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Berühmte Irrtümer

 

 

 

 

Gliederung:

 

  1. Problemeinführung

  2. Golddeckung Voraussetzung für Geldwertstabilität?

  3. Vorteil des einen stets Nachteil des anderen (Merkantilismus)

  4. Nur Arbeit erzeugt Wert?

  5. Sättigungsthese

  6. Gibt es Deterministische Prozesse?

  7. Wachstum notwendig für Vollbeschäftigung?

  8. Kaufkrafttheorie

  9. Quotenregelung geeignet zur Vermeidung  von Diskriminierungen?

10. Volkswille nur beim Verhältniswahlrecht erfüllt?

 

 

 

  Kapitel 5. Sättigungsthese

 

 

Gliederung:

 

1. Das Problem

2. Das Say’sche Theorem

3. Zunahme der Nachfrage nach mehr Freizeit

4. Die Sättigungsthese im engeren Sinne

5. Die Roboterisierungsthese

6. Die Stagnationsthese Alvin Hansens

 

 

 

1. Das Problem

 

Im Verlauf der Geschichte der wirtschaftswissenschaftlichen Lehrmeinungen begegnen wir immer wieder der These, dass auf lange Sicht gesehen ein anhaltendes wirtschaftliches Wachstum gar nicht möglich sei, da zumindest die marktwirtschaftlich geordneten Wirtschaftssysteme zwangsweise einer Stagnation zusteuerten, welche letzten Endes dadurch ausgelöst werde, dass die Menschen sehr schnell den Zustand einer Sättigung erreichten. Der Wachstumsprozess werde abrupt abgebrochen, da die Nachfrage nach Gütern sehr bald gesättigt sei und da das Wirtschaftssystem dann mangels Nachfrage zusammenbrechen müsse. Diese Stagnation äußere sich dann vor allem auch in einer zu geringen Nachfrage nach Arbeitskräften. Die Nachfrage nach Arbeitskräften sei stets durch die Nachfrage nach Gütern induziert und wenn die Nachfrage nach Gütern stagniere oder sogar zurückgehe, dann müsse zwangsweise auch die Nachfrage nach Arbeitskräften nachlassen, mit der Folge, dass immer mehr Arbeitskräfte keinen Arbeitsplatz mehr fänden.

 

Diesen pessimistischen Lehren begegnen wir bereits zur Zeit der Klassiker, mit denen die moderne Wirtschaftstheorie im ausgehenden 18. Jahrhundert begonnen hatte. Man sprach damals von Unterkonsumtionstheorien und verstand darunter die These, dass die Beschäftigung aller arbeitsfähigen und arbeitswilligen Arbeitnehmer daran scheitere, dass die Nachfrage nach Gütern aufgrund einer allgemeinen Sättigung nicht ausreiche, um alle Arbeitnehmer zu beschäftigen.

 

Auch wenn diese ausgesprochen pessimistische Sichtweise von der Mehrheit der Frühklassiker nicht geteilt wurde – immerhin entwickelte Adam Smith, der Begründer der modernen Wirtschaftstheorie ein ausgesprochen optimistisches Bild über die Entwicklungsmöglichkeiten einer freien Marktwirtschaft – so beschrieb vor allem David Ricardo – ebenfalls ein Hauptvertreter der Klassik – ein dynamisches Modell, das ebenfalls in einer Stagnation endete. David Ricardo stützte sich hierbei auf die ebenfalls sehr pessimistische Bevölkerungslehre von Robert Malthus.

 

Das Thema der klassischen Unterkonsumtionstheorien wurde dann im 20. Jahrhundert aufgegriffen, als John Maynard Keynes die Massenarbeitslosigkeit während der Weltwirtschaftskrise Ende der 20er Jahre wiederum auf einen Mangel in der Nachfrage nach Gütern zurückführte. Während allerdings Keynes die Arbeitslosigkeit vorrangig als ein Problem des konjunkturellen Abschwungs angesehen hatte, vertrat Alvin Hansen, ein Schüler von Keynes, die Überzeugung, dass in der spätkapitalistischen Phase auch auf lange Sicht Massenarbeitslosigkeit vorherrsche, da mit einer säkularen Stagnation in der Güternachfrage gerechnet werden müsse.

 

Diese hier aufgeführten Stagnationsthesen sind nur einige besonders krasse Beispiele für ein ganzes Heer von Theoretikern, welche im Verlauf der Geschichte immer wiederum das Gespenst einer Sättigung heraufbeschworen haben. Es war vor allem Joseph Alois Schumpeter, der in seiner Geschichte der Ökonomischen Analyse auf diese immer wiederkehrende Tendenz aufmerksam machte, der aber auch aufzeigte, dass die vorübergehend auftretenden Krisen immer wieder überwunden wurden und dass es diesen Verfechtern der diversen Sättigungsthesen schlichtweg an Phantasie mangle, sich vorzustellen, dass die Menschheit mit dem bisher erreichten nie zufrieden sind und dass die Knappheit der Güter anhielt, obwohl die Grundbedürfnisse zumindest in den hoch entwickelten Industriegesellschaften schon lange befriedigt werden konnten. Der Ausweitung der Produktionsmöglichkeiten folgte immer wieder die Entdeckung neuer Bedürfnisse.

 

Nun kann man sicherlich nicht davon sprechen, dass diese immer wieder aus der Versenkung herausgeholten Stagnationstheorien die einzigen oder auch nur die wichtigsten Vorstellungen darüber waren, wie sich marktwirtschaftliche Systeme langfristig weiterentwickeln werden. Ganz im Gegensatz zu diesen Stagnationstheorien wurden auf der anderen Seite immer wieder Zukunftsbilder entwickelt, welche zwar auch vermeinten, einen Zusammenbruch der Wirtschaftssysteme prophezeien zu müssen, welche aber den Zusammenbruch der Wirtschaftssysteme auf eine zu große Nachfrage nach Gütern in den hoch entwickelten Industriegesellschaften zurückführt haben. Die marktwirtschaftlichen Systeme führten – so wurde argumentiert – zwangsweise zu einer Ausbeutung der natürlichen Ressourcen mit der hierdurch ausgelösten Folge, dass den zukünftigen Generationen die natürlichen Ressourcen fehlten, welche für ein Überleben notwendig seien.

 

 

2. Das Say’sche Theorem

 

Der Hauptstrom der klassischen Wirtschaftslehre war im Gegensatz zu diesen ausgesprochen pessimistischen Zukunftsbildern aber durchaus der festen, optimistischen Überzeugung, dass diese Krisenerscheinungen nicht notwendiger Weise eintreten müssten und dass durch die vom Liberalismus aufgezeigte freie Wirtschaftsordnung sehr wohl befriedigende Ergebnisse des Wirtschaftsprozesses erreicht werden könnten.

 

Es war zur Zeit der Frühklassiker vor allem John Baptiste Say, der nachzuweisen versuchte, dass Massenarbeitslosigkeit keinesfalls deshalb zu befürchten sei, weil die Nachfrage nach Gütern zu gering sei.

 

Jean Baptiste Say lebte von 1767 bis 1832 und war einer der Hauptvertreter der französischen Klassik. Bekannt geworden ist er vor allem durch das nach ihm benannte Say’sche Theorem.

 

Das Say'sche Theorem wendet sich gegen die Unterkonsumtionstheorien, wonach eine zu geringe Konsum­güternachfrage Arbeitslosigkeit verursache. Entsprechend dem Say'schen Theorem kann eine zu geringe Güternachfrage allgemeine Arbeitslosigkeit nicht erklären, da sich jedes Angebot seine Nachfrage selbst schaffe. Allerdings leugnet Say keinesfalls das Entstehen von Massenarbeitslosigkeit, er führt diese jedoch nicht auf eine zu geringe Güternachfrage, sondern in seiner Theorie der verstopften Absatzwege auf falsche Preisrelationen, also auf Steuerungsfehler zurück.

 

Der Wert des Angebotes werde nämlich voll zu Einkommen und dieses hinwiederum voll zu Nachfrage, da Ersparnisse stets investiert werden. Generelle Arbeitslosigkeit könne deshalb nur mit strukturellen Ursachen erklärt werden.

 

 

 

Betrachten wir die einzelnen Schritte dieses Theorems etwas genauer. Als erstes wird festgestellt, dass die gesamten Verkaufserlöse zu Einkommen werden. Wir betrachten hierbei nicht eine einzelne Unternehmung, sondern eine konsolidierte Bilanz aller Unternehmungen. Auf der rechten Seite der Bilanz im oberen Teil der Graphik tragen wir auf der Einnahmenseite die Verkaufserlöse, also den Wert des Angebotes ein, welche die Verkäufer der Endprodukte erzielen. Hierbei haben wir zu berücksichtigen, dass ein Teil dieser Verkaufs­erlöse benötigt wird, um Halbfabrikate und Rohstoffe von anderen Unternehmungen zu beziehen. Hier fallen die Ausgaben der Endproduktunternehmugen mit den Verkaufserlösen der Halbfabrikat- und Rohstoff­unter­nehmungen zusammen, wir können also diese Beträge in einer konsolidierten Gesamtbilanz vernach­lässigen.

 

Die Verkaufserlöse der Endproduktunternehmungen dienen weiterhin dazu, die eingekauften Produktions­faktoren zu entlohnen, an die beschäftigten Arbeitnehmer werden Löhne, an die Bodenbesitzer Grund­pachten und an die Kapitalgeber Zinsen ausgezahlt. Die verbleibende Restsumme aus den Verkaufs­erlösen fließt dem Unternehmer als Gewinneinkommen zu. Wir können also feststellen, dass die gesamte Verkaufs­erlössumme zu Einkommen wird.

 

Als nächstes wenden wir uns der Verwendung dieser Einkommen zu. Einkommen können für den Ankauf von Konsumgütern verwandt oder gespart werden. Beide zusammen entsprechen stets der gesamten Einkaufssumme. Es wird hier also der Einfachheit halber von einer geschlossenen Volkswirtschaft ohne wirtschaftliche Aktivität des Staates ausgegangen.

 

Die Ersparnisse dienen den Unternehmungen zur Finanzierung ihrer Investitionen, also zum Ankauf der Investitionsgüter. Somit wird nicht nur der Teil des Einkommens zu Nachfrage, welcher für den Ankauf von Konsumgütern verwandt wird, sondern auch die Sparsumme wird voll zum Kauf von Investitionsgütern eingesetzt.

 

Damit ist jedoch erwiesen, dass das gesamte Angebot (die Verkaufserlöse) zu Nachfrage wird, entweder als Konsumgüter- oder als Investitionsnachfrage. Was zu beweisen war.

 

Wie sind nun die hier getroffenen Annahmen zu bewerten? Der erste Schritt, der Nachweis, dass die Summe der Verkaufserlöse beim Endproduktproduzenten voll zu Einkommen wird, ergibt sich aus logischen Überlegungen. Der Gewinn der Unternehmung (G) ist so definiert, dass er der Differenz zwischen Verkaufserlösen (P * X) und der Entlohnung der eingesetzten Produktionsfaktoren (EF) entspricht. Es gelten also die Gleichungen:

 

G = P * X - EF   ergibt   P * X = EF + G

 

 

Wenden wir uns deshalb dem zweiten Schritt in der Analyse des Say’schen Theorems zu. Dass ein Teil der Einkommen (EF + G) konsumiert wird und deshalb zu der Nachfrage nach Konsumgütern führt, ergibt sich wiederum aus logischen Zusammenhängen, wer Güter konsumiert, muss diese in der Regel  zuvor gekauft haben.

 

Kritischer zu beurteilen ist die zweite These, dass die Ersparnisse stets voll investiert werden. Diese Annahme ergibt sich allerdings aus der Tatsache, dass zu Lebzeiten von Jean Baptiste Say die vorherr­schende Unternehmungsform die Personengesellschaft war und dass deren Unternehmer das benötigte Kapital aus ihrem eigenen Einkommen in Form von Ersparnissen aufbringen mussten, da das Einkommen der Nichtunternehmer noch zu gering war, um größere Einkommensteile zu sparen. Der einzige Grund zum Sparen lag also darin, dass Unternehmer Kapital für ihre Investitionen benötigten. Unternehmer sparten also nur dann, wenn sie einen Investitionsbedarf hatten. Ihr Kapitalbedarf konnte nur durch eigene Ersparnisse, nicht aber über eine Kreditnahme auf dem Kapitalmarkt befriedigt werden. In der Zeit, in der Say lebte, entsprach es also durchaus der Wirklichkeit, dass fast alle Ersparnisse zum Ankauf von Investitionsgütern verwandt wurden.

 

In der Zwischenzeit ergaben sich in dieser Frage zwei wesentliche Änderungen. Auf der einen Seite entstanden Kapitalgesellschaften, welche einen so hohen Kapitalbedarf hatten, dass die Eigenersparnisse der Unternehmereigner nicht ausreichten und deshalb zusätzliches Kapital auf dem Kapitalmarkt nachgefragt werden musste. Auf der anderen Seite war in der Zwischenzeit das Einkommen großer Teile der Bevölkerung so stark gestiegen, dass auch die Nichtunternehmerhaushalte einen Teil ihrer Einkommen sparen konnten und diese Ersparnisse auf dem Kapitalmarkt anboten.

 

Obwohl also nun Sparer und Investoren nicht mehr dieselben Personen waren und obwohl deshalb damit gerechnet werden musste, dass die gesamtwirtschaftliche Sparsumme größer oder auch kleiner als die gesamtwirtschaftliche Investitionssumme ist, ging die neoklassische Theorie immer noch davon aus, dass das Say’sche Theorem nach wie vor gelte, da nun der Kapitalmarkt dafür Sorge trage, dass im Gleichgewichtszustand, dem ein freier Markt automatisch zusteuere, Ersparnis und Investition sich entsprechen. 

 

Der frei Marktmechanismus sorge dafür, dass bei einem Überhang der Ersparnis über die Investitions­nachfrage der Zinssatz sinke und dass deshalb sowohl weniger Ersparnisse gebildet und gleichzeitig mehr Investitionen getätigt würden. In gleicher Weise gelte, dass bei einem Investitionsüberhang der Zinssatz steige und aus diesen Gründen die Ersparnisse anstiegen und die Investitionsvorhaben gekürzt würden. Mit anderen Worten: Die Neoklassiker gingen davon aus, dass der Marktmechanismus automatisch einen Ausgleich von Ersparnis und Investition herbeiführe.

 

Man kann natürlich drittens auch bezweifeln, ob Konsumieren und Sparen die einzigen Verwendungsarten des Einkommens darstellen. Schließlich muss man davon ausgehen, dass beachtliche Teile des Einkommens in Form von Steuern abgeführt werden müssen. Es kann deshalb kritisiert werden, dass das Say’sche Theorem eine geschlossene Volkswirtschaft ohne wirtschaftliche Aktivität unterstellt.

 

Zur Beantwortung dieser letzten Kritik kann jedoch angeführt werden, dass es sehr zweckmäßig sein kann, zum besseren Verständnis komplexer Zusammenhänge ganz bewusst von gewissen realen Gegebenheiten abzusehen. Sind einmal die Zusammenhänge anhand einfacher Modelle richtig erkannt, lassen sich sehr schnell die unrealistischen Annahmen des ersten Modells aufheben. Es ist ein leichtes, das Say’sche Theorem so umzudefinieren, dass die wichtigsten Ergebnisse des Say’schen Theorems auch für eine offene Volkswirtschaft mit wirtschaftlicher Aktivität des Staates aufrechterhalten werden können.

 

Nun hat zwar John Maynard Keynes darauf hingewiesen, dass das Say’sche Theorem von zwei unrealistischen Annahmen ausgehe: Ein Teil der Ersparnisse werde gehortet, werde also gar nicht über die Banken an die Unternehmungen für Investitionen weitergereicht. Gleichzeitig würde auch dann, wenn die Ersparnisse auf dem Kapitalmarkt angeboten werden und wenn es in Folge zu Zinssenkungen komme, die Investitionsbereitschaft der Unternehmungen nicht ausreichend erweitert. In Zeiten des Konjunkturabschwungs, in denen die Konsumnachfrage zurückgehe, entstünden überschüssige Produktionskapazitäten und die Unternehmungen hätten also keinen Anlass, diese Produktionskapazitäten noch über Investitionen zu erweitern.

 

Es ist nicht Ziel dieses Kapitels, auf die Schwächen und Fehler dieser keynesianischen Lehre einzugehen. Dies ist in anderen Artikeln meiner Homepage erfolgt. Von Bedeutung im Zusammenhang mit dem in diesem Kapitel erörterten Sättigungsthese ist allein der Hinweis, dass die Mindernachfrage nach Gütern bei Keynes eben gerade nicht mit einer Sättigung der Konsumnachfrage, sondern mit Mängeln des Kapitalmarktes erklärt werden, der nicht in der Lage sei, die Nachfrage nach Kapital an das zu große Sparangebot automatisch anzupassen.

 

 

3. Zunahme der Nachfrage nach mehr Freizeit

 

Unabhängig von der Frage nach der Gültigkeit des Say’schen Theorems gilt es allerdings auch zu überprüfen, ob bei Vorliegen einer Sättigung in der Konsumnachfrage notwendiger Weise auch Arbeitslosigkeit ausgelöst werden muss. Es wäre sehr wohl denkbar, dass eine Beschränkung der Konsumnachfrage auf die lebenswichtigen Produkte keinesfalls zu einem Angebotsüberhang auf dem Arbeitsmarkt und damit zu Arbeitslosigkeit führen muss.

 

Um diese These besser zu verstehen, wollen wir uns die Frage stellen, wie denn die Menschen vorgehen würden, wenn wir noch in einer mittelalterlichen Gesellschaft leben würden, in der noch nicht arbeitsteilig produziert würde, also jede einzelne Bauernfamilie im Wesentlichen nur für den Eigenbedarf produzieren würde. Wir wollen nun unterstellen, dass ein Bauer gewisse Produktionstechniken kennen gelernt habe und sie auch anwende, welche ihm gestatten, die für den Lebensunterhalt notwendigen Güter auch bereits erreichen könnte, wenn er seine Arbeit auf einen halben Tag beschränken würde.

 

Wir würden in diesem Falle unterstellen, dass dieser Bauer auch tatsächlich nur jeweils einen halben Tag arbeiten würde, also den Rest der Zeit seiner Freizeit widmen würde und dass er also nicht den ganzen Tag schuften würde und mehr Güter produzieren würde, als er selbst benötigt.

 

Warum soll ein solches Verhalten grundsätzlich nicht auch in einer arbeitsteiligen Volkswirtschaft möglich sein? Wenn unsere Gesellschaft aufgrund technischen Fortschritts in die Lage kommt, die für das Leben benötigte Gütermenge auch bereits mit einer halbtätigen Arbeit zu erzeugen, warum sollten die Arbeitnehmer, welche ja annahmegemäß gar nicht mehr Güter nachfragen, nicht von sich aus bestrebt sein, nur für einen halben Tag erwerbswirtschaftlicher Arbeit nachzugehen? In diesem Falle ginge zwar auch die Nachfrage nach Arbeitskräften seitens der Unternehmungen zurück, dieser Rückgang würde aber trotzdem nicht zu Arbeitslosigkeit führen, da im gleichen Umfang ja auch das Angebot an Arbeit zurückgehen würde. Mit andern Worten: In diesem Falle würde trotz Sättigung keine größere Arbeitslosigkeit ausgelöst werden. Auch hier müssten wir dann, wenn trotz dieser Zusammenhänge Arbeitslosigkeit in größerem Umfange auftreten würde, diesen Zustand auf Mängel des Marktes zurückführen, nicht der Rückgang in der Nachfrage wäre also in diesem Falle die eigentliche Ursache, welche Arbeitslosigkeit hervorgerufen hätte, sondern einige Fehler im marktwirtschaftlichen Anreizsystem.

 

 

4. Die Sättigungsthese im engeren Sinne

 

Wir wollen uns nun im weiteren Verlauf dieses Kapitels mit den einzelnen Stagnationsthesen etwas ausführlicher beschäftigen. Beginnen wir mit der bereits in Zeiten der Frühklassik entwickelten Unterkonsumtionstheorie.

 

Man geht davon aus, dass die Arbeitsnachfrage letztendlich von der Nachfrage nach Konsumgütern abhängt. Die Nachfrage nach Investitionsgütern wird also hier als letztendlich von der Konsumgüternachfrage induziert angesehen.

B = f(C)

mit B: Arbeitsnachfrage, C: Konsumnachfrage

 

Wenn also die Arbeitsnachfrage nicht ausreicht, Vollbeschäftigung zu garantieren, so kann dies entweder daran liegen, dass in der Nachfrage nach Konsumgütern eine Sättigung eingetreten ist (Sättigungsthese) oder aber, dass zwar die Konsumnachfrage bei gleich bleibender Technik ausreichen würde, genügend Arbeitsplätze zur Verfügung zu stellen, dass aber aufgrund technischen Fortschritts zur Erstellung einer Konsumgütereinheit immer weniger Arbeitskräfte benötigt werden (Roboterisierungsthese).

 

Wenden wir uns zunächst der Sättigungs-Hypothese zu: Die Bedürfnisse seien danach begrenzt; das durchschnittliche Realeinkommen sei nämlich in den letzten Jahrzehnten so stark gestiegen, dass ein weiterer Nachfragezuwachs nach Konsumgütern in größerem Umfange nicht zu erwarten sei. Es sei vor allem nicht mehr damit zu rechnen, dass die durchschnittliche Nachfrage nach Konsumgütern so stark ansteige, dass die Arbeitslosigkeit in starkem Umfang reduziert werden könne.

 

Zugrunde liegt dieser Auffassung die Überzeugung, dass auf der einen Seite im Zuge der Industrialisierung die Produktion von Konsumgütern im Vergleich zur vorindustriellen Produktion enorm gesteigert werden konnte, dass aber auf der anderen Seite der Bedarf der Menschen weitgehend vorgegeben und konstant sei.

 

Das nach Herrmann Heinrich Gossen benannte erste Gossen’sche Gesetz wurde zwar erst im Jahre 1854 entwickelt, der Sättigungsthese liegt jedoch offensichtlich ein ähnlicher Zusammenhang zugrunde. Das erste Gossen’sche Gesetz besagt bekanntlich, dass der Nutzenzuwachs einer Konsumguteinheit um so mehr zurückgehe, je mehr von diesem Gut konsumiert werde. Das erste Glas Wasser mag einen Verdurstenden vor dem Tode erretten und somit einen unendlich hohen Nutzen bringen, mit einem zweiten oder dritten Glas Wasser mag vielleicht noch ein gewisser Nutzen verbunden gewesen sein, aber der Nutzenzuwachs jedes weiteren Glas Wassers sinkt und erreicht sehr bald den Wert null.

 

In ähnlicher Weise geht die These von der Sättigung davon aus, dass bei permanentem Anstieg des Pro-Kopf-Einkommens sehr schnell ein Zustand erreicht wird, von dem ab bei allen Grundbedürfnissen eine Sättigung eingetreten ist, von der ab eine Zunahme des Konsums keinen weiteren Nutzen mehr bringen kann.

 

Wir hatten bereits erwähnt, dass Joseph Alois Schumpeter den Verfechtern einer solchen Sättigungsthese den Vorwurf machte, sie seien einfallslos und seien durch die Geschichte immer wieder widerlegt worden, jeder Stagnationsphase folgte bisher nach einigen wenigen Jahren ein erneuter Aufschwung und diese Aufschwungphasen zeichneten sich dadurch aus, dass die reale Gütermenge von Konjunkturzyklus zu Konjunkturzyklus angestiegen ist.

 

Der Fehler der Sättigungsthesen liegt hierbei in zweierlei. Einerseits verkennen diese Theorien die Möglichkeit, durch Qualitätsverbesserungen den Nutzen der Konsumgüter enorm zu steigern. Zwar wird man sich nicht den Magen mehr als voll stopfen können, aber eine Ausweitung der Produktion liegt keinesfalls nur darin, dass von einem Gut mehr Mengeneinheiten produziert und konsumiert werden. Vielmehr zeichnet sich das wirtschaftliche Wachstum vor allem dadurch aus, dass die Qualität der einzelnen Güter stetig verbessert wurde. Reichten z. B. in der Vergangenheit ein Bleistift (Schreibwerkzeug) und einige Blätter Papier aus, um einige Gedanken aufzuschreiben, kann sich ein heutiger Autor hoch komplizierter Computer und ausgefeilten Text- und Bildprogrammen bedienen, um seine Gedanken niederzuschreiben. Auch der Verbesserung der Qualität von Speisen sind fast keine Grenzen gesetzt.

 

Gleichzeitig hat der technische Fortschritt dazu beigetragen, dass sich Menschen heute Dinge leisten können, von welchen früher die Menschen nur träumen konnten. Denken wir nur an die Möglichkeit des Fliegens. Oder wenn wir nach den häuslichen Bequemlichkeiten wie Bäder, Duschmöglichkeiten, Kühlschränke fragen, welche heutzutage für mehr als 90% der Bevölkerung selbstverständlich sind, so handelt es sich hier um einen Luxus, von dem der Sonnenkönig Ludwig XIV nur träumen konnte und die heute lebenden einfachen Bürger beneiden würde.

 

Dies bedeutet, dass wir nicht von einer von vornherein für alle Zeiten gegebene Bedarfsstruktur ausgehen können, in Wirklichkeit ist der durchschnittliche Bedarf der Menschen fast genauso schnell angestiegen wie die Produktion der einzelnen Güter.

 

 

5. Die Roboterisierungsthese

 

Eine weitere Begründung für eine Stagnation in der Arbeitsnachfrage liegt in der Hypothese der Roboterisierung: Im Rahmen dieser These wird die Meinung vertreten, der technische Fortschritt führe notwendigerweise dazu, Arbeit immer mehr durch Kapital zu ersetzen und zwar dadurch, dass immer mehr Arbeitsvorgänge von Robotern übernommen werden. Dieser Mechanisierungsprozess führe dazu, dass immer mehr Arbeitsplätze vernichtet werden und dass die verbleibenden Arbeitsplätze – auch dann, wenn die Konsumnachfrage an und für sich hoch wäre – nicht mehr ausreichen, um Vollbeschäftigung zu garantieren.

 

Diese These wird vor allem im Hinblick auf die physische Arbeitskraft vertreten. Die Erfindung der Dampfkraft zu Beginn der Industrialisierung und des Elektromotors habe es zunächst ermöglicht, die physische Arbeitskraft zu unterstützen. Der weitere Umstand, dass durch die Erfindung des Computers auch die geistigen Fähigkeiten von Maschinen simuliert werden können, habe dann ermöglicht, Roboter zu entwickeln, welche auf der einen Seite die physischen Arbeitsgänge übernehmen können und auf der anderen Seite die einzelnen Arbeitsschritte selbstständig überwachen. Zwar bedarf es immer noch der geistigen Leistung des Menschen, um neue Erfindungen zu machen, festzulegen, welche Ziele mit Hilfe dieser Produktionsmaschinen verfolgt werden sollen und zu überprüfen, inwieweit technische Prozesse ihre Aufgabe auch tatsächlich erfüllen erfüllen können.

 

Dass eine solche Entwicklung im letzten Jahrhundert eingetreten ist, kann kaum geleugnet werden. In einer ersten Phase der Industrialisierung wurden physische Arbeitsleistungen der Tiere durch Arbeit leistende Maschinen ersetzt. Während sich z. B. die Menschen im Altertum und im Mittelalter hoch zu Roß oder auch mit Pferdekutschen von einem Ort zum andern bewegten, übernahm diese Aufgabe der Fortbewegung das Auto oder auch Schienenfahrzeuge wie Straßenbahnen und Züge. Später kam auch die Fortbewegung durch Flugzeuge hinzu.

 

Weiterhin übernahmen andere Maschinen Teiltätigkeiten, welche wie z. B. beim Ausbaggern von Erdreich oder Fortbewegung von schweren Gegenständen aller Art besonders große physische Kraftanstrengungen benötigten, allerdings wurden diese Maschinen zunächst immer noch vom Menschen zielbewusst eingesetzt und kontrolliert. Erst mit der Erfindung des Computers setzte eine Entwicklung ein, bei der immer größer werdende Ausschnitte einer Unternehmung selbstständig den gesamten Arbeitsprozess übernehmen.

 

In der Tat wird somit heutzutage in der Industrie ein großer Teil der Arbeiten, welche in der Anfangsphase des industriellen Zeitalters noch von Arbeitern verrichtet wurden, mehr oder weniger selbstständig arbeitenden Maschinen übertragen. Wirtschaftlich gesehen wurde hier der Produktionsfaktor Arbeit immer mehr durch den Einsatz von Kapital ersetzt.

 

Falsch wäre es jedoch, wenn wir von der Annahme ausgingen, diese Entwicklung sei zwangsläufig gegeben und könne auch nicht durch bewusstes menschliches Eingreifen gestoppt werden. Dass nämlich in den letzten Jahrzehnten diese Entwicklung beobachtet werden konnte, hängt eng mit der Art des technischen Fortschrittes zusammen. Technischer Fortschritt fällt jedoch nicht wie Manna vom Himmel. Dass sich in den letzten Jahrzehnten in sehr starkem Maße ein arbeitssparender technischer Fortschritt ergeben hat, hängt eng mit den Anreizen unseres Wirtschaftssystems zusammen.

 

Im Allgemeinen unterscheiden wir zwischen arbeitssparendem und kapitalsparendem Fortschritt. Nach einer Definition von J. R. Hicks sprechen wir von arbeitssparendem Fortschritt immer dann, wenn bei konstantem Lohn-Zins-Verhältnis die Arbeitsintensität (die Anzahl der Arbeitseinheiten pro eingesetzter Kapitaleinheit) sinkt. In ähnlicher Weise wird von einem kapitalsparenden Fortschritt gesprochen, wenn bei konstantem Lohn-Zins-Verhältnis die Arbeitsintensität steigt. Würde trotz technischem Fortschritt bei gleichbleibendem Lohn-Zins-Verhältnis die Arbeitsintensität konstant bleiben und würden sich deshalb die Produktivitätssteigerungen gleichermaßen auf Einsparung von Arbeit und Kapital niederschlagen, läge ein sogenannter neutraler technischer Fortschritt vor.

 

Für welche Art von technischem Fortschritt sich nun die Unternehmer entscheiden, hängt wesentlich vom jeweiligen Lohn-Zins-Verhältnis ab. Je stärker der Lohnsatz in Relation zum Zinssatz steigt, um so mehr sind die Unternehmer bestrebt, Arbeit durch Kapital zu ersetzen und somit eine Robotisierung der Industrieproduktion einzuleiten. Wenn nämlich Kapital im Vergleich zur Arbeitskraft billiger wird, kann eine Unternehmung dadurch, dass sie Arbeit durch Kapital ersetzt, ihre Stückkosten reduzieren und damit Wettbewerbsvorteile erlangen.

 

Solange nun das Lohn-Zins-Verhältnis die Knappheitsrelationen von Arbeit zu Kapital widerspiegelt, wäre auch sowohl aus wirtschaftlicher als auch aus sozialer Sicht eine Substitution von Arbeit und Kapital erwünscht. Der Lohn würde nämlich genau dann im Vergleich zum Zinssatz ansteigen, wenn Arbeit knapp würde und wenn wegen dieser Knappheit bestimmte Güter und mit ihnen bestimmte Bedürfnisse der Menschen nicht befriedigt werden könnten. In diesem Falle kann die Produktion und damit auch die allgemeine wirtschaftliche Wohlfahrt gesteigert werden, wenn arbeitssparende Techniken eingeführt werden, pro eingesetzter Arbeitseinheit können nun mehr Produkte erzeugt werden. Gleichzeitig ist jedoch Vollbeschäftigung garantiert, der arbeitssparende technische Fortschritt wurde ja nur gewählt, weil es an Arbeitskräften mangelt und weil ohne diese arbeitssparenden Methoden weniger produziert werden könnte.

 

In einer funktionierenden Marktwirtschaft steigt der Lohnsatz im Verhältnis zum Zinssatz nur dann, wenn Arbeit knapp ist. Wenn jedoch der Lohnsatz im Vergleich zum Zinssatz ansteigt, obwohl Arbeitslosigkeit vorherrscht, führt arbeitssparender Fortschritt zwar auch noch zu einer Steigerung der Produktivität, mit einer Arbeitseinheit können dann immer noch mehr Produkte erzeugt werden, diese Mehrproduktion hätte in diesem Falle aber auch dadurch erreicht werden können, dass die nun arbeitslosen Arbeitnehmer beschäftigt worden wären. Der arbeitssparende technische Fortschritt ist in diesem falle kein sozialer Fortschritt, da die Beschäftigung aller arbeitsfähigen und arbeitswilligen Arbeitnehmer immer Vorrang vor einer Steigerung der Produktionsmenge haben sollte.

 

Nun haben wir an anderer Stelle dieser Vorlesung bereits darauf hingewiesen, dass die keynesianische Beschäftigungspolitik von einer Politik des billigen Geldes unterstützt wird und dass hier bewusst der Zinssatz der Notenbank unter den Zinssatz gedrückt wird, der ein Gleichgewicht auf dem Kapitalmarkt ermöglicht hätte. Auf diese Weise wird also ein Lohn-Zinsverhältnis angesteuert, das unterhalb der Lohn-Zins-Relation liegt, welche Vollbeschäftigung garantiert hätte. Also trägt hier die Beschäftigungspolitik dazu bei, dass die Arbeitslosigkeit langfristig sogar steigt: Aufgrund des zu geringen Zinssatzes wird vermehrt ein arbeitssparender technischer Fortschritt durchgeführt, mit der Folge, dass Arbeitnehmer zusätzlich entlassen werden.

 

Dieser Effekt wird dann noch verstärkt, wenn zusätzlich zur Politik des billigen Geldes die Gewerkschaften eine expansive Lohnpolitik erzwingen, bei welcher der Lohnsatzanstieg über die Produktivitätssteigerung der Arbeit liegt. In diesem Falle steigt das Lohn-Zins-Verhältnis einmal, weil die Zinsen sinken, zum andern weil die Lohnsätze steigen.

 

Begründet wurde eine solche expansive Lohnpolitik damit, dass auf diese Weise die Nachfrage nach Konsumgütern und damit indirekt auch eine Nachfrage nach Arbeitskräften ausgelöst werden könnte. Wir mussten allerdings an anderer Stelle bereits darauf hinweisen, dass im Rahmen der Theorie von Keynes nur ein Anstieg der autonomen Konsumnachfrage produktionssteigernd und damit auch beschäftigungssteigernd wirkt, während eine Steigerung der Konsumnachfrage aufgrund eines gestiegenen Lohneinkommens nur eine induzierte Nachfragesteigerung darstellt. Nur dann, wenn die Nachfrage nach Konsumgütern stärker als das Einkommen steigt, verschiebt sich die Konsumfunktion nach oben und wird deshalb ein Gütergleichgewicht bei einer größeren Beschäftigung angesteuert. Ein Anstieg der Konsumnachfrage aufgrund eines gestiegenen Lohneinkommens stellt lediglich eine Bewegung entlang einer gleichbleibenden Konsumfunktion dar und führt zu keinem neuen, höheren Gleichgewicht auf den Gütermärkten. Wird langfristig jedoch nicht mehr produziert, kann auch nicht mit einer anhaltenden Beschäftigungssteigerung gerechnet werden.

 

 

6. Die Stagnationsthese Alvin Hansens

 

Wir hatten bereits darauf hingewiesen, dass die keynesianische Theorie in erster Linie davon ausging, Arbeitslosigkeit sei ein konjunkturelles und damit vorübergehendes Problem; Zeiten der Depression würden schließlich wieder von Zeiten des Aufschwungs abgelöst. Es gab jedoch im Rahmen der keynesianischen Bewegung auch Ansätze zu einer Theorie der säkularen Stagnation. Alvin Hansen, der Hauptvertreter dieser Richtung, war der Überzeugung, dass die Industriegesellschaften vor der Gefahr einer langfristigen Stagnation mit andauernder Arbeitslosigkeit stünden. Damit nahm Alvin Hansen Überlegungen auf, die bereits in der klassischen Lehre im Zusammenhang mit der These von der Unterkonsumtion verbreitet waren.

 

Im Gegensatz zur klassischen Theorie (Malthus), die jedoch die Stagnationstendenzen auf ein zu starkes Bevölkerungswachstum zurückführte, ging Alvin Hansen von der Vorstellung aus, dass die modernen Industriegesellschaften von einer Bevölkerungsstagnation geprägt seien. Auf der einen Seite sei durch Entwicklung der modernen Sozialversicherungs- und Versorgungssysteme der Zwang entfallen, der in der vorindustriellen Gesellschaft darin bestand, zur Absicherung im Alter möglichst viele Kinder in die Welt zu setzen. Auf der anderen Seite habe die Entwicklung von Verhütungsmitteln auch die Möglichkeit geschaffen, ohne Enthaltsamkeit weniger Kinder zu gebären.

 

Dieser Rückgang in der Geburtenrate habe nun zu einem drastischen Rückgang im Investitionsvolumen geführt. Solange die Geburtenrate hoch gewesen sei, sei der Bedarf an neuen Wohnungen und Arbeitsplätzen hoch gewesen, in beiden Fällen seien hohe Investitionen zur Sicherstellung dieser Nachfrage notwendig gewesen. Dieser Investitionsbedarf sei entfallen, als die Bevölkerung stagnierte und deshalb weder neue Wohnungen noch Arbeitsplätze geschaffen werden mussten. Die Nachfrage nach Investitionen sei somit gesunken, während gleichzeitig aufgrund des Produktivitätswachstums die Sparrate und das Sparvolumen angestiegen seien. Die Folge sei ein permanentes Überangebot auf den Kapitalmärkten, mit den in der Keynes‘schen Theorie beschriebenen Folgen für den Arbeitsmarkt. Der Staat könne dieser Tendenz nur durch ein permanentes Defizit im Staatsbudget gegensteuern.

 

Diese Theorie muss sich entgegenhalten lassen, dass die Bevölkerungsstagnation in den Industrienationen nicht zwangsläufig ist. Wie das Beispiel der USA zeigt, kann gerade in Volkswirtschaften mit einem sehr hohen Wohlstandsniveau wiederum mit einem Anstieg in der Wachstumsrate der Bevölkerung gerechnet werden. Das Beispiel Frankreich zeigt andererseits, dass über bevölkerungspolitische Maßnahmen ebenfalls eine Korrektur in der Bevölkerungsentwicklung eingeleitet werden kann. Es ist auch falsch zu meinen, dass lediglich die Schaffung zusätzlicher Wohnungen und zusätzlicher Arbeitsplätze ausreichenden Investitionsbedarf auslöst. Hoher und ausreichender Investitionsbedarf kann auch dadurch zustande kommen, dass die Qualität der Wohnungen und Arbeitsplätze verbessert wird. Vor allem im Zusammenhang mit Umweltproblemen dürfte in Zukunft ein enormer Investitionsbedarf ausgelöst werden.

 

Wenn wir uns nicht auf die Entwicklung innerhalb der älteren Industriegesellschaften beschränken, sondern uns nach der Bevölkerungsentwicklung der gesamten Welt fragen, so stehen wir heutzutage weniger vor dem Problem einer Bevölkerungsstagnation, sondern eines enormen Wachstums der Bevölkerung, das so stark ist, dass die Gefahr besteht, die Grenzen des Wachstums erreicht zu haben. Der Bestand an natürlichen Ressourcen reicht nicht mehr aus, um dieses Bevölkerungswachstum für längere Zeit zu alimentieren, immer weniger knappe Ressourcen werden an die zukünftigen Generationen übergeben, gleichzeitig hat die vergangene Energieversorgung über die fossilen Energierohstoffe (Kohle, Öl und Gas) zu einer gefährlichen, lebensbedrohenden Klimaveränderung geführt.

 

Dieses rasante Bevölkerungswachstum in den wirtschaftlichen Entwicklungs- und Schwellenländern gleicht zwar der Bevölkerungsentwicklung, welche die europäischen Industrienationen ebenfalls in ihrer Anfangsphase durchschritten haben. Genauso wie in den europäischen Industrienationen nach einer gewissen Zeit eine Bevölkerungsstagnation eingesetzt hat, könnte zwar vermutet werden, dass auch die heutigen Schwellenländer schließlich ein Stadium erreichen werden, in dem aufgrund des gestiegenen Wohlstandes auch in diesen Ländern die Bevölkerung stagniert. Es ist jedoch zu befürchten, dass ohne dramatische Änderungen in der Energieversorgung und der industriellen Produktionsweise die ‚Weltwirtschaft in ernste Schwierigkeiten gerät.