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Die Gleichnisse der Bibel

 

              

 

Gliederung:

 

Teil I

 

Problemeinführung

 

Teil II

 

Gleichnisse im Alten Testament

 

 

Teil III . Die Gleichnisse Jesu

              

1. Gottes- und Nächstenliebe

2. Weitere Verhaltensanweisungen

3. Frage nach dem Lohn                      

4. Die Rolle des Menschensohns 

5. Die Bedeutung des Bittens               

6. Von der Verbreitung des Glaubens   

 

 

 

 

 

Kapitel 7. Die Bedeutung des Bittens Fortsetzung

 

 

Gliederung:

 

1. Einführung

2. Die Gleichnisse vom dringlichen Bitten und vom Richter und der Witwe

3. Übersetzungsprobleme

4. Die Fürbitte um das tägliche Brot

5. Die Fürbitte um Vergebung

6. Die Fürbitte um Beistand zur Überwindung der Versuchungen

7. Vom Sinn des Betens

 

 

 

5. Die Fürbitte um Vergebung

 

Wenden wir uns nun der zweiten zentralen Fürbitte des Vaterunsers zu, der Bitte um Vergebung. Wir hatten schon oben darauf hingewiesen, dass es der biblischen Lehre besser entspricht, wenn wir die Stelle im Matthäusevangelium zugrunde legen (wie auch wir vergeben haben..) und weniger den entsprechenden Text bei Lukas im Kapitel 11 (denn auch wir erlassen jedem, was er uns schuldig ist). Es geht bei dieser Fürbitte nämlich nicht darum, dass wir eine Art Tauschhandel mit Gott abschließen, wir verzeihen unseren Schuldigern und erhoffen uns von Gott, dass er deshalb auch uns selbst als Gegenleistung unsere Sünden vergibt. Vielmehr haben wir davon auszugehen, dass Gott uns Vergebung unserer Sünden angeboten hat unter der Voraussetzung, dass auch wir uns in gleicher Weise unseren Schuldigern gegenüber verhalten haben. In ähnlicher Weise heißt es bei Matthäus 5,21–26:

 

‚Wenn du deine Opfergabe zum Altar bringst und dir dabei einfällt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass deine Gabe dort vor dem Altar liegen; geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder, dann komm und opfere deine Gabe.‘



 Mit dieser Fürbitte wird das zentrale Thema sowohl der jüdischen wie auch christlichen Religion angesprochen. Gott gab uns Weisungen, wie wir uns ihm gegenüber und gegenüber unseren Mitmenschen zu verhalten haben. Im Paradies galt für Adam und Eva das Verbot, vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse zu essen. Nach der Errettung Noahs vor der Sündflut gebot Gott wie auch zu Beginn der Schöpfung den Menschen: ‚Wachset uns vermehret euch und macht euch die Erde untertan‘. Moses hatte den Israeliten vom Berge Sinai in den zwei Gesetzestafeln die zehn Gebote Gottes gebracht. Und Jesus schließlich hatte auf die Frage eines Pharisäers nach dem höchsten Gebot mit dem Hinweis auf die Gottesverehrung und die Nächstenliebe geantwortet, wobei er hinzufügte, dass auch die Menschenliebe dem ersten Gebot gleichkomme und dass beide Gebote den Inhalt der von Moses verkündeten zehn Gebote einschließlich der Lehren der Propheten zusammenfassen würden.

 

In der gesamten Bibel wird uns davon berichtet, dass die Menschen zu allen Zeiten diese Gebote immer wieder gebrochen haben und dass dies für Juden wie Heiden, für Geführte wie für die Propheten und Könige gegolten hat. Kennzeichnend für den christlichen wie auch bereits jüdischen Glauben ist nun die Bereitschaft Gottes, den Menschen zu vergeben, sofern sie nur zur Umkehr bereit sind. Diese Bereitschaft gilt restlos für alle Menschen, Gott hat diesen Willen ein für allemal kund getan. Allerdings bedarf es hier auch einer aktiven Haltung des sündigen Menschen, er kann nur dann Vergebung erwarten, wenn er zur Umkehr auch bereit ist und diese Bereitschaft gibt er z. B. in der zweiten Fürbitte des Vaterunsers kund: er folgt dem Gebot der Nächstenliebe und dieses Gebot besagt, füge dem Nächsten keinen Schaden zu, komme ihm zu Hilfe, wenn er Hilfe benötigt, behandle den Nächsten wie dich selbst, denn er ist wie du Gottesgeschöpf, vergib ihm, wenn er gegen dich gesündigt hat.

 

Die bereits im alten Judentum verankerte Rechtsauffassung hat auch für die Gerichtsbarkeit des modernen Rechtsstaates große Bedeutung erlangt. So findet sich ein Großteil der zehn Gebote auch in den modernen Strafgesetzbüchern, so vor allem das Verbot zu morden, zu stehlen, kein falsches Zeugnis gegen den Nächsten abzulegen und das Privateigentum des jeweils anderen zu achten. Vor allem hat der moderne Rechtsstaat den grundlegenden Gleichheitsgrundsatz von der jüdischen Gerichtsbarkeit übernommen. Dort heißt es im 3. Buch Moses, Kapitel 24, Satz 17 - 22:

 

 ‚Wer einen Menschen erschlägt, wird mit dem Tod bestraft.Wer ein Stück Vieh erschlägt, muss es ersetzen: Leben für Leben. Wenn jemand einen Stammesgenossen verletzt, soll man ihm antun, was er getan hat: Bruch um Bruch, Auge um Auge, Zahn um Zahn. Der Schaden, den er einem Menschen zugefügt hat, soll ihm zugefügt werden. Wer ein Stück Vieh erschlägt, muss es ersetzen; wer aber einen Menschen erschlägt, wird mit dem Tod bestraft. Gleiches Recht soll bei euch für den Fremden wie für den Einheimischen gelten; denn ich bin der Herr, euer Gott.‘

 

Dies bedeutet natürlich nicht, dass derjenige, dem ein Auge ausgeschlagen wurde, nun gegenüber dem Täter das Recht erhält, diesem ebenfalls das Auge auszuschlagen. Es geht bei diesem Grundsatz vielmehr einmal darum, dass gleiche Vergehen auch gleich geahndet werden und dass zum andern eine Entsprechung im Umfang der Strafe mit dem Umfang der Tat gewahrt werden muss.

 

Trotz dieser Nähe beider Rechtssysteme weist jedoch der christlich/jüdische Glaube in dieser Frage wesentliche Unterschiede zu den Grundprinzipien des modernen Rechtsstaates auf. Als erstes akzeptiert der gläubige Mensch, dass es mit menschlichen Mitteln gar nicht möglich ist, eine absolute Gerechtigkeit hier auf Erden herbeizuführen. Stets haben wir davon auszugehen, dass die eigentliche Ursache einer Straftat nicht nur beim Täter allein liegt, dass vielmehr sowohl die erbliche Veranlagung, weiterhin die Art der Erziehung des Täters, aber auch die Mitmenschen, einschließlich der Opfer einer Tat zum Zustandekommen der Straftat beigetragen haben. In der Zumessung des eigentlichen Anteils der Schuld des Täters gelingt es uns nur in den seltensten Fällen, den Umfang der Schuld des Täters eindeutig zu ermitteln.

 

Für den Gläubigen ist diese Unzulänglichkeit bei der Ermittlung der persönlichen Schuld vielleicht unbefriedigend, aber doch nicht entscheidend, er vertraut darauf, dass Gott – und nur er – in die Herzen der Menschen sehen kann und dass er allein auch das Ausmaß der persönlichen Schuld des Täters erkennen kann, er vertraut weiterhin darauf, dass am Ende der Zeiten im Jenseits allen Menschen Gerechtigkeit zuteil wird, den guten wie den schlechten Menschen entsprechend der Größe ihrer Schuld. Wer diesen Gottesglauben nicht hat, kann nur hoffen, dass es auch den irdischen Gerichten einigermaßen gelingt, möglichst alle Straftaten zu bestrafen und die Strafe nach dem Umfang der Schuld zu bemessen.

 

Als zweites verlangt der moderne Rechtsstaat, dass Schuld stets durch eine angemessene Strafe gesühnt wird, welche von einem ordentlichen Gericht verhängt wurde. Die christliche und jüdische Religion setzt demgegenüber in allererster Linie auf die Reue, welche die Schuld tilgt. Aus der Sicht des Opfers scheint in unserer heutigen Rechtsordnung die Sühne Voraussetzung dafür, dass die Ordnung wiederhergestellt ist. Der Täter wird erst dann wieder als normales Mitglied der Gemeinschaft akzeptiert, wenn er seine Strafe verbüßt hat. Die Forderung nach Sühne mag noch so sehr im Hinblick auf die Opfer und Angehörigen der Opfer verständlich erscheinen, der Sühnegedanke entspricht jedoch nicht den eigentlichen Vorstellungen, welche Christus vorgetragen und vorgelebt hat. Bei Johannes Kapitel 8, Satz 3 - 11 lesen wir:

 

‚Da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, die beim Ehebruch ertappt worden war. Sie stellten sie in die Mitte und sagten zu ihm: Meister, diese Frau wurde beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt. Mose hat uns im Gesetz vorgeschrieben, solche Frauen zu steinigen. Nun, was sagst du? Mit dieser Frage wollten sie ihn auf die Probe stellen, um einen Grund zu haben, ihn zu verklagen. Jesus aber bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde.

 

Als sie hartnäckig weiterfragten, richtete er sich auf und sagte zu ihnen: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie. Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde. Als sie seine Antwort gehört hatten, ging einer nach dem anderen fort, zuerst die Ältesten. Jesus blieb allein zurück mit der Frau, die noch in der Mitte stand. Er richtete sich auf und sagte zu ihr: Frau, wo sind sie geblieben? Hat dich keiner verurteilt? Sie antwortete: Keiner, Herr. Da sagte Jesus zu ihr: Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!‘ 

 

In diesem Text wird deutlich, dass es nach christlichem Verständnis nicht auf die Strafe und damit Sühne ankommt, damit die Ordnung wiederhergestellt wird, sondern allein darauf, dass der Sünder seine Sünden aufrichtig bereut und zur Umkehr willens ist.

 

Drittens unterscheiden sich moderner Rechtsstaat und religiöse Überzeugung auch darin, wie denn zu verfahren ist, wenn eine Person immer wieder von neuem sündigt (Gesetze verletzt). Hier spricht die Rechtsprechung von Rückfall und verhängt über den Täter eine dementsprechend höhere Strafe.

 

Auch nach allgemeinem weltlichen Verständnis wird oft davon gesprochen, dass jeder eine zweite Chance verdiene, wie groß auch sein erstmaliges Vergehen war. Aber wohl kaum einer spricht davon, dass der einzelne Täter immer wieder auch bei fortgesetzten gesetzeswidrigem Handeln eine erneute Chance verdiene.

 

Ganz anders ist in diesem Zusammenhang die Antwort von Christus. Nach Matthäus Kapitel 18 Satz 21-22 lesen wir:

 

…‚trat Petrus zu ihm (zu Jesus) und fragte: Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er sich gegen mich versündigt? Siebenmal? Jesus sagte zu ihm: Nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal.‘

 

Es ist klar: Mit dieser Aussage ist nicht gemeint, dass beim achtundsiebzigsten mal keine Vergebung mehr erwartet werden darf, diese Aussage deutet vielmehr darauf hin, dass es für Vergebung keine Grenzen gibt, der einzelne mag sich gegen seine Mitmenschen noch so oft versündigt haben, er kann mit Vergebung seitens Gottes und er soll mit Vergebung seitens der Opfer und der übrigen Mitmenschen rechnen, sofern er nur ehrlich bereut. Eine ernst gemeinte Umkehr ist nach christlicher Überzeugung bis zur letzten Sekunde seines Lebens möglich.

 

 

6. Die Fürbitte um Beistand zur Überwindung der Versuchungen

 

Befassen wir uns schließlich mit der dritten wesentlichen Fürbitte des Vaterunsers, mit der Bitte, uns bei all unseren Versuchungen Beistand zu gewähren. Wir hatten bereits gesehen, dass eine Übersetzung dieser Bitte im Sinne: ‚Führe uns nicht in Versuchung‘ mit den Ausführungen im Jakobusbrief in Widerspruch gerät. Danach  wird Gott uns nie in Versuchung führen, Böses zu tun.

 

Eine solche Uminterpretation ergibt sich auch bereits aus dem Glauben, dass Gott den Menschen gegenüber nicht nur gerecht, sondern auch barmherzig ist. Wir würden doch sicherlich einen Herrscher, welcher zur Überprüfung der Treue eines seiner Untergebenen ihn bewusst zu einer Straftat auffordern würde, als grausam und zynisch halten. Um so mehr gilt, dass uns ein barmherziger Gott niemals zum Bösen verleiten wird, zumal wir doch davon ausgehen, dass Gott einer solchen Überprüfung gar nicht bedarf, da er in unsere Herzen schauen kann und deshalb auch ohne diese Prüfung weiß, wieweit wir Gott die Treue halten und willens sind, seine Gebote zu befolgen.

 

Der Auffassung, dass Gott den Menschen versuche, begegnen wir allerdings auch schon im Alten Testament. Im ersten Buch Moses lesen wir, dass Gott Abraham aufgefordert habe, seinen einzigen Sohn Isaak zu opfern. In Genesis, Kapitel 22, Satz 1 - 2 heißt es:

 

‚Nach diesen Ereignissen stellte Gott Abraham auf die Probe. Er sprach zu ihm: Abraham! Er antwortete: Hier bin ich. Gott sprach: Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, Isaak, geh in das Land Morija und bring ihn dort auf einem der Berge, den ich dir nenne, als Brandopfer dar.‘

 

In den Kommentaren zu dieser Bibelstelle liest man, dass diese Erzählung nicht bedeuten solle, dass Gott tatsächlich die Absicht hatte, Abraham solle seinen Sohn opfern, er wolle ihn nur auf die Probe stellen, also prüfen, wieweit denn der Gehorsam Abrahams Gott gegenüber gehe. Auch hier gelten die gerade geäußerten Bedenken gegen die Vorstellung, Gott habe tatsächlich Abraham überprüfen wollen und hierzu ihn aufgefordert, Isaak zu opfern. Auch hier müssen wir davon ausgehen, dass es Gott sehr wohl bekannt war, dass Abraham zu den ganz wenigen damals lebenden Menschen gehörte, welche sich aufrichtig und mit ganzem Herzen zu dem einzigen Gott Jahwe bekannten. Es bedurfte auch hier keiner Überprüfung Abrahams zur Feststellung seiner Treue zu Gott.

 

So ist es sicherlich irreführend, wenn dieser Abschnitt als Abrahams Opfer überschrieben wird. Dieser Abschnitt handelt nicht davon, dass Abraham Isaak im Auftrage Gottes geopfert hat oder auch nur opfern wollte, sondern er will uns ganz im Gegensatz hierzu verdeutlichen, dass Jahwe, der Gott Abrahams, eben gerade keine Menschenopfer wünscht.

 

Der Glaube, dass die Götter den Menschen zürnen, sie mit Naturkatastrophen überfallen, um sie für ihre Sünden zu bestrafen und dass dieser Zorn der Götter nur dadurch abgewendet werden könne, wenn man den Göttern das allerliebste und das teuerste opfert – und dies sind nun einmal die eigenen Kinder, vor allem der eigene Sohn – war zur Zeit Abrahams im Umfeld Abrahams ein weit verbreiterter Glaube. Und die Bibel will uns zeigen, dass sich der Glaube an den jüdischen Gott gerade dadurch vom Glauben all der anderen Völker in diesen Landstrichen unterschied, dass Menschenopfer kategorisch abgelehnt werden. Das Gebot, du sollst keinen Menschen absichtlich töten, gilt eben auch gegenüber einem Verhalten, bei dem Menschen als Brandopfer getötet werden.

 

Nun beginnt jedoch die obengenannte Bibelstelle in der Tat mit dem Satz, Gott habe Abraham auf die Probe stellen wollen. Es fragt sich jedoch, ob man das Verhalten Abrahams nicht auch anders deuten kann. Abraham hatte eine Vision, in der er glaubte, Gott habe von ihm dieses Opfer verlangt. Aber könnte es nicht auch sein, dass Abraham von diesem Glauben einfach deshalb ausging, weil ein den Göttern geweihtes Menschenopfer zu dieser Zeit ganz allgemein als notwendig angesehen wurde?Abraham ging somit dieser Erzählung entsprechend davon aus, dass auch der Gott Jahwe solche Menschenopfer fordere.

 

Bezeichnenderweise wird in Genesis Kapitel 22, Satz 1 nicht von Jahwe, sondern von Eli gesprochen. Bekanntlich werden für den Namen Gottes im Alten Testament mehrere Gottesbegriffe verwendet. Diese Tatsache wird darauf zurückgeführt, dass das Alte Testament auf mehrere Quellen basiert. Aber auch der Begriffsumfang der verschiedenen Bezeichnungen für Gott ist unterschiedlich. Der Name Jahwe wird nur verwandt, wenn auf den einen einzigen Gott der Israeliten Bezug genommen werden soll. Die Bezeichnung Eli wird hingegen auch als Gattungsbegriff verwandt, der auch dann gebraucht werden kann, wenn man von den Göttern der anderen Religionen sprechen will. In diesem Sinne könnte man die Aufforderung Elis eben unter Umständen auch so verstehen, dass Abraham von der damals allgemeinen Überzeugung ausging, dass Gott genauso wie die Götter der Heiden ein Menschenopfer verlange. Als dann ein Engel Gottes Abraham aufforderte, Isaak nicht zu opfern und Abraham stattdessen einen Widder schlachtete, nannte Abraham ‚jenen Ort Jahwe-Jire‘, was nichts anderes als der Herr sieht bedeutet (Kapitel 22, Satz 14). Hier wird also nicht mehr von Eli, sondern von Jahwe gesprochen.

 

Im Katechismus der Katholischen Kirche von 1997, Paragraph 2846 heißt es:

 

Diese Bitte (‚führe uns nicht in Versuchung‘) wurzelt in der vorhergehenden, denn unsere Sünden sind die Früchte unserer Zustimmung zur Versuchung. Wir bitten unseren Vater, uns nicht in Versuchung zu „führen". Es ist nicht einfach, den griechischen Ausdruck, der so viel bedeutet wie „lass uns nicht in Versuchung geraten" [Vgl. Mt 26,41] oder „lass uns ihr nicht erliegen" in einem Wort wiederzugeben. „Denn Gott kann nicht in die Versuchung kommen, Böses zu tun, und er führt auch selbst niemand in Versuchung" (Jak 1,13); er will uns vielmehr davon befreien. Wir bitten ihn, uns nicht den Weg beschreiten zu lassen, der zur Sünde führt. Wir stehen im Kampf „zwischen dem Fleisch und dem Geist". So fleht diese Bitte des Vaterunsers um den Geist der Unterscheidung und der Kraft.

 

 

7. Vom Sinn des Betens

 

Unsere bisherigen Ausführungen bezogen sich allein auf die Frage, um was wir denn im Vaterunser oder vielleicht auch bei anderen Gebeten Gott bitten sollen. Wir wollen uns nun in einem abschließenden Abschnitt der Frage widmen, ob wir denn überhaupt damit rechnen können, dass unsere Bitten von Gott erhört werden bezw. mit welcher Art von Hilfe wir denn rechnen können.

 

Im Hinblick auf diese Frage können wir zwischen drei verschiedenen Verhaltensmustern je nach religiöser Überzeugung unterscheiden. An erster Stelle haben wir die Atheisten, welche die Existenz eines persönlichen Gottes leugnen und von dem Glauben ausgehen, dass die Welt mit dem Urknall vor vielen Milliarden Jahren von selbst entstanden ist und welche deshalb – wenn sie konsequent sind – auch gar nicht Gott im Gebet ansprechen können.

 

An zweiter Stelle sei die Religionsauffassung der sogenannten Deisten erwähnt, welche zwar durchaus daran glauben, dass die Welt von einem Gott erschaffen wurde, welche aber von der Überzeugung ausgehen, dass dieser Gott sich nach der Erschaffung der Welt zurückgezogen habe und deshalb auch nicht im Gebet angesprochen werden könne und dass es deshalb sinnlos sei, Gott im Gebet um bestimmte Ereignisse zu bitten.

 

An dritter Stelle zählen alle Gläubigen wie vor allem überzeugte Juden, die Christen sowie die Moslems, welche sehr wohl daran glauben, dass Gott in diese Welt eingreift, dass er also unter Umständen auch außerhalb der Naturgesetze Veränderungen bewirken kann und dass dieser Gott auch bereit ist, wenn ihn gläubige Menschen darum bitten, diese Gebete zu erhören. Allerdings wird nicht erwartet, dass Gott in jedem Falle die Gebete der Menschen erhört, dass immer damit gerechnet werden muss, dass auch diejenigen, welche Gottes Gebote stets befolgt haben, trotzdem nicht erhört werden, da nicht jedes Gebet den Plänen Gottes entspricht und auch langfristig dem Betenden zugute käme. In aller Demut wird davon ausgegangen, dass der Wille Gottes dem Menschen nicht vollständig eröffnet wird.

 

So hat nach dem Matthäusevangelium in Kapitel 26, Satz 36-39 Jesus selbst zum Ausdruck gebracht, dass nicht jedes Gebet erhört werde:

 

‚Darauf kam Jesus mit den Jüngern zu einem Grundstück, das man Getsemani nennt, und sagte zu ihnen: Setzt euch und wartet hier, während ich dort bete. Und er nahm Petrus und die beiden Söhne des Zebedäus mit sich. Da ergriff ihn Angst und Traurigkeit, und er sagte zu ihnen: Meine Seele ist zu Tode betrübt. Bleibt hier und wacht mit mir! Und er ging ein Stück weiter, warf sich zu Boden und betete: Mein Vater, wenn es möglich ist, gehe dieser Kelch an mir vorüber. Aber nicht wie ich will, sondern wie du willst.‘

 

Trotzdem gehen die Gläubigen davon aus, dass Gebete im Allgemeinen sehr wohl erhört werden, dass also nicht erst ein Wunder geschehen  müsse, damit derjenige, welcher Gott um etwas bittet, auch tatsächlich das erhält, um das er gebetet hatte. So lesen wir bei Matthäus Kapitel 7, Satz 7-11:

 

‚Bittet, dann wird euch gegeben; sucht, dann werdet ihr finden; klopft an, dann wird euch geöffnet. Denn wer bittet, der empfängt; wer sucht, der findet; und wer anklopft, dem wird geöffnet. Oder ist einer unter euch, der seinem Sohn einen Stein gibt, wenn er um Brot bittet, oder eine Schlange, wenn er um einen Fisch bittet? Wenn nun schon ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gebt, was gut ist, wie viel mehr wird euer Vater im Himmel denen Gutes geben, die ihn bitten.‘ 

 

Wir wollen nun im folgenden zwei grundverschiedene Gebetshaltungen unterscheiden. Oftmals wendet sich ein Gläubiger erst dann an Gott, wenn das Unglück geschehen ist, also ex post. Solange es den Menschen gut geht und die wichtigsten Wünsche in Erfüllung gehen, halten viele Christen es auch nicht für notwendig, sich bittend oder auch dankend im Gebet an Gott zu wenden. Ist jedoch ein unerwarteter Unglücksfall eingetreten, hat z. B. eine Mutter ihr Kind oder der eine Ehegatte den anderen Gatten verloren oder erfährt der einzelne körperliche Behinderungen, welche die normale Lebensführung äußerst erschweren, ist man versucht, sich sozusagen an Gott selbst zu wenden und ihn darum zu bitten, zu helfen.

 

Gerade weil hier das Unglücksereignis bereits geschehen ist, kann hier nur in seltenen Fällen  damit gerechnet werden, dass Gott dieses Ereignis ungeschehen macht. Zwar zeigt uns das Neue Testament, dass Christus vereinzelt durch ein Wunder auch bereits Tote zum Leben zurückgeholt hat. Ähnliches wird im alten Testament von Elias und Elischa erwähnt. Bei Johannes Kapitel 11,17-44 lesen wir:

 

‘Als Jesus ankam, fand er Lazarus schon vier Tage im Grab liegen…. Marta sagte zu Jesus: Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben. Aber auch jetzt weiß ich: Alles, worum du Gott bittest, wird Gott dir geben. Jesus sagte zu ihr: Dein Bruder wird auferstehen….. Er sagte: Wo habt ihr ihn bestattet? Sie antworteten ihm: Herr, komm und sieh! Da weinte Jesus. Die Juden sagten: Seht, wie lieb er ihn hatte! Einige aber sagten: Wenn er dem Blinden die Augen geöffnet hat, hätte er dann nicht auch verhindern können, dass dieser hier starb? Da wurde Jesus wiederum innerlich erregt und er ging zum Grab. Es war eine Höhle, die mit einem Stein verschlossen war.

 

Jesus sagte: Nehmt den Stein weg! Marta, die Schwester des Verstorbenen, entgegnete ihm: Herr, er riecht aber schon, denn es ist bereits der vierte Tag. Jesus sagte zu ihr: Habe ich dir nicht gesagt: Wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen? Da nahmen sie den Stein weg. Jesus aber erhob seine Augen und sprach: Vater, ich danke dir, dass du mich erhört hast. Ich wusste, dass du mich immer erhörst; aber wegen der Menge, die um mich herum steht, habe ich es gesagt; denn sie sollen glauben, dass du mich gesandt hast. Nachdem er dies gesagt hatte, rief er mit lauter Stimme: Lazarus, komm heraus! Da kam der Verstorbene heraus; seine Füße und Hände waren mit Binden umwickelt, und sein Gesicht war mit einem Schweißtuch verhüllt. Jesus sagte zu ihnen: Löst ihm die Binden und lasst ihn weggehen!‘ 

 

Bezeichnender Weise erfahren wir hier, dass dieses Wunder vor allem deshalb erfolgte, damit die umstehende Menge an Jesus als Messias glaubt. In erster Linie handelt es sich bei solchen ex post Bitten auch weniger darum, das bereits eingetretene Ereignis ungeschehen zu machen, als vielmehr Trost und Kraft zum Erdulden dieser Unglücksfälle zu erfahren.

 

Zum Unterschied dazu wird bei einem Gebet ex ante Gott darum gebeten, ein bestimmtes befürchtetes Ereignis zu verhindern. Man steht vor einem Examen und bittet Gott darum, dass man das Examen mit Bravour besteht oder man plant eine Reise mit dem Flugzeug, hat einen großen Bammel vor dem Fliegen und bittet Gott, dass ja keine Bruchlandung erfolgt, u. s. w., u. s. f. .  Hier erwartet der Betende, dass Gott tatsächlich in Zukunft auf die Geschehnisse Einfluss nimmt.

 

Natürlich entstehen in diesem Zusammenhang wesentliche Probleme. Wir gehen davon aus, dass Gott dem Menschen die Freiheit belassen hat, selbst zu entscheiden, ob er bereit ist, die Gebote Gottes zu befolgen. Wir müssen mit der Möglichkeit rechnen, dass der eine oder andere – auch eine sehr große Anzahl von Personen – bewusst die Gebote der Nächstenliebe außer Acht lässt und den Mitmenschen Schaden zufügt. Und trotzdem gehen wir davon aus, dass Gott diese Handlungen verhindern kann?

 

Aber heißt dies nicht, dass der Mensch dann doch nicht frei ist in seinen Entscheidungen? Sicherlich kann die These, dass der Mensch frei ist in der Befolgung der Gebote Gottes, nicht so interpretiert werden, dass z. B. ein potenzieller Mörder zwar vielleicht die Freiheit erhält, einen Mord zu planen und auch Vorbereitungen zur Ausführung dieses Mordes zu treffen, dass aber Gott dann in der letzten Minute diesen verbrecherischen Akt verhindert. Dann wären wir ja nur Marionetten, welchen zwar die Zügel etwas locker gehalten wären, sodass man sich also in verbrecherischen Spielen ergehen kann, dass aber diese Taten ohne ausdrückliche Billigung Gottes nicht hätten vollzogen werden können.

 

Wenn wir wirklich der Auffassung sind, dass Gott dem Menschen die Freiheit belassen hat, sich zu ihm zu bekennen oder nicht, dann muss das Erhören Gottes der Bitte, bestimmte Unglücksfälle zu verhindern in einem etwas anderen Sinne verstanden werden. So könnte Gott seinen Willen auch dadurch durchsetzen, dass er in Form des Heiligen Geistes den einen Verbrechen planenden Menschen zur Umkehr erneut und eindringlich auffordert und wenn dieser Mensch dieser Einsicht folgt, der geplante Mord dann auch tatsächlich verhindert wird. Oder aber der Bittende selbst erhält die Einsicht, möglichen Gefahren auszuweichen.

 

Neben der Unterscheidung einer ex post und ex ante Bitthaltung lassen sich die Bitten an Gott weiterhin danach unterscheiden, ob der Bittende eine rein passive Rolle einnimmt, also ohne eigenes Zutun auf ein Wunder hofft oder aber, ob der Bittende durch seine Haltung aktiv dazu beiträgt, dass der Bitte schließlich entsprochen wird.

 

Zu den Verhaltensweisen, welche in einer aktiven Teilnahme am erhofften Geschehen bestehen, zählt vor allem der Glaube bzw. das Vertrauen des Betenden, dass er auch in seiner Fürbitte erhört wird. In Matthäus Kapitel 17, Satz 19-21 lesen wir:

 

‚Als die Jünger mit Jesus allein waren, wandten sie sich an ihn und fragten: Warum konnten denn wir den Dämon nicht austreiben? Er antwortete: Weil euer Glaube so klein ist. Amen, das sage ich euch: Wenn euer Glaube auch nur so groß ist wie ein Senfkorn, dann werdet ihr zu diesem Berg sagen: Rück von hier nach dort!, und er wird wegrücken. Nichts wird euch unmöglich sein.‘

 

Nun wird man diese Bibelstelle sicherlich nicht in dem Sinne wortwörtlich verstehen dürfen, dass Christus uns wirklich sagen wollte, dass wir Berge oder andere Erdteile allein aufgrund eines festen Glaubens versetzen könnten. Auch wird uns offensichtlich an keiner Stelle des Alten oder Neuen Testamentes von einem solchen Wunder berichtet. Man könnte allenfalls den Bericht darüber, dass Moses nach dem Auszug der Israeliten aus Ägypten das Rote Meer teilte und die Israeliten trockenen Fußes durch das Meer führte, als eine solche Änderung der natürlichen Gegebenheiten ansehen. Im 2. Buch Moses, Kapitel 14, Satz 13 - 23 lesen wir:

 

‚Mose aber sagte zum Volk: Fürchtet euch nicht! Bleibt stehen und schaut zu, wie der Herr euch heute rettet. Wie ihr die Ägypter heute seht, so seht ihr sie niemals wieder. Der Herr kämpft für euch, ihr aber könnt ruhig abwarten. Der Herr sprach zu Mose: Was schreist du zu mir? Sag den Israeliten, sie sollen aufbrechen. Und du heb deinen Stab hoch, streck deine Hand über das Meer und spalte es, damit die Israeliten auf trockenem Boden in das Meer hineinziehen können. Ich aber will das Herz der Ägypter verhärten, damit sie hinter ihnen hineinziehen. So will ich am Pharao und an seiner ganzen Streitmacht, an seinen Streitwagen und Reitern meine Herrlichkeit erweisen….

 

Mose streckte seine Hand über das Meer aus und der Herr trieb die ganze Nacht das Meer durch einen starken Ostwind fort. Er ließ das Meer austrocknen und das Wasser spaltete sich. Die Israeliten zogen auf trockenem Boden ins Meer hinein, während rechts und links von ihnen das Wasser wie eine Mauer stand. Die Ägypter setzten ihnen nach; alle Pferde des Pharao, seine Streitwagen und Reiter zogen hinter ihnen ins Meer hinein.‘

 

Aber auch hier verweisen Naturwissenschaftler, welche überprüft haben, inwieweit biblische Geschehnisse als möglich – auch ohne Wunder – eingestuft werden können, darauf hin, dass dieser Zug durch das Meer durchaus auch mit naturwissenschaftlichen Methoden – eben vor allem aufgrund eines starken Windes – erklärt werden kann.

 

Vielmehr soll uns diese Bibelstelle eines Berge versetzenden Glaubens darauf hinweisen, dass man nicht sofort die Hoffnung aufgeben soll, wenn eine Situation auf den ersten Blick als unlösbar erscheint, dass auch dann, wenn z. B. die Haltung des Angesprochenen, von dem man etwas erbittet, zunächst abweisend und wie ein Berg unverrückbar erscheint, immer noch damit zu rechnen ist, dass man den andern davon überzeugen kann, nachzugeben.

 

Dieser Bibelstelle entspricht es nun auch, dass bei einem Teil besonders gläubiger Christen die Überzeugung vorherrscht, dass ihr Gebet erhört wird, sie erfahren Trost in ihren Gebeten zu Gott, während umgekehrt ein großer Teil von Christen, die an und für sich durchaus eigentlich an Gott und an Gottes Hilfe glauben möchten, trotzdem im Gebet keinen Trost empfangen und von der Überzeugung ausgehen, dass ihr Gebet nicht erhört wurde und dass dieses ‚nicht erhört werden‘ gleichermaßen für Menschen gelte, welche die Gebote Gottes erfüllen als für andere, welche diese Gebote nicht einhalten.

 

Wenn auch im Rahmen der medizinischen Wissenschaft die Möglichkeit echter Wunder abgelehnt wird, konnte trotzdem empirisch aufgezeigt werden, dass der Heilungserfolg in ganz entscheidendem Maße nicht nur von den objektiven Eigenschaften der verabreichten Medikamenten, sondern auch von der inneren Haltung der Patienten abhängt. In empirischen Untersuchungen wurde nachgewiesen, dass es so etwas wie einen Placeboeffekt gibt. Ein Placebo liegt hierbei vor, wenn bestimmte Medikamente eine positive Wirkung zeigen, obwohl sie keinerlei spezifische Wirkstoffe enthalten. In diesen Untersuchungen wurden die Testpersonen in zwei Gruppen eingeteilt, die erste Gruppe erhielt das normale Medikament mit den entsprechenden Wirkstoffen, die zweite Gruppe hingegen ein Placebo. Obwohl eigentlich das Placebo keinerlei Heilungseffekt haben dürfte, traten bei einem Teil dieser zweiten Gruppe eindeutige Heilungserfolge ein.

 

Diese Untersuchungen wurde nun dadurch noch verbessert, dass die zweite Gruppe der Testpersonen, denen nur ein Placebo überreicht wurde, nochmals in zwei Untergruppen geteilt wurde, bei der ersten Untergruppe war der verschreibende Arzt darin eingeweiht, dass das verabreichte Medikament ein Placebo war, bei der zweiten Untergruppe hingegen ging der behandelnde Arzt selbst davon aus, dass ein wirksames Medikament eingenommen wurde. Es stellte sich heraus, dass in der zweiten Untergruppe der Heilungserfolg sehr viel größer war als in der ersten Untergruppe. Dieser Unterschied lässt sich damit erklären, dass der Heilungserfolg entscheidend davon abhängt, ob der Patient an den Erfolg glaubt und dass dieses Vertrauen dann sehr viel größer ist, wenn auch der behandelnde Arzt vom Erfolg der von ihm verabreichten Medikamente überzeugt ist.

 

Dass der Heilungserfolg bestimmter medizinischer Maßnahmen davon abhängt, inwieweit der Patient davon überzeugt ist, dass die eingeleitete Therapie auch zum Erfolg führt, wurde in weiteren empirischen Untersuchungen bewiesen. So wurden z. B. in einer Untersuchung das Hirn der Testpersonen einer Reizung mit Strom ausgesetzt, wobei der die Untersuchung durchführende Wissenschaftler der Testperson jeweils mitteilte, wie groß die Stromstärke sei und mit welchen Schmerzen gerechnet werden müsse. Der Trick dieser Untersuchung bestand nun darin, dass die Mitteilungen des Leiters dieser Untersuchung nicht mit den tatsächlich verabreichten Stromschlägen übereinstimmten.

 

Die Testpersonen reagierten nun, wie man eigentlich hätte erwarten müssen, nicht entsprechend der tatsächlichen, sondern der angekündigten Stromstärke. Offensichtlich gab für das Schmerzempfinden der Testpersonen wiederum die Erwartung und nicht primär die tatsächliche Ursache den entscheidenden Ausschlag.

 

Diese Ergebnisse lassen sich in einen größeren Zusammenhang einordnen. Offensichtlich hängt eben der medizinische Erfolg nicht nur allein von den eingeschlagenen therapeutischen Maßnahmen ab, sondern wird vielmehr auch in entscheidendem Maße von der aktiven Haltung des Patienten mitbestimmt. Der Patient muss die vorgeschriebenen Verhaltensweisen auch minutiös einhalten, er muss unter Umständen seine gesamte Lebensführung umstellen und auch innerlich bereit sein, den Erfolg zu wollen und an den Erfolg zu glauben.

 

Wir wollen also festhalten, dass ein- und dasselbe äußerliches Ereignis bei bestimmten Personen recht unterschiedlich aufgenommen wird und dass es immer auch von der inneren Haltung des Betroffenen abhängt, wie ein Unglücksfall den Einzelnen beeinflusst. Dies gilt auch für das Gebet an Gott. Als erstes hängt der empfundene Schmerz bzw. das erduldete Leid davon ab, wie der Einzelne diese Ereignisse bewertet. Schon der Umstand, dass jemand mit einem bestimmten Ereignis rechnet oder ob es als unerwartet gilt, weiterhin ob sich der Einzelne als ungerecht oder gerecht behandelt fühlt, mag mit darüber entscheiden, wie schmerzhaft ein und dasselbe Ereignis empfunden wird. Auch die vergangene Erziehung in der Frage, wie man Entbehrungen und Schmerzen zu ertragen hat, kann darauf Einfluss nehmen, wie das Ereignis schließlich bewertet wird. Positiv denken, heißt das Schlüsselwort.

 

Eine positive Denkweise mag zweitens darüber entscheiden, ob der von einem Unglücksfall Betroffene im Schmerz versinkt, oder sofort Anstrengungen unternimmt, um die persönliche Lage zu verbessern.

 

Drittens kann stets der Versuch unternommen werden, andere Personen, von deren Haltung die eigene Lage mitbestimmt wird oder zumindest beeinflusst werden kann, zur Hilfe zu bewegen.

 

Es entspricht schließlich christlicher Überzeugung, dass der heilige Geist den menschlichen Verstand inspiriert und auf diese Weise auch die menschlichen Geschicke beeinflusst. So spricht der Galaterbrief in Kapitel 5, Satz 22-23 davon, dass

 

‚Die Frucht des Geistes aber ist Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung.‘

 

Dies gilt gleichermaßen für denjenigen, welcher von einem Unglücksfall betroffen wurde, aber auch für diejenigen, welche durch ihre Handlungen dazu beitragen könnten, das Los der Betroffenen zu verbessern oder zu verschlechtern. Dieses Angebot Gottes gilt für alle Menschen, Voraussetzung für die Wirksamkeit ist jedoch die Bereitschaft der Menschen, dieses Angebot auch anzunehmen. Wenn sich die Menschen vom Heiligen Geist leiten lassen, werden sie auch sehr viel besser mit den alltäglichen Bedrängnissen und Notsituationen fertig werden und werden auch Wege finden, welche aus der Not herausführen.

 

In diesem Sinne kann davon ausgegangen werden, dass derjenige, welcher selbst dazu beiträgt, dass das Leid geringer empfunden wird, auch eher im Gebet Trost findet, er fühlt sich dann von Gott inspiriert und ist dann davon überzeugt, dass er im Gebet und durch das Gebet eine Verbesserung seiner Lage erhalten hat, selbst dann, wenn nicht jedes Gebet objektiv betrachtet erhört wurde und die Beeinträchtigungen, von denen der Bittende befreit werden möchte, anhalten. Es ist dann wie wenn ein Leidgeprüfter einen Freund aufsucht und in der aufrichtigen Teilnahme des Freundes bereits Trost und eine Erleichterung findet, obwohl im Allgemeinen dieser Freund das Leid als solches nicht beseitigen kann.

 

(Dieses Kapitel entspricht zu großen Teilen meinem Internetartikel über Gedanken zum Vaterunser. Die angeführten Bibelstellen beziehen sich stets auf die Einheitsübersetzung Der Heiligen Schrift. Herausgegeben im Auftrag der Bischöfe Deutschlands, Österreichs, der Schweiz, des Bischofs von Lüttich, des Bischofs von Bozen-Brixen, des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Deutschen Bibelgesellschaft.)