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Berühmte Irrtümer

 

 

 

Gliederung:

 

  1. Problemeinführung

  2. Golddeckung Voraussetzung für Geldwertstabilität?

  3. Vorteil des einen stets Nachteil des anderen (Merkantilismus)

  4. Nur Arbeit erzeugt Wert?

  5. Sättigungsthese

  6. Gibt es Deterministische Prozesse?

  7. Wachstum notwendig für Vollbeschäftigung?

  8. Kaufkrafttheorie

  9. Quotenregelung geeignet zur Vermeidung  von Diskriminierungen?

10. Volkswille nur beim Verhältniswahlrecht erfüllt?

11. Budgetdefizit automatisch Belastung der zukünftigen Generation?

12. Gewinnsteuern nicht überwälzbar?

 

 

 

Kapitel 1. Problemeinführung

 

Gliederung:

 

1. Einführung

2. Lehrgeschichte als Geschichte von Irrtümern

3. Aussagen über die Wirklichkeit versus Betrachtungsweisen

4. Theorien versus Denkmodelle

5. Verschiedene Aussagenarten

6. Probleme bei metaphysischen Aussagen

7. Singuläre Aussagen

8. generelle Aussagen

9. Die Forderung nach Allgemeingültigkeit

                10. Menschliche Freiheit und Allgemeingültigkeit

 

 

 

1. Einführung

 

Die folgende Vorlesung soll sich mit berühmten Irrtümern von Wissenschaftlern befassen. ‚Irren ist menschlich‘ heißt es im Volksmund und dies gilt sicherlich auch für die Wissenschaftler. Ganz generell müssen wir davon ausgehen, dass sowohl Menschen wie auch insbesondere die menschlichen Handlungen unvollkommen sind, dies gilt in jeder Hinsicht, sowohl im Hinblick auf die menschlichen Fähigkeiten wie auch auf ihr moralisches Verhalten, weiterhin für alle wichtigen Gesellschaftssysteme, für die Technik, Wirtschaft, Politik, ja sogar für die kulturellen Systeme, zu denen auch die Wissenschaften zählen.

 

Hier in dieser Vorlesung möchte ich mich auf den Bereich der Wissenschaft beschränken. Auch hier müssen wir davon ausgehen, dass im Verlaufe der Geschichte immer wieder Theorien entwickelt wurden, welche sich im Nachhinein als Irrtum erwiesen haben. Bei einem näheren Eingehen auf die Bedeutung dieser Irrtümer stellt man allerdings fest, dass sich diese Unvollkommenheit der Wissenschaftler in allererster Linie auf die einzelnen Wissenschaftler selbst bezieht und weniger auf das gesamte wissenschaftliche System. Die Aussage, dass im Verlaufe der Geschichte der wissenschaftlichen Lehrmeinungen immer wieder Aussagen formuliert wurden, welche sich im Nachhinein als falsch erwiesen haben, gilt also zunächst für den Wissenschaftler, welcher als erster als eine Art Pionier eine Hypothese über ein irdisches Geschehen formuliert hat.

 

In der Tat weist der einzelne Wissenschaftler alle Merkmale der menschlichen Unfähigkeiten auf. Er kann sich in der Formulierung einer These einfach täuschen, er ist in diesem Falle zwar der festen
Überzeugung, auf einen neuen Zusammenhang hingewiesen zu haben, trotzdem kann sich diese Aussage im Nachhinein als falsch erweisen, einfach deshalb, weil bei der Formulierung dieser These bestimmte Variablen nicht erkannt wurden, vielleicht sogar gar nicht erkannt werden konnten, welche Einfluss auf den ausgesprochenen Zusammenhang nehmen.

 

Wissenschaftliche Aussagen haben im Allgemeinen folgende Form: Immer dann, wenn die Variable x gegeben ist, dann ist auch mit dem Auftreten der Variablen y zu rechnen. Allerdings muss nahezu immer auch davon ausgegangen werden, dass die Variable x nur dann auch das Ereignis y auslöst, wenn eine Reihe weiterer Variablen ebenfalls gegeben, bisweilen aber auch andere Variablen gerade nicht gegeben sind. Da unser Wissen über die Wirklichkeit immer unvollkommen ist, können wir auch nie vollkommen sicher sein, ob wir bereits alle maßgeblichen Nebenbedingungen kennen und ob deshalb wirklich in allen Fällen die Aussage wahr ist.

 

Darüber hinaus muss weiterhin damit gerechnet werden, dass individuelle Faktoren, wie Herkunft, Neigung oder Betrachtungsweise sehr wohl die Sicht des einzelnen Wissenschaftlers beeinträchtigen können, sodass schon aus diesen individuellen Unvollkommenheiten heraus bestimmte Aussagen einzelner Wissenschaftler unwahr sein können.

 

Wenn trotz dieser Feststellung die Wissenschaften im Verlauf ihrer Geschichte in ihrem Bemühen um Erkenntnis der Wirklichkeit einen enormen Fortschritt erzielt haben, also sich sehr viele Aussagen der Wissenschaft als wahr erwiesen haben, liegt dies darin, dass Wissenschaft ein System darstellt, in dem arbeitsteilig vorgegangen wird und die Ergebnisse vor allem dadurch erzielt werden können, dass zur Formulierung einer Theorie stets eine Vielzahl von Wissenschaftlern beteiligt waren.

 

Eine Theorie beginnt im Allgemeinen damit, dass (vielleicht rein zufällig) Beobachtungen gemacht werden und dass hierbei gewisse Gesetzmäßigkeiten beobachtet werden, eben in dem Sinne, dass ein bestimmtes Ereignis x ein anderes Ereignis y zur Folge hat. Aus diesen Beobachtungen heraus wird dann eine Hypothese formuliert. Und dies heißt: Es hat danach den Anschein, dass dieser Wirkungszusammenhang besteht. In diesem Stadium ist jedoch noch keine neue Theorie geboren worden, es bedarf zahlreicher Untersuchungen, um diese Hypothese zu bestätigen oder auch abzulehnen. Erst dann, wenn mehrere empirische Untersuchungen, die unter Einhaltung ganz bestimmter Kriterien erstellt wurden, zu dem Ergebnis kommen, dass es nicht gelungen ist, diese Hypothese zu widerlegen, spricht man davon, dass diese Aussage vorläufig als bestätigt, als eine Art Theorie angesehen werden kann; nur vorläufig deshalb, weil wir uns ja niemals sicher sein können, ob in den Experimenten wirklich alle für einen Wirkungszusammenhang relevanten Faktoren berücksichtigt wurden.

 

Es muss also stets damit gerechnet werden, dass die eine oder andere Theorie trotz vorausgehender korrekt durchgeführter empirischer Untersuchungen, nicht wahr ist. Während wir allerdings davon ausgehen können, dass individuelle Unvollkommenheiten bei der Aufstellung einer Hypothese dazu beitragen können, dass die eine oder andere Hypothese in einem ersten Schritt falsch formuliert wird, muss man im Zusammenhang mit der empirischen Überprüfung davon sprechen, dass menschliche Schwächen eher dazu beitragen, die Unwahrheit einer Aussage zu erkennen. Gerade der Umstand, dass z. B. ein Forscher B dem Forscher A den Erfolg neidet, kann dazu beitragen, dass sich B darum bemüht, die von A formulierte Hypothese durch eine empirische Überprüfung zu widerlegen. Und je intensiver er diese Widerlegung betreibt, um so eher kann dann, wenn eine empirische Widerlegung nicht gelungen ist, festgestellt werden, dass die von A formulierte Hypothese vermutlich tatsächlich der Wahrheit entspricht.

 

Irrtümer hat es in der Geschichte der Lehrmeinungen in allen Bereichen der Wissenschaft gegeben. Auch die exakten Naturwissenschaften waren von diesen Mängeln nicht verschont. So wurde z. B. im Altertum von einem Teil der Wissenschaftler und Philosophen von einem geozentrischen Weltbild ausgegangen, also von der Überzeugung, dass sich die Sonne um die Erde dreht, während wir heute seit Kopernikus davon ausgehen, dass sich die Erde wie die weiteren Sonnenplaneten um die Sonne dreht. Wir wollen uns allerdings in dieser Vorlesung bewusst auf wissenschaftliche Aussagen beschränken, die innerhalb der Geisteswissenschaften (also den Wissenschaften vom Menschen) formuliert wurden und hier wiederum vor allem, aber nicht allein wirtschaftswissenschaftliche Theorien im engeren Sinne kritisch untersuchen.

 

 

2. Lehrgeschichte als Geschichte von Irrtümern

 

In meiner Vorlesung zur wirtschaftswissenschaftlichen Lehrgeschichte erwähnte ich eingangs, dass eine Lehrgeschichte nach unterschiedlichen Kriterien aufgebaut sein kann. Ich hatte mich dort dafür entschieden, jeweils die Grundaussagen wissenschaftlicher Schulen in den Mittelpunkt dieser Vorlesung zu stellen. Ein weiterer möglicher Blickwinkel, unter dem man die Lehrgeschichte hinterfragen kann, besteht jedoch darin, dass man die Denkfehler berühmter Ökonomen auflistet. Diese Lehrgeschichte steht dann unter dem Motto: Niemand ist vollkommen, auch sehr berühmten und anerkannten Forschern sind schon gravierende Fehler unterlaufen.

 

So hat vor allem Ernst Wagemann im Jahre 1951 eine Schrift mit dem Titel ‚Berühmte Denkfehler der Nationalökonomie‘ veröffentlicht und einige wichtige Fehlentwicklungen in der Nationalökonomie gesammelt. So verrät das Inhaltsverzeichnis in welchen theoretischen Arbeiten der Verfasser eine Fehlentwicklung brandmarkt.  

 

So erfahren wir unter anderem etwas über "Alte und neue Perspektive in der Wert- und Geldlehre (das Sündenregister des individualistischen Denkens)", über "Gedankliche und wirkliche Ordnung (das Sündenregister des monistischen Denkens)", "Über den Geltungsbereich absolutistischer Lehrmeinungen (das Sündenregister des absolutistischen Denkens)" und schließlich über "Quantitative Analyse (das Sündenregister des maßvergessenen Denkens)".

        

Eine solche Betrachtungsweise mag zwar durchaus einige positive Nebeneffekte aufweisen, in dem sie verdeutlichen, dass Fehler allen unterlaufen können. Und wenn dies sogar für die Größen und für „wissenschaftliche Päpste“ festgestellt werden muss, dürfte das Unterlaufen einiger Fehler bei weniger bekannten Forschern nicht bereits ein Todesurteil für die wissenschaftliche Laufbahn von Neulingen bedeuten.

 

Trotzdem trägt es eher zur Verwirrung als zum Verständnis der Entwicklung der ökonomischen Theorie bei, wenn man das Studium der Lehrgeschichte damit beginnen wollte, dass man sich zunächst einmal über die den Forschern unterlaufenen Fehler unterrichtet. Viel besser ist es, wenn man sich zunächst mit dem eigentlichen Lehrgebäude der einzelnen Richtungen befasst, um dann später zur Vertiefung auch etwas über die einzelnen Fehler im Verlaufe der Lehrgeschichte zu erfahren. Aus diesen Gründen habe ich mich in meiner Lehrgeschichte eben gerade nicht anhand der tatsächlich formulierten Irrtümer orientiert. Dies bedeutet allerdings nicht, dass es trotzdem reizvoll sein kann, sich in einem zweiten Schritt, nachdem in einem ersten Schritt die einzelnen wissenschaftlichen Denkrichtungen in ihren Grundzügen vorgestellt wurden, mit einzelnen Irrtümern kritisch auseinanderzusetzen.

 

 

3. Aussagen über die Wirklichkeit versus Betrachtungsweisen

 

Auch hier werde ich nicht den Fußstapfen Wagemanns folgen, der sich ja mit einzelnen Denkrichtungen der Wirtschaftstheorie kritisch auseinandergesetzt hat und offensichtlich bestimmte Betrachtungsweisen als Denkfehler gebrandmarkt hat. Betrachtungsweisen können jedoch nie und nimmer als wahr oder unwahr eingestuft werden. Betrachtungsweisen sind Methoden, die wir anwenden, um die Wahrheit bestimmter Wirkungszusammenhänge zu überprüfen, sie bestehen aber selbst gerade nicht aus Aussagen über die Wirklichkeit.

 

Betrachtungsweisen können geeignet oder auch weniger geeignet sein, die Wahrheit bestimmter Aussagen zu erkennen, sie können jedoch nicht selbst wahr oder unwahr sein. Auch sollte man sich darüber klar sein, dass Betrachtungsweisen recht unterschiedlichen Zielen dienen können und dass deshalb auch die Frage der Geeignetheit immer nur im Hinblick auf ein bestimmtes Ziel beurteilt werden kann, es gibt keine generelle Geeignetheit oder Ungeeignetheit einer bestimmten Betrachtungsweise.

 

Nehmen wird das Beispiel einer rosarot gefärbten Brille. Natürlich ist diese Brille nicht geeignet, Farben zu erkennen, alle Gegenstände, welche mit einer solchen Brille betrachtet werden, erscheinen dem Betrachter als rosarot, unabhängig davon, welche Farbe diese Gegenstände tatsächlich ausstrahlen. Aber es ist durchaus denkbar, dass diese Brille bestimmte andere Strukturen des betrachtenden Gegenstandes erkennen lässt, ja unter Umständen kann gerade der Umstand, dass die unterschiedlichen Farben nicht erkannt werden, dass also das Hauptaugenmerk gerade nicht darauf gerichtet ist, Farben zu erkennen, dazu beitragen, dass man sich um so besser auf die anderen Merkmale konzentrieren kann und diese deshalb auch schärfer erkennt. Auch braucht ja der Zweck der Brille nicht darin bestehen, neue Eigenschaften des betrachteten Gegenstandes zu erkennen, so gibt es z. B. Brillen, die dem Betrachter einfach das Vergnügen bereiten sollen, bestimmte Gegenstände der Natur, wie z. B. Wiesen, um so strahlender und in einem gesättigten Grün erscheinen zu lassen, das mit dieser Brille das Grün saftiger erscheinen lässt als es in Wirklichkeit ist.

 

 

4. Theorien versus Denkmodelle

 

Es soll also in dieser Vorlesung um die Wahrheit wissenschaftlicher Aussagen und nicht um die Geeignetheit bestimmter Betrachtungsweisen gehen. Allerdings kann zugegeben werden, dass in der Wissenschaft bisweilen Denkmodelle entwickelt wurden, welche fälschlicher Weise als Aussagen über die Wirklichkeit ausgegeben wurden. So erwuchs ein Streit über die Methode innerhalb der Wirtschaftslehre aus dem recht unterschiedlichen Gebrauch des Wortes ‚Theorie’. Einige Wissenschaftler verstehen den Begriff: Theorie im Sinne eines Denkwerkzeuges. Ein Denkwerkzeug ermöglicht zwar, die soziale Wirklichkeit in den Griff zu bekommen, es darf jedoch mit der eigentlichen Kenntnis von Faktenzusammenhängen nicht verwechselt werden.

 

Die Theorie im Sinne eines Denkmodells ist eine Methode, unser Wissen zu erweitern, sie ist aber nicht dieses Wissen selbst. Eine solche Theorie beschränkt sich darauf, bereits bekannte Fakten zu ordnen und aus vorgegebenen Annahmen weitere Schlussfolgerungen zu ziehen. Das Auffinden neuer Faktenzusammenhänge ist nach diesem Verständnis Sache der Soziologen, nicht des Wirtschaftstheoretikers. Die Wirtschaftstheorie könne die Gültigkeit der Annahmen nicht selbst überprüfen. Wenn man von logischen Denkfehlern absieht, kann eine solche Theorie überhaupt nicht falsch oder richtig, sondern allenfalls aktuell und zweckmäßig sein.

 

Diese weitverbreiteten Thesen der neoklassischen Theorie wurden um die Mitte des letzten Jahrhunderts von den Neopositivisten angegriffen. So meinte Hans Albert, dass die Wirtschaftstheorie zu einem Modellplatonismus entartet sei. Von einer echten Theorie könne man nur dann sprechen, wenn sich ihre Aussagen auf Tatsachenzusammenhänge bezögen, die bereits an der Wirklichkeit überprüft seien oder sich zumindest überprüfen ließen. Die neoklassische Theorie gebe hingegen Lehrsätze, die lediglich aus hypothetisch unterstellten Annahmen logisch abgeleitet seien und noch der empirischen Überprüfung bedürften, bereits als erwiesene Wahrheiten aus.

 

Weiterhin arbeite die Neoklassik mit Annahmen, die aufgrund vergangener empirischer Untersuchungen bereits widerlegt seien. Schließlich sei die Neoklassik in dem Versuch, klassische Positionen zu verteidigen, mehr und mehr in Tautologien geflüchtet, die zwar logisch zwingend immer richtig, aber gerade deshalb zu einer empirisch gehaltlosen Leerformel erstarrt seien.

 

 

5. Verschiedene Aussagenarten

 

Befassen wir uns also im Weiteren mit den Aussagen über die Wirklichkeit und nicht mit den Methoden, mit deren Hilfe diese Aussagen gewonnen wurden. Hierbei lassen sich recht unterschiedliche Arten von Aussagen unterscheiden und wir werden sehen, dass die Möglichkeiten und Grenzen wissenschaftlicher Erkenntnisse bei den einzelnen Aussagearten unterschiedlich sind und dass deshalb auch die Frage, ob eine wahre oder unwahre Aussage getroffen wurde, auf unterschiedliche Weise überprüft werden muss. Beginnen wir mit einem systematischen Überblick über die Vielzahl möglicher Aussagearten. Folgende Graphik zeigt den Zusammenhang der einzelnen möglichen Aussagearten:

 

 

 

Zunächst untergliedern wir die möglichen Aussagen in normative und explikative Aussagen. Normative Sätze sagen etwas aus, was erwünscht ist, sie stellen eine Bewertung dar. Explikative Sätze beziehen sich demgegenüber auf erklärende Aussagen, sie zeigen auf, was ist und nicht, was sein soll.

 

Die explikativen Aussagen lassen sich weiterhin in logische und faktische Aussagen untergliedern. Logische Aussagen ergeben sich aus rein verstandesmäßig abgeleiteten Zusammenhängen, während sich die faktischen Aussagen auf tatsächliche (oder vermutete) Ursachen und Wirkungen beziehen.

 

Die faktischen Aussagen können sich weiterhin auf metaphysische oder auf empirische Zusammenhänge beziehen. Von empirischen Aussagen sprechen wir immer dann, wenn diese Sätze aus der Beobachtung abgeleitet wurden, während alle Hypothesen, welche sich der Beobachtung entziehen, als metaphysisch eingestuft werden müssen. So kann ich z. B. möglicherweise beobachten, dass ein bestimmter Mensch an einem bestimmten Tag und Ort gestorben ist. Ob aber der Tote in irgendeiner geistigen Form als Seele weiter existiert, entzieht sich menschlicher Beobachtung und alle Aussagen auf derartige Geschehnisse sind somit metaphysischer Natur.

 

Die empirischen wie auch die metaphysischen Aussagen lassen sich weiterhin in singuläre und generelle Aussagen untergliedern. Aussagen, welche sich auf singuläre Ereignisse beziehen, sind dadurch ausgezeichnet, dass sie in einer ganz bestimmten Zeit und an einem bestimmten Ort auftreten und sich auf ein einzelnes Objekt oder einen Ausschnitt der Wirklichkeit beschränken. Generelle Aussagen beziehen sich hingegen auf alle Objekte einer bestimmten Klasse unabhängig von Zeit und Raum.

 

Betrachten wir zunächst die Bedeutung normativer Aussagen. Schon Jeremy Bentham hatte erkannt, dass es nicht möglich ist, aus Sachaussagen allein normative Aussagen abzuleiten. Um von Sachaussagen zu bewertenden Aussagen zu gelangen, bedarf es stets mindestens einer normativen Prämisse.

 

Es war dann vor allem Max Weber, der darauf hinwies, dass der Wissenschaftler sich der Werturteile enthalten sollte, da die letzten Grundwerte wissenschaftlich weder nachgewiesen noch widerlegt werden könnten. Aus diesem Postulat wurden dann unterschiedliche Folgerungen abgeleitet. Hans Albert interpretierte die Forderung Max Webers so, dass der Wissenschaftler sich auf die Analyse des Möglichen zu beschränken habe. Er habe aufzuzeigen, welche Lösungsmöglichkeiten für die politischen Probleme gegeben sind, nicht aber für eine dieser Möglichkeiten zu werben.

 

Demgegenüber hatte Gerhard Weisser, der Lehrer Hans Alberts, die Ansicht vertreten, dass der Wissenschaftler sehr wohl politische Empfehlungen aussprechen könne und solle, er sollte jedoch stets seine politischen Empfehlungen damit beginnen, dass er die Wertprämissen offenlegt, die seinen Ausführungen zugrunde liegen. Gerade der Wissenschaftler sei aufgerufen, wirtschaftspolitische Ziele zu formulieren, da er viel besser als wirtschaftswissenschaftliche Laien die Korrektheit der einzelnen politischen Pläne erkennen könne.

 

Die moderne Wohlfahrtstheorie ging hingegen in der Frage der Bewertung wirtschaftlicher Zusammenhänge einen dritten Weg: In einem ersten Schritt wird hier nach den Grundwerten gefragt, die von allen oder zumindest von der Mehrheit der Menschen akzeptiert werden. In einem zweiten Schritt werden dann aus diesen Grundprämissen zusammen mit weiteren Sachaussagen normative Schlussfolgerungen gezogen.

 

Max Weber selbst hatte sehr wohl zu unterschiedlichen Zeiten zu politischen Tagesfragen bewertend Stellung genommen. Er hat damit zum Ausdruck gebracht, dass das von ihm postulierte Prinzip der Werturteilsfreiheit keinesfalls verlange, der Wissenschaftler solle sich jedes Werturteils enthalten. Wichtig ist für Max Weber lediglich die Forderung, dass im Zusammenhang mit Äußerungen eines Wissenschaftlers stets klar sein müsse, ob der Wissenschaftler über Sachzusammenhänge berichte oder diese einer politischen Bewertung unterziehe. Für die Frage, ob eine Aussage über die Wirklichkeit der Wahrheit entspreche, sei der Wissenschaftler Sachverständiger und sein wissenschaftliches Urteil besitzt somit im Allgemeinen einen größeren Wahrheitsanspruch als Aussagen nicht vorgebildeter Laien. Wenn sich jedoch ein Wissenschaftler für eine politische Maßnahme oder einen politischen Zustand bewertend ausspricht, äußert er sich als freier Bürger, dessen Aussage auch keinen höheren Wahrheitsanspruch verdient als die politische Bewertung eines jeden anderen Bürgers.

 

Als nächstes unterscheiden wir also zwischen logischen und faktischen Aussagen. Der Verstand ist in der Lage, logische Widersprüche zu erkennen. Zwar müssen wir mit der Möglichkeit rechnen, dass uns im alltäglichen Leben immer wieder logische Widersprüche unterlaufen und sie als solche zunächst gar nicht erkennen. Wenn wir jedoch mit wissenschaftlicher Akribie daran gehen, zwei Aussagen auf ihre Widerspruchsfreiheit hin zu untersuchen, gelingt das Aufdecken eines logischen Widerspruches eigentlich fast immer.

 

Bringen wir ein Beispiel. Wir teilen die Einkommensempfänger in zwei Klassen ein: in die Klasse der Lohnempfänger und in die restliche Klasse der Gewinnempfänger. Wer also nicht der Klasse der Lohnempfänger angehört, werde ex definitione zu der Gruppe der Gewinnempfänger gezählt. Wenn ich nun davon ausgehe, dass der Anteil der Lohnempfänger (die Lohnquote) am Gesamteinkommen beider Klassen ansteigt, so muss notwendiger Weise der Anteil der Gewinnempfänger (die Gewinnquote) um denselben Betrag, um den die Lohnquote ansteigt, zurückgehen. Also die Aussage: ‚die Lohnquote steigt‘ steht in einem logischen Widerspruch zu der Aussage, dass zur gleichen Zeit die Gewinnquote ansteigt oder auch nur konstant bleibt.

 

Diese Schlussfolgerung stellt allerdings gar keinen echten Erkenntnisgewinn über die Realität dieser Welt dar. Der nachgewiesene Widerspruch bezieht sich ja allein auf das System unserer Begriffe, die wir Menschen gebildet haben. Wir haben in unserem Beispiel die Begriffe der Lohn- und Gewinnquote so definiert, dass allein schon aus Gründen der Definition die Gewinnquote nicht steigen kann, wenn die Lohnquote zunimmt.

 

Natürlich bedeutet diese Erkenntnis nicht etwa, dass Definitionen im Zusammenhang mit dem Erkenntnisprozess etwas Überflüssiges darstellen. Wir sind auf unseren Begriffsapparat angewiesen, ohne den wir auch keine Erkenntnis über faktische Zusammenhänge gewinnen könnten. Nur dadurch, dass wir zunächst widerspruchsfreie Begriffe gebildet haben, sind wir überhaupt in der Lage, eindeutige Aussagen über die realen Beziehungen in dieser Welt zu treffen, die auch andere Personen überprüfen können.

 

Vor allem wären wir ohne eindeutige und für alle Menschen gleichbedeutende Begriffe gar nicht befähigt, unsere Beobachtungen anderen Menschen mitzuteilen, jeder einzelne wäre im Wissensprozess auf sich allein gestellt und könnte nicht auf die Summe der bisher von anderen gewonnenen Erkenntnisse zurückgreifen. Wissenschaftlicher Fortschritt wäre nicht möglich. Trotzdem bleibt bestehen, dass wir durch eine widerspruchsfreie Begriffsbildung allein noch keine Erkenntnis gewonnen haben, wir haben nur eine Voraussetzung gewonnen, durch Beobachtungen überhaupt Erkenntnisse zu gewinnen.

 

 

6. Probleme bei metaphysischen Aussagen

 

Wenden wir uns nun der Problematik jener Aussagen zu, welche sich auf faktische Zusammenhänge beziehen. Hier unterscheiden wir zwischen empirischen und metaphysischen Beziehungen. Alles, was wir hier auf Erden oder auch im Weltall beobachten können, bezieht sich auf empirische Beziehungen, was sich jedoch unserer Beobachtung entzieht, hat einen metaphysischen Hintergrund. So können wir beobachten, was die Menschen tun oder wie sich natürliche Ereignisse entwickeln, wir sind aber nicht in der Lage, darüber Wissen zu gewinnen, was nach unserem Tode geschieht, ob ein Teil von uns, unsere Seele weiter besteht oder ob mit dem irdischen Tod jede individuelle Existenz beendet ist.

 

Wir können auch nicht beobachten, ob es einen Gott gibt, der die Welt und damit auch die Menschen erschaffen hat und auf welche Weise dies Gott gegebenenfalls getan hat. Es handelt sich hier um metaphysische, das heißt hinter dem physischen bzw. irdischen Bereich liegende Zusammenhänge. Gerade weil wir diese Zusammenhänge nicht beobachten können, bedarf es zur Beantwortung dieser Fragen eines Glaubens, der nicht aus wissenschaftlichen  – mit Hilfe des Verstandes gewonnenen – Erkenntnissen hervorgeht.

 

Nun hat Ludwig Wittgenstein die Meinung geäußert, dass man über das, was man nicht beweisen könne, schweigen solle. Wenn ich auch dieser Auffassung für den engeren Bereich der Wissenschaft weitgehend zustimme, gilt diese Aussage sicherlich nicht für die metaphysischen Fragen. Nur dann, wenn wir uns über die Frage, ob es einen Gott und ein Leben nach dem Tode gibt und ob wir nach dem Tode nach unserem Verhalten auf dieser Erde gerichtet werden, klar sind, können wir auch bestimmen, wie wir unser Leben einzurichten und wie wir uns gegenüber den Mitmenschen zu verhalten haben. Ohne eine Festlegung dieser Fragen nach dem Sinn des Lebens finden wir auch keine überzeugende Antwort darauf, ob der Mensch wirklich das Maß aller Dinge ist und deshalb auch alles tun darf, was ihm nützt, oder ob Sittengebote einzuhalten sind, welche unabhängig vom Interesse des einzelnen Menschen gelten.

 

Nun wird immer wiederum behauptet, dass auch ohne religiöse Bindungen eindeutig nachgewiesen werden könnte, dass der Mensch seinem eigenen Wohl nütze, wenn er die sittlichen Gebote einhalte. Um zu letztlichen Grundwerten der Menschheit zu gelangen bedürfe es keines religiösen Glaubens.

 

Diese atheistischen Rechtfertigungsversuche haben mich nie richtig überzeugt. Natürlich ist es richtig, dass es meinem Einzelinteresse zugutekommt, wenn sich alle anderen um mich herum so verhalten, dass sie die sittlichen Gebote einhalten. Es ist sogar richtig, dass die Bereitschaft der anderen, diese sittlichen Gebote mir gegenüber einzuhalten, selbst davon abhängt, ob sie feststellen können, dass ich mich selbst ihnen gegenüber entsprechend diesen Geboten verhalte.

 

Aus diesen Überlegungen kann jedoch nicht der Schluss gezogen werden, dass es dem einzelnen Individuum in jedem Falle nützt, wenn er sich selbst an sittliche Gebote hält. Dies wäre nur dann der Fall, wenn alle meine Handlungen den jeweils anderen bekannt wären. Aber gerade damit kann aus zweierlei  Gründen nicht gerechnet werden. Erstens steigt im Allgemeinen mit der eigenen Machtfülle auch die Möglichkeit, das eigene unsittliche Verhalten vor der Öffentlichkeit geheim zu halten. Für viele Führungseliten gilt, dass sie bereits in ihrer Erziehung z. B. in elitären Internaten informelle Bindungen eingegangen sind, die auch in späteren Jahren oftmals stärker sind als die offiziellen Regeln.

 

Aus dieser Verbundenheit werden die Verhaltensweisen, die als unsittlich eingestuft werden müssen, oftmals vertuscht, es wird verhindert, dass sie bekannt gemacht werden auch dann, wenn von Amtswegen diese Kenntnis über unsittliches Verhalten eigentlich zur Anzeige und damit zur Strafverfolgung führen müsste. Bezeichnend ist, dass sich dann, wenn eines Tages diese Verfehlungen einer Führungsperson doch bekannt werden, der Vorwurf von Seiten der anderen Führungseliten weniger darin gipfelt, dass der andere diese Verfehlung begangen hatte, sondern dass er unfähig war, diese Verfehlungen geheim zu halten.

 

Zweitens steigt jedoch mit der Macht des einzelnen auch die Möglichkeit, die jeweils anderen, vor allem die Untergebenen zu einem Verhalten zu zwingen, das dem Interesse des Mächtigen zugutekommt, selbst dann, wenn diesen anderen klar ist, dass sich der Mächtige eben gerade nicht an diese sittlichen Gebote gegenüber den Unterlegenen hält.

 

Es kommt also dem Funktionieren einer friedfertigen Gesellschaft zugute, wenn sich alle Menschen – auch die Mächtigen – an bestimmte sittliche Gebote halten und wenn diese Haltung aus der Überzeugung einer sittlichen Verantwortung hervorgegangen ist und nicht automatisch nur daraus erwächst, dass unter gewissen Bedingungen Wohlverhalten gegenüber anderen auch dem eigenen Interesse zugutekommt. Soviel zur Bedeutung metaphysischer Aussagen.

 

Ein metaphysisches Problem liegt auch dann vor, wenn im Altertum und Mittelalter die Meinung geäußert wurde, dass man die Existenz Gottes eindeutig allein mit wissenschaftlichen Methoden nachweisen könne. Da wissenschaftliches Wissen über Faktenzusammenhänge immer nur soweit möglich ist, als die behaupteten Zusammenhänge beobachtet werden können und da es nicht möglich ist, die Existenz Gottes eindeutig zu beobachten, gibt es auch keine Möglichkeit, die Existenz Gottes mit wissenschaftlichen Mitteln allein eindeutig zu beweisen. Die Behauptung, man könne wissenschaftlich einwandfrei Gottes Existenz beweisen, ist somit eindeutig falsch. Es gibt nur die eine Möglichkeit, dass man durch einen Glaubensakt die Existenz Gottes für wahr hält.

 

Aus eben den gleichen Gründen ist jedoch die Behauptung einiger Atheisten, man könne mit wissenschaftlichen Mitteln allein die Existenz Gottes widerlegen, ebenfalls eindeutig falsch, denn auch hierzu bedürfte es der prinzipiellen Möglichkeit, Gott mit menschlichen Sinnen zu beobachten. Somit ist auch die These eines Atheisten, es gäbe keinen Gott, genauso ein Glaubensakt wie der Glaube eines Christen, der mit wissenschaftlichen Methoden allein nicht entschieden werden kann.

 

 

7. Singuläre Aussagen

 

Die Aussagen über empirisch zu beobachtende Ereignisse lassen sich – wie bereits angedeutet – weiterhin danach untergliedern, ob es sich um Aussagen über singuläre oder generelle Ereignisse handelt. Von singulären Aussagen sprechen wir immer dann, wenn sich das Ereignis auf ein konkretes einziges Geschehen bezieht, wenn man also Ort, Zeit und das jeweilige Subjekt oder Objekt dieses Geschehens bestimmen kann. Wenn ich z. B. feststelle, dass ein  Herr XY an einem bestimmten Tag und zu einer bestimmten Stunde an einem bestimmten Ort eine ganz bestimmte Handlung vollbracht hat, habe ich eine singuläre Aussage gemacht.

 

Wenn ich jedoch bestimmte Zusammenhänge für eine größere Gruppe von Objekten oder Subjekten treffe, dann sprechen wir von generellen Aussagen. Generelle Aussagen lassen sich stets in die Form bringen: Immer dann, wenn x gegeben ist, liegt auch y vor, bzw. für alle x gilt, wenn x vorliegt, dann tritt auch y ein. Bringen wir auch hier ein Beispiel. Betrachten wir die allgemeine Hypothese der Unternehmungstheorie, wonach Unternehmer unter bestimmten Bedingungen (wie z. B. vollständigem Wettbewerb) ihren Gewinn zu maximieren versuchen.

 

Wir beziehen diese Aussage nicht auf einen einzelnen Unternehmer, wir schränken diese Aussage auch nicht auf einen bestimmten Zeitraum oder auf ein begrenztes Gebiet ein, sondern erheben den Anspruch, dass diese Aussage im Prinzip für alle Unternehmer gilt, sofern bestimmte Bedingungen vorliegen. Streng genommen besagt die Gewinnmaximierungsthese, dass restlos alle Unternehmer unter Bedingungen des vollständigen Wettbewerbs dieses Verhalten aufweisen, unabhängig von Zeit und Raum und auch unabhängig davon, welches Gut ein Unternehmer anbietet.

 

Allerdings handelt es sich bei den meisten Hypothesen der Wirtschaftswissenschaft um sogenannte statistische Zusammenhänge und nicht um exakte Gesetzmäßigkeiten. Die Wirtschaftswissenschaft ist wie alle Wissenschaften vom Menschen aufgrund der Komplexität der zu behandelnden Gegenstände gar nicht in der Lage, Gesetzmäßigkeiten im Sinne strenger – für jedes einzelne Objekt geltender – Gesetze zu formulieren. Man will mit den in den Wirtschaftswissenschaften aufgestellten Hypothesen lediglich zum Ausdruck bringen, dass ein bestimmtes Ereignis in beachtenswertem Umfang in aller Regel ein anderes Ereignis auslöst.

 

Betrachten wir zunächst die Problematik singulärer Aussagen etwas ausführlicher. Im Prinzip können wir davon ausgehen, dass sich singuläre Aussagen eindeutig bestätigen oder gegebenenfalls auch widerlegen lassen. Singuläre Ereignisse lassen sich beobachten und können gerade deshalb mit Hilfe des menschlichen Verstandes und der menschlichen Sinne auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft werden. Wenn ich mit eigenen Augen gesehen habe, dass Herr Müller aus Hagen am 02.03.2011 vor einem ausgewählten Publikum eine Rede über das Züchten von Wolfshunden gehalten hat, so kann ich mit Fug und Recht behaupten, dass sich diese Aussage eben aufgrund meiner eigenen Beobachtung verifizieren lies.

 

Einzelne Ereignisse sind – soweit es sich um wissenschaftliche Bemühungen handelt – in erster Linie Gegenstand historischer Untersuchungen, diese Vorkommnisse liegen dann oftmals viele Jahre und Jahrhunderte zurück, es fehlen bei Untersuchungen von Ereignissen sehr früher Zeit oftmals jegliche schriftliche Aufzeichnungen, sodass die Beobachtung hier sogar in besonderem Maße eingeschränkt ist. Zeugen der Geschichte können hier also nicht selbst befragt werden, die Historiker sind darauf angewiesen, die oftmals wenigen schriftlichen Berichte zu übernehmen und müssen – ohne dass sie bei den Zeugen klärende Rückfragen stellen können – anhand mannigfaltiger Plausibilitätsüberlegungen die Korrektheit der Berichte prüfen.

 

Diese Überlegungen gelten natürlich insbesondere für prähistorische Epochen, bei denen nahezu jede Form schriftlicher Darstellung fehlt. Für diese Epochen ist die Wissenschaft auf archäologische Ergebnisse angewiesen. Und gerade in diesem Bereich der Archäologie konnten in den letzten Jahrzehnten erhebliche Fortschritte erzielt werden. Während sich die Archäologie in den ersten Jahren ihrer Entwicklung noch darauf beschränken musste, aufgrund bestimmter Ausgrabungen die Existenz bestimmter Personen und Kulturen nachzuweisen, ist es der Archäologie in den letzten Jahrzehnten gelungen, geradezu erstaunliche Ergebnisse im Hinblick auf die Bestimmung des Alters, aber auch der Lebensweisen und der Umstände, die einen Zusammenbruch alter Kulturen  herbeigeführt haben, zu liefern.

 

Wir wollen abschließend festhalten: Singuläre Aussagen lassen sich im Grundsatz durchaus verifizieren und auch falsifizieren. In der Praxis allerdings ergeben sich zahlreiche Schwierigkeiten, aufgrund derer weder eine eindeutige Falsifizierung noch eine Verifizierung möglich ist. Wir haben also davon auszugehen, dass bereits ein beachtlicher Teil der singulären Aussagen in Wirklichkeit nicht eindeutig auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft werden kann.

 

 

8. generelle Aussagen

 

Wenn wir einmal von den Geschichtswissenschaften absehen, liegt das Hauptaugenmerk wissenschaftlicher Arbeiten auf das Formulieren und Überprüfen genereller Aussagen. Auch hier gilt in noch stärkerem Maße als dies für die singulären Aussagen gilt, dass der menschliche Verstand nur in begrenztem Maße in der Lage ist, solche Aussagen eindeutig zu verifizieren.

 

Mit dem Aufkommen der Aufklärung begann der Siegeszug der modernen Wissenschaft, welche befreit von den Begrenzungen, welche die katholische Kirche dem wissenschaftlichen Erforschen auferlegt hatte, Jahr für Jahr neues Wissen über fast alle Bereiche der Welt angehäuft hat.

 

Zu Beginn der Neuzeit bemühte man sich zunächst im Rahmen des Rationalismus allein durch logische Deduktionen Erkenntnisse zu gewinnen. Es folgte dann der Empirismus, der nicht durch Deduktionen, sondern durch Induktion, also durch Beobachtung und Verallgemeinerung dieser Beobachtungen zu Erkenntnissen zu gelangen versuchte. Man sprach in diesem Zusammenhang auch von Positivismus, um damit anzudeuten, dass sich die Wissenschaft auf die Aufdeckung von Sachzusammenhänge auf das erfahrungsmäßig Gegebene zu beschränken habe und sich wie bereits Bentham erkannt hatte, allein mit dem Sein zu beschäftigen habe und dass deshalb niemals vom Sein unmittelbar auf das Sollen geschlossen werden könne.

 

Schließlich wurde dann im Rahmen des Neopositivismus, auch kritischer Rationalismus genannt, erkannt, dass Gesetze im Sinne allgemeiner Aussagen aufgrund der Begrenzung des menschlichen Verstandes gar nicht endgültig verifiziert werden können. Der menschliche Verstand sei nur in der Lage, bisher als gültig geltende generelle Aussagen zu falsifizieren, nicht aber zu verifizieren.

 

Wenn ich z. B. die aus Beobachtungen gewonnene Aussage formuliere ‚Alle Unternehmer maximieren den Gewinn‘ so kann ich zwar diese Behauptung falsifizieren, wenn es mir gelingt, streng genommen auch nur einen Unternehmer zu beobachten, auf den diese Aussage  nicht zutrifft. Denn wenn ich einen solchen Unternehmer finden kann, dann gilt diese Aussage eben nicht für restlos alle Unternehmer, ich habe ja einen oder auch mehrere Unternehmer gefunden, welche nicht dieser Gesetzmäßigkeit folgen.

 

Wissenschaftlicher Fortschritt verbreitet sich deshalb auch weniger dadurch, dass immer mehr Wissen oder Aussagen angehäuft werden, dass also unser Gebäude von wissenschaftlichen Aussagen immer größer wird, sondern vielmehr dadurch, dass Aussagen, welche bisher für wahr gehalten wurden und von denen einige sogar in einem logischen Widerspruch zueinander standen, ausgemerzt werden, dass also mit anderen Worten zwar vielleicht insgesamt weniger Aussagen als bisher für wahr gehalten werden, dass aber der Wahrheitsgehalt der übrig gebliebenen Aussagen angestiegen ist.

 

Der Grund dafür, dass es gar nicht möglich ist, faktische Zusammenhänge eindeutig zu verifizieren, liegt darin, dass wir unser Wissen nur durch Beobachtung gewinnen können, dass wir aber nicht in der Lage sind, alle Gegenstände einer Aussage auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Rein theoretisch wäre es vielleicht prinzipiell noch möglich alle Gegenstände, die im Augenblick existieren, in unsere Beobachtung einzubeziehen. Allgemeine Aussagen gelten jedoch unabhängig von Zeit und Raum. Erklären wir eine allgemeine Aussage für allgemeingültig, dann müssten diese Gesetzmäßigkeiten auch in der Vergangenheit gelten. Genau das können wir jedoch im Allgemeinen nicht, wir können nicht davon ausgehen, dass seit Anbeginn der Zeit solche Beobachtungen gemacht wurden und dass – wenn sie gemacht wurden – Aufzeichnungen über diese Beobachtungen angefertigt wurden.

 

Aber selbst dann, wenn wir für die Gegenwart und Vergangenheit solche vollständigen Beobachtungen machen könnten, wissen wir ja nicht und können es auch nicht überprüfen, ob diese Gesetzmäßigkeiten auch in Zukunft Geltung besitzen. Wir wissen also nicht, ob die heute oder in der Vergangenheit entdeckten Zusammenhänge auch für die Zukunft und damit unabhängig von Raum und Zeit Geltung besitzen.

 

De facto können wir immer – auch in der Gegenwart – nur für einen verschwindend kleinen Ausschnitt der zu untersuchenden Objekte Beobachtungen durchführen, sie sind im Wesentlichen auf unsere Zeit beschränkt und zumeist auch auf einige wenige räumliche Bereiche, sodass immer mit der Möglichkeit gerechnet werden muss, dass eine beobachtete Gesetzmäßigkeit nicht allgemein gültig ist, da wir aus praktischen Gründen – vielleicht auch nur deshalb, weil uns die finanziellen Mittel für eine vollständige Überprüfung fehlen – nicht alle Gegenstände beobachten konnten.

 

Aber warum reicht es denn nicht aus, dass wir an wenigen Objekten bestimmte Beobachtungen machen, warum können wir nicht davon ausgehen, dass das, was wir am Einzelfall beobachtet haben, für restlos alle gleich gelagerten Fälle richtig ist? Wenn nämlich tatsächlich exakte Gesetzmäßigkeiten vorliegen, müsste doch eigentlich ein an einem bestimmten Objekt nachgewiesener Zusammenhang für restlos alle gleich gelagerten Fälle gelten und deshalb müsste es doch ausreichen, diesen Zusammenhang an einem Beispiel durch Beobachtung nachgewiesen zu haben.

 

Allerdings steht ja am Beginn einer wissenschaftlichen Untersuchung gar nicht fest, ob es bei den Beobachtungen um exakte Gesetzmäßigkeiten handelt, die an wenigen Beispielen beobachtenden Fälle könnten sich ja rein zufällig ergeben haben. So hat man z. B. festgestellt, dass in Gegenden, in welchen eine überdurchschnittliche Geburtenrate beobachtet werden konnte, auch gleichzeitig überdurchschnittlich viele Störche genistet haben.

 

Daraus konnte aber nicht der Schluss gezogen werden, dass das Märchen, wonach Kinder von Störchen gebracht werden, der Wirklichkeit entspräche. Entweder war dieses Zusammentreffen hoher Geburtenraten und hoher Nistplätze von Störchen wirklich rein zufällig oder aber beide Variablen korrelieren selbst wiederum mit einer dritten Größe, bei deren Vorliegen sowohl die Geburtenrate wie auch die Zahl der Störche ansteigen.

 

Die Antwort liegt weiterhin darin, dass die faktischen Zusammenhänge in der Realität eben nicht so einfach sind, dass ein bestimmter Vorgang x immer ein bestimmtes Ereignis y zur Folge hat. Wären die realen Vorgänge wirklich so einfach, so könnten wir in der Tat davon ausgehen, dass einige wenige Beobachtungen ausreichen, um eine allgemeine Aussage für verifiziert zu erklären.

 

In Wirklichkeit sind die natürlichen Zusammenhänge sehr komplex, Gesetzmäßigkeiten äußern sich darin, dass ein bestimmtes Ereignis x nur dann ein anderes Ereignis y mit Sicherheit auslöst, wenn gleichzeitig ein ganzer Satz von weiteren Bedingungen z1, z2, … zn vorliegt oder aber auch unter Umständen gerade nicht vorliegt, dass also das Vorliegen eines bestimmten Zustandes z gerade das Auftreten dieser Gesetzmäßigkeit (aus x folgt y) außer Kraft setzt.

 

Wenn wir also nun bei einer Reihe von Beobachtungen feststellen, dass auf das Ereignis x immer (das heißt bei allen Beobachtungen) das Ereignis y ausgelöst wurde, so können wir aus diesen Beobachtungen nicht schließen, dass dies an allen Orten oder zu allen Zeiten der Fall sein wird. Wir müssen ja mit der Möglichkeit rechnen, dass diese Gesetzmäßigkeit nur deshalb beobachtet werden konnte, weil zusätzlich eine Bedingung z gegeben war, die aber nicht bekannt war und  die deshalb auch nicht in den Satz der Bedingungen aufgenommen werden konnte. Wir müssen also damit rechnen, dass in Zukunft einmal oder an anderen Orten diese Gesetzmäßigkeit gar nicht mehr auftritt, weil diese zusätzliche Bedingung dann nicht mehr erfüllt ist.

 

Als Bedingungen für das Auftreten einer allgemeinen Aussage können eben nur die Bedingungen benannt werden, von denen wir zumindest vermuten, dass sie für diese Gesetzmäßigkeit notwendig sind. Umgekehrt müssen wir auch damit rechnen, dass in Zukunft diese Gesetzmäßigkeit deshalb nicht mehr auftritt, weil ein bestimmtes, aber bisher nicht bekanntes Ereignis gerade nicht vorlag, dieses Ereignis aber die zu untersuchende Gesetzmäßigkeit verhindert. Wir müssen also mit anderen Worten davon ausgehen, dass das Auftreten neuer bisher nicht vorhandenen Ereignisse verhindert, dass wie bisher das Ereignis x ein weiteres Ereignis y hervorruft.

 

Dies bedeutet allerdings nicht, dass dann, wenn sich eine bestimmte Gesetzmäßigkeit bisher in tausenden und abertausenden Fällen bewährt hatte, eine einzige oder auch eine geringe Anzahl von Falsifizierungen ausreicht, diese Hypothese vollständig aufzugeben. Die Falsifizierung bedeutet ja nur, dass der in dieser generellen Aussage formulierte Zusammenhang etwas komplizierter ist als ursprünglich unterstellt wurde. Wir haben diese Aussage neu zu formulieren und sie auf bestimmte Zusatzereignisse zu beschränken.

 

 

9. Die Forderung nach Allgemeingültigkeit

 

Wenden wir uns nun den generellen Aussagen über Faktenzusammenhänge etwas näher zu. Jede Wissenschaft ist bestrebt, zu möglichst allgemeingültigen Aussagen zu gelangen. Je allgemeiner eine Aussage ist, um so größer ist ihr Anwendungsbereich. Wann entspricht aber eine wissenschaftliche Aussage diesem Prinzip? Wir sprechen einer Behauptung Allgemeingültigkeit zu, wenn die zur Diskussion stehende These für alle Objekte einer wohl abgegrenzten Klasse gilt. So würde z. B. der Satz „Alle Unternehmer streben nach Gewinn“ unserem Kriterium genügen, vorausgesetzt, dass diese Behauptung der Wirklichkeit entspricht.

 

Wir dürfen allerdings nicht erwarten, dass wir dieses Ideal immer erfüllen können. Aber auch hier gilt nicht der Grundsatz des ‚Alles oder Nichts’. Es gibt verschiedene Grade der Annäherung an dieses Postulat. Wenn wir auch nicht immer zu generell gültigen Aussagen gelangen können, so haben wir uns doch darum zu bemühen, diesem Ideal möglichst nahe zu kommen. Wenn wir feststellen können, dass die Mehrheit der Unternehmer nach Gewinn strebt, so entspricht dieser Satz den wissenschaftlichen Ansprüchen besser, als wenn wir dies nur von einigen Unternehmern behaupten könnten.

 

Bisweilen verbindet man mit dieser Forderung einen weiteren Anspruch. Während wir bisher allein verlangt haben, dass alle oder möglichst alle Objekte einer wohlabgegrenzten Klasse eine bestimmte Eigenschaft aufweisen, können wir darüber hinaus bestrebt sein, unsere Aussagen auf immer größere Klassen auszudehnen. Der Satz: „Alle Unternehmer streben nach Gewinn“ wäre in diesem Sinne weniger allgemeingültig als der Satz: „Alle wirtschaftenden Menschen versuchen, ihren Nutzen zu maximieren.“ Die Unternehmer bilden lediglich einen Ausschnitt aus der größeren Klasse der Menschen und die Gewinnmaximierung ist wiederum nur ein Ausschnitt aus der größeren Klasse der Nutzenmaximierung.

 

Die Forderung nach Allgemeingültigkeit wird allerdings mit einem hohen Preis erkauft. Je größer die Allgemeingültigkeit ist, um so stärker ist auch der Abstraktionsgrad. Wenn wir uns auf eine relativ kleine Klasse von Objekten beschränken, so werden wir im allgemeinen eine Fülle von gemeinsamen Merkmalen vorfinden. Betrachten wir hingegen eine immer größer werdende Klasse von Objekten, so dürften immer weniger Eigenschaften auf alle Objekte dieser Klasse zutreffen. Über das Verhalten der Unternehmer lässt sich manches sagen. Wenn wir jedoch nach dem Verhalten aller Menschen fragen, so werden wir in der Regel weit weniger gemeinsame Züge erkennen können.

 

Hier steht die Wissenschaft vor einem Konflikt. Wir erwarten von einer Theorie, dass sie nicht nur allgemeingültig ist, sondern gleichzeitig einen möglichst geringen Abstraktionsgrad aufweist. Beide Forderungen stehen in einem Widerspruch zueinander. In dem Maße, wie wir der einen Forderung entgegenkommen, entfernen wir uns von der anderen. Dieser Konflikt lässt sich nur dadurch lösen, dass wir sowohl nach den generell gültigen Eigenschaften wie nach den spezifischen Unterschieden von Klasse zu Klasse fragen.

 

 

10. Menschliche Freiheit und Allgemeingültigkeit     

 

Wir haben bisher bewusst eine Frage ausgeklammert. Lässt sich die Forderung nach Allgemeingültigkeit mit der menschlichen Freiheit vereinbaren? Gibt es überhaupt im sozialen Bereich allgemeingültige Gesetze? Setzen wir mit dieser Forderung nicht eine deterministische Sozialphilosophie voraus?

 

Als erstes können wir festhalten: Im Bereich der Wirtschaft gibt es eine ganze Reihe naturwissenschaftlicher, aber sozial relevanter Gesetzmäßigkeiten, mit denen sich eine Wirtschaftstheorie befassen muss, weil sie die Lösung der wirtschaftlichen Probleme beeinflussen. Denken wir an das Ertragsgesetz, das darüber Auskunft gibt, wie viel Produktionsfaktoren benötigt werden, um eine bestimmte Gütermenge zu produzieren. Diese Zusammenhänge sind in erster Linie technischer Natur. Trotzdem fällt das Ertragsgesetz in das Interessengebiet der Wirtschaftstheorie, weil die unternehmerischen Entscheidungen unter anderem auch vom Verlauf dieser technischen Daten abhängen.

 

Ein zweites gilt es zu bedenken. Die Forderung nach Allgemeingültigkeit widerspricht nur dann der menschlichen Freiheit, wenn wir unsere Aussagen auf Einzelpersonen beziehen. Es wäre in der Tat problematisch, wollten wir für jede einzelne Person ein ganz bestimmtes Verhalten behaupten. Die näheren Umstände mögen noch so sehr eine bestimmte Handlung nahe legen, wir haben keine absolute Sicherheit dafür, dass sich eine bestimmte Person nicht doch anders entscheidet.

 

Das Hauptinteresse der Wirtschaftstheorie gilt indessen nicht dem Individual-, sondern dem Gruppenverhalten. Wie Herr Müller oder Herr Maier auf eine Preisänderung reagiert, ist für die Wirtschaftstheorie von geringem Interesse. Wichtiger ist die Frage, wie sich die gesamte Nachfrage oder das gesamte Angebot bei einer Preissteigerung verändert. Aussagen hierüber gelten mit viel größerer Sicherheit. Sofern nur die Zahl der betrachteten Fälle groß genug ist, können wir damit rechnen, dass sich zufällige Abweichungen von einer allgemeinen Tendenz weitgehend gegenseitig kompensieren.

 

Ein drittes gilt es zu beachten. Die empirischen Sozialwissenschaften befassen sich nicht in erster Linie mit dem menschlichen Verhalten selbst, sondern mit der Gesellschaftsstruktur, die dieses Verhalten beeinflusst. Die Sozialwissenschaften geben Aufschluss darüber, wieweit die Gesellschaftsstruktur den Handlungsspielraum der Individuen einengt. In der Regel verbleibt dem Menschen eine mehr oder weniger große Entscheidungsfreiheit. Es gibt aber auch Situationen, in denen die gesellschaftlichen Zwänge so stark werden, dass mit einem ganz bestimmten Verhalten gerechnet werden muss. Hier sind wir berechtigt, von sozialen Gesetzmäßigkeiten zu sprechen. Ein Unternehmer, welcher starker Konkurrenz ausgesetzt ist, kann nur dann auf lange Sicht als Unternehmer überleben, wenn er alle möglichen Fälle einer Kostensenkung auch wahrnimmt.