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Die Gleichnisse der Bibel

 

              

 

Gliederung:

 

Teil I

 

Problemeinführung

 

Teil II

 

Gleichnisse im Alten Testament

 

 

Teil III . Die Gleichnisse Jesu

              

1. Gottes- und Nächstenliebe

2. Weitere Verhaltensanweisungen

3. Frage nach dem Lohn                      

4. Die Rolle des Menschensohns 

5. Die Bedeutung des Bittens               

6. Von der Verbreitung des Glaubens   

 

 

 

 

 

Kapitel 8. Von der Verbreitung des Glaubens   

 

 

Gliederung:

 

1. Einführung

2. Das Gleichnis vom Licht

3. Das Gleichnis vom Salz

4. Das Gleichnis vom Sauerteig

5. Das Gleichnis vom Schatz im Acker u. von der Perle

6. Das Gleichnis vom Senfkorn

7. Das Gleichnis vom viererlei Acker (Sämann)

8. Das Gleichnis vom Wachsen der Saat

9. Das Gleichnis vom Feigenbaum

 

 

 

1. Einführung

 

Das 6. Kapitel über die Gleichnisse Jesu (das achte Kapitel dieser Vorlesung) befasst sich mit der Verbreitung des Glaubens. Einige dieser Gleichnisse bestehen lediglich aus ein, zwei Versen und beziehen sich auf ein einfaches Bild, wie wenn z. B. das Himmelreich mit einem Licht verglichen wird, welches einen Raum möglichst hell erleuchtet. 

 

Auch müssen wir davon ausgehen, dass sich diese Gleichnisse zumeist mit Themen beschäftigen, welche wir bereits in den vorhergehenden Kapiteln ausführlich besprochen haben. So wenn z. B. im Gleichnis vom Salz davon gesprochen wird, dass die Jünger das Salz der Erde seien und genauso für die Ausbreitung des Glaubens verantwortlich sind wie das Salz überhaupt erst viele Speisen genießbar macht.

 

Es liegt also dann auch am Verhalten jedes einzelnen Jüngers oder gläubigen Menschen, dass sie durch ihr vorbildliches Verhalten überhaupt erst dazu beitragen, dass der Glaube auch von anderen Menschen (bisherigen Heiden) angenommen wird oder dass Gläubige, welche die Anweisungen Gottes bisher missachtet haben, wiederum zum aktiven Glauben zurückfinden.

 

Wenn also auch diese hier zu behandelnden Gleichnisse Themen ansprechen, welche bereits in den vorhergehenden Kapiteln angesprochen wurden, so unterscheiden sich die nun erörterten Gleichnisse von den bisher analysierten Gleichnisse dadurch, dass es bei den bisher behandelten Fragen primär darum ging, wie sich die einzelnen Gläubigen verhalten sollen, während nun aufgezeigt werden soll, wie sich die gesamte Glaubensgemeinschaft verbreitet. Um ein Begriffspaar aus der Wirtschaftswissenschaft aufzugreifen, standen in den vorhergehenden Kapiteln Fragen der Mikroebene zur Diskussion, während nun Probleme der Makroebene aufgezeigt werden sollen.

 

 

2. Das Gleichnis vom Licht

 

Beginnen wir mit dem Gleichnis vom Licht, das wir im Matthäusevangelium  Kapitel 5,14-16 vorfinden:

 

14 ‚Ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt, die auf einem Berg liegt, kann nicht verborgen bleiben.

15 Man zündet auch nicht ein Licht an und stülpt ein Gefäß darüber, sondern man stellt es auf den Leuchter; dann leuchtet es allen im Haus.

16 So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.‘ 

 

Genauso wie eine Straßenlaterne den auf einer Straße gehenden Passanten Orientierung gibt und verhindern hilft, dass einzelne nicht begehbare Wege beschreiten, genauso sollen die Jünger und Gläubigen mit gutem Beispiel vorangehen und den Ungläubigen oder Sündern aufzeigen, wie Menschen zum ewigen Leben kommen können.

 

Bei Markus und Lukas, welche ebenfalls dieses Gleichnis erwähnen, wird allerdings für ein Licht, das seine Aufgabe verfehlt, nicht das Bild genommen, dass über die Kerze ein Gefäß gestülpt wird, sondern, dass das Licht unter das Bett gestellt wird.

 

Diese Aufgabe können die Gläubigen aber nur dann erfüllen, wenn ihr vorbildliches Verhalten auch den Nichtgläubigen sichtbar wird. Nur dann ist damit zu rechnen, dass die anderen von der Art und Weise, wie die Christen miteinander umgehen, ‚angesteckt‘ werden und ebenfalls bereit sind, sich den Christen anzuschließen.

 

Im Anschluss an das letzte Abendmahl sagt Jesus in diesem Sinne zu seinen Jüngern: ‚Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt.‘ (Johannes Kapitel 13,34-35)

 

Diese Aufforderung, sich vor allen Augen gegenseitig zu achten und zu unterstützen und für alle sichtbar ein Vorbild abzugeben, scheint auf den ersten Blick in Widerspruch zu geraten mit der Warnung Jesu: ‚Wenn du Almosen gibst, soll deine linke Hand nicht wissen, was deine rechte tut.‘ (nach Matthäus Kapitel 6,3)

 

Aber wenn wir uns den gesamten Text, in dem diese Aussage gemacht wurde, vor Augen führen, wird klar, wie sich dieser scheinbare Widerspruch auflöst:

 

1  ‚Hütet euch, eure Gerechtigkeit vor den Menschen zur Schau zu stellen; sonst habt ihr keinen Lohn von eurem Vater im Himmel zu erwarten.

2  Wenn du Almosen gibst, lass es also nicht vor dir herposaunen, wie es die Heuchler in den Synagogen und auf den Gassen tun, um von den Leuten gelobt zu werden. Amen, das sage ich euch: Sie haben ihren Lohn bereits erhalten.

3  Wenn du Almosen gibst, soll deine linke Hand nicht wissen, was deine rechte tut.

4  Dein Almosen soll verborgen bleiben und dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird es dir vergelten. (Matthäus Kapitel 6,1-4)

 

Jesus spricht mit seinen Reden und Lehren immer konkrete Probleme an, die zu Lebzeiten Jesu entstanden waren und diskutiert wurden. In dem erwähnten Absatz will Jesus das Verhalten vieler Juden geißeln, die sich zwar rein äußerlich an die judäischen Religionsgesetze halten, also z. B. den Zehnten ihrer Einkünfte für die Armen zu spenden, in Wirklichkeit aber diese Vorschriften nicht deshalb einhalten, weil sie in ihrem Herzen Nächstenliebe ausüben wollen, sondern allein oder auch nur schwergewichtig diese Gebote einhalten, um vor den Mitmenschen als gläubiger Jude angesehen zu werden, was sich dann für sie im Endergebnis für sie in Heller und Pfennig auszahlt.

 

Es wird also von Jesus an dieser Stelle nicht gebrandmarkt, dass die guten Taten für andere sichtbar werden, sondern dass diese guten Taten allein dazu dienen, den eigenen Profit zu erhöhen. Nicht das Schicksal der Armen berührt diese Spender, sondern nur die Frage, wie sie ihr eigenes Wohl auf diese Weise verbessern können.

 

Nun sollte man diese Kritik an einem auf das eigene Wohl bedachten Verhalten auch nicht zu weit fassen. Es geht Jesus bei seinen Aussagen in diesem Zusammenhang vor allem darum, dass nicht das hiesige Wohl auf Erden das Handeln des einzelnen bestimmen solle, vielmehr das Bemühen, das ewige Wohl zu erlangen. Wer etwas tut, um das ewige Leben zu erhalten, handelt richtig auch dann, wenn sein Handeln auch dadurch motiviert wird, auf diese Weise in das Himmelreich einzugehen und dort für seine guten Taten belohnt zu werden.

 

‚Wenn du Almosen gibst, lass es also nicht vor dir herposaunen, wie es die Heuchler in den Synagogen und auf den Gassen tun, um von den Leuten gelobt zu werden. Amen, das sage ich euch: Sie haben ihren Lohn bereits erhalten.  (Matthäus Kapitel 6,2) Und: ‚Dein Almosen soll verborgen bleiben und dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird es dir vergelten.‘ (Matthäus Kapitel 6,4) Auch im 1. Korintherbrief von Paulus Kapitel 3,8 steht in diesem Sinne: ‚Wer pflanzt und wer begießt: Beide arbeiten am gleichen Werk, jeder aber erhält seinen besonderen Lohn, je nach der Mühe, die er aufgewendet hat.

 

Im Johannesevangelium Kapitel 8,12 wird allerdings nicht wie bei den anderen drei Evangelisten davon gesprochen, dass die Jünger (oder die Gläubigen) ein Licht seien sollen, das für die anderen Menschen ein leuchtendes Beispiel abgibt, sondern es ist Jesus selbst, der sich als Licht bezeichnet: ‚Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis umhergehen, sondern wird das Licht des Lebens haben.‘

 

Trotzdem stehen beide Fassungen des Gleichnisses vom Licht in einem engen Zusammenhang zueinander. Nur dadurch, dass Gott durch Jesus Erscheinen den Menschen das Licht der göttlichen Botschaft gebracht hat, sind auch die gläubigen Menschen überhaupt in der Lage, selbst wiederum für die anderen Menschen ein Licht zu sein. Es verhält sich wie Mond und Sonne zueinander. Der Mond kann von der Erde aus nachts nur deshalb als leuchtende Scheibe erkannt werden, weil er genauso wie die Erde das Sonnenlicht empfängt.

 

 

3. Das Gleichnis vom  Salz 

 

Wenden wir uns nun dem Gleichnis vom Salz zu und erfahren bei Matthäus Kapitel 5,13:

        

13 ‚Ihr seid das Salz der Erde. Wenn das Salz seinen Geschmack verliert, womit kann man es wieder salzig machen? Es taugt zu nichts mehr; es wird weggeworfen und von den Leuten zertreten.‘

 

Salz gehört zu den ganz wichtigen Nahrungsmitteln, ohne die Speisen in aller Regel fad schmecken. Zwar spricht die Chemie von Salzen generell bei allen Stoffen, welche durch Reaktion von Säuren und Basen entstehen, auch wird der Begriff Salz in der Chemie für Stoffe gebraucht, welche eine Jonenverbindung aufweisen und ein Kristallgitter aus Kationen und Anionen bilden. Charakteristisch für Salze ist eine hohe Schmelztemperatur und Löslichkeit in polaren Lösungsmitteln wie z. B. Wasser; hier entstehen sogenannte Elektrolyte, elektrisch leitende Lösungen.

 

Wenn in der Bibel von Salz gesprochen wird, denkt man an Kochsalz, welches chemisch gesehen ein Natriumsulfat darstellt. Wie der Name bereits andeutet, wird Kochsalz zum Würzen eines großen Teils der Speisen verwendet.  Zur Aufrechterhaltung der Körperfunktion werden die Salze als anorganischen Stoffe, welche der menschliche Körper benötigt, in Form von Ionen in den Stoffwechsel eingebracht.

 

In gelöster Form besteht Kochsalz aus positiv geladenen Natrium- und negativ geladenen Chloridionen. Beide erfüllen eine lebenswichtige Rolle für den Wasserhaushalt, das Nervensystem, die Verdauung und den Knochenaufbau. Jeder Erwachsene nimmt täglich ein bis drei Gramm zum Ausgleich des Verlusts durch Schweiß und Ausscheidungen auf. Bei einigen Krankheiten sowie starkem Schweißaustritt erreicht der Kochsalzverlust pro Tag etwa 20 Gramm.

 

Wenn Menschen Salz zu sich nehmen, wird ein sogenanntes Dopamin ausgeschüttet, das als Glückshormon bezeichnet wird und ähnliche Wirkungen zeigt wie allgemeine Drogen.

 

Salz macht organische Würzstoffe weniger löslich und trägt so dazu bei, dass sie besser wahrgenommen werden. Eine Prise Salz in Brot oder ähnlichen Speisen stabilisiert die Stärke. Gemüse wird gewöhnlich in gesalzenem Wasser gekocht. Durch Osmose werden hierdurch die Zellwände aufgeschlossen, was zu Verkürzung der Kochzeit führt und dazu beiträgt, dass Inhaltsstoffe besser erhalten bleiben. Durch eine Salzkruste kann Salz das Fleisch isolieren und dazu beitragen, dass der Braten im eigenen Saft gart. Salz steuert die Entstehung von Enzymen bei der Bereitung von Teig und macht auf diese Weise eine gesteuerte Gärung möglich.

 

Die Bedeutung des Salzes für die menschliche Ernährung geht schon daraus hervor, dass „salzig“  neben sauer, bitter und süß einen eigenen Geschmacksinn darstellt und dass Salz zu den beliebtesten Gewürzen zählt. Kochsalz wird nicht nur zum Würzen der Speisen, sondern auch bei der Konservierung von Fleisch und Wurst verwendet.

 

Was will uns nun dieses Gleichnis besagen? Wir haben uns hierbei zu vergegenwärtigen, dass das Leben hier auf Erden mit dem ewigen Leben verglichen wird und dass für dieses ewige Leben genauso eine Nahrung benötigt wird wie zur Aufrechterhaltung des irdischen Lebens. Die geistige Nahrung stellt hierbei die Botschaft Gottes, aber auch der Einsatz Jesu zur Belehrung der Menschen einschließlich seines Todes am Kreuz dar, bildlich wird hier beim Abendmahl vom ‚Fleisch‘ und ‚Blut‘ Jesu gesprochen, das wir als geistige Nahrung in der Kommunion zu uns nehmen.

 

Genauso wie normale Speisen ohne Salz fad schmecken und deshalb Gefahr besteht, dass man zu wenig von den Speisen zu sich nimmt, genauso bedarf auch die geistige Nahrung eines Salzes, damit auch die Bereitschaft der Menschen besteht, diese geistige Nahrung auf- und anzunehmen. Als Salz wirken nun die Gläubigen, welche die göttlichen Botschaften verinnerlicht haben und auch vorleben und das, was sie predigen, erfüllt die Rolle des Salzes. Ein Prediger, der sich selbst nicht an die von ihm vorgetragenen Lehren hält, trägt nicht dazu bei, dass seine Zuhörer seine Lehren annehmen und zur Umkehr bereit sind, die Lehren wirken fad und fade Speisen beachtet man nicht und wirft sie weg.

 

Die geistige Nahrung bleibt fade und ungenießbar und verfehlt ihren Zweck aber auch dann, wenn sich die Gläubigen zwar zu den Geboten Gottes bekennen, trotzdem aber für sich selbst genügend Ausreden erfinden, damit sie diese Anweisungen negieren können. Ein ‚Ja, aber‘ reicht nicht aus wie wir aus Matthäus Kapitel 5,37 erfahren:

 

‚Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein; alles andere stammt vom Bösen.‘

 

In die gleiche Richtung zielt auch ein Satz aus der Offenbarung des Johannes Kapitel 3,15-16:

 

15  ‚Ich kenne deine Werke. Du bist weder kalt noch heiß. Wärest du doch kalt oder heiß! 

16  Weil du aber lau bist, weder heiß noch kalt, will ich dich aus meinem Mund ausspeien.‘

 

Wer sich nicht eindeutig zu Gott bekennt, wer meint, es reiche aus, dass man sich aus dem ganzen Streit um die Religion heraushält, irrt. Gott will, dass wir uns zu ihm mit ganzem Herzen und mit der ganzen Kraft bekennen.

 

 

4. Das Gleichnis vom Sauerteig

 

Jesus hat das Himmelreich auch mit einem Sauerteig verglichen. So erfahren wir im Matthäusevangelium Kapitel 13,33:

 

33 ‚Und er erzählte ihnen noch ein Gleichnis: Mit dem Himmelreich ist es wie mit dem Sauerteig, den eine Frau unter einen großen Trog Mehl mischte, bis das Ganze durchsäuert war.‘ 

 

Im Duden wird ein Sauerteig als ein durch Zusatz von Mehl u. Wasser in fortlaufender Gärung gehaltener Teig bezeichnet, der dem Brotteig als Mittel zur Gärung u. Lockerung zugesetzt wird. 

 

Sauerteige enthalten Milchsäurebakterien und Hefepilze, welche für die Herstellung von Brot und Backwaren benutzt werden. Diese Mikroorganismen helfen mit, den Teig zu lockern, sie verbessern auf diese Weise die Verdaulichkeit, das Aroma, den Geschmack und die Haltbarkeit des Brotes.

 

Brote, welche mittels eines Sauerteiges hergestellt werden, zeichnen sich durch zahlreiche Geruchs- und Geschmacksstoffe aus, welche aufgrund der Gärung und der Entstehung von Estern diese Aromastoffe verstärken. Der Sauerteig wird zum Treiben des Teiges benutzt und erhöht somit das Volumen des Brotes. Der Sauerteig bindet Feuchtigkeit und ermöglicht auf diese Weise eine Quellung des Teiges. Zu den wichtigsten positiven Eigenschaften des Sauerteiges zählt, dass Backwaren gelagert und frisch gehalten werden können, dass sie weniger von Schimmel befallen werden.

 

Vom Sauerteig ist an vielen Stellen vor allem des Alten, aber auch Neuen Testamentes die Rede. Zumeist gilt der Sauerteig als etwas ‚unreines‘, das es zu vermeiden gilt. Während des Passahfestes, das an den Auszug der Israelis erinnert und sieben Tage lang dauert, soll nur ungesäuertes Brot gegessen werden:

 

‚Sieben Tage lang sollt ihr ungesäuertes Brot essen. Gleich am ersten Tag schafft den Sauerteig aus euren Häusern! Denn jeder, der zwischen dem ersten und dem siebten Tag Gesäuertes isst, soll aus Israel ausgemerzt werden.‘ (Exodus Kapitel 12,15)  

 

Auch die Gott geweihten Speise- und Dankopfer müssen ungesäuert sein:

 

'Kein Speiseopfer, das ihr dem Herrn darbringt, darf mit Sauerteig angemacht sein; denn ihr dürft dem Herrn weder Sauerteig noch Honig als Feueropfer darbringen.‚ (Levitikus Kapitel 2,11)

 

Gesäuertes gilt danach als unrein, da die Gärung als eine Art Fäulnisprozess die unversehrte Ursprünglichkeit und Reinheit der Gabe verletzt.

 

Aber auch Jesus gebraucht das Wort Sauerteig bisweilen in diesem negativ behafteten Sinne:

 

‚Und Jesus sagte zu ihnen: Gebt Acht, hütet euch vor dem Sauerteig der Pharisäer und Sadduzäer! (Matthäus Kapitel 16,6)

 

‚Warum begreift ihr denn nicht, dass ich nicht von Brot gesprochen habe, als ich zu euch sagte: Hütet euch vor dem Sauerteig der Pharisäer und Sadduzäer? Da verstanden sie, dass er nicht gemeint hatte, sie sollten sich vor dem Sauerteig hüten, mit dem man Brot backt, sondern vor der Lehre der Pharisäer und Sadduzäer.‘ (Matthäus Kapitel 16,11-12)

 

Und Lukas Kapitel 12,1 ergänzt diese Warnung, um anzudeuten, dass mit diesem Bild die Heuchelei der Pharisäer gemeint sei:

 

‚Unterdessen strömten Tausende von Menschen zusammen, sodass es ein gefährliches Gedränge gab. Jesus wandte sich zuerst an seine Jünger und sagte: Hütet euch vor dem Sauerteig der Pharisäer, das heißt vor der Heuchelei.‘

 

Schließlich spricht auch Paulus im ersten Korintherbrief Kapitel 5,7-8 die Bedeutung des Sauerteiges an:

 

‚Schafft den alten Sauerteig weg, damit ihr neuer Teig seid. Ihr seid ja schon ungesäuertes Brot; denn als unser Paschalamm ist Christus geopfert worden. Lasst uns also das Fest nicht mit dem alten Sauerteig feiern, nicht mit dem Sauerteig der Bosheit und Schlechtigkeit, sondern mit den ungesäuerten Broten der Aufrichtigkeit und Wahrheit.‚

 

Hier wird also das Wort ‚Sauerteig‘ gebraucht, um anzudeuten, dass die schlechten Lehren der Pharisäer ansteckend seien. Und in diesem Sinne wird das Wort Sauerteig sicherlich auch im Gleichnis vom Sauerteig verwendet.

 

Aber wie kommt es, dass in diesem Gleichnis das Himmelreich mit einem Sauerteig, also etwas ausgesprochen Unreinem verglichen wird, vor dem man sich doch hüten soll? Bisweilen wird diese Verwendung des Wortes Sauerteig im Zusammenhang mit dem Kommen des Himmelreiches damit erklärt, dass die ‚reine‘ Botschaft Gottes hier auf Erden nicht rein gehalten werden könne, dass auch die Menschen, welche die Lehren Jesu verkünden, diese Botschaften durch ihr sündhaftes Handeln immer wieder verunreinigen.

 

Eine solche Deutung verkennt jedoch die Rolle, welches ein Gleichnis zu erfüllen hat. Das Bild, das in einem Gleichnis verwandt wird, um etwas Unbekanntes mit Hilfe von etwas Bekanntem zu erklären, will niemals die in diesem Bild angeführten Tatbestände bewerten, weder positiv noch negativ. Denken wir an das Gleichnis vom ungerechten Haushalter. Jesus fordert in diesem Gleichnis seine Jünger auf, von dem Verhalten ungerechter Menschen zu lernen.

 

Der ungerechte Haushalter, welcher wegen Veruntreuung von seinem Herrn entlassen werden soll, erlässt den Schuldnern seines Herrn einen Teil dieser Schuld. Jesus fordert die Jünger auf, sich genauso klug auch gegenüber den Fragen des ewigen Lebens zu verhalten. Auf keinen Fall will Jesus mit diesem Beispiel andeuten, dass die weitere Veruntreuung des Vermögens seines Herrn in irgendeiner Weise nachahmenswert ist. Nicht dieses Verhalten, sondern nur die in diesem Verhalten zum Ausdruck kommende Klugheit soll nachgeahmt werden.

 

In gleicher Weise soll auch in dem Gleichnis vom Sauerteig nicht etwa angedeutet werden, dass die Ausbreitung des Himmelreiches etwas unreines enthält, das Wort Sauerteig dient hier nur dazu, auf eine bestimmte Eigenschaft eines Sauerteiges, nämlich zur Vermehrung des gesäuerten Gegenstandes beizutragen, aufmerksam zu machen. Genauso verhalte es sich auch mit der göttlichen Botschaft. Beide Lehren, die Lehren Jesu wie die der Pharisäer verbreiten sich wie ein Sauerteig, unabhängig davon, ob diese Lehren rein oder unrein sind.

 

Natürlich geht auch Jesus davon aus, dass seine Botschaften durch böse Menschen verwässert und verunreinigt werden. Das Gleichnis vom Unkraut ist – wie wie gesehen haben – Gegenstand dieser Verunreinigung. Aber dort wird eigens darauf hingewiesen, dass über Nacht der Teufel komme und Unkraut säe und damit verhindere, dass sich die gute Saat voll entfalten kann. Gerade weil Jesus im Gleichnis vom Sauerteig keinerlei Hinweis auf die Tat des Bösen gibt, lässt vermuten, dass das Wort ‚Sauerteig‘ in diesem Gleichnis nicht für das Wirken der bösen Menschen steht, sondern einfach an die Fähigkeit eines Sauerteiges erinnern will, sich zu vermehren. Es wird nicht von einer bösen Frau, sondern einfach von einer Frau gesprochen, welche den Sauerteig unter den Teig mengt.

 

 

5. Das Gleichnis vom Schatz im Acker und von der Perle

 

Es folgen zwei kleinere Gleichnisse, welche bei Matthäus Kapitel 13,44-46 stehen und aus nur 3 Versen bestehen. Es handelt sich um die Gleichnisse vom Schatz im Acker und von der Perle. Danach findet ein Mann einen Schatz, welcher in einem Acker vergraben war. Der Mann ist ein gläubiger Mensch, der Schatz ist die Botschaft Gottes und Jesu Wirken. Dass dieser Schatz zunächst vergraben war, bedeutet, dass sich die Menschen offensichtlich von Gott abgewendet haben und die Anweisungen Gottes nicht beachtet haben.

 

Es wird nicht eigens darüber berichtet, wie dieser Mann, von dem dieses Gleichnis erzählt, diesen Schatz im Acker gefunden hat. Aber da der Schatz vergraben war und da dieser Acker, in dem dieser Schatz vergraben war, dem Finder nicht gehört hat, darf man annehmen, dass er nach Schätzen gesucht hat und dies bedeutet, dass er bemüht war, Gottes Weisungen zu befolgen.

 

In der Folge vergräbt der Mann diesen Schatz wiederum. Nun hat allerdings das Vergraben einen etwas andere Sinn. Während diejenigen, welche zunächst den Schatz vergraben haben, sich von Gottes Anweisungen abgewandt haben, also von dem Schatz nichts wissen wollten, bedeutet das Vergraben des erwähnten Mannes offensichtlich, dass er auf diese Weise diesen Schatz nicht mehr verlieren will, dass er also mit ganzem Herzen sich Gott zuwenden will, denn er verkauft seinen ganzen Besitz um diesen Acker zu erwerben:

 

44 ‚Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Schatz, der in einem Acker vergraben war. Ein Mann entdeckte ihn, grub ihn aber wieder ein. Und in seiner Freude verkaufte er alles, was er besaß, und kaufte den Acker.‘

 

Das zweite Gleichnis, das Gleichnis von der Perle ist formal gesehen genauso aufgebaut wie das Gleichnis vom Schatz im Acker, nur dass dieses Gleichnis von einem Kaufmann erzählt, der Schatz ist präzisiert, es handelt sich hier um Perlen, es wird eigens erwähnt, dass er diese Perlen suchte. Wiederum verkauft er seinen ganzen Besitz, um von dem Erlös diese Perle zu erwerben.

 

Also können wir auch in diesem zweiten Gleichnis davon ausgehen, dass besagter Kaufmann, nachdem er zum Glauben gefunden hat, auch mit ganzem Herzen Gottes Anweisungen entsprechen möchte. In beiden Fällen erkennen die Betroffenen, dass in unserem Leben das Streben nach dem ewigen Leben das allein Wichtige ist, dem alle irdischen Zielsetzungen untergeordnet werden sollen:

 

45 ‚Auch ist es mit dem Himmelreich wie mit einem Kaufmann, der schöne Perlen suchte.

46 Als er eine besonders wertvolle Perle fand, verkaufte er alles, was er besaß, und kaufte sie.‘ 

 

 

6. Das Gleichnis vom Senfkorn

 

Wenden wir uns nun dem Gleichnis vom Senfkorn zu, wir betrachten dieses Gleichnis in der Fassung von Matthäus Kapitel 13,31-32, es findet sich aber auch bei Markus und Lukas in weitgehend identischem Text:

 

31 ‚Er erzählte ihnen ein weiteres Gleichnis und sagte: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Senfkorn, das ein Mann auf seinen Acker säte.

32 Es ist das kleinste von allen Samenkörnern; sobald es aber hochgewachsen ist, ist es größer als die anderen Gewächse und wird zu einem Baum, sodass die Vögel des Himmels kommen und in seinen Zweigen nisten.‘

 

Dieses Gleichnis will aufzeigen, wie sich der von Jesus  verkündete Glaube verbreitet. Am Anfang steht, dass das kleinste unter den Samenkörnen, das Senfkorn ausgesät wird, was nichts anderes bedeutet, dass Jesus seine Botschaft verkündet, aber zunächst nur eine sehr kleine Schar von Jüngern und Zuhörern hat. Trotzdem gehört der Senfbaum zu den größten Gewächsen. Es wird also prophezeit, dass die Schar der Anhänger enorm zunehmen wird. Diese Feststellung bringt zum Ausdruck, was ja nach Jesu Himmelfahrt tatsächlich geschehen ist: Aus der sehr kleinen Schar einiger weniger Judenchristen, entstand innerhalb weniger Jahrzehnte eine große Kirchengemeinde.

 

Für das Verständnis dieses Gleichnisses müssen wir uns daran erinnern, dass alle vier kanonisierten Gleichnisse erst nach 70 n. Chr. aufgeschrieben wurden, dass also zum Zeitpunkt der Niederschrift dieses Gleichnisses das bereits eingetreten ist, was hier prophezeit wird, wobei es von geringerer Bedeutung ist, ob die Evangelisten diese Prophezeiung Jesus nur in den Mund gelegt haben, den genauen Text der Worte Jesu kannten sie ja ohnehin nur von mündlichen Erzählungen, oder ob sie aufgrund der eingetretenen Ereignisse sich an diese Worte besonders erinnerten und darin eine weitere Bestätigung ihres Glaubens gefunden haben.

 

Während bei Matthäus zum Abschluss dieses Gleichnisses lediglich vermerkt wird, dass die Vögel des Himmels in den Zweigen des Senfbaums nisteten, präzisiert das Markusevangelium Kapitel 4,32: ‚sodass in seinem Schatten die Vögel des Himmels nisten können.‘ Wenn Vögel im Schatten nisten, dann kann man davon ausgehen, dass sie sich wohlfühlen, dieses Gleichnis bringt also zum Ausdruck, dass die Engel oder vielleicht auch Gott selbst an der Ausbreitung des Glaubens Wohlgefallen findet.

 

 

7. Das Gleichnis vom viererlei Acker (Sämann)

 

In diesem Abschnitt wollen wir uns mit dem Gleichnis vom Sämann befassen. Es findet sich bei allen drei Synoptikern (Markus, Matthäus und Lukas), hier soll die Version von Matthäus Kapitel 13,1-9 zugrunde gelegt werden. Wir sind diesem Gleichnis bereits im einleitenden Kapitel des Teiles I begegnet. Wir hatten dort gesehen, dass Jesus selbst seinen Jüngern die Bedeutung von Gleichnissen eben an diesem Gleichnis verdeutlichte:

 

1 ‚An jenem Tag verließ Jesus das Haus und setzte sich an das Ufer des Sees.

2 Da versammelte sich eine große Menschenmenge um ihn. Er stieg deshalb in ein Boot und setzte sich; die Leute aber standen am Ufer.

3 Und er sprach lange zu ihnen in Form von Gleichnissen. Er sagte: Ein Sämann ging aufs Feld, um zu säen.

4 Als er säte, fiel ein Teil der Körner auf den Weg und die Vögel kamen und fraßen sie.

5 Ein anderer Teil fiel auf felsigen Boden, wo es nur wenig Erde gab, und ging sofort auf, weil das Erdreich nicht tief war;

6 als aber die Sonne hochstieg, wurde die Saat versengt und verdorrte, weil sie keine Wurzeln hatte.

7 Wieder ein anderer Teil fiel in die Dornen und die Dornen wuchsen und erstickten die Saat.

8 Ein anderer Teil schließlich fiel auf guten Boden und brachte Frucht, teils hundertfach, teils sechzigfach, teils dreißigfach.

9 Wer Ohren hat, der höre! ‚

 

Dieses Gleichnis zeigt im Gegensatz zu den bisher behandelten Gleichnissen, welche die Ausbreitung des Glaubens zum Inhalt haben, wie wir uns die Ausbreitung des Glaubens vorzustellen haben und mit welchen Schwierigkeiten der Glaube zu kämpfen haben wird.

 

Das Gleichnis wird bisweilen auch als Gleichnis vom viererlei Acker bezeichnet, um damit anzudeuten, dass die Saat sich auf viererlei Weise entwickeln oder auch untergehen kann. Jesus folgt damit der tatsächlichen Entwicklung von Samen. Der Sämann nimmt hier die Rolle von Jesus oder auch von Gott selbst an.

 

Der Samen kann erstens sein Ziel verfehlen, auf den dem Acker nahe liegenden Weg fallen und von Vögeln aufgefressen werden. In diesem Beispiel nehmen die Vögel die Rolle des Bösen bzw. der bösen Menschen ein, welche sich darum bemühen, die Ausbreitung des Glaubens zu verhindern.

 

Diese Erzählung enthüllt nun zum wiederholten Male die Eigenschaft eines Gleichnisses: Die Bilder, welche verwandt werden, um Unbekanntes mit Bekanntem (hier mit den Vögeln) zu erklären, wollen nichts über den Wert dieser Bilder aussagen. Dass hier die Vögel die Rolle des Bösen einnehmen, will nicht besagen, dass Vögel nun als Träger des Bösen schlechthin anzusehen sind. Ganz im Gegenteil stellen Vögel wie auch alle anderen Tiere Geschöpfe Gottes dar, welche von Gott bejaht werden und der Verherrlichung Gottes dienen.

 

In dem vorgehenden Gleichnis vom Senfkorn wurden die Vögel sogar als Boten Gottes (Engel) betrachtet. Dass im Gleichnis vom Sämann den Vögeln die Rolle des Bösen zuerkannt wird, hängt einfach damit zusammen, dass in der Realität die Vögel tatsächlich den Samen, welcher nicht auf den Acker, sondern auf den nahe gelegenen Weg fallen, auffressen. Und das Gleichnis will lediglich darauf aufmerksam machen, dass genauso so wie in der Realität ein Teil des Samens verloren geht, genauso auch damit zu rechnen ist, dass die Botschaft Gottes nicht von allen Menschen, welche sie hören, angenommen wird.

 

Die Aussaat kann zweitens ihr Ziel verfehlen, indem der Samen auf steinigen Boden, also auf Felsen fällt. Damit der Samen aufgeht, bedarf er bestimmter Mineralstoffe und organischer Verbindungen, welche im Ackerboden enthalten sind, weiterhin kann der aufkeimende Samen nur dadurch Halt gewinnen, dass er Wurzeln schlägt, welche sich im Ackerboden festigen können. All diese Voraussetzungen bringt der steinige Boden nicht mit sich, sodass die Saat auch nicht aufgehen kann.

 

Dieses Bild verweist auf die Menschen, welchen zwar Gottesbotschaft verkündet wird, welche aber in ihrer Erziehung keinerlei Unterweisung in religiösen Fragen erfahren haben und welchen deshalb auch die Bereitschaft und Fähigkeit, Gottes Botschaft in sich aufzunehmen, fehlt, bei ihnen schlagen die Worte Gottes also keine Wurzeln.

 

Eine dritte Gefahr dafür, dass der Samen (Gottes Botschaft also) nicht zur vollen Ähre heranwächst, besteht darin, dass zwar der Samen Wurzeln schlägt, sprich, dass durchaus eine gewisse Bereitschaft besteht, den Glauben anzunehmen. Trotzdem findet dieser Entwicklungsprozess vorzeitig sein Ende, weil Dornen und Unkraut ringsum die Ähren letztlich ersticken. Dies will heißen, dass diese Menschen, für welche diese dritte Gefahr zutrifft, den alltäglichen Verlockungen und Verführungen zum Bösen verfallen und aus diesen Gründen schließlich vom Glauben abfallen.

 

Als vierte Möglichkeit bleibt schließlich übrig, dass ein restlicher Teil der Samen sein vorgegebenes Ziel erreicht, dass also die Gläubigen bereit sind, Gottes Anweisungen zu folgen, da alle Voraussetzungen vorliegen, damit sich der Samen entwickeln kann.

 

 

8. Das Gleichnis vom Wachsen der Saat: 

 

Das nächste zu besprechende Gleichnis handelt vom Wachsen der Saat, ein Gleichnis, das wir allein bei Markus Kapitel 4,26–29 vorfinden:

 

26  ‚Er sagte: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mann Samen auf seinen Acker sät;

27  dann schläft er und steht wieder auf, es wird Nacht und wird Tag, der Samen keimt und wächst und der Mann weiß nicht, wie.

28  Die Erde bringt von selbst ihre Frucht, zuerst den Halm, dann die Ähre, dann das volle Korn in der Ähre.

29  Sobald aber die Frucht reif ist, legt er die Sichel an; denn die Zeit der Ernte ist da.‚

 

Dieses Gleichnis nimm ein Thema auf, das wir bereits im Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen diskutiert haben. Allerdings heben beide Gleichnisse auf einen unterschiedlichen Aspekt ab. Wir erinnern uns: Als die Knechte dem Gutsbesitzer davon berichtet hatten, dass sich Unkraut zwischen den Ähren herausgebildet hat und dass dieses Unkraut das Wachstum der Ähren beeinträchtigt, frugen sie ihren Herrn, ob sie das Unkraut herausreißen sollten.

 

Der Herr antwortete ihnen, nein, denn sonst reißt ihr mit dem Unkraut auch die eine oder andere gesunde Frucht heraus. Erst wenn die Erntezeit gekommen ist, sollen die Knechte das Unkraut sammeln und verbrennen. Genauso wird Gott in aller Regel nicht bei jeder Untat unmittelbar eingreifen und die sündigen Menschen vernichten, die gerechte Strafe erfolgt zumeist erst beim Endgericht. Wir hatten bei der Diskussion dieses Gleichnisses gesehen, dass Gott auch den sündigen Menschen die Möglichkeit bis zum Tode jedes einzelnen gibt, ihre Tat zu bereuen und umzukehren.

 

Hier im Gleichnis vom Wachsen der Saat soll gezeigt werden, wie sich der Glaube ausbreitet, es wird nicht auf die möglichen Gefahren hingewiesen, sondern dargestellt, wie sich der Glaube im positiven Sinne ausbreitet, wenn das Wachstum des Glaubens nicht behindert wird. Diese Unterscheidung lässt sich mit einem Vorgehen aus dem ganz anderen Bereich der Wirtschaftswissenschaft unterscheiden.

 

Wenn wir den Produktionsprozess verfolgen, können wir einmal nach den Gefahren fragen, welche einem Unternehmer bei der Produktion erwachsen können. Man verweist dann darauf hin, dass eine erste Gefahr darin besteht, dass die Investitionen in eine neue Erfindung fehl schlagen, da der heutige Kenntnisstand nicht ausreicht, um die erhoffte Erneuerung im technischen Verfahren der Produktion durchzuführen.

 

Eine zweite Gefahr besteht darin, dass während der Produktion unerwartete Unglücksfälle auftreten, z. B. Verwüstung der Fabrikhalle durch einen Sturm. Drittens besteht unter Umständen die Gefahr, dass auch andere Unternehmungen dieses Verfahren entwickelt haben, dass es ihnen gelungen ist, das Produkt billiger als unser erster Produzent herzustellen und dass deshalb die potenziellen Kunden zur Konkurrenz abwandern. Viertens schließlich könnte auch der Fall eintreten, dass sich der Produzent über die Bedürfnisse der Konsumenten getäuscht hatte, dass gar keine ausreichende Nachfrage nach diesem neuen Produkt besteht.

 

Wenn die Wirtschaftswissenschaft nach dem Produktionsprozess fragt, kann aber einfach auch aufgezeigt werden, dass dieser Prozess mehrere Produktionsstufen durchschreitet. Am Anfang gilt es, die benötigten Rohstoffe zu fördern. Auf einer zweiten Produktionsstufe werden Halbfabrikate einschließlich der Maschinen produziert, welche dann auf einer dritten Stufe so kombiniert und eingesetzt werden müssen, dass das von den Konsumenten nachgefragte Endprodukt (Konsumgut) entsteht. Auf einer vorletzten und letzten Stufe schließlich müssen die angefertigten Güter zu den Konsumstandorten gebracht werden und schließlich von Händlern den einzelnen Konsumenten angeboten werden.

 

Das hier vorliegende Gleichnis weist darauf hin, dass aus dem Samen zuerst der Halm, dann die Ähre, dann das volle Korn in der Ähre erwächst. Und dieses Bild soll verdeutlichen, dass auch die Entwicklung der Glaubensgemeinschaft in Etappen vor sich geht. Zunächst scharten sich einige hundert Jünger um Jesu, folgten ihm, es bedurfte noch keiner Organisation, jeder tat eben das, was gerade notwendig wurde. Auch nach dem Tode, der Auferstehung und der Himmelfahrt Jesu bildeten seine Jünger eine kleine Gruppe, die auch ohne nähere Vorschriften ihre Aufgaben erfüllen konnte.

 

In dem Maße, in dem immer mehr Jünger in die heidnische Welt eintraten und dort missionierten, entstand die Notwendigkeit, gewisse Richtlinien zu entwickeln, damit nicht die einzelnen Gemeinden sich verselbstständigten. Vor allem machte der Umstand, dass sehr bald ein Streit darüber entstand, inwieweit denn die zum Christentum bekehrten Heiden auch die rituellen Vorschriften der Juden (Beschneidung, koscheres Essen u.s.w) übernehmen müssten, es notwendig, in einem Apostelkonzil gewisse Richtlinien zu beschließen, die von allen Kirchengemeinden einzuhalten waren.

 

Noch waren die meisten Gemeinden selbstständig. In dem Maße, indem jedoch die Zahl der Gläubigen sprunghaft anstieg und vor allem seit Konstantin dem Großen das Christentum zu einer offiziell vom Staat geförderten Religion wurde, entstand die Notwendigkeit zu einer gewissen hierarchischen Gliederung, um die gemeinsam getroffenen Beschlüsse auf den Konzilen auch durchzusetzen.

 

9. Das Gleichnis vom Feigenbaum

 

Als letztes Gleichnis soll das Gleichnis vom Feigenbaum analysiert werden. Dieses Gleichnis wird bei allen drei Synoptikern (Markus, Matthäus und Lukas) erzählt, allerdings in zwei sehr unterschiedlichen Versionen. Alle drei Versionen handeln von einem Feigenbaum, welcher schon drei Jahre lang keine Frucht brachte. Der Besitzer des Weinbergs gibt die Anweisung, aus diesem Grunde diesen Baum zu fällen. Mit dieser Anweisung endet das Gleichnis bei Markus und Matthäus. Im Gegensatz hierzu fährt der Text bei Lukas fort, indem der Weingärtner (der in Diensten des Weinbergbesitzers stand) den Vorschlag macht, mit dem Fällen doch noch ein Jahr zu warten, er werde den Baum nochmals gut Düngen und auch durch Aufgraben des Bodens rings um den Baum die Chancen, doch noch Früchte zu tragen, verbessern. Wenn allerdings der Baum dann wiederum keine Früchte trage, schlage auch er vor, den Baum zu fällen. Verfolgen wir also den Text bei Lukas Kapitel 13,6-9: 

 

6 ‚Und er erzählte ihnen dieses Gleichnis: Ein Mann hatte in seinem Weinberg einen Feigenbaum; und als er kam und nachsah, ob er Früchte trug, fand er keine.

7  Da sagte er zu seinem Weingärtner: Jetzt komme ich schon drei Jahre und sehe nach, ob dieser Feigenbaum Früchte trägt, und finde nichts. Hau ihn um! Was soll er weiter dem Boden seine Kraft nehmen?

8  Der Weingärtner erwiderte: Herr, lass ihn dieses Jahr noch stehen; ich will den Boden um ihn herum aufgraben und düngen.

9  Vielleicht trägt er doch noch Früchte; wenn nicht, dann lass ihn umhauen.‘

 

Bei Matthäus 21,19 und Markus 11,13-14 hingegen lautet der Schlusssatz:

 

‚Da sagte er zu ihm: In Ewigkeit soll keine Frucht mehr an dir wachsen. Und der Feigenbaum verdorrte auf der Stelle.‘  Keine Nachsicht!‘

 

Nun scheint mir dieses Gleichnis vom nicht Früchte tragenden Feigenbaum eine Grundthematik anzuschneiden, welche durch das gesamte Alte Testament zieht: Gott schließt mit den Menschen einen Bund, nach einer gewissen Zeit wenden sich die Menschen von Gott ab, in seiner Enttäuschung und in seinem Zorn beschließt Gott die Menschen samt Frauen und Kindern zu vernichten, er lässt sich jedoch wiederum erweichen, wenn die Menschen ihre Sünden bereuen und zur Umkehr bereit sind.

 

Die Version des Markus und Matthäus endet mit dem Zorn Gottes, während die von Lukas dargestellte Version auf die immer wieder erneute Bereitschaft Gottes verweist, Gnade zu walten. Es fragt sich nun, ob in dem Hinweis nur auf Gottes Rachepläne bei Markus und Matthäus nicht allzu menschliche Züge auch Gott unterstellt wurden.

 

Bringen wir zunächst einige Beispiele dafür, dass Gott selbst aus Rache die Vernichtung ganzer Städte einschließlich der Frauen und Kinder befohlen hatte. Legt man den Text der Heiligen Schrift zugrunde, lesen  wir bei Ezechiel 25,12-17:

 

‚So spricht Gott, der Herr: Weil Edom sich am Haus Juda gerächt hat, weil es Schuld auf sich geladen und Rache an ihm genommen hat, darum – so spricht Gott, der Herr: Ich strecke meine Hand gegen Edom aus, ich vernichte darin Mensch und Tier und mache es zur Wüste. Von Teman bis Dedan sollen sie unter dem Schwert fallen. Ich lege meine Rache an Edom in die Hand meines Volkes Israel. Sie werden an Edom meinem Zorn und Grimm entsprechend handeln. Dann wird Edom meine Rache kennen lernen – Spruch Gottes, des Herrn.

 

So spricht Gott, der Herr: Weil die Philister rachsüchtig waren und voll Verachtung Rache nahmen, um Juda aus uralter Feindschaft zu vernichten, darum – so spricht Gott, der Herr: Ich will jetzt meine Hand gegen die Philister ausstrecken, ich will die Kereter ausrotten und die übrigen Völker an der Küste vernichten. Ich nehme an ihnen gewaltige Rache mit grimmigen Strafen. Dann werden sie erkennen, dass ich der Herr bin, wenn ich mich an ihnen räche‘.

 

Und im 5. Buch Moses (dem Deuteronomium Kapitel 3,1-6) heißt es:

 

1  ‚Dann wendeten wir uns dem Weg zum Baschan zu und zogen hinauf. Og, der König des Baschan, rückte mit seinem ganzen Volk gegen uns aus, um bei Edreï zu kämpfen.

2  Der Herr sagte zu mir: Fürchte ihn nicht, denn ich gebe ihn, sein ganzes Volk und sein Land in deine Gewalt. Tu mit ihm, was du mit Sihon getan hast, dem König der Amoriter, der in Heschbon seinen Sitz hatte.

3  Und der Herr, unser Gott, gab auch Og, den König des Baschan, und sein ganzes Volk in unsere Gewalt. Wir schlugen ihn und ließen keinen überleben.

4  Damals eroberten wir alle seine Städte. Es gab keine befestigte Stadt, die wir ihnen nicht genommen hätten: sechzig Städte, den ganzen Bezirk von Argob, das Königreich des Og im Baschan.

5  Alle diese Städte waren durch hohe Mauern, Torflügel und Torbalken befestigt. Hinzu kamen die zahlreichen offenen Landstädte.

6  Wir weihten sie der Vernichtung, wie wir es mit Sihon, dem König von Heschbon, getan hatten. Wir weihten die ganze männliche Bevölkerung und die Frauen, Kinder und Greise der Vernichtung.‘

 

Von einem Menschen, auch von einem besonders gütigen Menschen unterstellen wir zwar, dass er in der Tat Rachepläne schmiedet, wenn er immer und immer wieder erneut von seinen Mitmenschen belästigt und beschädigt wird.

 

Aber entspricht dieses Bild wirklich unserem Gottesbild, wobei wir doch davon ausgehen, dass Gott gerecht und gütig ist? Und ist das Bild eines gütigen Gottes nicht viel hundert Mal in der Heiligen Schrift belegt, sodass die Stellen, in denen von der Rache Gottes berichtet wird, in Widerspruch zu der in der Bibel aufgezeigten Grundtendenz geraten?

 

Das Alte Testament macht uns darauf aufmerksam, dass nicht nur die Menschen allgemein, sondern gerade auch die gesalbten Könige wie David und fasst alle Propheten menschliche Schwächen aufweisen, warum sollten sie gerade bei der Frage, ob sie in jedem Falle Gottes Botschaft hundertprozentig verstanden und korrekt wiedergegeben haben, vollkommen und unfehlbar erscheinen? Feststeht eigentlich nur, dass sich die Menschen immer wieder von Gott abgewandt haben, dass aber Gott immer wieder bereit war, sein Bündnis mit den Menschen zu erneuern, falls diese zur Umkehr bereit sind. Demgegenüber treten die Stellen, in denen über den Zorn Gottes berichtet wurde, in den Hintergrund.