Startseite

 

 

Die Gleichnisse der Bibel

 

              

 

Gliederung:

 

Teil I

 

Problemeinführung

 

Teil II

 

Gleichnisse im Alten Testament

 

 

Teil III . Die Gleichnisse Jesu

              

1. Gottes- und Nächstenliebe

2. Weitere Verhaltensanweisungen

3. Frage nach dem Lohn                      

4. Die Rolle des Menschensohns 

5. Die Bedeutung des Bittens               

6. Von der Verbreitung des Glaubens   

 

 

 

 

 

Kapitel 7. Die Bedeutung des Bittens

 

 

Gliederung:

 

1. Einführung

2. Die Gleichnisse vom dringlichen Bitten und vom Richter und der Witwe

3. Übersetzungsprobleme

4. Die Fürbitte um das tägliche Brot

5. Die Fürbitte um Vergebung

6. Die Fürbitte um Beistand zur Überwindung der Versuchungen

7. Vom Sinn des Betens

 

 

1. Einführung

 

Dieses Kapitel befasst sich mit der Bedeutung des Bittens. Zunächst sollen im zweiten Abschnitt dieses Kapitels das Gleichnis vom dringlichen Bitten (Lukasevangelium Kapitel 11,5-13) sowie das Gleichnis vom Richter und der Witwe (Lukasevangelium Kapitel 18,1-8) besprochen werden. Im Zentrum dieses Kapitels soll jedoch das Vaterunser stehen, ein Gebet, welches Jesus selbst formuliert hat und das im Matthäusevangelium Kapitel 6,9-15 (im Vergleich zu den anderen Evangelisten Markus und Lukas) am ausführlichsten dargestellt wird.

 

Das Vaterunser zählt unter den Christen zu den am häufigsten gesprochenen Gebeten. Es ist auch wohl das einzige vollständige Gebet, welches Christus, der Begründer des christlichen Glaubens, selbst formuliert hatte. Folgen wir den Texten des Matthäusevangeliums, so waren es die Jünger, welche Christus darum baten, wie sie denn ihr Gebet verrichten sollten.

 

In Matthäus 6, 7-15 erfahren  wir, dass Christus diese Bitte seitens der Jünger mit der Ermahnung begonnen hatte:

 

‚Wenn ihr betet, sollt ihr nicht plappern wie die Heiden, die meinen, sie werden nur erhört, wenn sie viele Worte machen. Macht es nicht wie sie; denn euer Vater weiß, was ihr braucht, noch ehe ihr ihn bittet.‘

 

Christus fährt im 6. Matthäuskapitel fort:

 

‚So sollt ihr beten: Unser Vater im Himmel, dein Name werde geheiligt, dein Reich komme, dein Wille geschehe wie im Himmel, so auf der Erde. Gib uns heute das Brot, das wir brauchen. Und erlass uns unsere Schulden, wie auch wir sie unseren Schuldnern erlassen haben. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern rette uns vor dem Bösen. Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, dann wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, dann wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.‘ 

 

Es kommt also danach nicht darauf an, wie viel und wie oft wir zu Gott beten, nicht die Menge der gebeteten Worte noch auch die Zeit, welche wir im Gebet verbringen, ist entscheidend, noch nicht einmal kommt es auf den Wortlaut der Gebete an, es ist falsch, die Gebete wie Bezauberungsformeln gebetsmühlenartig herunter zu sprechen und es ist nicht einfach ein bestimmter Wortlaut, der im Sinne eines Codes die Bereitschaft Gottes, uns zuzuhören und vor allem unserer Bitte nachzugeben, das Tor zu Gott öffnen wird. Vielmehr sollen die Gebete wahr und nicht heuchlerisch sein, sie sollen vom Herzen kommen. Wenn wir also z. B. im Gebet davon sprechen, dass wir unseren Schuldigern vergeben haben, so wird unser Gebet nur dann erhört werden, wenn wir diese Bereitschaft nicht nur nach außen im Gebet kundtun, sondern wenn wir tatsächlich in unserem tiefsten Herzen unseren Schuldigern vergeben haben.

 

Neben der Frage, wie wir unser Gebet vortragen sollen, gibt uns der Wortlaut des Vaterunsers auch darüber Auskunft, um was wir denn bitten sollen. Es sind im wesentlichen drei große Bereiche, welche im Mittelpunkt unserer Gebete stehen sollen: die Bitte um das, was wir für unser tägliches Leben dringend benötigen, die weitere Bitte um Vergebung dafür, dass wir immer wieder die Weisungen Gottes missachten und schließlich die Bitte um Beistand im Kampf um die Versuchungen, welchen wir einmal aufgrund unserer eigenen Triebe, zum andern aber auch aufgrund der Versuchung anderer, uns vom wahren Weg abzubringen, permanent ausgesetzt  sind.

 

Vielleicht gibt uns der Wortlaut des Vaterunsers aber auch darüber Auskunft, um was wir nicht bitten sollen. Natürlich können wir aus der bloßen Tatsache, dass bestimmte Themen im Vaterunser nicht angesprochen werden, nicht schließen, dass wir um diese Wünsche nicht bitten dürfen. Gerade wenn wir unterstellen, dass Gott nicht nur gerecht, sondern auch gütig ist, dann können wir durchaus darauf hoffen, dass Gott für alle unsere Nöte ein offenes Ohr hat.

 

Es fällt aber trotzdem auf, dass bestimmte Wünsche, welche in den tatsächlichen Wunschlisten der meisten Menschen an vorderer Stelle stehen, im Vaterunser überhaupt nicht angesprochen werden. Dies gilt erstens für den Wunsch vieler Menschen, glücklich zu werden, sich mindestens einmal in ihrem Leben einem Überschwang der Gefühle hingeben zu können. Auch widerspricht ein solches Verlangen den Lehren, welche uns Christus in der Vielzahl seiner Gleichnisse vorgeführt hat.

 

Ganz anders stellt der Utilitarismus, welcher von einigen Klassikern der Wirtschaftswissenschaft, vor allem von Jeremy Bentham und David Hume propagiert wurde, fest, dass alles menschliche Streben danach trachtet, das größtmögliche Glück für die größtmögliche Zahl von Menschen zu erreichen und es wird dort auch betont, dass  dieses Streben durchaus erwünscht sei.

 

Zweitens bitten Menschen im Allgemeinen um einen beruflichen Erfolg, so etwa wenn ein Schüler oder Student einen erfolgreichen Abschluss im Examen erbittet, oder wenn es einem Politiker darum geht, aus den nächsten Wahlen als Sieger hervorzugehen. Christus hat wiederholt darauf hingewiesen, dass der Erfolg im beruflichen Leben nicht an erster Stelle stehen sollte, die Nachfolge Christi bestand gerade darin, dass die Jünger ihren Beruf aufgaben. Auch wies Christus darauf hin, dass es sehr schwer für einen Menschen ist, in Verfolgung seiner beruflichen Ziele sehr reich zu werden und sich trotzdem auf das nachirdische Leben vorzubereiten. In Matthäus Kapitel 19, Satz 23-30 lesen wir:

 

‚Da sagte Jesus zu seinen Jüngern: Amen, das sage ich euch: Ein Reicher wird nur schwer in das Himmelreich kommen. Nochmals sage ich euch: Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt. Als die Jünger das hörten, erschraken sie sehr und sagten: Wer kann dann noch gerettet werden? Jesus sah sie an und sagte zu ihnen: Für Menschen ist das unmöglich, für Gott aber ist alles möglich.‘

 

Diese Äußerungen sind nicht so zu verstehen, dass die Gläubigen überhaupt nicht nach beruflichem Erfolg oder Gewinn streben sollten, sondern eher in dem Sinne, dass das Streben nach beruflichem Erfolg nicht das einzige und auch nicht wichtigste Ziel in unserem Leben werden darf.

 

Drittens schließlich finden wir in der Heiligen Schrift auch niemals Beispiele dafür, dass wir um ein möglichst langes Leben bitten sollten, eine Bitte, welche bei einem sehr großen Teil der Menschheit an der Spitze der Wünsche steht. Zwar gilt das menschliche Leben als heilig. Jeder Versuch, Leben auszulöschen, gilt als schwere Sünde, auch gilt es als nicht erlaubt, seinem eigenen Leben ein Ende zu setzen. Aber nirgends finden wir in der Heiligen Schrift Hinweise darauf, dass unser Mühen und Sinnen schwergewichtig darauf abzielen sollte, so weit wie immer nur möglich das Leben zu verlängern und Gott darum zu bitten, dass uns dieser Wunsch auch erfüllt wird.

 

 

2. Die Gleichnisse vom dringlichen Bitten und vom Richter und der Witwe 

 

Die beiden in diesem Abschnitt zu behandelnden Gleichnisse haben die Gebete der Menschen an Gott zum Thema. Bei den bisher analysierten Gleichnissen in den vorhergehenden Kapiteln ging es entweder darum aufzuzeigen, wie sich Gott oder sein Sohn Jesus den Menschen gegenüber verhält oder zu zeigen, wie sich die Menschen Gott gegenüber verhalten sollen. So wurde z. B. im Gleichnis vom Guten Hirten das Verhalten Jesu mit dem Verhalten eines verantwortungsvollen Schäfers verglichen, es sollte mit diesem Gleichnis gezeigt werden, dass Jesus sich für die Menschen genauso gewissenhaft einsetzt wie dies ein getreuer Schäfer gegenüber seinen ihm anvertrauten Schafen tut.

 

In dem Gleichnis vom ungerechten Haushalter wurde hingegen das angemahnte Verhalten der Menschen damit verglichen, mit welcher Raffinesse der Haushalter handelt, um sicherzustellen, dass er auch nach seiner Entlassung durch seinen bisherigen Herrn ein menschenwürdiges Leben führen kann. Er verhält sich klug im Hinblick auf seine zukünftige Lebensführung und Gott ermahnt uns, mit der gleichen Sorgfalt und mit dem gleichen Eifer auch die viel wichtigeren Glaubenswahrheiten anzugehen.

 

Die beiden in diesem Abschnitt behandelten Gleichnisse gleichen dem zweiten Typ von Vergleichen. Wiederum geht es darum aufzuzeigen, wie sich die Menschen gegenüber Gott verhalten sollen, in diesem Fall geht es um Situationen, bei denen der Mensch in Schwierigkeiten gerät, allein mit den zu lösenden Problemen nicht mehr fertig wird, also Hilfe anderer bedarf. Es wird mit diesen beiden Gleichnissen gezeigt, dass der Mensch durchaus berechtigt ist, ja sogar aufgefordert ist, sich in allen Nöten an Gott zu wenden. Wir Menschen werden aufgefordert, mit der gleichen Hartnäckigkeit Gott um etwas zu bitten, mit der wir üblicherweise auch von Menschen etwas erbitten.

 

Hören wir uns als erstes das Gleichnis vom dringlichen Bitten an, so wie es im Lukasevangelium Kapitel 11,5-13 aufgezeichnet ist:

 

5  ‚Dann sagte er zu ihnen: Wenn einer von euch einen Freund hat und um Mitternacht zu ihm geht und sagt: Freund, leih mir drei Brote;

6  denn einer meiner Freunde, der auf Reisen ist, ist zu mir gekommen, und ich habe ihm nichts anzubieten!,

7  wird dann etwa der Mann drinnen antworten: Lass mich in Ruhe, die Tür ist schon verschlossen und meine Kinder schlafen bei mir; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben?

8  Ich sage euch: Wenn er schon nicht deswegen aufsteht und ihm seine Bitte erfüllt, weil er sein Freund ist, so wird er doch wegen seiner Zudringlichkeit aufstehen und ihm geben, was er braucht.‘

 

Hier wird also gezeigt, dass Menschen auch dann, wenn sie im Allgemeinen nicht besonders hilfreich sind, trotzdem im alltäglichen Leben anderen helfen, weil sie die Bitten des anderen für lästig halten und möglichst schnell wieder in Ruhe gelassen werden wollen.

 

In dem ebenfalls bei Lukas Kapitel 18,1-8 aufgezeichneten Gleichnis vom Richter und der Witwe wird über das Verhalten eines Richters gesprochen, welcher gegenüber seinen Mitmenschen als besonders rücksichtslos gilt. Über sein Verhalten gegenüber einer bittenden Witwe erfahren wir:

 

1 ‚Jesus sagte ihnen durch ein Gleichnis, dass sie allezeit beten und darin nicht nachlassen sollten:

2 In einer Stadt lebte ein Richter, der Gott nicht fürchtete und auf keinen Menschen Rücksicht nahm.

3 In der gleichen Stadt lebte auch eine Witwe, die immer wieder zu ihm kam und sagte: Verschaff mir Recht gegen meinen Feind!

4 Lange wollte er nichts davon wissen. Dann aber sagte er sich: Ich fürchte zwar Gott nicht und nehme auch auf keinen Menschen Rücksicht;

5 trotzdem will ich dieser Witwe zu ihrem Recht verhelfen, denn sie lässt mich nicht in Ruhe. Sonst kommt sie am Ende noch und schlägt mich ins Gesicht.

6 Und der Herr fügte hinzu: Bedenkt, was der ungerechte Richter sagt.

7 Sollte Gott seinen Auserwählten, die Tag und Nacht zu ihm schreien, nicht zu ihrem Recht verhelfen, sondern zögern?

8 Ich sage euch: Er wird ihnen unverzüglich ihr Recht verschaffen. Wird jedoch der Menschensohn, wenn er kommt, auf der Erde (noch) Glauben vorfinden?‘ 

 

In diesem Gleichnis geht es weniger darum, dass ein Mensch materielle Not leidet und sich deshalb an seine Nachbarn wendet, die Witwe, über welche in diesem Gleichnis berichtet wird, sucht nach Recht, andere Menschen haben ihr Unrecht getan, aber vor Gericht wurde sie wiederholt abgewiesen, nicht etwa deshalb, weil sie im Unrecht war, sondern nur deshalb, weil der Richter entgegen seiner Verpflichtungen armen Leuten gegenüber ungerecht handelte. Wenn diese Witwe trotzdem schließlich angehört wurde und ihr zu Recht verholfen wurde, geschah dies wiederum nicht deshalb, weil nun der Richter einsichtig geworden war und nun bereit war, wirklich Recht zu sprechen, sondern allein deshalb, weil ihm die ständigen Klagen der Witwe lästig wurden und weil – im Gegensatz zu der Erzählung im Gleichnis vom eindringlichen Bitten – der Richter sogar befürchtete, die Witwe würde ihm gegenüber handgreiflich werden.

 

Natürlich dürfen diese beiden Gleichnisse nicht so verstanden werden, dass dieses Verhalten des  Nachbarn oder des Richters gutgeheißen wird. Im Grunde geht es in diesen beiden Gleichnissen gar nicht so sehr um das hartherzige und egoistische Verhalten des Nachbarn oder des Richters, es soll nur darauf hingewiesen werden, dass dann, wenn sogar hartherzige Menschen unter Umständen sich schließlich durch inständiges Bitten erweichen lassen und Hilfe gewähren, dass um so mehr die Menschen von Gott Hilfe erwarten dürfen, wenn sie nur inständig genug bitten, da Gott im Gegensatz zu diesen geschilderten Menschen sehr viel barmherziger und gütiger ist.

 

 

3. Übersetzungsprobleme

 

Wenden wir uns nun in den weiteren Abschnitten dieses Kapitels dem Vaterunser zu. Der Text des Vaterunsers ist der Heiligen Schrift und zwar dem Neuen Testament entnommen, er wird bei allen drei Synoptikern (Markus, Matthäus und Lukas) erwähnt, wobei bei Matthäus (6,7-15) die vollständige Form vorgestellt wird, bei Lukas (11,1-4) der Text des Vaterunsers nur in abgekürzter Form übernommen wird, bei Markus (11,25-26) schließlich nur eine einzelne Fürbitte aus dem Vaterunser und zwar die Bitte um Vergebung aufgeführt wird.

 

Wie bei allen Texten der Heiligen Schrift haben wir auch hier davon auszugehen, dass diese Texte in einer uns fremden Sprache verfasst sind, also übersetzt werden müssen. Bei jeder Übersetzung eines Textes aus einer fremden Sprache besteht die Gefahr, dass die Texte falsch, nicht ganz korrekt übersetzt wurden und deshalb in der eigenen Sprache nicht korrekt wiedergegeben werden.

 

Der Grund für diese Übersetzungsprobleme liegt darin, dass die einzelnen Worte in den einzelnen Sprachen recht unterschiedlichen Begriffen zugeordnet werden. Nur in den seltensten Fällen sind die entsprechenden Begriffsinhalte in zwei Sprachen deckungsgleich. Begriffe verschiedener Sprachen verhalten sich nicht wie zwei deckungsgleiche, sondern wie zwei sich überschneidende Kreise. Wir haben davon auszugehen, dass die verwandten Worte zweier Sprachen nur einen Kreisausschnitt gemeinsam haben, sehr oft kann das Wort in der einen Sprache dem Begriffsinhalt mehrerer Worte in der jeweils anderen Sprache entsprechen, es ist auch denkbar, dass es für einen Bestandteil eines Begriffes in der anderen Sprache überhaupt kein Pendant gibt.

 

Der Grund für diese fehlende Deckungsgleichheit der einzelnen Begriffe liegt darin, dass die einzelnen Sprachen isoliert voneinander entstanden sind, dass die einzelnen Völker in der Entstehung dieser Sprachen vor recht unterschiedlichen Problemen standen und dass deshalb die einzelnen Völker ihre Begriffe auch anders zusammengefasst und voneinander abgegrenzt haben.

 

Nun ist ein Teil der Heiligen Schrift, das Alte Testament in hebräischer, zum Teil auch in aramäischer Sprache geschrieben. Hier sind die Übersetzungsprobleme ins Deutsch oder Englisch besonders groß, da sich die erwähnten Begriffsinhalte der hebräischen Sprache gegenüber den modernen, heute gesprochenen Sprachen auf der einen Seite in besonders starkem Maße unterscheiden, auf der anderen Seite aber auch deshalb, da nur sehr wenige Exegeten, welche die Schriften ursprünglich übersetzt haben, die hebräische Sprache souverain beherrscht haben. So ist z. B. bekannt, dass Martin Luther, der die Bibel zum ersten Mal ins Deutsche übersetzt hat, nur sehr unvollkommene Kenntnisse der hebräischen Sprache hatte und dem deshalb auch mehrere folgenreiche Übersetzungsfehler unterlaufen sind.

 

Das Vaterunser ist nun allerdings in griechischer Sprache abgefasst und die Unterschiede in der Begriffsbildung zwischen der altgriechischen und der deutschen Sprache sind insgesamt etwas geringer als die zwischen hebräischer und deutscher Sprache, auch wird man davon ausgehen können, dass die jeweiligen Theologen, welche das Neue Testament ins Deutsche übersetzt haben, sehr wohl über fundiertere Kenntnisse in der griechischen Sprache verfügt haben.

 

Trotzdem besteht auch mit den Texten des Neuen Testamentes ein schwerwiegendes Übersetzungsproblem. Christus hat nämlich mit großer Gewissheit zumeist hebräisch, bisweilen auch aramäisch und eben nicht griechisch gesprochen. Zwar mag es richtig sein, dass seit der Besetzung Judäas durch die Mazedonier die Bildungsbürger von Judäa der griechischen Sprache mächtig waren und sich auch in der Öffentlichkeit unter Umständen der griechischen Sprache bedient haben, dies bedeutet jedoch noch lange nicht, dass auch Christus sich in dieser Sprache ausgedrückt hat.

 

Ein Großteil der Reden Jesu bestand in einer Auseinandersetzung mit den Pharisäern, es ist davon auszugehen, dass sich die Pharisäer der Sprache ihrer Väter und der Texte des alten Testamentes schon aus Prinzip bedient haben und nicht in der Sprache ihrer Unterdrücker – welche in ihren Augen Heiden waren – ihre Dispute führten, vor allem gilt es zu berücksichtigen, dass die römischen Besatzer durchaus des Griechischen mächtig waren, sodass schon aus diesen Gründen die Gespräche der Pharisäer mit Christus und untereinander in hebräisch geführt wurden, welche nicht ohne Weiteres auch von den Römern verstanden wurden. Ein anderer Teil der Reden von Jesus richtete sich an das einfache Volk, das sicherlich mehrheitlich nicht über griechische Sprachkenntnisse verfügt hat.

 

Also entstanden auch für die Verfasser des Neuen Testamentes die gleichen Übersetzungsprobleme, welche bei der Übersetzung des Alten Testamentes bestanden. Es kommt noch hinzu, dass die Verfasser der vier Evangelien vermutlich keine Augenzeugen der Reden Jesu waren, Lukas selbst bezeugt dies zu Beginn des nach ihm benannten Evangeliums, von Markus und Johannes wird heutzutage von einem großen Teil der Exegeten davon ausgegangen, dass die Verfasser dieser Evangelien nicht identisch mit den gleichnamigen Aposteln (Jüngern) sind und somit keine unmittelbaren Augenzeugen waren.

 

Es sind vor allem drei Stellen des Vaterunsers, bei denen die ursprüngliche Übersetzung ins Deutsche vermutlich falsch oder zumindest missverständlich war. In der Zeit vor dem zweiten Weltkrieg beteten die deutschen Christen in der letzten 6. (oder 7.) Fürbitte des Vaterunsers darum, ‚führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Übel‘. Dieses letzte Wort gab sicherlich den Sinn dieser letzten Fürbitte nicht korrekt wieder. Von Übel sprechen wir in der deutschen Sprache in aller Regel, wenn wir zum Ausdruck bringen wollen, dass es einem Kranken oder auch Armen übel ergeht.

 

Dieses Thema kann jedoch in der letzten Fürbitte schon deshalb nicht angesprochen sein, weil es bereits in der Fürbitte um das tägliche Brot einbezogen ist. Es gibt keinen Sinn, in einem so kurzen Gebet die Bitte um Gewährung des für das Leben Unerlässliche gleich zweimal auszusprechen. Auch bringt das Bindewort ‚sondern‘ in diesem Satz zum Ausdruck, dass anstelle der im ersten Teil angesprochenen ‚Versuchung‘ ein Zustand treten soll, welcher der Versuchung entgegengesetzt ist. Dies gilt jedoch nicht für den üblichen Gebrauch des Wortes: ‚Übel‘. Deshalb ist es nur folgerichtig, dass heutzutage in der letzten Fürbitte des Vaterunsers von dem Bösen gesprochen wird, von dem wir befreit werden sollen.

 

An zweiter Stelle scheint auch die Bitte um Vergebung nicht unbedingt dem Sinn zu entsprechen, den Christus dieser Fürbitte vermutlich beigemessen hat. Es handelt sich hierbei um den zweiten Teil dieser Fürbitte, welcher in der heutigen offiziellen Version mit ‚wie auch wir vergeben unseren Schuldigern‘ übersetzt wird. Diese Version knüpft an den Text des Lukasevangeliums Kapitel 11, Satz 4 an, wo es heißt: ‚Und erlass uns unsere Sünden; denn auch wir erlassen jedem, was er uns schuldig ist‘.

 

Bei Matthäus Kapitel 6 Satz 12 heißt es hingegen: ‚Und erlass uns unsere Schulden, wie auch wir sie unseren Schuldnern erlassen haben.‘ Es wird hier also davon gesprochen, dass wir zunächst einmal unseren Schuldigern verzeihen müssen, damit wir überhaupt das Recht haben, Gott darum zu bitten, auch uns unsere Sünden zu erlassen. Bei der Analyse dieser Fürbitte weiter unten werden wir sehen, dass diese Interpretation sehr viel besser den sonstigen Äußerungen Christi an anderen Stellen des Neuen Testamentes entspricht.

 

An dritter Stelle sorgt schließlich der erste Teil der letzten Fürbitte für Missverständnisse. Dort heißt es in der heute üblichen Version: ‚Führe uns nicht in Versuchung‘. Ganz davon abgesehen, dass es wohl kaum erklärt werden kann, warum ein gütiger und gerechter Gott uns Menschen in Versuchung führten sollte – wir werden bei der Analyse dieser letzten Fürbitte noch ausführlich auf diese Problematik eingehen –, diese Übersetzung widerspricht eindeutig einer Stelle im Jakobusbrief Kapitel 1, Satz 13-14, dort lesen wir:

 

„Keiner, der in Versuchung gerät, soll sagen: Ich werde von Gott in Versuchung geführt. Denn Gott kann nicht in die Versuchung kommen, Böses zu tun, und er führt auch selbst niemand in Versuchung. Jeder wird von seiner eigenen Begierde, die ihn lockt und fängt, in Versuchung geführt“.

 

Es wird hier eindeutig festgestellt, dass Gott niemals die Menschen in Versuchung führt, Böses zu tun, deshalb gibt es auch keinen Sinn, Gott darum zu bitten, uns nicht in Versuchung zu führen. Pinchas Lapide, ein jüdischer Gelehrter, hat aufgezeigt, dass eine Zurückübersetzung dieser Textstelle ins Hebräische die Lösung des Problems bringen könnte. Das entsprechende hebräische Wort kann nämlich nicht nur „bringen“ oder „führen“, sondern auch „kommen lassen“ heißen.

 

 

4. Die Fürbitte um das tägliche Brot

 

Wir wollen uns nun im Folgenden den drei wesentlichen Fürbitten des Vaterunsers zuwenden. Beginnen wir mit der Bitte um das tägliche Brot. Als erstes gilt es zu umreißen, um was denn hier gebeten wird, was verstehen wir unter täglichem Brot genau? Jesus ging sicherlich nicht so vor, wie in einer wissenschaftlichen Abhandlung verfahren worden wäre, bei der man als erstes den Gegenstand der folgenden Ausführungen möglichst exakt und vollständig umrissen hätte. Es ist klar, dass mit dieser Bitte nicht nur um Brot im wörtlichen Sinne gebeten wird. Es entspricht der Lehrweise von Christus – und überhaupt orientalischem Denken – einzelne Momente des angesprochenen Problems pointiert hervorzuheben, das zu behandelnde Thema also anhand eines den Zuhörern vertrauten Gegenstandes im Sinne eines pars pro Toto (eines Teiles für das Ganze) zu erläutern.

 

Es geht natürlich bei der ersten wichtigen Fürbitte des Vaterunsers um die gesamte Ernährung und auch um alles sonstige Lebensnotwendige. Für die damalige Zeit, vor allem aber auch für die Masse der Zuhörer von Christus, welche ja vorwiegend der ärmeren Bevölkerungsschicht angehört hatten, gehörte Brot genauso wie Fische zu den Hauptnahrungsmitteln.

 

Zur alltäglichen Nahrung zählen aber alle festen und auch flüssigen Nahrungsmittel, welche für das menschliche Leben unerlässlich sind, nur Luxusgüter, welche sich ohnehin zu der damaligen Zeit nur eine kleine Schicht der Begüterten leisten konnten, sind von diesem Katalog ausgenommen. Wir bitten mit dieser Fürbitte darum, weder zu hungern noch zu dürsten, noch zu frieren. Alle materiellen Güter, welche zum Überleben notwendig sind, werden also mit dieser Bitte angesprochen.

 

Den Sinn dieser ersten wichtigen Fürbitte erkennt man am besten dadurch, dass man diese Aussage mit weiteren Stellen der Heiligen Schrift, vor allem mit anderen Verlautbarungen von Jesus zur Frage der Sorge um das ‚tägliche‘ Brot vergleicht.

 

Als erstes seien Worte Jesu erwähnt, die er zu Beginn seiner Wanderpredigerschaft äußerte, als er sich für längere Zeit in der Wüste aufhielt. Wir lesen bei Matthäus im 4. Kapitel, Satz 1 - 4:

 

‚Dann wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt; dort sollte er vom Teufel in Versuchung geführt werden. Als er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, bekam er Hunger. Da trat der Versucher an ihn heran und sagte: Wenn du Gottes Sohn bist, so befiehl, dass aus diesen Steinen Brot wird. Er aber antwortete: In der Schrift heißt es: Der Mensch lebt nicht nur von Brot, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt.‘

 

Wir erfahren hier, dass die Sorge um das tägliche Brot keinesfalls das einzige Ziel unseres Lebens sein kann, es gibt sehr wohl andere Ziele, um die wir uns kümmern sollten. Wir können sogar noch einen Schritt weiter gehen und betonen, dass der Sinn des Menschen gerade nicht darin besteht, sich nur um das leibliche Wohl zu kümmern, dass vielmehr unser Erdendasein als eine Art Bewährungszeit verstanden werden kann, in welcher wir uns für das jenseitige Leben vorzubereiten haben.

 

Die Sorge um das tägliche Brot steht nur deshalb an erster Stelle der drei wichtigen Fürbitten des Vaterunsers, weil wir uns natürlich nur dann unseren eigentlichen Aufgaben widmen können, wenn wir überhaupt die Möglichkeit haben, weiterzuleben. Die Sorge um das tägliche Brot ist also eine notwendige Voraussetzung dafür, dass wir uns für das kommende Leben nach dem Tod kümmern können, es ist aber nicht das letztliche, uns aufgetragene Ziel.

 

Christus unterscheidet an dieser Stelle auch zwischen der für das irdische Leben notwendigen Nahrung, dem ‚täglichen Brot‘ und der geistigen Nahrung, welche uns das ewige Leben nach dem Tode ermöglicht.  Es ist dies ‚das Wort, das aus Gottes Mund kommt‘.

 

Es entspricht auch christlichem Glauben, dass das Wirken und auch das Leiden Jesu hier auf Erden die Voraussetzung dafür ist, dass wir Menschen trotz unserer zahlreichen Verfehlungen schließlich in das Reich Gottes eintreten können. In der Verwandlung von Brot und Wein und in der Kommunion vollziehen die Christen in jeder Messe die Aufnahme dieser geistigen Nahrung.

 

Eine zweite Stelle aus dem Neuen Testament erhellt und vertieft die Bedeutung der Fürbitte um das tägliche Brot im Vaterunser um ein Weiteres. Bei Matthäus im 6. Kapitel, Satz 25 - 34 lesen wir:

 

‚Deswegen sage ich euch: Sorgt euch nicht um euer Leben und darum, dass ihr etwas zu essen habt, noch um euren Leib und darum, dass ihr etwas anzuziehen habt. Ist nicht das Leben wichtiger als die Nahrung und der Leib wichtiger als die Kleidung?

 

Seht euch die Vögel des Himmels an: Sie säen nicht, sie ernten nicht und sammeln keine Vorräte in Scheunen; euer himmlischer Vater ernährt sie. Seid ihr nicht viel mehr wert als sie? Und was sorgt ihr euch um eure Kleidung? Lernt von den Lilien, die auf dem Feld wachsen: Sie arbeiten nicht und spinnen nicht. Doch ich sage euch: Selbst Salomo war in all seiner Pracht nicht gekleidet wie eine von ihnen. Wenn aber Gott schon das Gras so prächtig kleidet, das heute auf dem Feld steht und morgen ins Feuer geworfen wird, wie viel mehr dann euch, ihr Kleingläubigen!

 

Macht euch also keine Sorgen und fragt nicht: Was sollen wir essen? Was sollen wir trinken? Was sollen wir anziehen? Denn um all das geht es den Heiden. Euer himmlischer Vater weiß, dass ihr das alles braucht. Euch aber muss es zuerst um sein Reich und um seine Gerechtigkeit gehen; dann wird euch alles andere dazugegeben. Sorgt euch also nicht um morgen; denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen. Jeder Tag hat genug eigene Plage.‘ 

 

Diese Worte Jesu scheinen auf den ersten Blick der Fürbitte um das tägliche Brot im Vaterunser zu widersprechen. Warum lehrt uns Jesus, um das tägliche Brot zu bitten und warum hat diese Fürbitte im Vaterunser eine so entscheidende Rolle (sie ist eine unter nur drei genannten Fürbitten!), wenn Jesus der Meinung ist, dass sich nur Kleingläubige um die tägliche Nahrung kümmern und wenn Christus seine Jünger und seine Zuhörer geradezu auffordert, sich um eine ausreichende Ernährung gar nicht zu kümmern?

 

In der Beantwortung dieser Frage dürfte wiederum – wie bei der Interpretation aller Auskünfte aus der Heiligen Schrift – der Hinweis von Bedeutung sein, dass fast alle Reden der Bibel das, was sie sagen wollen, pointiert vorbringen, also gewissermaßen auf die Spitze treiben, um überhaupt die Zuhörer dazu zu bewegen, ihr Verhalten zu ändern. Auch ist daran zu erinnern, dass Christus mit seinen Lehren damals zu aktuellen Fragen Stellung bezog, sodass der eigentliche Sinn einer Aussage immer erst dann verstanden werden kann, wenn wir das historische Umfeld, in das bestimmte Lehren gesprochen wurden, genau kennen.

 

In diesem Sinne wenden sich diese Aussagen gegen eine damals übliche, übertriebene Sorge für die irdischen Belange. Es wird ein Verhalten gegeißelt, das sich ausschließlich in der Sorge um die täglichen Bedürfnisse erschöpft, das in diesem Verhalten vergisst, dass der eigentliche Sinn jedes menschlichen Lebens eben gerade nicht in einer möglichst hohen Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse besteht, dass diese Sorge zwar notwendig ist, aber eben nur – wie oben gezeigt – eine Voraussetzung dafür bildet, dass wir überhaupt in der Lage sind, uns dem eigentlichen Sinn des menschlichen Leben zu widmen.

 

Wir haben oben gesehen, dass die Sorge um die Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse seit der Vertreibung aus dem Paradies in erster Linie in die Hände des Menschen gelegt wurde. Gott sprach: ‚Machet euch die Erde untertan‘. Und wenn die materielle Existenz vieler Menschen bedroht ist, Menschen vor Hunger und Durst umkommen, so ist dies in erster Linie Folge eines unbefriedigenden Verhaltens der Menschen. Nicht in dem Sinne, dass die Menschen die Vielzahl der Naturkatastrophen zu verantworten haben; obwohl wir heute wissen, dass selbst die Stärke der heute auftretenden Naturkatastrophen zum Teil auch auf menschliches Versagen (z. B. durch Zerstörung der Ozonschicht dadurch, dass bei Produktion und Konsum ungeheure Mengen an Kohlendioxid in die Luft entlassen werden und eine Erderwärmung auftritt) zurückgeführt werden muss.

 

Die Verfehlungen der Menschen im Zusammenhang mit Hungersnöten liegen aber in erster Linie darin, dass wir es an den an und für sich möglichen Vorkehrungen zur Vermeidung solcher Katastrophen vermissen ließen. Wir können z. B. zwar nicht damit rechnen, dass nicht immer wieder Missernten eintreten, wir können aber – wie das biblische Beispiel von Joseph in Ägypten zeigt – sehr wohl in den Jahren des Überflusses durch Lagerungen oder allgemein durch Ersparnis sehr wohl verhindern, dass es in Zeiten von Missernten zu Hungersnöten kommt. Oder aber wir können die individuelle Not einzelner, mit der wir immer wieder rechnen müssen, dadurch lindern, dass wir Akte der Nächstenliebe üben.

 

Welche Rolle fällt aber dann in der Sorge um das tägliche Brot Gott zu, warum sollen wir auch Gott um das tägliche Brot bitten? An erster Stelle war es Gott, welcher durch die Erschaffung der Welt, die materiellen Ressourcen zur Verfügung gestellt hat, welche zur Produktion der lebensnotwendigen Güter benötigt werden. Auch wenn wir davon ausgehen müssen, dass sich die irdischen Geschehnisse in allerersten Linie aus den bei der Schöpfung der Welt etablierten Naturgesetzen ergeben, bedeutet dies noch lange nicht, dass sich Gott aus der Welt vollkommen heraushält, die Geschehnisse nur den Naturgesetzen überlässt.

 

Gott übt nach christlichem Verständnis auf jeden Fall auch dadurch Einfluss auf das irdische Geschehen aus, dass er die Menschen anhält, seinen Weisungen zu folgen, dass er sehr wohl das menschliche Verhalten beeinflussen kann, sofern die Menschen bereit sind, sich den göttlichen Eingebungen zu öffnen. Wir werden im letzten Abschnitt dieses Artikels auf diese Problematik, auf die Frage also, auf welchem Wege denn Gott bereit ist, unsren Bitten zu entsprechen, noch ausführlich eingehen.

 

 

Fortsetzung folgt!