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Kapitel 15:  Hiobs Leid und Gottvertrauen

 

 

 

Gliederung:

 

1. Das Problem

2. Interpretation

3. Entspricht das Leid der Menschen Gottes Wille?

4. Der Text als Anhang  

 

 

1. Das Problem

 

Das 15. Kapitel meiner Vorlesung über die bedeutungsvollsten Erzählungen der Heiligen Schrift gilt dem Schicksal des Hiob und der Auseinandersetzung Hiobs mit Gott, welcher es vordergründig betrachtet zulässt, dass Hiob, ein getreuer Diener Gottes, einen Schicksalsschlag nach dem andern erleiden musste.

 

Wie kaum ein anderes Thema gehört gerade diese Geschichte zu den Erzählungen, welche einerseits in einer Zusammenstellung der inhaltsreichsten und in diesem Sinne auch schönsten Erzählungen der Heiligen Schrift nicht fehlen durfte, andererseits auch wie kaum ein anderer Erzählstoff allgemein zu den Hauptwerken der Weltliteratur zählt und auch wegen der Form ihrer dichterischen Darstellung zu den Glanzstücken der Heiligen Schrift gerechnet wird.

 

Die Geschichte Hiobs ist schnell erzählt. Hiob lebte vermutlich im Lande Uz, das im südöstlichen Palästina lag. Es geht aus der Schilderung im Buche Hiob nicht eindeutig hervor, zu welcher Zeit Hiob lebte, da es aber keinerlei Hinweise auf die mosaischen Gesetze enthält, wird angenommen, dass Hiob zur Zeit der Patriarchen lebte.

 

Aber die Beantwortung dieser Fragen ist ohnehin von geringerer Bedeutung, da ja auch für dieses Buch Hiob das gilt, was wir bereits auch für die anderen Erzählungen festgestellt haben: In dieser Erzählung geht es nicht darum, protokollgetreu ein tatsächlich erfolgtes geschichtliches Ereignis zu beschreiben. Vielmehr soll auch mit dieser Erzählung auf einige Grundfragen des jüdischen (und auch christlichen) Glaubens aufmerksam gemacht werden. Die Erzählung dient dann nur dazu, dem Leser oder Zuhörer dieser Erzählung möglichst einprägsam die zu behandelnden Fragen näher zu bringen.

 

Hiob wird als eine herausragende Persönlichkeit der damaligen Zeit umschrieben. Er hatte es im Verlauf seines Lebens zu Reichtum und Ansehen gebracht. Da ihm drei Söhne geschenkt waren, erlebte er auch eine durchaus glückliche und harmonische Zeit in seiner Familie.

 

Aber ganz anders, als wir von anderen reichen und mächtigen Gestalten der Heiligen Schrift erfahren, war ihm Glück und Reichtum nicht in den Kopf gestiegen. Er blieb seinem Gott und den Weisungen Gottes treu auch zu einer Zeit, als er nicht mehr der Hilfe und Gunst Gottes bedurfte.

 

Es wird von ihm erzählt, dass er Akte der Nächstenliebe in einem Umfang ausführte, weit über das übliche und geforderte Maß. Wenn seine Söhne Festgelage gaben, tat Hiob anstatt der Söhne Sühne und brachte soviel Brandopfer dar wie er Söhne hatte. Denn er sagte sich, vielleicht haben meine Söhne gesündigt und in ihrem Herzen Gott gelästert und bedürfen deshalb der Gnade Gottes.

 

Wie aus heiterem Himmel erfährt nun Hiob einen Schicksalsschlag nach dem andern:

 

Sabäer überfielen seine Knechte, töteten sie und entwendeten Hiobs Schafe und Esel. Und diejenigen Knechte und Schafe, die diesen Überfall überlebt hatten, wurden von einem Blitz (durch das Feuer Gottes?) erschlagen. Auch die Kamelherde und die sie hütenden Knechte verlor Hiob, da Chaldäer plündernd ins Land eingefallen waren. Zu allerletzt zog ein gewaltiger Sturm auf und begrub alle seine Söhne und Töchter unter den Trümmern ihres Hauses.

 

Und wie reagiert Hiob auf diese Schicksalschläge? Er gerät keineswegs, wie man eigentlich hätte erwarten und auch verstehen können, in ohnmächtige Wut und verflucht Gott, sondern ganz im Gegenteil fällt er demütig auf die Erde und sagt: ‚Nackt kam ich hervor aus dem Schoß meiner Mutter; nackt kehre ich dahin zurück. Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen; gelobt sei der Name des Herrn.‘

 

Auch im weiteren Verlauf sündigte Hiob nicht und äußerte auch nichts Ungehöriges gegen Gott. Er benahm sich also offensichtlich mustergültig, wie es kein Heiliger besser hätte tun können.

 

Bei genauerer Besinnung hat er bis zu diesem Augenblick eigentlich nur das getan, was man von ihm hätte erwarten müssen. Betrachten wir sein bisheriges Leben, so war er sicherlich in besonderem Maße wie kaum ein anderer seiner Zeitgenossen vom Schicksal begünstigt worden. Und wenn er sich nicht für etwas besseres gehalten hat und bereit war, ein Schicksal auf sich zu nehmen, das nahezu alle um ihn herum auch erfahren haben, musste er ja eigentlich zugeben, dass er nicht immer zu den Begünstigten zählen konnte, dass ihm genauso wie auch den anderen Mitmenschen bisweilen auch Rückschläge ereilen könnten. Es ist aus dieser Sicht nur verständlich und erforderlich, dass er, der bisher vom Schicksal außerordentlich begünstigt war, es auch akzeptierte, dass bisweilen auch er wie jeder andere gewisse Rückschläge erleiden musste.

 

Aber es blieb nicht bei diesen sporadisch auftretenden Unglücksfällen, er wurde weiterhin vom Schicksal geschlagen: Hiob befielen bösartige Geschwüre von der Fußsohle bis zum Scheitel. Anstatt dass seine Frau ihn tröstet und ihm beisteht in schlechten wie in guten Zeiten, lästert sie Gott und ihn und fordert ihn auf, von Gott abzufallen und zu sterben.

 

Seine drei besten Freunde suchen ihn auf, anfänglich zwar mit der guten Absicht, ihn zu trösten, als sie ihn aber in all seinem Elend sahen und ihn kaum wiedererkannten, kam zunächst kein tröstendes Wort aus ihrem Munde und als Hiob anfängt mit Gott über sein Schicksal zu hadern, ließen sie ihn wissen, dass Gott die Menschen nur für ihre Untaten bestrafe und dass er deshalb dieses ihm zugefügte Ungemach selbst verursacht habe.

 

Und nun beginnt die eigentliche Erzählung, die in diesem Kapitel besprochen werden soll. Auf die lästerlichen Reden seiner Frau reagiert Hiob immer noch demütig und Gott ergeben: ‚Wie eine Törin redest du. Nehmen wir das Gute an von Gott, sollen wir dann nicht auch das Böse annehmen?‘ Also kam zunächst  kein sündiges Wort über seine Lippen.

 

Aber seinen Freunden gegenüber offenbart er all seine innere Verzweiflung und seine Unfähigkeit, sich in sein Schicksal zu fügen und Gott die Treue zu bewahren. Er fängt an, mit Gott zu hadern und steigert sich in diese Wut und Hoffnungslosigkeit immer weiter, als seine Freunde beginnen, ihn zu Recht zuweisen.

 

Sein Freund Elifas tadelt ihn, da er das Gottvertrauen, in das er bisher die Strauchelnden unterwiesen hatte, in dem Augenblick vermissen lasse, in dem er selbst von Unglück verfolgt werde. Und er fügt hinzu: Nur der Schuldige gehe zugrunde, Redliche werden von Gott nicht im Stich gelassen. Er aber Elifas, würde, wenn ihm gleiches geschehe, Gott befragen, denn dieser bewirke Großes und Unergründliches und Wunder, die niemand zählen könne.

 

Sein Freund Bildads fügt hinzu, wenn er mit Eifer Gott suche und sich an den Allmächtigen flehend wende, dann werde er auch über ihn wachen und ihm geben, was ihm zustehe. Ihm geschehe also offensichtlich sein Leid zu Recht, da er es an Gottvertrauen missen lasse.

 

Schließlich ergreift Zofar von Naama das Wort und nennt Hiob sogar einen Schwätzer und Maulhelden. In seiner Selbstgerechtigkeit verkenne er, Hiob, dass niemand zu den Tiefen Gottes vordringen und seine Vollkommenheit erkennen könne. Und er fügt hinzu: Wisse, dass Gott dich wegen deiner Schuld, die vor allem auch in deinem Hochmut besteht, zu Recht zur Rechenschaft ziehe.

 

Wie reagiert nun Hiob auf die Vorhaltungen und Besserwissereien seiner Freunde? Er beginnt das Streitgespräch mit seinen Freunden damit, dass er ihnen bekennt, dass er jede Lust am Leben und jede Zuversicht Gott gegenüber verloren habe, er wünscht sich, er wäre nie geboren worden: ‚Ausgelöscht sei der Tag, an dem ich geboren wurde. Jener Tag werde Finsternis‘.

 

Sein Freund Bilfas klagt das fehlende Gottvertrauen Hiobs an. Wenn er mit Eifer Gott suchen würde, dann erst würde er über ihn wachen und sein Heim wieder herstellen, wie es ihm zugestehe.

 

Hiob antwortet ihm, dass er sehr wohl wisse, dass Gott allmächtig sei und dass er nichts gegen ihn ausrichten könne. Der Mensch sei Gott gegenüber ohnmächtig. Nochmals führt Hiob Klage gegen Gott, zum Ekel sei sein Leben geworden, er verlangt von Gott, dass er ihn zumindest wissen lasse, warum er ihn befehde. Er beklagt sich, dass Gott Schuld an ihm suche, obwohl er doch wisse, dass er, Hiob, nicht schuldig sei. 

 

Sein Freund Zufas wirft ihm schließlich Hochmut vor, da er in seiner Vermessenheit die Tiefen Gottes finden wolle und bis zur Vollkommenheit des Allmächtigen vordringen möchte. Er solle endlich sein eigenes Herz in Ordnung bringen.

 

Hiob antwortet ihm, dass er sich sehr wohl darüber bewusst sei, dass alles Geschehen aus Gott Hand sei, aber fügt die Frage hinzu, ob nicht das Ohr die Worte Gottes prüfen dürfe, wie ja auch der Gaumen die Speise prüfe, bevor er sie esse.

 

Und dann holt er zum Gegenschlag aus: Was ihr wisst, weiß auch ich, doch er wolle zum Allmächtigen sprechen, er wolle aus seinem Mund hören, was er denn ihm, Hiob, vorzuwerfen habe. Die überklugen Worte seiner Freunde glichen untauglichen Ärzten, wirklich weise wären sie erst dann, wenn sie endlich schweigen würden. Er wolle von Gott wissen, warum ihm denn der Trost genommen sei, der selbst dem gefällten Baum zuteil werde, da dieser auch dann noch, nachdem er gefällt wurde, wieder Sprösslinge treibe.

 

Elifas ergreift nun das Wort zum zweiten Mal. Nachdrücklich wiederholt sein Freund seine Mahnungen, dass er, Hiob, solange, als er Gottes Weisheit in Zweifel ziehe, nicht hoffen dürfe, dem Dunkel zu entfliehen. Er lasse mit seinen Anklagen die für alle Menschen gebotene Gottesfurcht vermissen und sein eigener Mund und nicht er, sein Freund sei es, der ihn verurteile, da er die Sprache des Listigen gewählt habe.

 

Hiob entgegnet ihm, dass er diese frommen Sprüche schon immer gehört habe, dass sie ihm nichts Neues sagen und damit auch keinen Trost bringen könnten. Er aber sei zum Spott für die Leute geworden, er sei einer geworden, dem man ins Gesicht spuckt. Dahin seien seine Tage, zunichte seine Pläne und Herzenswünsche. Die Nacht werde zum Tag.

 

Auch Bilfad erhebt sein Wort zum zweiten Mal und weist die Vorwürfe Hiobs gegen seine Freunde energisch zurück. Warum sind wir wie Vieh geachtet, gelten als unrein in euren Augen? Soll deinetwegen die Erde sich entvölkern, da du, dich selbst zerfleischt in deinem Zorn?

 

Und Hiob antwortet auch ihm erneut: Wie lange noch wollt ihr mich quälen und mich mit Worten niedertreten? Zum zehnten Mal schon schmäht ihr mich und schämt euch nicht, mich zu beleidigen. Und er fordert seine Freunde auf, doch zu erkennen, dass Gott ihn niedergedrückt habe, dass er ihn seiner Ehre entkleidet habe und ihm keinen Weg aus dieser Mühsal aufzeige.

 

Aber nun beginnen sich in der Brust Hiobs erste Ansätze einer Umkehr und erneuten Hinwendung zu Gott zu regen. Er sehnt sich danach, dass seine Worte mit eisernem Griffel für immer in den Fels gehauen würden. Denn dann werde er ihn selber sehen, denn er wisse, dass sein Erlöser lebt und dass er ihn eines Tages sehen werde, ohne seine Haut, die so zerfetzte und ohne sein mit Geschwüren bedecktes Fleisch.

 

Doch Zofar verkennt den Sinn der Gegenrede Hiobs und vermeint ihn zum zweiten Mal der Untreue gegen Gott bezichtigen zu müssen. Wisse er denn nicht, dass von Urzeit her des Frevlers Jubel nur kurz währe und dann wie Kot vergehe?

 

Hiob antwortet mit einer Gegenfrage: Darf man Gott – wie dies seine Freunde gerade getan haben – Erkenntnis lehren, ihn, der die Erhabenen richtet? Der eine stirbt in vollem Glück, ist ganz in Frieden, sorgenfrei. Der andere stirbt mit bitterer Seele und hat kein Glück genossen. Zusammen liegen sie im Staub und Gewürm deckt beide zu. Nochmals wirft er seinen Freunden vor, dass sie Ränke gegen ihn sinnen und dass ihre Antworten Betrug blieben.

 

Elifas wird nicht müde, um Hiob zu Umkehr und Demut zu bewegen. Er solle Gottes Freund werden und das Gute käme dann auch wieder zu ihm. Wer hochmütig rede, den ducke Gott, doch helfe er dem, der die Augen senkt.



Nochmals ist Hiobs Gegenrede Widerspruch und Klage. Nach wie vor bleibt ihm unerklärlich, wieso die Frevler unbestraft bleiben, wenn sie die Armen vom Wege drängen und aus den Städten die Sterbenden stöhnen und der Erschlagenen Leben laut schreit und anklagt. Wieso achtet Gott nicht auf deren Flehen?

 

Bildad fällt hierauf nichts weiteres ein als auf die Unergründlichkeit Gottes hinzuweisen. Wie wäre ein Mensch gerecht vor Gott, wie wäre rein der vom Weib Geborene? Selbst der Mond glänze nicht hell, die Sterne seien nicht rein in seinen Augen, geschweige denn der Mensch, die Made, der Menschensohn, der Wurm.

 

Und nun entgegnet ihm Hiob, dass er seinen Freunden widersprechen müsse, wenn sie ihn der Untreue gegen Gott bezichtigen. Obwohl Gott zuließ, dass ihm Unrecht geschah, höre er nicht auf, Gottes Weisungen zu befolgen. Solange noch Atem in ihm sei, solle kein Unrecht über seine Lippen kommen. Solange er lebe, gebe er seine Unschuld nicht preis.

 

Hiob beendet seine Rede damit, dass er sich wünscht, doch so zu sein, wie er in längst vergangener Zeit gewesen war, als Gott ihn noch beschirmte. In Wirklichkeit aber würden heute jene über ihn lachen, deren Väter er nicht für wert geachtet habe, sie bei den Hunden seiner Herde anzustellen. Und er beschließt sein Plädoyer mit dem inbrünstigen Wunsch, dass es doch einen gäbe, der ihn höre, dass Gott ihm antworte. Das sei sein einziges Begehr.

 

Es folgen nun in einem weiteren Akt die vier Reden des Weisheitslehrers Elihus, der sich offensichtlich im Auftrag Gottes an Hiob wendet. Da die Freunde am Schluss ihres Streitgesprächs nichts mehr Hiob entgegen zu setzen hatten, weil er nun in ihren Augen als gerecht angesehen wurde, entbrannte der Zorn Elihus, einmal gegen Hiob, weil er sich vor Gott als für gerecht hielt, zum andern aber auch gegenüber den drei Freunden, weil sie keine Antwort mehr fanden, um Hiob schuldig zu sprechen. Er – so heißt es – habe sich bisher nur zurückgehalten, da er im Vergleich zu Hiob der Jüngere war und er an und für sich die Weisheit des alten Menschen achte.

 

Als erstes wirft er – ähnlich wie zuvor anfangs die drei Freunde  – Hiob Hochmut vor, er fragt ihn, warum er mit Gott, der doch so viel größer sei als alle Menschen je sein könnten, wegen seines Schicksals hadere, weil Gott angeblich seinen Worten nicht erwidere.

 

Als zweites stellt Elihus klar, dass es Gott fern sei, Unrecht zu tun oder jemals das Recht zu beugen, er vergelte stets nach den Taten, welche die Menschen verübten. Gott habe die Macht, dem Recht Durchbruch zu schaffen, deshalb schlägt er die Frevler, nachdem er das Geschrei der Gebeugten gehört hat.

 

Drittens preist Elihus Gottes Überlegenheit und Langmut. Zu Unrecht halte sich Hiob vor Gott gerecht und frage, was er davon habe, nicht zu sündigen. Und wenn Gott aus Langmut nicht sofort den Sündigen strafe, hieße dies nicht, dass letztendlich jemand seiner verdienten Strafe entgehen könne. Hiob mache aus Überheblichkeit große Worte im Unverstand.

 

Viertens weist er darauf hin, dass es sehr wohl dem göttlichen, vom Menschen nie erkennbaren Ratschluss entspricht, dass die Frevler nicht immer unmittelbar nach ihrer Tat zur Rechenschaft gezogen werden. Er, Hiob, habe nicht das Recht, die Nacht herbeizusehnen, in der die Strafe der Sündigen erfolge. Gerade weil Hiob nicht bereit sei, sich demütig dem Willen Gottes zu unterwerfen, werde er durch Leid geprüft.

 

In einem nächsten Akt spricht Gott selbst mit Hiob. Obwohl Elihus im Namen, vielleicht sogar im Auftrag Gottes zu Hiob gesprochen hat, war Gott genauso wenig mit Elihus Zurechtweisung zufrieden, wie Elihus zuvor mit der Haltung der drei Freunde ins Gericht ging.

 

In einer ersten Rede fragt Gott Hiob, warum er trotz seiner Unwissenheit über die letzten Geheimnisse mit Gerede ohne Einsicht den göttlichen Ratschluss verdunkle. Wo war er denn, als ich, Gott, die Erde gegründet habe und die Messschnur über die Erde gespannt habe. Vermeine Hiob wirklich, dass er auf diese Fragen eine Antwort habe?

 

Nun antwortet Hiob, ganz demütig, wie er es stets war, bevor er von Schicksalschlägen überrannt wurde, ich bin zu gering, um darauf zu erwidern, einmal habe ich geredet, ich tu es nicht wieder.

 

In einer zweiten Rede Gottes an Hiob stellt er Hiob die Frage, ob er tatsächlich ihn, den Gott, schuldig sprechen wolle, um selbst Recht zu behalten. Er fragt ihn hierauf, ob er wirklich der Meinung sei, so stark und mächtig wie Gott zu sein und Recht gegenüber Unschuldigen und Schuldigen sprechen zu können? Er solle es doch einmal versuchen und wenn es ihm gelänge, dann, ja dann werde er, der Schöpfer dieser Erde, auch ihn preisen, weil deine Rechte den Sieg verschafft haben.

 

Und endgültig einsichtig geworden, antwortet Hiob, er habe erkannt, dass Gott alles vermag. Ich habe bisher im Unverstand geredet über Dinge, die für mich in meiner Unvollkommenheit zu wunderbar und unbegreiflich sind. Belehre mich, bisher habe ich dich nur vom Hörensagen vernommen, jetzt aber hat mein Auge dich geschaut.

 

Hiermit endet die Geschichte mit einer Unterwerfung Hiobs unter den für Menschen unergründbaren Willen Gottes. Allerdings wird die Geschichte Hiobs auf zwei verschiedenen Ebenen im Buche Hiob verhandelt. Wir erfuhren bisher nur darüber, was sich hier auf Erden ereignet hat. Die Geschichte kennt jedoch eine zweite Ebene, welche als eine Art Rahmenerzählung im Himmel spielt, wo Gott mit Satan um die Rechtschaffenheit Hiobs streitet.

 

Um zu zeigen, dass es auf Erden sehr wohl Menschen gibt, welche voll zu Gott stehen und bereit sind, sich seinen Weisungen zu fügen, verweist Gott auf Hiob und auf sein untadliges Handeln. Satan ist nicht von der Rechtschaffenheit Hiobs überzeugt. Zwar muss er einräumen, dass Hiob im Augenblick Gott gefällig sei, er meint jedoch, dass Hiob genauso wie wohl alle Menschen nur solange Gott die Treue halte, als es ihnen gut gehe und sie von Schicksalsschlägen verschont blieben. Da Gott nach wie vor von der Rechenschaft Hiobs überzeugt ist, lässt er es zu, dass Satan Hiob ins Elend stürzt. Wohlbemerkt: Gott lässt es zu, dass Hiob Schaden erleidet, es ist nicht Gott, sondern der Teufel, der diesen Schaden bewirkt.

 

Nachdem Hiob – wie gezeigt - trotz zahlreicher Schicksalsschläge Gott die Treue hält und Gott offensichtlich mit seiner Überzeugung recht behalten hat, treffen sich Gott und Satan erneut. Satan gibt sich noch nicht zufrieden. Nach wie vor ist er davon überzeugt, dass Hiob von Gott abfallen wird, sofern er mit schwerer Krankheit geschlagen wird. Da Gott nach wie vor von der Treue Hiobs überzeugt ist, lässt er erneut zu, dass der Satan Hiob weiter Leid bringt, indem er Hiob schweren Krankheiten aussetzt.

 

Nachdem Hiob auch diese Prüfungen nach anfänglichem Zweifel und Verirrtheit bestanden und sich demütig in sein Schicksal gefügt hatte, darauf vertrauend, dass Gott ihn eines Tages erhöre und erlöse, wendete Gott schließlich das Geschick Hiobs und mehrte seinen Besitz auf das Doppelte.

 

Hiermit fand diese Geschichte ihr Ende. Wir erwähnten bereits, dass es bei dieser Geschichte genauso wie bei den anderen bereits behandelten Erzählungen in Wirklichkeit gar nicht um den erzählten Stoff geht, dass diese Erzählung vielmehr dazu dient, bestimmte tiefere Glaubenswahrheiten anzusprechen. Im Grunde werden in dieser Erzählung vier Probleme angesprochen.

 

Erstens wird die Frage gestellt, wie sich die Menschen Gott gegenüber zu verhalten haben, ob sie Zweifel äußern dürfen oder zum Kadavergehorsam verpflichtet sind.

 

Ein zweites Problem bezieht sich auf die Frage, wieweit wir damit rechnen müssen, dass Gott die Menschen auch Versuchungen aussetzt, um diese auf ihre Ergebenheit zu überprüfen.

 

Ein drittes Problem gilt der Frage, ob das Leid eines Menschen stets Ausdruck dafür ist, dass dieser gesündigt hat, ob also Gott nur Leid als Strafe zulässt?

 

Eng zusammen damit steht die weitere vierte Frage, wie denn das Leid der Menschen mit Gottes Güte und Allmacht zu vereinen ist. Müsste man von einem gerechten und gütigen Gott nicht erwarten können, dass er kein unverdientes Leid zulässt und kann man nicht erwarten, dass Gott aufgrund seiner Allmacht auch jede unverdiente Strafe abwenden kann?

 

Die erste Frage nach dem geschuldeten Verhalten des Menschen Gott gegenüber wird hier dadurch angesprochen, dass insbesondere seine Freunde, aber auch der Weise Elihus Hiob zum Vorwurf machen, dass er bereits dadurch zum Frevler werde, dass er nicht verstehen kann, dass Gott ihn trotz seines vorbildlichen Verhaltens so hart hat strafen lassen.

 

Diese Frage haben wir bereits im Zusammenhang mit dem Disput diskutiert, den Abraham mit Gott über die Zerstörung von Sodom und Gomorra geführt hatte. Wir hatten dort von einem unerhörten Verhalten Abrahams Gott gegenüber erfahren. Anstatt Abraham in Demutshaltung die Mittelung Gottes, dass er plane Sodom und Gomorra wegen ihrer Sündhaftigkeit auszulöschen, wortlos anhört und Gott für diese Absicht preist, wie zur Zeit Abrahams im Rahmen wohl aller heidnischen Religionen geboten wird, wagt es Abraham, Gott zu widersprechen, ihm vorzuhalten, auch er habe sich an die von ihm erlassenen Gebote zu halten.

 

Aber anstatt dass Abraham für seine Ungehörigkeit der Blitz trifft, findet Gott kein einziges tadelndes Wort, ja er ist sogar bereit, wegen der von Abraham vorgetragenen Fürbitte für die Bewohner Sodom und Gomorras von seinem Plan, die Stadt zu vernichten, abzusehen, sofern er mindestens 50 Bewohner findet, die Gott die Treue gehalten haben.

 

Es geht aber mit den Unverschämtheiten Abrahams noch weiter. Anstatt er Gott für diese Milde dankt, fängt er noch an, mit Gott zu schachern und zu fragen, ob Gott nicht bitte auch dann auf seine Rache verzichten solle, wenn statt fünfzig nur fünfundvierzig (u.s.w.) Gerechte gefunden werden. Mit einem Trick fragt er dann nicht, ob Gott wegen 45 Gerechten die Stadt verschone, sondern er spricht von fünf (!) fehlenden Gerechten, wegen derer Gott doch nicht die ganze Stadt vernichten könne.

 

Und was noch mehr verwundert, auch jetzt ist Gott Abraham nicht böse, sondern bereit, den Bitten Abrahams zu folgen. Nicht in dem Disput, aber bei der dann tatsächlich eingetretenen Zerstörung beider Städte stellt sich dann heraus, dass in Wirklichkeit nur ein einziger als gerecht anzusehender Bewohner bzw. seine Familie, nämlich Lot, der Verwandte Abrahams, gefunden wurde und dass selbst dieser eine dann gerettet wurde, sodass im Endergebnis kein einziger Gerechte bei der Zerstörung Sodom und Gomorra mit unterging.

 

Auch das in dieser Erzählung angesprochene zweite Thema, die Frage, inwieweit Gott Menschen prüft und hierbei ihnen Leid zuführt, haben wir bereits bei der Analyse einer anderen Erzählung diskutiert. Gott hatte danach Abraham aufgefordert, seinen einzigen und geliebten Sohn Isaak als Brandopfer für ihn darzubieten.

 

Aber auch hier mussten wir erkennen, dass in dieser Erzählung nicht die Opferung Isaaks im Vordergrund stand, dass in Wirklichkeit diese Geschichte gerade aufzeigen will, dass Jahwe ganz anders als die meisten Götter der Heiden eben gerade keine Freude an Menschenopfern hat und wir hatten dann anhand weiterer Textstellen der Heiligen Schrift gesehen, dass ganz im Gegensatz hierzu der Gott der Juden und Christen von uns Menschen erwartet, dass wir Nächstenliebe üben und dass jede gute wie auch schlechte Tat gegenüber unseren Mitmenschen von Gott so beurteilt wird, als hätte sie ihm gegolten.

 

Wir wollen uns in diesem Kapitel vorwiegend mit der an dritter Stelle aufgeführten Frage auseinandersetzen, ob nämlich jedes Leid, das Menschen zugefügt wird, als Strafe für begangene Sünden anzusehen ist. Offensichtlich ging ein beachtlicher Teil der Juden in der Tat von dieser Überzeugung aus und so ist es nur verständlich, dass auch in der Geschichte über Hiob seine drei Freunde sowie der Schriftgelehrte Elihus genau dieser Vorstellung entsprechen. Auch in der heutigen Zeit begegnet uns dieser Glaube bei einigen radikalen christlichen Sekten. Und die eigentliche Aufgabe dieses Buches kann dann darin gesehen werden, dieser Irrlehre zu widersprechen.

 

Aber auch dann, wenn wir einräumen, dass in Wirklichkeit oftmals gerade diejenigen, welche mustergültig den Weisungen Gottes entsprechen, von überaus harten Schicksalsschlägen getroffen werden und dass ausgerechnet die Ruchlosen der gerechten Strafe entgehen, bleibt ein entscheidendes Problem bestehen. Wie kann Gott es zulassen, dass die Frevlers oftmals der gerechten Strafe entgehen und die Gerechten unverdientes Leid erfahren?

 

Wie vereinbaren sich diese Ereignisse mit unserem Glauben, dass Gott auf der einen Seite diese offensichtlichen (aber vielleicht nur scheinbaren?) Ungerechtigkeiten zulässt, mit unserer festen Überzeugung, dass Gott auf der einen Seite gerecht und gütig ist und auf der anderen Seite als allmächtig gilt. Warum will Gott, dass einzelne Menschen in besonderem Maße Leid erfahren, obwohl sie seinen Weisungen musterhaft folgen und falls er dies gar nicht erwünscht, warum unterbindet er diese Frevel nicht, obwohl er doch als allmächtiger Gott diese Untaten verhindern könnte? Diese beiden Fragenkreise werden im Mittelpunkt des letzten Abschnitts dieses Artikels stehen. Führen wir uns jedoch zunächst den Wortlaut des Streitgespräches zwischen Hiob und seinen drei Freunden vor Augen.

 

 

                2. Interpretation

 

Dieser Disput zwischen Hiob und seinen drei Freunden lässt sich allerdings nur dann voll verstehen, wenn wir die Vorgeschichte heranziehen. Als erstes müssen wir uns darüber klar werden, wer denn Hiob war oder da es ja nicht auf eine historische Wahrheit ankommt, für welche Art von Persönlichkeit Hiob steht. In Kapitel 1 des Buches Hiob heißt es hierzu:

 

1 ‚Im Lande Uz lebte ein Mann mit Namen Ijob. Dieser Mann war untadelig und rechtschaffen; er fürchtete Gott und mied das Böse.

2  Sieben Söhne und drei Töchter wurden ihm geboren.

3  Er besaß siebentausend Stück Kleinvieh, dreitausend Kamele, fünfhundert Joch Rinder und fünfhundert Esel, dazu zahlreiches Gesinde. An Ansehen übertraf dieser Mann alle Bewohner des Ostens.

4  Reihum hielten seine Söhne ein Gastmahl, ein jeder an seinem Tag in seinem Haus. Dann schickten sie hin und luden auch ihre Schwestern ein, mit ihnen zu essen und zu trinken.

5  Wenn die Tage des Gastmahls vorbei waren, schickte Ijob hin und entsühnte sie. Früh am Morgen stand er auf und brachte so viele Brandopfer dar, wie er Kinder hatte. Denn Ijob sagte: Vielleicht haben meine Kinder gesündigt und Gott gelästert in ihrem Herzen. So tat Ijob jedes Mal.‘

 

Wir erfahren also, dass Hiob für eine Person steht, welche es in ihrem bisherigen Leben sehr weit gebracht hat, er hat Reichtümer angesammelt, hat Ansehen in der Öffentlichkeit erworben, führte ein glückliches Familienleben und war darüber hinaus ein ganz besonders frommer Mensch, der mehr tat, als man im Allgemeinen von den einzelnen Menschen verlangen kann.

 

Wir haben im vorhergehenden Abschnitt von einem Geschehen hier auf Erden erfahren. Dieser Szene geht jedoch ein Bühnenbild voraus, das im Himmel handelt und das über einen heftigen Disput des Satans mit Gott berichtet. Gott selbst weist darauf hin, wie mustergültig sich Hiob verhält und sich in keiner Weise von den Verlockungen des Satans beeinflussen lässt.

 

Der Satan hält dagegen, er ist davon überzeugt, dass kein noch so frommer Mensch die Treue zu Gott auch dann noch aufrechterhält, wenn es diesem Menschen nicht mehr gut geht, wenn er den Verlust seines Vermögens und seines Ansehens in der Gemeinschaft verliert.

 

Da sich Gott von dieser Argumentation nicht überzeugen lassen konnte und nach wie vor der Überzeugung ist, dass Hiob in guten wie in schlechten Zeiten zu ihm hält, lässt er den Satan gewähren, duldet also, dass Satan Hiob übel mitspielen darf, allerdings macht er die Einschränkung, dass er die Gesundheit Hiobs nicht antasten dürfe. Das Kapitel 1 fährt fort:

 

6  ‚Nun geschah es eines Tages, da kamen die Gottessöhne, um vor den Herrn hinzutreten; unter ihnen kam auch der Satan.

7  Der Herr sprach zum Satan: Woher kommst du? Der Satan antwortete dem Herrn und sprach: Die Erde habe ich durchstreift, hin und her.

8  Der Herr sprach zum Satan: Hast du auf meinen Knecht Ijob geachtet? Seinesgleichen gibt es nicht auf der Erde, so untadelig und rechtschaffen, er fürchtet Gott und meidet das Böse.

9  Der Satan antwortete dem Herrn und sagte: Geschieht es ohne Grund, dass Ijob Gott fürchtet?

10  Bist du es nicht, der ihn, sein Haus und all das Seine ringsum beschützt? Das Tun seiner Hände hast du gesegnet; sein Besitz hat sich weit ausgebreitet im Land.

11  Aber streck nur deine Hand gegen ihn aus und rühr an all das, was sein ist; wahrhaftig, er wird dir ins Angesicht fluchen.

12  Der Herr sprach zum Satan: Gut, all sein Besitz ist in deiner Hand, nur gegen ihn selbst streck deine Hand nicht aus! Darauf ging der Satan weg vom Angesicht des Herrn.‘

 

Es hat also den Anschein, als geschehe dieses Ereignis eigens, um Hiob auf die Probe zu stellen. Hierbei ist es von entscheidender Bedeutung, dass die Gestalt Hiobs sowohl zu den reichsten Einwohnern als auch zu den gottesfürchtigsten Menschen überhaupt zählt.

 

Ziehen wir hierzu den Roman über Hiob, den Joseph Roth 1930 geschrieben hatte, hinzu. Rein äußerlich gleichen sich die Szenen. Mendel Singer, der Hiob Roth’s, wird auch als frommer Jude geschildert, auch er verbringt zunächst ein friedliches Leben mit seinen Söhnen und Töchtern, auch er wird eines Tages vom Schicksal geschlagen, ja bis zu der äußeren dichterischen Form beider Erzählungen gleichen sich beide Werke.

 

Achtet man jedoch auf den tieferen Sinn, der diesen beiden Geschichten zugrunde liegt und fragt, was denn der Autor mit dieser Erzählung eigentlich sagen will, unterscheiden sich beide Werke, wie es keine größeren Unterschiede geben kann. Während Hiob einmalig ist, wie es seinesgleichen auf Erden nicht mehr gibt, ist der Hiob bei Roth ein Jedermann, Roth will mit seinem Roman auf das Schicksal der Juden in Europa Ende der zwanziger und zu Beginn der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts hinweisen.

 

Mendel Singer ist zwar auch fromm, aber seine Frömmigkeit ähnelt eher einer Frömmigkeit, der wir im Neuen Testament bei vielen Pharisäern begegnen, die nicht mehr nach dem Sinn der Weisungen Gottes fragen und sich lediglich bemühen, buchstabengetreu die einzelnen Vorschriften zu befolgen. Es ist klar, dass es bei dem Disput des Satans mit Gott eben gerade nicht um das Schicksal eines Jedermann geht.

 

Der Satan ist der Überzeugung, dass kein einziger, auch nicht der frömmste Diener Gottes, dann immer noch zu Gott hält und ihn lobt, wenn er vom Schicksal gezeichnet wird. Dass sich ein Großteil der Menschen tatsächlich so verhält, wie der Satan unterstellt, dürfte für beide, sowohl für den Satan wie auch für Gott, unbestritten sein. Es geht vielmehr in diesem Streit um die ganz andere Frage, ob es keinem Menschen gelingen kann, Gott die Treue zu halten, unabhängig davon, von welchem Schicksalschlag der Einzelne gerade getroffen wird. Es geht also um die Frage, ob die Menschen überhaupt in der Lage sind, Gott die Treue zu halten.

 

Wir haben gesehen: In dieser Erzählung bewirkt Satan, dass Hiob in ganz kurzer Zeit all seine Reichtümer und auch seine Kinder verliert. Trotzdem steht Hiob nach wie vor zu Gott: Er hat gegeben, er hat genommen, gepriesen sei der Name Gottes. Vorbildlicher hätte sich kein vom Leid geplagter Mensch Gott gegenüber verhalten können. Wir hätten vermutlich auch durchaus Verständnis gezeigt, wenn Hiob aufgrund dieses ihm zugefügten Leides zunächst mit Gott gehadert hätte. Also können wir sagen, dass im Disput Satans mit Gott die erste Runde ganz eindeutig zugunsten Gottes ausgefallen war, Satan hatte Unrecht, Gott hatte jedoch die Treue Hiob’s richtig gedeutet.

 

Aber die Erzählung ging weiter. Gott und Satan hatten sich – folgt man der Erzählung der Heiligen Schrift  – ein zweites Mal getroffen und obwohl Gott auf das vorbildliche Verhalten Hiobs hinweisen konnte, blieb Satan bei seiner pessimistischen Ansicht. Zwar musste er zugeben, dass ein Verlust des Reichtums nicht dazu geführt hat, dass Hiob von Gott abfällt, er ist jedoch der vollen Überzeugung, dass in dem Augenblick, in dem er auch mit Krankheit geschlagen wird, werde er von Gott abfallen und ihn verfluchen, dass Gott es zuließ, dass ihm – dem allzeit Gottes fürchtigen Menschen – dieses Leid zugefügt wurde.

 

Gott lässt auch dieses zweite Mal Satan gewähren. Und nun hat es zunächst den Anschein, dass der Satan recht behalte, denn in der Tat hadert nun Hiob mit Gott und spricht seine große Enttäuschung und Verbitterung darüber aus, dass er als Gerechter Strafe erleidet, während die eigentlichen Frevler straflos bleiben.

 

Aber wir haben gesehen: Hiob macht in seinem Leid eine Entwicklung durch. Obwohl er mit Gott hadert, hält er sich nach wie vor an die Gebote Gottes. Er erkennt sodann, vor allem als Gott selbst zu ihm redete, dass er niemals das Wissen haben kann, das er zur Beurteilung der Geschehnisse hier auf Erden benötigen würde und dass er dann, wenn er sich vertrauensvoll an Gott wendet, er schließlich gerade in dieser Zwiesprache mit Gott den Trost finden kann, um  sein Gottes fürchtiges Leben fortzusetzen.

 

Vor allem dann, wenn wir die Unterhaltung Abrahams mit Gott heranziehen, in der Abraham sehr wohl mit Gott haderte, ihm sogar vorwarf, er halte sich nicht an die Gesetze, die er selbst erlassen habe, können wir aus dieser Erzählung den Schluss ziehen, dass nicht im anfänglichen Zweifel an der Gerechtigkeit Gottes der eigentliche Frevel Hiob’s zu sehen ist. Er darf sehr wohl Zweifel haben.

 

Das zunächst Unerwünschte im Verhalten Hiob’s lag daran, dass er trotz Zweifel nicht bereit war, sich Gott anzuvertrauen, in der Hoffnung bei Gott trotz des erlittenen Leides Trost zu finden. Frevelhaft war im Ansatz die etwas voreilige Verurteilung Gottes, der Glaube, Gott bestrafe den Gerechten und lasse den Frevler straffrei.

 

Es bleibt also nun die entscheidende Frage, wie denn das Leid der Gerechten mit dem festen Glauben einerseits an Gottes Gerechtigkeit und Güte, andererseits an seiner Allmacht in Einklang, sprich für uns Menschen verständlich und nachvollziehbar gebracht werden kann. Dieser entscheidenden Frage wollen wir uns nun im letzten Abschnitt dieses Kapitels zuwenden.

 

 

3. Entspricht das Leid der Menschen Gottes Wille?

 

Auf die Frage, wie wir den Widerspruch auflösen können, der zwischen der offensichtlichen, aber vielleicht nur scheinbaren Tatsache besteht, dass gottfürchtige Menschen zu Unrecht Leid erfahren und gleichzeitig böse Menschen verschont bleiben, lassen sich insbesondere drei Antworten geben:

 

Eine erste Antwort geht von der Überzeugung aus, dass nur die Frevler von Gott bestraft werden und dass eben deshalb jeder, der von Leid geplagt wird, zuvor gesündigt hat.

 

Eine zweite mögliche Antwort besteht darin, dass man auf die Unergründbarkeit Gottes hinweist, dass wir Menschen gar nicht in der Lage sind, darüber zu befinden, wie die Geschehnisse hier auf Erden einzuordnen sind. Wir wissen also nicht, warum Gott bestimmten Menschen Leid zukommen lässt und wir vertrauen darauf, Gott richtet alles so, dass jedem das zuteil wird, was zu seinem Besten sein wird. 

 

Eine dritte letzte mögliche Antwort interpretiert die Aussage, dass alles Geschehen hier auf Erden aufgrund Gottes Willen geschieht, in dem Sinne, dass Gott zwar das Leid der Menschen duldet, dass es aber eben gerade nicht von Gott, sondern von den Menschen selbst ausgeht.

 

Wenden wir uns der erstgenannten möglichen Antwort zu. Wir hatten bereits darauf hingewiesen, dass diese Auffassung offensichtlich in der Zeit, in der das Buch Hiob verfasst wurde, unter dem Judentum weitgehend verbreitet war und dieses Werk gerade deshalb verfasst wurde, weil man dieser Meinung entgegentreten wollte und weil man der Überzeugung war, dass diese Auffassung Gottes Walten falsch interpretiert.

 

Zuzustimmen ist im Rahmen dieser Antwort sicherlich dem festen Glauben, dass Gott als gerecht, gütig und barmherzig umschrieben werden kann. Wenn Gott wirklich gerecht ist, dann werden die einzelnen Menschen nach ihren Taten gerichtet, die Bösen erfahren Strafe, die Guten erhalten Lohn und der Umfang der Strafe oder Belohnung erfolgt entsprechend dem Umfang der einzelnen Taten. Mit anderen Worten: Alle Menschen sind auch im Hinblick auf diese Frage gleich.

 

Wenn wir weiterhin davon überzeugt sind, dass Gott gütig ist, so begleitet er den Menschen stets mit Güte, er wird also sicherlich nichts tun, was dem einzelnen Menschen schadet. Und wenn wir dann zusätzlich davon ausgehen, dass Gott auch noch barmherzig ist, dann können wir darauf vertrauen, dass Gott uns auch dann vergibt, wenn wir gesündigt haben, vorausgesetzt, wir bereuen unsere böse Tat und sind ehrlich bemüht, umzukehren. Es kann kein Zweifel bestehen, dass die Heilige Schrift, sowohl das Alte wie auch das Neue Testament, nicht müde wird, uns zu lehren, dass unser Gott tatsächlich diese drei Eigenschaften aufweist.

 

Richtig an dieser ersten Antwort ist auch die Auffassung, dass nur Gott allwissend ist und in die Herzen der Menschen schauen kann. Wenn also einer Person, welche allgemein von den Mitmenschen als rechtschaffen angesehen wird und trotzdem großes Leid erfährt, müssen wir in der Tat in Einzelfällen durchaus damit rechnen, dass der Betroffene unter Umständen nur nach außen uns als gerecht erscheint, dass er jedoch in Wirklichkeit sehr wohl böse Taten vollbracht hat, eben nur in der Lage war, uns gegenüber diese zu verschleiern.

 

Trotzdem entspricht diese Interpretation aus mehreren Gründen nicht der Wahrheit und entspricht auch nicht der offiziellen Lehre der christlichen Kirchen.

 

Als erstes müssen wir feststellen, dass mit dieser Antwort – wenn überhaupt – nur die Tatsache erklärt wird, dass einem guten Menschen Böses widerfahren kann, in keiner Weise wird eine Antwort auf den anderen Widerspruch gegeben, dass nämlich offensichtlich böse Menschen keine Strafe für ihre Untaten erfahren, sondern von einem Erfolg zum anderen ziehen. Man wird ja wohl nicht ernsthaft behaupten wollen, dass diese ruchlosen Menschen in Wirklichkeit Gott die Treue gehalten haben und dass diese Menschen reinen Herzens seien. Wir brauchen zur Widerlegung einer solchen Auffassung gar nicht auf die größten Verbrecher dieser Geschichte, also z. B. auf Hitler, Stalin oder Mao Tsetung zurückgreifen, es gibt genügend Beispiele im Kleinen, dass viele Menschen wiederholt und anhaltend ihre Mitmenschen quälen und ihnen das Leben zur Hölle machen. Es ist ganz ausgeschlossen, dass wir dann, wenn diese Menschen trotzdem in ihrem Leben zumindest lange Zeit erfolgreich sind, davon ausgehen können, dass diese Menschen in Wirklichkeit gar nicht böse waren, dass es nur den Anschein hatte, dass sie böse sind.

 

Als zweites sollten wir uns an das Gleichnis Jesu vom Unkraut unter dem Weizen bei Matthäus im Kapitel 13 erinnern:

 

24 ‚Und Jesus erzählte ihnen noch ein anderes Gleichnis: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Mann, der guten Samen auf seinen Acker säte.

25 Während nun die Leute schliefen, kam sein Feind, säte Unkraut unter den Weizen und ging wieder weg.

26 Als die Saat aufging und sich die Ähren bildeten, kam auch das Unkraut zum Vorschein.

27 Da gingen die Knechte zu dem Gutsherrn und sagten: Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher kommt dann das Unkraut?

28 Er antwortete: Das hat ein Feind von mir getan. Da sagten die Knechte zu ihm: Sollen wir gehen und es ausreißen?

29 Er entgegnete: Nein, sonst reißt ihr zusammen mit dem Unkraut auch den Weizen aus.

30 Lasst beides wachsen bis zur Ernte. Wenn dann die Zeit der Ernte da ist, werde ich den Arbeitern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, um es zu verbrennen; den Weizen aber bringt in meine Scheune.‘

 

Das Unkraut steht in diesem Gleichnis für die bösen Taten der Menschen und die Zeit der Ernte ist erst am Ende der Zeiten angebrochen. Hier wird von Jesus deutlich darauf hingewiesen, dass Gott zwar jedes Tun bestrafen oder belohnen wird, nicht aber unmittelbar nach der Tat, überhaupt nicht noch zu den Zeiten hier auf Erden, vielmehr wird klar gemacht, dass Gericht erst beim Untergang der Welt oder nach dem Tode des Einzelnen gehalten wird, sodass wir eben gerade nicht davon ausgehen sollten, dass Gott die Übeltaten der Menschen hier auf Erden vergelten wird. Und dies bedeutet eben auch: Der Umstand, dass hier auf dieser Erde wiederholt Guten Böses und Bösen Gutes widerfährt, sagt überhaupt nichts darüber aus, ob Böse nicht bestraft oder Gute nicht belohnt werden.

 

Jesus hat in diesem Gleichnis darüber hinaus auch kundgetan, warum Gott böse und gute Taten nicht unmittelbar bestraft oder belohnt. Die Knechte, in diesem Gleichnis also all diejenigen, welche im Auftrag Gottes hier auf Erden auftreten, sind ja zunächst gewillt, das Unkraut sofort auszureißen, damit es die gute Saat nicht behindere. Dem widerspricht jedoch der Gutsbesitzer, also Gott selbst, dass man das Unkraut nicht ausreißen solle, da sonst die Gefahr bestünde, dass man mit dem Unkraut auch den Weizen (also die gute Frucht) ausreißen würde.

 

Gerade weil wir Menschen unwissend sind, können wir niemals erkennen, wie groß die Schuld oder Unschuld des einzelnen Frevlers oder desjenigen ist, dem Unrecht geschieht. Zumeist müssen wir davon ausgehen, dass die Schuld einer Tat nicht allein bei dem liegt, der diese Tat vollbringt. Vielleicht wurde er von seinen Eltern falsch erzogen, vielleicht hat ihn das Opfer zunächst solange gequält, bis er sich aus Verzweiflung wehrt und in der Gegenwehr stärker zuschlägt als es notwendig und berechtigt ist.

 

Nur Gott sieht in die Herzen der Menschen, während wir Menschen eigentlich uns gar kein Urteil erlauben können. Zwar mag es zur Aufrechterhaltung der staatlichen Ordnung unerlässlich sein, dass im Namen des Volkes Straftäter abgeurteilt werden. Wir müssen uns jedoch darüber klar sein, dass mit diesem Urteil keine absolute Gerechtigkeit geschaffen werden kann, mögen wir uns noch so sehr um korrektes Handeln bei der Abrichtung von Straftätern bemühen.

 

Drittens kann gegen diese erste Antwort auf die Frage der Theodizee (der Rechtfertigung Gottes hinsichtlich des von ihm in der Welt zugelassenen Übels) eingewandt werden, dass diesem Urteil eine recht fragwürdige Interpretation dessen erfolgt, was als Wille Gottes anzusehen ist.

 

Natürlich ist es richtig, dass in einem gewissen Sinne hier auf Erden nichts ohne den Willen Gottes geschieht. Dies bedeutet jedoch keineswegs, dass wir davon ausgehen müssen, dass das Schicksal eines jeden Menschen Punkt für Punkt bis in alle einzelnen Momente von Gott in einem goldenen Buch niedergelegt und genauso auch von Gott gewollt ist, wie es den einzelnen Menschen trifft.

 

Eine solche, in der Tat weit verbreitete Ansicht steht in krassem Widerspruch zu anderen Glaubenswahrheiten. Gott hat den Menschen nach seinem Ebenbild erschaffen. Dies heißt natürlich keinesfalls, dass wir Gott gleich sind. In Wirklichkeit verstehen wir Gott als das einzige vollkommene Wesen in jeder Hinsicht, während wir für alle Menschen unterstellen müssen, dass sie wiederum in jeder Hinsicht unvollkommen sind. Ein Ebenbild ist eben nicht identisch mit seinem Original.

 

Wenn es in der Bibel heißt, dass Gott den Menschen nach seinem Ebenbilde erschuf, ist im Grunde gemeint, dass der Mensch nur in einem Punkt Gott ähnlich ist. Gott hat den Menschen einen freien Willen gegeben. Gott will nicht, dass wir durch unsere Triebe oder auch mit Waffengewalt zu unserem Glauben und zu sittlichem Verhalten gezwungen werden. Der Mensch ist frei, ob er die Weisungen Gottes annimmt und befolgt oder auch ablehnt.

 

Wenn wir nun von dieser Feststellung der Freiheit des Menschen ausgehen, dann folgt hieraus notwendiger Weise, dass wir damit rechnen müssen, dass einige Menschen sich von Gott abwenden und entgegen der Weisungen Gottes anderen Menschen großes Leid zufügen.

 

Freiheit bedeutet nicht, dass wir Menschen zwar die Möglichkeit haben, im stillen Kämmerchen Rachegedanken nachzugehen und Mordpläne auszuhecken, dass aber in dem Augenblick, in dem Menschen daran gehen, diese Pläne in die Tat umzusetzen, sie von Gott zurückgepfiffen werden. Dann wären wir ja nur Marionetten, welche von Gott bewegt werden, welchen zwar ein gewisser Spielraum zugestanden wird, welche aber jederzeit zurückgezogen werden können, wenn sie gegen Gottes Absicht verstoßen.

 

Natürlich kann man in diesem Sinne immer noch davon sprechen, dass alles, was auf Erden geschieht, Folge des Willens Gottes ist. Wenn Gott will, dass sich die Menschen aus freien Stücken für ihn aussprechen, dann impliziert dies eben auch, dass Böses tatsächlich geschehen kann. Es ist aber ein himmelgroßer Unterschied, ob man davon spricht, dass Gott aus freien Stücken einzelnen Menschen Leid zufügt und dies also auch wünscht und bewusst herbeiführt oder ob Gott es zulässt, dass Menschen Leid zugefügt wird, da nur auf diese Weise den Menschen die Freiheit gewährt werden kann.

 

Das Menschen zugefügte Leid ist hier eben gerade nicht von Gott gewollt, als gütiges Wesen wird Gott nie und nimmer einzelnen Menschen Leid zufügen. Wenn es wirklich nach dem Willen Gottes zuginge, würden alle Menschen den Weisungen Gottes folgen und keinem Menschen würde dann auch Leid zugefügt. Gott wünscht, dass allen Menschen Leid erspart bleibt, gerade deshalb bestehen ja die Weisungen Gottes zum größten Teil darin, dass wir unseren Mitmenschen keinen Schaden zufügen und ihnen nach unseren Kräften beistehen sollen, wenn sie in Not geraten.

 

Die Vorstellung, dass alles Geschehen hier auf Erden in einem goldenen Buch für jeden einzelnen Menschen minutiös aufgezeichnet und so von Gott vorherbestimmt wurde, steht noch mit einer anderen Tatsache in Widerspruch. Gott hat bei der Erschaffung der Welt eine hochkomplexe Maschinerie geschaffen, die wir als das Wirken der Naturgesetze bezeichnen. Alles, was wir hier auf Erden erkennen, scheint nach der festen Überzeugung der Naturwissenschaften diesen Naturgesetzen zu folgen. Warum sollte Gott eine so weitreichende Maschinerie eigens erschaffen haben, wenn er trotzdem jedes einzelne Geschehen jedes Menschen unabhängig von diesen Naturgesetzen bis ins Kleinste festgelegt hätte? Der Sinn einer solchen Maschinerie liegt doch gerade darin, dass nicht jedes einzelne Ereignis für sich geplant und festgelegt werden muss.

 

Dies bedeutet natürlich nicht, dass Gott sich nach Schaffung dieser Naturgesetze zurückgezogen hat und die Welt sich selbst (den Naturgesetzen) überlässt. Dies ist zwar die Auffassung des Deismus, der davon ausgeht, dass es ein Gott war, der die Welt erschaffen hat, der sich aber nach dem Schöpfungsakt vollkommen zurückgezogen und die Welt sich selbst überlassen hat.

 

Ganz im Gegensatz zu dieser deistischen Weltauffassung lehren alle theistischen Religionen, zu denen der jüdische und der christliche Glaube wie auch der Islam zählen, dass Gott sehr wohl das Geschehen hier auf Erden wohlwollend verfolgt und bisweilen – aber eben nur bisweilen – unmittelbar in das Geschehen hier auf Erden eingreift und dass hierbei unter Umständen durch Wundertaten, die nicht den Naturgesetzen entsprechen, die Geschehnisse nach Gottes Willen verändert werden.

 

Vor allem das Alte Testament ist voll von Berichten, nach denen Gott auf der einen Seite den bedrängten Juden zu Hilfe kam (denken wir z. B. an den Auszug aus Ägypten), auf der anderen Seite es aber auch eigens zuließ, dass die Juden für besonders schwere Vergehen dadurch bestraft wurden, dass sie von ihren Feinden in die (z. B. babylonische) Gefangenschaft geführt wurden.

 

Wenden wir uns nun der zweiten möglichen Antwort auf das Problem der Theodizee zu. Auch hier wird wiederum davon ausgegangen, dass alles Geschehen hier auf Erden im Grunde von Gott selbst vorherbestimmt ist, es wird auch an dem Glauben festgehalten, dass alles, was geschieht und von Gott bewirkt wurde, letztlich als gut und gerechtfertigt angesehen werden muss.

 

Im Gegensatz zu der ersterwähnten Antwort, wird hier jedoch bestritten, dass in jedem Einzelfall das Leid eines Menschen als Strafe für zuvor begangenes Unrecht angesehen werden muss. Es wird durchaus akzeptiert, dass ein Mensch rechtschaffen sein konnte und dass er trotzdem von Leid überzogen wurde. Hiob stellt offensichtlich einen solchen Fall dar. Er wird eigens von Gott selbst als rechtschaffen angesehen.

 

Der nun so offensichtlich auftretende Widerspruch wird hier aber so aufgelöst, dass es sich in Wirklichkeit nur um einen scheinbaren Widerspruch handelt. In Wirklichkeit kommt dieses Leid dem Menschen letzten Endes zugute. Nur aufgrund seiner Unvollkommenheit bleibt ihm die Einsicht verborgen. Gott gilt als das unbegreifliche Wesen, deshalb haben wir auch keine Antwort auf das vorliegende Problem. Unser Glaube lehrt uns jedoch, dass wir Gott vertrauen können, dass in Wirklichkeit sich auch die Dinge, welche uns als leidvoll und ungerecht erscheinen, letzten Endes als für uns heilbringend erweisen werden.

 

Um diese zunächst unverständliche Antwort besser verstehen zu können, wird oftmals auf ein Beispiel aus unserem Leben hingewiesen, in dem ein Ereignis, das zunächst einmal als ärgerlich und belastend empfunden wurde, sich dann im Nachhinein als durchaus erwünscht erwiesen hat.

 

So wird etwa von einem Individuum gesprochen, das sich nach harter, viele Monate dauernden Arbeit auf einen Urlaub in der Südsee gefreut hatte, das mit einem Taxi zum Flughafen fahren wollte, wobei das Taxi in einen Stau geriet und aus diesem Grunde unser Individuum das Flugzeug zu seinem Leidwesen verpasst hatte. Um die Problematik noch etwas zu verschärfen, wollen wir gleichzeitig unterstellen, dass unmittelbar danach ein unbefristeter Streik unter dem Flugpersonal ausgebrochen sei, sodass unser Individuum auch nicht mit einer späteren Maschine in den Urlaub fahren konnte. Wir wollen also unterstellen, dass durch diesen Zufall (dem Stau auf den Straßen) das herbeigesehnte Urlaubsvergnügen nicht mehr stattfinden konnte.

 

Wir können ohne Weiteres davon ausgehen, dass unser Individuum aufgrund dieses Ereignis höchst unzufrieden ist und vielleicht mit seinem Schicksal, das ihm die erhofften Urlaubsfreuden geraubt hat, hadert.

 

Nun – so wollen wir unterstellen – erfährt unser Individuum am nächsten Tage, dass das Flugzeug, das unser Individuum gebucht hatte, auf dem Wege in die Südsee ins Meer abstürzte und dass alle Passagiere wie das Flugpersonal ums Leben kamen. Nun erweist sich also im Nachhinein, dass das Verpassen des Flugzeuges, was zunächst alle seine Urlaubspläne vernichtet hatte und deshalb auch als großes Leid empfunden wurde, sogar unserm Individuum das Leben gerettet hatte und ihm deshalb sehr wohl zugute kam.

 

Auch dann, wenn man einräumen kann, dass sich solche Wendungen bisweilen tatsächlich ereignen können, dass sich also das, was zunächst als unerwünscht angesehen wurde, schließlich sogar als ausgesprochen hilfreich erwiesen hatte, es ist wohl kaum möglich, dieses Beispiel auf alle misslichen Ereignisse anwenden zu können. Man wird doch z. B. mit dem besten Willen nicht behaupten können, dass der Holocaust, durch den Millionen von Juden auf grausame Weise vergast wurden, sich im Nachhinein als für die Betroffenen hilfreich erwiesen hatte. Auch führte ja der fingierte Absturz des Flugzeuges zum Tod vieler unschuldiger Menschen.

 

Auch dann, wenn wir uns nicht auf einen solchen Extremfall beschränken wollen, müssen wir zugeben, dass ein als ungerecht empfundenes Leid zu einem sehr großen Teil gerade dazu führt, dass die hiervon Betroffenen mit Gott hadern und nicht mehr zu Gott zurückfinden. Hiob ist ein gutes Beispiel für diese Gefahr. Zwar zeigt die Geschichte, dass Hiob am Ende doch wiederum zu Gott zurückfindet und ihn nicht mehr anklagt. Aber man wird einräumen müssen, dass dies eben gerade nicht der Weg eines Jedermann sein wird.

 

Hiob wurde wohlbemerkt von Gott selbst als ein Mensch bezeichnet, der wie kein anderer auf dieser Erde Gott die Treue hält. Für die Masse derjenigen, welche – wenn auch vielleicht nur scheinbar von nicht verdientem – Leid betroffen werden, dürfte gerade diese Zufügung von Leid dazugeführt haben, dass sich diese Menschen endgültig von Gott abgewendet haben, dies erfolgte dann sicherlich nicht letztlich zum Wohle eben dieser Menschen.

 

An dieser zweitmöglichen Antwort ist trotzdem sicherlich soviel richtig, dass wir Menschen nicht in der Lage sind, Gottes Wille so zu ergründen, dass uns auch das Leid in jedem Falle als gerechtfertigt erscheint. Die menschlichen Erkenntnismöglichkeiten sind begrenzt. Jede korrekte und wissenschaftlich einwandfreie Erkenntnis ist darauf zurückzuführen, dass wir mit unseren Sinnen Beobachtungen machen und mit unserem Verstand daraus Schlussfolgerungen ziehen.

 

Alles, was wir aber mit unseren Sinnen nicht wahrnehmen können, entzieht sich unserer Erkenntnis. Wir können keine wissenschaftlich eindeutigen Aussagen treffen über Fragen darüber, ob es einen Gott gibt, ob dieser Gott die Welt erschaffen hat oder ob das Weltall aufgrund des Wirkens blinder Kräfte entstanden ist, weiterhin ob es ein Leben nach dem Tode gibt und ob uns Gott Weisungen erteilt hat, von deren Einhaltung es abhängt, ob der einzelne Mensch in das ewige Leben eingeht.

 

Obwohl also die Antwort, dass Gott und seine Pläne für den Menschen unergründbar bleiben, sicherlich korrekt ist, wäre es äußerst unbefriedigend, wenn wir uns auf diese Antwort beschränken würden. Wir wissen, dass es viele Menschen gibt, die ehrlichen Herzens bestrebt sind, an einen Gott zu glauben und entsprechend seiner Weisungen zu leben, die aber daran irre werden, dass anscheinend (scheinbar?) die Bösen ohne Strafe ausgehen und die Guten trotz ihrer Bemühungen um Rechtschaffenheit oftmals großes Leid erfahren.

 

Es gilt in diesem Zusammenhang nicht nur die Glaubenswahrheiten zu bewahren und an unsere Nachkommen weiter zu tragen, sondern auch alles zu tun, dass der Einzelne diese Glaubenswahrheiten verstehen kann. Welche Möglichkeiten uns zur Verfügung stehen, dieser letztgenannten Forderung zu entsprechen, wollen wir in unserer dritten Antwort erkunden.

 

Ausgangspunkt dieser dritten Antwort ist die Feststellung der Bibel, dass Gott dem Menschen die Freiheit gegeben hat, aus freiem Willen sich zu Gott zu bekennen. Nimmt man diese Aussage ernst, so muss mit der Möglichkeit gerechnet werden, dass nicht alle Menschen sich freiwillig zu Gott bekennen, sondern dass es auch Menschen geben wird, welche sich gegen Gott stellen und entgegen der Weisungen Gottes ihren Mitmenschen großen Schaden und damit viel Leid zufügen.

 

Wir gehen also davon aus, dass zumindest ein Großteil des hier auf Erden auftretenden Leids von den Mitmenschen verursacht wurde. Gott ist für dieses Leid nur dadurch mitverantwortlich, dass Freiheit immer auch bedeuten kann, dass einzelne Menschen sich nicht Gottes Weisungen fügen. Insofern kann man davon sprechen, dass diese Freiheit auch impliziert, dass Leid, großes Leid entstehen kann.

 

Dieses Leid geht aber nicht von Gott, sondern von den Menschen aus. Es ist sicherlich falsch, anzunehmen, dass Gott einzelnen Menschen Leid zufügt und dass es deshalb Gottes Plan entspricht, dass vielen Menschen Leid zugefügt wird. Ganz im Gegenteil zeigen uns die Lehren der Heiligen Schrift: Gott wünscht, dass es allen Menschen gut geht und dass möglichst niemand Leid erfährt. Gerade aus diesem Grunde hat Gott die zehn Gebote erlassen, damit die Menschen angehalten sind, ihren Mitmenschen wohlwollend zu begegnen.

 

Es ist ein himmelweiter Unterschied zu sagen, Gott plant das Leid einzelner Menschen oder davon zu sprechen, dass die Freiheit, die er den Menschen geschenkt hat, notwendiger Weise impliziert, dass auch der eine oder andere Mensch diesen Geboten zuwiderhandelt und dass so bei einigen Mensch Leid entsteht. Gott will nicht dieses Leid, er lässt es aber um der Freiheit der Menschen willen zu.

 

Nun wird man gegen diese Schlussfolgerung einwenden können, dass es doch auch menschliches Leid gibt, das nicht von anderen Menschen ausgeht, sondern aufgrund von Naturkatastrophen entstanden ist. Naturkatastrophen gab es jedoch auch in zahlreicher Weise längst, bevor es hier auf Erden Menschen gab. Also muss anscheinend zugegeben werden, dass zumindest ein beachtlicher Teil des tatsächlich auftretenden Leids der Menschen eben gerade nicht von Mitmenschen ausgeht, sondern entsprechend der immer gültigen Naturgesetze verursacht wird.

 

Und da Gott selbst bei der Erschaffung dieser Welt die Naturgesetze veranlasst hat, müsste – so könnte man meinen – auch Gott zumindest für dieses Leid verantwortlich sein. Warum hat Gott mit anderen Worten die Welt nicht so erschaffen, dass eben kein Mensch aufgrund von Naturkatastrophen zu Leide kommt?

 

So einleuchtend diese Beweisführung auf den ersten Blick erscheint, bei intensiverer Durchleuchtung dieser Zusammenhänge kann man erkennen, dass die Zusammenhänge sicherlich nicht so einfach sind, dass wir im Hinblick auf das durch Naturkatastrophen verursachte Leid den Menschen vollkommen frei sprechen können. Mag es auch richtig sein, dass Naturkatastrophen auch schon vor dem Auftreten der Menschen, also auch unabhängig von ihnen ausgebrochen sind, gerade in den  letzten Jahrzehnten hat die Wissenschaft erkannt, dass die in jüngster Zeit gehäuft auftretenden Naturkatastrophen sehr wohl zumindest in gravierender Weise durch menschliches Handeln oder auch Unterlassen hervorgerufen und begünstigt  werden.

 

Dadurch, dass Menschen vermehrt Kohlendioxyde in die Luft entlassen, haben sie die Ozonschicht beschädigt und dazu beigetragen, dass die Erde um mehrere Grade erwärmt wurde, dies wiederum hat das Schmelzen der Gletscher ausgelöst, was selbst wiederum den Meeresspiegel so stark ansteigen lässt, dass zahlreiche, bisher bewohnte Landstriche im Meer versinken werden. Hier trägt der Mensch sicherlich ein gerütteltes Maß an Mitverantwortung des hierdurch erzeugten Leids.

 

Wenn man weiterhin bedenkt, dass ein Großteil dieses Elendes dadurch ausgelöst wird, dass viele Menschen ihre Siedlungen an Flussläufen und unmittelbar in der Nähe der Meere errichteten, haben die Menschen ebenfalls dazu beigetragen, dass die Naturkatastrophen weit mehr Leid ausgelöst haben, als aufgrund der Naturkatastrophen allein notwendiger Weise entstanden wäre.

 

Dass die Menschen für das durch Naturkatastrophen verursachte Leid sehr wohl mit verantwortlich sind, lässt sich auch aus den Aussagen der Heiligen Schrift erklären. Entsprechend dem Schöpfungsbericht in den beiden ersten Kapiteln der Genesis hatte Gott für die ersten Menschen ein Paradies geschaffen, in dem die Menschen von Not befreit waren, sie hatten es nicht notwendig, in harter Arbeit dem Boden die notwendigen Nahrungsmittel (und andere lebensnotwendige Gegenstände) zu ertrotzen, ohne große Mühen konnten sie die Früchte der Bäume pflücken und ohne weitere Zubereitung auch zu sich nehmen. Mitten in diesem Paradies stand auch der Baum des Lebens, der als Sinnbild dafür diente, dass diese Menschen eigentlich ewig leben sollten.

 

Gott hatte allerdings diesen ersten Menschen ein einziges Verbot gegeben. Neben dem Baum des Lebens stand nämlich im Paradies auch der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse. Im Hinblick auf diesen zweiten Baum gab Gott den Menschen eine Warnung, nämlich nicht die Früchte dieses Baumes zu essen, da sie sonst notwendiger Weise sterben müssten. Dieser zweite Baum steht sinnbildlich dafür, dass sich Mann und Frau nicht durch geschlechtliche Vereinigung erkennen sollen. 

 

Dass in diesem Paradies unter anderem zwei ganz besonders hervorgehobene Bäume standen, kann so gedeutet werden, dass Gott den Menschen die Freiheit ließ, sich entweder dafür zu entscheiden, auf eine geschlechtliche Vereinigung und damit auch Vermehrung der Menschen zu verzichten und dafür ein ewiges Leben zu erreichen, oder aber, dass der Mensch durch geschlechtlichen Verkehr dazu beitrug, dass sich die Zahl der Menschen gewaltig vermehrte, dass aber gerade bei dieser Alternative das ewige Leben verloren ging und der Mensch nur im Angesicht seines Schweißes durch harte Arbeit seinen Lebensunterhalt dem kargen Boden außerhalb des Paradieses entringen konnte.

 

Die Aussage Gottes, dass das Essen von der Frucht des Baumes der Erkenntnis von Gut und Böse zur Folge habe, dass die Menschen sterben werden, wird oftmals als Strafe Gottes gedeutet. Dies mag zu einem gewissen Grad richtig sein. Zunächst einmal verweist es jedoch einfach auf einen natürlichen Zusammenhang: Es ist einfach aus sachlichen Gründen nicht möglich, dass bei permanenter Vermehrung der Menschen die Früchte des begrenzten Paradieses ausreichen werden, alle zu ernähren. Eines Tages können notwendiger Weise die Früchte des Paradieses nicht mehr ausreichen, alle Menschen zu ernähren, ein Teil wird – wie Malthus dies beschrieben hatte – vor Hunger sterben und die Menschen werden sich gegenseitig bekriegen und in der Verteidigung der lebensnotwendigen  knappen Ressourcen auch töten, betrügen und berauben.

 

Es entsprach Gottes Wille, dass die Menschen ewig leben, im Paradies stand ja der Baum des Lebens. Aber auch hier ließ Gott den ersten Menschen die Freiheit, auch hier wollte Gott, dass die Menschen freiwillig bereit sind, Gottes Gebote anzunehmen. Sie konnten sich auch anders verhalten, das Paradies enthielt auch den Baum der Erkenntnis. Tatsächlich – so berichtet uns der zweite Schöpfungsbericht – ließen sich die ersten Menschen von der Schlange, vom Satan verleiten, Gottes Gebot nicht zu achten.

 

So mag die Vertreibung aus dem Paradies für diese ersten Menschen, die dem Willen Gottes nicht entsprochen haben, tatsächlich als Strafe für ihre sündhafte Tat angesehen werden. Dass auch die Nachkommen und damit auch wir unter dieser Erblast leiden, kann nicht mehr als Bestrafung angesehen werden, Strafe verdient und erhält nur derjenige, der gesündigt hat. Aber trotzdem ist die Vergänglichkeit und all das damit verbundene Leid eine sachliche Konsequenz des Verhaltens der ersten Menschen.

 

Es waren somit auch hier Menschen, welche dieses Leid ausgelöst haben, nach Gottes Willen war für die Menschen ein Leben im Paradies geplant. Es war auch hier letztendlich die Tatsache, dass Gott dem Menschen die Freiheit gab, die dann dazu geführt hat, dass die ersten Menschen in Ausnutzung dieser Freiheit nicht dem Gebote Gottes folgten und dadurch erst die Voraussetzungen dafür schufen, dass Menschen auch durch Naturkatastrophen viel Leid zugefügt wird.

 

Da die ersten Menschen nach ihrem ersten Sündenfall nicht mehr im Paradies lebten, galten nun die beiden Weisungen Gottes, wachset und mehret euch und macht euch die Erde untertan, Weisungen, welche Gott nach der Beendigung der Sündflut nochmals Noah gegenüber bekräftigte.

 

Macht euch die Erde untertan bedeutet nicht etwa, dass wir berechtigt sind, unsere Mitmenschen und auch nicht die Tiere zu versklaven, sondern dass wir aufgefordert sind, die Naturgesetze mit Hilfe unserer Wahrnehmungsorgane (Sinne und Verstand) zu studieren und entsprechend der hierdurch gewonnenen Erkenntnisse auch so zu handeln und alles mögliche zu tun, um Leid von den Menschen anzuwenden. Hierzu zählt z. B. durch Früherkennung von Erdbeben und Tsunamis die hiervon betroffene Bevölkerung rechtzeitig zu warnen, genauso, dass man z. B. nicht gerade in solchen Gebieten siedelt, in denen die Gefahr von Naturkatastrophen besonders groß ist.

 

All diese Überlegungen zeigen, dass auch im Hinblick auf die Naturkatastrophen der Mensch durchaus durch sein Handeln bzw. Nichthandeln das menschliche Leid mehr oder weniger mit verursacht hat. Folgt man jedoch dieser Sicht, so ist Gott nicht ein Wesen, das die Menschen mit Leid überzieht, sondern das vielmehr dazu bereit ist, den in Not geratenen Menschen Trost und vielleicht auch Rat zu geben, wie die schlimmsten Notlagen verhindert oder abgemildert werden können.

 

Auch bei einer solchen Sichtweise bleibt immer ein Rest an Unergründlichkeit bestehen, auch hier gilt nach wie vor, wir Menschen sind nicht in der Lage, alles Geschehen aufzuklären und zu erkennen, warum denn diese anscheinenden Ungerechtigkeiten entstehen. Trotzdem ist demjenigen, der willens ist, Gott zu folgen, die Einsicht gegeben, dass es nicht ein rächender Gott ist, der blind um sich schlägt und Gute wie Böse bestraft und der das vorhandene Leid ganz bewusst über die Menschen gebracht hat.

 

Es sind weitgehend die Menschen selbst, welche sich gegenseitig Leid zufügen und die Rolle Gottes hierbei besteht in erster Linie darin, dass er dieses Leid zulässt und dies wiederum hängt damit zusammen, dass Gott dem Menschen die Freiheit gab, ihm zu folgen und dies impliziert auch, dass es Menschen geben kann, welche entgegen Gottes ausdrücklichem Verbot, ihren Mitmenschen Schaden zufügen.

 

Anhang:

 

4. Der Text

 

Die Erzählung beginnt im Kapitel 2 mit der Ankunft seiner drei Freunde:

 

11 ‚Die drei Freunde Ijobs hörten von all dem Bösen, das über ihn gekommen war. Und sie kamen, jeder aus seiner Heimat: Elifas aus Teman, Bildad aus Schuach und Zofar aus Naama. Sie vereinbarten hinzugehen, um ihm ihre Teilnahme zu bezeigen und um ihn zu trösten.*†

12  Als sie von fern aufblickten, erkannten sie ihn nicht; sie schrien auf und weinten. Jeder zerriss sein Gewand; sie streuten Asche über ihr Haupt gegen den Himmel.

13  Sie saßen bei ihm auf der Erde sieben Tage und sieben Nächte; keiner sprach ein Wort zu ihm. Denn sie sahen, dass sein Schmerz sehr groß war.‘

 

Nachdem den Freunden das Los Hiobs die Sprache verschlagen hatte, sodass sie sieben Tage lang kein Wort des Trostes hervorbringen konnten, begann Hiob (siehe Kapitel 3) zu sprechen und seinen Tag zu verfluchen:

 

1  ‚Danach tat Ijob seinen Mund auf und verfluchte seinen Tag.

2  Ijob ergriff das Wort und sprach:

3  Ausgelöscht sei der Tag, an dem ich geboren bin, die Nacht, die sprach: Ein Mann ist empfangen.

4  Jener Tag werde Finsternis, nie frage Gott von oben nach ihm, nicht leuchte über ihm des Tages Licht.

5  Einfordern sollen ihn Dunkel und Finsternis, Gewölk über ihn sich lagern, Verfinsterung am Tag mache ihn schrecklich

6  Jene Nacht, das Dunkel raffe sie hinweg, sie reihe sich nicht in die Tage des Jahres, sie füge sich nicht zur Zahl der Monde.

7  Ja, diese Nacht sei unfruchtbar, kein Jubel komme auf in ihr.

8  Verwünschen sollen sie die Verflucher der Tage, die es verstehen, den Leviatan zu wecken.

9  Verfinstert seien ihrer Dämmerung Sterne; sie harre auf das Licht, jedoch umsonst; die Wimpern der Morgenröte schaue sie nicht.

10  Denn sie hat die Pforten an meiner Mutter Leib nicht verschlossen, nicht das Leid verborgen vor meinen Augen.

11  Warum starb ich nicht vom Mutterschoß weg, kam ich aus dem Mutterleib und verschied nicht gleich?

12  Weshalb nur kamen Knie mir entgegen, wozu Brüste, dass ich daran trank?

13  Still läge ich jetzt und könnte rasten, entschlafen wäre ich und hätte Ruhe

14  bei Königen, bei Ratsherren im Land, die Grabkammern für sich erbauten,

15  oder bei Fürsten, reich an Gold, die ihre Häuser mit Silber gefüllt.

16  Wie die verscharrte Fehlgeburt wäre ich nicht mehr, Kindern gleich, die das Licht nie geschaut.

17  Dort hören Frevler auf zu toben, dort ruhen aus, deren Kraft erschöpft ist.

18  Auch Gefangene sind frei von Sorgen, hören nicht mehr die Stimme des Treibers.

19  Klein und Groß ist dort beisammen, der Sklave ist frei von seinem Herrn.

20  Warum schenkt er dem Elenden Licht und Leben denen, die verbittert sind?

21  Sie warten auf den Tod, der nicht kommt, sie suchen ihn mehr als verborgene Schätze.

22  Sie würden sich freuen über einen Hügel; fänden sie ein Grab, sie würden frohlocken.

23  Wozu Licht für den Mann auf verborgenem Weg, den Gott von allen Seiten einschließt?

24  Bevor ich noch esse, kommt mir das Seufzen, wie Wasser strömen meine Klagen hin.

25  Was mich erschreckte, das kam über mich, wovor mir bangte, das traf mich auch.

26  Noch hatte ich nicht Frieden, nicht Rast, nicht Ruhe, fiel neues Ungemach mich an.‘

 

Als erster antwortet sein Freund Elifas (siehe Kapitel 4) auf Hiobs Verwünschungen:

 

1  ‚Da antwortete Elifas von Teman und sprach:

2  Versucht man ein Wort an dich, ist es dir lästig? Doch die Rede aufzuhalten, wer vermag es?

3  Sieh, viele hast du unterwiesen und erschlaffte Hände stark gemacht.

4  Dem Strauchelnden halfen deine Worte auf, wankenden Knien gabst du Halt.

5  Nun kommt es über dich, da gibst du auf, nun fasst es dich an, da bist du verstört.

6  Ist deine Gottesfurcht nicht deine Zuversicht, dein lauterer Lebensweg nicht deine Hoffnung?

7  Bedenk doch! Wer geht ohne Schuld zugrunde? Wo werden Redliche im Stich gelassen?

8  Wohin ich schaue: Wer Unrecht pflügt, wer Unheil sät, der erntet es auch.

9  Durch Gottes Atem gehen sie zugrunde, sie schwinden hin im Hauch seines Zornes.

10  Des Löwen Brüllen, des Leuen Knurren, des Junglöwen Zähne werden enttäuscht.

11  Der Löwe verendet aus Mangel an Beute, die Jungen der Löwin zerstreuen sich.‘

 

Nun berichtet er über einen Traum:

 

12  ‚Zu mir hat sich ein Wort gestohlen, geflüstert hat es mein Ohr erreicht.

13  Im Grübeln und bei Nachtgesichten, wenn tiefer Schlaf die Menschen überfällt,

14  kam Furcht und Zittern über mich und ließ erschaudern alle meine Glieder.

15  Ein Geist schwebt an meinem Gesicht vorüber, die Haare meines Leibes sträuben sich.

16  Er steht, ich kann sein Aussehen nicht erkennen, eine Gestalt nur vor meinen Augen, ich höre eine Stimme flüstern:

17  Ist wohl ein Mensch vor Gott gerecht, ein Mann vor seinem Schöpfer rein? *

18  Selbst seinen Dienern traut er nicht, zeiht seine Engel noch des Irrtums.

19  Wie erst jene, die im Lehmhaus wohnen, die auf den Staub gegründet sind; schneller als eine Motte werden sie zerdrückt.

20  Vom Morgen bis zum Abend werden sie zerschlagen, für immer gehen sie zugrunde, unbeachtet.

21  Wird nicht das Zelt über ihnen abgebrochen, sodass sie sterben ohne Einsicht?‘

 

In Kapitel 5 spricht dann Elifas über die Pflichten der Menschen Gott gegenüber, dass sie sich vor allem Gott unterwerfen müssen:

 

1 ‚Ruf doch! Ist einer, der dir Antwort gibt? An wen von den Heiligen willst du dich wenden?

2  Den Toren bringt der Ärger um, Leidenschaft tötet den Narren.

3 Wohl sah ich einen Toren Wurzel fassen, doch plötzlich musste ich seine Wohnstatt verwünschen.

4  Weit weg vom Heil sind seine Kinder, werden zertreten im Tor, sind ohne Helfer.

5  Seine Ernte verzehrt der Hungernde, selbst aus Dornen holt er sie heraus, Durstige lechzen nach seinem Gut.

6  Denn nicht aus dem Staub geht Unheil hervor, nicht aus dem Ackerboden sprosst die Mühsal,

7  sondern der Mensch ist zur Mühsal geboren, wie Feuerfunken, die hochfliegen.

8  Ich aber, ich würde Gott befragen und Gott meine Sache vorlegen,

9  der Großes und Unergründliches tut, Wunder, die niemand zählen kann.

10  Er spendet Regen über die Erde hin und sendet Wasser auf die weiten Fluren,

11  um Niedere hoch zu erheben, damit Trauernde glücklich werden.

12  Er zerbricht die Ränke der Listigen, damit ihre Hände nichts Rechtes vollbringen.

13  Weise fängt er in ihrer List, damit der Schlauen Plan sich überstürzt.

14  Am hellen Tag stoßen sie auf Finsternis, am Mittag tappen sie umher wie in der Nacht.

15  Er rettet vor dem Schwert ihres Mundes, aus der Hand des Starken den Armen.

16  Hoffnung wird den Geringen zuteil, die Bosheit muss ihr Maul verschließen.

17  Ja, wohl dem Mann, den Gott zurechtweist. Die Zucht des Allmächtigen verschmähe nicht!

18  Denn er verwundet und er verbindet, er schlägt, doch seine Hände heilen auch.

19  In sechs Drangsalen wird er dich retten, in sieben rührt kein Leid dich an.

20  In Hungerzeiten rettet er dich vom Tod, im Krieg aus der Gewalt des Schwertes.

21  Du bist geborgen vor der Geißel der Zunge, brauchst nicht zu bangen, dass Verwüstung kommt.

22  Über Verwüstung und Hunger kannst du lachen, von wilden Tieren hast du nichts zu fürchten.

23  Mit den Steinen des Feldes bist du verbündet, die Tiere des Feldes werden Frieden mit dir halten.

24  Du wirst erfahren, dass dein Zelt in Frieden bleibt; prüfst du dein Heim, so fehlt dir nichts.

25  Du wirst erfahren, dass deine Nachkommen zahlreich sind, deine Sprösslinge wie das Gras der Erde.

26  Bei voller Kraft steigst du ins Grab, wie man Garben einbringt zu ihrer Zeit.

27  Ja, das haben wir erforscht, so ist es. Wir haben es gehört. Nimm auch du es an!‚

 

In Kapitel 6 erfahren wir dann von der ersten Gegenrede Hiobs. Er spricht vom unerträglichen Los:

 

1  ‚Da antwortete Ijob und sprach:

2  Ach, würde doch mein Gram gewogen, legte man auf die Waage auch mein Leid!

3  Denn nun ist es schwerer als der Sand des Meeres, darum reden meine Worte irr.

4  Die Pfeile des Allmächtigen stecken in mir, mein Geist hat ihr Gift getrunken, Gottes Schrecken stellen sich gegen mich.

5  Schreit denn der Wildesel beim Gras oder brüllt der Stier bei seinem Futter?

6  Isst man denn ungesalzene Speise? Wer hat Geschmack an fadem Schleim?

7  Ich sträube mich, daran zu rühren, das alles ist mir wie verdorbenes Brot.

8  Käme doch, was ich begehre, und gäbe Gott, was ich erhoffe.

9  Und wollte Gott mich doch zermalmen, seine Hand erheben, um mich abzuschneiden.

10  Das wäre noch ein Trost für mich; ich hüpfte auf im Leid, mit dem er mich nicht schont. Denn ich habe die Worte des Heiligen nicht verleugnet.

11  Was ist meine Kraft, dass ich aushalten könnte, wann kommt mein Ende, dass ich mich gedulde?

12  Ist meine Kraft denn Felsenkraft, ist mein Fleisch denn aus Erz?

13  Gibt es keine Hilfe mehr für mich, ist mir jede Rettung entschwunden?‘

 

Auch gibt Hiob seine Enttäuschung über seine Freunde zum Ausdruck:

 

14  ‚Des Freundes Liebe gehört dem Verzagten, auch wenn er den Allmächtigen nicht mehr fürchtet.

15  Meine Brüder sind trügerisch wie ein Bach, wie Wasserläufe, die verrinnen;

16  trüb sind sie vom Eis, wenn über ihnen der Schnee schmilzt.

17  Zur Zeit der Hitze versiegen sie; wenn es heiß wird, verdunsten sie in ihrem Bett.

18  Karawanen biegen ab vom Weg, folgen ihnen in die Wüste und kommen um.

19  Nach ihnen spähen Karawanen aus Tema, auf sie vertrauen Handelszüge aus Saba.

20  In ihrer Hoffnung werden sie betrogen, kommen hin und sind enttäuscht.

21  So seid ihr jetzt ein Nein geworden: Ihr schaut das Entsetzliche und schaudert.

22  Habe ich denn gesagt: Gebt mir etwas, von eurem Vermögen zahlt für mich?

23  Rettet mich aus dem Griff des Bedrängers, kauft mich los aus der Hand der Tyrannen!

24  Belehrt mich, so werde ich schweigen; worin ich fehlte, macht mir klar!

25  Wie wurden redliche Worte verhöhnt, was kann euer Tadel rügen?

26  Gedenkt ihr, Worte zu tadeln? Spricht der Verzweifelte in den Wind?

27  Selbst um ein Waisenkind würdet ihr würfeln, sogar euren Freund verschachern.

28  Habt endlich die Güte, wendet euch mir zu, ich lüge euch nicht ins Gesicht.

29  Kehrt um, kein Unrecht soll geschehen, kehrt um, noch bin ich im Recht.

30  Ist denn Unrecht auf meiner Zunge oder schmeckt mein Gaumen das Schlechte nicht?

 

In Kapitel 7 fährt Hiob fort, indem er die Not des Lebens beklagt:

 

1 ‚Ist nicht Kriegsdienst des Menschen Leben auf der Erde? Sind nicht seine Tage die eines Tagelöhners?

2  Wie ein Knecht ist er, der nach Schatten lechzt, wie ein Tagelöhner, der auf den Lohn wartet.

3  So wurden Monde voll Enttäuschung mein Erbe und Nächte voller Mühsal teilte man mir zu.

4  Lege ich mich nieder, sage ich: Wann darf ich aufstehn? Wird es Abend, bin ich gesättigt mit Unrast, bis es dämmert.

5  Mein Leib ist gekleidet in Maden und Schorf, meine Haut schrumpft und eitert.

6  Schneller als das Weberschiffchen eilen meine Tage, der Faden geht aus, sie schwinden dahin.

7  Denk daran, dass mein Leben nur ein Hauch ist. Nie mehr schaut mein Auge Glück.

8  Kein Auge gewahrt mich, das nach mir sieht, suchen mich deine Augen, dann bin ich nicht mehr da.

9  Die Wolke schwindet, vergeht, so steigt nie mehr auf, wer zur Unterwelt fuhr.

10  Nie kehrt er zurück in sein Haus, nie mehr erblickt ihn sein Ort.‘

 

Wir erfahren, dass Hiob seine Heimsuchung unbegreiflich erscheint:

 

11  ‚So wehre ich nicht meinem Mund, mit bedrängtem Geist will ich reden, mit betrübter Seele will ich klagen.

12  Bin ich das Meer, der Meeresdrache, dass du gegen mich eine Wache stellst?

13  Sagte ich: Mein Lager soll mich trösten, mein Bett trage das Leid mit mir!,

14  so quältest du mich mit Träumen und mit Gesichten jagtest du mich in Angst.

15  Erwürgt zu werden, zöge ich vor, den Tod diesem Totengerippe.

16  Ich mag nicht mehr. Ich will nicht ewig leben. Lass ab von mir; denn nur ein Hauch sind meine Tage.

17  Was ist der Mensch, dass du groß ihn achtest und deinen Sinn auf ihn richtest,

18  dass du ihn musterst jeden Morgen und jeden Augenblick ihn prüfst?

19  Wie lange schon schaust du nicht weg von mir, lässt mich nicht los, sodass ich den Speichel schlucke?

20  Hab ich gefehlt? Was tat ich dir, du Menschenwächter? Warum stellst du mich vor dich als Zielscheibe hin? Bin ich dir denn zur Last geworden?

21  Warum nimmst du mein Vergehen nicht weg, lässt du meine Schuld nicht nach? Dann könnte ich im Staub mich betten; suchtest du mich, wäre ich nicht mehr da.‘

 

Nun (siehe Kapitel 8) hebt Bildad zu seiner ersten Rede an und stellt fest, dass stets das Gesetz der Vergeltung gelte:

 

1  ‚Da antwortete Bildad von Schuach und sprach:

2  Wie lange noch willst du derlei reden? Nur heftiger Wind sind die Worte deines Mundes.

3  Beugt etwa Gott das Recht oder beugt der Allmächtige die Gerechtigkeit?

4  Haben deine Kinder gefehlt gegen ihn, gab er sie der Gewalt ihres Frevels preis.

5  Wenn du mit Eifer Gott suchst, an den Allmächtigen dich flehend wendest,

6  wenn du rein bist und recht, dann wird er über dich wachen, dein Heim herstellen, wie es dir zusteht.

7  Und war dein Anfang auch gering, dein Ende wird gewaltig groß.‘

 

Und Bildad verweist im Weiteren auf die Zeugnisse seiner Erfahrung:

 

8  ‚Ja, frag nur das frühere Geschlecht und merk dir, was die Väter erforschten.

9  Wir sind von gestern nur und wissen nichts, wie Schatten sind auf Erden unsre Tage.

10  Unterweisen sie dich nicht, sprechen sie nicht zu dir, geben sie dir nicht Worte aus ihrem Herzen:

11  Wächst ohne Sumpf das Schilfrohr hoch, wird Riedgras ohne Wasser groß?

12  In Blüte und noch nicht gemäht, verwelkt es schon vor allem Gras.

13  So enden alle, die Gott vergessen, des Ruchlosen Hoffen wird zunichte.

14  Ein Spinngewebe ist seine Zuversicht, ein Spinnennetz sein Verlass.

15  Stützt er sich auf sein Haus, es hält nicht stand, klammert er sich daran, es bleibt nicht stehen.

16  Er steht im Saft vor der Sonne, seine Zweige überwuchern den Garten,

17  im Geröll verflechten sich seine Wurzeln, zwischen Steinen halten sie sich fest.

18  Doch Gott tilgt ihn aus an seiner Stätte, sie leugnet ihn: Nie habe ich dich gesehen.

19  Siehe, das ist die Freude seines Weges und ein anderer sprießt aus dem Staub.

20  Ja, Gott verschmäht den Schuldlosen nicht, die Hand der Boshaften aber hält er nicht fest.

21  Mit Lachen wird er deinen Mund noch füllen, deine Lippen mit Jubel.

22  Deine Hasser werden sich kleiden in Schmach, das Zelt der Frevler besteht nicht mehr.

 

In Kapital 9 erfahren wir dann von der Gegenrede Hiobs. Auch er glaubt an die Macht Gottes:

 

1  ‚Da antwortete Ijob und sprach:

2  Wahrhaftig weiß ich, dass es so ist: Wie wäre ein Mensch bei Gott im Recht!

3  Wenn er mit ihm rechten wollte, nicht auf eins von tausend könnt er ihm Rede stehen.

4  Weisen Sinnes und stark an Macht – wer böte ihm Trotz und bliebe heil?

5  Er versetzt Berge; sie merken es nicht, dass er in seinem Zorn sie umstürzt.

6  Er erschüttert die Erde an ihrem Ort, sodass ihre Säulen erzittern.

7  Er spricht zur Sonne, sodass sie nicht strahlt, er versiegelt die Sterne.

8  Er spannt allein den Himmel aus und schreitet einher auf den Höhen des Meeres.

9  Er schuf das Sternbild des Bären, den Orion, das Siebengestirn, die Kammern des Südens.

10  Er schuf so Großes, es ist nicht zu erforschen, Wunderdinge, sie sind nicht zu zählen.

11  Zieht er an mir vorüber, ich seh ihn nicht, fährt er daher, ich merk ihn nicht.

12  Rafft er hinweg, wer hält ihn zurück? Wer darf zu ihm sagen: Was tust du da?

13  Gott hält seinen Zorn nicht zurück, unter ihm mussten selbst Rahabs Helfer sich beugen.‘

 

Demgegenüber sei der Mensch ohnmächtig:

 

14  ‚Wie sollte denn ich ihm entgegnen, wie meine Worte gegen ihn wählen?

15  Und wär ich im Recht, ich könnte nichts entgegnen, um Gnade müsste ich bei meinem Richter flehen.

16  Wollte ich rufen, würde er mir Antwort geben? Ich glaube nicht, dass er auf meine Stimme hört.

17  Er, der im Sturm mich niedertritt, ohne Grund meine Wunden mehrt,

18  er lässt mich nicht zu Atem kommen, er sättigt mich mit Bitternis.

19  Geht es um Kraft, er ist der Starke, geht es um Recht, wer lädt mich vor?

20  Wär ich im Recht, mein eigener Mund spräche mich schuldig, wäre ich gerade, er machte mich krumm.

21  Schuldlos bin ich, doch achte ich nicht auf mich, mein Leben werfe ich hin.

22  Einerlei; so sag ich es denn: Schuldlos wie schuldig bringt er um.

23  Wenn die Geißel plötzlich tötet, spottet er über der Schuldlosen Angst.

24  Die Erde ist in Frevlerhand gegeben, das Gesicht ihrer Richter deckt er zu. Ist er es nicht, wer ist es dann?

25  Schneller als ein Läufer eilen meine Tage, sie fliehen dahin und schauen kein Glück.

26  Sie gleiten vorbei wie Kähne aus Schilf, dem Adler gleich, der auf Beute stößt.

27  Sage ich: Ich will meine Klage vergessen, meine Miene ändern und heiter blicken!,

28  so graut mir vor all meinen Schmerzen; ich weiß, du sprichst mich nicht frei.

29  Ich muss nun einmal schuldig sein, wozu müh ich mich umsonst?

30  Wollte ich auch mit Schnee mich waschen, meine Hände mit Lauge reinigen,

31  du würdest mich doch in die Grube tauchen, sodass meinen Kleidern vor mir ekelt.

32  Denn du bist kein Mensch wie ich, dem ich entgegnen könnte: Lasst uns zusammen zum Gericht gehen!

33  Gäbe es doch einen Schiedsmann zwischen uns! Er soll seine Hand auf uns beide legen.

34  Er nehme von mir seine Rute, sein Schrecken soll mich weiter nicht ängstigen;

35  dann will ich reden, ohne ihn zu fürchten. Doch so ist es nicht um mich bestellt.‘

 

In Kapitel 10 lässt Hiob seiner Klage freien Lauf:

 

1  ‚Zum Ekel ist mein Leben mir geworden, ich lasse meiner Klage freien Lauf, reden will ich in meiner Seele Bitternis.

2  Ich sage zu Gott: Sprich mich nicht schuldig, lass mich wissen, warum du mich befehdest.

3  Nützt es dir, dass du Gewalt verübst, dass du das Werk deiner Hände verwirfst, doch über dem Plan der Frevler aufstrahlst?

4  Hast du die Augen eines Sterblichen, siehst du, wie Menschen sehen?

5  Sind Menschentagen deine Tage gleich und deine Jahre wie des Mannes Tage,

6  dass du Schuld an mir suchst, nach meiner Sünde fahndest,

7  obwohl du weißt, dass ich nicht schuldig bin und keiner mich deiner Hand entreißt?

8  Deine Hände haben mich gebildet, mich gemacht; dann hast du dich umgedreht und mich vernichtet.

9  Denk daran, dass du wie Ton mich geschaffen hast. Zum Staub willst du mich zurückkehren lassen.

10  Hast du mich nicht ausgegossen wie Milch, wie Käse mich gerinnen lassen?

11  Mit Haut und Fleisch hast du mich umkleidet, mit Knochen und Sehnen mich durchflochten.

12  Leben und Huld hast du mir verliehen, deine Obhut schützte meinen Geist.

13  Doch verbirgst du dies in deinem Herzen; ich weiß, das hattest du im Sinn.

14  Sündige ich, wirst du mich bewachen, mich nicht freisprechen von meiner Schuld.

15  Wenn ich schuldig werde, dann wehe mir! Bin ich aber im Recht, darf ich das Haupt nicht erheben, bin gesättigt mit Schmach und geplagt mit Kummer.

16  Erhebe ich es doch, jagst du mich wie ein Löwe und verhältst dich wieder wunderbar gegen mich.

17  Neue Zeugen stellst du gegen mich, häufst deinen Unwillen gegen mich, immer neue Heere führst du gegen mich.

18  Warum ließest du mich aus dem Mutterschoß kommen, warum verschied ich nicht, ehe mich ein Auge sah?

19  Wie nie gewesen wäre ich dann, vom Mutterleib zum Grab getragen.

20  Sind wenig nicht die Tage meines Lebens? Lass ab von mir, damit ich ein wenig heiter blicken kann,

21  bevor ich fortgehe ohne Wiederkehr ins Land des Dunkels und des Todesschattens,

22  ins Land, so finster wie die Nacht, wo Todesschatten herrscht und keine Ordnung, und wenn es leuchtet, ist es wie tiefe Nacht.‘

 

Kapitel 11 bringt dann die erste Rede seines dritten Freundes Zofar. Auch er weist auf die Größe Gottes hin:

 

1  ‚Da antwortete Zofar von Naama und sprach:

2  Soll dieser Wortschwall ohne Antwort bleiben und soll der Maulheld Recht behalten?

3  Dein Geschwätz lässt Männer schweigen, du darfst spotten, ohne dass einer dich beschämt.

4  Du sagtest: Rein ist meine Lehre und lauter war ich stets in deinen Augen.

5  O, dass Gott doch selber spräche, seine Lippen öffnete gegen dich.

6  Er würde dich der Weisheit Tiefen lehren, dass sie wie Wunder sind für den klugen Verstand. Wisse, dass Gott dich zur Rechenschaft zieht in deiner Schuld.

7  Die Tiefen Gottes willst du finden, bis zur Vollkommenheit des Allmächtigen vordringen?

8  Höher als der Himmel ist sie, was machst du da? Tiefer als die Unterwelt, was kannst du wissen?

9  Länger als die Erde ist ihr Maß, breiter ist sie als das Meer.

10  Wenn er daherfährt und gefangen nimmt, wenn er zusammentreibt, wer hält ihn ab?

11  Denn er kennt die falschen Leute, sieht das Unrecht und nimmt es wahr.

12  Kommt denn ein Hohlkopf zur Besinnung, wird ein Wildesel als ein Mensch geboren?‘

 

Im weiteren Verlauf verweist Zofar auf die Aufgaben des Menschen:

 

13  ‚Wenn du selbst dein Herz in Ordnung bringst und deine Hände zu ihm ausbreitest –

14  wenn Unrecht klebt an deiner Hand, entfern es und lass nicht Schlechtigkeit in deinem Zelte wohnen! –,

15  dann kannst du makellos deine Augen erheben, fest stehst du da und brauchst dich nicht zu fürchten.

16  Dann wirst du auch das Ungemach vergessen, du denkst daran wie an Wasser, das verlief.

17  Heller als der Mittag erhebt sich dann dein Leben, die Dunkelheit wird wie der Morgen sein.

18  Du fühlst dich sicher, weil noch Hoffnung ist; geborgen bist du, du kannst in Ruhe schlafen.

19  Du kannst dich lagern, ohne dass jemand dich schreckt, und viele mühen sich um deine Gunst.

20  Doch der Frevler Augen verschmachten, jede Zuflucht schwindet ihnen; ihr Hoffen ist, das Leben auszuhauchen.‘

 

In Kapitel 12 erfahren wir dann über die Gegenrede Hiobs auf die von Zofar erhobenen Vorwürfe. Gott sei in allererster Linie ein schweigender Gott:

 

1  ‚Da antwortete Ijob und sprach:

2  Wahrhaftig, ihr seid besondere Leute und mit euch stirbt die Weisheit aus.

3  Ich habe auch Verstand wie ihr, ich falle nicht ab im Vergleich mit euch. Wer wüsste wohl dergleichen nicht?

4  Zum Spott für die eigenen Freunde soll ich sein, ich, der Gott anruft, dass er mich hört, ein Spott der Fromme, der Gerechte.

5  Dem Unglück Hohn! So denkt, wer ohne Sorge ist, wer fest sich weiß, wenn Füße wanken.

6  In Ruhe sind der Gewaltmenschen Zelte, voll Sicherheit sind sie, die Gott erzürnen, die wähnen, Gott mit ihrer Hand zu greifen.‘

 

Auch für ihn sei das Walten Gottes unbegreiflich:

 

7  ‚Doch frag nur die Tiere, sie lehren es dich, die Vögel des Himmels, sie künden es dir.

8  Rede zur Erde, sie wird dich lehren, die Fische des Meeres erzählen es dir.

9  Wer wüsste nicht bei alledem, dass die Hand des Herrn dies gemacht hat?

10  In seiner Hand ruht die Seele allen Lebens und jeden Menschenleibes Geist.

11  Darf nicht das Ohr die Worte prüfen, wie mit dem Gaumen man die Speisen schmeckt?

12  Findet sich bei Greisen wirklich Weisheit und ist langes Leben schon Einsicht?

13  Bei ihm allein ist Weisheit und Heldenkraft, bei ihm sind Rat und Einsicht.

14  Wenn er einreißt, baut keiner wieder auf; wen er einschließt, dem wird nicht mehr geöffnet.

15  Wenn er die Wasser dämmt, versiegen sie, lässt er sie frei, zerwühlen sie das Land.

16  Bei ihm ist Macht und Klugheit, sein ist, wer irrt und wer irreführt.

17  Er lässt Ratsherren barfuß gehen, Richter macht er zu Toren.

18  Fesseln von Königen löst er auf und bindet einen Gurt um ihre Hüften.

19  Er lässt Priester barfuß gehen, alte Geschlechter bringt er zu Fall.

20  Das Wort entzieht er den Bewährten, den Ältesten nimmt er die Urteilskraft.

21  Verachtung gießt er auf die Edlen, den Starken lockert er den Gurt.

22  Verborgenes enthüllt er aus dem Dunkel, Finsternis führt er ans Licht.

23  Völker lässt er wachsen und tilgt sie aus; er breitet Völker aus und rafft sie dann hinweg.

24  Den Häuptern des Landes nimmt er den Verstand, lässt sie irren in wegloser Wüste.

25  Sie tappen umher im Dunkel ohne Licht, er lässt sie irren wie Trunkene.‘

 

Wir erfahren dann in Kapitel 13, dass für Hiob die Antworten seiner drei Freunde nichts als leeres Gerede seien:

 

1  ‚Seht, all das hat mein Auge gesehen, mein Ohr gehört und wohl gemerkt.

2  Was ihr wisst, weiß ich auch; ich falle nicht ab im Vergleich mit euch.

3  Doch ich will zum Allmächtigen reden, mit Gott zu rechten ist mein Wunsch.

4  Ihr aber seid nur Lügentüncher, untaugliche Ärzte alle.

5  Dass ihr endlich schweigen wolltet; das würde Weisheit für euch sein.

6  Hört doch meinen Rechtsbeweis, merkt auf die Streitreden meiner Lippen!

7  Wollt ihr für Gott Verkehrtes reden und seinetwegen Lügen sprechen?

8  Wollt ihr für ihn Partei ergreifen, für Gott den Rechtsstreit führen?

9  Ginge es gut, wenn er euch durchforschte, könnt ihr ihn täuschen, wie man Menschen täuscht?

10  In harte Zucht wird er euch nehmen, wenn ihr heimlich Partei ergreift.

11  Wird seine Hoheit euch nicht schrecken, nicht Schrecken vor ihm euch überfallen?

12  Eure Merksätze sind Sprüche aus Staub, eure Schilde Schilde aus Lehm.‘

 

Nochmals beteuert Hiob seine eigene Unschuld:

 

13  ‚Schweigt vor mir, damit ich reden kann. Dann komme auf mich, was mag.

14  Meinen Leib nehme ich zwischen die Zähne, in meine Hand leg ich mein Leben.

15  Er mag mich töten, ich harre auf ihn; doch meine Wege verteidige ich vor ihm.

16  Schon das wird mir zum Heile dienen, kein Ruchloser kommt ja vor sein Angesicht.

17  Hört nun genau auf meine Rede, was ich erkläre vor euren Ohren.

18  Seht, ich bringe den Rechtsfall vor; ich weiß, ich bin im Recht.

19  Wer ist es, der mit mir streitet? Gut, dann will ich schweigen und verscheiden.

20  Zwei Dinge nur tu mir nicht an, dann verberge ich mich nicht vor dir:

21  Zieh deine Hand von mir zurück; nicht soll die Angst vor dir mich schrecken.

22  Dann rufe und ich will Rede stehen oder ich rede und du antworte mir!

23  Wie viel habe ich an Sünden und Vergehen? Meine Schuld und mein Vergehen sag mir an!

24  Warum verbirgst du dein Angesicht und siehst mich an als deinen Feind?

25  Verwehtes Laub willst du noch scheuchen, dürre Spreu noch forttreiben?

26  Denn Bitterkeit verschreibst du mir, teilst mir die Sünden meiner Jugend zu.

27  In den Block legst du meine Füße, du überwachst auch alle meine Pfade und zeichnest einen Strich um meiner Füße Sohlen.

28  Er selbst zerfällt wie Verfaultes, dem Kleide gleich, das die Motte fraß.‘

 

In Kapitel 14 spricht dann Hiob über seine Hoffnungslosigkeit:

 

1  ‚Der Mensch, vom Weib geboren, knapp an Tagen, unruhvoll,

2  er geht wie die Blume auf und welkt, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht bestehen.

3  Doch über ihm hältst du dein Auge offen und ihn bringst du ins Gericht mit dir.

4  Kann denn ein Reiner von Unreinem kommen? Nicht ein Einziger.

5  Wenn seine Tage fest bestimmt sind und die Zahl seiner Monde bei dir, wenn du gesetzt hast seine Grenzen, sodass er sie nicht überschreitet,

6  schau weg von ihm! Lass ab, damit er seines Tags sich freue wie ein Tagelöhner.

7  Denn für den Baum besteht noch Hoffnung, ist er gefällt, so treibt er wieder, sein Sprössling bleibt nicht aus.

8  Wenn in der Erde seine Wurzel altert und sein Stumpf im Boden stirbt,

9  vom Dunst des Wassers sprosst er wieder und wie ein Setzling treibt er Zweige.

10  Doch stirbt ein Mann, so bleibt er kraftlos, verscheidet ein Mensch, wo ist er dann?

11  Die Wasser schwinden aus dem Meer, der Strom vertrocknet und versiegt.

12  So legt der Mensch sich hin, steht nie mehr auf; die Himmel werden vergehen, eh er erwacht, eh er aus seinem Schlaf geweckt wird.

13  Dass du mich in der Unterwelt verstecktest, mich bergen wolltest, bis dein Zorn sich wendet, ein Ziel mir setztest und dann an mich dächtest!

14  Wenn einer stirbt, lebt er dann wieder auf? Alle Tage meines Kriegsdienstes harrte ich, bis einer käme, um mich abzulösen.

15  Du riefest und ich gäbe Antwort, du sehntest dich nach deiner Hände Werk.

16  Dann würdest du meine Schritte zählen, auf meinen Fehltritt nicht mehr achten.

17  Versiegelt im Beutel wäre mein Vergehen, du würdest meinen Frevel übertünchen.

18  Jedoch der Berg, der fällt, zergeht, von seiner Stätte rückt der Fels.

19  Das Wasser zerreibt Steine, Platzregen spült das Erdreich fort; so machst du das Hoffen des Menschen zunichte.

20  Du bezwingst ihn für immer, so geht er dahin, du entstellst sein Gesicht und schickst ihn fort.

21  Sind seine Kinder in Ehren, er weiß es nicht; sind sie verachtet, er merkt es nicht.

22  Sein Leib fühlt nur die eigenen Schmerzen, seine Seele trauert nur um sich selbst.‘

 

Nachdem jeder seiner drei Freunde das Wort ergriffen hatte und Hiob die Vorwürfe seiner Freunde vehement zurückgewiesen hatte, beginnt die zweite Runde, die mit der zweiten Rede Elifas (siehe Kapitel 15) eröffnet wird. Elifas verweist vor allem auf die Sündigkeit aller Menschen:

 

1  ‚Da antwortete Elifas von Teman und sprach:

2  Gibt ein Weiser windige Kunde zur Antwort, füllt er sein Inneres mit Ostwind an,

3  um zu rechten mit Gerede, das nichts taugt, mit Worten, in denen kein Nutzen liegt?

4  Du brichst sogar die Gottesfurcht, zerstörst das Besinnen vor Gott.

5  Denn deine Schuld belehrt deinen Mund, die Sprache der Listigen hast du gewählt.

6  Dein eigener Mund verurteilt dich, nicht ich, deine Lippen zeugen gegen dich.

7  Bist du als erster Mensch geboren, kamst du zur Welt noch vor den Hügeln?

8  Hast du gelauscht im Rate Gottes und die Weisheit an dich gerissen?

9  Was weißt du, das wir nicht wissen, verstehst du, was uns nicht bekannt ist?

10  Auch unter uns sind Alte, sind Ergraute, die älter sind an Tagen als dein Vater.

11  Ist zu gering dir Gottes Tröstung, ein Wort, das sanft mit dir verfährt?

12  Wie reißt doch dein Herz dich fort, wie überheben sich deine Augen,

13  dass gegen Gott deinen Zorn du wendest und Worte (gegen ihn) aus deinem Mund stößt?

14  Was ist der Mensch, dass rein er wäre, der vom Weib Geborene, dass er im Recht sein könnte?

15  Sieh doch, selbst seinen Heiligen traut er nicht und der Himmel ist nicht rein vor ihm.

16  Geschweige denn ein Unreiner und Verderbter, ein Mensch, der Verkehrtes trinkt wie Wasser.‘

 

Elifas fährt fort, dass nur der Frevler der Hoffnungslosigkeit verfallen sei:

 

17  ‚Verkünden will ich dir, hör mir zu! Was ich geschaut, will ich erzählen,

18  was Weise zu berichten wissen, was ihre Väter ihnen nicht verhehlten.

19  Ihnen allein war das Land gegeben, kein Fremder ging unter ihnen einher.

20  Der Frevler bebt in Ängsten all seine Tage, die Zahl der Jahre ist dem Tyrannen verborgen.

21  In seinen Ohren hallen Schreckensrufe, mitten im Frieden kommt der Verwüster über ihn.

22  Er kann nicht hoffen, dem Dunkel zu entfliehen, aufgespart ist er für das Schwert.

23  Er irrt umher nach Brot, wo (er es finde), er weiß, dass ihn ein schwarzer Tag bedroht.

24  Not und Drangsal erschrecken ihn, sie packen ihn wie ein kampfbereiter König.

25  Denn gegen Gott erhebt er seine Hand, gegen den Allmächtigen erkühnt er sich.

26  Halsstarrig rennt er gegen ihn an mit den dicken Buckeln seiner Schilde.

27  Mit Fett bedeckt er sein Gesicht, tut Fett um seine Hüfte.

28  Er wohnt in zerstörten Städten, in Häusern, darin niemand wohnt, die man zu Trümmerstätten bestimmt.

29  Er wird nicht reich; sein Besitz hat nicht Bestand; zur Erde neigt sich seine Ähre nicht.

30  Der Finsternis entrinnt er nicht, die Flammenglut dörrt seinen Schößling aus, er schwindet dahin beim Hauch seines Mundes.

31  Er baue nicht auf eitlen Trug; denn sein Erwerb wird nur Enttäuschung sein.

32  Bevor sein Tag kommt, welkt er hin und sein Palmzweig grünt nicht mehr.

33  Er stößt ihn ab wie der Weinstock saure Trauben, wie der Ölbaum wirft er seine Blüten fort.

34  Unfruchtbar ist der Ruchlosen Rotte und Feuer verzehrt die Zelte der Bestechung.

35  Von Mühsal schwanger, gebären sie nur Unheil; nur Trug ist, was ihr Schoß hervorbringt.‘

 

Kapitel 16 bringt dann wiederum die Gegenrede Hiobs, die darin gipfelt, dass sie alle leidige Tröster seien, die ihm nichts Neues und damit keinen Trost bringen können:

 

1  ‚Da antwortete Ijob und sprach:

2  Ähnliches habe ich schon viel gehört; leidige Tröster seid ihr alle.

3  Sind nun zu Ende die windigen Worte, oder was sonst reizt dich zum Widerspruch?

4  Auch ich könnte reden wie ihr, wenn ihr an meiner Stelle wäret, schöne Worte über euch machen und meinen Kopf über euch schütteln.

5  Ich könnte euch stärken mit meinem Mund, nicht sparen das Beileid meiner Lippen.‘

 

Hiob beklagt sich dann auch darüber, dass er Gottes Haltung zu ihm als einen außerordentlich ungerechten Angriff ansieht:

 

6 ‚Rede ich, hört doch mein Schmerz nicht auf; schweige ich, so weicht er nicht vor mir.

7  Jetzt aber hat er mich erschöpft. Den Kreis der Freunde hast du mir verstört

8  und mich gepackt. Mein Verfall erhebt sich und tritt als Zeuge gegen mich auf; er widerspricht mir ins Gesicht.

9  Sein Zorn zerreißt, befehdet mich, knirscht gegen mich mit den Zähnen, mein Gegner schärft die Augen gegen mich.

10  Sie sperren ihr Maul gegen mich auf, schlagen voll Hohn mich auf die Wangen, scharen sich gegen mich zusammen.

11  Gott gibt mich dem Bösen preis, in die Hand der Frevler stößt er mich.

12  In Ruhe lebte ich, da hat er mich erschüttert, mich im Nacken gepackt, mich zerschmettert, mich als Zielscheibe für sich aufgestellt.

13  Seine Pfeile umschwirren mich, schonungslos durchbohrt er mir die Nieren, schüttet meine Galle zur Erde.

14  Bresche über Bresche bricht er mir, stürmt wie ein Krieger gegen mich an.

15  Ein Trauergewand hab ich meiner Haut genäht, mein Horn in den Staub gesenkt.

16  Mein Gesicht ist vom Weinen rot und Dunkel liegt auf meinen Wimpern.

17  Doch kein Unrecht klebt an meinen Händen und mein Gebet ist lauter.

18  O Erde, deck mein Blut nicht zu und ohne Ruhstatt sei mein Hilfeschrei!

19  Nun aber, seht, im Himmel ist mein Zeuge, mein Bürge in den Höhen.

20  Da meine Freunde mich verspotten, tränt zu Gott hin mein Auge.

21  Recht schaffe er dem Mann bei Gott und zwischen Mensch und Mensch.

22  Denn nur noch wenig Jahre werden kommen, dann muss ich den Pfad beschreiten, auf dem man nicht wiederkehrt.

 

In Kapitel 17 erfahren wir dann, dass Hiob darüber verbittert ist, dass ihm zu aller Not auch nur Spott entgegenschlägt:

 

1 ‚Mein Geist ist verwirrt, meine Tage sind ausgelöscht, nur Gräber bleiben mir.

2  Wahrhaftig, nur Spott begleitet mich. In Bitterkeit verbringt mein Auge die Nacht.

3  Hinterleg die Bürgschaft für mich bei dir! Wer würde sonst den Handschlag für mich leisten?

4  Ihr Herz hast du der Einsicht verschlossen, darum lässt du sie nicht triumphieren.

5  Zum Teilen lädt einer die Freunde ein, während die Augen seiner Kinder verschmachten.

6  Zum Spott für die Leute stellte er mich hin, ich wurde einer, dem man ins Gesicht spuckt.

7  Vor Kummer ist mein Auge matt, all meine Glieder schwinden wie Schatten dahin.

8  Darüber entsetzen sich die Redlichen, der Reine empört sich über den Ruchlosen.

9  Doch der Gerechte hält fest an seinem Weg, wer reine Hände hat, gewinnt an Kraft.

10  Ihr alle, kehrt um, kommt wieder her, ich finde ja noch keinen Weisen bei euch.

11  Dahin sind meine Tage, zunichte meine Pläne, meine Herzenswünsche.

12  Sie machen mir die Nacht zum Tag, das Licht nähert sich dem Dunkel.

13  Ich habe keine Hoffnung. Die Unterwelt wird mein Haus, in der Finsternis breite ich mein Lager aus.

14  Zur Grube rufe ich: Mein Vater bist du!, Meine Mutter, meine Schwester!, zum Wurm.

15  Wo ist dann meine Hoffnung und wo mein Glück? Wer kann es schauen?

16  Fahren sie zur Unterwelt mit mir hinab, sinken wir vereint in den Staub?‘

 

In Kapitel 18 erhebt nun auch Bildad zum zweiten Mal das Wort und versucht sich selbst zu verteidigen und beschwört das Schicksal eines jeden Frevlers:

 

1 ‚Da antwortete Bildad von Schuach und sprach:

2  Wann endlich macht ihr Schluss mit den Reden? Nehmt Einsicht an, dann reden wir.

3  Warum sind wir wie Vieh geachtet, gelten als unrein in euren Augen?

4  Du, der sich selbst zerfleischt in seinem Zorn, soll deinetwegen die Erde sich entvölkern, der Fels von seiner Stelle

5  Ja, der Frevler Licht erlischt, die Flamme seines Feuers strahlt nicht auf.

6  Das Licht in seinem Zelte dunkelt, seine Leuchte über ihm erlischt.

7  Eng wird sein gewaltiger Schritt, sein eigner Plan bringt ihn zu Fall.

8  Denn mit seinen Füßen gerät er ins Netz und über Flechtwerk schreitet er dahin.

9  Das Klappnetz packt ihn an der Ferse, die Schlinge hält ihn fest.

10  Versteckt am Boden liegt sein Fangstrick, die Falle für ihn auf dem Pfad.

11  Ringsum ängstigen ihn Schrecken und scheuchen ihn auf Schritt und Tritt.

12  Hungrig nach ihm ist sein Unheil, das Verderben steht bereit zu seinem Sturz.

13  Es frisst die Glieder seines Leibes, seine Glieder frisst des Todes Erstgeborener.

14  Ausgerissen wird aus seinem Zelt die Zuversicht, du treibst ihn fort zum König der Schrecken.

15  Ihm Fremdes wohnt in seinem Zelt, Schwefel wird auf seinen Hof gestreut.

16  Von unten her verdorren seine Wurzeln, von oben welken seine Zweige.

17  Sein Andenken schwindet von der Erde, kein Name bleibt ihm weit und breit.

18  Sie stoßen ihn vom Licht ins Dunkel und jagen ihn vom Erdkreis fort.

19  Kein Spross, kein Stamm bleibt ihm in seinem Volk, am Ort seines Aufenthaltes keiner, der ihn überlebt.

20  Über seinen Tag schaudern die im Westen, die im Osten packt das Grauen.

21  Ja, so geht es mit der Wohnung des Frevlers, mit dem Ort des Menschen, der Gott nicht kennt.‘

 

Im Kapitel 19 lesen wir dann, dass Hiob erneut diese Schmähungen energisch zurückweist und nochmals betont, dass er das Verhalten Gottes ihm gegenüber nicht verstehen kann:

 

1  ‚Da antwortete Ijob und sprach:

2  Wie lange noch wollt ihr mich quälen und mich mit Worten niedertreten?

3  Zum zehnten Mal schon schmäht ihr mich und schämt euch nicht, mich zu beleidigen.

4  Ging ich wirklich unwissend fehl, mein Fehltritt weilt doch allein bei mir.

5  Wollt ihr wirklich großtun gegen mich und mir meine Schmach beweisen?

6  Erkennt doch, dass Gott mich niederdrückt, da er sein Netz rings um mich warf.

7  Schrei ich: Gewalt!, wird mir keine Antwort, rufe ich um Hilfe, gibt es kein Recht.

8  Meinen Pfad hat er versperrt; ich kann nicht weiter, Finsternis legt er auf meine Wege.

9  Meiner Ehre hat er mich entkleidet, die Krone mir vom Haupt genommen.

10  Er brach mich ringsum nieder, ich muss dahin; er riss mein Hoffen aus wie einen Baum.

11  Sein Zorn ist gegen mich entbrannt, gleich seinen Gegnern gelte ich ihm.

12  Vereint rückten seine Scharen an, bahnten gegen mich den Weg, lagerten sich rings um mein Zelt.‘

 

Vor allem beklagt Hiob, dass sich seine Verwandten und Freunde, die ihn doch eigentlich trösten sollten, entfremdet haben:

 

13  ‚Meine Brüder hat er von mir entfernt, meine Bekannten sind mir entfremdet.

14  Meine Verwandten, Bekannten blieben aus, die Gäste meines Hauses haben mich vergessen.

15  Als Fremder gelte ich meinen Mägden, von anderem Stamm bin ich in ihren Augen.

16  Rufe ich meinen Knecht, so antwortet er nicht; mit eigenem Mund muss ich ihn anflehen.

17  Mein Atem ist meiner Frau zuwider; die Söhne meiner Mutter ekelt es vor mir.

18  Buben selbst verachten mich, stehe ich auf, verhöhnen sie mich.

19  Alle meine Gefährten verabscheuen mich, die ich liebe, lehnen sich gegen mich auf.

20  An Haut und Fleisch klebt mein Gebein, nur das Fleisch an meinen Zähnen blieb.

21  Erbarmt, erbarmt euch meiner, ihr, meine Freunde! Denn Gottes Hand hat mich getroffen.

22  Warum verfolgt ihr mich wie Gott, warum werdet ihr an meinem Fleisch nicht satt?‘

 

Nun aber erfahren wir von ersten zaghaften Ansätzen zu einer Umkehr. Nun sehnt sich sein Herz nach Gott und er weiß, dass Gott ihn am Schluss erlösen wird:

 

23  ‚Dass doch meine Worte geschrieben würden, in einer Inschrift eingegraben

24  mit eisernem Griffel und mit Blei, für immer gehauen in den Fels.

25  Doch ich, ich weiß: mein Erlöser lebt, als Letzter erhebt er sich über dem Staub.

26  Ohne meine Haut, die so zerfetzte, und ohne mein Fleisch werde ich Gott schauen.

27  Ihn selber werde ich dann für mich schauen; meine Augen werden ihn sehen, nicht mehr fremd. Danach sehnt sich mein Herz in meiner Brust.

28  Wenn ihr sagt: Wie wollen wir ihn verfolgen und den Grund der Sache an ihm finden!,

29  dann bangt für euch selber vor dem Schwert; denn heftiger Zorn verdient das Schwert, damit ihr wisst: Es gibt ein Gericht.‘

 

Kapitel 20 leitet dann zu der zweiten Rede Zofars über. Er hält die Vorwürfe Hiobs für unbegründet und beschwört nochmals das Schicksal eines jeden Frevlers:

 

1  ‚Da antwortete Zofar von Naama und sprach:

2  Darum drängt mich meine Erregung zur Antwort und deswegen stürmt es in mir.

3  Schmähende Rüge muss ich hören, doch der Geist meiner Einsicht lässt mich entgegnen.

4  Weißt du das nicht von Urzeit her, seit Gott Menschen auf die Erde gesetzt hat:

5  dass kurz nur währt der Frevler Jubel, einen Augenblick nur des Ruchlosen Freude?

6  Steigt auch sein Übermut zum Himmel und rührt sein Kopf bis ans Gewölk,

7  wie sein Kot vergeht er doch für immer; die ihn gesehen haben, werden fragen: Wo ist er?

8  Wie ein Traum verfliegt er und ist nicht mehr zu finden, wird weggescheucht wie ein Gesicht der Nacht.

9  Das Auge, das ihn sah, erblickt ihn nicht wieder, seine Stätte schaut ihn nie mehr.

10  Seine Söhne müssen bei Armen betteln, ihre Hände geben seine Habe zurück.

11  Strotzen von Jugendkraft auch seine Glieder, sie betten sich doch mit ihm in den Staub.

12  Schmeckt süß das Böse in seinem Mund, birgt er es unter seiner Zunge,

13  spart er es auf und will nicht von ihm lassen, hält er es auch tief in seinem Gaumen fest,

14  in seinem Innern verwandelt sich die Speise, sie wird in seinem Leib ihm zu Natterngift.

15  Das Gut, das er verschlungen hat, speit er aus; aus seinem Leib treibt Gott es heraus.

16  Das Gift von Nattern saugt er ein, es tötet ihn der Viper Zunge.

17  Nicht darf er Bäche von Öl schauen, nicht Flüsse, die von Milch und Honig fließen.

18  Zurückgeben muss er seinen Gewinn, genießen darf er ihn nicht, darf sich nicht freuen am ertauschten Gut.

19  Denn Arme schlug er nieder, ließ sie liegen, raubte das Haus, das er nicht gebaut.

20  Denn kein Genug kennt er in seinem Bauch, drum entkommt er nicht mit seinen Schätzen.

21  Nichts entgeht seinem Fraß, darum hält sein Glück auch nicht stand.

22  Trotz vollen Überflusses kommt er in Not, die ganze Wucht des Elends fällt ihn an.

23  Und so geschieht es: Um des Frevlers Bauch zu füllen, lässt Gott auf ihn die Gluten seines Zornes los, lässt auf ihn regnen seine Schläge.

24  Flieht er vor dem Eisenpanzer, durchbohrt ihn der Bogen aus Bronze.

25  In den Rücken fährt ihm Gottes Geschoss, ein Blitz in seine Galle. Schrecken gehen über ihn hin.

26  Nur finsteres Unheil ist für ihn aufbewahrt, Feuer, von niemand entfacht, verzehrt ihn, frisst noch den letzten Mann in seinem Zelt.

27  Der Himmel enthüllt seine Schuld, die Erde bäumt sich gegen ihn auf.

28  Die Flut wälzt sein Haus hinweg, Wasserströme am Tag seines Zorns.

29  Das ist des Frevlers Anteil von Gott, das Erbe, das Gott ihm zuspricht.

 

Kapitel 21 bringt wiederum die Gegenrede Hiobs auf Zofars Vorwürfen. Nun bittet er vor allem um Geduld und beklagt sich über das Glück des Frevlers:

 

1  ‚Da antwortete Ijob und sprach:

2  Hört, hört doch auf mein Wort, das wäre mir schon Trost von euch.

3  Ertragt mich, sodass ich reden kann. Habe ich geredet, dann könnt ihr spotten.

4  Richt ich an Menschen meine Klage, hab ich nicht Grund zur Ungeduld?

5  Wendet euch mir zu und erstarrt und legt die Hand auf den Mund!

6  Denk ich daran, bin ich erschreckt und Schauder packt meinen Leib.

7  Warum bleiben Frevler am Leben, werden alt und stark an Kraft?

8  Ihre Nachkommen stehen fest vor ihnen, ihre Sprösslinge vor ihren Augen.

9  Ihre Häuser sind in Frieden, ohne Schreck, die Rute Gottes trifft sie nicht.

10  Ihr Stier bespringt und fehlt nicht, die Kühe kalben und verwerfen nicht.

11  Wie Schafe treiben sie ihre Kinder aus, ihre Kleinen tanzen und springen.

12  Sie singen zu Pauke und Harfe, erfreuen sich am Klang der Flöte,

13  verbrauchen ihre Tage im Glück und fahren voll Ruhe ins Totenreich.

14  Und doch sagten sie zu Gott: Weiche von uns! Deine Wege wollen wir nicht kennen.

15  Was ist der Allmächtige, dass wir ihm dienen, was nützt es uns, wenn wir ihn angehen?

16  Doch in ihrer Hand liegt nicht das Glück; der Frevler Denkart ist mir fern.

17  Wie oft erlischt der Frevler Lampe, kommt Unheil über sie, teilt er Verderben zu in seinem Zorn?

18  Wie oft werden sie wie Stroh vor dem Wind, wie Spreu, die der Sturm entführt?

19  Nicht dessen Kindern spare Gott sein Unheil auf, ihm selbst vergelte er, sodass er es spürt.

20  Mit eigenen Augen soll er sein Unglück schauen, vom Grimm des Allmächtigen soll er trinken.

21  Denn was kümmert ihn sein Haus, wenn er dahin ist, wenn abgeschnitten seiner Monde Zahl? ‚

 

Weiter verweist Hiob darauf, dass der vermeintliche Trost seiner Freunde in Wirklichkeit trügerisch sei:

 

22  ‚Darf man Gott Erkenntnis lehren, ihn, der die Erhabenen richtet?

23  Der eine stirbt in vollem Glück, ist ganz in Frieden, sorgenfrei.

24  Seine Schenkel sind voll von Fett, getränkt mit Mark sind seine Knochen.

25  Der andere stirbt mit bitterer Seele und hat kein Glück genossen.

26  Zusammen liegen sie im Staub und Gewürm deckt beide zu.

27  Ja, euer Denken kenn ich wohl, die Ränke, die ihr sinnt gegen mich.

28  Ihr sagt: Wo ist das Haus des Edlen und wo das Zelt, in dem Frevler wohnen?

29  Habt ihr nie die fahrenden Leute befragt und ihre Zeichen genau beachtet?

30  Dass am Unglückstag der Böse verschont wird, weggebracht am Tag des Zorns.

31  Wer hält ihm seinen Lebenswandel vor, was er getan hat, wer vergilt es ihm?

32  Er aber wird zur Gruft geleitet, bei seinem Grab hält man die Wacht.

33  Ein Labsal sind für ihn die Schollen des Schachts, hinter ihm her zieht alle Welt, vor ihm die Menge ohne Zahl.

34  Wie wollt ihr mich mit Nichtigem trösten? Eure Antworten bleiben Betrug.‘

 

Kapitel 23 leitet eine dritte Runde ein. Elifas beginnt damit, dass er die Freveltaten Hiobs aufzählt und ihn zu Umkehr und Demut ermahnt. Hiob antwortet ihm, in dem er zwar nach wie vor zum Ausdruck bringt, das er das Leid der Frommen und den Erfolg der Frevler nicht verstehen könne, dass er sich aber sehnlichst ein Gespräch mit Gott wünscht, in dem Gott ihm dies Geschehen verständlich erklärt.

 

Die dritte Rede Bildads verweist nochmals auf die Sündhaftigkeit aller Menschen und Hiob sieht darin nach wie vor leere Worte ohne tiefere Wahrheit. Aber nun können wir (siehe Kapitel 26) erkennen, dass Hiob wiederum zum Pfad der Tugend zurückgefunden hat:

 

1  ‚Dann setzte Ijob seine Rede fort und sprach:

2  So wahr Gott lebt, der mir mein Recht entzog, der Allmächtige, der meine Seele quälte:

3  Solange noch Atem in mir ist und Gottes Hauch in meiner Nase,

4  soll Unrecht nicht von meinen Lippen kommen, noch meine Zunge Falsches reden.

5  Fern sei es mir, euch Recht zu geben, ich gebe, bis ich sterbe, meine Unschuld nicht preis.

6  An meinem Rechtsein halt ich fest und lass es nicht; mein Herz schilt keinen meiner Tage.‘

 

Kapitel 29 bringt uns dann die Schlussrede Hiobs. Er sehnt die gesegnete Vergangenheit zurück, beklagt in Kapitel 30 nochmals die schreckliche Gegenwart, bekräftigt jedoch seinen Vorsatz, vom Pfad der Tugend nicht abzuweichen, er spricht die Hoffnung aus, dass Gott ihn auf gerechter Waage wäge und seine Unschuld erkenne und beendet in Kapitel 31 seine Rede mit der inbrünstigen Hoffnung:

 

35  ‚Gäbe es doch einen, der mich hört. Das ist mein Begehr, dass der Allmächtige mir Antwort gibt: Hier ist das Schriftstück, das mein Gegner geschrieben.

36  Auf meine Schulter wollte ich es heben, als Kranz es um den Kopf mir winden.

37  Ich täte die Zahl meiner Schritte ihm kund, ich nahte mich ihm wie ein Fürst.

38  Wenn über mich mein Acker schrie, seine Furchen miteinander weinten,

39  wenn seinen Ertrag ich verzehrte, ohne zu bezahlen, das Verlangen seines Herrn ich unerfüllt ließ,

40  sollen Dornen wachsen statt Weizen, statt Gerste stinkendes Kraut.‘