichen Zeit, sondern zeitlich verteilt auftreten.

 

Bereits diese Streckung bedeutet, dass die Marktkräfte besser zum Zuge kommen. Sie gleichen einem Kanalisationssystem, das in den Gemeinden Regenwasser in die Kanalisation leiten soll. Ein noch so gutes, breit ausgelegtes Kanalisationssystem ist bei einem Wolkenbruch überfordert, sodass in diesen Fällen das Wasser in den Straßen nicht abgeführt wird. Wäre die gleiche Menge an Wasser zeitlich und räumlich verteilt aufgetreten, so hätte das System ausgereicht, das Wasser sofort in die Kanalisation abzuführen.

 

In ähnlicher Weise würden die bestehenden Gleichgewichtskräfte des Marktes sehr viel besser in der Lage sein, Ungleichgewichte schnell abzubauen, wenn die Datenänderungen auf eine Vielzahl von Entscheidungsträgern stoßen würde, wenn dadurch ein Teil der Reaktionen entgegengesetzt gerichtet verlaufen und dadurch ein viel geringeres Ungleichgewicht hervorgerufen würde und vor allem, wenn die Reaktionen auf die Datenänderung zeitlich verteilt auftreten würden.

 

Nun kann man zwar davon ausgehen, dass in einer Marktwirtschaft immer mehr unabhängige Entscheidungs­träger agieren als in einer staatlichen Planwirtschaft. Trotzdem werden diese Vorteile einer Marktwirtschaft dadurch wiederum verringert und aufgehoben, wenn nur eine kleine Gruppe von Konzernen Entscheidungen zu treffen haben. Hier kann eine erfolgreiche Ordnungspolitik, welche die Entstehung von Monopolen unterbindet, dazu beitragen, dass die bestehenden und auch erwünschten Datenänderungen weniger Marktungleichgewichte hervorrufen bzw. diese wieder schneller abbauen.

 

Auch könnte das Gesetzgebungswerk so verändert werden, dass der Vollzug dieser Gesetze bewusst zeitlich in die Länge gezogen wird, dass also den Unternehmungen längere Fristen zum Vollzug dieser Gesetze eingeräumt werden, sodass damit gerechnet werden kann, dass die Reaktionen und Handlungen der Marktpartner zeitlich verteilt auftreten.

 

 

7. Umweltproblematik

 

Die These, dass wir nur bei einem hohen wirtschaftlichen Wachstum das Problem der Arbeitslosigkeit lösen können, ist aus ökologischer Sicht bedenklich. Wäre sie richtig, so wären wir zu einem permanenten Wachstum verurteilt, um Vollbeschäftigung zu garantieren. Genau dies ist jedoch auf sehr lange Sicht gar nicht möglich. Wir müssen davon ausgehen, dass ein Großteil der natürlichen Ressourcen begrenzt ist, dass die natürlichen Ressourcen bei der Produktion verbraucht werden und dass sie nicht unbedingt und in jedem Falle ersetzt werden können.

 

Am wenigsten mag dies noch für die Energierohstoffe gelten. Die traditionellen fossilen Energierohstoffe (Kohle, Holz, Öl, Gas) sind zwar begrenzt und sie werden bei der Produktion verbraucht, es können jedoch neue Energiequellen wie vor allem Sonnenenergie, Erdgas und Windenergie gewonnen werden, auf sehr lange Sicht steht vor allem die Sonnenenergie noch für Milliarden von Jahren zur Verfügung.

 

Trotzdem können für eine begrenzte durchaus größere Zeit bedeutende Engpässe entstehen, wenn es nicht gelingt, die Technik zur massenweisen Ausbeute der Sonnenenergie rechtzeitig zu entwickeln und das Fernstromnetz so auszubauen, dass auch die Sonnenenergie und die Energie, welche aus Windkräfte gewonnen werden, an die Plätze des Konsums gebracht werden können. Wir haben hier davon auszugehen, dass sowohl Sonnenenergie als auch die Energie aus Windkraft nicht an den Konsumstandorten produziert werden, sodass es also notwendig wird, über Fernnetze den Strom auch an die entferntesten Konsumplätze zu transportieren.

 

Die traditionellen Stromerzeugungswerke (Atomwerke sowie Kohle und Gaswerke) hingegen konnten fast immer in den Bereichen produziert werden, in denen der Strom auch nachgefragt wurde. Weiterhin bedarf es eines Ausbaus der Speicherwerke. Während nämlich die traditionellen Stromwerke zu allen Jahreszeiten gleichmäßig Strom produzieren konnten, kann Strom aus Sonnen- und Windenergie nicht zu allen Zeiten produziert werden. Es gibt Zeiten der Windstille und in denen der Himmel von Wolken überzogen ist und deshalb in diesem Falle die Stromerzeugung stark reduziert werden muss.

 

Weiterhin können teilweise Rohstoffe durch Kunststoffe ersetzt werden und bestimmte Rohstoffe, die bei der Produktion und beim Konsum nicht endgültig verbraucht werden, können durch Recycling zurückgewonnen werden. Insgesamt gilt aber für Rohstoffe, dass sie nur in begrenztem Umfang zur Verfügung stehen und deshalb die Wachstumsmöglichkeiten einschränken.

 

Auch der Raum als solcher ist ein knappes Gut und kann nicht beliebig vermehrt werden. Natürlich hat die Erde noch lange nicht die Bevölkerungsdichte einer Großstadt erreicht. Trotzdem gibt es auch aus ökologischer Sicht räumliche Grenzen, da die Versiegelung des Bodens den Wasserhaushalt und andere natürliche Prozesse behindert.

 

Es ist eine beängstigende These, dass Vollbeschäftigung nur mit permanentem Wachstum möglich sein solle. Aber auch aus Gerechtigkeitsgründen wird man den heutigen Entwicklungsländern wohl kaum verwehren können, einen ähnlich hohen Entwicklungsstand anzustreben, wie ihn die heute bereits hoch entwickelten Industrienationen erreicht haben. In Anbetracht der Knappheit der natürlichen Ressourcen ist hier kaum Platz für ein anhaltendes reales Wachstum auch in den Industrienationen.

 

Schließlich sollte an und für sich die Entwicklung des Bedarfs, und zwar des Bedarfs, der nicht über Werbung künstlich geweckt werden muss, darüber entscheiden, ob und in welchem Umfang ein Wachstum benötigt wird und erwünscht ist.

 

 

 

8. Schlussbemerkungen

 

Zu Beginn dieses Artikels habe ich darauf hingewiesen, dass einige Theoretiker bezweifeln, ob man bei den im Okun’schen Gesetz beschriebenen Sachverhalten tatsächlich von einer Gesetzmäßigkeit sprechen kann. Ich möchte mich dieser Kritik anschließen und sie auch etwas weitergehend begründen.

 

Hans Albert hatte vor langer Zeit einen Teil der neoklassischen Theoretiker kritisiert und ihnen vorgeworfen, dass sie einem Modellplatonismus verfallen seien. Diese Wissenschaftler würden in reinen Denkmodellen allein durch logische Schlussfolgerungen Hypothesen ableiten, die sie bereits als gültige Theorien ansehen. In Wirklichkeit enthielten jedoch diese Lehrsätze keinerlei neue, informativ gehaltvolle Aussagen, sie seien reine Leerformeln, logische Ableitungen, die sich ausschließlich aus den Annahmen ergeben und insofern auch nicht mehr Erkenntnisse aufweisen als bereits in den Annahmen unterstellt wurde.

 

Auch würden diese Annahmen in den Datenkranz verwiesen, der von den Wirtschaftswissenschaftlern nicht weiter zu hinterfragen sei. Auf den Hinweis, die Aussage der Grenzproduktivitätstheorie, dass der Lohnsatz dem Grenzprodukt der Arbeit entspreche, sei durch die Empirie bereits widerlegt, würden diese neoklassischen Wissenschaftler antworten, dass sie auch gar nicht die Behauptung ausgesprochen hätten, der Lohnsatz entspreche tatsächlich dem Grenzprodukt der Arbeit, vielmehr beschränke sich diese Theorie darauf, dass unter gewissen Annahmen (Gewinnmaximierung, Mengenanpassung und sinkenden Grenzerträgen) der Lohnsatz dem Grenzprodukt der Arbeit notwendiger Weise entspreche.

 

Es ist natürlich sehr unbefriedigend, wenn alle empirisch relevanten wirtschaftlichen Fragen als Datengrößen eingestuft werden und somit im Grunde von nichtwirtschaftlichen Wissenschaften beantwortet werden sollen, die sich selbst wiederum ganz andere Aufgaben gesetzt haben als die Probleme, die es im Rahmen der Wirtschaftswissenschaft zu lösen gilt. Sehr viel effizienter ist eine Aufgabenteilung zwischen den einzelnen Wissenschaftsgebieten, bei denen die im Zusammenhang aufgeworfenen Fragen auch von dem Teil der Wissenschaft geklärt werden, die diese Fragen untersucht.

 

Man wird dieser Kritik sicherlich zustimmen können, es ist klar, dass jede theoretische Aussage empirisch überprüft werden muss, bevor sie als wissenschaftliche Erkenntnis ausgegeben wird. Auch lassen sich die meisten im Rahmen der neoklassischen Theorie entwickelten Denkmodelle sehr wohl in empirisch gehaltvolle, also falsifizierbare Hypothesen umformulieren, die dann auch einem empirischen Test standhalten.

 

In ähnlicher Weise kann jedoch auch gegen einen Teil der Empiriker Kritik geübt werden, welche vorgeben, man könne aus empirischen Untersuchungen allein brauchbare Theorien entwickeln. Die Empirie bedarf genauso der Theorie wie auch die Theorie nur durch empirische Untersuchungen bestätigt werden kann. 

 

So ist es durchaus möglich, dass für eine bestimmte Zeit und für einen bestimmten Wirtschaftsbereich aufgezeigt wird, dass eine hohe Korrelation zwischen zwei Variablen (z. B. Wachstumsrate und Arbeitslosenquote) besteht. Trotzdem kann aus diesen Ergebnissen nicht bereits eindeutig geschlossen werden, dass eine ursächliche Beziehung zwischen diesen beiden Variablen vorliegt, dass also dann, wenn die eine Variable einen höheren Wert erreicht, auch die andere Variable sich in einer ganz bestimmten Weise verändert. Es wäre ja denkbar, dass beide Variablen vollkommen unabhängig voneinander sind, dass sie aber beide von einer dritten, nicht näher bekannten und deshalb auch nicht ausgewiesenen Variablen unmittelbar abhängen, wobei diese Variable aus mehr zufälligen Gründen nur in dieser Zeit und in diesem Bereich aufgetreten ist, aber nicht unbedingt zu allen Zeiten und in allen Wirtschaftsbereichen anzutreffen sein wird.

 

Die Aussage des Okun’schen Gesetzes, wonach die Arbeitslosenquote nur dann reduziert werden kann, wenn die Wachstumsrate des Inlandsproduktes über einer kritischen Schwelle liegt, kann bei Vorliegen gewisser weiterer Bedingungen durchaus zutreffen. Diese kritische Wachstumsrate ist jedoch weder eine notwendige noch eine ausreichende Bedingung dafür, die Arbeitslosenquote zu reduzieren.

 

Eine bestimmte Wachstumsrate ist nicht notwendig für eine Reduzierung der Arbeitslosenquote, da auch bei konstantem Inlandsprodukt einfach aufgrund einer gesteigerten Flexibilisierung der Märkte Ungleichgewichte im Allgemeinen und die Arbeitslosenanzahl im speziellen Sinne reduziert werden kann.

 

Eine bestimmte Wachstumsrate ist noch nicht einmal eine ausreichende Bedingung, um Arbeitslosigkeit zu reduzieren. Es wäre z. B. denkbar, dass der wirtschaftliche Aufschwung einem arbeitssparenden technischen Fortschritt zu verdanken ist, bei dem der Freisetzungseffekt den Einkommenseffekt überkompensiert. Der arbeitssparende technische Fortschritt bewirkt hier, dass pro ausgebrachte Gütereinheit weniger Arbeitskräfte benötigt werden (Freisetzungseffekt). Da der technische Fortschritt allerdings Investitionen voraussetzt, wird die Nachfrage nach Gütern und damit indirekt auch die induzierte Nachfrage nach Arbeitskräften partiell gesteigert (Einkommenseffekt), wobei es aber durchaus möglich ist, dass dieser Aufschwung nicht ausreicht, um die aufgrund der Rationalisierung freigesetzten Arbeitskräfte wiederum voll in den Produktionsprozess einzugliedern. Hier kann in der Tat gerade wegen einer hohen Wachstumsrate die Arbeitslosenquote sogar ansteigen.