Startseite

 

Berühmte Irrtümer

 

 

 

Gliederung:

 

  1. Problemeinführung

  2. Golddeckung Voraussetzung für Geldwertstabilität?

  3. Vorteil des einen stets Nachteil des anderen?

  4. Nur Arbeit erzeugt Wert?

  5. Sättigungsthese

  6. Gibt es Deterministische Prozesse?

  7. Wachstum notwendig für Vollbeschäftigung?

  8. Kaufkrafttheorie

  9. Quotenregelung geeignet zur Vermeidung  von Diskriminierungen?

10. Volkswille nur beim Verhältniswahlrecht erfüllt?

 

 

 

Kapitel 3. Vorteil des einen stets Nachteil des anderen?

 

 

 

Gliederung:

 

1. Einführung

2. Präzisierung der Grundthese

3. Fünf mögliche alternative Verhaltensweisen

4. Die Rolle der Handelsbilanz bei der Rechtfertigung dieser These

5. Worin liegt der Vorteil einer positiven Handelsbilanz?

6. Protektionismus zur Erzielung einer positiven Handelsbilanz

7. Langfristige Wirkung einer Zollpolitik

8. Die Theorie der komparativen Kosten

 

 

 

1. Einführung

 

Wir wollen uns in diesem dritten Kapitel mit der Grundüberzeugung des Merkantilismus beschäftigen, dass es zur Erlangung eines wirtschaftlichen Vorteils notwendig sei, dass der eine Staat dem andern einen wirtschaftlichen Schaden zufügt. Nicht das friedliche Nebeneinander der einzelnen Nationen, sondern der gegenseitige Wirtschaftskrieg sei der Normalfall.

 

Der Begriff ‚Merkantilismus‘ entstammt ursprünglich dem Lateinischen und ist von dem Wort ‚mercari = handelstreibend‘ abgeleitet. Als wohl erster hatte Marquis de Mirabeau 1763 vom Merkantilismus gesprochen und damit die damals vorherrschende Wirtschaftslehre angesprochen. Auch Adam Smith hatte stets von dem Merkantilismus gesprochen, wenn er sich gegen diese Lehren wandte. Später wurde dieser Begriff ganz allgemein verwandt, um die damals vorherrschende Lehre zu bezeichnen; während zunächst nur die Kritiker dieser Lehre (Mirabeau und Smith) von Merkantilismus sprachen, wurde dieser Begriff später auch von den Anhängern dieser Lehre verwendet.

 

Merkantilismus bedeutet somit eine politische Einflussnahme des Staates auf den Handel und die Produktion im Allgemeinen und den Außenhandel im Besonderen. Heutzutage wird dieser Begriff weitgehend gleichgesetzt mit Interventionismus des Staates jeglicher Art, welcher die privaten Wirtschaftseinheiten, vor allem aber die Unternehmungen zu beeinflussen sucht.

 

Der Merkantilismus in der Ausprägung, in welcher Adam Smith ihn bekämpfte, war die wirtschaftspo­litische Lehre des Absolutismus. Der Absolutismus war das vorherrschende Staatssystem ab dem ausgehen­den 16. bis 18. Jahrhundert und vor allem in Frankreich, aber auch in etwas schwächerer Ausgestaltung in England und in mehreren deutschen Kleinstaaten verbreitet. Hierbei entstand der Absolutismus zunächst in Frankreich und erreichte seinen Höhepunkt unter dem Sonnenkönig Ludwig XIV. und unter dem König Ludwig XV. Die Art und Weise, wie Ludwig XIV. regierte und in Versailles Hof hielt, wurde bald zum Vorbild für die übrigen Herrscher in Europa, so vor allem auch für den sächsischen König August den Starken.

 

Der absolutistische König strebte die alleinige Herrschaft in seinem Herrschaftsgebiet an. Ludwig der XIV. soll einmal gesagt haben: ‚Der Staat, das bin ich‘  (L'État, c'est moi). Im Mittelalter und in der beginnenden Neuzeit hatte der jeweilige Herrscher seine Macht mit dem Adel und dem Klerus zu teilen, er wurde kontrolliert von den Ständeparlamenten, in denen Adel, Klerus und Bürger vertreten waren.

 

Die Stände­parlamente hatten hierbei vor allem das Recht der Steuerbewilligung. Sie konnten auf diesem Wege die Macht des Königs maßgebend beschneiden. Gleichzeitig war der König vor allem auch auf die Adligen angewiesen, da alle Tätigkeiten am Hof und auch im Krieg von den Adligen verrichtet wurden. Auf der einen Seite waren  zwar auf diese Weise die Adligen verpflichtet, für den König tätig zu werden und zwar dadurch, dass sie Söldner für die Kriegszüge der Könige stellten und andererseits am Hof die unterschiedlichsten Verrichtungen zu erledigen hatten, auf der anderen Seite hing jedoch der König auf diese Weise selbst wiederum von der Bereitschaft der Adligen zu kooperieren ab.

 

Diese Macht der Stände suchten nun die absolutistischen Herrscher zu brechen. Sie schufen hierfür ein stehendes Heer, sodass die Kriegsführung und ihr Erfolg nun nicht mehr davon abhing, wie viel streitfähige und ausgebildete Söldner von den Adligen bereitgestellt wurden. Gleichzeitig bauten sie ein Beamtentum auf, mit dessen Hilfe alle Aufgaben am Hofe erledigt werden konnten, der König war deshalb auch nicht mehr auf die Dienste der Adligen  am Hof angewiesen.

 

Auf diese Weise konnte der König seine knappen Ressourcen sehr viel effizienter als bisher einsetzen. Auf der einen Seite konnten für die einzelnen Aufgaben die jeweils am meisten befähigten Beamten eingesetzt werden. Die Tatsache, dass bestimmte Personen nun immer für dieselbe Aufgabe zur Verfügung standen, erhöhte auf der anderen Seite ihre Fähigkeiten um ein weiteres.

 

 

2. Präzisierung der Grundthese

 

Befassen wir uns etwas ausführlicher mit dieser These, der Vorteil des einen (Landes) gerät zum Nachteil des anderen (Landes). Man könnte zunächst diese Beziehung in moralischer Sicht deuten. Man ist danach berechtigt, nach dem eigenen Vorteil zu trachten, selbst dann, wenn dadurch der jeweils andere einen Nachteil erleidet. Dies mag nach christlicher Überzeugung als amoralisch und deshalb unerwünscht angesehen werden, da die christliche Moral dort eine Grenze für Eigennutzstreben zieht, wo ein anderer aufgrund der eigenen Handlungen Schaden nimmt.

 

Die merkantilistische Philosophie geht jedoch einen Schritt weiter und interpretiert die Aussage: ‚der Vorteil des einen ist der Nachteil des anderen‘ nicht nur in moralischer Sicht. Sie versteht in dieser Aussage eine explikative Aussage in dem Sinne, dass gar keine andere Beziehung zwischen zwei Partnern möglich ist. Immer dann, wenn eine Aktivität zum Vorteil des einen gereicht, erleidet ein anderer stets Nachteile. Entweder schade ich dem andern oder er schadet mir. Eine andere Alternative wird gar nicht gesehen. In dieser Welt gilt auch für die zwischenmenschlichen Beziehungen das Naturgesetz des ‚Fressens oder des Gefressenwerdens‘.

 

Natürlich kann nicht bestritten werden, dass in der Vergangenheit immer wieder Staaten den Versuch unternommen haben, sich auf Kosten anderer Länder zu bereichern und dass sie auch sehr oft in diesen Versuchen Erfolg gehabt haben. Es ist auch kaum damit zu rechnen, dass in naher Zukunft einmal die Staaten auf kriegerische Auseinandersetzungen vollkommen verzichten. Diese Grundhaltung findet sich übrigens auch bei den einzelnen Individuen, auch hier ist die Geschichte voll von Beispielen, wie einzelne Menschen durch Ermorden, Stehlen und Lügen, anderen Schaden zufügen und sich aus diesen Handlungen einen eigenen Vorteil versprechen.

 

In diesem Artikel soll es nicht um diese allgemeine Haltung der Menschen gehen, natürlich kann nicht geleugnet werden, dass wir ein solches Verhalten vorfinden und dass in der Tat der Schaden des einen oftmals einem andern Vorteile gebracht hat. Hier in diesem Artikel wollen wir uns auf die Frage beschränken, ob ein Staat wirtschaftliche Vorteile dadurch erlangen kann, dass er einer anderen Nation bewusst Schaden zufügt, es geht weder um die Frage, ob aus allgemeinen politischen Gründen kriegerische Handlungen ausgelöst werden noch ob auch die einzelnen Individuen nach dieser Maxime handeln.

 

 

3. Fünf mögliche alternative Verhaltensweisen

 

Um diese merkantilistische Grundüberzeugung etwas genauer zu analysieren, wollen wir von einer Matrix ausgehen, welche alle denkmöglichen Alternativen auflistet, die einem Staat im Verhältnis zu den anderen Staaten offenstehen. Wir können – wenn wir Vorteil und Nachteil zum Einteilungskriterium nehmen – zwischen fünf denkmöglichen Alternativen unterscheiden.

 

Alternative 1 und 2: Es wäre durchaus denkbar, dass bestimmte offenstehende Alternativen dem jeweils Handelnden gar keinen Vorteil bringen (Alternative 1), ja unter Umständen andelnden

sogar Schaden verursachen (Alternative 2). Es ist hierbei irrelevant, wie sich die Situation der Partner verändert: Diese kann unberührt bleiben, Vorteile, aber auch Schaden bringen. Es ist klar: Ein Politiker, welcher den Nutzen seiner Nation zu mehren versucht, wird solche Alternativen nicht ergreifen, auch wird niemand den Rat geben, solche Alternativen vorzunehmen.

 

Alternative 3: Es sind weiterhin Alternativen denkbar, welche dem jeweils Handelnden Vorteile bringen (vielleicht auch nur in Aussicht stellen), ohne dass aber die Lage der jeweils anderen berührt wird. Es wird wohl niemand geben, welcher von einer solchen Alternative abrät. Auch Politiker, welche durchaus die Interessen der anderen Staaten respektieren, werden diese Alternative im Allgemeinen als erwünscht gelten lassen.

 

Alternative 4: Wir betrachten nun die Alternativen, welche dem handelnden Staat genauso wie bei Alternative 3 Vorteile versprechen, gleichzeitig aber bei irgendwelchen Nachbarstaaten Schaden verursachen. Es ist klar. Hier scheiden sich die Geister: Während der Merkantilist ganz eindeutig eine solche Alternative für berechtigt und auch erwünscht ansieht, kommt eine christlich geprägte Moral zu einer Ablehnung. Natürlich wird auch hier nicht abgelehnt, dass es solche Alternativen gibt und dass ein Großteil der Staaten solche Alternativen für berechtigt ansieht.

 

Alternative 5: Es verbleiben schließlich diejenigen Alternativen, bei denen alle Beteiligten Vorteile erlangen. Es ist klar, dass in diesen Fällen von wohl allen Standpunkten aus solche Alternativen als in hohem Maße erwünscht gehalten werden.

 

Natürlich wäre auch eine weitere Alternative denkbar, bei der dem Vorteil des Handelnden unterschiedliche Wirkungen bei Dritten festzustellen sind: Einigen schadet die Handlung, andere erfahren ebenfalls Vorteile, eine dritte Gruppe bleibt hiervon unberührt. Wir können allerdings solche Möglichkeiten den bereits besprochenen Alternativen 3, 4 und 5 zuordnen. Eine Handlung umfasst in diesem Falle – im Hinblick auf die Wirkungen auf andere – mehrere Alternativen, stellt also einen Mix aus den übrigen Alternativen dar.

 

Der wesentliche Unterschied zwischen Merkantilisten und anderen Richtungen, wie z. B. dem Liberalismus besteht nun darin, dass sich der Merkantilismus von den anderen Lehrmeinungen nicht nur darin unterscheidet, wie die einzelnen Handlungsweisen moralisch beurteilt werden. Der Merkantilismus leugnet darüber hinaus im Gegensatz zu anderen Richtungen, dass es in der realen Welt überhaupt Alternativen gibt, welche nicht der Kategorie 4 zuzuordnen sind. Der Vorteil des einen ist (fast) immer mit einem Nachteil eines anderen verbunden. Dies bedeutet, dass nach merkantilistischer Sichtweise Kategorie 4 nahezu 100 Prozent der Alternativen enthält, während alle anderen Kategorien annähernd leer sind.

 

 

4. Die Rolle der Handelsbilanz bei der Rechtfertigung dieser These

 

Wir müssen uns nun fragen, aufgrund welcher Erkenntnisse denn der Merkantilismus zu dieser pessimistischen Sicht gelangt ist, widerspricht diese Überzeugung nicht unseren alltäglichen Erfahrungen? Stellen wir in unserem Leben nicht fest, dass zumindest ein Teil der möglichen Alternativen durchaus mehreren Menschen gleichzeitig nützt?

 

Die Antwort auf diese Frage finden wir in der Betrachtung der Handelsbilanz. Die Handelsbilanz eines Landes stellt alle Einnahmen und Ausgaben zusammen, welche aus dem Handel mit anderen Volkswirtschaften erwachsen. Auf der linken Seite der Bilanz tragen wir alle Einnahmen aus den Handelsbeziehungen mit anderen Ländern ein, auf der rechten Seite hingegen alle Ausgaben, welche aus den außenwirtschaftlichen Beziehungen erwachsen.

 

Anstelle der Handelsbilanz hätten wir auch die Leistungsbilanz oder sogar die Zahlungsbilanz wählen können. Die Leistungsbilanz geht von der Handelsbilanz aus und umfasst darüber hinaus die Erlöse und Ausgaben aus dem Transfer von Dienstleistungen und unentgeltlichen Leistungen. In der Zahlungsbilanz schließlich werden restlos alle Zahlungsströme aus den außenwirtschaftlichen Beziehungen in die Betrachtung einbezogen, also ausgehend von der Leistungsbilanz zusätzlich der kurz- und langfristige Kapitalverkehr einschließlich des Devisen­handels berücksichtigt. Dass der Merkantilismus in aller Regel von der Handels- und nicht von der Leistungsbilanz ausging, hing einfach damit zusammen, dass dem Leistungsverkehr im internationalen Handel noch keine größere Bedeutung zukam. Die Zahlungsbilanz schließlich eignet sich für unsere Betrachtungen weniger, einfach deshalb, weil eine Zahlungsbilanz ex definitione immer ausgeglichen ist.

 

Im Allgemeinen werden die Importe aus den Devisenerlösen bezahlt, welche aufgrund des Exportes von Waren erzielt werden. Wären die Wertsummen des Exportes und des Importes gleich groß, könnten alle Importe aus den Devisenerlösen im Zusammenhang mit den Exporten bezahlt werden.

 

Außenwirtschaftliche Transaktionen können aber auch immer mit Gold, also der offiziellen internationalen Währung der damaligen Zeit bezahlt werden. Zu diesem Schritt sehen sich die Importeure veranlasst, wenn die Devisenerlöse aus den Exporten nicht ausreichen, um alle beabsichtigten Importe zu bezahlen. Der Importeur kann prinzipiell seine Importe immer mit beiden Zahlungsformen begleichen. Ob er mit Devisen oder mit Gold bezahlt, hängt allein davon ab, ob Devisen oder Gold einen geringeren Preis erzielen. Immer dann, wenn weniger exportiert als importiert wird, steigen die Devisenkurse mit der Folge, dass ab einem bestimmten Preis der Ankauf von Gold billiger wird und es sich für den Importeur lohnt, mit Gold zu zahlen. Man nennt diesen Preis einer Devise deshalb auch Goldpunkt.

 

Der Importwertsumme entspricht in diesem Falle ex definitione die Summe aus Devisenerlösen plus der Bezahlung mit Gold, welche automatisch zu einem Gold-Export führen muss.

 

Umgekehrt gilt natürlich dass dann, wenn die Exportwertsumme die Importwertsumme übersteigt, für die Exporte nicht mehr ausschließlich Devisen vereinnahmt werden, sondern dass Exporte zum Teil zu Golderlösen und damit zu Gold-Importen führen. Auch hier gilt, dass im Falle eines Exportüberschusses die Summe aus Devisenerlösen und Goldimporten der Exportwertsumme entspricht. Beide Seiten der Zahlungsbilanz sind deshalb auch immer – in jedem Augenblick – ex definitione ausgeglichen, wenn neben den Erlösen aus dem Warentransfer auch der Goldtransfer in die Betrachtung einbezogen wird.

 

Betrachten wir nun zusätzlich die Handelsbilanz der Länder, welche mit uns Außenhandel betreiben. Ex definitione entspricht die Importwertsumme unserer Volkswirtschaft der Exportwertsumme aller unserer Handelspartner. Diese Beziehung ergibt sich einfach daraus, dass die gleiche Ware, die unser Land verlässt, die also exportiert wird, von einem unserer Handelspartner importiert wird, sodass also beide Wertsummen übereinstimmen müssen, beziehen sie sich doch auf ein und dieselben Kaufakte. Gleiches gilt natürlich mutatis mutandis auch für die Exportwertsumme unseres Landes. Auch diese entspricht aus den gleichen Gründen der Importwertsumme der ausländischen Volkswirtschaften, mit denen wir Außenhandel betreiben. 

 

 

 

 

Aus diesen Überlegungen folgt nun, dass ein Exportüberschuss des eigenen Landes immer begleitet wird von einem gleichgroßen Importüberschuss unserer Handelspartner. Wenn wir nun einen Export­überschuss anstreben, so ist dies gleichbedeutend damit, dass bei Erfolg dieser Anstrengungen automatisch das Ausland insgesamt gegenüber unserer Volkswirtschaft einen gleichgroßen Importüberschuss erzielen muss.

 

Im Allgemeinen sprechen wir von einer aktiven Handelsbilanz einer Volkswirtschaft, wenn diese einen Exportüberschuss aufweist, umgekehrt weist ein Land eine passive Handelsbilanz auf, wenn die Importwertsumme die Exportwertsumme übersteigt.

 

Wenn wir nun unterstellen, dass die Wohlfahrt einer Volkswirtschaft ceteris paribus steigt, je höher der Exportüberschuss ist und dementsprechend sinkt, je höher der Importüberschuss ist, können wir daraus automatisch den Kernsatz des Merkantilismus ableiten: Es ist erstrebenswert, eine aktive Handelsbilanz zu erzielen, dies bedeutet jedoch automatisch, dass das Ausland gegenüber unserer Volkswirtschaft eine passive Handelsbilanz erzielt, was entsprechendes dieser Vorstellungen einem Wohlfahrtsverlust im Ausland gleichkommt.

 

 

5. Worin liegt der Vorteil einer positiven Handelsbilanz?

 

Wir müssen nun nur noch abschließend klären, warum denn die Merkantilisten davon ausgingen, dass eine aktive Handelsbilanz in jedem Falle für eine Volkswirtschaft erwünscht ist. Widerspricht diese Vorstellung nicht dem Augenschein? Wenn wir mehr Importgüter vom Ausland erhalten als wir selbst ins Ausland exportieren, vermehren wir doch unseren Reichtum, je mehr Waren wir für eine Exporteinheit erhalten, umso besser geht es uns doch?

 

Diese Betrachtung wäre allerdings zu oberflächlich. Wenn uns das Ausland mehr Waren zur Verfügung stellt als wir im Austausch dafür dem Ausland Waren liefern, erhalten wir diesen Warenüberschuss ja nicht geschenkt, wir müssen ihn mit Gold bezahlen, verlieren also durch den Goldexport wiederum Wohlfahrt.

 

Die Antwort liegt natürlich darin, dass der absolutistische Herrscher seine Ziele nur dann erreichen kann, wenn die Volkswirtschaft blüht. Die Ziele des Absolutismus können nämlich, wie wir im nächsten Abschnitt zeigen werden, nur dann verwirklicht werden, wenn der Staat seine Einnahmen vergrößert, also höhere Steuern erheben kann und selbstverständlich steigt die Aussicht auf erhöhte Steuereinnahmen in dem Maße, in dem auch die gesamte Volkswirtschaft wächst. Nach Vorstellung der Merkantilisten hängt jedoch das Wachstum der Volkswirtschaft selbst wiederum davon ab, ob die Volkswirtschaft mit ausreichendem Geld versorgt wird.

 

Wir hatten zur Zeit des Absolutismus eine Goldwährung und Frankreich war ein Land, das damals über keine größeren eigenen Goldminen verfügte, sodass die Goldmenge vorwiegend nur aufgrund einer aktiven Handelsbilanz vergrößert werden konnte. Wir hatten uns bereits im vorhergehenden Kapitel mit diesen geldtheoretischen Lehren kritisch auseinandergesetzt. An dieser Stelle reicht es, aufgezeigt zu haben, weshalb nach merkantilistischer Sicht eine aktive Handelsbilanz für das Wohlergehen einer Volkswirtschaft unerlässlich ist und weshalb somit der Vorteil des einen Landes immer einhergeht mit dem Nachteil eines oder mehrerer anderer Länder.

 

Abschließend wollen wir festhalten, dass der Merkantilismus als eine Lehre angesehen werden muss, welche den Vorteil einer Nation als Ergebnis von Konflikten zwischen den Volkswirtschaften ansieht. Allerdings ist anzumerken, dass der Liberalismus dieser Vorstellung vehement widersprach und die Meinung verteidigte, dass ganz im Gegensatz hierzu harmonische Beziehungen zwischen den einzelnen Nationen bestehen, sofern man bereit ist, die merkantilistische Reglementierung des Außenhandels durch den Staat aufzugeben und Freihandel zuzulassen, der durch keinerlei Zölle und andere Maßnahmen behindert wird. Die Unterschiede zwischen beiden Weltbildern sind allerdings etwas komplizierter, als dass man das eine Weltbild (den Merkantilismus) nur als Konfliktmodell und das andere (der Liberalismus) nur als Harmonie-Modell charakterisieren kann.

 

 

6. Protektionismus zur Erzielung einer positiven Handelsbilanz

 

Der merkantilistische Staat versuchte nun dieses Ziel einer aktiven Handelsbilanz vorwiegend dadurch zu erreichen, dass er auf den Import ausländischer Waren einen Zoll erhob. Dieses Instrument zählt sicherlich zu den am meisten durchdachten Maßnahmenkomplexen des Merkantilismus. Dieses Instrumentarium dient hierbei zweierlei Zielsetzungen. Auf der einen Seite geht es darum, dem Staat zusätzliche, von den Ständeparlamenten nicht zu kontrollierende Einnahmen zu beschaffen. Auf der anderen Seite will der Staat auf diesem Wege aber auch für die inländischen Unternehmungen neue Absatzmärkte eröffnen. Hierbei gilt, dass die Importzölle dazu dienen, zu verhindern, dass die inländischen Unternehmungen im Inland ausländischer Konkurrenz ausgesetzt sind. Gleichzeitig erleichterte der Staat durch Gewährung von Exportprämien inländischen Unternehmungen den Zugang zu ausländischen Märkten und zwar dadurch, dass inländische Unterneh­mungen in der Lage waren, ihre Waren im Ausland auch unter Kosten zu verkaufen.

 

Hierbei werden Fertigprodukte anders behandelt als Rohstoffe. Während der Staat bestrebt war, den Warenimport über Erhebung von Importzöllen zu drosseln, ging es darum, zur gleichen Zeit den Export von Rohstoffen soweit wie möglich durch Exportzölle zu unterbinden. Frankreich zählte zu den Ländern, die nur in geringem Maße im Inland über Rohstoffe verfügten und die auch während der Zeit der Hochblüte des Merkantilismus noch nicht über ausreichend Kolonialstaaten in Afrika, Amerika oder Asien verfügt haben, aus denen dann die benötigten Rohstoffe bezogen werden konnten. Sie waren also darauf angewiesen, dass die wenigen zur Verfügung stehenden Rohstoffe den inländischen Unternehmungen vorbehalten blieben. Diese Politik wurde dadurch ergänzt, dass für den Import knapper Rohstoffe vom Staat Prämien gewährt wurden, genauso wie für den Export von Waren Prämien ausgezahlt wurden.

 

 

7. Langfristige Wirkung einer Zollpolitik

 

Fragen wir uns nun, inwieweit denn der merkantilistische Staat über seine Zollpolitik auch tatsächlich das Ziel erreichen konnte, die wirtschaftliche Wohlfahrt der eigenen Nation zu steigern. Diese Frage wurde vor allem im Rahmen der Diskussion um das Zolloptimum angesprochen, wobei es sich allerdings um eine Diskussion handelte, welche vorwiegend auf die Wissenschaft beschränkt blieb. Ausgangspunkt dieser Diskussion war die Feststellung, dass das Handelsgleichgewicht im Allgemeinen nicht bei dem Handelsvolumen und bei den Terms of Trade (Austauschverhältnissen) liegt, welche für das Inland ein Wohlfahrtsmaximum garantiert. Es konnte mit Hilfe der von Alfred Marshall entwickelten Tauschkurven gezeigt werden, dass bei Einführung von Importzöllen bis zu einer kritischen Grenze die Terms of trade und damit auch die Wohlfahrt für das Inland verbessert werden können, obwohl die4 Veränderung der Terms of trade das Handelsvolumen reduziert.

 

Trotz dieser Feststellung konnte im Rahmen der Weiterführung dieser Überlegungen gezeigt werden, dass auf lange Sicht gesehen die Länder, welche durch Einführung von Importzöllen ihre Wohlfahrt vergrößern wollen, auf lange Sicht sogar eine Einbuße ihrer Wohlfahrt hinnehmen müssen. Der Grund hierfür liegt darin, dass wohl kaum ein Staat es hinnehmen wird, dass seine Exportchancen durch Zölle anderer Nationen verringert werden. Im Allgemeinen werden die so bedrohten Staaten ihrerseits Importzölle auf die Importe jener Staaten einführen, welche diese protektionistische Politik begonnen haben. Es kommt also dann unweigerlich zu einem Zollkrieg.

 

Die Tatsache, dass nun auch die anderen Länder die Terms of trade zu ihren Gunsten zu beeinflussen suchen, führt dann dazu, dass sich die Terms of trade wiederum zu ihrem ursprünglichen Verhältnis zu entwickeln mit der Folge, dass die anfänglichen Vorteile des Staates, welcher diesen Zollkrieg begonnen hat, wiederum verloren gehen. Da aber jede Erhebung von Importzöllen letzten Endes das Handelsvolumen reduziert, tritt im Endeffekt sogar eine Verschlechterung auch bei der Nation auf, welche als erste die Importzölle einführte. Auf der einen Seite haben sich im Endergebnis die Terms of trade nicht zugunsten dieser Nation verbessert, auf der anderen Seite hat sowohl die Erhebung von Zöllen des eigenen wie der ausländischen Staaten zu einer Verminderung des Handelsvolumens und damit zu einer Reduzierung der internationalen Arbeitsteilung geführt. Da mit fast jeder Arbeitsteilung Produktivitätssteigerungen verbunden sind, wirkt sich die Reduzierung des Handelsvolumens negativ auf die Wohlfahrt aller am internationalen Handel beteiligten Nationen aus.

 

 

8. Die Theorie der komparativen Kosten

 

Die klassische Außenwirtschaftstheorie hat aber nicht nur aufgezeigt, dass eine protektionistische Außenhandelspolitik dem Staat, der diese Politik ergreift, langfristig selbst schadet, sie hat darüber hinaus auch gezeigt, dass und warum der Verzicht auf eine protektionistische Politik allen am Außenhandel beteiligten Nationen durch Gewährung von Freihandel Wohlfahrtsgewinne bereitet. Dieser Nachweis erfolgte vor allem in der von Davis Ricardo entwickelten Theorie der komparativen Kosten.

 

Die Grundthese der von David Ricardo entwickelten Theorie der komparativen Kosten besagt: Im Außen­handel bestimmen nicht die absoluten, sondern die komparativen Kosten über die Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft. Hierbei werden die komparativen Kosten als Kostenverhältnisse  (k1/k2) definiert. Die komparativen Kosten des Inlandes werden mit denen des Auslandes in Beziehung gesetzt, wobei das Inland dann in Gut x1 einen komparativen Vorteil aufweist, wenn folgende Beziehung gilt:

 

(k1/k2)I < (k1/k2)A

kn: Stückkosten    I: Inland   A:Ausland

 

Ein Land i hat danach genau dann im Hinblick auf Gut x1 einen komparativen Vorteil, wenn das Kostenverhältnis des Gutes x1 zu einem andern Gut x2 (k1/k22) im Inland geringer ausfällt als im Ausland.

 

Die Theorie der komparativen Kosten geht davon aus, dass jede Volkswirtschaft mindestens in einem Gut einen komparativen Kostenvorteil aufweist, und zwar auch dann, wenn die absoluten Kosten des Inlandes bei allen Gütern höher als im Ausland liegen. Die einzige Ausnahme von dieser Regel würde nur dann gelten, wenn die Kostenstrukturen aller Länder identisch wären.

 

Die Grundlage dieser Theorie in ihrer ursprünglichen Form liegt in der klassischen Arbeitswertlehre: Die relativen Preise sind langfristig nur vom Angebot, und zwar von den Durchschnittskosten bestimmt. Die Nachfrage hingegen beeinflusst nur kurzfristig die Preishöhe. Alle Kosten lassen sich im Rahmen der Arbeitswerttheorie auf einen homogenen Faktor Arbeit und damit auf eine bestimmte Anzahl von Arbeitsstunden zurückführen.

 

Die Rente ist Folge von Preissteigerungen, kann also nicht Ursache der langfristigen Preishöhe sein. Die Kapitalkosten (Zinskosten) erhöhen alle Preise proportional, scheiden also als Bestimmungsgrund der Preisverhältnisse aus. Voraussetzung für diese Aussage ist allerdings, dass die Nutzungsdauer bei allen Kapitalgütern gleich groß ist. Die Struktur der einzelnen Arbeitsqualitäten wird technisch bestimmt, sodass verschiedene Arbeitsstunden in eine Standardgröße umgerechnet werden können. Die Technik scheint also die Höhe der Durchschnittskosten eindeutig festzulegen, es besteht vor allem keine Abhängigkeit von der Ausbringungs­menge.

 

Ricardo versuchte nachzuweisen, dass eine Vergrößerung der Weltproduktion erzielt wird, wenn sich jedes Land auf die Güter spezialisiert, in denen es einen komparativen Kostenvorsprung aufweist.

 

frei1  

 

 

 

Die Tabelle vergleicht die Produktionsverhältnisse vor und nach der Spezialisierung durch den Außen­handel. Das Inland hat einen komparativen Vorteil in Gut x1 und wird sich deshalb nach Aufnahme des Außenhandels auf dieses Gut spezialisieren, während das Ausland komparative Vorteile in Gut x2 besitzt und es wird sich deshalb auf dieses Gut spezialisieren. Wie die Tabelle zeigt, werden nach der Speziali­sierung sowohl von Gut x1 wie von Gut x2 mehr Güter produziert.

 

Vor der Spezialisierung hat das Inland von Gut x1 10 Einheiten zu Kosten von 4 Arbeitsstunden pro Einheit produziert, sodass für die Produktion von Gut x1 insgesamt 40 Kosteneinheiten aufgewandt wurden. Von Gut x2 hingegen hat das Inland 12 Einheiten zu Kosten von 5 Arbeitsstunden produziert, es wurden also für Gut x2 60 Kosteneinheiten aufgebracht. Zur Verfügung für beide Güter standen also insgesamt 100 Kosteneinheiten.

 

Nach der Spezialisierung werden im Inland alle 100 Kosteneinheiten für die Produktion x1 eingesetzt, da in diesem Gut der komparative Vorteil des Inlandes liegt. Also können insgesamt 100/4 = 25 Einheiten produziert werden.

 

Für das Ausland wird nun unterstellt, dass bei beiden Produkten absolut geringere Kosten entstehen, bei der Produktion des Gutes x1 3 Kosteneinheiten, bei der Produktion des Gutes x2 sogar nur 1 Kosteneinheit. Bisher produzierte das Ausland von Gut x1 10 und von Gut x2  12 Einheiten. Da das Ausland bei Gut x2 seinen komparativen Vorteil hat, spezialisiert es sich nun auf dieses Gut und kann mit seinen 42 Kosteneinheiten auch 42 * 1 = 42 Mengeneinheiten produzieren.

 

Für beide Länder zusammen werden also nun von Gut x1 25 und von Gut x2  42 Mengeneinheiten produziert. Bisher wurden von Gut x1 nur 20 und von Gut x2 24 Einheiten erstellt. Folglich können nach der Spezialisierung von beiden Gütern mehr Einheiten produziert werden.

 

Es besteht hier eine Tendenz zur vollständigen Spezialisierung, da sich die Kosten und damit auch die Kostenverhältnisse nach Aufnahme des Außenhandels nicht verändern. Wenn wir den  Spezialisierungs­prozess schrittweise verfolgen, so gilt bei jedem durchgeführten Umfang der Spezialisierung, dass beide Länder jeweils in einem Gut einen eindeutigen Kostenvorteil besitzen und dass deshalb eine Ausweitung der Spezialisierung solange vorteilhaft bleibt, bis schließlich eine vollständige Spezialisierung erreicht ist.

 

Es wird auch keine Aussage darüber gemacht, wie sich der Außenhandelsgewinn auf die beiden Länder verteilt. Der neue Gleichgewichtspreis liegt – je nach Machtverhältnissen – zwischen den bisherigen komparativen Kosten beider Länder.

 

Wie kommt es nun zu dieser Spezialisierung? Zunächst exportiert das Land mit den absolut niedrigeren Kosten (in unserem Beispiel das Ausland [rot]) beide Güter. Dieses Land erzielt deshalb zunächst einen positiven Leistungsbilanzsaldo. Das Inland zahlt seine Importe mit Gold, es fließt also Gold ins Ausland, während das Inland Gold verliert. Entsprechend der Praxis der Notenbanken wird im Inland die Geldmenge reduziert, es kommt zu allgemeinen Preissenkungen, während im Ausland die umlaufende Geldmenge ansteigt und mit ihr das allgemeine Preisniveau. Die Preisverhältnisse nähern sich einander an. Schließlich ist das Exportland (in unserem Beispiel das Ausland) nur noch in dem Gut absolut billiger, das auch die geringeren komparativen Kosten aufweist. Das Inland bietet somit das Gut mit den komparativen Kostenvorteilen (x1) auch zu einem absolut geringeren Preis an, es kommt zum Austausch beider Güter und der Saldo der Devisenbilanzen kann sich wiederum verringern.

 

 

 

Diese Schlussfolgerungen gelten analog in Systemen freier Wechselkurse; hier führt nicht der Export oder Import von Gold, sondern Auf- bzw. Abwertungen der Devisenkurse schließlich zu dem aufgezeigten Ergebnis.

 

Auch dann, wenn die ursprüngliche Theorie der komparativen Kosten von vereinfachten und nicht immer realistischen Annahmen ausging, hat die Weiterentwicklung dieser Theorie von Gustav Haberler und J. Meade gezeigt, dass die Grundaussagen der Theorie der komparativen Kosten auch in einer weiterentwickelten Theorie aufrechterhalten werden konnten. Auch dann, wenn wir die Arbeitswertlehre der klassischen Theorie aufgeben und berücksichtigen, dass sich die Stückkosten mit der der Veränderung der Ausbringungsmenge selbst verändern, bleibt die Aussage bestehen, dass ein nicht durch protektionistische Politik behinderter Außenhandel in aller Regel allen am Außenhandel beteiligten Nationen Wohlfahrtsgewinne bringt und dass somit die merkantilistische These, wonach ein Land nur dadurch einen Vorteil erlangen kann, in dem er dem Ausland Schaden zufügt, eindeutig falsch ist.